POSEIDONS PALAST

Eine Fan-Fiction-Story aus der Welt der Harry-Potter-Serie

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P R O L O G

Ladonnas Macht ist gebrochen. Vier Jahre hatte sie mit Hilfe ihres einzigartigen wie unheilvollen Feuerrosenzaubers viele Zaubereiministerien unterjocht. Nach ihrer Entmachtung fielen die noch nicht aus ihrem Bann befreiten in einen unaufweckbar erscheinenden Tiefschlaf. Die Ministerien werden bis auf weiteres von außenstehenden Hexen und Zauberern aus der Liga gegen dunkle Künste betrieben. Doch das kann und soll kein Dauerzustand bleiben. Außerdem müssen viele durch Ladonnas Treiben aufgeworfene Fragen abschließend geklärt werden, unter anderem was mit den von ihr gesammelten Zaubergegenständen und Aufzeichnungen geschieht oder was den Umgang mit anderen Zauberwesen wie Kobolden und Veelas angeht.

Nachdem Ladonnas Blutsiegelzauber um den Weinkeller der Girandelli-Villa verfliegt versuchen mehrere Gruppen von Hexen und Zauberern, die dort angehäuften Artefakte und Aufzeichnungen aus aller Welt zu erbeuten. Albertrude Steinbeißer gelingt es mit einem flächendeckenden Betäubungszauber, die Konkurrenten auszuschalten und sich in den Besitz deutscher und altägyptischer Zaubergegenstände zu bringen. Dabei trifft sie eine kleinwüchsige Frau mit gläsernem Helm und silbernem Bogen, die von Albertrudes Betäugungszauber weit fortgeschleudert wird. Die Kleinwüchsige ist die Koboldstämmige Diana Camporosso, der Ladonna kurz vor ihrem Verschwinden den erbeuteten Seelenglashelm des Koboldgeheimbundgründers Deeplook aufgesetzt und dessen darin lauernden Geist Dianas Gedanken und Willen unterworfen hat. Diana will nun Königin der Kobolde und damit Ladonnas Nachfolgerin werden. Sie sammelt mit Hilfe von Deeplooks Wissen überlebende Mitglieder des Geheimbundes der Kobolde um sich. Diese glauben, Deeplook sei der vorherrschende Geist im unfreiwillig angenommenen Körper der koboldstämmigen Hexe. Sie versuchen Gringotts zu übernehmen. Das misslingt, weil einer der Gringottszweigstellenleiter bereits unter dem Bannwort des schlafenden Königs steht und die Aktion an die Ministerien verrät. So bleibt Diana nur, sich nach Afrika zurückzuziehen, wo noch Schlupfwinkel des Geheimbundes sind.

In den USA wird lebhaft diskutiert, ob es nicht ein neues Zaubereiministerium oder einen neuen magischen Kongress der USA geben soll. Diesen bevorzugen die zehn mächtigsten Zaubererfamilien, darunter die Greendales und die Southerlands und arbeiten darauf hin, dieses Ziel zu erreichen.

In Europa ist noch unklar, was mit den ehemaligen Unterworfenen des Feuerrosenzaubers geschieht. Außerdem gilt es, den von Ladonna verursachten Kriegszustand mit anderen Zauberwesen zu beenden. Julius Latierre hofft darauf, einen Frieden zwischen den Menschen und Veelas herbeiführen zu können. Die französische Zaubereiministerin plant eine Rundreise, um mit anderen Zaubereiministerien darüber zu verhandeln. Bevor Julius am 16. März aufbricht erfährt er noch, dass seine Frau Millie und seine mit ihm und ihr in einer Dreiecksbeziehung zusammenlebende Schwiegertante Béatrice gleichzeitig von ihm schwanger geworden sind. Mit dieser Erkenntnis und mit der Hoffnung auf eine europaweite Verständigung zwischen magischen Menschen und Zauberern begibt er sich mit der hochrangig besetzten Abordnung des Zaubereiministeriums auf eine Reise für den Frieden zwischen Menschen und denkkfähigen Zauberwesen. Dabei gelingt es ihm und der französischen Abordnung, mit allen Nordeuropäischen Delegationen wichtige Vereinbarungen zu treffen. Julius ist erleichtert, dass Russland und alle anderen Länder, in denen Veelas und ihre mit Menschen gezeugten Nachkommen leben, einen ähnlichen Friedensvertrag schließen wollen wie er in Frankreich verfasst wurde.

In Ägypten üben Mitglieder der Bruderschaft des blauen Morgensterns die Amtsgeschäfte aus. Doch als die afrikanischen Zaubereiministerien zu einer Konferenz in Kenia einladen kommt es zur Machtrückeroberung durch die Familie Al-Assuani. Diese wollen die von Ladonna Montefiori entführten Zaubergegenstände aus Ägypten wiederhaben, vor allem jene Artefakte, die zu den zwölf Schätzen des Nils gehören.

Worum es sich dabei handelt erfährt Julius, nachdem ihm Béatrice einen in das Familiendenkarium ausgelagerten Traum zeigt, den ihr Ashtaria geschickt hat. Er erfährt den Grund, warum Millie es erlaubt hat, dass Béatrice noch ein Kind, diesmal möglicherweise eine Tochter, von ihm empfangen durfte. Denn Béatrice wird von Ashtaria, die als Vorbild der ägyptischen Muttergöttin Isis gegolten hat, eine magische Halskette aus jenen zwölf Schätzen zum Erwerb angeboten, die Kette der Isis, die ihrer Trägerin, sofern sie bis dahin kein Menschenleben genommen hat, neunfache Kraft auf alle heilsamen Zauber verleihen soll aber eben nur von Hexen getragen werden kann, die bereits einmal Mutter wurden.

Mit diesem unglaublichen Wissen und möglichem Vermächtnis in Aussicht reist Julius mit der französischen Ministeriumsdelegation auf die Insel Malta, wo es zum Treffen mit den Mittelmeeranrainern, darunter den Ägyptern kommt. Julius erfährt, dass das spanische Zaubereiministerium nicht beabsichtigt, den Friedensvertrag mit den Veelas zu übernehmen und dass Ägypten alle ehemaligen Fluchbrecher von Gringotts zur Fahndung ausgeschrieben hat.

Gleichzeitig baut Diana Camporosso ihre Rangstellung in dem im Neuaufbau befindlichen Geheimbund der Kobolde aus. Doch sie plant auch, mit den ehemaligen Feuerrosenschwestern Kontakt aufzunehmen. Vor allem in Afrika will sie eine sichere Basis finden. dabei gerät sie zunächst an Ullituhilia, die Tochter des schwarzen Felsens. Diese kann sie mit vier Todespfeilen aus Anhors Bogen bewegungslos machen und denkt, sie getötet zu haben. Doch als sie die Pfeile wieder aus dem Körper zieht erholt sich die Abgrundstochter. Diana hat eine neue starke Feindin. Außerdem gerät sie an die in einem mächtigen Ankerartefakt überdauernde Vampirherrscherin Akasha und ihre treuen Nachtkinder. Diese hatten bereits versucht, normale Menschen für sich einzuspannen, um Getreuen nach Amerika zu schicken. Doch der ausgewählte Transporteur stand bereits auf einer Todesliste der von aller Welt für tot gehaltenen Campoverde-Geschwister. Diese lassen das Privatflugzeug des von Akashas Untertanen erwählten Waffenschiebers aus Nordafrika über dem Atlantik explodieren und mit ihm Boten Akashas.

Diana Camporosso sucht die verbliebenen Schwestern auf und plant mit ihnen eine Neuauflage unter neuem Namen. Als Hauptquartier wählt sie eine Höhle eines ehemaligen Vampirherrschers. Nachdem sie die dort überdauernden Blutwürmer besiegen konnte plant sie die Neugründung eines dunklen Hexenordens.

In den USA bereiten sich alle magischen Menschen darauf vor, einen neuen magischen Kongress zu wählen. Doch findet diese Idee nicht überall Zustimmung. Außerdem erhebt sich dort eine Gruppierung, die einen außerlegalen Feldzug gegen alle angeblich dunklen Hexen führen will. Unruhen und Widerstand drohen, die Wiedervereinigung der US-amerikanischen Zaubererwelt zu verhindern. Dies wiederum bekümmert die zehn wichtigsten Familien dort, die ihrerseits ihre Hoffnungen in die Neuauflage des MAKUSAs setzen.

In Texas und anderen US-Staaten kommt es zum Widerstand gegen die Wiedereinsetzung des MAKUSAS. Ein Nachfahre des dunklen Magiers Durecore steuert über eine Reihe besonderer Zauberbilder die Aktionen gegen Regionaladministrationen. Die zehn mächtigsten Familien der Staaten müssen sich zusammenraufen, alte Rivalitäten zu begraben und unterstützen die Neuordnung der USA. Zeitgleich jagd die von Ladonnas Rosenzauber an den Rand des Wahnsinns gedrängte Atalanta Bullhorn danach, alle ihr missfallenden Hexen zu fangen und zu töten. Doch Anthelia sorgt dafür, dass ihre eigenen Schwestern unbehelligt bleiben. Weil Bullhorns Vorgehen zu grausam ist wird ihr Tun von den noch regierenden Regionaladministrationen als Verbrechen eingestuft.

Nachdem es gelingt, den Anstifter der Anschläge und Störversuche zu stellen wird dieser von einem lebendigen, offenbar teilbeseelten Hut Durecores verschlungen. Dieser wiederum wird mit einem Basiliskenzahn zerstört.

Atalanta Bullhorn lässt sich von Anthelia zu einer Bergregion bei Los Angeles locken, wo sie auf die Anführerin der Spinnenhexen trifft und sich mit ihr duelliert. Es endet damit, dass Anthelia Atalanta wieder in eine langstielige Rose verwandelt und diese dem neuen MAKUSA überlässt. Bullhorns illegale Organnisation wird zerschlagen.

Am 4. Juli wird Godiva Cartridge zur ersten Präsidentin des neuen MAKUSAS gewählt. Sie trifft sich heimlich mit Anthelia und schließt mit ihr einen Burgfrieden. Solange Anthelia keine Menschen innerhalb der USA behelligt darf sie ihren Orden weiterführen.

Die Zaubereiministerien wissen, dass es noch zu viele Widersacher auf der Welt gibt. Es dauert auch nicht mehr lange, bis sich neues Unheil regt. Die selbsternannte Kaiserin der Nachtschatten entsteigt wie von sich selbst geboren dem kristallinen Uterus, ihrem Ankerartefakt und trachtet danach, die vergangenen Monate aufzuholen. Vor allem zielt sie auf die Werwölfe und Vampire. Bei den Lykanthropen kommt es im Mai 2007 zum Führungswechsel. León del Fuego will eine gezielte Anwerbung von neuen Mitgliedern in den Reihen der südamerikanischen Zaubereiministerien. Doch seine Machtübernahme verläuft nicht so vollkommen, weil Lunera Tinerfeño, die einstige Anführerin noch lebt und ihn nicht anerkennen will. Um sie zu unterwerfen behauptet er, dass er über den Sohn ihres getöteten Kampfgefährten Fino Gewalt auf ihre Tochter Lykomeda ausüben kann. Lunera versendet darauf eine Gegendrohung, dernach der nun verwaiste Sohn Finos zur Gefahr für die Gefolgschaft Leóns wird und bietet ihm an, das bei einem Treffen auf Tenerifa zu klären. Als sie mit den beiden Kindern dort eintreffen und in Streit geraten überkommt sie und Leóns Abordnung ein heftiger Betäubungszauber. Als sie daraus erwachen sind beide Kinder fort. Sie konnten nicht ahnen, dass die Töchter des reinen Mondes die beiden Kinder überwachten und die Gelegenheit nutzten, jemanden mit einem starken Zaubergegenstand zum Treffpunkt zu schicken. Hierbei handelt es sich um Julius Latierre, den die Mondtöchter im Traum anrufen und dann, als er trotz gewisser Gewissensbisse dazu bereit ist, zwei Kinder von ihren Elternteilen fortzuholen, mit der Macht der Mondtöchter dorthin verfrachtet wird, wo sich die beiden Gruppen der Lykanthropen treffen. Der ihm mitgegebene Gegenstand betäubt sämtliche Werwölfe, so dass er die zwei Kinder aufnehmen und von der Macht der Mondtöchter getragen in deren Burg zurückreisen kann. Wochen später kehrt er noch einmal zur Mondburg zurück, um die von den Mondtöchtern vorsorglich vollständig an Körper und Geist wiederverjüngten Kinder und deren dort versteckten Elternteile in die Delourdesklinik zu bringen, von wo aus sie in ein geschüztes Haus gebracht werden.

León del Fuego kassiert noch zwei weitere Niederlagen. Zum einen manipuliert die Schattenkaiserin Mondordensmitglieder, in dem sie sie zu schattenlosen, einem umgekehrten Mondzyklus unterworfenen Gehilfen macht, deren Veränderung für übliche Werwölfe lebensbedrohlich ist. Zum zweiten schafft es die Schattenkaiserin, den mexikanischen Stützpunkt Leóns zu finden und treibt dessen Insassen fast zur völligen Niederlage. Nur von Leóns magisch begabter Gefährtin Bocafina erstellte Notfallportschlüssel befördern alle außer Gefahr. Der Stützpunkt vergeht nach der Evakuierung im Glutball in einer Sekunde freigesetzter fünf Stunden Sonnenlicht. Außerdem besteht seit der versuchten Unterwerfung Luneras und dem versuchten Zwang auf das Mitglied eines mächtigen Werwolfclans Streit zwischen den kriminellen Lykanthropen. León erkennt, dass seine Führungsmacht ins Wanken gerät. Doch kann er nichts tun, um seine Feinde zu besiegen.

Die Vampirgötzin Gooriaimiria entlockt dem in ihrem geistigen Corpus eingeschlossenen Iaxathan die Herstellung besonderer Rüstungen, die schier unzerstörbar sind und gegen alle auftreffenden Schadensformen schützen. Um die Rüstungen anfertigen zu lassen lockt Gooriaimiria mit ihren Dienerinnen zwanzig Schmiede, die alte Ritterrüstungen anfertigen können, in eine versteckte Burg bei Killarney. Unter der magischen Kontrolle von Gooriaimirias Dienerinnen schmieden diese Fachkundigen die Schattenrüstungen nach. Gooriaimiria erhofft sich dadurch eine bessere Streitmacht und die Möglichkeit, den Traum von Nocturnia wieder aufleben zu lassen. Die Rüstungen erweisen sich über Wochen als schier unzerstörbar und überwinden sogar die bisher wirksamen Vampirblutresonanzkristallbarrieren. So will sich Gooriaimiria wieder Fachleute für Viren und Mikrobiologie zusammenfangen, um mit deren Hilfe ein neues Vampirwerdungsgift erstellen zu lassen. Doch weil auch Vita Magica dies voraussieht bringen ihre Greifkommandos unbeabsichtigt mit magischen Fernortungsimplantaten versehene Gefangene in den Sammelstützpunkt. Vita Magica schickt erst von Zaubereiministerien entwickelte Vampirbetäubungsgasladungen dorthin, um dann mit einem Stoßtrupp alle Wissenschaftler einzusammeln und dann alle betäubten Vampire mit sich spontan entladenden Sonnenlichtkugeln zu töten.

Dann erweist sich, dass die schier unzerstörbaren Rüstungen eine entscheidende Schwäche haben. Berührung mit voller Lebenskraft steckender Baumsamen entkräften die Rüstungen und sprengen sie schließlich von ihren Trägern ab. Das dies funktioniert hat Julius Latierre von Temmie erfahren, die nicht wollte, dass er deshalb mit den Abgrundstöchtern spricht, die ihm anbieten, ihn über die Rüstungen aufzuklären. Gooriaimiria verordnet eine vorgezogene und ausgedehnte Winterruhe, um ihre verbliebenen Kämpfer und Dienerinnen vor der nun weltweiten Jagd auf Vampire zu verstecken.

Die Schattenkaiserin ist wegen ihrer Erfolge derartig übermütig, dass sie mit Thurainillas Wissen und können Lahilliotas Stützpunkt angreift. Mit ihren Armeen aus Nachtschatten und Dementoren kann sie ddie dort lebenden Ameisenmenschen außer Gefecht setzen und sich mit ihrer Macht bis zu Lahilliotas Königinnenkammer durchkämpfen. Dort erwarten sie aber auch dei Töchter der Lahilliota. Diese schaffen es, Thurainillas Seele aus dem Seelengefüge der Schattenkaiserin herauszulocken. So erfahren sie deren Entstehungsnamen: Birgute Hinrichter. Dieser wirkt bei Nennung auf die Schattenkaiserin wie ein Imperius-Fluch. Sie wird von den Abgrundstöchtern in ihre eigene Zuflucht zurückgetrieben und kehrt in ihren Ankergegenstand zurück. Die Abgrundstöchter behalten sich vor, sie als Helferin gegen die Vampire einzusetzen. Jedoch lassen sie sie ihren Nachtschatten befehlen, im freien zu bleiben, bis die Sonne sie auslöscht. Ullituhilia fängt Thurainillas freigekommene Seele auf und wird sie als ihre Tochter neu zur Welt bringen.

Völlig im verborgenen wird Bellatrix Lestranges Schwester Narzissa mit dem vergessenen Erbe konfrontiert, dem im alten Richtbaum Dairons eingelagerten Ungeborenen, den Anthelia Bellatrix entriss. Da der Ungeborene mit der Zeit ein eigenes Bewusstsein und eigene Begierden entwickelt will die dem Baum innewohnende Intelligenz ihn loswerden und gaukelt Narzissa in ihren Träumen vor, große Macht zu erlangen, wenn sie sich dem Richtbaum hingibt. Als dies geschieht überträgt er den zum Menschenkeim verkleinerten Sohn Bellatrixes in Narzissas Schoß. Ihr bleibt nichts anderes übrig, als ihrem Mann per Gedächtniszauber vorzugeben, er habe das nun in ihr heranwachsende Kind gezeugt. Sie bringt den unfreiwillig empfangenen Jungen im März 2008 zur Welt. Das Kind ist jedoch ggen alle Hoffnung des Richtbaumes und Narzissas bereits vor der Geburt weit genug entwickelt, um mit ihr in geistigen Kontakt zu treten. Beide vereinbaren, so unauffällig wie möglich zu leben.

Nach dem Kampf zwischen Werwölfen, Vampiren und Nachtschatten sieht es nach einer etwas ruhigeren Zeit aus. Doch erweist sich dies als voreilige Hoffnung. Denn die entmachtete Rosenkönigin Ladonna hat bereits vor Jahrhunderten ein unheilvolles Erbe hinterlassen. Auf einer unortbar gezauberten Vulkaninsel südöstlich von Santorini hat sie zu ihrer ersten Lebzeit ein mit magischen und mechanischen Fallen gesichertes Versteck angelegt, in dem sie alles gehortet hat, was ihr Macht verhieß oder ihr selbst gefährlich werden konnte. Dort hat sie auch die von ihr geplünderten Geheimarchive der von ihr zeitweilig unterworfenen Zaubereiministerien versteckt. Gemäß Ladonnas Willen, dass die Insel ein Jahr und einen Tag nach dem Verschwinden ihrer Seele aus der Welt für ausschließlich Hexen betretbar sein kann besteht die Gefahr, dass die dort gelagerten Dinge in falsche Hände fallen können. Die transvitale Entität, in der Ladonnas Seele aufgegangen ist, schafft es zwar, die auf magisch beschriebenen Obsidiantafeln hinterlassenen Wegbeschreibungen von ehemaligen Mitschwestern an die jeweiligen Zaubereiministerien aushändigen zu lassen. Doch eine der Tafeln gelangt in die Hände der deutschen Nachtfraktion der schweigsamen Schwestern. Außerdem hat die TVE keine Möglichkeit, Diana Camporosso zu beeinflussen, in deren Besitz ebenfalls eine der schwarzen Tafeln ist. Sie nutzt die Verbindung zu den Hexen Laurentine Hellersdorf und Louiselle Beamont, diesen ebenfalls die Lage von Ladonnas letztem Versteck zu vermitteln. Diese geben das erhaltene Wissen an die Liga gegen dunkle Künste und die schweigsamen Schwestern Frankreichs weiter. Es beginnt ein Wettlauf zu jener Vulkaninsel. Am 3. Dezember 2007 treffen eine Delegation deutscher Ministeriumshexen zusammen mit Albertrude Steinbeißer, sowie 21 Hexen aus dem Orden Hecates, die unsichtbare Diana Camporosso und Anthelia bei der Insel ein und erzwingen sich den Weg durch die Kammern und Korridore. Albertrude nutzt die Gelegenheit, um die mit ihr reisenden und eigentlich auf sie aufpassenden Lichtwächterinnen zu betäuben und in leicht transportierbare Formen zu verwandeln. Unterwegs durch die Gänge und Schächte treffen sie, Anthelia und Diana aufeinander. Anthelia entgeht knapp einem von Dianas Todespfeilen, weil ihre magische Zweitgestalt gegen diese gepanzert ist. Es gelingt den eigentlich konkurrierenden Hexen Albertrude und Anthelia, die größtenteils unsichtbare Widersacherin zurückzudrängen, bis sie in den drei Kammern ankommen, in denen alle Bücher, Ausrüstungsgegenstände und Waffen lagern, die Ladonna in ihrem ersten und zweiten Leben zusammengerafft hat. Dort wird Diana von der sich als Wächterin am Fluss der Rastlosen Seelen bezeichneten Entität gefunden und fortgetragen. Die TVE will, dass Diana ihren Herrschaftsanspruch aufgibt und statt dessen für das Wohl von Menschen und Kobolden eintritt. Sie malt ihr aus, dass ein hemmungsloses Machtstreben in Einsamkeit und Selbstvernichtung enden mag und setzt sie auf einer Insel in Nordkanada ab, von wo Diana nur sehr schwierig in ihr Versteck zurückkehren kann. Indes klauben Anthelia und Albertrude viele Bücher zusammen, die sie tragen können und verschwinden auf unterschiedliche weise, bevor die 21 Hecate-Jüngerinnen eintreffen und mit dem Zerstörungszauber Hecates Tränen die Hinterlassenschaften vernichten. Sie können dem dadurch entfachten Aufruhr und dem davon ausgelösten Vulkanausbruch gerade noch entkommen. Die Insel Ladonnas vergeht in einer gewaltigen Eruption, jedoch ohne verheerendes Nachbeben.

Die Familie Latierre bekommt am 8. November 2007 die drei angekündigten Neuzugänge. Die drei erwachsenen Apfelhausbewohner klären mit Hera Matine und Blanche Faucon, dass die von Béatrice geborene Chloris Agrippine ebenso eine "Notlösung" ist wie die Geburt von Félix. Am 8. Dezember feiern die Apfelhausbewohner die Ankunft der drei neuen Hexen mit ihren Freunden und Verwandten. Nachdem Ladonnas letztes Vermächtnis offenbar vernichtet wurde und sich das wütende Wehklagen der Ministerien gelegt hat, die ihre dunklen Geheimarchive verloren haben, hoffen alle auf bessere Zeiten im Jahr 2008.

Bei der Durchsicht der gemachten Beute stoßen Anthelia und Albertrude unabhängig voneinander auf Dinge, die große Macht, aber auch den Untergang der magischen und nichtmagischen Menschheit bedingen können.

Anthelia entdeckt Aufzeichnungen über die zehn Gräber der Titanen aus uralter Zeit und besichtigt diese, um sicherzustellen, dass sie nicht von arglosen Leuten geöffnet werden. Denn wenn ein magischer Mensch die mit ihrem Besitzer begrabene Waffe eines der uralten Riesen berührt wird von dieser übernommen und in einem neuen, wütenden Überriesen verwandelt. Albertrude indes erfährt aus den Aufzeichnungend es deutschen Zaubereiarchives, dass der berühmte Alchemist, Thaumaturg und Astronom Canopus Hertzsprung, der im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wirkte, einen Zeittresor in einer Höhle von Uganda hinterlassen hat, die jeden 29. Februar für fünf Stunden aufgeht und unter anderem einen von Canopus gefertigten Umhang enthält, der über mächtige Mondzauberkräfte verfügt. Albertrude spürt den Ort der Höhle auf und nutzt das erwähnte Zeitfenster am 29. Februar 2008, um sich dem Zeittresor zu nähern. Dieser schloss vor genau vier Jahren einen jungen Archäologen namens Erasmus Söderdiek ein, Sohn eines superreichen Reeders aus Hamburg, der mit einer Expedition in die Höhlen um den Tresor vordrang und durch einen Schachteinsturz von seinen Begleitern abgeschnitten wurde. Da diese und seine Verwandten ihn für tot halten kann Erasmus nicht mal eben in die magielose Welt zurück. Doch Albertrude hat eh andere Dinge mit ihm vor. Außerdem interessiert sie sich für die mit Erasmus und dem Umhang ergatterten Aufzeichnungen. Ebenso plant sie, Albertine Steinbeißers Leben möglichst bald und für alle magischen Menschen drastisch genug nachvollziehbar zu beenden. Doch zunächst bekommt sie mit, wie eine legendäre Waffe, der Speer des unbesiegbaren Mars, in einer unterirdischen Anlage unter Köln am Rhein auftaucht. Seine Entdeckung löst Meldevorrichtungen aus, unter anderem bei der Familie Fulminicaldi in Italien. Diese mit der Begabung der gedanklichen Feuerlenkung begüterte Familie will den Speer, um die eigene Macht zu stärken und zugleich als führende Familie der fast gänzlich ausgerotteten Lupi Romani zu gelten. Es gelingt dem Familienpatriarchen, den Speer zu erbeuten.

Des weiteren beobachtet Albertrude, wie Zwergenkönig Malin VII. einen Feldzug gegen die Kobolde vorbereitet. Doch in dessen Volk regt sich heimlicher Widerstand. Albertrude nutzt die Gelegenheit, einen spektakulären Tod vorzutäuschen, indem sie einen unterirdischen Hafen für Erdkreuzer der Zwerge in dunklem Feuer vernichtet und scheinbar darin umkommt. König Malin wird derweil von einem nur aus Zwergenfrauen bestehenden Orden entthront und außer Landes geschafft, weil er die Zukunft seines ganzen Volkes aufs Spiel gesetzt hat. Damit ist die Gefahr eines Krieges zwischen Zwergen und Kobolden erst einmal ausgeräumt.

In den Tiefen des Meeres lauert jedoch bereits eine weitere, aus grauer Vorzeit überdauernde Gefahr auf die magische und nichtmagische Menschheit. Das Erbe des alten Herrschers der Meere soll helfen, gegen die auf die Meere einwirkenden Folgen der nichtmagischen Zivilisation vorzugehen. Dies vermag die bisherige Weltordnung nachhaltig zu verändern.

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Golaritan, im 3456. Sonnenkreis nach Gründung des Reiches der Zehn Könige, Zweiter Tag nach dem ersten Blühzeitvollmond

In Mittagslichtrichtung konnten Panaiondrian und sein Geselle Olarugaran die zehn Türme der Macht erkennen, jeder davon von einem aus der hohen Kraft des jeweils dort wohnenden Hochkönigs umschlossen. Der Meister der Wasser und der Wogen blickte vor allem auf den von blauem Leuchten umstrahlten Turm, wo sein oberster Gebieter, König Guurdaiondrixathan sehnlich auf den Bericht wartete, den der Großmeister der Wasserkräfte zu erstatten hatte.

"Noch einmal, Geselle der Wogen, nur ich spreche zum erhabenen Herrscher der Wogen und Wolken. Du darfst dir weder am Gesicht noch an deinen nach außen wehenden Gedanken anmerken lassen, welches Grauen wir in die Welt gesetzt haben. Am Ende verdammt uns der Herrscher noch dazu, alles unser Leben im Fluss haltende Nass aus unseren Leibern heraussaugen zu lassen und was dann noch davon übrig ist dem ungebärdigen Wind zu übergeben", sagte der Meister dem Gesellen. Dieser sah den Meister an und erwiderte mit gebotener Ehrfurcht: "Ist nicht genau das, was wir erschufen das, was unser erhabener König von uns verlangte, Meister Panaiondrian? Warum sollte uns der Herr der Wolken und Wogen dafür unseres Lebenswassers berauben lassen?"

"Weil es nun eben gewiss ist, dass jene vier von uns dem Wasser angepassten Krieger ihm nicht dienen werden und ihm und uns allen zur Gefahr werden, wie es auch schon die von den Kundigen der Erde und des Feuers geschaffenen Krieger sind. Selbst die Diener der alles endenden Dunkelheit fürchten die Unbändigkeit und Eigenwilligkeit der Turmhohen, die sie mit ihren Hintertreibungen selbst in die Welt gesetzt haben."

Die beiden Vertreter der hohen Kundigen des Wassers nutzten eines der mit kreisenden Rädern auf dem Boden dahingleitenden Fuhrwerke. Das fliegen durch die Luft war nur den Windvertrauten und den Mitgliedern der königlichen Familien gestattet.

Die äußerste der Mauern, die einen dreifachen Kreis mit gemeinsamem Mittelpunkt um die zehn Herrschertürme bildete ragte mehr als fünfzig Manneslängen in die Höhe und war hell wie die Wolken eines regenfreien Tages in den warmen Jahreszeiten. Der Meister und sein Geselle mussten genau in die Morgenlichtrichtung. Dort stand ein wie das über den Rand des Himmels aufsteigende Licht des großen Vaters Himmelsfeuers leuchtendes Tor. Davor standen vier lebende Krieger in aus sich heraus schwach blau leuchtender Panzerung und zwei der bereits bewährten goldfarbenen Diener, die ebenfalls in jenen aus sich blau leuchtenden Panzern steckten, obgleich sie mehr als zehnmal so schnell und stark und wesentlich beständiger waren als die Krieger aus Fleisch und Blut. Panaiondrian, der die wasserblaue Kleidung seines Ordens trug musste seinen vollständigen Namen nennen und das Siegel seines Herrschers zeigen, das unter dem Blick eines der goldenen Krieger blau flackerte und erbebte. "Ihr seid erlaubt und erbeten", sagte einer der beiden fleischlichen Wächter. Daraufhin versank das morgenlichtfarbene Tor im Boden. Die zwei Besucher traten durch die hohe Öffnung. Gleich hinter ihnen schnellte das Tor wieder nach oben und verband sich mit dem oberen Bogen.

Nun mussten sie zu einem Tor in genauer Mittagsrichtung, das den einzigen Durchgang durch die mittlere Mauer bildete. Auch hier standen zwei fleischliche und zwei aus vergoldetem Dauereisen gefertigte Wächter. Anders als bei der äußeren Mauer musste Panaiondrian nun noch darlegen, dass ihn der König der Wasservertrauten zu sprechen wünschte und gab die dafür erhaltenen Losungswörter. Ebenso wurden er und sein Geselle von einem der goldenen Krieger berührt, um dessen Fähigkeit zur Erkennung verhüllter Gedanken zu nutzen. "Die beiden sind erwartete und höchst erbetene Besucher", verkündete der goldene Krieger. So konnten sie durch die mittlere Mauer, die so dick war, dass sie zwanzig Schritte brauchten, um sie zu durchqueren. Danach mussten sie auf die hundert Schritte entfernte innerste Mauer zugehen und das dort im silbernen Licht der nachts leuchtenden Himmelsschwester schimmernde Tor in Abendlichtrichtung erreichen. Hier warteten auch Wachen, die nach dem Grund für den Einlass in den königlichen Bereich in der Mitte der Stadt fragten. Auch musste Panaiondrian die für das silberweiß schimmernde Tor gültigen Losungswörter nennen, die jeden Tag zur Mittagszeit geändert wurden. Als auch diese Überprüfung überstanden war betraten die beiden Wasservertrauten den hochheiligen Herrschaftsbereich.

Die zehn viele hundert Manneslängen aufragenden Herrschertürme warfen lange Schatten auf den mindestens zweitausend Doppelschritte durchmessenden Platz, auf dem allerlei Bäume aus allen bereits erforschten und unterworfenen Ländern wuchsen. Olarugaran war noch nie hier gewesen, im innersten der Stadt, im nur von den Familien der zehn hohen Könige und ihren wertvollsten Untertanen bevölkerten Teil. So konnte er erst jetzt erkennen, wie die einzelnen Königshäuser ihre Türme der Macht gegen feindliche Angriffe abgesichert hatten. Der König der Flammen, der Glut und der Erzformungskünste wohnte in einen von turmhohen Flammensäulen umlagerten Bauwerk. Das war die Flamme der Macht und der Ewigkeit, wie der Herrschersitz der Feuervertrauten genannt wurde. Dagegen einladend wirkte die gläserne Säule des Lichtes, ein Turm, der aus größtenteils durchsichtigem Stoff bestand und von einem goldenen Hauch umflossen wurde, der Angreifer friedlich stimmen sollte. Die Säule der Nacht schreckte dagegen jeden ab, der nicht zum Gefolge des obersten Dieners der alles endenden Dunkelheit gehörte. Schwarz wie die tiefste Nacht ragte er auf und wurde von einer dunkelblauen Wand umgeben, in der immer wieder rotblaue Lichter zuckten.

"Heh, Olarugaran, träum nicht!" mahnte der Meister seinen Gesellen, weil der sich regelrecht an den zehn unerschütterliche Macht und ihre eigene Schönheit ausstrahlenden Türmen festgeguckt hatte. "Dort zur Säule der wandelnden Wasser müssen wir, nicht zum Hort der ungebärdigen Winde", legte er noch fest, weil Olarugaran bereits auf das von einer grün leuchtenden Säule umgebene Herrscherhaus zuschritt.

Die Säule der wandelnden Wasser war von ihren Baumeistern einem Blumentier nachempfunden worden, das mit seinen Artgenossen große Kolonien bilden und eine Vielfalt von Lebewesen in den Meeren beherbergen konnte. Um es drehte sich eine mal größer und dann wieder kleiner werdende Säule aus blau leuchtendem Stoff, der hohen Kraft des Wassers, von dem Trägerstoff entkoppelt, durch und auf den sie wirkte. Wer dort in feindlicher Absicht hineingelangen wollte wurde von dieser Schutzwand ergriffen und solange mit der Kraft des ruhigen Wassers durchflutet, bis einer der Wachen ihn oder sie lossprach. Alles dem Feuer unterworfene prallte von diesem sich wellenförmig bewegenden Schutzwall ab oder zerfiel, weil der Feueranteil ausgelöscht wurde und der Reststoff den Zusammenhalt verlor.

Du kennst das Lied des ruhigen Wassers. Stimme es nur in Gedanken an, sobald wir nur noch zehn Schritte vom Schutzwall entfernt sind", sagte der Meister. Der Geselle bestätigte es und rief sich die zwanzig immer wieder zu singenden oder nur zu denkenden Wörter ins Bewusstsein zurück. Wer dieses Lied konnte vermochte alle dem Wasser innewohnenden Zerstörungskräfte von sich abzuhalten und alle auf Zerstörung und Tod ausgehenden Wesen, sofern sie von Wasser umgeben waren, zu beruhigen.

Als die beiden Wasservertrauten nur noch zehn Schritte entfernt waren dachten sie daran, wie sie dieses Lied in ihrer mehrjährigen Ausbildung im Hause aller Wasser gelernt und ihre ganz eigene Klangebene der Macht ergründet hatten. Auf dieser Klangebene konnte nun jeder der beiden sich vor allen dem Wasser entstammenden und darauf wirkenden Kräften absichern. Als sie den Wall berührten, dessen Kraft auf das selbe hohe Lied gründete, war es für sie, als tauchten sie in einen körperwarmen See ein. Mit einer Mischung aus Schritten und Schwimmbewegungen durchdrangen sie den blauen Schutzmantel um den Turm und erreichten das wellenförmig gebaute Tor in auf der genau nach Mitternacht ausgerichteten Seite des achteckigen Bauwerkes. Mitternacht war die Richtung aller Wasserkräfte, aber auch die der völligen Dunkelheit und Vernichtung. Damit behelligten die Anhänger der anderen Grundkräfte der Stofflichkeit jene des Wassers sehr gerne, , dass ihre Kraft sowohl die Grundkraft des Lebens aber auch die der Zerstörung, der Dunkelheit und des Todes sein konnte. Hohe Meister wie Panaiondrian standen jedoch über diesen Spötteleien, zumal jede der stofflichen Grundkräfte sowohl schöpferische wie zerstörerische Eigenschaften bot, vor allem die des Feuers und die des Windes.

"Ah, Hochmeister Panaiondrian, ihr seid verspätet. Wolltet ihr nicht schon vor zwei Tagen unserem hohen König der Wolken und der Wogen euren Bericht überbringen?" fragte ein in wasserblauen Gewändern gekleideter Mann, der von zwei in wasserblauen Stoffen gehüllten goldenen Kriegern behütet wurde.

"Vierwogenträger Aiondrugooran, unser vom Wasser des Lebens erfüllter Herrscher wird unsere Verspätung verstehen, wenn wir ihm künden, dass wir erfreut sind, überhaupt noch bei ihm vorsprechen zu dürfen", sagte Panaiondrian verdrossen. Sein Geselle stand zwei Schritte hinter ihm, wie es die Rangordnung gebot. Der in blauen Gewändern steckende Diener des Königs, der auf jeder Schulter je vier übereinanderliegende Wellen aus silbernem Stoff trug verzog sein bartloses Gesicht zu einem spöttischen Grinsen. Es war in den hohen Kreisen bekannt, dass der Vierwogenträger nur die zweite Wahl des Herrn der Wolken und Wogen war, weil Panaiondrian als hoher Gelehrter des Wassers und des Lebens in der freien Erforschung und Schöpfung neuer Möglichkeiten verbleiben wollte, statt sich dem von Neid und Hintertreibungen aller Art durchsetzten Hofleben zu unterwerfen. Immerhin war Aiondrogooran noch immer Vierwogenträger und damit der oberste Gebieter aller im Hause wohnenden Dienstboten und Schutztruppen.

Es ging durch das Tor und in einem der bei hochherrschaftlichen Gebäuden so beliebten Beförderungskörben aus unzerbrechlichem Bergglas bis zum viele hundert Längen vom Boden entfernten Stockwerk, auf dem die königliche Verwaltung arbeitete. in der Mittelachse des Herrscherturmes lag der kreisrunde, in mittelblauen und weißen Farbtönen gehaltene Herrschersaal. Dort wartete bereits in seinem Herrschersessel aus blau eingefärbtem Holz der König der Wasservertrauten. Er war mindestens dreihundert Sonnenkreise alt. Sein Haar besaß bereits die Farbe mittelgrauer Wolken. Er war jedoch noch schlank und wirkte körperlich geübt. Auf seinem Kopf ritt der aus Flussrandbaumholz gemachte Reif mit den drei mal drei großen Perlen und jenen blauen Steinen, die als Verschmelzung aus den Kräften von Erde und Wasser angesehen wurden. Seine rechte Hand lag auf seinem Herrscherstab aus versilbertem Blumentiergestein. Wer genau hinsah konnte neben den eingeritzten Zeichen für die Kräfte des Wassers noch die Ansätze der vielen Fangarme sehen, die jenes besonders große Blumentier einst besessen hatte, bevor es vor zweitausend Sonnenkreisen von Wasserkriegern erbeutet und zum Herrscherstab ihres Königs umgewandelt worden war.

Wie es in allen Königshäusern geboten war knieten der Hochmeister und sein Geselle vor den Füßen des Herrscherstuhles, bis der darauf sitzende König das Wort an sie richtete. "Ich heiße dich willkommen, Spätheimkehrer Panaiondrian. Da ich deinen Bericht zu hören wünsche wurde dir der Zugang zu mir gestattet. Da ich weiß, dass dein Geselle alles von dir erfährt, was du für wichtig hältst gestattete ich auch ihm den Zutritt. Also erstatte den von mir geforderten Bericht! Wie geht es den uns dienstbaren Turmkriegern?"

"Besser als mir und auch Euch lieb sein dürfte, O von allen Wassern der Welt erfüllter und belebter Herr der Wolken und der Wogen", begann Panaiondrian. Dann erwähnte er, dass die zwei männlichen und zwei weiblichen Turmkrieger, die aus den vor Jahrtausenden in den Tiefen der Meere entdeckten Nachfahren des Urgeschlechtes aller Menschenwesen gezüchtet worden waren, darauf ausgingen, sich erst alle Meere und dann alle an deren Ufern lebenden Wesen Untertan zu machen. Vor allem der ranghohe Krieger, den sie erst "Großer Schwimmer" genannt hatten und der sich nun selbst "Macht des Wassertodes" nannte, wollte die seiner Meinung nach schwächlichen und kleinen Landbewohner unterwerfen. Denn weil die Vertrauten von Wasser und Erde ihm die Fähigkeit verliehen hatten, sich eigene Waffen zu erschaffen, hatte er seine Begabung in vielen Nächten auf eine dreizähnige Waffe übertragen, die die wilden Wogen rufen und das im Gestein gefangene Wasser zum wilden Schwingen bringen konnte. Sein Gefährte, der sich Tiefenhüter nannte und die zwei Kriegerinnen Wellenschlag und Siegesstrom wollten ihm dabei helfen.

"Es war ein Irrtum unserer Vorgänger, dass mit der Züchtung überragender Kämpfer ein Gleichgewicht der gegenseitigen Zurückweisung errichtet werden könnte", grummelte Panaiondrian. Sein König sah ihn tadelnd an und erinnerte ihn daran, dass die Vertrauten des Wassers und alle ihrer Untergebenen von den anderen Gruppen ausgelöscht worden wären, wenn diese nicht auch einen so schlagkräftigen Trupp aufboten wie die der Erde, des Feuers, des Windes und vor allem der alles endenden Dunkelheit. Nur die Folger des Lichtes lehnten es weiterhin ab, diese turmhohen Krieger zu züchten, weil sie sich zu sehr auf ihre Lieder von Frieden und Güte verließen.

"Ja, doch wisst ihr auch sicher von den Kundschaftern, die mit den anderen Hütern hoher Kräfte in Verbindung stehen, dass auch deren Krieger den Gehorsam verweigern und statt dessen eigene Herrschaftspläne schmieden, auch wenn ihnen angeblich jeder Verstand dazu vorenthalten bleiben sollte. Sie werden sich vermehren und noch stärkere Nachkommen hervorbringen. Wenn die dann eines Tages über uns alle herfallen und unsere Städte und Nutzeinrichtungen niederreißen und uns mit ihren gewaltigen Füßen zertreten wird dies das Ende unserer erhabenen Gemeinschaft und das Ende unser aller Errungenschaften sein", warnte Panaiondrian. "Ich habe es mit eigenen Augen gesehen, und mein Geselle Olarugaran kann dies bezeugen, wie jener, der sich Machtvolles Todeswasser nennt mit seinem dreizähnigen Speer eine Ansiedlung der aus eigenem Wirken der hohen Kräfte entstandenen Wasserbewohner ausgerottet hat und wie er eine Insel mit einer durch heftige Bodenerschütterungen gewecktenFlutwelle entvölkert hat. Er wird uns nicht in Frieden leben lassen, und auch keinen Gehorsam üben."

"Aber wir brauchen die wasserkrieger, wenn die turmhohen Krieger von Erde und Dunkelheit vor unseren Turm treten und unsere Unterwerfung verlangen könnten", sagte der König.

"Vorher werden die ihrer geistigen Fesseln ledigen Diener gegen ihre eigenen Schöpfer aufbegehren, o Herr der Wolken und Wogen", wagte Panaiondrian seinem Herrscher zu widersprechen. "Es wird zu einem blutigen Feldzug kommen, bei dem sich jene gegenseitig ausrotten. Wer diesen Feldzug überlebt wird zu mächtig sein, um uns zu unterliegen. Auch Paisharaiondru wird dann gegen uns kämpfen, um seine Gier nach Macht und Gebieten zu befriedigen. Noch können wir ihn und sein kleines Volk zurückdrängen, in einen ewigen Schlaf zwingen oder womöglich auch töten. Doch jeder Tag, den wir damit zögern verringert die Siegeswahrscheinlichkeit."

"Dann frage ich dich, Hochmeister Panaiondrian, weshalb du zwei volle Tage später bei mir vorsprichst, wenn die Gefahr doch so groß ist", stieß der König verärgert aus. "Ich soll nun entscheiden, ob wir unsere Krieger entwaffnen und töten, obwohl wir nicht wissen, ob die anderen dann nicht gegen uns Krieg führen werden?"

"Wie gesagt, o von allen Wassern belebter Herr der Wolken und Wogen, ist auch in den Kriegern der anderen die Saat der Machtgier und des Ungehorsams aufgegangen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Diener ihre geistigen Fesseln zerreißen und gegen ihre Herren antreten. Vielleicht können wir unser Reich noch bewahren, wenn wir mit bestem Beispiel vorangehen und uns der Gefahr entledigen, bevor sie sich unser entledigt."

"Du wagst also zu fordern, unsere neue und durchaus beachtliche Streitmacht aus der Welt zu schaffen.? Ich soll dazu meinenSegen und meinen königlichen Befehl erteilen? Ich will selbst sehen, was du da berichtet hast, Hochmeister Panaiondrian. Vorher werde ich keine solche weitreichende Entscheidung treffen", sagte der König. Wo befindet sich dieser angeblich so aufmüpfige Krieger und sein kleines Gefolge?"

"Als ich es mit meinem Gesellen schaffte, im Schutze des Liedes des freien Wassers und der schnellen Strömung zu entrinnen wütete er gerade an jenen Feuerbergausgeburten in halbmittagsrichtung von uns. Er will jedoch wohl zwischen den hohen Bergflanken hindurch, die ein natürliches Durchgangstor zum umschlossenen Meeresbecken bilden, an dessen Ufern wir schon unsere Niederlassungen errichtet haben. Wenn er dort mit seiner mächtigen Waffe Wellen und Erschütterungen erzeugt könnten unsere Niederlassungen bald schon in die grauen Gefilde der Warzeit verstoßen werden, unfähig, neue Dinge und Wesen hervorzubringen."

"So soll der Vierwogenträger unser Tiefengefährt bemannen lassen, damit wir mit eigenen Augen sehen, ob deine vom Wasser der Furcht getrübten Worte wahr sind."

Der König griff hinter sich und nahm das große Haus einer Meeresschnecke zur Hand. Er blies in das versilberte Ende und machte damit einen tiefen Ton. Viermal blies er hinein. Nun traten der Vierwogenträger und drei fleischliche Wachen in wasserblauer Panzerung ein. Der König erteilte seine Befehle. Der Hausvorsteher sollte mit dem Sohn des Königs zusammen zurückbleiben. Zehn auf ursprüngliche Weise entstandene Krieger sollten den König und den Hochmeister begleiten. Der Sohn des Königs, Daraiondrixar, sollte einen ganzen Mondkreis auf die Rückkehr des Vaters warten. Erfolgte diese nicht oder erhielt er gar den unhörbaren letzten Gruß des Vaters, so sollte er innerhalb des folgenden Mondkreises zur Wahl der Nachfolge antreten.

Mit dem gläsernen Beförderungskorb ging es in die Tiefe des Turmes, so tief, dass sie an einer mit Wasser gefüllten Höhle eintrafen. Dort lag das gewaltige Tiefenschiff, belegt mit den hohen Kräften des Vortriebes und der Beständigkeit in größten Tiefen. Es war mit Nesselgiftlanzenwerfern bestückt und konnte mit der zehnfachen Schwimmgeschwindigkeit eines großen Raubfisches durch alle Meere eilen oder die stärksten Flüsse bis zu ihren Quellen hinauffahren.

Als alle Krieger, der Hochmeister der Wasserkräfte Panaiondrian und sein Geselle hinter dem König in die schützende Reisekammer des Tiefenschiffes eingetreten waren wurden die kreisrunden Türen verschlossen. Das Gefährt versank durch die Kräfte seines Steuermannes in der hundert Manneslängen tiefen Höhle, bevor es den dort hindurchfließenden Strom erreichte und sich mit seinen Kräften in dessen Lauf einfügte. Innerhalb eines halben Zwölfteltages erreichten sie das große Meer, dass das Land der großen Leute umspülte und es von den beiden großen Landmassen in Morgen und denen in Abendrichtung trennte.

Auf dem langen Weg zu den steinernen Säulen, die das zwischen den beiden Morgenlanderdteilen gelegene Meer begrenzten trafen sie auf Schwärme von flüchtenden Wassermenschen, die aus der unergründlichen Laune aller Grundkräfte heraus mit den Landbewohnern entstanden, sich dann aber voll und ganz auf das Leben unter dem Meer eingestellt hatten. Der König, der sich auch als deren Herr verstand, befahl einer Gruppe fliehender, zu berichten, vor was genau sie flohen. So erfuhr er, dass vier von den Urmächten geschaffene Überriesen Jagd auf sie machten, um sie aufzufressen oder sie zu ihren Dienern zu machen, eher Nutztiere wie die kaltblütigen Meeresbewohner als beachtenswerte Mitgeschöpfe.

"Was ein Mondviertel schon ausmachen kann", seufzte Panaiondrian. Er dachte daran, dass seine derzeitige Nachwuchsgefährtin auf einer der großen Inseln weilte, die von unterseeischen Feuerbergen gebildet worden waren. Wie lange sollte sie noch auf ihn warten?

Der König gebot, dass alle Nesselgiftspeerwerfer geladen und besetzt werden sollten. Das Tiefenschiff glitt mit einem drittel der bisher benutzten Vortriebskraft zwischen den Füßen der Bergmassen hindurch, die das Einfallstor zum vom Festland umschlossenen Meer bildeten, in das mehrere große Ströme einmündeten.

"Was veranlasst unseren neuen großen Streiter, sich in diesem kleinen Meer aufzuhalten, wo es nur diesen einen Weg in die restlichen Gewässer der Welt gibt?" fragte der Hochkönig der Wasservertrauten den Meister Panaiondrian, als sie durch die Lichtverstärkenden runden Sichtaugen hinausblickten.

"Der Zugang zu den verschiedenen Wasserkräften des Mitternachts- und Mittagslandes, welche das dazwischenliegende Meer umschließen, o Herrscher der Wolken und der Wogen. Paisharaiondru und sein kleines Volk sind nicht so einfältig wie Ihr es von willigen Kriegsknechten erhofft habt. Er hofft darauf, hier in diesem Gewässer sein eigenes Reich zu gründen, das ähnlich unangreifbar sein soll wie unser erhabenes Land der großmächtigen Leute. Auch leben hier viele Wassergeborene, die die Ströme ursprünglicher Vereinigungen aus Wasser, Erde und Mond nutzen, auch wenn sie da selbst keine Kraftausrichter verwenden können. Dieses Volk will Paisharaiondru unterwerfen."

"Er hat zu dienen. Meine und deine Vorfahren haben aus einfachen Wassergeborenen seinen mächtigen Leib hervorgebracht. Er hat uns zu dienen", schnaubte der König. Wieder jagten flüchtende Wassermenschen an dem königlichen Tiefenschiff vorbei. Der Herr aller Wasservertrauten verzichtete darauf, sie über das Horn der wasserweiten Klänge anzurufen und auszufragen. "Zielfinder, stimme dein Aufspürglas auf die bekannten Lebens- und Hochkraftschwingungen der gesuchten Krieger ein und sende die entsprechenden Widerhalauslöser aus, um ihn und seine drei Artgenossen zu orten. Er wird den Worten der völligen Unterwerfung nicht widerstehen, wenn ich, der König, sie durch das alle Klänge unter den Wassern verstärkende Horn zu ihm hinübersende."

Hochmeister Panaiondrian war gefangen zwischen drei Pflichten. Die eine war der geschworene Gehorsam dem Hochkönig seines Volkes gegenüber und verbot jeden Versuch, ihm eine andere Entscheidung abzuverlangen. Die zweite Pflicht galt jedoch dem Schutz seiner Arrtgenossinnen und Artgenossen und deren künftigem Dasein. Diese Pflicht verlangte die Einmischung, wenn er wusste, dass Gefahr für sein Volk und nicht nur sein Volk bestand. Die dritte Pflicht forderte von ihm, alles was mit den urwüchsigen Kräften des wandelbaren Wesens des Wassers zu tun hatten zu ergründen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse zum größtmöglichen Vorteil für seine Volksgruppe und auch für alle anderen Menschen seines Landes auszunutzen, ob sie mit den hohen Kräften begütert waren oder nicht. Weil die drei Pflichten gleichrangig um die Vorherrschaft seines Denkens stritten vermochte er gerade kein Wort zu sprechen, was das weitere Vorgehen betraf. Auch Olarugaran, sein treuer und gelehriger Geselle, wagte nicht, die Befehle des Königs zu hinterfragen. Die mitreisenden Fahrensleute und Kämpfer waren bei allen Kräften des Wassers um sie und in ihren Leibern darauf vereidigt, jeden vom rechtmäßigen König erteilten Befehl ohne Zögern und Bestreiten zu befolgen. Doch was Panaiondrian konnte war das Geistsprechen, das er mit seinem Gesellen eingeübt hatte. "Der König will die Entscheidung über Sein oder Vergehen, mein Geselle. Wollen wir hoffen, dass die Mächte des Wassers und des Lebens ihm und damit uns helfen, dass seine Entscheidung zu unser aller Wohl führt."

"Bei aller hohen Achtung deiner Weisheit und Erfahrung, Meister Panaiondrian, doch bange ich, dass unser hochgeachteter König trotz deines Berichtes unterschätzt, was Paisharaiondru und sein kleines Volk vermögen und vorhaben", geistsprach Olarugaran zurück. Beide hofften, dass keiner der zehn mitreisenden Kriger die Gabe des Geisthorchens besaß, zumal diese dann eher bei Frauen, die dem Wasser, der Luft oder der Erde vertraut waren vorkam.

"Abstimmung auf die körperlichen und hochkräftigen Eigenheiten der wassergeborenen Turmkrieger erfolgt. Widerhallauslöseschwingungen können ausgesandt werden, O Herr der Wolken und der Wogen", verkündete der Auffinder, nachdem er das Auffindeglas auf die von Panaiondriian mitgeteilten Lebensschwingungen eingestellt hatte. Der Hochmeister der Wasservertrauten kämpfte darum, ob er noch einmal warnen sollte, dass jeder Widerhallauslöser wie ein Lockruf wirken würde. Doch dann erkannte er, dass es dem König sowieso darum ging, möglichst schnell auf Paishariaiondru und seine vier Artgenossen zu treffen, ob sie zu ihm kamen oder er zu ihnen hinfinden musste. "Widerhallauslöser aussenden!" befahl der König.

Das Auffindeglas erzitterte und flirrte in jenem mittelhellen Blau, das als inneres Licht der Wasserkräfte bezeichnet wurde. Ab nun durcheilten mit der Lautgeschwindigkeit in Wassertiefen dahineilender Geräusche die für alle anderen Wesen unhörbaren und unfühlbaren Schwingungsstöße das umschlossene Meer. Wo sie auf die auf sie ansprechenden Lebensschwingungen trafen würden sie mit den diese aussendenden Körpern wechselwirken und für das Auffindeglas erfassbar widerhallen. An Richtung und Zeit zwischen Aussenden und Widerhall konnte dann ganz leicht der Standort des gesuchten Wesens ... Pang! - Pang! - Pang! Das Auffindeglas erzitterte förmlich unter den von ihm in hörbare Laute umgewandelten Widerhall der ausgeschickten Suchschwingungen.

"Ziel in drei Zwölftel zwischen Morgenlicht- und Mittagslichtrichtung, knapp hundert Längen unter der Meeresoberfläche und nur zweitausend Längen des Tiefenschiffes entfernt", meldete der Auffinder, nachdem er die im Auffindeglas tanzenden Zeichen und Zeichnungen genauer betrachtete, während das verheißende Pang immer schneller und lauter klang.

"Ziel nähert sich mit eigener Geschwindigkeit. Hat offenbar unsere Suchschwingungen bemerkt. Ah, ein weiteres Ziel widerhallt, knapp eintausend Schiffslängen weiter entfernt und in fünfzig Manneslängen tiefe unter dem Meeresspiegel", vermeldete der Auffinder.

"bereitet das Horn der weithallenden Klänge und Worte vor!" befahl der König entschlossen.

"Olarugaran, dir ist erlaubt, bei unabwendbarer Vernichtung unseres Schiffes den kurzen Weg in die Freiheit zu nutzen", geistsprach Panaiondrian zu seinem Gesellen, der die Vorgänge im Steuerraum genau beobachtete. "Ihr meint, wir werden die Begegnung nicht überleben, Meister?" fragte der Geselle. "Du weißt, wie knapp wir seinem letzten Angriff auf uns entronnen, Olarugaran", geistsprach der Hochmeister der Wasservertrauten. Dann durchdachte er noch einmal alle hohen Lieder des Wassers, die er konnte, vor allem jene, die ihm erlaubten, ohne Luft unter Wasser zu leben und das Lied des klaren und des ruhigen Wassers, um im Wasser lebende Wesen von gewaltsamen Handlungen abzuhalten.

"Sichtung von hundert ursprünglichen Wassergeborenen voraus", meldete der Steuermann, der durch die vor seinen Augen befestigten Sichtgläser der Wegerkundung blickte. "Nicht beachten. Uns geht es nur um die zwei widerhallenden Ziele", befahl der König nun ganz ein Kriegsherr, der er eigentlich nie sein wollte.

Die im Tiefenschiff bereitsitzenden Kämpfer und Fahrensleute verfolgten mit, wie hundert mit Weichtierschalenhelmen und Brustpanzern bewehrte Wasserkrieger um ihr Fahrzeug herumschwammen und es ebensowenig beachteten wie dessen Besatzung die vorbeischwimmenden Krieger. "Entfernung der beiden Widerhallenden nur noch fünfhundert Schiffslängen! nähern sich mit doppelter Reisegeschwindigkeit unseres Schiffes", meldete der Auffinder. Der Befehlshaber des schiffes sah den König an. "Schiff anhalten und auf jetziger Tiefe halten, nicht auftauchen und nicht auf Grund legen!" befahl der König. "Ihr habt den Herrn der Wolken und Wogen vernommen!" rief der Befehlshaber. Seine Untergebenen hantierten mit den Vorrichtungen der Steuerung. Das leise Singen der Vortriebskräfte wurde erst leiser, dann kurz doppelt so laut wie zuvor und verebbte dann vollständig. Das Schiff lag nun fest auf der gerade eingenommenen Stelle und Wassertiefe. "Ziele nähern sich weiter mit doppelter Reisegeschwindigkeit, entspricht der anderthalbfachen Kampfgeschwindigkeit", gab der Auffinder ohne Aufforderung bekannt. Panaiondrian sah ihm an, dass er sehr verunsichert wirkte. Von lebenden Wesen, die die anderthalbfache Kampfgeschwindigkeit eines Tiefenschiffes der Wasservertrauten erreichen konnte hatte der bisher nichts gehört. "Entfernung nur noch dreihundert Schiffslängen. Kein Tiefenunterschied zu uns. Ziele haben uns klar ausgemacht und kommen näher."

"Sichtung!" Forderte der König, der sich hier und jetzt als Befehlshaber des Schiffes verstand. "Ziele in Sicht!" sagte der Mann an der Ausblickvorrichtung, die bis zu tausend Schiffslängen weit in das Wasser hinausblicken konnte und selbst bei der ewigen Finsternis unterhalb von 500 Manneslängen unter der Oberfläche klare Einzelheiten sichtbar machte. "Bei allen Wassern der Weltmeere, das sind übergroße Geschöpfe, größer als die Knochen der Urwelttiere", stöhnte der Ausguck. "Was meint er denn, was die Meister des Wassers und des Lebens da erschaffen haben", schnaubte der König verärgert. Dann stieß er den Ausguck von seinem Ausblickgerät fort und blickte hindurch. "Steuermann an den Befehlshaber! Melde Sichtung zweier dreißig Manneslängen großen Wassergeborenen männlichen Geschlechtes mit Helm und Brust- und Rückenpanzerung", verkündete nun auch der Steuermann.

"Vordere Speerwerfer bereithalten für Nesselgiftspeere!" befahl der König. Dann beeilte er sich, an den kreisrunden Aufnahmestutzen des Klanghorns zu treten. "Sendet den allen Wasserkindern vertrauten Anruf unserer Herrschaft!" befahl der König. Keine zwei Herzschläge später dröhnten vier schnell folgende Töne durch das Schiff und durch das ausgefahrene Horn viele tausend Manneslängen hinaus in das Meer. Gleichzeitig sagte der Auffinder vom Dienst die abnehmenden Abstände an.

Als er bei nur noch fünfzig Schiffslängen ankam konnten sie alle das wahrlich ungeheuergroße Wesen sehen, das vom Körperbau einem gewöhnlichen Wasserkind mit üblichem Menschenoberkörper und dem Hinterleib eines Fisches entsprach. Seine Größe konnte sehr gut mit der ihres Tiefenschiffes mithalten. Die mehrere Manneslängen ausgespannte Schwanzflosse schlug so schnell hin und her, dass die davon aufgewühlten Wellen am Körper des Tiefenschiffes rüttelten. Dann verzögerte der übergroße Wassergeborene seine Annäherung.

"Öi! Ihr macht so viel Lärm, dass mir alle Fische und Hörigen taub werden!" dröhnte nun die Stimme des herbeigeschwommenen Wasserriesens. Sein Artgenosse hielt sich nur zehn seiner Längen hinter ihm zurück.

"Bist du Paisharaiondru, Herr der mächtigen Kriegerfamilie?" rief der König in den Schallaufnehmer des Klanghorns. "Ja, der bin ich. Wer fragt mich das?" dröhnte die Stimme des Herbeigeschwommenen. "Dein Herr und König Guurdaiondrixathan, Herr aller Wolken, Wogen und Tiefen, Gebieter über alles was in den Wassernn der Welt lebt und wirkt", erwiderte der König.

"Du bist ein König des Meeres und versteckst dich in einem flossenlosen Fisch aus gediegenen Erzen und künstlicher Kraft?" erwiderte das dreißig Manneslängen messende Ungetüm, dessen fischgleiche augen selbst schon so groß waren wie die Köpfe von ursprünglich geborenen Landmenschen. "Du kannst unmöglich mein Gebieter sein, wenn du so schwach und ängstlich bist, dich in so einem lachhaften Ding zu verstecken."

"Und doch bin ich dein Herr und König", widersprach ihm Guurdaiondrixathan hörbar verärgert. Dann nannte er die vier Worte der bedingungslosen Unterwerfung, auf die jeder Wassersohn und jede Wassertochter eingestimmt waren, rückwärts ausgesprochene Worte, die die Laute von Wasser bezeichneten, das Platschen darin einschlagender Körper, das Plätschern eines fließenden Flusses, das Rauschen gegen Land brandender Wogen und das Gluckern zu Dampf werdenden Wassers über einer Feuerquelle. Jedes einzelne Wort konnte schon die bedingungslose Aufmerksamkeit eines Wasserkindes erzwingen. Doch der Übergroße, gezüchtet, um für die Wasservertrauten Krieg zu führen, zuckte nicht einmal mit einem Auge. "Nur weil du diese Worte kennst, die mir und meinen drei Daseinsgefährten tief in unser Denken eingetrieben wurden bist du nicht mein könig, Stimme aus dem Erzbehälter. Auch vermögen die Worte mich nicht auf dich einzustimmen. Ich kenne sie, aber sie haben keine Macht über mich, meine beiden Brüder und meine zwei Schwestern, nur damit du das weißt, angeblicher König aller Wasserwesen."

"Anngeblich?! Ich bin euer Herr und König!" brüllte Guurdaiondrixathan durch das Horn. Draußen konnten sie mehrere Dutzend Wasserkrieger sehen, die bei den vier Worten der Wassermächtigen in ihren Bewegungen erstarrten. Sie taumelten nun und sackten reglos in die Tiefe.

"Du magst König eines kleinen, dünnen Wasserlaufes sein. Aber die weltweiten Wasser der Meere gehören dir nicht mehr. Die gehören mir und meinen vier Daseinsgefährten."

"Fünf?" fragte der König nun Panaiondrian, ohne das Horn zu benutzen. "Das ist auch neu für mich, mein Herr", erwiderte der Hochmeister der Wasservertrauten sehr beschämt. "Ich wusste nur von ihm dort und einem anderen männlichen und zwei Weiblichen."

"Dann lügt der da?" fragte der König mit einer gewissen Hoffnung im Blick. "Ich fürchte, er hat mir und meinem Gesellen damals nicht alles enthüllt, was seine Art betrifft", erwiderte Panaiondrian, sich dessen bewusst, damit seine eigene Zukunft verwirkt zu haben.

"Er hat zu gehorchen, ob einer von vieren oder einer von fünf", zischte der König und schickte einen äußerst ungehaltenen Blick an den Hochmeister der Wasservertrauten. Dann wandte er sich wieder dem Horn zu. "Wie viele ihr auch immer seid. Ihr lebt und handelt aus unserem Willen heraus und damit unter unserer Herrschaft, von der ersten bis zur letzten Regung eures Lebens", sagte der König und wiederholte die vier Worte der Macht über alle Wasserwesen, die nur ein Hochkönig oder eine Hochkönigin des Wassers benutzen durfte. "Wie klein ist dein Gedächtnis, dass du es schon wieder vergessen hast, dass deine vier Worte nicht auf mich wirken wie ihr schwächlichen Zweibeiner das wollt. Ich bin der größte und stärkste, der Herr der neuen Wassergeborenen, Herr über alle kleinen Wassergeborenen, die kaltblütigen und warmblütigen Tiere der Meere und der übergeordneten Kräfte des Wassers. Wenn du dem Wasser und seinen Kräften zugeordnet bist ist es an dir, mir zu dienen, solange du es wagst, mein Reich zu bereisen. Also lenke deinen schwimmenden Schutzpanzer hinter mir her und entsteige ihm in meinem neuen Haus, dass meine Brüder für uns gebaut haben!"

"Sagt wer?!" fragte der König. "Paisharaiondru, kraftvolles Wasser aller Enden, Herr dieses Meeres und aller damit zusammenfließenden Meere und Flüsse. So, und nun lenke deinen Schutzbehälter hinter mir her, oder ich breche ihn auf und ziehe dich daraus heraus wie ein fünfbeiniger Stachelhäuter das Fleisch eines Schalentieres."

"Du verweigerst mir, deinem König, den Gehorsam, Krieger der Tiefen, geschaffen um zu dienen?" fragte der König überflüssigerweise. "Ich diene nicht, ich herrsche und befehle. Also dienst du mir und hast zu gehorchen", erwiderte der Übergroße. Dann sahen sie alle, die durch die vorderen Sichtaugen blickten, wie der Übergroße einen mehr als fünfzehn Manneslängen langen, mehr als vier Mannesbreiten dicken Stab hinter sich hervorholte. Am vorderen Ende ragten drei gewaltige Spitzen mit scharfen Kanten hervor. Zwischen den drei Spitzen flirrte blaues Licht, das innere Licht des Wassers. Davon hatte Panaiondrian seinem König auf jeden Fall berichtet. Doch er hatte nicht gewusst, wie gut Paisharaiondru seine Waffe am Körper tragen konnte.

"Ich bin der König. Wenn ich gebiete, dass alle Wasserlebenden zu gehorchen oder zu sterben haben gilt mein Wort!" rief Guurdaiondrixathan höchst verärgert aus. Dann wiederholte er erneut die vier Worte der Macht und befahl dann in der Sprache der Wassergeborenen: "Ergreift den euch überragenden mit allen Kräften und beendet sein Leben!"

"Ich fürchte, Olarugaran, das war unser aller Todesurteil", geistsprach Panaiondrian zu seinem Gesellen. Dieser machte sich bereit, die Worte der Wasserbeständigkeit zu wispern, um für einen vollen Tag von Druck und Wasser unbehelligt in den tiefsten Wassertiefen zu leben.

Die nach unten durchgesackten Meereskrieger tauchten mit schlingernden Bewegungen wieder auf und machten Anstalten, auf den übergroßen Artgenossen zuzuschwimmen. Doch dieser hielt den dreispitzigen Speer in jede Richtung und stieß gurgelnde Laute aus, die so laut waren, dass der metallene Körper des Tiefenschiffes wie ein großes Klangerz hallte und sich alle Männer ihre Ohren zuhielten. Die auf den Übergroßen zuschwimmenden gerieten aus der Bahn und sackten wieder durch. Nur drei von ihnen, die unmittelbar auf das befohlene Ziel zuschwammen glitten ohne sichtbare Flossenschläge weiter, bis aus den drei Spitzen des mächtigen Speeres blaue Lichtstrahlen schlugen und die anschwimmenden wie mit gewaltigen Schlägen zurückwarfen. Zugleich flutete eine starke Wasserwelle über das Tiefenschiff. Die Mannschaft hörte das warnende Pingeln der Standortbestimmungsvorrichtungen und der Steuerungen, weil das schiff darum kämpfte, am befohlenen Ort zu verharren.

"Du wolltest mich von diesen schwächlichen Vorfahren meiner erhabenen Art umbringen lassen, kleiner Wicht in einem Erzbehälter! So sei dein Tod meine Antwort!" dröhnte die Stimme Paisharaiondrus. Mit diesen Worten vollführte er einen einzelnen Schlag seiner mächtigen Schwanzflosse und rammte den dreizähnigen Speer nach vorne. Alle drei Spitzen glühten nun im wasserblauen Licht. "Alle Speere los!" rief der König, während das Schiff erneut gegen eine Flutwelle kämpfte, die es mit Urgewalt von seinem Standort wegspülen wollte. Die vorderen Nesselspeerschleuderer hieben auf die Auslöser der Wurfgeräte. Fünf Speere schossen aus den Wurfvorrichtungen heraus und jagten auf ihr unverfehlbares Ziel zu. Zwei Speere zischten eine lange Schleppe aus verwirbelndem Wasser hinter sich herziehend auf die Schultern des Zieles zu. Die Speere waren so bezaubert, dass sie durch Weichtierschalen dringen konnten. Doch als sie auf die Panzerung trafen zersprangen sie in aberhundert Einzelteile. Die drei weiteren auf ihr Ziel zujagenden Geschosse sollten den Brustkorb des Übergroßen treffen. Doch der von den Wasservertrauten gezüchtete Überriese machte nur eine kaum sichtbare Bewegung mit seiner zweihändig geführten Waffe, und alle drei Speere gerieten aus ihrer Bahn und zerbrachen dabei in drei Einzelstücke. Die mit den Schalen durchdringenden, mit Tiefseequallennesselgift gefüllten Spitzen trudelten wild auslenkend um den Angegriffenen herum und versanken in der Tiefe, nachdem der letzte Schwhung aufgezehrt war. Das ganze dauerte nicht mehr als zwei ruhige Herzschläge. Dann erfolgte der zu erwartende Gegenstoß.

Noch während die Speerwerfer mit schnellen Handgriffen nachgeladen wurden trafen alle drei glühenden Enden des übergroßen Kampfspeeres auf die metallene Hülle des Tiefenschiffes. Diese war dazu gemacht und bezaubert, selbst den lastenden Druck in den tiefsten Tiefen der See auszuhalten und somit auch jeden körperlichen Angriff abzuwehren. Doch als die drei Spitzen mit unbändiger Wucht auf das Schiff prallten erstrahlte dessen eherne Umhüllung in einem grellen wasserblauen Schein. Das Fahrzeug wurde aus seiner bisherigen Stellung geprellt und schlingerte. Zugleich knirschte seine Umhüllung überaus unheilvoll. "Wasserschutz!" befahl der König und ging mit bestem Beispiel voran.

Doch noch während sie alle die vertrauten Worte der Wasserbeständigkeit und Wasserlebenskraft sangen krachten die drei Enden des Speeres grell leuchtend erneut auf das Schiff. Wieder strahlte dessen Umhüllung im schmerzenden Wasserblau. Jetzt knirschte und quietschte sie noch bedrohlicher. Zugleich knallte es an mehreren Stellen im vorderen Abschnitt des Fahrzeuges. Metallbrocken sprangen aus den Wänden, dicht gefolgt von laut pfeifenden, haardünnen Wasserstrahlen, die auf die sich gerade in wasserblaue Leuchthüllen einschließenden Krieger trafen. Die Umhüllungen flackerten wild, weil die auf sie treffenden Wasserstrahlen mit mehr Druck auf eine winzige Stelle auftrafen als gleichmäßig verteilter Tiefenwasserdruck. Dann erloschen die blauen Umhüllungen mit einem knistern und Schwappen wie überlaufendes Wasser. Im selben Augenblick durchbohrten die pfeifenden Wasserstrahlen die Körper der drei Krieger. Diese zuckten unter Schmerz und Wucht zusammen, krümmten sich laut aufstöhnend und fielen dann einfach um, während die haardünnen Wasserstrahlen bereits auf der Suche nach weiteren Opfern waren. Doch die Besatzung hatte sich bereits so verteilt, dass die tödlichen Wasserstrahlen kein weiteres Ziel trafen und mit lautem prasselnund rauschen gegen die druckbeständige Tür prallten, die sich gerade zwischen der mittleren Lenkungskammer und dem vorderen Abschnitt schloss. Allerdings bot diese Maßnahme nur für drei weitere Herzschläge Sicherheit. Denn das Tiefenschiff schlingerte nun immer wilder. Dann krachte es erneut. Wieder hatte der dreizähnige Kampfspeer das Schiff voll am Bug getroffen. Dieser brach nun mit lautem Krachen nach innen weg und gab dem in dieser Tiefe wirkenden Wasserdruck nach. Unmengen von Wasser drängten laut tosend und gluckernd in den vorderen Abschnitt des Schiffes und drängten die dort erhaltene Luft hinaus. Weitere Nesselgiftspeere schossen aus den Wurfvorrichtungen heraus. Doch sie wurden unmittelbar nach dem Abschuss vom gegnerischen Dreizack zerschlagen, ohne von ihm berührt zu werden. Dann prallte derselbe zum vierten mal auf das angeschlagene Fahrzeug. Jetzt blitzte die Umhüllung nur noch ein Viertel so hell auf und warf Falten. Zugleich zerbarsten die vorderen Räume unter der Aufschlagwucht.

""Alle Mann von Bord!" rief der Schiffsführer unbedacht, dass der König gerade den Oberbefehl hatte.

"Was wagst du, Schiffsführer, die Flucht zu befehlen, du Feigling!" rief der König, während der Dreizack des Übergroßen das Schiff zum fünften Mal mit voller Wucht traf. Helles, blaues Licht flutete nun durch die sich nach innen beulende Tür herein. Dann brach die Tür weg. Laut pfeifend und tosend wurde die hier enthaltene Luft zusammengedrückt, als das Meerwasser in den Steuerrungsraum drängte. "Flieh, Olarugaran!" rief Panaiondrian mit körperlicher Stimme, während seine Ohren wild pochten. Sein Geselle hob seinen aus blauem Glasstein geformten Kraftausrichter und vollführte eine schnelle Drehung auf der Stelle. Mit im Lärm der zusammengepressten Luft untergehenden Geräusch verschwand Olarugaran. Der König sah dies und tobte, während das Wasser im Steuerraum von Herzschlag zu Herzschlag anstieg. "Was fällt ihm ein, zu flüchten? Halt, ihr bleibt hier und kämpft um euer Leben und unser aller Herrschaft!!" brüllte Guurdaiondrixathan, als weitere Besatzungsmitglieder Olarugarans Vorbild folgen wollten und ihre Kraftausrichter nach oben hielten. Zweien gelang es noch, den kurzen Weg zu betreten, um zeitlos an einen anderen Ort zu gelangen. Doch dann war das Wasser zu weit gestiegen, um eine dafür nötige Drehung zu erlauben. Dann krachte es laut und endgültig, als der Körper des Tiefenschiffes von den Wassermassen zusammengedrückt wurde wie trockenes Blattwerk von einer kräftigen Faust. Alle Bezauberung zum Schutz gegen übergroßen Druck war erloschen. Das Metall gab der Gewalt der Tiefe nach.

Mit einem lauten Schlag stürzte das nun von allen Seiten zusammenschlagende Wasser auf die Besatzung des in seine Einzelteile zerbrechenden Schiffes ein. Da sie zumindest schon den Zauber gegen übergroßen Druck und die Überlebensfähigkeit unter Wasser ausgeführt hatten geschah ihnen nicht mehr, als wie von einer wild zupackenden Riesenfaust durchgeschüttelt zu werden. dann wirkte der Zauber, der das in die Lungen strömende Wasser wie freie Luft atembar machte. Doch nun waren sie alle der gnadenlosen Vergeltungswut der beiden Wassersöhne ausgeliefert.

"Ah, immerhin vertragt ihr die Kraft dieser Tiefe", lachte Paisharaiondru, den Panaiondrian nun wieder frei von schützender Umhüllung vor sich sah, wie damals, als er ihm gerade so noch mit dem Lied des freien Wassers entronnen war. Dann sah der Übergroße den König in seiner Prunkgewandung, die nun, da sie vollständig von Wasser umschlossen wurde, im inneren Licht der Wassergewalten erstrahlte. "Du bist also der, der meint, uns allen befehlen zu dürfen", lachte der Herr der Übergroßen. Sein Bruder, der sich weiterhin hinter ihm hielt, winkte den wieder in sichere Bahnen zurückfindenden kleineren Wassermenschen zu. "Dann wirst du mir gleich alles verraten, was ich wissen will, um der unbesiegbare Herr aller Kräfte des Wassers zu werden", sagte er. Doch der König dachte nicht daran, sich zu ergeben. Er zielte mit seinem Kraftausrichter auf den Gegner und rief die Worte der versiegenden Quelle, die jedes zum Leben nötige Wasser entkräfteten, vom Blut bis zum Wasser in allen kleinsten Fasern von Fleisch und Knochen. Ein blutroter Lichtstrahl schoss aus dem stabförmigen Blausteinkristall hervor und traf Paisharaiondru am Kopf. Doch dessen Helm glühte auf und sprühte rote Funken. Dennoch schien der Übergroße unter dem für alle von Wasser am Leben gehaltene Wesen tödlichen Zauber beeindruckt zu werden. "Du wagst es!" brüllte er gegen die Wirkung des auf ihn wirkenden Lichtes an. Dann führte er den dreizähnigen Speer so schnell, dass alle Wesen in der Umgebung von einer heftigen Welle davongeschleudert wurden. Eine der drei spitz zulaufenden Klingen am Vorderende traf den König. Sein Körper strahlte für einen Herzschlag hellblau auf. Dann drang die Spitze in ihn ein. Nun sah Panaiondrian es wieder, was er dem König bisher nur angedeutet hatte. Wer unmittelbar von dem Speer getroffen und durchdrungen wurde löste sich in eine reine blaue Lichtwolke auf, die den Speer von vorne bis zur Mitte einhüllte und dann wie eingesaugt darin verschwand und in sichtbaren Zuckungen bis in die den Speer führenden Hände weiterfloss. So erging es nun dem König. Sein Leib zerging im zerstörerischen Zauber des Dreizacks. Doch seine Lebenskraft und sein inneres Selbst wurden vom Speer eingesaugt und dessen Herrn und Meister zugeführt, auf dass er es in sich aufnahm und somit alles erfuhr, was das Opfer bis zum letzten Atemzug gewusst hatte.

Der von der wilden Bewegung aus seiner Bahn geschleuderte Hochmeister Panaiondrian dachte daran, dass im Augenblick von König Guurdaiondrixathans Erlöschen die Klangschalen im Turm der Wasservertrauten erschollen und den Tod des Herrschers über die Wolken und Wogen verkündeten. Sein Sohn wusste nun also schon, dass er der neue König werden würde. Diese Erkenntnis beruhigte Panaiondrian nicht wirklich. Denn ihm wurde klar, dass er gleich selbst dem mörderischen Meeresriesen zum Opfer fallen würde. Ihm blieb nur die Flucht.

Alle den Angriff auf das Schiff überlebenden Besatzungsmitglieder starrten mit lähmendem Entsetzen auf das Ungeheuer, das gerade ihren Herrscher vernichtet hatte. Dann hörten sie die vier Worte der Macht aus dem Mund des Übergroßen. Diesmal folgten die es hörenden Wasserkinder ihnen noch schneller. Denn sie wurden nun in derselben Tonart wie vom vernichteten Hochkönig der Wasservertrauten ausgestoßen. "Ergreift diese schwächlichen Landmenschen da und bringt sie in mein Herrscherhaus. Vor allem will ich den da haben, der mir schon einmal zu entwischen gewagt hat. Die Herrin will von ihm die Künste aller Wasserkräfte lernen."

"Bei allen Wassern der Welt, mein Leben für das Volk!" rief Panaiondrian. Seine Stimme klang dumpf und mehrere Blasen quollen aus seinem Mund. Da kamen die nun dem Übergroßen unterstehenden Wasserkinder angeschwommen. Panaiondrian wusste, dass er aus dieser Tiefe nicht den zeitlosen Weg betreten konnte, weil er dabei zu viel Wasser bewegen musste. Doch ihm blieb noch eine Möglichkeit zur Flucht. Er stieß die Worte der entspringenden Quelle im Zusammenspiel mit der Anrufung der kleinen Himmelsschwester aus. Schlagartig umschloss ihn eine bläulichsilberne Kugelschale. Daran prallten die ihn bestürmenden Meermenschen ab. Dann schoss er in dieser schützenden Schale nach oben, als durchfahre er freie Luft. In Wahrheit trieben ihn die Kräfte des Wassers nach oben, unterstützt von der unsichtbaren Kraft, mit der der nächtliche Begleiter der Erde auf alle Meereswogen einwirkte und so Ebbe und Flut lenkte. Mit lautem Wutgebrüll jagte Paisharaiondru hinter dem Hochmeister her. Doch dessen Aufstiegsgeschwindigkeit war bereits höher als die größtmögliche Geschwindigkeit mit der der Übergroße schwimmen konnte. Selbst wenn dieser mit der fünffachen Aufstiegsgeschwindigkeit des größten Raubfisches aller Meere nach oben stieß konnte er den immer schneller aufwärtsjagenden Hochmeister nicht einholen. Erst als er darauf kam, die Kräfte des Wassers mit seinem Speer zu bändigen drohte dem Hochmeister doch noch einmal sein Ende. Denn die Aufstiegsgeschwindigkeit wurde spürbar kleiner. Allerdings war Panaiondrian bereits so nahe an der wogenden Oberfläche, dass der Restschwung reichte, ihn hindurchbrechen zu lassen und ihn mehr als zehn Manneslängen nach oben zu schleudern. Da jedoch bei Berührung mit freier Luft der ihn tragende Aufstiegszauber erlosch musste er fürchten, gleich von dem ihm nachstoßenden Speer getroffen zu werden. Aus diesem strahlten drei helle blaue Lichter. Panaiondrian erkannte jedoch, als er weit über der Wasseroberfläche flog, dass auch der Dreizack außerhalb ihn umschließender Wassermassen schwach wurde. Nur seine körperliche Wucht konnte ihm den Garaus machen. Doch nun, wo er in freier Luft trieb konnte der Hochmeister den kurzen Weg betreten. Dies tat er dann auch. Sein Ziel war das Haus der Wasservertrauten in Abendlichtrichtung des heimatlichen Erdteils. Gerade als mit lautem Knall die Luft in die unmittelbar entstandene Leere stürzte, die Panaiondrians verschwindender Körper zurückließ stießen auch alle drei Spitzen des mächtigen Kampfspeeres an die Stelle, wo er gerade eben noch gewesen war. Dann wurde die mörderische Waffe mit einem Ruck in die Tiefe zurückgerissen. Für zwei Herzschläge zeigte sich der gewaltige, von dunkelgrünen, seetanggleichen Haaren umwehte Schädel Paisharaiondrus. Seine männerkopfgroßen Fischaugen flackerten vor unbändigem Zorn. Dann klatschte der Oberkörper des Wasserriesens in das Meer zurück und verschwand in einer wild aufschießenden Wassersäule und dieser nachfolgenden, nach außen drängenden Wellen.

War er ein Feigling oder hatte er das richtige getan? Diese Frage stellte sich der Hochmeister Panaiondrian nur einen Augenblick lang, als er in seinem Abschnitt des Hauses der Wasservertrauten erschien. Er hatte fliehen müssen, um zu berichten, dass die Übergroßen eine unbeherrschbare Bedrohung bildeten. Das mussten sie alle wissen und sich darauf einstellen, gegen ihn und seine vier anderen Daseinsgefährten zu kämpfen, bevor diese anfingen, sich fortzupflanzen und eine ganze Streitmacht aus Angehörigen ihrer Art zu erschaffen, die dann alle Meere und dann alle daran liegenden Lande unterwarfen.

Panaiondrian berichtete seinen Ordensgeschwistern. Diese rieten dazu, dass er und Olarugaran, der vor ihm hier eingetroffen war, nicht vor den neuen König treten durften, weil der ihnen all zu leicht Feigheit vor dem Feind und Verrat an der Herrschaft vorhalten würde. Da die Hochmeister der Wasserkräfte ein eingeschworener Trupp von Getreuen war wurde Panaiondrians Flucht zur Geheimsache erklärt. Was mit den Getreuen des von Paisharaiondrus Speer vernichteten Königs anging, so machten sie sich keine falschen Hoffnungen, dass auch nur einer von ihnen davonkommen würde. Selbst wenn es ihnen bekannt war, wie der kurze Weg ging, so waren sie doch vordringlich Handwerker und auf den Herrscher vereidigte Kämpfer, die ihm bis zu ihrem Lebensende beizustehen hatten.

"Es gilt, die Vermehrung der Übergroßen zu verhindern, bevor sie uns alle entmachten und zu niederem Nutzvieh oder jagbarem Wild abwerten", sagte Panaiondrian, nachdem er seinen Ordensgeschwistern die in seinem Gedächtnis bewahrten Bilder des gescheiterten Zusammentreffens gezeigt hatte. Eine seiner Ordensschwestern, Hochmeisterin Isaiondira, verlangte die genaue Abfolge der Züchtung zu erfahren, die zu Paisharaiondru und seinen vier Geschwistern geführt hatte. "Wenn stimmt, was du und Hochmeister Goordanmiraiondran aufgezeichnet habt, so wurden die Übergroßen nicht nur mit den belebenden Kräften des Wassers erzeugt, sondern auch mit den Liedern unbändiger Lust an Jagd und Tod, wie sie die Mitternachtsfolgenden für ihre Eingeweihten der ersten Lehrstufe ersonnen haben", sagte Isaiondira. "Ihr Mannsbilder habt es also wahrhaftig darauf angelegt, ähnliche Ungeheuer zu schaffen wie die Mitternachtsfolger und die Erdvertrauten. Welcher Irrsinn muss euch da befallen haben?"

"Der Irrsinn der Furcht, von besagten anderen mit solchen Gezüchten niedergemacht und ausgelöscht zu werden", verteidigte Panaiondrian das Vorgehen seiner Ordensbrüder. "Ja, und dabei habt ihr mal eben gegen das hohe Gesetz der Wasservertrauten verstoßen, dass die Zerstörungskraft des Wassers nur von der unbeseelten Urkraft ausgeübt werden darf und nicht von wassererfüllten Trägern des Lebens. Großartig, wie ihr, um unser aller Leben zu schützen, eben jene wirdzeitigen Aussichten auf einen grauenvollen Tod verwirklicht habt."

"Es ist wohl müßig, über im Boden versickertes Wasser zu klagen", sprach einer der vier Großmeister, die gute Aussichten hatten, in den gläsernen Rat der überdauernden Meister in Khalakatan, der Stadt der gehüteten Kenntnisse, aufgenommen zu werden. "Vielmehr ist wichtig, wie wir die Vorgänge widerrufen können, die zu jenem Ungeheuer namens Paisharaiondru geführt haben, auch wenn der künftige König gebieten sollte, ihn und die seinen weiterhin gegen alle jetztzeitigen und wirdzeitigen Feinde einzusetzen. Vor allem müssen wir erfahren, woher Paisharaiondru jenen seiner Größe angemessenen Dreizack hat. Oder ist mir entgangen, dass einer oder eine von uns ihm das Wissen vermittelte, sich solch eine Waffe zu fertigen?"

"Ich habe es dem nun im Gewebe aller die Welt umfließenden Wasser verflossenen König erklärt, dass jener, der sich Paisharaiondru nennt, irgendwann wohl einen der wenigen Wasserbändiger unter den Aionsirin ausgeforscht haben muss oder, was noch verheerender klingen mag, einen von jenen, die im letzten Jahr auf ihren Forschungsreisen im ewigen Weltmeer zurückgeblieben sind ausforschen konnte, wie er sich eine solche Waffe schaffen konnte. Von den anderen Turmkriegern wissen wir, dass sie über gewisse Kenntnisse verfügen, sich auf ihre Kräfte abgestimmte Waffen zu schmieden", sagte Panaiondrian. Seine Ordensgeschwister machten bejahende Gesten. Isaiondira wollte schon was sagen, als der ranghöchste Großmeister ihr mit einem Blick das Wort verweigerte. Dann sagte er: "Uns ging es nur darum, mächtige Krieger zu haben, die unter dem Befehl unseres Königs stehen. Doch offenbar missachteten wir dabei, dass mit zunehmender Größe auch die Macht des eigenen Blutes und damit auch der Widerstand gegen alle Willenszauber wuchs. Wir müssen also erfahren, wer genau dem neuen Feind in der Tiefe aller Meere verriet, wie er eine solch mächtige Waffe schmieden oder aus mit dem Wasser verwobenem Stoff schnitzen konnte, dass diese alle anderen hohen Kräfte des Wassers überwinden und zerstören kann. Denn uns sollte nun überdeutlich bewusst sein, dass unsere bisher dem größten Wasser widerstehenden Tiefenschiffe verloren sind, wenn es sich herumspricht, wie dieser übermächtige Dreizack erschaffen werden konnte. Mit anderen Worten, die Zeit, wo uns die Meere gehörten, neigt sich ihrem Ende zu, falls sie nicht schon im Meer der Ewigkeit zerronnen ist. Wollen wir uns dies gefallen lassen?"

"Auf deine letzte Frage, Großmeister Guurgonaiondrixar: Nein, dies dürfen wir nicht hinnehmen", sagte Panaiondrian. "Doch wage ich die Hoffnung auszusprechen, dass diese Waffe einzigartig bleiben wird, allein schon, weil sie der Inbegriff von Paisharaiondrus Macht ist und er sie ganz sicher nicht mit anderen seiner Art teilen wird. Denn wie wir ja aus der eigenen Geschichte wissen wiegt eine mächtige Waffe oder Erkenntnis nur solange, solange sie auf wenige beschränkt bleibt. Erhalten viel mehr andere diese Mittel, so erlischt die Überlegenheit und Vormachtstellung. Nur daher besteht das Gleichgewicht zwischen den Orden der hohen Kräfte von Feuer, Luft, Erde, Sonne, Mond, Gestiernen, Leben, Tod und selbstverständlich auch Wasser. Nur weil die anderen Orden ihre Kenntnisse für sich hüten konnte bisher niemand sich zum alle gemeinsam beherrschenden Gebieter aufschwingen. Daher gilt in unserem erhabenen Reich noch ein gewisser, wenn auch sehr zerbrechlich anmutender Frieden. Weil Paisharaiondru diesen mächtigen Speer besitzt mag er sich gerade als Beherrscher aller in den Meeren wohnenden Wesen empfinden. Damit das so bleibt wird er sein Wissen um den Speer nicht mit anderen teilen, nicht einmal mit seinem gehorsamsten Diener.""

"So bleibt erst recht die Frage, woher er diesen Speer hat und was dieser Speer vermag, außer die in toten Stoff gebannten Kräfte des Wassers zu zerstören und lebende Wesen in des Wassers Kraftlicht aufzulösen, wohl auch um deren inneres Selbst bloßzulegen", sagte der die Beratung lenkende Großmeister. Isaiondira, seine Schwestertochter, erbat das Wort und fragte: "welcher von unseren Ordensbrüdern kannte sich mit den Liedern der Wasserbeständigkeit und der das Leben zersetzenden Kräfte am besten aus und verschwand vor kurzer Zeit?" Alle sahen sie und dann die vier Großmeister an. "Urgaiondrurkan, sohn der Miraiondrura und des Madraianxular", wisperte der Ratssprecher, der als erster unter gleichen galt, wie es auch im gläsernen Rat der überdauernden Meister galt. Alle sahen ihn an. Dann machten sie alle bejahende Gesten. Jener erwähnte Hochmeister war nicht nur Herr der Lieder des Wassers, sondern auch der Erde, weil er von einem Erdvertrauten gezeugt und in den Jahren nach dem der Lehrzeit im Hause der Wasservertrauten die mit Wasser, Erde und Dunkelheit zusammenspielenden Kräfte Kenntnisse erworben hatte, um die unterirdischen Gewässer zu bereisen und die in den tiefen Höhlen, wo nie ein Sonnenstrahl hingelangt war lebenden Wesen zu erforschen. In dieser Eigenschaft war er damals, vor drei Sonnenkreisen, in den Höhlen tief unter den drei großen Inseln in Mittagsrichtung vor der Halbinsel verschwunden, welche das Tor zwischen dem inneren Meer und dem abendlichtgelegenen Weltmeer beherbergte. Damals gab es zumindest schon Paisharaiondru, den sie deshalb so genannt hatten, weil er als eine art lebende Vergeltung der Wasservertrauten gegen alle gegen diese ankämpfenden Feinde eingesetzt werden sollte. Der verschwundene Hochmeister kannte alle Stoffe, die mit Wasser und Erde zusammenwirkten und auch ein Lied, um durch die Freisetzung der inneren Wirkkraft des Wassers lebende Wesen zerrinnen zu lassen, um deren inneres Selbst bloßzulegen. Alles sprach also dafür, dass Paisharaiondru entweder von jenem Großmeister die Waffe erhalten hatte oder von diesem die Kenntnisse erbeutet hatte, um sich diese mit eigenen Kräften herzustellen.

"Ihr wisst, was das verbotene Lied der Bloßlegung bewirkt?" fragte Isaiondria in die Runde. Alle wussten es. Denn wer es noch schaffte, den zerrinnenden Körper wie Atemluft oder einen Schluck Wasser in sich aufzunehmen konnte die Erinnerungen des Zerfließenden in sich aufnehmen. Das war genau das, was Panaiondrian noch hatte beobachten können, als Paisharaiondru den König getötet hatte. Deshalb galt das Lied als verbotenes Lied, weil es den Mitternachtsfolgern diente und nicht den Folgern der schöpferischen und bewahrenden Kräfte.

"Zumindest dürfte diese unheilvolle Erkenntnis den Tropfen der Hoffnung enthalten, dass diese Waffe wirklich ein Einzelstück bleiben wird. Doch wird dieser immer mächtiger werdende Überriese damit immer mehr Kenntnisse in sich einsaugen können, allen voran jene, die ihn zum unüberwindlichen Herren aller Wasser machen. "Ja, und der Erde", stöhnte Olarugaran, der als Geselle zwar mithör- aber nicht Mitspracherecht im Rat der Meister genoss. Deshalb sahen ihn alle erst sehr tadelnd an. Doch dann sagte Isaiondira: "Ja, auch die Kenntnisse der Erdvertrauten. Damit kann er zum Herren alles stofflichen werden, auch wenn die Wind- und Feuerlenker dies gewiss weit von sich weisen werden. Um so wichtiger wird sein, Schwächen zu finden, um das Drängen jener Wesen zu hemmen und sie falls möglich wieder aus der Welt zu schaffen und die Waffe am besten gleich auch." Darüber bestand eine ungeteilte Einigkeit.

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Altaxarroi, mehrere Jahrhunderte später

Die 390 erlebten Sonnenkreise hatten durchaus ihre Spuren hinterlassen. Das einst dunkle Haar war mit den Zehnersonnen immer heller geworrden, sodass es nun fast so weiß wie Schnee war. Doch ihre wasserblauen Augen waren ungetrübt wie eh und je, ihre goldbraune Haut zeigte Falten, war aber dadurch eher edler geworden und verriet die Weisheit jener, die in ihr steckte. Sie trug das lange, aus der wasserblauen Haut von Tiefseeschlangen gemachte Gewand mit den korallenroten Schließen und besaß immer noch denselben bläulich eingefärbten Kristallstab als Kraftausrichter, den sie zu ihrer letzten großen Prüfung zur Meisterin der Wasservertrauten angefertigt hatte. Was sie sonst noch so in ihrem langen Leben hergestellt hatte wussten nur ihre unmittelbaren Anvertrauten, darunter ihre Tochtertochter, die wegen ihres Vaters den Lichtfolgenden beigetreten und dort zu höchstem Rang aufgestiegen war.

Eigentlich wollte sie nicht hergekommen sein. Berge waren nicht ihr Gebiet, und auf den hohen Berg der wahren Mitte durften eigentlich nur die zehn herrschenden Hochköniginnen und -könige steigen, wenn sie dort beraten wollten.

Weißer Dampf wölkte aus den viele hundert Menschenschritten langen Spalten unterhalb des fast runden Gipfels. Die schwarzen und grauen Felsen deckten den gewaltigen Berg wie ein Dach. Dieser Berg war die oberste Spitze jenes feurigen Urweltkeims, der vor mehr als zweihundert Muttersonnen von einem streitbaren Bruder der großen Mutter abgespalten wurde, als dieser sich mit ihr zu einem gewaltigen Zusammenspiel vereinigt hatte und dabei aus beider glühendem Fleisch und Blut die kleine Himmelsschwester gezeugt hatten. Einige Muttersonnen später war dann jener große Brocken in das kochende Meer eingeschlagen und hatte es an seinen Rändern berghoch hochschwappen lassen. Seitdem gab es das Land mit den mächtigen Himmelsberg, aus dessen Eingeweiden das wertvolle Erz Orichalk gefördert werden konnte, dem die Begüterten von Altaxarroi ihre hohen Gaben zu verdanken hatten. Als Fürstin der mittagslichtenen Gestade war sie nur eine Stufe unterhalb des Hochkönigs der Wasservertrauten. Doch ihr Vaterbruder Raiondruxathan, Hüter der Wolken und der Wogen, hatte beschlossen, sie zu dieser Unterredung zu schicken, da er dem, der da zu treffen war noch weniger über den Weg traute. Sie mochte ihn auch nicht. Doch wenn sie bedachte, dass er nicht so schlimm war wie der selbsternannte Gottkönig der Meerestiefen und der noch irrwitzigere König der Mitternachtsfolger, und weil sie wusste, dass es galt, sich nicht von Iaxathan gegeneinander aufbringen zu lassen, war sie losgezogen, um hier auf dem Berg mit dem König der Feuervertrauten zusammenzutreffen. Vielleicht schickte der auch nur seine heißblütige Schwester, von der es hieß, dass sie in jedem erreichten Zustand des Mondes einen Knaben zum erfahrenen Mann zu wandeln wusste.

Der Boden erbebte. Da Aiondara keine Vertraute von Erde oder Feuer war konnte sie daraus nicht erfassen, ob der Himmelsberg bald erwachte oder sich nur in einem weiteren Sonnenkreis des tiefen Schlafes regte. Sie blickte sich um, immer bereit, jederzeit über den zeitlosen Weg in ihr geschütztes Haus auf einer der Küste vorgelagerten Insel überzuwechseln. Jetzt erreichte die Sonne ihren höchsten Stand. Die jeden Morgen von fleißigen Feuerknechten blankgeputzte Platte aus gewalztem Gold spiegelte das gleißende Licht des Vaters Himmelsfeuer, als sei dieser selbst auf diesen Berg herabgestiegen, um von dort aus in den Himmel hinaufzuleuchten. Aiondara ließ den von außen durchsichtigen Schleier aus feinsten Algenfasern vor ihr Gesicht herabgleiten, um ihre Augen und ihre Haut vor den heißen Strahlen des Tagesgestirns zu schützen. Dann sah sie das kurze Aufleuchten in der Luft. Es war wie eine Stichflamme aus sonnenaufgangsfarbenem Feuer. Als die Flamme in sich zusammenfiel stand er da, ein hochgewachsener Mann mit flammenrotem Haar, gehüllt in eine Rüstung, die wie aus gefrorenen Flammen geschmiedet wirkte. In der rechten Hand hielt er seine mächtigste Waffe und Ausdruck seiner Macht, das flammende Schwert. Yanxothar, der König der Feuervertrauten, war erschienen.

Aiondara mochte es nicht, aber sie musste es tun. Das Gesetz der hohen Familien gebot, dass der oder die rangniedere den ranghöheren zuerst begrüßte und dann abwartete, ob dieser oder diese zurückgrüßte. Da sie nur eine Landesfürstin war und er ein Hochkönig grüßte sie ihn mit aller anerzogenen Ehrerbietung. "Ich bin erfreut, euch zu sehen, König Yanxothar, Herr der Flammen, der Glut und der Schmelzen, Gebieter über alle unter dem Licht des großen Himmelsfeuers lebenden Träger der inneren Flammen", sagte sie und verbeugte sich so tief es ihr von den fast vierhundert Sonnenkreisen beanspruchter Rücken zuließ. Yanxothar, der Träger des Flammenschwertes, nickte ihr zu. Dann gebot er seiner Klinge, einzuschlafen. Die Flammen schrumpften zu kleinen, starren Gebilden. Die Klinge wurde dadurch kürzer. Nun steckte er das Schwert fort. Denn um zu reden galt es, keine tödlichen Waffen in Händen zu halten.

"Auch du sei mir gegrüßt, Fürstin Aiondara, Gebieterin des Küstenlandes an den mittagslichtenen Gestaden unseres erhabenen Reiches, Gesandte von König Raionxothan, dem Gebieter der Wolken und der Wogen und allem was damit verbunden ist. Euer Gebieter und die zwischen euch und mir vermittelnde Lichtkönigin Darxandria erbaten dieses Zusammentreffen auf heiligem Gebiet. So gewähre ich euch das Wort, um den Anlass dieser Unterredung zu beschreiben", sagte Yanxothar. Der hatte trotz seiner bald vierhundertzehn Sonnen auf dieser Welt immer noch eine anregend tiefe und klare Stimme, fand Aiondara. Ja, und dass ihm nicht ein Haar vom Kopf gefallen oder wie ihr Haar mit den Jahren verblichen war erregte ebenfalls einen gewissen Neid. Doch den durfte sie hier und jetzt nicht zeigen."

"Wahrlich, mein Gebieter konnte leider nicht da selbst zu diesem Treffen kommen, weil jener, der sich Gottkönig der Wassergeborenen nennt mal wieder nach mehr Macht und Vorrang lächzt und seine vier jüngeren Geschwister in ihren Reichen aufbegehren, weil er ihnen wohl die Herrschaft über alle Meere zugesichert hat. Doch schlimmer als jener, den auch Ihr verabscheut, König Yanxothar, ist jener, der sich vorgenommen hat, die Mitternächtigen zum Endsieg über uns alle zu führen, nachdem ihm Wissen zufiel, neues Leben aus dunklen Kräften entstehen zu lassen."

"Das habe ich wohl bedacht, dass ihr Wasserlenker, Wolkentreiber und Eisschnitzer richtig viel Angst vor diesem selbsternannten höchsten Diener der alles endenden Nacht habt, nachdem euch wegen der Narretei unserer Vorgänger die Herrschaft über die Meerestiefen entfallen ist", erwiderte Yanxothar mit unüberhörbarem Spott. Aiondara musste die in ihrem Leben erprobte Selbstbeherrschung aufbieten, um nicht wie ein gekränktes Mädchen loszuheulen oder vor Wut aufzustampfen oder ihre Krallen vorzustrecken. Sie rang sich ein Lächeln ab und erwiderte: "So sind wir sehr erfreut zu hören, dass euch Feuerbändigern doch nicht gleichgültig ist, was abseits aller Feuerstellen und Glutnester vor sich geht. Doch sicher habt ihr davon gehört, was jener, der sich den Königsnamen Iaxathan zugelegt hat, seit geraumer Zeit gegen uns und damit auch euch aufzubieten vermag. Die unverwüstlichen Schlangenkrieger, die vom Blut lebenden Jäger der Nacht, sowie die neuen, hunderte von Längen messenden Riesenschlangen, die durch die Kräfte von Dunkelheit und Erde unverwüstlich sind. Auch kennt er dank des von Euch zu ihm übergelaufenen Vertrauten des Feuers das Geheimnis des Tausendsonnenfeuers. Was dies heißt muss ich Euch ja nicht verdeutlichen."

"Ja, und meine Getreuen sind bereits dabei, den machthungrigen Günstling wieder zurückzuholen und alle Vorräte des Tausendsonnenfeuers wieder einzusammeln, ohne dass dessen verheerende Kraft freigesetzt wird. Abgesehen davon kennen auch die Windhüter die Herstellungsweise, weiß ich von den Boten Ailanorars."

"Ja, und weil das so ist besteht die Gefahr, dass er, der uns alle in die tiefste Dunkelheit ohne neuen Morgen hineintreiben will, unsere neun Königshäuser gegeneinander aufhetzen mag. Abgesehen davon, dass er den selbsternannten Gottkönig der Meerestiefen durch Verlockung oder Drohung darauf bringen kann, uns jeden Fluchtweg über die Meere zu verlegen."

"Ach, habt ihr keine Lotsensteine, um die Straßen der Macht zu bereisen?" fragte Yanxothar immer noch spöttisch dreinschauend.

"Die unbegüterten können sie nicht ohne Gefahr für Leben und Verstand bereisen, abgesehen davon, dass die geheimen Zielwörter nicht allen bekannt sein sollen", knurrte Aiondara. Dann stieß sie aus: "Und unterlasst das mit dem Spott, wo wir Wasservertrauten wissen, dass Euch der Verrat von Kiruyanduran mehr schmerzt als der Verlust der Feuerinsel in den kalten Mitternachtsgefilden. Das dürfte für Eure Herrschaft ähnlich schmach- und schmerzvoll sein wie für meinen Lehnsherren der Verlust der Meerestiefen und die damit verbundene Furcht, eines Tages die Straßen der Macht nicht mehr gefahrlos benutzen zu können, sollte jener, der sich Gottkönig aller Wasserkinder nennt, beschließen, die Kraftsteine dafür aus dem Meeresgrund herausgraben zu lassen."

"Ihr wollt was von mir und den Feuervertrauten, Fürstin Aiondara", wies Yanxothar darauf hin, dass sie nichts zu fordern oder zu bemängeln hatte, solange sie als Bittstellerin auftrat.

"Ja, wir erbitten von Euch und den Euren, dass wir ein gemeinsames Bündnis mit den Lichtfolgern, den Windhütern, den Erdvertrauten, den Anvertrauten von Sonne, Mond und Zeitenwechsel schließen, um uns nicht dem Gift der Zwietracht und gegenseitiger Verachtung durch Iaxathan ausgeliefert zu sehen. Oder empfindet ihr es als erbaulich, dass er die Hüter der Erde gegen Euer Volk aufgehetzt hat?"

"Euch geht es doch darum, dass wir Feuervertrauten mit den dunklen Geschöpfen leichtes Spiel haben, die jener selbsternannte höchste Diener der alles endenden Nacht gegen die Begüterten und Unbegüterten ins Feld schickt. Da euch die Meerestiefen entwunden wurden, nachdem wir alle aus dem mörderischen Krieg der Turmhohen lernen mussten, dass unbesiegbare Krieger auch unbeherrschbar sind hofft ihr auf meine handzahmen Feuerbläser und die starken Kräfte der Feuerkrieger. So frage ich als oberster Gebieter der Feuervertrauten, was Ihr Eis- und Wasserbändiger anzubieten habt, wenn wir ein Bündnis mit euch eingehen sollen?"

"Das Wissen um die Lieder der völligen Reinigung von Fleisch und Blut, das Lied des gelöschten Durstes und die Gunst der weißen Mutter und ihrer Wasserwender, die bisher in den Eislanden große Siege erfochten haben und nur deshalb nicht auf die Feuerinsel deines Sohnes vordringen wollten, weil das glutflüssige Feuer aus den Tiefen dort zu nahe unter der Oberfläche lodert."

"Ihr wäret bereit, die Lieder des unerschöpflichen Lebens mit uns Feuervertrauten zu teilen, nur damit wir mit euch zusammen in einer großen einigen Streitmacht wider die Schlangengeschöpfe und blutsaugenden Nachtjäger Iaxathans kämpfen. Klingt fast so, als wenn die Erdvertrauten mit den Hütern des Windes zusammenwirken wollen."

"Weil dies so ist, König Yanxotahr", erwiderte Aiondara. Oder erfuhrt ihr nicht, dass Ailanorar mit den Erdvertrauten zusammenwirkt, um einen Weg zu finden, die Schlangengeschöpfe Skyllians aus der Welt zu schaffen."

"Skyllian oder auch sharanagot ist doch auch ein Erdvertrauter", grinste Yanxothar. Doch dann erkannte er, dass genau deshalb eine Verbindung sich gegenseitig um Vorrang streitender Machtgruppengeboten war, um die Verräter aus den eigenen Reihen aufzuhalten oder deren Verrat nicht zu großem Schaden werden zu lassen. So sagte er: "Wie weit seid Ihr bevollmächtigt, mit mir Verträge zwischen unseren Machtorden zu schließen, Fürstin Aiondara?" "Ich darf alles bekräftigen und besiegeln, was im Namen des auf diesem Berge geltenden Gesetzes beschlossen und verkündet wird, solange ich nicht mein eigenes Leben dafür verpfänden muss", sagte Aiondara.

"Ich bin durchaus bereit, mit den Wasserhütern ein Beistandsabkommen zu schließen. Doch muss ich dafür eine Bedingung stellen, die, wie ich weiß, auch schon mein Vorvorgänger an euren damaligen Hochkönig gerichtet hat, nachdem er ins Amt gewählt wurde, weil sein Vater sich mit dieser Ausgeburt Paisharaiondru verhoben hat."

"Ich entsinne mich", grummelte Aiondara. "Ihr verlangtet damals einen Vernichtungsfeldzug wider die von uns gezüchteten Wasserkrieger, weil diese zu einer Gefahr für euch Feuerperlenerntern wurden, weil die größten Feuerperlen an den Hängen untermeerischer Feuerberge entstehen."

"Ja, so ist es. Zwar können wir mittlerweile die Feuerperlen auch an oberirdischen Feuerberghängen mit gleichbleibendem Gesteinsschmelzenaustritt züchten. Doch die großen, besonders wirksamen Perlen verwehrt uns dieser Überrise und seine vier Geschwister, die sich für leibhaftige Meeresgötter halten. Das muss aufhören, wollt Ihr mit uns ein wirksames Bündnis gegen den einen König der Dunkelheit schmieden und pflegen."

"Ihr wisst, dass jener selbsternannte Gottkönig eine Waffe sein eigen nennt, die Eurer trefflichen Klinge ebenbürtig sein mag. Damit kann er nicht nur Meereswogen nach Belieben rufen, sondern auch den Boden erschüttern. Er kann lebende Wesen in nichts als die innere Kraft des Wassers auflösen und alle Wesen der Tiefe zu seinem Dienst rufen."

"Erzählt mir gütigst etwas neues", knurrte Yanxothar nun nicht mehr so spotttriefend wie eben noch. Aiondara wusste, dass ihn ärgerte, dass sein flammendes Schwert in mehr als zweihundert Manneslängen Wassertiefe nicht mehr so trefflich wirkte und er somit gegen einen der letzten lebenden Turmkrieger keine Möglichkeit zum Sieg besaß.

"Auch wir wollen die Herrschaft über die Meerestiefen wiederhaben, auch wegen der dort verbauten Kraftsteine der Straßen der Macht, die unsere weltweite Vorherrschaft gewähren. Doch gegen den Träger jenes Todesspeeres können auch wir nicht ankämpfen."

"Ja, aber die vier noch lebenden Brutgeschwister von ihm, die solltet ihr doch bekämpfen und vernichten können", sagte Yannxothar. Vor allem wo ich erfuhr, dass Ihr sehr fleißig wart und etwas meiner Klinge ebenbürtiges erschaffen habt, was euch die Macht einer Königin des Wassers bieten kann, wäre da nicht der Bluteid auf den herrschenden König."

"Eure Augen und Ohren sind wahrlich sehr trefflich", antwortete Aiondara nicht ohne gewissen Stolz. Selbst ihr Vaterbruder, der herrschende Hochkönig der Wasservertrauten, beneidete sie darum, dass sie jene Riesenmuschel gefunden, die dazu passende Koralle geerntet und mit dem hochwirksamen Himmelsbergerz zu einem einheitlichen Krug verbunden hatte, in dem sie mächtige Wasserzauber eingewirkt hatte. Was ihr Vaterbruder nicht wusste und auch ihre Tochtertochter Darxandria nicht erfahren durfte war, dass sie, Aiondara, eine der wenigen Wasservertrauten war, die das Lied des zerrinnenden Lebens kannten, um mit Wasser erfüllte Wesen zerfließen zu lassen und ihr inneres Selbst dabei freizulegen. Sie hatte diesen Zauber in ihren Krug mit eingewirkt, um ihn vor unerwünschtem Zugriff zu schützen.

"Ihr wollt, dass wir euch die Hänge der Feuerberge freimachen, die unter dem Meeresspiegel aufragen wie jene, die vor der Küste meines Lehens aus dem Wasser ragen, nicht wahr?"

"Unter anderem. Ich weiß, dass eine von Paisharaiondrus Schwestern mit ihrer Mischlingsbrut das größte Meer der Welt für sich eingenommen hat. Dort wachsen in einem weitläufigen Ring viele Feuerberge, die für uns Feuervertraute sehr viel verheißen. Doch wir können nicht in die Tiefen tauchen, ohne euch die dafür nötigen Helme und Kleider abzukaufen. Ja, und wenn wir dort hinuntersteigen dauert es keinen Tag, bis diese Knechte der Riesenfischfrau uns stören und wir nur noch flüchten können. Wenn Ihr das hinbekommt, dass wir dort wieder ungestört Feuerperlen abernten können, dann werden wir mit euch zusammen gegen den sehr ehrgeizigen dunklen König antreten. Bis dahin erledigen die von mir gelenkten Feuerbläser die geflügelten Blutsauger und Schlangenkrieger. Bringt Eurem König die Bedingung und lass es mich innerhalb der beiden kommenden Mittagssonnen wissen, ob er und damit ihr alle damit einverstanden seid. Ihr dürft mir dann die Entscheidung hier auf dem Berg mitteilen", erwiderte Yanxothar. Aiondara willigte ein. Darauf berührte der König der Feuervertrauten den mit Flammenmustern verzierten Bauchteil seines vorderen Panzers, wisperte etwas und verschwand in einer neuerlichen Feuerwolke. Aiondara zog ihren blauen Kraftausrichterkristallstab hervor, streckte diesen senkrecht über ihren Kopf und vollführte eine blitzartige Drehung auf der Stelle. Mit leisem Plopp verschwand sie in leerer Luft.

Zwei Tage danach traf sie den Feuerkönig erneut auf dem dampfenden Gipfel des Berges der wahren Mitte. Der König der Wasservertrauten, sowie die Könige von Erde, Wind, Licht und Sonne hatten sich den Bedingungen angeschlossen. Die Hüter der Mondkräfte, sowie die Hüter der fließenden Zeiten verhielten sich beobachtend, zumal die Hüter der fließenden Zeiten immer schon eher als die Ereignisbeobachter und nicht Ereignislenker auftraten.

"Gut, so wollt ihr verbindlich dafür bürgen, dass die beiden Brutgeschwister dieses Dreizahnspeerkämpfers, der sich wegen seiner Körperlänge und dieses Speeres als Gottkönig bezeichnet, aus ihren beanspruchten Reichen verschwinden", sagte Yanxothar. Aiondara bestätigte diese Versicherung, denn sie hatte sich entschlossen, ihr verbotenes Wissen anzuwenden und mindestens zwei der unliebsamen Ungetüme aus der Welt zu schaffen.

Mit in die dampfenden Spalten geopfertem Blut besiegelten Yanxothar und Aiondara den neuen Beistandsvertrag mit allen darin festgelegten Bedingungen. Dann kehrten sie auf ihre eigenen Weisen in ihre Herrschaftshäuser zurück.

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Eine Unterwassergrotte unter Ailanorars Inselerdteil mit dem glutroten Herzen, zwei Mondzustände nach Besiegelung des Vertrages zwischen Aiondara und Yanxothar

Die Wasservertrauten hatten auf den Einsatz von Unterseeschiffen verzichtet, seitdem Paisharaiondru nach dem Kampfschiff des Königs auch drei Handelstaucher zerstört hatte. Wer unter Wasser vorankommen wollte musste die betreffenden Wandlungen oder Anpassungen benutzen, um als einzelnes Wesen voranzukommen. Das wusste auch Fürstin Aiondara. Ihr war nicht ganz wohl dabei, dass sie weitab von ihrem eigenen Herrschaftsgebiet und ohne die ihr unterworfenen Krieger unter dieses gewaltige Eiland musste, das laut Abkommen dem Windhüter Ailonarar gehörte. Doch von hier aus konnte sie hoffen, genug Zeit zu haben, um mit ihr, Schattenwoge, der Brutschwester von kraftvollem Todeswasser fertig zu werden. Sie musste sie selbst zu sich hinlocken und zu einem Kampf stellen, der diesem Wesen zu verlockend einfach erscheinen musste. Zunächst einmal hatte sie den Schutz vor dem Ertrinken und die Beständigkeit dem Wasserdruck gegenüber gewirkt und sich dann in einer von Ailanorar erwähnten Unterwasserhöhle eingefunden, aus der sie im Zweifelsfall noch über den zeitlosen Weg verschwinden konnte. Dann hatte sie mit dem Lied des klingenden Wassers einen Lockruf ausgesandt, der eher schon eine Kampfaufforderung war. Danach hatte sie sich in eine bläulichsilberne Kugelschale aus beschützendem Eis und Mondkraft eingeschlossen.

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Schattenwoge, wie sie in der Sprache der Wasserkinder hieß, hörte das vernehmliche Plätschern, raunen und Säuseln der an Felsen und Grund schlagenden Wasser und das weit weit über ihr wogende Meer. Sie hörte die Geräusche und Gesänge, mit denen die ursprünglichen Meerestiere ihren Weg erkundeten oder nach willigen Fortpflanzungspartnern riefen. Sie musste dabei daran denken, dass sie nur mit den viel zu kleinen ursprünglichen Wassersöhnen Nachkommen zeugen konnte und dabei nur halbverständige, triebgesteuerte Mischbrütige hervorbrachte, die als Schreckensschwimmer wie übergroße Raubfische die Meere durchschwammen und nach Wassermenschen suchten. Das ärgerte sie. Ihre Brüder verweigerten es, mit ihr zusammenzufinden, weil sie von ihr keine Nachkommen wollten, die am Ende noch stärker und klüger als sie selbst wurden. Ihr ältester Bruder, Kraftvolles Todeswasser, hatte vor mehr als dreihundert Sonnenkreisen, als der große Krieg zwischen den Übergroßen tobte verkündet, dass er nur mit solchen Artgenossen Nachkommen haben wollte, die mit ihm nicht blutsverwandt waren.

"Komm kleine Meerfrau und zeig was du kannst! Zeig, ob du wirklich eine Königin oder doch nur eine niedere Magd bist!" plätscherte auf einmal eine höchst dreiste Aufforderung zu ihr hin und erfüllte ihr Bewusstsein. Sie lauschte. Wer war das und wo kam das her? Sie erkannte, dass es eine weibliche Stimme war, die die Sprache der tiefenVölker sprach. Ja, und sie hörte auch, dass dieses Weib stark und wohl auch mächtig sein musste. Gab es nach allen Jahrhunderten doch wieder neue wie sie, große und starke Wasserkrieger? Denn ihre Schwester Eisklinge wohnte schön weit fort von hier in Abendlandrichtung zwischen der mittagslichtenen Halbinsel des größten Erdteiles und der Morgenlichtküste des mit dampfenden Riesenwäldern bedeckten Erdteiles. "Komm, Schattenwoge und zeige, ob du echt eine Königin oder nur eine kleine Dienstmagd deines Bruders bist!" drang die nächste freche Aufforderung zu ihr hin. jetzt hörte sie, dass es aus der Abendlichtrichtung kam, ja, sogar aus der Mittagslichtrichtung, ungefähr da, wo dieses große Stück Land mit der viel zu trockenen und heißen Sandfläche in der Mitte im Meer lag. Das war eindeutig eine weibliche Stimme. Das war eindeutig eine Widersacherin, die sie zum Kampf herausforderte. Sie dachte daran, dass sie an die zehn Mischbrütige aus sich herausgeboren hatte, keine würdigen Krieger, nur Jäger der noch mickrigeren Wassermenschen. Wenn da eine wie sie war, die den Anspruch auf dieses Gebiet erhob musste sie das herausfinden. Falls es so war musste sie die Nebenbuhlerin besiegen und womöglich töten, auch wenn ihr Bruder sie danach wohl wütend zurechtweisen würde, dass sie ihm eine würdige Fortpflanzungsgefährtin verdorben hatte. Sie holte den von ihr selbst gemachten Speer aus hartem Gestein. Der war leider nicht mal ansatzweise so wirksam wie der Speer ihres Bruders. Doch als Schwester des Gottkönigs aller Meerestifen musste sie eine sichtbare Waffe besitzen.

Sie schwamm los, den immer noch auf sie einplätschernden Frechheiten entgegen. Unterwegs verstummten alle kalt-und warmblütigen Tiere. Die Nähe ihrer Königin ließ sie erstarren. Schattenwoge schlug immer wilder mit ihrer mehrere Landmenschenlängen ausgespannten Hinterflosse und zog mit ihren starken Armen immer schneller durch. Die zwischen ihren Fingern ausgespannten Schwimmhäute wühlten das Wasser aus ihrer Bahn. Ihr Muschelschalenhelm saß sicher und genau an ihren Kopf angepasst. Sie war willens und bereit zum Kampf gegen die dreiste Nebenbuhlerin.

Da sie hier unten die Zeit nur nach Ebbe und Flut messen konnte wusste Schattenwoge nur, dass sie eine Ebbe und zwei Fluten lang unterwegs gewesen war, bis sie dort ankam, von wo die sie anlockenden Rufe erklangen. Ja, da war der felsige Fuß des gewaltigen Inselerdteils, auf dem sich der Windhüter Ailanorar eine eigene Festung errichtet haben sollte. Doch die war auf festem Land und somit für sie unwichtig. Wichtig war für sie der Eingang zu jener Höhle, aus der die Rufe drangen. Dann sah sie eine Kugel in der Farbe des vollen Mondes und darin schwamm ganz entspannt eine unbekleidete Landfrau. Die beiden voneinander getrennten Unterleibsglieder wippten sacht im Licht der mondfarbenen Kugelschale. eine Erdbodengeborene wollte diese Anmaßenden Rufe ausgestoßen haben? Das war doch niemals die erwartete Nebenbuhlerin.

Schattenwoge schoss wie ein auf Beute losgehender Raubfisch auf die silberblau flirrende Kugelschale zu. Ihr Steinspeer lag nun in ihrer rechten Hand. Dann hörte sie die Stimme der Erdgeborenen. Das war genau jene, die sie über viele tausend Längen angelockt hatte.

"Ah, da bist du ja, kleine Meeresmagd, gerade mal dazu geeignet, neben deinem großen Bruder herschwimmen zu dürfen, wenn er hierher kommt", sagte die Erdgeborene in der Sprache der Wassergeborenen. "Du hast mich hergelockt und wagst es, mich zu verspotten, mich, Königin Schattenwoge, Herrin des größten Weltmeeres?" fragte Schattenwoge.

"Königin? Wo ist dein Herrschersitz? Wo ist dein Hofstaat? Worüber gebietest du denn, was du dir selbst erworben hast?" erwiderte die in der Kugelschale schwebende Landgeborene. "Dieses ganze Wasser, in dem du dich wiegst und dass du wohl mit einem dir nicht zustehenden Aufwand der hohen Kraft ein- und ausatmen kannst, wiederliches Weib. Wer bist du denn, dass du es wagst, mich, die Königin des größten Meeres derartig frech zu verspotten?"

"Ich binn Wasserlicht, Gebieterin eines großen Stückes Küstenland und Hüterin der hohen Kräfte des Wassers und damit stärker als du, kleine Meerjungfrau."

"Meerjungfrau? Ich bin Mutter eines erhabenen Volkes von starken Kämpfern und kräftigen Gebärerinnen", stieß Schattenwoge aus. "Für diese Unverfrorenheit werde ich dich mit Leib und Seele in mich hineinschlingen, auf dass meine künftigen Kinder von deiner Kraft und deiner Unverfrorenheit mitgenährt werden können. Deine kleine vom Mondlicht gestohlene Schale wird nicht lange halten gegen die Urkraft des Tiefengesteins. Also ergib dich lieber freiwillig, dann leidest du nicht, und wir zwei können einander genießen."

"Ich dich?" fragte Wasserlicht. "Wie denn das?" Indem du mit der großen Freude und dem Stolz in meinen Leib einkehrst, Fleisch und Blut meiner Töchter mit deiner Lebenskraft anzureichern und somit in ihnen weiterleben zu dürfen, anstatt nur zu verrotten und dem Kleingetier der Erde oder dem des Meeresbodens zur Mahlzeit zu dienen."

"Ich denke nicht, dass es mein Schicksal ist, von einer kleinen, unerfüllten Magd verspeist zu werden wie eine Gemüseknolle oder ein unbefruchtetes Vogelei. Aber du magst damit recht haben, dass ich es genießen werde, deine Unzulänglichkeit in alle Meere hinausrufen zu dürfen und deinem Bruder zu zeigen, dass ihr nicht mehr die Herrscher der Meerestiefen seid."

"So, sind wir das nicht mehr? Dann habe acht und gewinne deine letzte, schmerzvolle Erkenntnis!" rief Schattenwoge aus und stieß mit vorgestrecktem Speer vor.

Die steinerne Spitze traf mit lautem Krach auf die silberblaue Kugelschale. Diese flirrte nun ein wenig dunkler. Die Speerspitze wurde brüchig. Schattenwoge erkannte, dass die andere sich offenbar stärker abgesichert hatte als sie dachte. Der Speer mochte aus gehärtetem Stein sein. Doch gegen eine Verbindung aus Wasserkraft und Mondlicht kam er offenbar nicht an. Doch noch wollte sie das nicht anerkennen. Sie rammte den Speer erneut vor. Krach! die Spitze traf auf die Kugelschale. Diese flackerte nun. Also war sie doch nicht so mächtig. Schattenwoge holte erneut aus und stieß zu. Krach! In einem Wirbel aus silbernen und blauen Lichtern zersprang der Speer und zerrann zu nichts als im Wasser verschwindenden Gesteinsstaub. Schattenwoge wurde zurückgeworfen. Durch ihren Körper jagte ein Schauer, als wäre sie in einenBlock aus festem Eis hineingeraten. Sie sah viele silberne und blaue Lichter vor sich durch das Wasser tanzen. Dann erkannte sie, dass die Kugelschale um die Erdgeborene zersprungen war. Speer und Mondkraftschale hatten sich gegenseitig aufgehoben. Damit hatte die andere wohl nicht gerechnet.

Wenn die freche Erdgeborene nicht eine neue Kugelschale um sich bilden wollte musste Schattenwoge schnell sein. Sie raste unbewaffnet auf die andere zu, breitete ihre Arme aus und umschlang die Unverschämte. Sie musste aufpassen, sie dabei nicht sofort zu zerdrücken. Sie wollte sie lebendig in sich hineinschlingen, sie spüren, wenn sie in ihrem Bauch den letzten Lebenstropfen vergoss und so zu einem Teil von ihr selbst wurde, wie es jedes unvorsichtige fühlende Wesen war, das das Unglück hatte, in ihre Fangreichweite zu geraten.

Schattenwoge sperrte ihren gewaltigen, mit unebenen Zähnen bestückten Rachen auf. Die andere war nur ein dreißigstel so groß wie sie selbst. Sie konnte sie in einem Stück lebendig in sich hineinschlingen, wie es die großen Seeschlangen vermochten und dann genießen, wie sie in ihr zappelte und ihren hoffnungslosen Kampf kämpfte. Dass die andere einen für sie völlig unbedeutenden, durchsichtigen Stab in der Hand hielt und diesen vorstreckte kümmerte sie nicht. Gleich war die andere in ihr verschwunden und damit aus der Welt.

Wasserlicht stieß offenbar Rufe um Gnade aus. Sie sprach dabei aber nicht die erhabene Sprache der Wassergeborenen, sondern dieses unter Wasser dumpf klingende Geräuschemuster der Erdgeborenen. Daher wusste Schattenwoge nicht, was das noch sollte. Das fühlte sie erst, als sie fast den Kopf der anderen zusammen mit dem ausgestreckten Stab in ihren Schlund hineinbekam.

Unvermittelt war ihr, als würde etwas von innen an ihr zerren, nicht nur an ihrem Hals, sondern ihrem Brustkorb, ihrem Bauch, ihrem Unterleib bis hin zu ihrer Hinterleibsflosse. Es war, als wühle sich etwas von innen durch sie hindurch. Dann kam der Schmerz. Es war, als wenn viele Klingen auf einmal sie zerschneiden wollten. Es war kein Feuriger Schmerz. Es war wie Klingen aus festem Eis. Schattenwoge schrie auf und entließ dabei den bereits in ihrem Maul steckenden Kopf der kleinen Gegnerin. Dann sah sie, wie es aus ihr heraus blau leuchtete und fühlte, wie etwas ihren ganzen Körper auf einmal in abertausend Stücke zerteilte. Ihr letzter klarer Gedanke war, dass sie der Feindin in die Falle gegangen war und diese sie nun tötete. Doch die andere hatte etwas viel schlimmeres mit ihr angestellt. Als sie ihren Körper nicht mehr fühlte und merkte, wie ihre Gedanken davonzutreiben begannen erspürte sie einen regelmäßigen Sog, der immer mehr von ihr verschlang. Dann erlosch ihr Bewusstsein und zerstreute sich wie ihr Körper in abermillionen Wassertropfen, die nun von der siegreichen Gegnerin eingeatmet und auch geschluckt wurden. Immer mehr davon landete im Körper der Feindin. Damit geschah Schattenwoge, was sie ihrer Gegnerin zugedacht hatte. Dass all ihr Wissen, all ihre Erlebnisse und auch die Abkommen mit ihrem großen Bruder nun in das Bewusstsein der Gegnerin einströmten und dort zu von außen eingefüllten Erinnerungen wurden, die jedoch ohne die sie hervorbringende Seele nur Erinnerungen blieben, spürte sie nicht mehr. Ihr inneres Selbst wurde zu einem winzigen Tropfen zusammenhaltender Willenskraft im Strom des Geistes jener, die ihn sich einverleibt hatte.

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Aiondara trieb in einer Woge aus Macht und Glückseligkeit. Das Lied des zerrinnenden Lebens hatte die vielfach größere Gegnerin bezwungen, weil der Zauber ausschließlich in ihren Körper hineingeströmt war ohne sich im umgebenden Meer zu verflüchtigen. Nun sog und schlang Aiondara die aus blau leuchtenden Tropfen bestehenden Überreste wie eine kurz vor dem Verdursten stehende Wüstenwanderin in sich hinein. Mit jedem Schluck erfuhr sie mehr und mehr von der anderen, sah sich in verschiedenen Lebenslagen und hörte Unterhaltungen nach, die Schattenwoge vor vielen hundert Sonnen noch mit ihrem Bruder geführt hatte. Dann zerstreuten sich die blauen Wassertropfen im weiten Meer. Damit verging auch ein Gutteil von Schattenwoges Sein und Erinnerungen. Doch die wichtigsten Dinge hatte Aiondara erfahren und auch, dass sie so nicht mit dem selbsternannten Gottkönig fertig werden würde. Denn der brauchte sie mit seinem Speer nur so zu berühren, dass ihr Blut mit dem Speer zusammenkam, um jenen verbotenen Zauber auszulösen, den sie gerade ausgeführt hatte.

Sie brauchte eine Weile, um die in sie eingesaugten Gedanken und Erinnerungen Schattenwoges zu ordnen und aus der Woge der Macht und Glückseligkeit herauszukommen. Dann erwachte ihr eigenes Gewissen. Sie hatte ein bewusst lebendes Wesen getötet, es nicht nur körperlich, sondern auch seelisch vernichtet, ihm den Weg über die Weltenbrücke verwehrt. Damit hatte sie etwas getan, was sonst nur jene taten, die sich den Kräften der Mitternacht hingaben. Als Vertreterin einer das Leben fördernden Macht hatte sie gerade eine unverzeihliche Untat begangen. Doch dann erkannte sie, dass sie zum einen eine ständige Gefahr der Meere beseitigt hatte, die einst von ihren Vorfahren in die Welt gesetzt worden war und zum anderen abertausend fühlende Wesen davor bewahren wollte, selbst zu Opfern solcher Untaten zu werden. Schattenwoge wollte sie gnadenlos vertilgen, sich ihre Kraft und wohl auch ihr Wissen einverleiben. Nun war sie es, die vertilgt worden war. Zwischen Jäger und Beute konnte manchmal ein sehr, sehr schmaler Grad unterscheiden, erkannte Aiondara. Dann erkannte sie auch, dass das größte aller Meere nun für alle fühlenden Wesen frei zugänglich war, also auch für die Wasservertrauten und Feuervertrauten der Erdgeborenen. Wann würde Kraft des Todeswassers davon erfahren? Hatte er vielleicht noch einen letzten geistigen Aufschrei seiner Brutschwester gehört und wusste, dass sie vernichtet worden war? Sie überlegte und kam darauf, dass es zwischen den Geschwistern keine solche Gedankenbindung gab. Denn dann hätte sie auch spüren müssen, wo genau der Hauptgegner war.

Nun wieder mit sich und ihrem Gewissen im reinen zog sich Aiondara in die Unterwasserhöhle zurück, in der sie vorhin vom kurzen Weg herabgetreten war. Ihr fiel ein, dass sie noch die zweite Schwester des selbsternannten Gottkönigs auf die gnadenlose Weise aus der Welt schaffen musste. Sie durfte aber keinen der brutgleichen Brüder auf diese Weise in sich einverleiben. Die Meisterin, die ihr dieses verbotene Lied beigebracht hatte warnte ausdrücklich davor, geschlechtsungleiche Opfer zu vertilgen, um die eigenen Daseinsempfindungen nicht zu verwirren. Dann fiel Aiondara noch ein, dass sie von fleisch- und blutlosen Geschöpfen aus formbarer Dunkelheit gehört hatte, die auf diese Weise ihre eigene Stärke vermehrten und ebenso keine Opfer suchen durften, die ein anderes Geschlecht hatten als die einst in einem lebenden Körper gewachsene Seele besaß. Jetzt wusste Aiondara, warum das so war. Denn für wenige Augenblicke empfand sie den Drang, sich einen willigen Wassermenschen zu suchen, um wieder einmal zwei halbbrütige Nachkommen von ihm zu gebären. Dann versanken diese Empfindungen im wild wogenden Gewühl der gewaltsam in sich aufgesogenen Erinnerungen. Aiondara fand zu ihrer inneren Ruhe zurück. Dann wechselte sie auf dem zeitlosen Weg in ihren Herrschersitz. Es galt, die aufgebotenen Zauberkräfte zu erneuern, um dann, wohl in zwei Tagen von jetzt an, die Schwester Schattenwoges in die tödliche Falle zu locken und zu hoffen, dass auch diese so einfältig auf ihre reine Körperkraft vertraute wie Schattenwoge.

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Er war der Gottkönig aller Wassergeborenen, kräftiges Todeswasser, in der Sprache der winzigen aber viel zu mächtigen Schöpfer auch Paisharaiondru genannt. Er konnte mit seiner von ihm ersonnenen und gefertigten Waffe, die zugleich auch Zeichen seiner unbestreitbaren Herrschaft war alle Wogen in Rufweite lenken, neue erzeugen und sogar wegen der von ihm eingewirkten Kräfte der Erde schwwache bis verheerende Erdstöße erzeugen, wenn er den dreizähnigen Speer gegen den Grund des Meeres oder den Sockel einer Landmasse rammte. Deshalb war er auch bei den Landgeborenen gefürchtet, wenn auch nicht so sehr wie die zweibeinigen Übergroßen, die wie er aus einer Laune der Angst und Machtversessenheit heraus erzeugt worden waren.

Er beherrschte wie alle Wassergeborenen das Handeln aller kaltblütigen, nur Wasser atmenden Geschöpfe. Doch die von gleichwarmem Blut durchströmten, lebende Nachkommen erbrütenden und mit eigenem Körpersaft nährenden, Luft atmenden Wesen konnte er nicht so lenken wie die kleinsten Algenfresser bis größten Fleischfresser unter den Wasseratmern. Sein Bruder Meereslicht, der in der Sprache der einfältigen Winzlinge der Landmenschen Guuraiondindarian hieß, war eher der Denker und Forscher. Der hatte ihm den sehr bemerkenswerten Einfall eingegeben, durch Verschmelzungen von Landtieren und Meerestieren das Geheimnis zu enthüllen, wieso die Luftatmer sich nicht von den Wassergeborenen lenken lassen wollten. Da der Gottkönig eine besondere Begeisterung für jene schnellen, starken, aber auch scheuen Pflanzenfresser mit den geschlossenen Hornfüßen hatte, die über die grünen Flächen des Landes liefen und die dünnen Pflanzen fraßen hatte er zusammen mit Meereslicht eine Vorrichtung ersonnen und mit gemeinsamer Anstrengung gebaut, in der die einhufigen Landtiere zusammengetrieben werden konnten. Dann hatten sie herausgefunden, dass es möglich war, das Lied des zerrinnenden Lebens, das mit dem mächtigen Herrscherspeer gewirkt werden konnte, nach der Hälfte wieder umzukehren und das zerrinnende Leben in seine ursprüngliche Form, jedoch auch ohne Erinnerungen an das bisher erlebte zurückzuverwandeln. Als sie dann noch herausgefunden hatten, dass wenn zwei Wesen zur selben Zeit mit dem Lied des zerrinnenden Lebens besungen wurden konnten sie bei dessen Umkehr zwei neue Wesen erschaffen, die jedoch halb dem einen und halb dem anderen Geschöpf entsprachen. Von da an war es nur noch eine leichte Erkenntnis, dass diese Geschöpfe solange leben und eigene Nachkommen hervorbringen konnten, wenn zwei gleichgeschlechtliche Ausgangswesen in den Vorgang der halben Zerrinnung und deren Umkehr hineingezwungen wurden. Ab da hatten die beiden Brüder an die tausend Hinterflossenreittiere erschaffen, die zwei- bis dreimal so schnell durch das Meer eilen und sowohl lange Luft als auch lange Wasser atmen konnten. Gottkönig Kraft des Todeswassers hatte diese neuen Tiere seinen Völkern geschenkt und sie damit auch für den Kampf gegen aufdringliche Landgeborene ausgerüstet und ihnen die Fähigkeit verliehen, auch die schnell durch die Meere eilenden Luftatmer jagen und töten oder sie als unterhaltsames und nützliches Vieh halten zu können.

Gerade betrachteten die beiden Brüder die neue Herde der Hinterflossenhufer, wie sie die kleinen Krustentiere des Meeresgrundes abfraßen, als wie mit eiskalten Klingen etwas in ihre feinen Ohren hineinstach. Es klang wie ein von tausenden Felsen widerhallender Aufschrei, der schlagartig in Tonhöhe und Lautstärke abfiel. Das war der Schrei eines gewaltsam sterbenden Wasserkindes, nicht irgendeines, sondern einer der großen, gottköniglichen wassergeborenen.

"Das klang wie Dunkelwasser oder Schattenwoge", argwöhnte Meereslicht. Kraftvolles Todeswasser bejahte das. "Irgendwas ist ihr zugestoßen, dass so stark und schlimm war, dass wir es selbst hier, in meinem Herrschermeer hören mussten. Ich werde nach ihr und den anderen rufen. Also verschließe am besten deine Ohren vor dem Ruf des Königs!"

Meereslicht stimmte sich mit leisem Gebrumm auf das Lied der lautlosen Wasser ein, mit dem alle Bewegungen im Wasser selbst erstarrten, ohne dass Wasser zu Eis gefror. So konnte er sich auch gegen Lärm und unerwünschtem Besang anderer Wasserwesen verschließen. Als der Gottkönig die grünlichblaue, wie eine Kugel aus Eis bestehende Umhüllung um Meereslicht sah ergriff er den mit drei festen Rimen um seinen Körper getragenen Speer der Macht, zog ihn frei und streckte ihn ganz senkrecht nach oben. Dann stieß er den Ruf der Aufforderung aus, mit dem er diejenigen zur Antwort auffordern konnte, deren wahre Meeresnamen er in den Ruf einfügte. Er rief nach Schattenwoge, Dunkelwasser und Eisklinge, die drei gerade nicht bei ihm weilenden Brutgeschwister. Er wusste, dass es viele Herzschläge brauchte, bis die Rufe in allen Meeren erklungen sein würden. Er wiederholte den Ruf so oft, wie er Finger an seinen Händen hatte. Dann senkte er den Speer, der seine eigenen hohen Kräfte verstärkt und auf das gewünschte Ziel gerichtet hatte und steckte ihn wieder in die Halterimen zurück. Er winkte seinem von der grünlichblauen Schutzkugel umschlossenen Bruder zu. Die schützende Schale glühte heller. Dann flackerte sie und zerfloss dann zu vielen tausend mal tausend leuchtenden Tropfen, die in alle Richtungen davontaumelten.

Wann erwartest du die Antworten, Bruder?" fragte Meereslicht.

"Sie werden antworten, sobald sie den Ruf hören. Sie können nicht anders als zu antworten", erwiderte Kraft des Todeswassers.

Als erster antwortete Eisklinge. Er herrschte über das zwischen Eis und Wasser wechselnde Meer in der höchsten Mitternachtsrichtung, wo die Tage und Nächte drei Mondkreise dauerten. Sehr viel später erscholl die Stimme der Schwester Dunkelwasser, die zwischen der Landmasse in Mittagsrichtung des Königshauses und der großen Halbinsel des Erdteils in Morgenlichtrichtung von hier wohnte, wo die vielen feurigen Inseln lagen. Dann schwiegen die Wasser der Weltmeere wieder. Die beiden Brüder warteten und warteten. Doch Schattenwoge, die Herrin des größten Weltmeeres, die den Gottkönig einmal fast dazu bewegt hätte, mit ihr neue Nachkommen zu erbrüten, schwieg. Sie konnte dem Ruf nicht widerstreben, wussten Meereslicht und kraftvollels Todeswasser. Dass sie dennoch nicht antwortete lag also daran, dass sie nicht mehr antworten konnte. Es gab sie nicht mehr. Also war sie es gewesen, deren letzten Aufschrei die beiden Brüder hören mussten. Auch Dunkelwasser und Eisklinge hatten den Aufschrei gehört und waren verunsichert, wer es wagen und wohl auch vollbringen mochte, eine Königin der Wassergeborenen niederzukämpfen.

"Die Schöpfer, diese in ihre hohen Kräfte verliebten Winzlinge, haben sie getötet", knurrte der Gottkönig aller Meerestiefen. Ausgerechnet sie, die das größte aller Meere beherrschte, was sie nur durfte, weil er sie möglichst weit von sich weg wissen wollte, war gefunden und getötet worden. Das konnte nur jemand aus der Gruppe der Wasserbändiger gewesen sein, die ihm und seinen Brutgeschwistern die Herrschaft über die Meerestiefen missgönnten. Viele hundert Sonnenkreise lang hatten die sich damit abfinden müssen, dass ihnen die Meerestiefen verwehrt waren. Offenbar war deren Angst und Ohnmacht nicht mehr groß genug. Das musste und das würde der Gottkönig sehr ernstnehmen. "Wenn die Krieg mit uns haben wollen werden wir alle Wasserbändiger in die Tiefen reißen und dort solange festhalten, bis ihre Seelen eins mit dem Wasser aller Meere werden", beschloss der König. "Meereslicht, kehre in dein Herrschaftsgebiet in Morgenlichtrichtung zurück und bereite dich darauf vor, deine Untertanen und vor allem die Flossenhufertruppen wider die winzigen Schöpfer zu senden, wenn sie es wagen sollten unsere Herrschaft über die Tiefen zu gefährden."

"Warum Schattenwoge zuerst?" fragte Meereslicht. "Selbst bei den landgeborenen Winzlingen ist bekannt, dass Schattenwoge die größten Kräfte des Wassers beherrscht und die größten Geheimnisse der Tiefen kennt. Sie anzugreifen war ein tollkühnes Unternehmen."

"Ja, und die Winzlinge wissen auch, dass du nach mir und ihr der größte Kenner aller hohen Wasserkräfte bist und wo du deinen Herrschersitz hast. Entweder mussten sie erst erproben, wie groß ihre eigene Macht ist oder sie wollten das größte Meer der Welt zuerst zurückerobern. Aber dieser Sieg wird ihnen sehr, sehr viel kosten. Sie werden sich nicht lange daran erfreuen können", sagte der Gottkönig aller Wassergeborenen, Herr aller Meerestiefen entschlossen.

Meereslicht kehrte in sein eigenes Herrscherhaus zurück. Er wollte die höchsten Mächte der Tiefen beschwören, zumindest jene, die er und die anderen Brutgeschwister gefahrlos wecken und lenken konnten. Nur eine Kraft wollte er nicht aufwecken, die Mutter von Feuer und Wasser, die älter war als die winzigen Schöpfer, Geboren aus einer Laune der hohen Kräfte.

Ein volles Mondviertel verging, da erklang aus Morgenlichtrichtung der letzte Aufschrei einer weiteren Königin der Tiefen, Dunkelwasser, die Hüterin der schlafenden Mutter von Feuer und Wasser.

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Sie wusste, wie gefährlich es war, sich mit der zweiten Brutschwester des Gottkönigs anzulegen. Denn von jener, deren Ende sie bereits herbeigeführt hatte wusste sie, dass diese die Worte kannte, um eine angebliche Urmutter aller Feuer- und Wasserwesen aufzuwecken. Die Feuerlenker und die Wasservertrauten kannten die Geschichte von einem Urgeschöpff, das nach dem Eindringen des großen Keimes der Macht in den Leib der großen Urmutter gezeugt und erbrütet worden war. Von ihr hieß es, stammten alle im Wasser lebenden und alle das Feuer atmenden Wesen der Welt ab. Deshalb sollte sie dort leben, wo Feuer und Wasser im ständigen Wettstreit miteinander lagen. Dunkelwasser, jene Schwester von Schattenwoge, sollte irgendwoher die alten Worte der Verbindung zwischen Feuer und Wasser erlernt haben. Aiondara, die Fürstin des mittagslichtenen Abschnittes des erhabenen Reiches, musste also aufpassen, dass sie bei ihrer Jagd auf die zweite Schwester des Gottkönigs nicht zu lange brauchte, um ihre Gegnerin zu besiegen. Auch reizte sie der Gedanke, dass sie von Dunkelwasser all die Geheimnisse lernen konnte, die ihre eigene Lehrmeisterin ihr nicht hatte beibringen wollen, weil diese zu sehr in die Gefilde der Mitternachtsfolger hineinreichten. Ja, das mochte schon eine sehr große Versuchung sein.

Als sie mit den Rufen nach den großen Wasserkindern erst eine Herde bewaffneter Wassertöchter anlockte und diese nur mit der Hilfe der übermenschlich großen warmblütigen Meeresbewohner zurücktreiben konnte trafen sie und Iaiondrammaya auf einer kleinen Landmasse in Mittagsrichtung vor der großen Halbinsel des Morgenlichterdteiles zusammen. Aiondara wendete dieselbe Kampfweise an, mit der sie bereits Schattenwoge bezwungen hatte. Sie trieb die andere an, sie verschlingen zu wollen und jagte ihr im fast letzten Augenblick zwischen Leben und Tod das Lied der zerrinnenden Leben durch den Schlund in den Leib. Als ihr dann in jeder Bedeutung alles Wissen und Wirken von Dunkelwasser zufloss erfuhr sie, dass das Geheimnis der Urmutter von Feuer und Wasser darin bestand, dass eine Tiefseeschlange in einen Schauer glutflüssigen Himmelsbergerzes hineingeraten war und dadurch von Feuer und Wasser zugleich mit neuem Lebensstoff erfüllt wurde und so eine rein tierhafte Herrschaft über die zwei mächtigen Grundkräfte der stofflichen Welt erhalten hatte. Doch die Mutter aller Feuer- und Wassergeborenen schlief, weil der Feuerberg, aus dem sie ihre Stärke bezog, seine Glut verbraucht hatte und erst einmal in tiefen Schlaf versunken war. Also schlief auch sie, bis jemand so einfältig sein würde, sie mit den wie Erdstoß, Gesteinsschmelze und Brandungswogen klingenden Worte aufzuwecken und damit die Vorherrschaft aller anderen Feuer- und Wasserwesen zu übernehmen. Zumindest erfuhr Aiondara auf diese Weise auch, wie Meeresbewohner erspüren konnten, wann wo auf der Welt ein Feuerberg unter der Meeresoberfläche erwachen oder sich zwei Erdmassen gegeneinander so verschieben konnten, dass es zu heftigen Erderschütterungen kam. Das war eigentlich Wissen, das ihr als Wasservertraute nicht zustand. Doch da sie in ihrem Leben eh keine Königin der Wasservertrauten mehr werden würde und auch nicht beabsichtigte, in den nur als Beobachter und Berater tätigen gläsernen Rat der Altmeister einzutreten hütete sie dieses neue Wissen für sich alleine. Später, wenn sie ihre körperliche Daseinsform aufgeben und mit ihrem Inneren Selbst in ihrem eigenen hochmächtigen Krug der Wasserlenkung einfließen würde, mochte dieses Wissen auf Dauer gewahrt bleiben.

Als Aiondara erfuhr, dass die Meereskönige den Tod der beiden Brutschwestern als Kriegserklärung aufnahmen wurde Aiondara vor den König der Wasservertrauten gerufen und sollte sich dazu äußern, was sie getan hatte.

"Mein Herr und König, Herr der Wolken und Wogen, die Meerestiefen werden nur dann wieder von dir und deinen Nachfolgern beherrscht werden, wenn uns gelingt, die Fehler der Warzeit zu tilgen und die von unseren Vorfahren erbrüteten Übergroßen der Wassergeborenen zu vernichten. Außerdem habt Ihr beschlossen und befohlen, dass wir mit den Königen des Feuers, der Erde und der Winde wider den König der Mitternächtigen zusammenstehen. Das gelingt nur, wenn den Feuervertrauten der Zugang zu den unter dem Meer erbrüteten Feuerquellen zurückgegeben wird, wie er laut des alten Vertrages von vor tausend Sonnenkreisen gewährt wurde, da wir die Feuerperlen nicht benutzen können, sie uns aber bei der Errichtung von Unterseegebäuden helfen und uns das nötige Licht spenden können."

"Ja, und jetzt wissen der Speerkämpfer und seine beiden noch lebenden Brüder, dass da jemand ist, die das verbotene Lied kennt, um lebende Wesen in reines Wasser aufzulösen, um ihr inneres Selbst zu trinken. Allein dafür müsste ich dich aus unserer Gemeinschaft verbannen und deine Selbstentleibung fordern oder dich zum Tod durch Austrocknen im heißesten Trockenland der Welt verurteilen. Doch weil wir Blutsverwandte sind und wir auch nicht auf dein Wissen über alle Kräfte des Wassers verzichten dürfen, auch und vor allem in diesen Zeiten, werde ich dir nur auferlegen, in deinem Herrscherinnenhaus zu bleiben und nichtmetallische Waffen gegen unsere unter dem Meer wohnenden Feinde zu schaffen."

"Ich beuge mich Eurem Befehl und Beschluss", erwiderte Aiondara mit sehr schwer aufrechterhaltener Demut. Sie wusste, dass der König wusste, wie sehr sie auf seinen Herrschersitz gehofft hatte. Ja, und er wusste auch, dass sie eine immerwährende Bedrohung seiner Macht und seines Führungsranges sein würde. Er würde jede Gelegenheit herbeisehnen, sie für alle Zeiten zu entmachten. Hatte sie ihm diese Gelegenheit verschafft? Sie musste auf der Hut bleiben.

Ebenso war sie sich darüber im klaren, dass ihre Tochtertochter Darxandria, die Hochkönigin der Lichtfolgenden, davon erfahren mochte, auf welche Weise sie die beiden übergroßen Schwestern aus der Brut der turmhohen Wasserkrieger besiegt hatte. Auch wenn Aiondara nur dem König ihrer Ordensgemeinschaft und dessen Untertanen Rechenschaft abzulegen hatte hegte die Großmeisterin der Wasservertrauten und Fürstin des mittagslichtenen Küstenlandes des erhabenen Reiches ein gewisses Unbehagen, sich mit Darxandria auseinandersetzen zu müssen. Lichtfolger lehnten jederzeit das Töten von Gegnern ab, auch wenn es der schlimmste Feind überhaupt war. Für diese Liebesprediger und Lebensheiliger war jeder Feind nur solange ein Feind, wie er oder sie nicht davon überzeugt werden konnte, dass die Feindschaft ihm oder ihr selbst mehr schaden mochte als dem Gegner. Die Vertrauten der stofflichen Urkräfte wussten hingegen, dass Leben und Tod, Schöpfung und Zerstörung einander bedingten und es bei großer Gefahr für die Anvertrauten auch gerechtfertigt war, einen übermächtig zu werden drohenden Feind zu töten, wenn dies die einzige Möglichkeit war, seine Feindschaft zu beenden. Das was die Lichtfolger Lebenshut nannten galt für die Mitternächtigen als Handlungsschwäche und Machtablehnung und für die Vertrauten von Feuer, Erde, Wind und auch Wasser als Unwille zur endgültigen Beendigung von Auseinandersetzungen. Dennoch wollte und würde sich Aiondara mit ihrer mächtigen Tochtertochter Darxandria nicht darüber streiten, dass sie womöglich einen in die Dunkelheit führenden Weg beschritten hatte. Dass sie gegen ein Gebot der Wasservertrauten verstoßen hatte, tödliche Zauber zu wirken, die auch die Versuchung bargen, mehr eigene Macht zu gewinnen wusste sie ja schon. Sie wusste auch, dass sie das Lied der zerrinnenden Leben nicht auf die drei verbliebenen Turmhohen der Wasserkrieger anwenden durfte, weil das eben Männliche waren. Sie spürte ja selbst schon, wie viel Gier und Machtstreben sie mit den Seelen der beiden Schwestern Schattenwoge und Dunkelwasser in sich aufgenommen hatte. Immer wenn sie an der Küste ihres Herrschaftsgebietes stand empfand sie einen Drang, sich in das brandende Meer zu stürzen und sich darin in die "vollkommene" Gestalt zu wandeln, die in den Meeren leben und herrschen konnte.

Viele Monde half Aiondara dabei, die Untergebenen der drei selbsternannten Herren der Tiefen auszuheben. Außerdem trieb der Kampf gegen Iaxathans Truppen der unweigerlichen Entscheidung entgegen.

Eines frühen Morgenlichtes erfuhr sie, dass Iaxathan zwei Meermenschen gefangengenommen hatte, um sie mit dem Lied der Unterwerfung und einem danach folgenden BlutbindungsAblauf zu wertvollen Kundschaftern und Unterhändlern zu machen, um die zwei Brüder von Paisharaiondru zu locken, ihm im Kampf um das erhabene Land zu helfen. Iaxathan wusste, dass er nur dann König aller Menschen und Geschöpfe werden konnte, wenn er sicherstellte, dass die Bewohner der Meerestiefen unterworfen wurden. Wenn die dachten, dass er ihnen die völlige Freiheit in ihrem Reich gewährte mochten die helfen, alle Handelsschiffe zu versenken, die wichtige Güter aus anderen Ländern herbeischafften. Doch Aiondara wusste, dass Iaxathan keine freien Wesen neben sich dulden würde. Er wollte der vollkommene Herrscher sein, unbestrittenund ungefährdet. Er würde die Wassergeborenen zu niederen Knechten machen, zu Unfreien, die nur solange leben durften, wie sie dem dunklen König nützten. Da sie durch das Wissen der zwei besiegten Schwestern wusste, wo sich der selbsternannte Gottkönig aufhielt wollte sie ihn aufsuchen und davor warnen, dass seine Brüder Iaxathans Verlockungen erliegen konnten. Denn wenn der denen versprach, ihnen wirkungsvolle Waffen zu geben, um sich selbst zu Gottkönigen aufzuschwingen würde es erst einen Krieg der Wassergeborenen und dann einen Feldzug der Sieger gegen die Landmenschen geben.

Aiondara verstärkte noch einmal die Bindung zu ihrem wertvollsten Einzelstück, dass sie in einer nur von ihr oder einer Bluterbin betretbaren Grotte unter einer Glocke der Unentdeckbarkeit versteckt hatte. Hierher würde ihr inneres Selbst zurückkehren, wenn sie den Tod fand. Sie wusste, dass Yanxothar, Ailanorar, Iaxathan und ja auch die achso lebensheiligende Darxandria ähnliche Gegenstände erschaffen hatten, um nach dem unausweichlichen körperlichen Ende zu überdauern.

Nachdem sie aus dem unleerbaren Krug aus der Schale einer Riesenmuschel das Wasser des Schutzes und der Bestärkung getrunken hatte konnten ihr die Kräfte des Wassers einen vollen Tag nichts anhaben und ihre Zauberfertigkeiten des Wassers würden vervielfältigt.

Da Paisharaiondrus Herrscherhaus in der Nähe eines Ankunftsortes der Straßen der Mächtigen lag wagte sie nicht den Weg über den zeitlosen Weg, sondern nutzte den ihr als Fürstin zustehenden runden Lotsenstein, um die Straßen der Mächtigen zu bereisen. Von der nur einen halben Tausendschritt vor ihrer Küste liegenden Insel der sieben Wasser aus betrat sie mit der Anrufung für ein Leben und das Ziel in den Bergen des in halber Mitternachts- und Morgenrichtung liegenden Erdteils.

Wie es bei richtiger Anrufung der Zielworte üblich war entstand um sie herum eine goldene Lichtsäule, die sie umschloss und dann mit ihr durch Gänge aus rotem, blauen und silbernem Licht an den gewählten Zielort zu eilen. Dort versank die goldene Lichtwalze um sie herum im Kraftbündelungssockel. Die hier wirkende Zauberkraft war wie eine unsichtbare Glocke über ihr. Unbegüterte konnten diesen Ort nicht als das sehen, was er war.

Aiondara verbarg den Lotsenstein in ihrer durch die Worte des vielfachen Innenraumes aufnahmefähige Seeschlangenhauttasche. Dann stimmte sie sich darauf ein, den richtigen Zielpunkt zu erreichen. Ja, dieser Felsvorsprung vor der mittleren der drei Schwestern vor der eher zum Morgen hinweisenden Küste der Halbinsel, die das innere Meer und das Meer um das erhabene Land trennte war klar zu beschreiben. Sie stellte sich vor, mit allem an und in sich dort zu sein. Dann betrat sie mit einer schnellen Drehung den zeitlosen Weg. Nur einen Herzschlag später fand sie sich auf den von hohen Wellen umspülten Felsvorsprung in Form eines Schildkrötenpanzers. Hier in der Nähe, so wusste sie von Schattenwoge und Dunkelwasser lag das von den fünf Geschwistern zusammengebaute Felsenhaus des selbsternanten Gottkönigs. Dass es über einer weitläufigen Anordnung von Gängen und Höhlen errichtet war wusste sie auch von Dunkelwasser. Auch wusste sie, dass dort viele rein körperliche Fallen auf unbefugte Eindringlinge warteten und dass Paisharaiondru zusammen mit seinem wesentlich zaubermächtigeren Bruder Goraiondaran auch Zauber gegen durch Wasser am Leben gehaltene Wesen gewirkt hatte wusste sie auch. Sicher, gegen all das konnte sie mit ihrem Kraftausrichter ankämpfen. Doch dann konnte sie dem Gottkönig auch gleich den letzten Kampf aufzwingen, bei dem nur er oder nur sie davonkommen konnte. Es ging ihr jedoch darum, den von Iaxathan geplanten Unfrieden zu vereiteln.

Aiondara tauchte von dem schildkrötenförmigen Felsen ins Meer hinunter. Mit der Kraft der Wasseratmung und Wasserbeständigkeit konnte sie bedenkenlos bis zum Grund hinabgleiten. Zugleich vermochte sie trotz der Dämmerung in diesen Tiefen so gut zu sehen wie an freier Luft bei hellem Tag. Als sie auf dem Grund angekommen war stimmte sie in der Sprache der Wassergeborenen ein Lied an, in dem sie den Namen des selbsternannten Gottkönigs einwirkte, und zwar in einer Klangform, wie ihn die beiden zerflossenen Schwestern benutzt hatten. Das musste den Träger des Speeres der Wellen und Erderschütterungen hervorlocken, ganz gleich wo er gerade war.

Zunächst kamen kleinere und größere Fische, die in den Tönenund der von ihnen getragenen Zauberkraft die Macht einer Herrin erfühlten. Dann schwammen zehn mit Nesselgiftspeeren bewaffnete Krieger mit Muschelschalenhelmen und Panzern aus dem Dickicht der von hier aus wuchernden Tangwälder heraus. Aiondara beherrschte ihr Unbehagen. Die Krieger waren die Vorhut, kein Angriffstrupp. Dann wühlte etwas großes, starkes das Wasser über dem Grund auf und brachte Sand- und Schlamm in Wallung. Ein Schatten verdunkelte für einige Herzschläge das von vielen Längen Wasser gefilterte Sonnenlicht. Es war, als wenn ein gewaltiges Meerestier wie einer der großen, sanften Luftatmer ihrem lockenden Lied folgte. Doch dann erkannte sie, dass es ein auf dreißig Manneslängen vergrößerter Wassergeborener war, der mit seinen mit Schwimmhäuten besetzten Fingern und der mehrere Manneslängen weit ausgespannten Hinterflosse das Meer aufwühlte. Sie sah den gewaltigen Schädel mit den menschenkopf großen Fischaugen, die Nase, die so breit war, dass ein gewöhnlicher Mensch sich quer darüber hinlegen konnte und den gewaltigen Mund, schon das Maul eines mörderischen Meeresungeheuers. Das Haar des Meeresriesen hing in langen, tanggrünen Strängen unter dem aus vielen Weichtierschalen gemachten Helm herunter. Sie sah den aus sich heraus blaugrün schimmernden Speer, dessen Schaft so lang und dick wie ein mehrjähriger Baum war. Die drei Spitzen glühten in einem dem Abendhimmel nach Sonnenuntergang gleichenden Farbton. Sie wusste, wie gefährlich diese Waffe war und dass jener, der sie trug sie aus geraubten Erkenntnissen erschaffen hatte, die er wohlweißlich auch vor seinen vier jüngeren Geschwistern verborgen gehalten hatte. Das war also Paisharaiondru, die Kraft des Todeswassers, der sich selbst als lebender Gott und König aller Meerestiefen verstand. Ihr Lied hatte gewirkt.

Sie verstummte, als der herbeigesungene Riese sich zu ihr hinuntergleiten ließ. Als der sah, dass keine seiner Schwestern ihn herbeigelockt hatte machte er bereits Anstalten, den mit drei dicken Rimen am Körper befestigten Speer freizuziehen. "Einhalt, erhabener König der Meerestiefen!" rief Aiondara in der Sprache der Wassergeborenen. "Ich, Fürstin Aiondara, entbiete dir meinen Gruß und wünsche dir eine Botschaft zu verkünden", fuhr sie fort. Ihr war es zu wider, mit diesem fleischgewordenen Irrtum aller Wasservertrauten der letzten dreihundert Sonnen wie mit einem ranghöheren Träger der erhabenen Kräfte sprechen zu müssen. Doch im Augenblick zählte Verhandlungsgeschick mehr als eigenes Machtbewusstsein und der Stolz des hohen Volkes.

"Du kennst meinen Namen und hast ihn so ausgesprochen wie meine beiden Schwestern, die von etwas wiederlichen umgebracht wurden. Woher?"

"Wie dein Name klingt wissen wir Wasservertrauten von deinen getreuen Untertanen, die sich unter deinem Schutz befinden", erwiderte Aiondara ruhig. Sie durfte dem da nicht verraten, dass sie seine beiden Brutschwestern vernichtet hatte.

"Nein, du hast meinen großen Namen so gesungen, wie ihn Dunkelwasser oder Schattenwoge singen. Du musst den beiden begegnet sein, bevor sie starben. Hast du sie umgebracht? Sprich die Wahrheit!!" dröhnte Paisharaiondrus erboste Stimme durch die Tiefen des mittleren Meeres. Aiondara hatte gelernt, sich nicht einschüchtern zu lassen und war auch darauf gefasst, als diejenige verdächtigt zu werden, die die zwei übergroßen Wasserfrauen ausgelöscht hatte. So sagte sie: "Deine Schwestern haben ihren Untertanen deinen Namen zugesungen, die ihn wiederum unseren Kundschaftern und Unterhändlern zugesungen haben. Wenn ich ihn daher so singen kann, wie sie dies taten dann genau deshalb, weil ich ihn nicht anders gelernt habe", erwiderte Aiondara ruhig. Noch wähnte sie sich nicht in Gefahr.

"Du bist eine Gebieterin der Landgeborenen. Ich fühle die hohe Kraft, die dich umgibt und am Leben hält. Meine Schwestern hätten sich das kaum entgehen lassen, diese Kraft in sich aufzusaugen", grummelte Paisharaiondru. Damit verriet er der Landgeborenen auch, dass er die Macht hatte, sich ihr Leben einzuverleiben, wenn er das wollte. Auch damit hatte diese gerechnet und verhielt sich weiterhin sehr ruhig. "Sprich deine Botschaft, Herrin über die leblosen Wasser! Was wollt ihr Landgeborenen von mir oder besser, was bietet ihr mir an, dass ich euch nicht wegen meiner beiden toten Schwestern in die tiefsten Tiefen der Meere hinabreiße und euch meinen Jagdfischen zum Fraße vorwerfe?"

"Du hörtest, dass es bei uns einen König der dunklen Kräfte gibt, der all zu gerne alle Völker der Welt in Angst und Tod hineintreiben will. Dieser König will auch die denk- und mit der hohen Kraft begüterten Wesen aller Meere unterwerfen, um auch über die Tiefen herrschen zu können. Wie treu stehen deine beiden lebenden Brutbrüder zu dir, König Paisharaiondru?"

"Willst du behaupten, die beiden wollten mich umbringen?" fragte Paisharaiondru argwöhnisch. "Nein, das will ich nicht. Meine Frage gilt der Befürchtung, dass der dunkle König darauf ausgehen mag, deinen Brüdern mehr Herrschaft anzubieten als du sie ihnen gewährst. Wir, die Landbewohner, haben anerkannt, dass die Meerestiefen euer Reich sind und bleiben. Doch der dunkle König wird gerade weil die Tiefen der Meere mehrheitlich in Finsterrnis und Kälte liegen darauf bestehen, auch dieses Reich zu erobern oder sich einen oder mehrere Herrscher Untertan zu machen, die ganz und gar in seinem Sinne handeln."

"Ach, und du meinst, meine Brüder, die mir Blutstreue bis zum Erlöschen ihrer Lebenskraft geschworen haben, würden von diesem achso dunklen König dazu angestiftet, gegen ihren Blutschwur zu handeln und gegen mich kämpfen, um für diesen für Landgeborene üblich schwachen König zu handeln?" fragte Paisharaiondru.

"Es ist eine Furcht, kein fester Glaube und erst recht keine eindeutige Erkenntnis, Herrscher der Meerestiefen. Mir geht es nur darum, dass es dem dunklen König nicht gelingt, über deinen toten Körper hinweg zum herren der Tiefen zu werden", sagte Aiondara immer noch ganz ruhig. Paisharaiondru brach in ein rauhes, schon eher dem Fauchen und Brüllen eines Feuerbläsers gleichendes Lachen aus, das den Körper und das umliegende Wasser in Aufruhr brachte. Aiondara musste sich mit ihren bloßen Füßen fest in den schlammigen Boden wühlen, um nicht von den Wasserstößen umgeworfen zu werden. Dann fand der selbsternannte Gottkönig seine Sprache wieder.

"Über meinen toten Körper hinweg? Wie soll das gehen, wenn er so klein und schwach gebaut ist wie du und wo er doch wohl keiner von euch Wasserwühlern ist, die es schaffen, für eine bestimmte Zeit wie wir das wohltuende Nass zu atmen und nicht unter seinem Gewicht zusammengedrückt zu werden? Bangst du, dass er meine Brüder dazu bringen könnte, mich hinterrücks zu töten? Abgesehen davon, dass der Blutschwur auf diesen Speer geleistet wurde und somit unbrechbar ist hätten die beiden nichts davon, mich zu töten. Denn mein Tod würde den höchsten Blutsverrat bedeuten und sie wenige Herzschläge nach mir mit allen Wassern der Weltmeere vereinigen, während mein inneres Selbst in diesem Stab der Macht und des Sieges sicheren Halt finden und überdauern würde. Ihn zu nehmen würde keinem was nützen, weil nur ich bestimme, wozu der Speer verwendet wird und wer den Speer führt meinem Willen unterliegt, sowie das ja auch den von euch zu beachtlich großen Kriegern aufgeblasenen Kämpfern möglich wurde, die sich in vlliger Dummheit, dass sie um eure Anerkennung kämpfen können, gegenseitig ausgelöscht haben, bis nur noch wenige übrig sind, die weit verstreut auf den Landmassen hausen. Ja, du hörst, dass ich trotz meiner Abneigung gegen die Luftatmer und Landkriecher weiß, was bei euch da oben vorgeht. Ein Gottkönig weiß alles, was er wissen will."

"Du bist kein Gott. Denn Götter werden nicht von ihren Dienern erschaffen, sondern entstehen aus der Größe des Lebens und der Urkraft alleine", wagte Aiondara, den Überriesen zurechtzuweisen. "Bin ich das nicht. Ich entstamme der Zusammenführung der großen Urkräfte, gedüngt von eurer eigenen Schaffenssucht, die eindeutig aus den großen Urkräften des Lebens entspringt. Ich bin ein Gott, weil es nichts größeres als mich gibt und bin ein König, weil ich herrsche. Ihr wart nur die Quelle der Kraft, aus der ich und meine Brüder und Schwestern geboren wurden."

"So verstehst du das", erwiderte Aiondara, die sich sehr anstrengte, ihm nicht noch mehr zu widersprechen. "Aber deine Brüder könnten finden, dass sie unter einem dunklen Landgeborenenkönig mehr Freiheiten haben als bisher. Er könnte ihnen Waffen und Ausrüstungen geben, mit denen sie dich überwinden können."

"Waffen, die mehr können als der Speer hier? Ausrüstung, die dem Speer und seinen Kräften widerstehen können? Ja, und dann ist da noch die Blutsbindung an mein Leben. Sie können und sie werden mich nicht töten. War das die ganze Botschaft, die du mir künden wolltest, mir Angst vor meinen eigenen Brutbrüdern zu machen?"

"Es war eine besorgte Vermutung", erwiderte Aiondara. "Doch wenn du davon überzeugt bist, unangreifbar zu sein, so ist es nicht an mir, dir das Gegenteil zu beweisen, wo deine Krieger Zeugen sind", sagte Aiondara. "Doch weiß ich nicht, ob der dunkle König da nachsichtiger und achtsamer sein wird. Wenn er erfährt, dass er deine Brüder nicht gegen dich einsetzen kann, so könnte er selbst jemanden schicken, der gegen dich kämpft. Werden deine Brüder dir dann auch beistehen?"

"Versuch es nicht weiter, kleines Weib. Euer dunkler König kann und wird mich nicht aus meinem Reich vertreiben, es sei denn ... Was weißt du von meinen beiden Schwestern?" wandte sich Paisharaiondru an Aiondara. Diese erwiderte, dass sie davon erfahren habe, dass sie wohl in weit entfernten Meeren lebten. Mehr sagte sie nicht. Sie sah, dass Paisharaiondru nachdachte. Dann hörte sie ihn mit sehr tiefer Stimme etwas rufen, was sie wegen der für sie unhörbaren Töne nicht verstand.

Aus dem aus vielen Manneslängen großen Steinbrocken gebildeten Hügel schob sich ein zweites übergroßes Geschöpf halb Mensch halb Fisch hervor. Wieso hatte sie mit dem Zauber der sie umgebenden Leben nicht verspürt, dass da noch einer war?

"Meereslicht, du großer Wasserzauberer und Bruder, die kleine Wasserrührerin da behauptet, ein König der Dunkelheit wollte uns beide gegeneinander kämpfen lassen, damit er mein Reich erobern könnte. Glaubst du das auch, dass das geht?"

"Aiondara, die Mitternachtslandherrin. Was treibt eine Landherrin in unser Tiefenreich?" fragte der zweite Übergroße argwöhnisch. Dann vollführte er mit seinen Händen Bewegungen, die die fließenden Stränge des Wassers miteinander verflochten. Aiondara erkannte, dass dieser Meermensch da sehr viel Zauberkraft in sich barg und auch, dass er diese dazu eingesetzt hatte, seine Lebenskraft nicht mit dem Wasser zu teilen und so erkennbar zu sein. Dann erkannte sie, dass der Bruder Paisharaiondrus weitaus gefährlicher für sie war als einfach nur körperlich stark zu sein.

Aiondara hörte eine schwebende Stimme, die von dem anderen ausging und in sie eindrang. Da fühlte sie, wie etwas in ihrem Körper in Schwingungen geriet und sich in ihr ausbreitete, in alle Blutgefäße eindrang und dann durch ihre Hautporen ins Freie entströmte und aus ihren das Wasser wie Luft atmenden Lungen hinausdrängte. Sie sah um sich herum eine bläulich flimmernde Erscheinung, die ihr die Sicht zu nehmen drohte. Sie musste das unterbinden, wenn sie nicht aus dem leuchtenden Nebel heraus angegriffen werden wollte. Dann hörte sie zwei Frauenstimmen, die auf die leisen Worte des Meereszauberers antworteten und wusste, dass er einen Weg nutzte, um die in ihr aufgegangenen und ihrem Willen ganz und gar unterworfenen Seelen der zwei übergroßen Schwestern aufzuwecken. Sie erkannte, dass sie sich selbst in ein tödliches Netz eingesponnen hatte, weil sie mit dem Wissen und den Erinnerungen der beiden schwanger ging und keinen anderen Wasservertrauten entsandt hatte, der frei von ihren Taten war, die sie nun verrieten.

"Sie war das. Sie hat Dunkelwasser und Schattenwoge getötet und sich ihre Lebenstropfen einverleibt", bestätigte der zauberisch begabte Überriese aus dem leuchtenden Nebel heraus. Die Folge war ein alles und jeden hier erschütternder Wutschrei des selbsternannten Gottkönigs. "Also du warst das. Du hast meine Schwestern umgebracht, um dir ihr Wissen und ihre Kraft einzuverleiben, du kleine Räuberin. Doch das wird dir übel bekommen!"

Aiondara erkannte, dass sie jetzt handeln musste, wollte sie die nächsten Tausendsteltage überleben. Sie griff nach ihrem Kraftausrichter und zhog diesen frei. Dann hörte sie den, der Meereslicht gerufen wurde vier Worte sagen, die sie nicht als Zauberworte erkannte, die es aber wohl waren: "Harret aus, meine Schwestern!" Unvermittelt war Aiondara, als erstarre ihr Körper von innen her. Sie meinte, einen immer lauteren gleichmäßigen Ton von zwei Frauenstimmen zu hören, der ihre Gedanken erfüllte und diese immer mehr zurückzudrängen drohte. "Mag ich sie aus diesem unwürdigen Kerker befreien?" hörte sie noch Paishariaiondru fragen. "Ja, dies mag gelingen!" hörte sie den anderen schnell sagen. Die sie erfüllende Lähmung ließ nach. Ihre Gedanken klärten sich für einige Herzschläge wieder. Doch das reichte nicht mehr aus, um das Verhängnis abzuwenden. Es kam in Gestalt dreier langer, spitzer, am hinteren Ende breiten Klingen, die an einem baumstammdicken Schaft befestigt waren. Wie durch freie Luft stieß der Speer mit immer hellerem Licht aus den Klingen auf Aiondara zu. Diese erkannte, dass sie gleich sterben würde. Diese eindeutige Gewissheit löste jenen zauber aus, den sie vor Jahren ausgeführt und erst an diesem Morgen erneut verstärkt hatte. Als die drei gewaltigen Spitzen des Dreizacks ihren Körper durchbohrten löste sich ihr inneres Selbst, das Kahar, aus dem Körper und wechselte schneller als ein Lidschlag dorthin über, wo es mit einem darauf abgestimmten Gegenstand verschmolzen wurde. Aiondaras Krug nahm die dem Leib entsprungene Seele bereitwillig in sich auf und wurde so zu ihrem neuen Körper. Dabei wurden jedoch die von ihr gefangenen und versklavten Seelen der zwei übergroßen Meeresschwestern abgespalten und als körperlose Kraftwolken in die Umgebung ausgestoßen. Als Aiondaras ursprünglicher Körper von der tödlichen Kraft des Speeres durchdrungen wurde beherbergte er keine lebende Seele mehr in sich. Er zerfloss unter der Kraft des Speeres. Doch der selbsternannte Gottkönig erreichte nicht, was er wollte. Denn die Seelen seiner Schwestern eilten so schnell wie ein Laut im Wasser eilen kann dahin und suchten mit der Urwüchsigkeit eines Überlebenstriebes nach neuem Halt. Als sie ihn in Form von zwei Tanzsklavinnen des Königs fanden wurden sie mit deren Körpern und Seelen eins, doch ohne zu wissen, was zwischen ihrer ersten Entkörperung und der Wiederverkörperung geschehen war.

Paisharaiondru schlug wütend mit dem Speer um sich, weil er merkte, dass er nicht das Wissen der Fremden erbeutet hatte und zunächst nicht wusste, wo seine getöteten Schwestern waren. Er dachte sogar daran, dass sie sich mit dem getöteten Körper im Wasser aller Meere aufgelöst hatten und so jeder winzige Lebenstropfen auf alle dort lebenden Wesen übergegangen war. Erst Tage später würde er erfahren, dass seine beiden Mägde das Wissen seiner toten Schwestern in sich aufgenommen hattenund nun deren neue Körper waren.

"Meereslicht, die andere hat ihr inneres Selbst aus dem Leib verstoßen, damit ich es nicht ergreifen kann. Unsere Schwestern sind dabei wohl im Wasser zerronnen. Du hast gesagt, ich könnte sie beide befreien, wenn ich den sie festhaltenden Geist unterwerfe."

"Sie sind freigekommen. Ja, und die andere hat damit gerechnet, irgendwann zu sterbenund wollte nicht im freien Wasser vergehen. Sie muss sich einen Gegenstand gemacht haben, der so ist wie dein erhabener Speer, Bruder Kraft des Todeswassers", sagte Meereslicht.

"Du hast mir gesagt, ich erfahre, wie sie die beiden unterworfen hat", brüllte Paisharaiondru. Meereslicht hörte sehr wohl, dass sein eigenes Leben nun selbst in Gefahr war. Doch er blieb nach außen hin ruhig als er sagte: "Sie sind freigekommen. Sie sind irgendwo eingekehrt. Wir müssen sie nur findenund aufwecken, Bruder. Wenn du mich jetzt aus berechtigter Wut umbringst kann ich dir nicht helfen."

"So, kannst du das nicht, kleiner Wasserweber?" fragte Paisharaiondru. Die Wut wegen der Gewissheit, wer seine Schwestern umgebracht hatte, wegen des Misserfolges, die Mörderin dafür zu bestrafen und der Argwohn gegen seinen wesentlich zaubermächtigeren Bruder brachten ihn fast um den Verstand. Den Rest seiner Selbstbeherrschung fraß die von der anderen gestreute Bemerkung, dass der dunkle König der Landbewohner seine Brüder gegen ihn aufhetzen mochte, wenn er diesen was anbieten konnte, was ihnen mehr Macht gab. Meereslicht war nach ihm der mmmächtigere der drei noch verbliebenen Brüder. Was wenn er ihn dazu getrieben hatte, die einzige Seele zu zerstören, die ihm verraten hätte, wie er sich noch besser gegen diesen dunklen König hätte schützen können? Ja, und außerdem hatte der Zauberkenntnisse, die Paisharaiondru nicht hatte und die er wohl auch nicht verwenden konnte, weil er mehr Krieger als Zauberwesen war. Seine ganze Macht beruhte auf den Wasser und Erde erschütternden Speer, in dem das Lied der zerrinnenden Leben eingewirkt war.

"Ich werde gleich wissen, ob du lügst oder die Wahrheit sprachst, Bruder!!" knurrte Paisharaiondru. Er warf sich herum und stieß mit dem Speer zu. Meereslicht wollte noch einen Wall aus unbrechbarem Eis zwischen sich und den Speer bringen. Doch die drei Zacken brachen laut krachend durch die blaue Eiswand hindurch und trafen mit gnadenloser Genauigkeit den Brustkorb des Brutbruders. Sofort setzte die lebendes Fleisch verzehrende Wirkung ein. Noch ehe der Gottkönig der Meerestifen erkannte, welch unglaubliche Untat er gerade beging, floss ihm bereits alles Wissen aus Meereslichts innerem Selbst zu. Sein Körper löste sich in wilden blauen Lichtentladungen auf. All die in ihm vereinte Kraft der überhohen Kräfte entlud sich in heftigen Wasserbewegungen, die den Grund aufwühlten und zugleich zu einer viele Längen über die wogende Oberfläche hinausragenden Wassersäule wurden. Erst als der mächtige Herrscherspeer sein tödliches Werk vollendet hatte fand dessen Herr und Meister wieder zu sich. Er fühlte, wie die Gedanken von Meereslicht in ihm aufklangen und ihm die Schuld für den Tod des Bruders ins Bewusstsein trieben. Dann waren da nur noch die gemeinsamen Erinnerungen, aber auch die von Meereslicht erbeuteten Zauberkenntnisse. Der Gottkönig erkannte, dass er nun nur noch den einen lebenden Bruder hatte, der weit weg war und es auch bleiben sollte. Denn er erkannte, dass er selbst fähig war, ihn umzubringen. Doch wenn er weiterhin Herr der Tiefen bleiben wollte brauchte er mindestens einen starken Helfer.

Die ihn umschwimmenden und durch die wilden Wogen auf den Grund niedergedrückten oder weit nach oben geschleuderten Krieger fanden ihre Besinnung wieder und sahen ihren Herrscher an, der nun die zweifache Macht der übergroßen Wasserkinder ausstrahlte. "Kehrt auf eure Wachstellungen zurück. Ich begebe mich in mein Herrscherhaus", grummelte der Gottkönig der Meerestiefen. Dann befestigte er den Speer, an dem nun auch das Blut eines seiner eigenen Brüder klebte, wieder mit den drei Rimen an seinem Körper. Wie hatte er sich dazu hinreißen lassen, seinen eigenen Bruder umzubringen? Doch nun war es getan und er wusste dafür alles, was der Bruder gekannt hatte. Falls stimmte, was die hinterhältige Wasserbändigerin behauptet hatte, so würde er diesem dunklen König entgegentreten und ihn und seine Züchtungen töten.

Zwei Tage später erfuhr er, dass seine beiden Schwestern Dunkelwasser und Schattenwoge in den Leibern zweier Tänzerinnen wiedererwacht waren. Sie haderten damit, in niederen Mägden zu stecken und baten ihren Bruder darum, dass sie eine bessere Anstellung an seinem Hof erhielten. Er gewährte ihnen die Ränge als Nachwuchsüberwacherinnen.

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In Paisharaiondrus Reich, die letzten Tage des großen Endzeitkrieges

Immer wieder erbebte der Meeresgrund. Davon wurden mächtige Wellen aufgeworfen, die den Bewohnern der Tiefe die Wege verlegten oder sie in ungewollte Richtungen triben. Im Land der Schöpfer kämpften sie mit den schlimmsten Waffen, die je erfunden waren.

Gottkönig Paisharaiondru und seine Untertanen hatten sich aus diesem Kampf herausgehalten, weil die Wasservertrauten es endlich eingesehen hatten, dass ihnen die Meerestiefen versperrt blieben. Seitdem jene freche Wasserbändigerin von Paisharaiondrus Herrscherspeer in nichts als Wasser aufgelöst worden war hatte keiner von denen mehr gewagt, gegen ihn zu kämpfen. Der verbliebene Bruder des Königs hatte sich jedoch nicht dazu bringen lassen, Schattenwoges verlorenes Reich zurückzuerobern. Er mochte die dort in den Tiefen brodelnden Feuerspeierberge nicht. Doch auch Paisharaiondru hatte sich weit zurückgezogen und sich auf das Meer zwischen dem mitternächtigen und mittagslichtenen Erdteil beschränkt. Hier konnte er sich und seine Macht am besten vor neuen Übergriffen schützen. Zwar besorgte ihn ein ganz leise vor sich hingrummelnder Feuerberg mit mehreren Schlünden, der vor jener Halbinsel auf dem Grund lag, die wie ein bestiefelter Fuß aussah. Doch solange keine größeren Erschütterungen davon ausgingen wollte er sich keine Gedanken machen.

Doch nun, wo die sich für so mächtig und überlegen haltenden Landbewohner ihren Heimaterteil mit sehr starken Erschütterungswaffen bearbeiteten, um ihre jeweiligen Feinde zu vernichten bangte der Gottkönig der Wassergeborenen, dass jener schlafende Feuerriese auf dem Meeresboden doch geweckt und in Wut gebracht wurde. Dessen kleinere Brüder an Land spien jedenfalls berghohe Flammen und tödlich heißes Schmelzgestein aus.

"Kundschafter, forscht nach, ob das Land der Landherrscher noch da ist!" befahl der König den körperlich viel kleineren schnellen Spähern. Als diese unterwegs waren rief er Mondlichtwoge zu sich, eine seiner aus den angeborenen Körpern herausgetriebenen Schwestern, die es herausgefunden hatte, von einer geborenen Tochter zur nächsten Tochtertochter überzuwechseln und zugleich einiges Wissen über die Macht von Erde und Feuer zu erlernen. Sie galt als Belauscherin der Erde.

"Meine von einer überheblichen Wasserbändigerin zum wechselnden Dasein verwünschte Schwester, was sagt die Stimme der tiefen Erde?"

"Mein Bruder und König aller Meerestiefen, die Landmenschen haben Kräfte entfesselt, die mit vielen hundert Feuerstößen zugleich die Erde aufweichen und sie deshalb zum Beben bringen. Ich habe schon darauf gelauscht, ob der vielschlündige Feuerriese vor dem Stiefelhalbland darüber wütend wird. Doch bisher grummelt es nur leise in ihm. Die meisten Erdstoßwellen laufen durch das Land. Ich erkenne jedoch, dass das Land der selbstherrlichen Landläufer den schweren Stößen nicht mehr standhält. Es rutscht immer mehr mal zur einen und dann wieder zur anderen Seite nach unten, langsam aber unaufhaltsam. Ich sage dir deshalb, dass es wohl bald selbst im Meer versinkt, wenn die so weitermachen."

"Die versenken ihre eigene Heimat im Meer, diese Dummköpfe", grummelte Macht des Todeswassers, der Gottkönig aller Meeresbewohner. "Verstehe, der große Krieg findet statt. Die Narren meinen, den wahren Herren ihrer Macht durch einen großen Vernichtungskampf zu finden und vernichten sich dabei selbst. Das ist wie bei unseren entfernten Brüdern und Schwestern, die meinten, sich gegenseitig umzubringen, weil keiner von denen damit leben wollte, dass es noch andere genauso mächtige Geschwister gab."

"Ja, und deshalb bist du, mein Bruder und König, als einziger von jenen erhabenen Wesen übrig, die damals aus einer genausogroßen Überheblichkeit der Landleute erschaffen wurden, um denen zu dienen", erwiderte die mittlerweile im vierten Körper wohnende Schwester des Meeresherrschers.

"Falls der vielschlündige Feuerriese doch noch aufwacht und wütend wird will ich das früh genug wissen, um mit euch das Meer zu wechseln, Schwester", sagte der Gottkönig aller Meeresbewohner sehr entschlossen. "Ich werde mit den anderen hörfähigen Töchtern weiterlauschen. Ich erbitte jedoch genug Essen für uns, dass wir nicht selbst danach suchen müssen, mein König", erwiderte Mondlichtwoge. Ihr Herrscher sagte dies zu.

Als sie mindestens tausend seiner Körperlängen von ihm fort war entspannte sich der Herrscher. Denn er hatte es wieder gefühlt, wie sie damit haderte, dass sie nicht in jenem erhabenen großen Körper bleiben konnte, in dem sie einst geboren worden war und dass sie und ihre ebenfalls von Tochterkörper zu Tochterkörper überwechselnde Schwester, die gerade als Silberklang die größte aller Meeressängerinnen verkörperte, zu gerne wieder in großen und starken Körpern leben durften, die unsterblich waren wie der ihres Bruders und Königs. Warum er unsterblich war lag daran, dass die Übergroßen herausgefunden hatten, dass sie sich die Lebenskraft gleichbeschaffener aber viel kleinerer Artgenossen einverleiben konnten, wenn sie diese mit ihren Waffen berührten. So holte sich der Gottkönig jedes Jahr zur längsten Nacht einen jungen Krieger in sein Herrscherhaus und entzog ihm Lebenskraft und Wissen. Den Eltern jenes Kriegers wurde dann mitgeteilt, dass der junge Krieger für König und Reich sein Leben gegeben hatte, um gegen die Anfeindungen der Landbewohner geschützt zu bleiben. Jedenfalls sicherte sich Paisharaiondru auf diese Weise sein Dasein und würde dies solange tun, solange es die kleiner als er beschaffenen Meeressöhne gab. Nur an Meerestöchtern durfte er sich nicht vergreifen, weil deren Beschaffenheit und inneres Selbst sein eigenes Selbst durcheinanderbringen konnten. Doch seine beiden zum Dasein in kleineren Körpern verdammten Schwestern würden diese Macht all zu gerne haben. Doch ihnen war nur geblieben, den kurz vor dem letzten Atemzug stehenden Körper zu verlassen und eins mit bereits geborenen Töchtern oder Tochtertöchtern zu werden, was für beide immer so qualvoll war wie die Geburt von mindestens fünf Kindern zugleich und für den neuen Körper so anstrengend, dass er zwei volle Tage lang schlafen musste.

Es war am dreißigsten Tage nach Entsendung seiner die Erde belauschenden Schwester, als er nach vielen hundert Sonnen wieder einen lauten, lang anhaltenden Aufschrei durch die Meere klingen hörte. Zeitgleich erbebte die Erde so wild wie sonst nicht. Er spürte, dass die Quelle der Erschütterung weit in Abendlichtrichtung lag, da wo der Erdteil der selbstherrlichen Landgeborenen lag. Er wusste auch, was der Schrei bedeutete. Sein letzter Bruder war einer ihm überlegenen Macht zum Opfer gefallen und ausgelöscht worden, jedoch nicht so schnell, dass er nicht noch den allerletzten Schrei seines Lebens ausstoßen konnte. Er brauchte nicht nach ihm zu rufen. Er wusste nun, dass er und seine zum ständigen Umzug in blutsverwandte Körper verurteilten Schwestern die letzten ihrer Art waren und er der nun einzige noch lebende aus der verwegenen Erbrütung übergroßer Krieger.

Boten aus den anderen Weltmeeren, vor allem Botenliedsänger vermeldeten dem Gottkönig, dass ein Teil der abendlichtrichtungsküste des mitten im Meer gelegenen Erdteils weggebrochen war und ein gewaltiger Bergrutsch gefolgt von einer ebenso unbändigen Wassermasse seinem Bruder den Garaus gemacht hatte. Dieser Narr hatte ohne seine Anweisung zu erbitten beschlossen, die Gunst der Tageszeit zu nutzen, um die dem Erdteil vorgelagerten Eilande zu überrennen und die darauf wohnenden Landmenschen zu unterwerfen. Jetzt war dieser derselben Überheblichkeit zum Opfer gefallen, die diese Landbewohner dazu trieb, sich gegenseitig auszurotten.

Mondlichtwoge sandte über ihre eigenen Meeressängerinnen Botschaften an das Haus des Gottkönigs, dass der vielschlündige Riese fast davorstand, wütend zu werden, aber dann durch etwas, dass sie nicht genauer beschreiben konnte, viel von seiner Kraft verloren hatte. Was damit gemeint war erfuhr der Gottkönig erst zehn Tage später. Die kleinen Brüder des vielschlündigen Riesens, der eine auf dem stiefelförmigen Halbland, der zweite auf dem davor liegenden Eiland, waren von der Wut der aufgebrachten Erde geweckt worden und hatten eine Unmenge Schmelzgestein und Asche ausgespien, wohl das, was eigentlich als Kraft ihres großen Bruders auf dem Meeresgrund dienen sollte. Jedenfalls würde es über den Landmassen lange Zeit trübe sein, weil die Sonne nicht mehr mit ganzer Kraft leuchten konnte.

Dann, viele Mondwechsel nach jenem gewaltigen Erdstoß, endete die letzte verzweifelte Kampfhandlung auf dem Erdteil der überheblichen Schöpfer. Der Krieg war aus. Das Land war unter den von den Erdstößen und Abrutschungen erzeugten Wellen mehr und mehr versunken, bis es nicht mehr gerettet werden konnte. Wie viele von den Bewohnern auf andere Eilande und Erdteile geflüchtet waren wusste der Gottkönig der Meeresbewohner nicht. Er war jedoch nicht einfältig zu denken, dass er der einzige war, der das Wissen der alten Rassen besaß. Die auf dem alten Erdteil hatten sicher Pläne gemacht, wie sie ihr gesamtes Wissen bewahren konnten. So musste er immer damit rechnen, dass jemand kommenund seine Macht Herausfordern mochte. Doch offenbar hatten die Überlebenden zu viel damit zu tun, ihr eigenes Überleben zu sichern als danach zu trachten, sich die Herrschaft über die Meerestifen hzurückzuholen.

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Unter der Meeresoberfläche, die Jahrtausende nach dem letzten großen Krieg

Gottkönig Paisharaiondru und seine ständig von Körper zu Körper überwechselnden Schwestern, die immer einen neuen Namen annehmen mussten, um nicht von wütenden Anverwandten ausgelöscht zu werden, walteten in den Tiefen der Meere. Doch vor allem jenes zwischen dem mitternachts- und Mittagserdteil gelegene Meer war bevölkert von den treuen Untertanen des Gottkönigs. Dieser hatte erkannt, dass er nicht überall zugleich Macht ausüben konnte und deshalb den sechs Söhnen seiner beiden Schwestern die Leihherrschaft verliehen, über einen Gutteil des von ihnen bewohnten Meeresabschnittes zu herrschen. Er teilte sie in Sippen ein, die nach flüssigem Metall benannt waren, um zu zeigen, dass sie zwar Wasserwesen waren, aber durch die Benennung nach im Feuer verflüssigter Erze über alle einfachen Meeresgeborenen erhaben waren. Er nannte die Sippn Goldtropfen, Silbertropfen, Kupfertropfen, Eisentropfen, Zinntropfen und Bleitropfen. Nach der Kraft des jeweiligen Metalls stufte er die Lehensgröße der jeweiligen Sippe ein. So konnte er sich größtenteils aus allen niederen Verwaltungsdingen heraushalten und sich als allen überlegener Gott und König der Meeresgeborenen feiern und auch fürchten lassen.

Da er sich als Gottkönig verstand galt, dass überall, wo in seinem Namen gehandelt wurde, er selbst anwesend war. Ja, und wer von den zu Diensten angehaltenen einfachen Landmenschen nicht gehorchen wollte lernte die ganze Macht des Gottkönigs kennen, wenn er die in den Tiefen wohnenden kaltblütigen Großtiere losschickte, die Fischfangboote oder Frachtgutschiffe zu zerstören oder er mit seinem dreizähnigen Speer den Meeresgrund vor den Küsten erschütterte und damit verheerende Zerstörungen anrichtete, bis die Überlebenden es einmal mehr begriffen, wem sie zu dienen hatten.

Doch mit den vielen hundert Sonnenkreisen, die Paisharaiondru herrschte kam auch immer mehr Langeweile auf. Er war ein Krieger, dazu bestimmt, große Kämpfe zu führen und von Sieg zu sieg zu schwimmen. Zwar hatte er die Zeit genutzt, die damals verlorengegangenen Reiche zurückzuerobern und dort die Blutsverwandten seiner Schwestern als neue Statthalter und Unterkönige einzusetzen. Doch auch der größte Lebensraum der Welt, der Meeresgrund, war endlich. Irgendwann hatte er nichts mehr gefunden, was eine würdige Herausforderung war. Seine ständig von Körper zu Körper überwechselnden Schwestern hatten ihm vorgeschlagen, seine immer noch vorhandene Kraft auf die Erforschung der verbliebenen Geheimnisse der Welt zu richten. Zum Beispiel konnte er die in den Tiefen ruhende Kuppelstadt untersuchen, in der die einstigen Herren der Landmassen angeblich all ihr Wissen verborgen hielten. Doch es erwies sich, dass die Kuppel von einer unsichtbaren Kraft umschlossen wurde, die jeden Eindringungsversuch zurückwies und dabei auf die eigene Körper- und Geisteskraft des Eindringlings einwirkte, je stärker dieser war desto abweisender. Auch hatte er nachforschen wollen, wie die starke Kräfte verströmenden Wegsteine beschaffen waren, die laut alten Geschichten ein Netz aus schnellen Wegen von Erdteil zu Erdteil bilden sollten. Doch seine Schwestern hatten ihm davon abgeraten, einen dieser Wegsteine auszugraben. Jene, die seit je her die Belauscherin der Erdkräfte war, hatte davor gewarnt, dass die Wegsteine zu sehr mit den Kräften von Erde, Wasser und Feuer verwoben waren. Wurde einer davon entfernt mochte dies eine unaushaltbare Woge von Erdstößen und Wassermassen auslösen, die das Reich des Gottkönigs vernichten konnte. Also gab es nichts, was der Gottkönig der Meeresbewohner noch an neuen Herausforderungen bewältigen konnte.

Er erfuhr, dass es wohl doch etliche Überlebende des großen Krieges gab, die jene Kaltzeit nach den verheerenden Feuerbergausbrüchen und Erdmassenverschibungen überstanden hatten und den einfachen Landbewohnern behutsam das alte Wissen beibrachten, wobei diese Wissenden selbst wie kleine Gottkönige angesehen wurden, die Himmel, Wind, Feuer und Erde beherrschten.

Solange seine beiden Schwestern neue Tochtertöchter hatten, in deren Körper sie bei Ende ihres gegenwärtigen Lebens überwechseln konnten empfand Paisharaiondru einen Sinn in seinem dasein und wählte sich jedes neue Jahr einen jungen Krieger aus den Reihen seiner Untertanen, dessen Lebenskraft er in sich aufnahm, um weiterzubestehen. Doch als viele tausend Sonnenkreise nach ihrem gemeinsamen Entstehen herauskam, dass die beiden treuen Schwestern keine Tochtertochter mehr hervorgebracht hatten, sondern nur eine Reihe von männlichen Nachkommen kündigte sich an, dass die beiden nach vielen tausend Sonnenkreisen doch noch aus der Welt verschwinden würden. Alle versuche, doch noch eigene Töchter zu bekommen scheiterten an irgendwas, dass sie nicht herausfinden konnten. Die Heilkundigen der Meeresbewohner, vor allem die Nachwuchsbegrüßerinnen, behaupteten, dass irgendwas in den gerade bewohnten Körpern verhinderte, dass diese Töchter gebären konnten,. Versuche, einen Weg zu finden, wie sie ohne Zutun eines Meermannes aus sich heraus Nachwuchs hervorbringen konnten scheiterten daran, dass sie unter Wasser keine flüchtigen Stoffe zusammenmischen konnten, die ein solches Vorhaben möglich machten. Sie wussten von winzigen Kerbtieren, die die grünen Gewächse auf den Landmassen befielen, dass diese aus sich selbst heraus Nachkommen erbrüten konnten, ohne dafür mit einem männlichen Artgenossen zusammenkommen zu müssen. Doch deren Geheimnis blieb an Land und erreichte nicht die Tiefen des Meeres. Erst als sie es darauf anlegten, sich fruchtbare männliche Landbewohner gefügig zu machen und von denen Halblinge aus Land- und Meeresbewohnern zur Welt brachten konnte jede von den beiden je eine Tochter gebären. Die konnte jedoch nur für begrenzte Zeit unter Wasser leben, aber auch nicht unbegrenzt auf dem Land wohnen. Somit stand fest, dass wenn es gelang, die Körper zu wechseln, sie dem Gottkönig nicht mehr uneingeschränkt dienen konnten. Dennoch befahl dieser seinen Schwestern ihr körperliches Dasein zu erhalten, weil diese auch schon mehr als vierhundert Sonnen im selben Körper lebten.

Als sie dann kurz vor dem letzten Atemzug ihre Halblingstöchter zu sich hinriefen und mit ihnen die machtvolle Handlung ausführten, um die dahinwelkende Hülle abzustreifen und in einer jungen, noch lange lebenden neuen Hülle weiterzubestehen geschah es, dass die Auserwählten starben, weil die in sie einströmenden Kräfte nicht deckungsgleich mit den Körpern waren. So hörte Paisharaiondru die beiden Todesschreie seiner Schwestern als letzten Gruß einer Zeit, die er als große, erhabene Zeit empfunden hatte. Die zwei toten Halblinge wurden wie die ebenso allen Lebens verlustig gewordenen Körper seiner Schwestern dem Meer überlassen, auf dass alles von ihnen wenigstens wieder in die große Gemeinschaft allen Meereslebens zurückkehren konnte und er und seine Untertanen somit die Erinnerung an die beiden treuen Schwestern ein- und ausatmen konnten.

Die Wut darüber, dass jene, die ihn einst zum Kampf herausgefordert hatte am Ende doch noch den Tod seiner Schwestern herbeigeführt hatte trieb den Gottkönig dazu, verheerende Flutwellen gegen die Inseln im morgenlichtseitigen Teil seines innersten Reiches zu schicken. Dabei löste er ganz unbeabsichtigt den Ausbruch eines dort gelegenen Feuerriesens aus. Dessen Vernichtungskraft führte zur Beinahen Auslöschung eines vielversprechenden neuen Reiches. Nur wenige überlebten den Untergang und trugen das gerettete Wissen auf die verbliebenen Eilande und das Festland. Vor allem wurde die Angst und die Achtung vor jenem gewaltigen Herrscher aller Meere weitervermittelt, dessen dreizähniger Speer über Leben und Tod entscheiden konnte.

Als die Wut über den Tod seiner beiden letzten Gefährtinnen durch die Jahrtausende endlich verraucht war zog sich Gottkönig Paisharaiondru in seinen Herrschersitz zurück und dachte nach, welchen Zweck sein Leben noch haben mochte. Zu erobern gab es nichts mehr außer dem Land. Sicher, er konnte die dort wohnenden Hilfsvölker dazu treiben, in seinem Namen die allen Meeren entlegenen Gebiete zu erobern. Doch was würde er davon haben? Er hatte einen beständigen Frieden in seinem Reich, weil alle ihm untergeordneten Teilabschnittskönige wussten, dass sie gegen ihn nichts ausrichten konnten. Ein Gott zu sein war schon belustigend. Doch wenn in ihm das Streben nach großen Kämpfen und gewaltsamen Eroberungen wütete war Frieden die schlimmste anzunehmende Daseinsform. Er dachte daran, dass er Zwietracht zwischen den Teilabschnittsherrschern schüren konnte, um einen Krieg der Meeresbewohner zu entfachen. Doch was hätte er davon?

Irgendwo im fernen Morgenlichtmeer, das einst seine Schwester Schattenwoge beherrscht hatte sollte ein gewaltiges Wesen schlafen, das Feuer und Wasser zugleich beherrschte. Doch Schattenwoge und ihre Nachfolgenden Verkörperungen hatten immer davor gewarnt, dieses Wesen zu wecken, weil dies das Ende aller Reiche auf Erdenund im Meer bedeuten würde. Sollte er es wagen, dieses Wesen aufzuwecken und mit ihm um die Vorherrschaft in den Meerestifen zu kämpfen?

Ein wenig amüsierte es ihn, dass die ihm untergeordneten Meereskönige den einfältigen Landbewohnern vorgaukelten, sie seien die Verkörperung des wahren Herrschers aller Meere und mit den Töchtern der Landdbewohner ihre neckischen Spiele trieben. Doch ihm war nicht danach, sein Blut mit dem einer Landbewohnerin zu vermischen, zumal der Größenunterschied das unmöglich machte. Was wollte er dann also noch in der Welt? Noch etliche Jahrtausende bestehen, um mitzuerleben, wie Landbewohnerreiche entstandenund wieder vergingen wie die Gezeiten? Nein, solange wollte er so nicht mehr weiterleben. So entschloss er sich dazu, die größte Macht seiner Art zu nutzen, die Überdauerung auch nach dem körperlichen Tod hinaus, den Schlaf des langen Wartens.

"Nur wenn einst ein Volk erwacht oder Reiche aus den Tiefen von Erde und Meer wachsen, die das Leben und die Macht der Wasserbewohnenden bedrohen, so soll mich ein aus einem der sechs großen Geschlechter stammender, möglichst junger und unberührter Krieger aus dem Schlaf des langen Wartens wecken und mit mir eins werden, um gegen jene neue Drohung siegreich anzukämpfen!" verkündete der Gottkönig im Beisein aller Unterkönige, als er diese zur Bekanntgabe seines Beschlusses zusammenrief. "Ihr werdet in meinem Namen herrschen und die Reiche der Meeresbewohner erhalten, weil wir die wahren hohen Wesen dieser Welt sind. Mehret das Reich und eure Völker darin, auf dass unsere Art niemals ausstirbt! Sollte jedoch eine Gefahr für euer Dasein erwachen, so zögert nicht, mich aufzuwecken. Jener, der dies vollbringt soll dann mit mir zusammen die Bedrohung vertilgen und die einzig wahre Ordnung denkfähiger Geschöpfe wiederherstellen. So werdet nun Zeugen, wie ich in den Schlaf des langen Wartens eintrete!"

Die Unterkönige verneigten sich vor ihrem übergroßen, allmächtigen Herrscher. Dann sahen sie mit Unbehagen, wie dieser seinen mächtigen Speer der Macht über meereswogenund die Erde ergriff und dessen drei Spitzen tief in seinen Oberkörper hineinstieß. Der Boden erbebte. Das die Hallen des Herrschers ausfüllende Wasser brodelte hitzelos. Blaues und grünes Licht flutete zusammen mit dem violetten Blut des Herrschers den mächtigen Speer entlang. Ein langes, tiefes Stöhnen entrang sich dem Körper des Gottkönigs. Seine Untergebenen hingen erstarrt in den aufgewühlten Wassermassen. Dann hörte alles Beben, Brodeln und Glühen auf. Der mächtige Speer, der bis zum Schluss in den Händen seines Herren lag, erzitterte nicht mehr. Der leblose Leib des Gottkönigs sank auf den Bodenund begrub die sein Leben beendende Waffe unter sich. Nur die drei tödlichen Spitzen ragten wie eine ewige Drohung an die Welt hervor.

Die Könige der Meeresreiche erwachten aus ihrer Schreckstarre und sahen den augenfällig toten Herrscher, der bald dreißigmal so groß wie der größte von ihnen war. Er lag auf dem Boden. War das dieser Schlaf des langen Wartens?

"Warnung an alle, die in meinem Hause sind! Verlasst mein Haus, wenn ihr nicht von meinen Vorrichtungen der Abwehr getötet werden wollt! Nur wer würdig ist, mein Nachfolger zu sein darf wiederkommen, wenn mindestens ein Sonnenkreis von nun an vollendet ist", erklang die Stimme des soeben durch Selbstentleibung verstorbenen Gottkönigs. Offenbar hatte er diese Botschaft bereits vor dem Eintreffen seiner Unterkönige aufgezeichnet. Die Meereskönige zweifelten nicht, dass die Warnung berechtigt war. Sie verließen mit ihren Leibwachen und Schreibern das Haus des mächtigen Gottkönigs. Sobald sie eines der vielen Tore nach draußen durchschwammen traten hinter ihnen die vor Jahrtausenden eingebauten Fang- und Tötungsvorrichtungen in Tätigkeit. Sie lauerten nun darauf, Unerwünschte zu bestrafen, die die lange Ruhe des Herrschers störten. Nur wenn die Zeit kam, dass der Herrscher wieder erwachen sollte durfte jemand es wagen, zu ihm vorzudringen.

Erst als die Könige da selbst ihr Lebensende fühlten erzählten sie ihren erstgeborenen Söhnen und festgelegten Nachfolgern, was sie im Hause des Gottkönigs aller Meresbewohner erlebt hatten. Dabei rieten sie ihren Söhnen, den Gottkönig schlafen zu lassen, wenn ihnen die eigene Macht lieb und teuer war. Aus dem Geschlecht jenes Königs, der den morgenlichtseitigen Teil des umschlossenen Meeres beherrschte gingen von da an Könige hervor, die die Landbewohner im Glauben hielten, sie seien der wahre Herr der Meere. Aus dem Namen Paisharaiondru, den der Gottkönig einst von seinen Erschaffern erhalten hatte, wurden Namen wie Neptun und Poseidon, je danach, womit die Völker der Landbewohner den Herrn der Meere verbanden.

Allerdings formten sich die Reiche der Meerestiefen immer mehr zu eigenständigen Hoheitsgebieten, in denen der jeweilige König eigene Vorliebenund Vorhaben pflegte. So kam es im Laufe der folgenden Jahrtausende immer wieder zu Auseinandersetzungen, von denen die Landbewohner nichts mitbekamen. Kleinere Reiche wurden dabei erobert und dem Hoheitsgebiet größerer Reiche einverleibt. Das Wissen um den einstigen Gottkönig wurde zum alleinigen Kenntnisschatz der Könige und ihrer Hüter alter Geschichten und lebender Bräuche. Denn sie hielten sich für die einzig herrschaftsberechtigten Angehörigen ihrer Art und wollten entsprechend geachtet und verehrt werden. Auch gingen dabei die Geschlechter der Blei- und Zinntropfen verloren, so dass am Ende nur noch vier der einst sechs großen Sippen bestehen blieben.

Paisharaiondrus lebloser Leib und der darunter begrabene Speer des kraftvollen Todeswassers vergingen nicht. Sie warteten auf jene Zeit, die der ehemalige selbsternannte Gottkönig aller Meeresbewohner vorhergesagt hatte, die Zeit, zu der er wieder erweckt werden sollte.

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Das Apfelhaus der Familie Latierre in Millemerveilles, 20.07.2008

Es war wie in den vergangenen vierzehn Jahren. Ein Chor aus heimlich zusammengefundenen Leuten vom Schulkind bis zum Dorfratsmitglied von Millemerveilles sang ein fröhliches Geburtstagslied. Die die dabei Musikinstrumente spielen konnten begleiteten den Gesang mit gut eingeübten Harmonien. Julius Latierre versuchte, so behutsam wie möglich aus dem Ehebett zu steigen. Doch wie jedes Jahr bekam Millie das mit. Natürlich war sie auch von den Geburtstagsgratulanten geweckt worden.

Dann geh mal raus, damit die aufhören", grummelte sie. Doch ihren Mund umspielte ein aufmunterndes Lächeln. Jetzt fingen auch die Kinder aus dem Apfelhaus an zu singen. Die ganz kleinen quiekten jedoch eher als verständliche Wörter zu singen.

Begleitet von Aurore, Chrysope und Clarimonde eilte Julius die von einer unzerbrechlichen Glaswand umschlossene Wendeltreppe hinunter und öffnete die Haustür. Sofort wurde der Gesang lauter. Die, die Harfe, Akkordeon und Tamborin spielten steigerten die Lautstärke. Julius trat auf die kurzgeschorene Wiese hinaus, die das Haus umgab, nur unterbrochen von den Plattenwegen zwischen den Gartenbeeten und den Bäumen.

"Alles gute zum Geburtstag!" riefen die zwanzig Glückwunschsängerinnen und -sänger. Julius, der jetzt merkte, dass ihm trotz eines gewissen Rituals und regelmäßigen Körpertrainings noch zwei Stunden Schlaf fehlten schaffte es gerade noch, ein Gähnen zu verhindern und bedankte sich artig bei den beiden Familien Dusoleil, Sandrine und ihren Zwillingen, Blanche Faucon, Eleonore Delamontagne, Catherine, Babette und Claudine Brickston und der Frauen-WG Laurentine Hellersdorf und Louiselle Beaumont, die die kleine Lucine zwischen sich bei den Händen hielten. Julius sah das kleine Mädchen an, das nur einen Tag später als er Geburtstag feiern konnte, dieses Jahr schon den dritten. Wo war die Zeit wieder hingeflogen? Das konnte er sich immer fragen, wenn er seine mit den Jahren immer größere Familie ansah, vor allem Aurore, die mit ihren acht Jahren schon für zehn durchgehen konnte, was die Körpergröße anging, sowie Chrysope, die dieses Jahr in die Schule kommen würde.

"Du siehst noch ein wenig verschlafen aus, Julius. Spät ins Bett gekommen?" fragte Bruno Dusoleil lausbübisch grinsend. Seine Frau Jeanne setzte an, ihm dafür in die Seite zu knuffen. Doch dann ließ sie es bleiben. "Immerhin feiern Millie und ich heute auch Hochzeitstag. In den haben wir reingefeiert", erwiderte Julius. Das konnte Bruno nehmen wie er wollte. Blanche Faucon sah Bruno mit ihrem gefürchteten strengen Blick an, der keine unartigen Worte erlaubte. Dann sagte Florymont, der mal wieder das Akkordeon gespielt hatte: "Bis heute nachmittag bist du sicher wieder ganz auf der Höhe. Laurentine und ich kriegen die Musik bis dahin klar."

"Versprich ihm lieber noch nichts, Florymont. Ich habe noch ein Treffen mit der Direktrice und Leuten von der Ausbildungsabteilung. Wahrscheinlich wollen Sie den Lehrstoff für nächstes Schuljahr runterstutzen", sagte Laurentine und sah nicht ganz zufällig Blanche Faucon an. Diese nahm den Blick als Aufforderung, sich zu äußern und sagte mit ernster Stimme:

"Von einer Stutzung des Lehrstoffes war und ist keine Rede, Mademoiselle Hellersdorf. Die Schulräte von Beauxbatons wollen nur wissen, wie es angeht, dass Schüler aus einem reinen Zaubererdorf mehr über die nichtmagische Welt wissen als solche, die von da selbst stammen. Da ich diese Frage nicht so umfangreich beantworten kann und dies obendrein auch nicht für meine Aufgabe halte findet diese Unterredung statt."

"Echt, können Schulräte sich beschweren, wenn Schüler zu gut sind? Sonst meckern die doch eher, weil Schüler angeblich oder wahrhaftig hinter den Erwartungen zurückbleiben", warf Julius ein und erntete ein hefttiges zustimmendes Nicken von Bruno und Babette.

"Richtig, die Angehörigen des Schulrates von Beauxbatons sind verunsichert, dass Schüler von außerhalb Millemerveilles nicht auf dem hohen Nieveau nach Beauxbatons eingeschult werden wie die aus Millemerveilles", erwiderte Blanche Faucon, und ihr war anzusehen, dass sie doch ein wenig stolz war. Klar, ihre Enkelin Claudine würde Ende August nach Beauxbatons kommen.

"Also, wenn diese Unterredung vorbei ist kommen Laurentine und ich rüber und richten die Anlage ein, sofern meine Holde uns nicht aus eurem Garten verjagt, weil sie da noch was zurechtschnippeln muss", sagte Florymont Dusoleil. Julius nickte bestätigend. Dann durfte er noch einmal alle umarmen. Dabei fand er heraus, dass sich Sandrine besonders stark parfümiert hatte. Er sagte jedoch nichts dazu.

Als Julius wieder im Schlafzimmer war grüßte ihn Millie mit: "Hallo, Sandrine. Hast du meinem Mann ein Haar für den Vielsaft-Trank geklaut?"

"Tolle Antwort, Mamille. Aber ich bin immer noch Julius. Aber du hast recht, Sandrine muss die Parfümflasche ausgerutscht sein", sagte Julius.

"Das duschst du dir aber bitte runter, bevor du dich wieder ins Bett legst", sagte Millie mit einer Stimme, die keinen Widerspruch erlaubte. Die Erfahrung als nun schon siebenfache Mutter wirkte sich doch aus, dachte Julius. Daher nickte er nur und ging ins Badezimmer, wo er sich Sandrines überschüssiges Duftwasser vom Körper spülte und dann so wie die Natur ihn geschaffen hatte ins Schlafzimmer zurückkehrte. Als er den Schnuppertest bestanden hatte durfte er sich einen anderen Sommerpyjama anziehen und neben seine Frau legen. "Die wird mit ihren Mitte zwanzig langsam immer frecher, die achso behutsame Sandrine Dumas", meinte Millie. "Was war da noch zwischen Blanche und Laurentine?" Julius erwähnte kurz, das Laurentine sich heute noch vor der Ausbildungsabteilung äußern sollte, warum reine Zaubererweltkinder aus einem fast maschinenfreien Dorf in der Provence mehr Ahnung von den nichtmagischen Sachen in Paris oder sonst wo hatten. "Ja, aber das merkt doch nur Professeur Paximus", meinte Millie. "Ja, und wahrscheinlich fürchtet der, demnächst seinen Job zu verlieren, wenn die Schüler mehr wissen als er. Ich denke immer noch an die Stunde zurück, wo ich den UTZ-Kandidaten die Grundlagen von Computern erklärt habe", erwiderte Julius. "Wo du Belles Zwillingsschwester auf Zeit warst?" mentiloquierte Millie. Julius schickte auf dieselbe Weise ein "War damals für mich und alle anderen sehr einprägsam." Seine Frau grinste, obwohl das gegen die Mannieren des Mentiloquismus verstieß, auf zugesandte Gedankenbotschaften mit einer Körperregung zu antworten.

Um halb sieben muhte die Miniaturausgabe der geflügelten Kuh Artemis vom grünen Rain. Als er dieser wie gewohnt kurz über das pralle Euter strich, um sie symbolisch zu melken hörte er die celloartig klingende Gedankenstimme der Originalausgabe: "Mich hat die jüngere Barbara auch gerade erleichtert. Alles gute zur Wiederkehr deines Geburtstags." Julius bedankte sich bei Temmie für den Geburtstagswunsch. Dann konnten Millie und er noch zwei Stunden schlafen. Aurore und Béatrice hielten die jüngeren Kinder vom Elternschlafzimmer fern.

Nach dem Frühstück trafen die vier Brocklehursts zusammen mit den Merryweathers ein. Die hatten das Überschall-Luftschiff aus Viento del Sol genommen, dass um zehn Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit in Millemerveilles landete. Brittanys und Linus' Kinder Leonidas Andronicus und Brooke Beverly freuten sich auch wieder, die Verwandten aus ganz weit weg besuchen zu können. Brooke konnte zwar schon frei laufen, trug aber noch eine Windel für Kleinkinder. Offenbar war sie noch nicht richtig im Training, dachte Julius nur.

Brittany durfte wieder veganes Mittagessen zubereiten und hatte auch schon einiges mitgebracht, was sie abends beim alljährlichen Geburtstagsgrillen auf den Rost legen konnte, ohne Tierprodukte essen zu müssen.

Julius Halbgeschwister freuten sich über den großen Gartenund den hauseigenen Spielplatz. Damit waren die Eltern erst einmal frei, sich über die Ereignisse der letzten Wochen zu unterhalten. Auch in den Staaten war durchgesickert, dass die Familie Potter wohl Mitte August das dritte Kind haben würde. In England gab es sogar Wetten, ob das dritte Kind von Harry Potter wieder ein Junge oder die erste Tochter werden würde. Ebenso gab es Gerüchte, dass George Weasley, der die Schlacht von Hogwarts überlebende Zwilling, wohl doch heiraten würde. Sowohl im Tagespropheten, wie der Hexenwoche wie im Quidditchkurier, als auch dem Miroir Magique in Frankreich wurde davon berichtet, dass zwei ehemalige Stars der Gryffindor-Hausmannschaft über verschlungene Pfade wieder zusammengefunden hatten. Julius erinnerte sich noch an die angebliche oder wahrhaftige Braut Angelina Johnson. "Dann ist die Familienfreude bei den Weasleys ja komplett", meinte Linus Brocklehurst, der über seine britischen Verwandten die neuesten Meldungen über die Berühmtheiten bekam. "Kann man so sagen", meinte Julius. Er kannte ja die Weasleys von Gabrielles Hochzeitsfeier, die fast in einer Katastrophe für die Geheimhaltung der Magie geendet hätte.

Julius Mutter Martha unterhielt sich mit Béatrice über Félix und Chloris, wohl auch um klarzustellen, dass sie ganz deren Großmutter war. Lucky Merryweather meinte zu Julius: "Ist es nicht schön, dass wir wieder viel über eigentlich belangloses Zeug wie die Kinder anderer Leute reden können und keine Angst haben, dass irgendwer die Welt in Stücke sprengen will?"

"Ich weiß das nicht so genau, Lucky. Im Moment scheinen sich alle dunklen Mächte gegenseitig zu belauern und lassen anständige Leute in Ruhe. Vielleicht beharken die sich aber auch im Hintergrund, ohne dass wir das mitbekommen. Aber ich freue mich auch, dass mal gerade eine längere Ruhepause ist und dass es euch allen gut geht", sagte Julius.

Am Nachmittag kamen noch Glorias Familie zusammen mit Pina Watermelon und den Hollingsworth-Zwillingen Betty und Jenna an. Die Malones trafen zusammen mit Barbara van Heldern und ihrer auch schon auf vier Kinder angewachsenen Familie ein. Julius empfing die Besucher wie üblich im Foyer. Florymont hatte ihm ja auch einen Begrüßungsstuhl gebaut, der mit einer im freien Raum klingenden Zauberstimme "Tritt ein, o Gast, genieß die Rast!" jeden neuen Geburtstagsgast willkommenhieß.

"Millie hat gefragt, ob sie dir eine neue Flasche von deinem Lieblingsparfüm kaufen möchte, weil du wohl vor Aufregung heute morgen die Hälfte verschüttet hast", meinte Julius zu Sandrine, als diese ihn zur Begrüßung umarmte. "Mir war danach, sie ein wenig zu kitzeln", meinte Sandrine ungewohnt schelmisch grinsend. Dann überließ sie Julius ihrer Mutter, die sich bedankte, ebenfalls mit eingeladen worden zu sein und dass ihr dadurch eine Abwechslung in den ganzen Vorbereitungen auf das neue Schuljahr geboten wurde. "Du kriegst ja diesen Sommer noch eine von unseren Töchtern dazu", meinte Julius zu Geniviève Dumas. Sie schmunzelte zufrieden.

Als Laurentine und Louiselle ihn begrüßten sagte Laurentine grinsend: "Ich darf weiter meinen Unterricht machen, falls ich mich bereiterkläre, später auch in Beauxbatons Muggelkunde zu geben." Darauf erwiderte Louiselle: "Ja, aber nur wenn die Stelle höher bezahlt wird als die für Protektion gegen destruktive Kräfte." Julius wusste, dass die beiden sich genau deshalb kennen und später auch lieben gelernt hatten, weil Laurentine von Hera eine Nachhilfelehrerin für die Abwehr dunkler Zauber gefunden hatte, um für einen Ausflug in die Staaten gegen Leute wie die Spinnenhexe oder Ladonnas Rosenschwestern besser gerüstet zu sein. Das bei dieser Art von Nachhilfe womöglich die kleine Lucine entstanden war war wohl deren ganz persönliches Geheimnis, auch wenn Lucine von Jahr zu Jahr immer mehr Laurentines Mutter ähnelte, obwohl sie auch Gesichtsmerkmale ihrer Gebärerin Louiselle aufwies. Irgendwann würde das doch mal mit lautem Trara ans Licht kommen, wie Louiselle die Kleine zur Welt gebracht hatte, dachte Julius. Doch dann fand er, dass er ja echt genug eigene Geheimnisse und Sorgen hatte, die nicht für den Rest der Welt bestimmt waren.

Kurz nach vier trafen Aurora Dawn und ihre Tochter Rosey per Flohpulver ein. "Ich schluck mal eben den Zeitanpassungstrank", sagte Aurora. Rosey sah ihrer Mutter mit verschlafenen Augen zu. "Nein, du darfst den noch nicht. Der ist erst für Kinder ab sechs unbedenklich", sagte Aurora ganz eine Heilerin und strenge, alleinerziehende Mutter. "Dann schlaf ich gleich hier ein", grummelte Rosey. Doch offenbar schaffte die es auch ohne den Ortszeitanpassungstrank, wach genug zu bleiben, um Julius mit ihren kurzen Armen zu knuddeln. Als er sie hochhob meinte er: "Ja, jetzt merke ich, dass du kein Laib Brot mehr bist."

"Nicht so frech, sonst struller ich dir auf den Festumhang", mentiloquierte Rosey. Mit hörbarer Stimme kicherte sie, als habe Julius einen dollen Witz erzählt.

Als endlich alle eingeladenen Gäste angekommen waren und ihre Geschenke in der schier unendlich viel aufnehmenden Geburtstagstruhe verstaut hatten setzten sich alle draußen im Garten an die aufgestellten Tische. Florymont und Laurentine prüften kurz noch die aus einem Musikfass und einem Raumbeschallungsglobus zusammengesetzte Musikanlage, aus der später für alle an jedem Ort des Grundstücks gleichlaut hörbare Musik abgespielt wurde. Dazu hatten Florymont und Laurentine noch farbige Lichter in die Bäume gehängt, die im Rhythmus der Musikstücke aufglühen würden wie eine elektrische Lichtorgel nichtmagischer Discotheken. Es fehlte eigentlich nur die rotierende Discokugel und eine Laserlichtanlage für grelle Akzente.

Millie präsentierte ganz stolz den Geburtstagskuchen mit den sechsundzwanzig brennenden Kerzen. Sie hatte ihn ohne Eier und tierische Fette gebacken, damit auch Brittany was davon essen würde. "Ja, nur dass die Kerzen immer noch aus Wachs sind", meinte Brittany mit einem Ist-nicht-so-gemeint-Gesichtsausdruck. "Du musst die Kerzen nicht mitessen", meinte Millie dazu.

Als Julius alle Kerzen mit einem kräftigem Luftstoß auspustete klatschten sie alle Beifall. Er hatte sich gewünscht, dass sie einmal ein ganz friedliches Jahr miterleben konnten, ohne dunkle Wesen und Gegenstände. Doch mit dem letzten Flackern einer Kerzenflamme war die Hoffnung auf Erfüllung dieses Wunsches ebenfalls erloschen. Er war in der ganzen Welt unterwegs. Irgendwo gab es sicher noch was, das ihm diesen Wunsch verderben würde.

Während sie die Geburtstagstorte und die drei anderen Kuchen verspeisten sprachen die jeweiligen Tischgemeinschaften über Dinge, die sie so interessierten. Julius unterhielt sich dabei mit Aurora und Béatrice über die Neuerungen in der magischen Heilkunst. "Also nach Laura Morehead müsste Ceridwin Barley bald eine Zwangsapprobation erhalten, weil sie den Blutauffrischungstrank zwei mit einem erweiterten Katalysetrank in nur der hälfte der Zeit brauen kann und so stolz drauf war, dass sie es im praktischen Zaubertrankmacher veröffentlichte, ohne dass sie das auch im Heilerherold erwähnte", sagte Aurora.

"Ja, und sie hat euer Monopol auf das Antidot 999 geknackt", meinte Béatrice dazu. "Sie hat europäische und asiatische Entsprechungen zu eurer australischen Giftküche gefunden, die mit Bezoarsteinen von Ziegen aus vier Himmelsrichtungen die Wirkung des bisherigen AD 999 erreichen."

"Was die Heilerzunft in Großbritannien erst verifizieren muss, Trice. Kriegen die raus, dass es nur 500 Gifte aufhebt oder dass es unerwünschte Nebenwirkungen hat halten wir Aussis immer noch das Monopol. Falls sie unseren Breitbandentgifter echt mit Zutaten von der Nordhalbkugel nachbrauen kann findet wohl die Zwangsapprobation und Dienstverpflichtung statt, sagen Laura Morehead und der britische Kollege Silverspoon. Jedenfalls bekam sie laut meinen Verbindungen in die alte Heimat bereits eine Anfrage, vor interessiertem Publikum in der Dilys-Dervent-Halle für angehende Heiler zu referieren, wie sie das immer wieder anstellt, althergebrachte Zaubertränke zu verbessern."

"Und, geht sie darauf ein?" fragten Béatrice und Julius gleichzeitig und mussten darüber lachen. "Da sie keine approbierte Heilerin ist muss sie nicht darauf eingehen", sagte Aurora. "Allerdings hätte sie sich sicher nicht so weit aus dem Fenster gelehnt, wenn sie nichts davon hätte weitergeben wollen was sie so hinbekommt."

"Wobei sie sicher auch viele Sachen macht, von denen nichts in den Fachzeitschriften steht", warf Béatrice ein. Julius hätte fast "Felix Felicis" gesagt. Doch der Trank war ja nicht neu.

"Als Julius nach dem Kuchenessen von Tisch zu Tisch ging, um mit den anderen Gästen zu sprechen erfuhr er von Kevin, dass seine Eltern ihre Blockadehaltung gegen seine Familie aufgegeben hatten. "Meiner Mum ist es zu wichtig, mitzubekommen, wie ihre Enkel aufwachsen. Dad grummelt zwar immer noch was von wegen "Froschfresserblut", aber Gwyneth hat ihm frech wie ein Jarvey geantwortet, dass die in Belgien eher Pommes Frites verputzen, also dasselbe Kartoffelzeugs wie ihr Engländer, nur dass sie da besseres Bier haben als in England."

"Wie geht es Gwyneth?" fragte Julius. "Die heiratet an Halloween, einen gewissen Abraham Murray, dem kleinen Bruder von Ashton Murray, der neuen Hüterin der Harpies. Dann werden die Quidditcherbanteile quadrokubiert oder wie das in der Rechnerei heißt."

"Oh, den Ausdruck kannte ich noch nicht", sagte Julius. "Aber vielleicht wird dann eines von Gwyneths Kindern ein Quidditch-Superstar, der ohne Besen fliegen kann." Kevin lachte lauthals. "Das gebe ich gerne an sie weiter. Wahrscheinlich wird sie dich dafür in Grund und Boden knutschen. Lustig ist's auf jeden Fall."

"Unsere Kinder haben doch auch Quidditchspielerblut von beiden Seiten", sagte Patrice. "Corinne ist jetzt die Nationalkapitänin der Belgier und hat in unserem Quidditchkurier ausgesagt, die beiden kommenden Weltmeisterschaften zu spielen. Danach wird sie wohl entweder in die Besenfertigung oder in die belgische Spiele-und-Sport-abteilung reingehen." Julius freute sich über diese Aussichten. Immerhin hatten er und Corinne, die Patrices Nichte war, obwohl sie ein Jahr älter als Patrice war, mehrmals gegeneinander Quidditch gespielt, wo sie als Sucherin und er als Jäger die Punkte gesammelt hatten.

Und du hast immer noch Kontakt zu den Verwandten von Gabrielle Marceau?" fragte Eleonore Delamontagne, als er an den Tisch kam, an dem sie zusammen mit den Eheleuten Martha und Lucky Merryweather saß. Julius bejahte es. "Pierre hat mir einmal geschrieben, dass sein Großvater, der General außer Diensten, schwer leberkrank geworden ist und jetzt hofft, dass sie ihm in seinem Alter noch ein Spenderorgan transplantieren, also die Leber eines Verstorbenen, der vor dem Tod die Genehmigung dazu erteilt hat einpflanzen. Irgendwie kam es aus dem Brief so rüber, als habe er, Pierre ein schlechtes Gewissen. Kann sogar sein, wo ja rauskam, dass er ein Auravisor ist. Falls er da was in der Richtung gesehen hat durfte er das nicht verraten."

"Ja, das ist genau das Problem, dass Verwandte, die in beiden Welten zu Hause sind haben", sagte Julius' Mutter. "Bei uns im Laveau-Institut gab es auch einen Fall, wo jemand mit Magie hätte gerettet werden können, aber nicht nahe genug mit einem Zauberer verwandt war, um das zu erlauben. Da kommen immer wieder Fragen auf, wozu die Geheimhaltung nützt, wenn jemand ich zitiere "Mit auf den Rücken gefesselten Händen zuschauen muss, wie der geliebte oder geachtete Mensch qualvoll verreckt." Sie sagte es mit einem sehr ernsten Unterton. Julius begriff, das sie daran dachte, dass ihr das beinahe passiert war, als der Verbrecher Laroche und sein in Frauenkleidern herumlaufender Helfer sie gefangengenommen hatten, um sie als Druckmittel zu missbrauchen, um an Julius heranzukommen. Alle hier am Tisch kannten diese Geschichte, die schon zwölf Jahre zurücklag und doch so einprägsam war, zumal dabei herausgekommen war, was mit Julius' Vater geschehen war.

Um sich von den trüben Gedanken freizumachen, die die Fragen nach Pierres Familie und Marthas und Julius' Vergangenheit ausgelöst hatte meinte Julius: "Die Familie Weasley und die angeheirateten Anverwandten kriegen ja demnächst Zuwachs. Einer der noch unverheirateten Söhne hat die Hexe für das weitere Leben gefunden, Fleurs Schwägerin Ginny erwartet das dritte Kind und Gabrielle hat angedeutet, dass sie jetzt wieder Lust habe, auch noch was Kleines zu bekommen."

"Doch viel vergnügliches in dieser unsicheren Welt", meinte seine Mutter.

"Mel und Titonus lassen durch mich grüßen und planen, im Dezember Weihnachtsferien in Australien zu machen", sagte Gloria. "Ich habe denen zwar abgeraten, bei der Gluthitze Weihnachten zu feiern. Aber du kennst ja meine Cousine mel. Wenn ich was sage muss dem widersprochen werden. Außerdem ist sie ja älter als ich."

"Und dir gefällt es da auf dem fünften Kontinent noch?" fragte Julius. "jedenfalls besser als in der britischen Handelsabteilung", erwiderte Gloria lächelnd. "Nur Weihnachten bin ich noch gerne bei Mum und Dad." Dann fügte sie noch mit leiser Stimme und einem eher betrübten Gesichtsausdruck hinzu: "Opa Livius ist aus New Orleans ausgezogen. Der wohnt jetzt in Cloudy Canyon, diesem Schlauchdorf, wo Linus und seine Mutter hergekommen sind. Er hat sich wegen seines gewissen Problems da mit einigen Leuten heftig verkracht und gesagt, dass er lieber in einem Schlauch wohnen will als in einem Goldfischglas immer wieder dumm angestupst zu werden. Das Haus hat er verkauft und alles, was darin noch von Oma Jane war an uns weibliche Verwandte verteilt. Da war noch ein Festkleid in schrill bunten Farben, dass sie wohl in ihrer frühen Ehe anziehen konnte um bei Festen in den Sümpfen von Bayoo aufzutrumpfen. Jetzt hat er nichts mehr von ihr bei sich. Das ist traurig. Ja, und wenn Großtante Pat in seiner Nähe ist brauchen wir wen, der verhindert, dass die zwei sich duellieren, weil Großtante Pat sich berufen fühlt, ihn "vor neuen Abstürzen in den Abgrund" zu bewahren. Angeblich sucht sie noch nach einer lebenserfahrenen Hexe, die mit ihm die nächsten Jahrzehnte verbringt, und er lehnt das ab. Insofern bin ich heilfroh, weit genug von allem wegzusein"."

"Das habe ich nicht mitbekommen. Mel und Myrna haben mir nur geschrieben, dass euer gemeinsamer Großvater Livius wieder Boden unter den Füßen hat. Aber was da alles dranhängt haben sie mir nicht erzählt, Gloria", sagte Julius mitfühlend. Er dachte daran, dass Glorias Großvater Livius in allen vergangenen Jahren mit der Vorstellung leben musste, dass seine Frau, Glorias Oma Jane, bei einem Hexenduell mit einer Verräterin und Spionin der Spinnenhexen gestorben war. Dann fiel ihm ein, was er noch sagen konnte: "Er wird von deiner Oma Jane alles mitgenommen haben, was wirklich wichtig war und ist. Ja, und er hält noch Kontakt zu euch, also Mel, Myrna und dir. Das hat er auch noch von deiner Oma Jane behalten."

"Das ist zwar sehr nett und sicher auch gut gemeint, Julius. Aber Für mich sieht es leider danach aus, als wolle Opa Livius alles loswerden, was ihn mit New Orleans verbindet. Dieser Hurrikan hat ihm klargemacht, wie tief er da gesunken ist. Ja, und dass Großtante Pat sich als seine Anstandsdame und unerbetene Heiratsvermittlerin aufspielt macht es auch nicht erträglicher für ihn, weshalb er vielleicht auch die Verbindung zu Mel und Myrna aufgibt. Vielleicht durfte ich deshalb nicht im LI anfangen", seufzte Gloria. Dann sagte sie noch: "Ach ja, Großtante Pat fragt mich, warum sie mit mir leichter Verbindung halten kann als mit dir. Immerhin würde sie weiter interessieren, wie du zurechtkommst, wo wir ja zusammen zur Schule gegangen sind."

"Die weiß, was ich so um die Ohren habe und dass die ganzen Aufregungen in den Staaten mich eher davon abgehalten haben, darin herumzureisen. Aber wenn ich mal wieder in VDS bin sage ich das Mel und Myrna. Vielleicht treffen wir uns da ja alle mal wieder."

"Das gebe ich so weiter", sagte Gloria.

Als Julius bei den Kindertischen vorbeikam durfte er allen Kindern, die nicht von ihm waren erklären, was Florymont und Laurentine da im Garten zusammengebaut hatten. Das lenkte ihn von Glorias trüben Gedanken wegen ihrer Familie ab. Als er dann einmal um alle Tische herumgegangen war rief Millie zum Geschenkeauspacken auf.

Julius zog aus der Truhe mehrere neue Umhänge, ein Notizbuch mit sich selbst beschreibendem Pergament, was bei den Reportern gerade der neueste Schrei war, schneller als Flotte-Schreibe-Federn und nur für berechtigte lesbar. Außerdem bekam er Bücher über seine Lieblingsthemen wie Kräuterkunde, Zaubertränke oder Zauberkunst, sowie eine Erweiterung des Spanischlernbuches, mit dessen Hilfe er mit Millie und der gemalten Viviane Eauvive lernen konnte, auch in Spanien oder den südamerikanischen Ländern zurechtzukommen. "Vielleicht solltest du bei deiner Vorgesetzten um eine Gehaltserhöhung bitten", scherzte Kevin, als er ihm das erklärte. "Bei welcher, ich arbeite in zwei Abteilungen abwechselnd", sagte Julius. "Dann bei eurer obersten Chefin, Ventvit heißt sie doch immer noch", erwiderte Kevin schlagfertig. "Danke für die Anregung! Vielleicht tu ich das wirklich mal", entgegnete Julius.

Camille schenkte ihm 26 Hexenkelchsamen, die er in einem dafür freizumachenden Beet mit Ost-Süd-Lage einpflanzen durfte. Von Florymont bekam er für sich und für Millie und / oder Béatrice die neueste Version eines Duotectus-Anzuges, der nicht nur gegen zwei schädliche Umwelteinflüsse zugleich, also lebensfeindliche Temperatur und Außendruck eingestimmt werden konnte, sondern einen sogenannten Beweglichkeitsexpander besaß, der es nicht nur ermöglichte, unter Wasser schnell zu schwimmen, sondern auch wie eine Eidechse oder Stubenfliege an einer glatten Wand hinauf- und hinunterzuklettern und sicher auf morastigem Untergrund oder Eis zu laufen, ja durch den Oberflächenanspannermodus in den Fußteilen sogar über Süß- und Salzwasser zu laufen, wenn es nicht all zu aufgewühlt war. "O, da könntest du aber heftigen Krach mit den katholischen Priestern kriegen, weil du das Monopol von Jesus von Nazareth anfechtest", sagte Julius. Laurentine nickte zustimmend. "Den Ärger haben wir Zauberer und Hexen doch schon seitdem die in ihrer Bibel stehen haben, dass sie nichts mit Zauberern zu schaffen haben dürfen", sagte Florymont. Er war sehr stolz auf diese Erweiterung seiner Erfindung und erwähnte auch, dass die nächste Version mit einer flexiblen Fortiplumbum-Folie auch gegen radioaktive Strahlen schützen sollte. Er stehe da "in geistig sehr befruchtender Korrespondenz" mit dem Heiler Timothy Preston, der ja das Fortiplumbum erfunden und zur Massenproduktionsreife gebracht habe. "Wenn ihr beiden das hinkriegt habt ihr einen perfekten Raumanzug für alle extravehikulären Einsätze und Planetenexpeditionen von der Venus bis zu den Monden der äußeren Planeten", sagte Julius.

"Fehlen dann aber noch tragbare Gravitationsanpassung beziehungsweise Andruckneutralisation, Nahrungs- und Atemluftauffbereitung und ein Rückstoßaggregat zum Fliegen", spann Laurentine den Faden futuristischer Weltraumbekleidung weiter. "Das darfst du dann für ihn erfinden, Laurentine", grinste Florymont. Immerhin hatte sie ja in den letzten Jahren einige Sachen erfunden, die selbst ihn, den altgedienten Thaumaturgen zum staunen gebracht hatten.

"Ja, oder ein Apparierverstärker, der den Träger eines Anzuges ohne Zauberstabverwendung befördert, wenn er die drei Regeln beachtet und sich schnell genug auf der Stelle dreht", sinnierte Julius weiter. "Zudem könnte noch der Drachenhautpanzereffekt zur Ablenkung fester Geschosse und Hitzeangriffe und ein Schildzauber gegen magische Angriffe eingebaut werden."

"Ja, oder ein Zeitumkehrer, der auf Gedankenbefehl in die gewünschte vergangene Zeit zurückversetzt", grinste Florymont. "Aber ich fürchte, damit würden wir das ganze Universum aus den Angeln heben und mit Wucht an der Wand des Chaos zerschmettern."

"Ja, aber so ein Apparierverstärker für alle, die in einer zauberstabschädigenden Umweltunterwegs sind ist sicher praktisch, Florymont", sagte Louiselle. "Laurentine hat mir von den Weltraummärchen erzählt, die ihr Vater gerne las und wo Leute vorkommen, die sich wie Hauselfen ohne Hilfsmittel an ihnen bekannte Orte oder nach Entfernung- und Richtung ausgerichtet versetzen können."

"Ich weiß nicht, ob wir sowas wirklich wollen", sagte Florymont. "Ich habe auch eine Menge Ideen, auch und vor allem, wo ich selbst die ganzen als Science Fiction bezeichneten Romane und Erzählungen nachgelesen habe, die es in den letzten anderthalb Jahrhunderten so gab. Nicht alles muss ich nachbauen, und das was ich gebaut habe hat der guten Camille schon manche Kopfschmerzen bereitet."

"Schön, dass du das anerkennst", sagte die erwähnte Frau von Florymont.

Laurentine und Louiselle schenkten Julius dieses Jahr keine neuartige Entschlüsselungsvorrichtung, sondern ihm, Millie und auch Béatrice je einen tragbaren Scheinbildvervielfältiger. "Das Ding damals mit dem Schreckenstaucher hat mir klargemacht, dass eine Selbstbildvervielfältigung aus eigener Kraft heftig auf die Ausdauer geht", sagte Laurentine. "Mit dem Ding kannst du bis zu tausend nichtstoffliche Abbilder von dir erzeugen, ohne vor Schwäche auf die Nase zu fallen, egal ob unterWasser oder an freier Luft. Ichhörte zwar sowas, dass die im US-amerikanischen Laveau-Institut sowas ähnliches haben, aber für den ganz persönlichen Gebrauch kriegen wir sicher keine Patentprobleme", sagte Laurentine.

Julius probierte das wie ein gewöhnlicher Hosengürtel gearbeitete Artefakt sogleich aus. Innerhalb von drei Sekunden waren das Apfelhaus und die Umgebung mit Abbildern von ihm im weinroten Festumhang bevölkert. Als er die Umkehrung vornahm flogen alle Abbilder zu ihm zurück und verschmolzen scheinbar mit dem Original zu einem einzigen sichtbaren Körper. "Du kannst sie auch losschicken und sie vergehen außerhalb deiner Sichtweite zu flirrendem Nebel", sagte Laurentine. "Lou und ich haben das draußen auf dem Meer mal ausprobiert. "Wichtig ist für den Myriimaginus-Gürtel nur, dass er dich und deine Kleidung erfasst und daraus die bis zu tausend Abbilder erzeugen kann, die bis zu einer Stunde bestehen bleiben. Reizt du diese Zeit aus muss der Gürtel einen vollen Tag lang unter Sonnen- und Mondlicht neu aufgeladen werden. Lou und ich haben da lange dran gefeilt, welches Material und welche Zauberzeichen nötig sind. Dafür, dass ich selbst nie Runen gelernt habe haben wir das gut hinbekommen. Du hast für dich und deine erwachsenen Mitbewohnerinnen drei von sieben funktionsfähigen Gürteln", erläuterte Laurentine leise. "Ist der auch übertragbar?" fragte Julius. Laurentine und Louiselle nickten. "Du kannst ihn verleihen. Aber er darf nicht verkauft werden. Weil dann könnten wir zumindest Krach mit der Handelsabteilung kriegen. Außerdem könnte das Büro gegen die unerlaubte Bezauberung von Dingen aus der nichtmagischen Welt Stress machen, ob so ein Gürtel ein auch in der Zaubererwelt allgemeines Kleidungsstück ist oder eher aus der nichtmagischen Welt stammt."

"Lass es dir auf jeden Fall patentieren, Laurentine. Wenn Otto Latierre oder ein anderer meiner Thaumaturgiekollegen Wind davon kriegt wird er oder sie das schnellstens nachbauen und zumindest für Europa patentieren lassen", sagte Florymont. "Hat ihr Tante Hera auch schon geraten, Florymont",wandte Louiselle ein. "Es ging uns erst einmal nur darum, den Effekt der Selbstbildvervielfältigung auf einen tragbaren Gegenstand zu bringen und ein- und ausschaltbar hinzubekommen. Wir arbeiten gerade an der Gegenversion, einem Enttarner, der im Umkreis von zwei bis möglichst vielen Metern magisch getarnte Wesen oder Gegenstände sichtbar macht. Wir wissen, dass wir dafür tiefer in die Geheimnisse der Mondmagie eintauchen müssen. Aber einen solchen Flächenzauber kriegen wir bisher noch nicht hin."

"Ich habe Bücher zu Mondzaubern in der Bibliothek", wisperte Julius Louiselle zu. "Ja, ich auch. Meine Vorfahren haben da fleißig gesammelt", flüsterte sie zur Antwort.

"Kann ich diesen Gürtel überhaupt unter Wasser einsetzen?" wollte Julius von Laurentine wissen.

"Das war eine ganz wichtige Bedingung dafür, den überhaupt als fertig freizugeben", erwiderte Laurentine. "Wir haben das Leder mit entsprechenden Imprägnationsmitteln gegen Salzwasser versiegelt. Ich war mit Lou mal draußen im Mittelmeer auf größte Kopfblasentauchtiefe und konnte da noch 400 Abbilder von mir erzeugen. Im Grunde kann ich sagen, dass je weniger Wasser du über dir hast, desto mehr Ebenbilder entstehen. Ich vermute, bis zu der tiefsten Stelle, wo noch sowas wie Sonnenlicht hinkommt kriegst du noch über zweihundert Ebenbilder hin, was schon beachtlich ist." Florymont, der zuhörte nickte.

"Wenn ihr den Mond als Kraftsäule in die Bezauberung eingewirkt habt könnt ihr sogar noch über fünfzig Abbilder generieren, wenn ihr am tiefsten Punkt der Welt seid. Also lasst euch das bloß patentieren!"

"Stimmt, hat Lou auch gesagt, dass wir die Mondmagie als - Kraftsäule - benutzen sollen, weil wir erstens als Hexen mehr mit der Mondkraft zu tun haben als mit der Sonne und zweitens die Sonne überwiegend Feuereigenschaften beinhaltet, die bei zunehmender Wasserdichte in die Knie gehen", erwiderte Laurentine. "Weil der Mond ja nicht nur leuchtet, sondern auch mit seiner Schwerkraft die Weltmeere bewegt ist er mit den Wasserkräften stärker verbunden als die Sonne, auch wenn die Sonne mit ihrer Schwerkraft am Wasser der Ozeane zieht. Aber wie erwähnt hat mich vor allem das Erlebnis mit dem Krakenmonster beim trimagischen Turnier darauf gebracht, so ein Ablenkungsartefakt zu machen."

"Schon überlegt, in die Abteilung für experimentelle Magie einzutreten?" wollte Florymont wissen. "Das frag besser nicht, wenn Sandrine oder ihre Maman in Hörweite sind", grinste Laurentine. Florymont nickte. "Abgesehen davon, dass das genau der richtige fragt", wandte Louiselle ein und zwinkerte Florymont verwegen zu. "Das hatte ich echt einmal geplant. Aber dann wäre ein geordnetes Familienleben schwer bis unmöglich geworden, oder meine Frau hätte quasi als alleinerziehende Mutter gelebt, falls wir da überhaupt ein Kind zusammen bekommen hätten", erwiderte Florymont darauf. Julius konnte das nachvollziehen. SeinVater hatte bei Experimenten auch gerne die Zeit vergessen und in seinem Beruf mehr Überstunden gearbeitet als vorgesehen war, sodass er ihn häufig nur beim Frühstück oder an den Wochenenden zu sehen bekommen hatte. Das erwähnte er auch. Das war für Laurentine wie ein fanggerecht gespielter Pass, um einzuwerfen, dass eine Schullehrerin doch da eine bessere Zeitplanung hatte.

Von den US-amerikanischen Gästen bekam Julius zu weiteren Büchern noch eine Centinimus-Bibliothek, jenen auf Streichholzschachtelgröße einschrumpfbaren Bücherschrank, der mehrere Dutzend Bücher in sich aufnehmen konnte. "Bei den vielen Büchern, die du jedes Jahr kriegst war das wieder fällig", meinte Brittany dazu.

Florymont machte ein vorfreudiges Gesicht, als sei er heute der Beschenkte, als Julius ein mit seinem Namen beschriftetes Päckchen aus der Truhe fischte. Es war weich und knautschig, also enthielt es keinen harten Gegenstand. Womöglich ebenfalls ein besonderes Kleidungsstück.

Julius packte es aus und fand fünf runde Gummistücke, die weniger als ein Knut durchmassen. Er hatte erst die merkwürdige Vorstellung von besonderen Schutzvorkehrungen für wilde Liebesspiele bei Zwergen oder gar Wichteln. Doch dann fand er einen kleinen Pergamentzettel mit der aufschrift:

Zauberstabanpassungsvollkommene Elementarschutzfutterrale für Zauberstäbe.
Können beim Überzug auf den Zauberstab diesen gegen folgende Elementarformen schützen:
Wasserdruck und Salzeinwirkung im Meer
Offene Flammen und heiße Luft bis Entflammtemperatur von Tierfett
Lavaglut und Säure

Reduziert die Wirkungskraft von Zaubern nur um zehn Prozent.
Wurde von mir mit bis zu 1000 Zaubern als dicht und haltbar getestet.

Super geeignet für Leute, die Duotectus-Anzüge in tödlicher Umwelt benutzen.

Verwendet sie weise!

"Öhm, was hast du für Material benutzt?" fragte Julius, als er die gummiartigen Gegenstände ein wenig dehnte und zusammendrückte. "Das ist mein Betriebsgeheimnis, Julius. Ich musste lange forschen, um für alle Elementarkräfte gleichermaßen sichere Stoffe zu mischen, die auch noch Zauberwirkungen nach außen durchlassen, ohne zu zerbröseln", sagte Florymont.

"Ja, aber so teuer kann das Material nicht sein, wenn du mir gleich fünf Stück davon in ein Päckchen steckst", wisperte Julius, während alle anderen ihm zusahen und fragten, seit wann er federkieldünne Präservative nötig hatte. "Ihr drei und Rorie seid es mir auf jeden Fall wert. Ihr müsst die ja nicht immer drüberziehen, sondern nur, wenn ihr mal mit Duotectus-Anzügen unterwegs seid", erwiderte Florymont. Dann sagte er laut: "Ich weiß, ihr wollt alle wissen, was ich Julius geschenkt habe. Etwas, was ich erst vor kurzem zur Serienreife entwickelt habe und was für Leute geeignet ist, die in sehr gefährlichen Umgebungen unterwegs sind und dort zaubern können wollen, ohne dass ihnen dabei die Zauberstäbe zerbröseln. Camille und Jeanne haben auch schon sowas, und die Abteilungen für Tierwesen, praktische Zaubertränke und experimentelle Zauber haben schon an die zweihundert Stück bestellt."

"Was für Drachenhüter?" fragte Kevin Malone interessiert und erkundigte sich nach dem Preis für ein solches scheinbar unbedeutend winziges Gummiteil. Als Florymont ihm den Preis zuflüsterte verzog Kevin das Gesicht. Doch dann nickte er. Julius wollte den Preis auch wissen. Doch Florymont schüttelte den Kopf und sagte, dass es eben ein Geschenk sei und er den Preis nur denen verriet, die auch ernsthafte Anwendungsgründe vorweisen könnten und sozusagen im offiziellen Auftrag bestellten. Das musste Julius so hinnehmen.

Nach dem großen Auspacken begann der Grillabend. Laurentine stellte die mit Florymont eingerichtete Musikanlage auf eine angenehme Lautstärke und ließ instrumentale Partylieder darüber abspielen. Die bunten Lichter sollten erst bei ausreichender Abenddunkelheit eingesetzt werden. Wieder einmal kamen Brittanys vegane Grillspezialitäten gut bei der Festtagsgesellschaft an. Doch auch die Fleischklopse, Steaks und langen Toulouser Würste fanden ihre dankbaren Abnehmer.

Abends führten Laurentine und Florymont nun die Rundum-Musikanlage mit bunten Leuchteffekten vor. Aus dem daran angeschlossenen Musikfass erklangen die neuesten Hits der Zaubererwelt, sowie die akustischen Versionen aktueller Erfolge aus der nichtmagischen Welt. Wieder einmal wurde darauf geachtet, dass kindgerechte Texte ohne Zweideutigkeiten gesungen wurden. Dazu durfte wer wollte auch auf der dafür freigehaltenen und kurzgeschorenen Festwiese tanzen. Für Julius hieß das, keinen Tanz auszulassen, weil es mehr als genug tanzwillige Damen gab. Er empfand es jedoch als gutes Training für den Sommerball Ende des Monats.

Kurz vor zwölf - die Kinder waren nun so müde, dass sie fast im stehen einschliefen, beendete Julius die Party mit dankbaren Worten an die Gäste. Die Brocklehursts und Merryweathers durften im Foyer auf den dort bereitgestellten Betten schlafen. Alle anderen kehrten in ihre eigenen Häuser zurück, wobei Barbara van Heldern mit ihrer Familie zu ihren Eltern ging, auch wenn da viele Kinder wohnten. Aurora Dawn konnte mit Rosey bei Camille und Florymont übernachten.

Gegen ein Uhr waren alle Apfelhausbewohner und ihre Übernachtungsgäste in den Betten. Laurentine und Louiselle mochten jetzt noch in den Geburtstag Lucines hineinfeiern oder in jener Wohnung schlafen, in der auch Julius, seine Mutter und Millie eine Zeit lang gewohnt hatten.

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In der Wohnung von Laurentine Hellersdorf und Louiselle Beaumont, 21.07.2008

Lucine hatte Aurore und die anderen Kinder sowie deren Maman und Papa zu ihrem dritten Geburtstag eingeladen. Deshalb trafen sich einige der Gäste von Julius' Feier im großen Wohnzimmer von Laurentine und Luiselle wieder. Wie für einen Kindergeburtstag üblich war alles in quietschbunten Farben dekoriert. Luftballons hingen unter der Decke. Regenbogenfarbige Luftschlangen wanden sich um die Deckenleuchte und schlängelten sich durch den Raum. Fernseher und DVD-Spieler waren vorsorglich im Schlafzimmer des gleichgeschlechtlichen Elternpaares eingeschlossen worden. Nur die Stereoanlage war als einziges elektronisches Möbelstück im Einsatz.

Lucine bekam von ihren Gästen Malbücher, bunte Kleidung und Spielzeug für alle Umgebungen. Besonders freute sie sich über das von Millie und Julius beschaffte Trio aus einem rosaroten Drachen, der statt Feuer lustige Lieder ausatmen konnte, einer Planschnixe mit blonden Haaren, einem hellgrünen Badeanzugsoberteil und einem korallenroten Fischschwanz, die bei genügend Wasser um sich herum Lieder vom Meer sang, die Julius und Millie aus ihrem Gedächtnis vorgesungen hatten, sowie einem Modell der geflügelten Riesenkühe der Latierres, das halb so groß war wie das der Kuh Artemis und sowohl als Wecker als auch als Milchkännchen benutzt werden konnte, wobei der Clou war, dass sie eiskalte oder fast kochendheiße Milch geben konnte, je danach, was gebraucht wurde. Allerdings, so Millie zu Louiselle, musste die Kuh auf die mitgelieferte rauminhaltsvergrößerte Milchkanne abgestimmt werden, die immer wieder nachgefüllt werden musste. Der besondere Gag war auch, dass die Kuh sich beklagte, wenn die Milch in der Bereitstellungskanne sauer zu werden drohte.

Julius' Mutter, die wegen ihrer vielen Kinder ebenfalls eingeladen war meinte: "Ein Programm was funktioniert wurde nur noch nicht ausreichend getestet."

"In dem Fall doch, Mum, weil Tante Babs und Onkel Otto alle Möglichkeiten durchgespielt haben. Ach ja, wenn sie nur wecken soll reicht es diesmal "Danke, Name noch zu vergeben, wir sind wach!" zu rufen, beziehungsweise, der oder die, auf den die Kuh als Weckerin eingestellt werden soll. Es geht nur eine von euch."

"Neh, dann macht das nicht Loucine", sagte Laurentine kategorisch. Lucine sah ihre zweite Mutter verdrossen an. "Bis du mal wach bist hat die Kuh die ganze Nachbarschaft wachgemuht", erwiderte Laurentine. Lucine machte anstalten, ihr die Zunge rauszustrecken. "Na, lass das bleiben!" ermahnte Laurentine sie.

Louiselle ging inzwischen den Stapel neuer Kleidung durch, zu der auch ein Spielanzug gehörte, wie Aurore ihn in ihren frühesten Lebensjahren benutzt hatte. "O, dann können wir ja schon mit Schwimmübungen anfangen, wenn sie nicht untergeht", sagte Louiselle zu den Latierres. Dann bedankte sie sich noch für die Bilderbücher aus den Staaten, die Julius' Mutter mitgebracht hatte.

Während sie zur fröhlichen Musik aus der Stereoanlage zusammensaßen fragte Laurentine Martha, was sie von der sich entwickelnden Lage im internationalen Bankensektor mitbekam, weil ihre Cousine Vicky sowas erwähnte, dass es bald zu einem heftigen Zusammenbruch kommen könnte. Julius Mutter sagte dazu: "auf jeden Fall wird es sehr heftig für die ganzen Kreditbanken, die mal eben Hausbaukredite vergeben haben und nicht wissen, ob die jemals getilgt werden können, Laurentine. Ich fürchte, der große Knall kommt da noch."

"Wird es dann bei den Muggeln sowas wie die Goldebbe, wo keiner mehr an das eigene Konto ran kann?" wollte Millie wissen, die dem Gespräch bis dahin still zugehört hatte. "Das wollen wir nicht hoffen, Millie. Im Augenblick geht es um die Zuverlässigkeit und Zahlungsfähigkeit von Krediten vor allem bei Hausbauprojekten. Da haben sich Banken und Kreditnehmer heftig verspekuliert, und das sieht nach einem Schneeball- oder Dominoeffekt aus, also das Banken, die vergebene Kredite als Sicherheit für eigene Kreditanfragen ausgewiesen haben Probleme kriegen, die Zahlungen einzutreiben und dass die Banken, die solche Kredite als Sicherheiten angenommen haben, um anderen Banken Kredite zu gewähren dann mit in den Strudel hineingezogen werden. Ich blicke da selbst noch nicht völlig durch. Aber es läuft alles auf was ähnlichem wie der Internetfirmenblase hinaus, die am Anfang des Jahrhunderts mit lautem Knall geplatzt ist", erwiderte Julius' Mutter. Dann deutete sie auf die Kinder. "Wohl dem, der ganz unbekümmert durch die Welt gehen kann, ohne Angst zu haben, dass sie um ihn zerfällt." Das nahmen ihre Zuhörerinnen als Aufforderung, nicht weiter über dieses brisante Thema zu diskutieren, zumal wie erwähnt noch längst nicht alles darüber bekannt war und womöglich auch nicht bekannt würde.

Anders als am Vortag endete die Party für Lucine schon um neun Uhr abends. Die Gäste verabschiedeten sich vom Geburtstagskind, das sich durch hibbeliges Bewegen und viel Blinzeln wachzuhalten versuchte. Dann kehrten die Latierres mit den Merryweathers ins Apfelhaus zurück.

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An Bord des Hochseefischereischiffes "Eastern Horizon" 14 Seemeilen südsüdwestlich der Insel Kos, 22.07.2008, 08:00 Uhr Bordzeit

Gregory Mosley rückte seine Kapitänsmütze zurecht, prüfte die Knöpfe seiner Uniformjacke und öffnete dann die wasserdichte Tür zum Brückenhaus des gewaltigen Fabrikschiffes, das mit überall spürbar dröhnenden Dieselmotoren mit vier Knoten durch das ägäische Meer pflügte. Die Panzerglasscheiben der Panoramafenster ließen das bereits hellblaue Tageslicht herein. Die Bildschirme und Anzeigen der Steuerungs- und Navigationsanlagen glommen dagegen an. Das dieser Koloss eines Schiffes von nur vier Männern bedient wurde war ein Wunder der modernen Computertechnik. Sicher, die wirkliche Arbeit an Bord mussten die Männer leisten, die die viele hundert Meter langen Schleppnetze auswarfen und nach dem Fang einholten, den Fang aus den Netzen herauszogen und dann in den Fabrikhallen weiterverarbeiteten.

"Kapitän betritt die Brücke!" rief der erste Offizier, Salvatore Antinori, der die letzten acht Stunden das Kommando geführt hatte. die restliche Brückencrew nickte nur. Dies war ja kein Kriegsschiff, wo man den ranghöheren Offizier mit zackigem Salut zu grüßen hatte. "Danke, Mr. Antinori! Besondere Vorkommnisse?" erwiderte der Kapitän.

"Wir haben um ein Uhr Bordzeit das große Netz mit den 10-Zoll-Maschen ausgebracht und haben maximalen Zug darauf. Es wird gleich eingeholt", meldete der Erste. Die Bordsprache war Englisch. Ein multinationaler Fischereikonzern mit Niederlassungen in Großbritannien, Italien, Frankreich und Spanien betrieb die "Eastern Horizon" wie ihre drei Schwesterschiffe "Southern Hope", "Western Prosperity" und "Northern Endeavour" und musste dabei mit Firmen aus Russland, China, Japan und den USA konkurrieren.

"Ich löse Sie ab, Mr. Antinori!" sprach der Kapitän die trotz nichtmilitärischer Gepflogenheiten pflichtgemäße Formel für den Kommandowechsel. Antinori bestätigte und stand aus dem Kommandosessel auf, von dem aus er die hufeisenförmig angeordneten Stationen beaufsichtigen konnte.

Unvermittelt durchlief ein heftiger Ruck das viele tausend Tonnen schwere Fabrikschiff. Gleichzeitig surrten die Elektromotoren der Winden an die zwei Oktaven höher als vorhin. Ein hektisches Pingeln erklang, und der Brückenoffizier, der die Fangoperationen überwachte meldete "Netzabriss. Markiere GPS-Position!"

"Wie kann denn mal eben ein ganzes Netz abreißen?" knurrte Antinori, der noch auf der Brücke bleiben wollte, bis der Fang der Nacht sicher an Bord war.

"Wo liegt das kritische Füllgewicht, Mr. Brodersen?" fragte der Kapitän den Fangoperationsüberwacher. Dieser teilte ihm die erfragte Obergrenze mit, bei der das ausgebrachte Netz reißen konnte. "Prüfen sie, ob das Netz beim Einholbeginn entsprechend schwer war!" befahl der Kapitän. "Aye", bestätigte Hein Brodersen, der für die Fangoperationen zuständige Brückenoffizier. "Alle Maschinen stop!" befahl der Kapitän noch. Der Steuermann bestätigte und hieb den einem Computerjoystick gleichenden Fahrtenhebel in die Nullstellung. Die zwei viele tausend PS starken Dieselmotoren kamen zum stehen.

"Die Verbindung zu den Zugketten ist sauber durchgeschnitten worden", meldete einer der an Deck tätigen Männer wenige Minuten später, als der kümmerliche Rest des Schleppnetzes eingeholt war. "Wie, sauber durchgeschnitten?" wollte Brodersen wissen. "Kein Riss, sondern glatte Schnitte an den Verbindungsstellen zu den Zugketten", erfolgte die Bestätigung. "Ich komme runter und seh mir das an", sagte Brodersen, nachdem Kapitän Mosley ihm durch ein Nicken die Erlaubnis erteilt hatte.

"Wer schneidet denn ein Schleppnetz unter Wasser von den Zugketten ab?" fragte Antinori verdrossen. "Zumindest behauptet es der Windenführer", sagte Mosley ebenso verärgert. Er konnte nicht wissen, was sich viele hundert Meter unter dem Kiel der "Eastern Horizon" abgespielt hatte.

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Ägäisches Meer, früher Morgen des 22.07.2008 menschlicher Zeitrechnung

Es klang wie das Brüllen weit entfernt miteinander streitender Ungeheuer. Nur dass diese Ungeheuer nicht in den dunklen Tiefen wüteten, sondern sich vom westen her an der Oberfläche näherten.

Ketopteryx, Führer der zehnten Gruppe der östlichen Garde seiner allwasserweiten Majestät Bathos IV, seinem Großvater väterlicherseits, kannte dieses Geräusch. Das war wieder eines dieser widerwärtigen Metallungetüme, mit denen die Landleute über die Meere fuhren. Seitdem die sich Vorrichtungen ausgedacht hatten, die mit ständig hintereinander explodierenden Brennölladungen mehr Kraft erzeugten als vom Wind gebauschte Segel wurden die da oben immer dreister, was das Meer anging. Sicher war das da oben wieder eines von diesen großen Schiffen, die Güter über alle Weltmeere trugen. Dass diese Güter irgendwann von den Landleuten als unbrauchbarer Unrat ins Meer geworfen oder aus den Flüssen dort hineingeschwemmt wurden war eines der Ärgernisse, die der König seid über fünfzig Sonnenkreisen zu erdulden hatte. Ketoppteryx wusste, dass König Bathos IV liebendgerne zum Krieg gegen die Meeresverunreiniger aufrufen würde. Doch diese von allen Luft- und Feuerwesen verwünschten Landmenschen mit den Zauberkraftausrichtungsstäben hatten seit dem letzten großen Überfall von Meeresleuten auf ein Schiff der Landmenschen einen Stillhaltevertrag erzwungen, dass die Landleute da oben nicht mehr behelligt werden durften. Und wie dankten die das den Meeresleuten? Sie machten Dreck und giftigen und unverdaulichen Unrat, verpesteten die Meere mit unvollständig verbranntem Brennöl und anderen krank und tot machenden Gebräuen. Vor etlichen Jahrhunderten war das noch anders gewesen. Da hatten die Landleute die nötige Achtung vor dem Meer und seinen Bewohnern gehabt. Die Schiffsleute hatten eine gesunde Furcht vor den auftauchenden Speerträgern gehabt und vor allem darauf geachtet, dass sie keinen unverdaulichen Unrat ins Wasser warfen. Doch davon wussten die heute wohl nichts mehr.

"Obacht, Schwarmführer Ketopteryx!" rief einer der ihn rechts absichernden Speerträger. Da sah der Schwarmführer es auch schon und hörte das unheilvolle Schaben am Grunde.

Es war ein gewaltiges, vom Grund bis weit nach oben ausgespanntes Netz, das am Boden mit schweren Metallvorrichtungen beschwert war, um straff gezogen zu bleiben. In dem Netz zappelten bereits mehrere hundert aufgebrachte Schwarmfische. Doch sie kamen nicht frei. Das Netz wanderte weiter und ohne jede Gnade über den Meeresgrund. Die Truppe von Ketopteryx war ihm im Weg.

"Ah, einer dieser dreisten Fischverschlinger entreißt unserem Reich noch mehr Fische", knurrte Ketopteryx und deutete auf das auf ihn und seine zwanzig Leute zukommende Netz. "Eisenblumenschwerter raus und dieses freche Flechtwerk da zerschneiden, bevor es uns mitreißt!" rief er. Seine Leute zogen die aus den Kanten der in großer Tiefe wachsenden Eisenkorallen gemachten Schwerter frei und gingen in Stellung. Als dann das schabend über den Boden gleitende Netz in Schlagreichweite war hieben sie in die Seitenstränge, die es spannten.

"Obacht!" rief Ketopteryx, als einer der jüngeren Krieger aus wildem Eifer voll in die Maschen hineinschwamm und beinahe darin hängenblieb. Gerade so konnten sie ihm noch helfen. Doch nun drohte das Netz, sie alle einzuschließen und mit sich zu zerren. Sie wollten sicher nicht auf eines der Fischräuberschiffe hinaufgezogen werden. Mit gut eingeübten Bewegungen hieben sie auf die Haltestränge ein, die mit starken Gliederketten verbunden waren. Wild entschlossen zerschnitten die Meerleute die Stränge mehr und mehr. Einige befreiten die bereits festhängenden Fische. Fast wäre Ketopteryx selbst in den noch heilen Maschen hängengeblieben. Doch er schaffte es noch, seine Hinterflosse aus den sich darüber hinwegschiebenden Maschen zu lösen. Wütend hieb er mit seinem zweischneidigen Korallenschwert auf die Haltestränge ein. Dann endlich rissen die festen Taue vollständig durch. Das Netz verlor Spannung und sackte nach unten durch. Zugleich hörten sie von oben das Dröhnen jenes Schiffes, von dem das Netz in die Tiefe gelassen worden war.

"Obacht, Netz fällt!" rief Ketopteryx seinen weiter über ihm schwimmenden Leuten zu. Diese hieben schnell nach dem sich über ihnen senkenden Netz und schafften es noch, sich vor dem Einschnüren zu retten. Dann erstarb auch das ungeheuerlich klingende Dröhnen der Antriebsvorrichtung. Die da oben hatten bemerkt, dass jemand ihr Netz durchgeschnitten und ihnen damit den großen Fang entrissen hatte.

"Holt alle Fische da raus und lasst sie frei, damit sie den Gesetzen des Meeres dienen können!" befahl Ketopteryx. Da klirrte und krachte es laut und schmerzhaft in seinen Ohren und auch in denen seiner Leute. Er meinte, dass gleich sein Kopf zerspringen musste. Wieder kam dieser laute, hohe Knallton und hieb ihnen auf die empfindlichen Hörorgane. Jetzt wusste der Truppenführer, was das war. Diese Knallhallvorrichtungen, mit denen die neuen Schiffe die Meerestiefe abhören konnten. Der Waffengroßmeister des Königs, der alle Geräte und die unbelebten Vorgänge der Welt kannte hatte es erklärt, dass sie damit das ständige Fadenloten nicht mehr brauchten. Also suchten die jetzt damit nach allem, was auf dem Grund war.

Die überlauten Töne des Knallhallerzeugers hieben weiter auf die Truppe ein. Alle Mitglieder zuckten vor Schmerzen und wanden sich, während sie in die Tiefe sanken. Das von ihnen zerschnittene Netz glitt lautlos in die Tiefe. Wieder krachte es laut und klirrend um sie herum und hallte nicht minder schmerzhaft vom Grund wider. Die Truppenmitglieder konnten nicht mehr, als sich hilflos am Boden zu sammeln und wie geschlagene oder gestochene Meerestiere auf die nächste Qual warten. Dann endlich hörte der körperlose Angriff auf. Es wurde schlagartig ganz still. Mit schmerzenden Köpfen und Bäuchen wanden sich die gepeinigten Unterwasserkrieger am Boden. Erst als die Schmerzen nachließen und die Angst vor einem neuen Angriff mit diesen Knallhallgeräuschen nachließ konnte der Truppenführer seinen Leuten befehlen, wieder aufzusteigen. Dabei erkannte er, dass ihnen der Urvater aller Meeresgeborenen hold gewesen war, dass das von ihnen zerstörte Netz sie nicht unter sich begraben hatte.

Gerade als der Truppenführer seinen Leuten befahl, die noch in den unversehrten Maschen hängenden Fische freizuschneiden rumpelte es weit über ihnen. Dann dröhnte wieder jenes Geräusch wie miteinander im Brüllstreit liegende Ungeheuer. Die Brennölkraftvorrichtung war wieder erwacht. Das große Schiff fuhr weiter.

"Wir bringen ein Stück von der Grundaufwühlvorrichtung des Netzes und mehrere der Fangschnüre mit zurück. Diesmal wird seine allwasserweite Majestät es nicht mehr hinnehmen, was diese gierigen Landleute anrichten", sagte Ketopteryx. Er vertraute seiner eigenen Rangstellung in der königlichen Familie, ja allen Königsfamilien des erhabenen Meeres. Er ging davon aus, dass sein Wort Gewicht hatte.

Mit mehreren Stücken aus dem zerschnittenen Schleppnetz beladen schwammen die Mitglieder der Erkundungstruppe in Richtung der Herrschersiedlung davon, um dem Herren dieses Meeresabschnittes ihren Bericht zu erstatten.

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An Bord des Hochseefischereischiffes "Eastern Horizon" 14 Seemeilen südsüdwestlich der Insel Kos, 22.07.2008, 07:44 Uhr Bordzeit

Es war ein wildes Rufen und Rennen gewesen, als die Decksmannschaft des mehrere Häuser großen Fabrikschiffes "Eastern Horizon" das viele hundert Meter lange Netz einholen wollte und dieses auf einmal wie abgesprengt von den Halteketten losriss, dass diese mit wildem getöse auf die Winden gespult wurden. Der Kapitän der schwimmenden Fischfabrik, die im Bedarfsfall monatelang auf See bleiben und den viele tonnen betragenden Fang gleich für den Weiterverkauf verarbeiten und kühllagern konnte, war zusammen mit seinem Brückenoffizier für Deckmanöver zu den Leuten hingelaufen, die die Reste des Netzes an Bord holten.

"Kapitän Mosley, wie es aussieht wurde das Netz an allen Führungsketten zugleich abgetrennt, und zwar nur da, wo es mit Tauen angeschlagen war", meldete der Windenführer vom Dienst, als der britische Kapitän des Hochseefischereischiffes vor ihm auftauchte.

"Wir haben schon mit dem Sonar geprüft, was los ist. Mr. Antinori hat ja schon die haarsträubende Vermutung geäußert, dass ein U-Boot mit dem Netz kollidiert sei. Aber das Echolot zeigt kein U-Boot an, nur einen Schwarm von zwanzig größeren Raubfischen", sagte der Kapitän.

"Ein U-Boot? Das hätte das Netz unregelmäßig aufgerissen und die Ketten verbogen. Abgesehen davon hätten wir das dann heftig spüren müssen", wusste der Windenführer vom Dienst. Mosley nickte. "Ja, und die zwanzig großen Fische haben das Netz auch nicht durchgebissen. Die Schnittkanten sind dafür zu sauber. Keine ausgefransten Fasern, als wenn da wer mit Trennschleifern oder einer Machete gearbeitet hätte."

Der Kapitän besah sich die Stellen, an denen das verlorengegangene Schleppnetz mit den Halteketten verbunden gewesen war. Das Schleppnetze abrissen, wenn sie das sichere Höchstgewicht aufgenommen hatten war leider ein vertrauter Umstand in der Hochseefischerei. Aber dass da wer ein Netz schnell und vor allem sauber von den Halteketten losgeschnitten hatte war neu. Vor allem, wer sollte das bitte sein, der sowas konnte?

"Wir behalten das besser für uns, was Sie über mögliche Werkzeuge gesagt haben. Sonst fragt uns die Versicherung noch, ob uns die Kampftaucher einer der hier angesiedelten Seestreitkräfte diesen teuren Streich gespielt haben oder ob wir jetzt wieder an Meerjungfrauen und Neptuns Unterwasserkrieger glauben", sagte Kapitän Mosley. "Wenn Sie das sagen, Sir", meinte der Matrose, der das Netz hatte einholen sollen.

"Gut, ich erledige die Formalitäten mit unserer Firma und der Versicherung gegen Materialverschleiß und Sturmschäden", sagte Kapitän Gregory Mosley. Auf das Gespräch mit seinem Boss in Neapel hatte er keine rechte Lust. Doch er war der Kapitän. Er musste das melden und die Verantwortung dafür übernehmen.

Wieder im Brückenhaus des hhäuserblockgroßen Hochseefischfabrikschiffes wandte sich Mosley an den griechischen Funker Arestides und befahl ihm, eine Satellitentelefonverbindung mit dem Firmensitz herzustellen. Gleichzeitig ordnete er an, sämtliche Mess- und Ortungsdaten der letzten Minuten versandtfertig aufzubereiten, um sie über die Satellitenleitung in die Rechenzentrale zu schicken. Vielleicht konnten die ja was mit all dem Ungemach anfangen.

Mosley erstattete seinen Bericht so sachlich er konnte und erwähnte, dass die Reste des zerstörten Netzes gesichert wurden und dass er das Reservenetz ausbringen lassen würde, um den verlorenen Fang der Nacht möglichst auszugleichen. Sein Gesprächspartner in Neapel zeigte sich wie zu erwarten sehr ungehalten, weil das Netz und der damit aufgelesene Fisch verlorengegangen waren. Doch das sollte die Versicherung klären.

"Wenn das neue Netz klar ist Kurs null neun neun anlegen. Wir fahren möglichst nahe an die Hoheitsgrenze Nordafrikas heran!" befahl Mosley. Sein Steueroffizier, der mit wenigen Hebeln dieses große Schiff lenken konnte, bestätigte den Befehl. Als das neue Schleppnetz einsatzklar war und ausgebracht werden konnte ging das Schiff "Eastern Horizon" mit kleiner Fahrt voraus auf den befohlenen Kurs, um dorthin zu steuern, wo noch einige Fischschwärme zu erwarten waren. Doch bei Tag würden sie nicht so viel einbringen wie bei Nacht. Aber wie sollten sie sonst den schlagartigen Verlust ausgleichen?

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Millemerveilles zwischen dem 23.07. und 30.07.2008

Da Julius' Mutter im letzten Sommer in die Runde der letzten Vier im Schachtturnier von Millemerveilles gelangt war war sie gehalten, wieder mitzuspielen. Zudem hatten Madame Lumière und Madame Delamontagne sie zum Sommerball von Millemerveilles eingeladen. Außerdem wollte Nathalie Grandchapeau die Gelegenheit nutzen, ihre neuesten Ergebnisse aus der Absicherung der Arkanetrechner zu erfahren.

Am 23. Juli besuchten alle, die sie kennengelernt hatten Claire Dusoleils Grabhügel. Es mochte für Außenstehende ein Akt der alljährlich wiederkehrenden Trauer sein. Doch es war für alle, die die transvitale Entität Ammayamiria kannten auch eine Bestärkung des eigenen Zusammenhaltes. Vor allem konnten die Besucher des Grabhügels beobachten, wie der darauf gepflanzte Apfelbaum immer mächtiger wurde. Camille Dusoleil würde auch in diesem Herbst wieder viele Zentner frischer Äpfel ernten, die im Ruf standen, besondere Lebens- und Widerstandskraft zu verleihen. Julius' Mutter verglich diese Äpfel, die sich im Augenblick nur als winzige grüne Fruchtknollen zeigten, mit den mythischen Äpfeln der griechischen Hesperiden oder der nordischen Göttin Idun, die den Göttern um Odin, Thor und Freya damit die ständige Wiederverjüngung und somit die Unsterblichkeit sicherte. "Wollen wir nicht hoffen, dass die Äpfel von Claires Grabhügel jünger machen. Am Ende laufen hier nur noch Kinder oder überlebhafte Halbwüchsige herum", hatte Camille zu diesen Vergleich geantwortet.

Das Schachturnier verlief wieder so wie in den letzten Jahren, nur dass sich die Finalpartie änderte. Diesmal konnte Julius gegen Ursuline Latierre antreten, die seine Mutter im Halbfinale nach 30 Zügen zur Aufgabe gebracht hatte. Da er das mit dem goldenen Hut des Turniersiegers ja schon einige male erlebt hatte erduldete er die Fotoorgie, die um ihn und die Trophäe gemacht wurde. Als er gefragt wurde, ob er die Leidenschaft für das Schachspiel schon weitervererbt hatte meinte er: "Da sprechen wir gerne drüber, wenn das ganze Turnier von Angehörigen der Latierre-Familie gespielt wird und es somit für alle anderen Siedler von Millemerveilles langweilig zu werden droht. Aber bis dahin haben wir sicher noch viel Zeit."

Beim Sommerball von Millemerveilles schafften es Millie und Julius wieder unter die drei besten Paare. Diesmal gewannen sie die silbernen Tanzschuhe hinter den Eheleuten Jeanne und Bruno Dusoleil und vor den unverheirateten Bewohnern Dénise Dusoleil und Maurice Charpentier, dem Neffen von Dorfrat Charpentier, die nur drei Punkte mehr in der Wertung errangen als Camille und Florymont Dusoleil.

Als Martha und Lucky Merryweather zusammen mit Goldschweifs und Dustys jüngstem Kind Goldrücken wieder mit einem der Überseeluftschiffe abreisten ging Julius davon aus, einige ruhige Wochen vor sich zu haben. Er wusste nicht, was unter der Meeresoberfläche brodelte.

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Im Herrschersitz von Meereskönig Bathos IV irgendwo im ägäischen Meer, 26.07.2008 Menschenzeitrechnung

Er war es gewohnt, als "Eure allwasserweite Majestät" angesprochen zu werden. Dabei herrschte Bathos IV aus dem Geschlecht der Silbertropfen gerade einmal über den östlichen Teil jenes Meeres, in dem vor Zeiten, die im Wispern von Wellen und Wind verborgen lag, der urgewaltige Gottkönig aller Meeresgeborenen geherrscht hatte. Der hatte auch alle anderen Meere der Welt beherrscht und die Landmenschen davon abgehalten, sein Reich zu plündern und zu erobern. Bathos gefiel jedoch die Vorstellung, dass er in direkter Folge jenes urgewaltigen Gottkönigs waltete und dass er irgendwann dessen Herrschaft über alle Wogenund Meerestiefen ergreifen mochte, auch wenn die im Westen waltenden Nachbarn ihn nur als einen König sahen, der sein eigenes Reich beherrschte und es noch weiter westlich noch Völker gab, die sich nicht einmal mehr an den Gottkönig erinnerten und nur ihre ganz eigenen Anliegen beachteten. Doch wenn es sein musste würde er sich an die Spitze aller Wassergeborenen der von salzigem Wasser bedeckten Welt stellen und deren Rechte einfordern und durchsetzen. Diesen Tag sehnte er immer mehr herbei, weil es ihn ärgerte, wie die missachtenden Landmenschen die Meere benutzten und mit Unrat füllten.

Der tiefe Saal des königlichen Gehörs war eine natürliche Unterwasserhöhle mit drei Zugängen, einem durch das felsige Dach, einen breiten, der jedoch von den Wachen in wenigen Herzschlägen verschlossen werden konnte und einen schmalen, durch einen dichten Tangvorhang verhüllten Zugang für die Dienerschaft. An den Wänden wuchsen die Leuchtflechten, jene aus den großen Tiefen der Meere bekannten Verbindungen aus leuchtenden Pilzen und winzigen Algen. Die Leuchtpilze konnten ein gleichförmig helles, tageshimmelfarbenes Licht ausstrahlen und ließen sich von kundigen Lichtwebern in jede gewünschte oder nützliche Form verbiegen und verflechten. So war der Herrschersaal für größere Anhörungen stets mit einem gleichbleibenden, kühlen Leuchten erfüllt, als wenn jemand unter dem abendlichen Himmel schwamm. In der Mitte jenes Saales stand auf den Stümpfen verstorbener Korallen der aus zwei Riesenmuschelschalen gefertigte Herrschersitz, dessen Innenraum mit weichen Algen gepolstert war. Darin zeigte sich der mit glitzernden Steinen und glattgeschliffenen Perlen behängte König mit der roten Korallenkrone auf seinem bereits 390 Jahre alten Haupt. Zusätzlich zu seinem Kopfschmuck und den an seinen Armen befestigten Schmuckbändern trug er noch eine Halskette aus geflochtenen Tangfäden, die mit den Köpfen gefräßiger kleiner Fische verflochten waren. Rechts neben dem Herrschersitz ruhte ein anderthalb Längen messender Speer mit drei raubfischzahnscharfen Spitzen. Auf der anderen Seite des Sitzes ruhte das leere Haus einer einstmals riesigen Kegelschnecke, aus dem heraus jenes blaue Leuchten drang, das auch von Wändenund Decke her den Saal erhellte. Die großen, silbernen Augen, die wie die eines Fisches beschaffen waren, blickten auf den mit einzelnen Tangstreifen verhüllten großen Eingang, um den herum fünf voll gepanzerte Sturmgardisten mit griffbereiten Korallenschwertern wachten.

Die innen hohlen Verkündungssteine wurden mit dreimaligem lauten und nachhallenden Klong gegeneinandergeschlagen, bevor der vor dem Hauptzugang harrende Ausrufer verkündete, dass seine königliche Hoheit, Tritonenschwarmführer erster Ordnung Ketopteryx um königliches Gehör bitte. "Gewährt ihm einlass!" befahl der König mit seiner weithin hallenden, einem singenden Wal Ehre machenden Stimme.

Die Tangstreifen wurden bei Seite geschoben. Ketopteryx glitt geschmeidig in den Herrschersaal hinein. Er trug den seinem Rang angemessenen Muschelschalenhelm und den aus gleichem Stoff gefertigten Oberkörperpanzer. Seine Waffen hatte er jedoch vor dem Zugang zurückgelassen. Auch ein Träger königlichen Blutes durfte seinem Herrscher nicht in Waffen gegenübertreten, wenn er nicht von diesem als ihm vertrauter Wächter ernannt worden war. Hinter Ketopteryx schwammen zwei einfache Krieger herein, die von den Wachen sehr aufmerksam betrachtet wurden. Sie trugen Rollen aus fremdartigem Faserstoff über ihren Schultern und hielten zwischen sich metallene Gewichte, die dazu geeignet waren, große Dinge an ihnen zu befestigen. Als der König dies sah wollte er schon eine zurückweisende Handbewegung machen. Doch da sprach sein Enkelsohn Ketopteryx: "Oh allwasserweite Majestät, Herrscher über Wogen und Meerestiefen, verzeiht mir, Eurem treuen Diener, dass ich euch mit diesen Erzeugnissen landmenschlicher Unverschämtheiten behellige. Doch ist es mir wichtig, Euch zu verdeutlichen, welch Ungemach uns widerfuhr."

"Waffenmeister, was soll das sein?" fragte der König den hinter seinem Herrschersitz harrenden Waffenkundigen. Dieser glitt nach vorne und betrachtete die mitgebrachten Gegenstände. "Oh, Gewichte und Teile eines frevelhaften Bodenschleppnetzes, wie es die Landmenschen zur unmäßigen Erbeutung essbarer Fische verwenden, O allwasserweite Majestät."

"Waffenmeister Argyrochiros hat recht erkannt", erwiderte darauf Ketopteryx. "Diese Überbleibsel eines solchen Großnetzes haben wir mitgebracht, als Zeichen, dass wir beinahe von jenem selbst umschnürt und gefangen worden wären." Nun gewährte der König seinem Enkel und vierten Anwärter auf seine Nachfolge das Wort zum ausführlichen Bericht. Als Ketopteryx diesen erstattet hatte senkte sich felsgesteinschweres Schweigen über die Höhle des Herrschers. Erst als mindestens fünfzig Atemzüge vergangen waren sagte der König: "Dies ist der Tropfen, der den Stein überflutet. Es gibt wohl viele solcher Netze, mit denen unbedacht große Mengen Fische und andere Tiere des Meeres eingeschnürt und dem Meer entrissen werden können. Doch dass solch ein übermäßiges Fanggerät einen Träger unseres Blutes zu umschlingen trachtete muss ich als unmittelbaren Angriff auf die Ehre unserer Familie betrachten. Nicht nur, dass diese missachtenden Landmenschen ihre unverwitterbaren Behälter und Gebrauchsgegenstände achtlos ins Meer werfen, wo sie jahrzehntelang herumtreiben. Nicht nur, dass sie mit ihrem Kraftantriebsöl unsere Meere verseuchen oder noch schlimmere Gebräue darin auflösen, die ihnen nicht mehr dienen sollen und uns dafür schaden. Jetzt missachten sie auch, dass es unter den Meeren denkfähige Völker gibt, die von ihren Raubzügen bedroht werden. Wir werden uns dies nicht mehr bieten lassen. Wir werden eine unmissverständliche Aufforderung an die Landmenschen richten, ihr unmäßiges und unachtsames Tun zu beenden oder höchst unerfreuliche Folgen erfahren zu müssen. Die Übereinkunft mit den Zauberstockträgern sagt, dass wir in unserem Reich unbehelligt und unversehrt weilen und walten dürfen und dafür nicht mit den nicht die Zauberkraft nutzenden Landmenschen in Verbindung treten. Doch wie sollen wir weiter walten und weilen, wenn unser aller Lebensraum und unser aller Unversehrtheit bedroht wird, nicht durch feindlichen Wunsch, sondern durch unwissendes, einfältiges Handeln? Der schnelle Bote soll den sich für die Sprecher jener Landmenschen ausgebenden meine Forderung nach Beendigung dieser nicht mehr hinnehmbaren Untaten überbringen. Die Zauberstockträger sollen diesen Steinölverbrennern und Schleppnetzschleppern gebieten, wieder auf die für alle Meere verträglichen Arten der Reise und des Nahrungserwerbes zurückzukehren. Tun sie dies nicht freiwillig, so müssen wir dies als gewollten Kriegsakt verstehen und den Krieg zu ihnen zurücktragen, den sie uns seit Jahren auferlegen wollen. Kampfgruppenführer Ketopteryx und Waffenmeister Argyrochiros, ihr verweilt bei mir. Ausrufer, schickt nach den Mitgliedern des königlichen Rates! Es gilt, die Frist für die Landmenschen festzulegen und die Folgen ihrer Missachtung zu beschließen."

"Würde es nicht reichen, wenn die Landmenschen mit den Zauberstäben den anderen mit Wind- und Wasserzaubern getriebene Schiffe geben, damit sie ihre Brennölantriebsgeräte nicht mehr nötig haben?" fragte einer der Krieger, der mit Ketopteryx hereingekommen war. Doch zum einen war er nur ein kleiner Truppenschwimmer und eigentlich nicht zum Wort vor des Königs Herrschersitz bestimmt. Zum anderen galt es als sehr ungehörig, dem König einen unerwünschten Vorschlag vorzusprechen. Das klang nach Missachtung des herrschaftlichen Verstandes. Somit war nur verständlich, dass der vorlaute Krieger unverzüglich ergriffen und aus dem Saal hinausgeschafft wurde. Ketopteryx, der für seine Leute verantwortlich war, warf sich vor dem König zu Boden und erwartete von ihm bestraft zu werden. Doch weil außer den Wachen und dem Waffenkundler nun keiner mehr in der Herrscherhöhle war beließ es der König nur bei einer lautstarken Ermahnung, dass ein Truppenführer seine Gefolgschaft immer zum Gehorsam und zum Schweigen anzuhalten habe. Weil das so laut war, dass es allen, die es hörten in den Ohren schmerzte galt dies als ausreichende Bestrafung. Dann durfte sich der Enkelsohn des Meereskönigs wieder erheben. "Du bleibst hier und wirst dem Rat berichten, was euch widerfahren ist!" bekräftigte der König seine Forderung, den Enkelsohn als Zeugen zu hören.

Als dann die drei weiteren männlichen und die zwei weiblichen Kundigen des hohen Rates in den Herrschersaal hineinschwammen und sich mit dem Waffenkundigen vor dem Herrschersitz niederließen begann die Beratung, ob man nun, wo ein aus Gier und Unachtsamkeit geborener Angriff auf einen Nachfahren der königlichen Familie erfolgte, die Übereinkunft mit den Zauberstockträgern aufkündigte und zugleich allen die Meere befahrenden Landmenschen den Vernichtungskrieg androhen sollte, wenn sie nicht auf die das Meer achtenden Beförderungsmittel zurückgriffen, selbst wenn das hieß, sich wieder den Launen von Wind und Wellen anzuvertrauen.

Ombras, der Vermittler zwischen dem Reich und den anderen Hoheitsgebieten, erbat sich als erster das Wort. "Soweit mir bekannt ist bestehen die Zauberstockträger seit mehr als zweihundert Jahren darauf, ihr Dasein und ihre Handlungen vor den Zauberunfähigen Menschen zu verbergen. Daher haben sie uns ja auch diesen sehr unangenehmen Vertrag auferlegt, diese Zaubereiunfähigen nicht anzusprechen oder auf andere Weise mit ihnen umzugehen. Soweit jene, die in der Gnade überheblicher Machtträger als Botschafter zwischen ihnen und uns eingesetzte Landbewohner mir bei der von Euch vor zwanzig Jahren übermittelten Botschaft darauf hinwies dürfen die Zauberstockträger nicht in die eigene Entwicklung der Zauberunfähigen eingreifen, was auch heißt, sie nicht zu maßregeln oder gar mit steinhartem Griff zu führen. Seit meiner letzten Unterredung an den Gestaden jenes umspülten Landes, das sie Kreta nennen, wird sich deren Ansicht und Waltungswesen nicht geändert haben. Denn sonst hätten sie sicher auch jene Unerträglichkeiten auf dem Lande und in der Luft abgeschafft. Sicher werde ich, wenn Ihr es befehlt, hinschwimmen und Eure Forderungen verkünden, mein König. Doch ist es an mir, dem Kundigen der anderen Hoheitsgebiete, euch mit meinem Wissen darauf hinzuweisen, dass dies eine Verschwendung von wertvoller Zeit bedeuten wird. Sie werden diese missachtsamen Landmenschen nicht züchtigen oder gar davon abbringen, weiterhin die Meere zu bereisen und mit ihrem Unrat zu verseuchen. Dies bitte ich für alle anstehenden Beratungen als Grundlage zu bedenken."

"Kundiger der äußeren Reiche Ombras, wir vertrauen deinem Wissen und achten deine Erfahrung, was diese spaltschwänzigen, nur wegen ihrer Gaben der Zauberei überheblich auftretenden Landbewohner angeht. Doch wird uns es diesmal nicht davon abhalten, klare und unausschlagbare Forderungen zu stellen und diese falls nötig mit blutigem Handeln durchzusetzen. Wichtig ist dafür nur, wie wir vorgehen werden, um unmissverständlich und all überall beachtet zu handeln. Daher soll nun Waffenkundiger Argyrochiros sprechen, was er über die Untaten der Landmenschen weiß und wie wir diese vereiteln können, wenn uns, wie du fürchtest, die Zauberstabträger nicht beistehen wollen", sagte der König. Damit entzog er Ombras das Wort und erteilte es dem Waffenkundigen.

Jener nutzte die Gelegenheit, einmal mehr die ihm von seinen Schülernund Kundschaftern zugetragenen Kenntnisse über die Schiffsantriebe der Landmenschen, die Bebauung von Küsten und die verschiedenen Gebräue des Unheils zu berichten. Als er erwähnte, dass es sogar Schiffe gab, die unterhalb der Wogen fuhren und dabei einen bisher nicht ergründbaren Antrieb benutzten, der kein Öl verbrannte und dennoch weitaus stärker und ausdauernder war, erbleichten die anderen Kundigen außer Ombras, der behutsam nickte. "Soll dies heißen, dass die Landmenschen ohne Zauberkraft an Kräfte rühren können, von denen weder wir noch die sich für uns überlegen haltenden Zauberstabträger was wissen, Waffenkundiger Argyrochiros?" fragte der König. Der Gefragte bestätigte es. Er wies auch darauf hin, dass es in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder furchtsam vorgetragene Berichte über von Landmenschen entfachte Bebenund Feuersbrünste gab. "Auch darüber musste ich euch bereits berichten, allwasserweite Majestät", bekräftigte der Waffenkundige. Dann schloss er seine Ausführungen mit den Worten: "So ist jede Drohung gegen die Landmenschen ein Wagnis, solange wir nicht sicher wissen, womit sie uns bekämpfen können, o mein König."

"Ein Wagnis?! Diese unachtsamen, ja aus Gier und Unwissenheit handelnden bedrohen uns doch schon längst mit ihrem Unrat und ihren Raubnetzen. Bisher haben wir stillgehalten, weil uns die Zauberstabträger dazu anhiielten und uns androhten, uns wie gefährliche Tiere zu jagen und auszurotten, wenn wir gegen ihresgleichen Krieg führen. Wir sind aber keine Tiere, sondern denk- und empfindungsfähige Wesen, die gleiche Rechte auf Leben und Daseinsbewahrung haben wie die Landmenschen. Kundiger der wasserartigen Stoffe, erläutere uns, welche gefährlichen Mittel diese Landmenschen uns bereits in unser Reich geschwemmt haben!" befahl der König. Nun erfolgte eine zu Furcht und Wut anregende Aufzählung von unsichtbaren oder sichtbaren Stoffen, die bereits mehrere unachtsam in der Nähe der Landleutesiedlungen herumschwimmenden Meereskinder verheert hatten. Das konnte die Wut des Königs nicht beruhigen. Vielmehr wollte er wissen, wie lange es noch dauern würde, bis alle Meere mit tödlichen Giften überflutet waren. Dabei kam heraus, dass es nicht nur Giftstoffe waren, die den Meeresbewohnern gefährlich wurden, sondern sich die Meere ganz langsam erwärmten, als würden irgendwo darunter oder darüber starke Feuer in Gang gehalten. Mit Hitze und offenen Flammen hatten die Wassergeborenen sowieso keine Freude. Sie verachteten die Landmenschen auch dafür, dass sie das in der Sonnenkugel lodernde Feuer auch auf der Erde entfachten, statt sich damit abzufinden, nur die Hitze und das Licht der grellen Kugel am hohen Himmel auszunutzen.

Ponthokore, die Kundige aller Heilmittel, wie bei der Königsfamilie in Erbfolge in Amt und Würden gekommen, ergänzte nun den Bericht des Kundigen aller wasserartigen Stoffe und mahnte dazu, dass in nicht einmal zwei kommenden Geschlechtern alle Kinder der Meere wohl nur noch mit gegen alles Wasser abgeschlossenen Atemvorrichtungen und Hautschutzumhüllungen nach draußen gehen durften, ja dass womöglich die lange und ruhmreiche Zeit der Meereskinder ihrem Ende zuging, weil die Landmenschen die Meere als Abladestelle für allen ihnen selbst missfallenden Unrat nutzten. Dafür wurde die Heilkundige gefragt, warum sie das nicht schon vor Jahrzehnten berichtet hatte, wo die ersten Vorfälle mit auslaufendem Kraftbrennöl geschehen waren.

"Ich habe es euch berichtet, mein König. Ihr habt darauf verwiesen, dass wir in unseren Tiefen vor den oben schwimmendenÖlmengen sicher bleiben, wenn wir es nicht wagen, aufzutauchen. Doch es gibt genug Stoffe, die auch in die tiefsten Tiefen hinuntersinken können und uns langsam aber sicher ersticken oder anders vergiften können. Vor allem jene unverrottbaren Tragetaschen und Behälter, die immer häufiger im Meer treiben könnten solche Stoffe absondern."

"Was noch ein Grund mehr ist, diesen halbvertrockneten Gierschlünden dort oben Einhalt zu gebieten", brüllte der König. Doch weil er ja alle Kundigen verschiedener Dinge zu sich geladen hatte wollte er noch erfahren, was der Kundige der Gebäude und Handelswege zu berichten wusste. Dieser beteuerte, dass es bisher noch möglich war, vor allem Unrat von oben sicher zu leben, wenn die Häuser dicht genug verbaut waren.

Nun sollte die zweite Meerfrau im Rat, Bathos ältere Schwester Thalassia berichten, ob alle die von ihr und ihren Schülerinnen gesungenen Zauber das Herrscherhaus und alle über den Grund des Hoheitsgebietes verteilten Festungen noch gegen Entdeckung und Unrat schützten. Thalassia sprach mit ihrer überragend schön klingenden Stimme, die unter Wasser viele Kräfte rief oder bändigte, dass die Entdeckungsverhüller gegen Lebensuchzauber weiterwirkten wie sie sollten und auch die Schilde des wachenden Eises noch hielten, die im Falle unmittelbarer Angriffe mit Zauberkraft das Herrscherhaus und die Festungen vor Schäden schützten, solange die Gebäude weit genug unter der Meeresoberfläche blieben. "Meine Lehrmädchen und ich mussten vor drei Monddurchgängen noch einmal den Zauber gegen feindliche Feuerkraft verstärken, allwasserweite Majestät. Die gerade erwähnte langsame Erwärmung aller Meere schwächt die Schutzzauber gegen das Feuer, selbst wenn solche unter Wasser schwer bis gar nicht ihre volle Wirkung tun können. Doch falls Ihr vorhabt, gegen die Übereinkunft mit den Zauberstabträgern zu handeln, so werden diese es nicht schaffen, Euer Herrscherhaus und alle Festungen zu finden. Gegen Such- und Fangvorhaben gegen einzelne von uns ist dies jedoch kein vollständiger Schutz, mein König."

"Das heißt, dass wenn wir uns entschließen, gegen die zauberkraftunfähigen, missachtsamen Leute zu kämpfen können uns die Zauberstabträger nicht an unseren Wehrburgen und Befehlshäusern angreifen, aber einzelne von uns jagen, wie damals jene zwei Zauberstabträgerinnen, die es wagten, Töchter aus unserem Volk anzulocken und gefangenzunehmen, um ihnen etwas von ihren Leibern zu nehmen?" fragte Bathos IV. Seine Schwester Thalassia bejahte es. Diese Schmach mit vor allem dieser einen Hexe, die es gewagt hatte, welche von ihnen einzufangen um dann die erhabene Kraft einer Meeresfrau auszuborgen lastete immer noch auf der königlichen Familie. Doch die Zauberstabträger hatten beteuert, nichts dagegen unternehmen zu können. Das gleiche war geschehen, als Ladonna Montefiori ihren Wall der dunklen Furcht und Vernichtung durch das Meer zog und später wieder niederriss. Da hatte der König auch nur deshalb auf einen Gegenstoß gegen die Zauberstabträger verzichtet, weil der Rat der sechs Kundigen davor warnte, einen Krieg mit den Zauberstabträgern zu entfesseln, bei dem am Ende nur die Zauberunfähigen gewinnen mochten.

Am Ende sollte Pontodromos, der Kundige der alten Geschichten und Bräuche, verkünden, wie ruhmreich die Meeresvölker einst waren und welch unersetzlicher Verlust es sein würde, wenn sie und all ihr Wissen und Können in den Tiefen der Meere versickern würden. Er zählte alle wichtigen Errungenschaften auf und auch, dass es einst eine Zeit gab, wo die Landmenschen mit Angst und Achtung dem Meer und seinen Bewohnern gegenübergestanden hatten. Dann erwähnte er jenen aus uralten Geschichten bekannten Urherrscher aller Meeresbewohner, der sich selbst als Gott und König aller Meereskinder sah und entsprechend große Macht besessen haben sollte.

"Auch wenn wir, die Bewahrer, den großen Gottkönig aller Meereskinder als überstrengen, leicht zur Gewalt gegen ihn verärgernde neigend kennen, so hat zu der Zeit des gewaltigen Gottkönigs mit dem dreizähnigen Speer der Wogen und Beben kein Landmensch gewagt, den Frieden der Meere derartig zu missachten, wie es die Landmenschen seit jenen Tagen tun, seitdem sie das in alten schwarzen Steinen gefangene Feuer vergangener Sonnentage entfachen können und damit ihre Schiffe antreiben, wie uns der Kundige der Waffen und Werkzeuge bereits berichtet hat. Vielleicht sollten wir daran denken, dass jener große Gottkönig noch irgendwo tief und fest schläft und auf den Tag wartet, wo seine Untertanen seiner bedürfen, um den Frieden der Meere wiederherzustellen.".

"Der Gottkönig? Jener, der den alten Berichten nach dreißig Manneslängen maß?" fragte Ketopteryx. Sein Großvater sah ihn erst ungehalten an, weil der unerlaubt gesprochen hatte. Doch dann nickte er wild. "Selbst wenn dieser Gottkönig keine Geschichte aus unergründlichen Zeiten ist, sondern wahrhaftig gelebt hat, so war er sicher kein unsterblicher, der noch irgendwo in den Tiefen der Meere ausharrt und ausgerechnet auf einen von uns wartet, um uns zu helfen. Also sollten wir uns auf das besinnen, was wir jetzt tun können und nicht mit alten Göttern oder uralten Kriegern drohen, sofern wir für deren bis heute wirkende Macht keine Beweise haben!" Dass der König eine gewisse Furcht empfand, einem wiedererweckten Gottkönig seine ganze Macht und sein Reich überlassen zu müssen und nur noch als kleiner Diener leben durfte verhüllte der Herrscher seinen Beratern gewissenhaft.

"Hiermit ist beschlossen! Ombras, du entsendest einen deiner flinken Botschafter zu jjenem Haus an Land, dessen Bewohner es Zaubereiministerium nennen. Lasse ihn ausrichten, dass Wir, die allwasserweite Majestät, das Treiben der zauberunfähigen Landmenschen nicht mehr weiter erdulden werden. Sie sollen beschließen, wie sie diese Umtriebe beenden. Wir geben ihnen einen Mondkreis Zeit für eine Antwort. Gefällt diese Uns, so werden Wir weiter stillhalten. Missfällt sie uns, so werden Wir beschließen, wie Wir diesen Umtrieben beikommen werden. Dies ist beschlossen und verkündet!" entschied der König unumstößlich.

Als die Kundigen daraufhin mit demütig gesenkten Häuptern aus dem Herrschersaal hinausschwammen blieb der König allein zurück. Er hatte es dem Kundigen der alten Geschichten und Bräuche angesehen und angehört, dass dieser am liebsten heute noch einen Boten zu jener Schlafstätte des einstigen Gottkönigs schicken würde, um diesen zu wecken. Tat er das, so war die Zeit der großen Herrscher aus der Familie der Silbertropfenträger vorbei. Doch musste Bathos IV sich auch dessen bewusst sein, dass der Orden der Bewahrung gegen ihn aufbegehren mochte, wenn er es untersagte, jenen schlafenden Gottkönig zu wecken. Der Orden sah in ihm den Vertreter jenes Gottkönigs, also dessen Statthalter und Gutsverwalter. Wenn er sich dem verweigerte mochte es zu einem Aufstand kommen. Den brauchte er bei allem Unrat der Landmenschen nicht auch noch. Doch irgendwie wollte ihm nicht aus dem Sinn, dass er den Landmenschen am Ende damit drohen musste, diesen Gottkönig aus ferner Vergangenheit aufzuwecken. Denn was hatte der Kundige der Geschichte und Bräuche erwähnt? Selbst die Landmenschen kannten die Macht des Gottkönigs mit dem über Wogen und Erde gebietenden Dreizahnspeer. Sie hatten den sogar noch angebetet und ihm Verehrungsstätten erbaut, als es für die Meerleute längst klar war, dass jener Gottkönig nicht mehr unter ihnen weilte. Ja, er wusste von Vorfahren seiner Familie, die sich selbst als dieser Gottkönig ausgegeben hatten, um Gaben der Landmenschen zu erheischen. Dass sie die kaltblütigen Tiere lenken konnten gab ihnen ja schon gottgleiche Fähigkeiten. Ja, womöglich sollte er denen damit drohen, alle Giftschlangenund Raubfische gegen sie zu senden. Bedauerlich, dass die hohlleibigen Nesselfadentiere nicht zu lenken waren, weil die kein dafür geeignetes Hirn in sich trugen. Damit ließen sich lange Strandabschnitte freiräumen. Wer brauchte dann noch einen urgewaltigen, allmächtigen Gottkönig aus einer Zeit, wo erlebtes und erdichtetes im Grau der vergangenen Jahre verschwammen?

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Griechisches Zaubereiministerium unter den Straßen von Athen, 26.07.2008, 11:45 Uhr Ortszeit

Die magischen Außenbildfenster zeigten die altehrwürdige Agora Athens, wie sie vor 2000 Jahren bestanden hatte. Alexios Eudoros Anaxagoras, der Zaubereiminister Griechenlands, studierte die aus dem lateinischen ins griechische Alphabet übersetzten Anfragen aus Italien. Es ging um den vereinbarten Ort für den letzten Akt eines seit Ladonnas Verschwinden ausgehandelten Vorhabens. Eigentlich wollten sie auch die nordafrikanischen Länder mit einbeziehen. Doch diese hatten sich zu sehr vom Al-Assuani-Clan in Ägypten gegen Europa aufbringen lassen und ihren eigenen kleinen Interessenclub begründet.

"Oh, sie sind doch glatt auf deinen Vorschlag eingegangen, Kreta als Treffpunkt anzuerkennen, werter Bruder", hörte der Minister die Stimme seiner Salmakis-Schwester in seinem Geist. Er fühlte den leichten Spott der im Hintergrund mitverfolgenden Alexia und fühlte, dass sie wieder gerne volle Gegenwart erlangen wollte. Doch wenn es mit der vom italienischen Zaubereiminister und der französischen Zaubereiministerin angeregte Mittelmeerunion klappen sollte brauchte er den mit ihr geteilten Körper bis zum Abschluss der ausstehenden Schlussverhandlungen. Immerhin hatten sie sich auf eine Konföderation geeinigt, bei der die Zaubereiministerien des Mittelmeerraumes ihre Sicherheits- und Handelspolitik aufeinander abstimmten und sogar eine Freihandelszone ohne Außenhaandelsgebühren einführen wollten, so dass griechische Artikel zollfrei in Spanien verkauft werden konnten und französische Güter auf Malta und in Griechenland vertrieben werden durften. Vor allem auf die Duotectus-Anzüge, die der Thaumaturg Florymont Dusoleil erfunden hatte freute sich Alexios Anaxagoras.

"Tja, kleine Schwester, dann werden wir die Gastgeber sein. Also benimm dich bitte anständig, bis wir alles noch zu klärende besprochen und geregelt haben!" dachte Minister Anaxagoras an die Adresse seiner Körpermitbenutzerin zurück. Natürlich erhielt er zur Antwort ein rein gedankliches Kichern. Sie wusste, dass er wusste, dass sie wegen der beiden von ihr geborenen Kinder jederzeit die völlige Erscheinung und Lenkung übernehmen konnte und er solange im Hintergrund verweilen musste, bis sie fand, dass es ihren beiden Kindern gut genug ging, um sie mal länger als einen Tag in der Obhut ihres Angetrauten und seiner Schwester zu lassen. Dass die Tränen des Salmakis diese Wirkung hatten hatte der Minister nicht gewusst.

Gleichzeitig mit einem Glockenton erschien mit leisem Piff eine wasserblaue Pergamentrolle über dem Schreibtisch und landete sicher in der Mitte. Die Rolle wurde von einem blütenweißen Ring gehalten. Auf diesem stand in griechischen Buchstaben, dass die Rolle aus der Abteilung für magische Geschöpfe geschickt worden war.

"Scheint sehr dringend zu sein", erkannte Minister Anaxagoras und ergriff die Rolle. Als er am Ring zog erzitterte dieser. Eine dröhnende Gedankenstimme fragte: "Wer bist du?" Alexios Anaxagoras dachte seinen Namen. "Bist du es wirklich?!" donnerte die geheimnisvolle Gedankenstimme. Er wiederholte seinen Namen. Dann konnte er den Ring vom Pergament ziehen. "Ich muss noch einmal mit Bukephalos reden, dass der seine Zugriffssicherungen nicht so übereifrig macht", dachte der griechische Zaubereiminister, bevor er das wasserblaue Pergament auseinanderrollte. Tatsächlich hatte die Farbe es schon angedeutet, dass der für die Verwaltung des Meermenschenkönigreiches in der Ägäis zuständige Beamte wohl was diese betreffendes zu vermelden hatte. Der Minister las:

Hochgeschätzter Zaubereiminister Anaxagoras,

ich bitte für die Störung Ihrer wertvollen Arbeit um Verzeihung und hoffe, dass Sie mein Anliegen unmittelbar und ohne Dienstweg an Sie zu richten genehmigen.

Vor zwei Stunden empfing der von mir eingesetzte Meereshorcher auf Mykonos die vereinbarten Muschelklopfzeichen von dem Außenbezirk des von Meereskönig Bathos dem vierten regierten Abschnittes des Mittelmeeres. Der Verbindungszauberer zu den Meerleuten fuhr sogleich mit dem dafür gefertigten Boot zum vereinbarten Treffpunkt, wo er den jungen Schnellschwimmer Tachypteryx antraf,einen Boten des mit unserer Behörde in Verbindung stehenden Ombras. Jener schnelle Bote übergab dem Meereshorcher die auf diesem Pergament angefügte Botschaft und erwähnte, dass wir einen Mond Zeit hätten, über die Ausführung des Anliegens nachzudenken. Im folgenden die Originalbotschaft in der Mundformzeichensprache der Meerleute und die von meiner Abteilung vorgenommene Übersetzung.

Minister Anaxagoras las erst die wie nebeneinander und ineinander gezeichneten kringel und Elipsen, über denen der durch gewellte Linien verbundene Zeichensatz für den regierenden Meereskönig Bathos IV stand. Da er des Meerischen leidlich mächtig war formte er mit seinem Mund die geschriebenen Zeichen nach und kam so auf die Wörter, die die Zeichen bildeten. Dann las er die von der Abteilung für magische Geschöpfe angefertigte Übersetzung.

Wir, von Wogen und Meerestiefen zur Herrschaft darüber berufene, allwasserweite Majestät, Bathos, vierter dieses ehrwürdigen Namens, geben hiermit Kunde vom baldigen Ende unserer Geduld mit den Machenschaften nichtzauberischer Menschen, die unseren Lebensraum plündern und vergiften.

Mein zweiter Sohnessohn Ketopteryx war in Erfüllung seiner Aufgabe als Sicherungskundschafter unterwegs in unserem Reich, als ihn beinahe die Schmach und der qualvolle Tod eines viele hundert Längen messenden Netzes widerfuhr. Nur dank der gründlichenund schonungslosen Ausbildung seiner Lehrmeister verdankte er, nicht von jenen maßlos Fische sammelnden Netz umschnürt und mitgeschleppt zu werden. Dennoch kann und wird diese freche Tat wider unser Blut nicht ungestraft bleiben. Wir berufen uns auf den Abschnitt zur Wahrung gegenseitiger Daseinsrechte, Unterabschnitt drei, Sicherung des Lebensraumes und klagen, dass jene Sicherung von eurer Seite her immer nachlässiger wird. Ihr hindert die Nichtzauberer nicht daran, ihre Gier und ihre Missachtung des untermeerischen Lebens auszuleben. Ihr legt es darauf an, dass sie unser Reich immer mehr mit ihren unverrottbaren Dingen und unsichtbaren Giften verseuchen. Ihr lasst sie mit solch übergroßen, den Meeresgrund durchwühlenden und alles im Wege schwimmende gnadenlos einschnürenden Netzen fischen. Früher haben die Fischfänger noch Achtung vor Unserem Volk gezeigt und nur so viel aus dem Meer gezogen, wie sie für sich und ihre Anverwandten brauchten. Doch heute reißen sie riesige Löcher in bestehende Bestände und wühlen den ihnen unzugänglichen Boden auf, in dem nicht minderwichtiges Getier wohnt. Das muss aufhören!

In Berufung auf den Sicherheitsabschnitt und die zugesagte Sicherung unseres Lebensraumes fordern Wir, die allwasserweite Majestät, dass ihr dieses Treiben bis zur Vollendung des gerade stattfindenden Mondkreises unterbindet und den Befahrern und Beutefängern auf den Meeren unmissverständlich auferlegt, wieder zur gemäßigten und ungiftigen Nutzung des Meeres zurückzufinden. Widrigenfalls werden wir die uns gebotenen Mittel nutzen, um die nichtzauberischen Landmenschen aus unserem Reich zu vertreiben und jede weitere unmäßige Ausbeutung zu beenden. Außerdem werden wir Klage auf Schadensersatz und die verbindliche Sicherung unseres Lebensraumes erheben, wenn ihr nicht von euch aus dem Treiben dieser Gierschlünde Einhalt gebietet. Ihr habt nun den ganzen verlaufenden Mondkreis Zeit, diese Forderung zu beratenund zu erfüllen. Widrigenfalls werden wir uns nicht mehr an die Übereinkunft mit euch gebunden fühlen und unser Reich von allen Landmenschen säubern, die ungefragt und ohne jede Achtung darin fischen und ihren Unrat hinterlassen. Ihr seid hiermit gewarnt!

In der großen Hoffnung, doch noch Vernunft und Wertschätzung von euch erhalten zu dürfen verweilen Wir

mit königlichem Gruße

"Dreist ist der gar nicht", dachten Alexios und Alexia zeitgleich, dass es dem gerade gegenwärtigen Zaubereiminister Griechenlands für eine Sekunde leichte Kopfschmerzen bereitete.

"Das war nur eine Frage der Zeit, bis Bathos oder ein anderer Meeresfürst das mit dem ganzen Plastikabfall und den ausgeschütteten Restgiften und Ölrückständen beklagt", hörte er Alexias Gedankenstimme. "Was wirst du also tun?"

"Tja, wenn wir echt einen ganzen Mondkreis von jetzt an Zeit haben, also bis Ende August, dann bringe ich dieses Ultimatum glatt mit zur Konferenz. Das dürfte und das wird auch die anderen Mittelmeeranrainer interessieren. Bathos ist nicht ohne Einfluss. Zwar können die meisten im Mittelmeer bestehenden Meerleutesiedlungen unbehelligt leben. Doch wenn Bathos hustet fühlen sich alle anderen krank", wusste Alexios. Alexia fügte dem hinzu: "Er hält sich für einen legitimen Statthalter Poseidons. In den Meeren flüstern sie, dass es eine echte Vorlage für den Gott mit dem Dreizack gegeben hat, von dem nicht nur die Hippocampi abstammen, sondern auch die marodierenden Seelenschlinger, die vergleichbar mit den Riesen unter den menschenförmigen Landwesen sind."

"Ja, und die nur beherrscht, wer es schafft, ihnen ein Fügsamkeitshalsband umzulegen, ohne dabei verstümmelt oder ganz und gar gefressen zu werden", wusste Alexios Anaxagoras, der klarrstellen wollte, dass sein Zauberwesenwissen mit dem seiner Salmakis-Schwester mithalten konnte. Auch wenn sie während der Schwangerschaften mit ihren beiden Kindern mehr über Zauberwesen und besonders Meermenschenund Kobolde erlernt hatte war er bei diesen Lektionen ja auch irgendwie anwesend gewesen.

"Die Konferenz findet am 30 Juli auf halber Höhe des Psiloritis statt. Bis dahin habe ich eine gescheite Ausformulierung dessen, was uns da gerade auf den Tisch gepurzelt ist", dachte Minister Anaxagoras. Er schrieb dann noch an die Abteilung zurück, dass er die zwischen Hilferuf und Frechheit schwingende Ankündigung zur Kenntnis genommen hatte und die gewährte Frist ausnutzen wolle, um eine für alle Seiten unmissverständliche Antwort darauf zu finden. Er bat um ein Treffen nach dem Mittagessen, um die neue Lage genauer einzuordnen und eine für die Konferenz brauchbare Bekanntmachung auszufertigen. Eine Geheimhaltungsstufe wollte er zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht festlegen. Doch er wollte auch nicht, dass die Zeitung davon erfuhr, dass die Meerleute den nichtmagischen Menschen den Krieg erklären wollten.

Wie beschlossen traf er sich nach dem Mittagessen mit Bukephalos Xanthotrichos, dem Leiter der Abteilung zur Erfassung und Überwachung magischer Wesenheiten. Dessen Büro besaß an jeder Wand eines jener Teleidoskopfenster, mit dem entweder Bilder von weit her oder nachgestellte Bilder der Vergangenheit gezeigt wurden. In diesem Fall zeigte das südliche Großfenster einen ausbrechenden Vulkanschlot, das östliche zeigte eine blütenweiße Burg aus Wolken und das im Norden angebrachte Fenster zeigte einen bläulich-weißen Eispalast, vor dem aufgerichtete Polarbären auf- und abgingen. "Das Tetraptychon der Elemente, Minister Anaxagoras", grüßte ihn der athletische, sowie für einen Griechen ungewöhnlich blonde Zauberer.

"Nur schade, dass sie die tessalischen Höhlen nicht zeigen können, weil Ihre Tür in der Westwand ist, Kollege Xanthotrichos", erwiderte Minister Anaxagoras. Er nahm die stumme Einladung an, sich auf den besten Besucherstuhl im Raum niederzulassen. Als er saß erwähnte er, dass es nun eine Menge zu besprechen gab. Denn durch die ultimative Ankündigung des Meereskönigs rückten auch andere Themen mit Zauberwesen aus dem Mittelmeerraum in den Vordergrund.

Sie sprachen darüber, dass Bathos IV offenbar noch vollendete Tatsachen schaffen wollte, um seiner Herrschaft einen bleibenden Eindruck in der Geschichte aller Welten zu verleihen. Dann sagte Xanthotrichos: "Ich habe, Ihr Einverständnis vorausgesetzt, bei der Leiterin des Verbindungsbüros zur magielosen Menschheit angefragt, ob wegen der erwähntenSchleppnetzangelegenheit irgendwas geschehen sei. Tatsächlich hat es vor vier Tagen einen Störfall auf einem von drei Fischfangkonzernen geführten Hochseefischereifrachter gegeben, bei dem ein Schleppnetz wie von mehreren Klingen bearbeitet von den Halteketten abgetrrennt wurde. Die Versicherung jenes Schiffes, es trägt übrigens den Namen "Eastern Horizon", also östlicher Horizont, soll nun beschließen, ob sie das verlorengegangene Netz bezahlt, ja womöglich auch den darin eingesammelten Fisch als Verlust verbuchen und ersetzen soll."

"Wo war dieser Zwischenfall?" fragte Anaxagoras. Xanthotrichos zeigte ihm auf der neben der Tür hängenden Karte des östlichen Mittelmeerraumes die Stelle mit dem grünes Licht aussendenden Zauberstab. "Oha, ist der Palast von Bathos nicht knappe fünfzig Kilometer davon entfernt?" wollte der Minister wissen. "Ungefähr, weil diese Meeresleute es bisher sehr gut verstehen, unsere Suchzauber und Spürgeräte auszutricksen. Bathos' Schwester gehört zu den Kraftsängerinnen, also denen, die mit ihrer Stimme Zauber wirken können wie die alten Sirenen. Sie hat die Siedlung der Meerleute gegen die Blicke von Landmenschen abgeschirmt."

"Dann probiert es demnächst mal mit überhohen Tönen, das was in der nichtmagischen Welt Ultraschall genannt wird. Delphine und manche Fische nutzen diese besondere Schallform zur Ortung und Wegfindung", sprach Alexias Geist durch den Mund ihres Salmakis-Bruders, ohne dass Xanthotrichos dies erkannte.

"Das ist das was die Meerleute Knallhall oder Schrillhall nennen, Minister Anaxagoras. Wenn wir das benutzen können wir denen auch gleich den Krieg erklären, weil derartige Laute oberhalb unserer Hörgrenze für die wie ein halber Cruciatus-Fluch sind", erwiderte Xanthotrichos mit behutsamem Kopfschütteln.

"Steht das so im Vertrag?" fragte Anaxagoras und erkannte, dass es schon eine rhetorische Frage war. Denn da stand wirklich, dass kein bewusster Eingriff in die körperliche und seelische Unversehrtheit gegenüber den Meerleuten stattfinden durfte, erst recht nicht dort, wo diese sich angesiedelt hatten. "Gut, dann ziehen wir diesen Vorschlag zurück", sagte Anaxagoras nun ganz er selbst. "Bleibt also nur die gewisse Besorgnis, dass die Meerleute sich gegen Landbewohner wenden und es zu einem blutigen Kampf kommt", fügte der Minister noch hinzu. "Ja, nur dass wir in dem Fall sogar berechtigt sind, die Streitigkeiten mit angemessener magischer Gewalt zu beenden, sobald wir davon erfahren", erwiderte Xanthotrichos. "Sobald wir davon erfahren", wiederholte der Minister. "Die Frage ist, ob wir nach Ablauf dieses Ultimatums überhaupt erfahren, wann und wo genau Bathos' Kampftruppen zuschlagen, ob sie gegen küstennahe Einrichtungen der Landbewohner vorgehen oder ob sie ihre Macht, Fische und Seeschlangen mit ihren Stimmen zu befehligen nutzen, um harmlose Menschen angreifen zu lassen. Haiattacken, Barrakudas, Seeschlangen, könnte alles aufgeboten werden", sagte der Leiter der Behörde zur Erfassung von magischen Wesenheiten. Anaxagoras nickte zustimmend. Dann ergänzte er noch, dass Bathos auch die anderen Meeresfürsten nicht nur des Mittelmeeres dazu anstacheln mochte, sich gegen die Landbewohner zu erheben. Auch diese Möglichkeit galt es zu bedenken.

Abschließend wurde vereinbart, wie das sehr drastische Ultimatum von König Bathos als eine Art Hilferuf ausgelegt werden konnte, um ihm möglicherweise Hilfe anzubieten. Als das erledigt war kehrte Minister Anaxagoras in sein eigenes Büro zurück.

"Tja, dann wirst du bei der Konferenz der europäischen Mittelmeeranrainer wohl schön im Hintergrund bleiben, solange wir nicht noch einmal nach Millemerveilles reisen müssen", dachte Alexios Anaxagoras. Merkwürdigerweise kam von seiner Salmakis-Schwester keine Entgegnung. Das nahm er mal als Zustimmung, auch wenn er wusste, dass sie ja wusste, was er dachte und woran er sich alles erinnerte, sowie er sich ja auch an das meiste erinnerte, was sie erlebte, wenn sie den gemeinsamen Körper vollständig ausnutzte.

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In der tiefen Höhle des Gehörs von König Bathos, einen Tag nach Entsendung des Botschafters an die Landbewohner

Er hatte den Rat der Kundigen wieder zusammengerufen. Ombras durfte nun berichten, was sein Botschafter als Antwort erfahren hatte. "Sie werden Eure Forderung prüfen, allwasserweite Majestät", vermeldete Ombras kurz und knapp.

"So, werden sie das?" fragte der König verdrossen. "Sie werden es nicht darauf anlegen, dass wir ihnen Vertragsuntreue vorhalten können, weil sie uns nicht ausreichend beschützen", beteuerte Ombras. Darauf erbat Thalassia das Wort.

"Es kann aber auch sein, dass Sie Eure Aufforderung als Angriffsdrohung gegen sie selbst auslegen und sich auf einen Vereitelungsschlag vorbereiten, um vor uns sicher zu sein, mein König."

"Du meinst, ich hätte diese Forderung nicht an sie versenden dürfen?" wollte Bathos IV wissen. Seine Schwester und Kundige der Zauberlieder des Wassers verneinte es. "Ihr musstet diese Ankündigung machen, weil die Zauberstabträger uns sonst als Verursacher der zu erwartenden Unruhen einstufen würden. Die müssen wissen, dass wir die Bedrohten sind und auf unser Recht bestehen, uns zu schützen oder gegen offene oder heimlich ausgeführte Angriffe zu verteidigen. So kann Euch keiner von denen vorwerfen, gegen die Übereinkunft zu verstoßen, wenn sie die von Euch gesetzte Frist ungenutzt vergehen lassen und meinen, nichts unternehmen zu müssen", sagte Thalassia. Pontodromos stimmte wortlos zu. "Sie werden sich beraten müssen, wie sie uns gegen die Verunreinigungen und maßlosen Plünderungen besser schützen können", vermutete Thalassia. "Denen ist ihre Geheimhaltung wichtiger als alles andere. Ein offener Krieg mit uns würde die Geheimhaltung gefährden. Doch warne ich davor, dass sie dies auch denken, wenn wir unsererseits gegen zauberkraftlose Landmenschen vorgehen. Auch daran werden sie denken." Wieder nickte der Kundige der Geschichten und Bräuche.

"Es wurde verkündet, was Wir verkünden wollten", erwiderte der König entschlossen. "Wir müssen und werden uns daran halten, was beschlossen und verkündet wurde." Dieses klare Wort des Herrschers galt. Ihm zu widersprechen würde als versuchter Verrat ausgelegt.

Als die Kundigen wieder in ihre eigenen Räume zurückkehrten grübelte Pontodromos, der Kundige der alten Geschichten und Bräuche darüber, ob der König überhaupt willens war, alle ihm gebotenen Kräfte gegen die maßlosen und unachtsamen Menschen einzusetzen, oder ob es nicht genau die Zeit war, die der Gottkönig mit dem dreizähnigen Herrscherspeer vorhergesagt hatte, die Zeit, wo die Völker des Landes die Völker der Meere in ihrem Leben und ihrer Freiheit bedrohten. In dem Fall sollte ein Träger königlichen Blutes in das Haus des Gottkönigs hineinschwimmen, seine Prüfungen überleben und den schlafenden Geist erwecken, um von diesem beseelt und bestärkt zu neuer Macht und Größe zu erwachen. So sicher wie der Atem der Gezeiten war jedoch auch, dass mit dem Erwachen des Gottkönigs die Herrschaft aller einfachen Meereskönige beendet war. Diese würden sich dem Wiedererwachten dann unterwerfen oder von seinem dreizähnigen Speer in alle Meereswasser verteilt werden, so das Gesetz des Gottkönigs, das nur wenige aus den Völkern der Wassergeborenen noch auswendig kannten.

"Wenn der König nicht den offenen Feldzug gegen die Landmenschen ausruft werde ich wohl nach dem Gottkönig suchen müssen", dachte der Kundige der alten Geschichten und Bräuche. Doch dann fiel ihm ein, dass er kein Mitglied der königlichen Familie war. Doch musste es ein männlicher Blutsverwandter eines herrschenden Königs sein, der die Gnade und die Kraft des Gottkönigs erbittenund annehmen durfte. Jeder andere mochte als Verhöhnung des Gottkönigs verstanden werden. Bestenfalls erwachte dieser dann nicht. Schlimmstenfalls übernahm er dann zwar den dagebrachten Körper, aber würde dann grausame Vergeltung gegen alle die üben, die ihn beleidigten. Nein, es musste einer sein, der wahrlich aus der alten, über viele tausend Jahre zurückreichenden Königsfamilie stammte. Der König selbst würde sich sicher nicht dazu bereitfinden. Sein Erstgeborener würde sicher den Befehl erhalten, sich der Erweckung zu verweigern, wenn er nicht des Reiches verwiesen werden wollte. Er, Pontodromos, der oberste Kundige der alten Geschichten und Bräuche, musste also wen finden, auf den Bathos verzichten konnte, der aber aus der Königsfamilie stammte. Ja, ein "Er" musste es auf jeden Fall sein.

"So warte ich wie die anderen, was Ihr vorhabt, mein Herr und König, o allwasserweite Majestät", dachte der oberste Kundige der alten Geschichten und Bräuche für sich und hoffte, dass keine von Thalassias Gedankenhörerinnen näher als seine Rufweite entfernt war.

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In einer Kalksteinhöhle auf halber Höhe des Timios Stavros im Psiloritisgebirge von Kreta, 30.07.2008, 10:00 Uhr Ortszeit

Minister Anaxagoras hatte fünfzig Mitarbeiter vor den magisch abgesicherten Zugang zu einer der großen Höhlen im Psiloritisgebirge postiert, um die nacheinander eintreffenden Mitglieder der anderen Zaubereiministerien zu begrüßen und durch den Vorhang aus unbändigem Feuer und undurchbrechlichem Gestein zu lenken. Eigentlich war die Höhle für Hexen verboten, weil eine dreitausend Jahre alte Übereinkunft zwischen den Söhnen des Hermes Trismegistos und den Töchtern der Hecate vorsah, dass eine Naturhöhle dem Orden zum Besitz fiel, dessen Mitglied sie zuerst entdeckte und mit entsprechenden Prüf- und Kennzeichnungszaubern belegte. Doch weil die wenigen Hexen, die hier und heute zu Gast sein würden keine offiziellen Töchter Hecates waren durften sie die Höhle mit ihren viele Meter hohen Kristallsäulen und die an sie grenzenden drei Grotten betreten.

"Was würde passieren, wenn ich hierund jetzt beschlösse, nach außen zu tretenund dich in mir einzuschließen, Bruder?" hörte der griechische Zaubereiminister die Gedankenstimme seiner Salmakis-Schwester. "Da du eine eingeschworene Tochter der Hecate bist würde das Siegel des Dreifachgrößten deinen Leib und deine Seele hinausdrängen, so schmerzhaft, dass wir beide dabei sterben und unser gemeinsamer Körper im ewigen Kreis der Urkräfte zerrinnen würde. Also lass das bitte!"

"Da sind wir Töchter Hecates gnädiger zu jenen, die unerlaubt in unsere Naturhallen eindringen", erwiderte Alexia Daphne Tachydromos im Geist ihres Salmakis-Bruders.

"Ja, bei euch erstarren die Unerwünschten zu Stein wie unter dem Blick der Gorgone Medusa und müssen darauf hoffen, dass eure göttliche Stammmutter sie begnadigt", schickte Alexios Anaxagoras zurück. "Was durchaus geschehen kann", konterte seine Salmakis-Schwester. "Ja, wenn die Sonne im Westen aufgeht und Atlantis wieder auftaucht", erwiderte Alexios. Darauf bekam er ein eher mädchenhaftes Kichern zur Antwort.

"Kirios Zauberrat, die ersten Teilnehmer sind am Ankunftspunkt eingetroffen", klang wie aus leerer Luft die Stimme eines der fünfzig Begrüßer. "Wer ist es?" fragte der Minister frei in die Höhle hineinsprechend. "Die Spanier, Kirios Zauberrat", erhielt er zur Antwort. "Alle geladenen und angemeldeten Teilnehmer?" fragte der Minister. "Der Minister, sein Seniorassistent, sein Abteilungsleiter für internationale Zusammenarbeit und sein Sicherheitsabteilungsleiter. Es fehlen noch jener für internationalen Handel und der Abteilungsleiter für magische Geschöpfe", wehte ihm die Antwort des Begrüßers wie frischer Wind in die Ohren. "Gut, den Kollegen auf Posten lassen, die erwähnten Gäste schon einmal in den Empfangsraum bringen!" befahl der Minister. Danach zog er seinen Zauberstab hervor und streckte ihn senkrecht über seinen Kopf. Dann befahl er auf Altgriechisch, dass alle Lichtträger erleuchten sollten. Unverzüglich erstrahlten die kristallenen Säulen im hellen, weißgelben Licht, das der Sonne nachempfunden war, jedoch nur halb so hell wie das natürliche Tagesgestirn leuchtete.

Rodrigo Pataléon, der spanische Zaubereiminister, betrat in einem blattgrünen Umhang die kleine Vorhöhle, in der gepolsterte Bänke auf die Gäste warteten. In der Haupthöhle, da wo die Konferenz stattfinden sollte, verrichteten unsichtbare Luftgeister noch die letzten Ausstattungsarbeiten. Anaxagoras verließ die Haupthöhle und begrüßte seinen Amtskollegen von der iberischen Halbinsel.

"Der Zugang ist ja beachtlich gut verriegelt. Ich habe das mit dem Wall aus rotglühendem Gestein für eine Übertreibung gehalten", sagte Pataléon in seiner Muttersprache, die Alexios und Alexia ausgezeichnet beherrschten. So konnte der griechische Zaubereiminister antworten: "Wir haben diesen Zauber aus den Kreisen von Feuer und Erde von unseren erhabenen Vordenkern erlernt. Doch nur die drei hohen Prüfungen bestehenden Zauberer unseres Landes dürfen diese Verteidigungszauberei erlernen und nur auf Befehl aus meinem Ministerium verwenden. Sie lassen jedenfalls niemanden ein, in dem Anteile von Erde und Feuer wirken, ja und das in jedem lebenden Wesen fließende Wasser wird verdampft. Das Apparieren wird ebenfalls von diesen Steinen vereitelt."

"Ich hörte, dass diese Höhle keine Hexe duldet. Was machen Sie dann mit der Kollegin Ventvit, wenn sie hier eintrifft?" fragte Pataléon mit einer gewissen Gehässigkeit in der Stimme.

"Hexen dürfen hier herein, wenn sie ausdrücklich und mit Nennung ihres vollen Namens eingeladen und wie Sie gerade eben von einem Kundigen des Barrierezaubers hindurchgeleitet wird. Nur die Töchter der Hecate werden abgewiesen, weil das Gesetz unseres Stammvaters aller Zauberer dies gebietet", sagte Anaxagoras.

Das Ornelle Ventvit zusammen mit ihrer Seniorassistentin und mit ihrer Abteilungsleiterin für magische Geschöpfe in dieser Höhle willkommen war erkannte Pataléon eine halbe Stunde später, als auch die französische Delegation eingetroffen war und zwar alle geladenen Teilnehmer zur selben Zeit. Jetzt fiel Anaxagoras wieder auf, wie verdrossen Pataléon auf ihn und Ornelle Ventvit blickte, wohl weil er es noch immer nicht verwunden hatte, dass er unter Ladonna Montefioris Bann gestanden hatte und die anderen nicht. Alexia hatte ihm ihre Ansicht mitgeteilt, dass Pataléon deshalb gegen viele Vorhaben argumentieren würde, die seine eigene Souveränität beschränken mochten, wie die Festlegung von Preisen für Zaubertrankzutaten oder importierte Zauberwerkzeuge. Doch wenn sie dem seit März bestehenden Embargo Ägyptens und den Beeinträchtigungen der von Ägypten angestachelten nordafrikanischen Zaubereigemeinschaften entgegenwirken wollten mussten sie die Mittelmeerunion beschließen und umsetzen. Dass die Magielosen sowas schon längst beschlossen hatten, um Handel und Umweltfragen gemeinsam zu klären wusste Alexios Anaxagoras. Doch warum sollten die Zauberer gute Sachen nicht übernehmen?

Die italienische Delegation wurde von den Spaniern und Griechen gleichermaßen misstrauisch betrachtet, weil diese aus von Ladonnas Herrschaft profitierenden Leuten bestand, die einfach die von ihr unterworfenen Hexenund Zauberer in ihren Ämtern beerbt hatten, ohne eine klare Aussprache und einen geregelten Machtwechsel vorzunehmen. Dann waren noch fünf Vertreter der Trizenturie aus Malta da, die Vertreter der auf den drei Inseln zwischen Afrika und Sizilien wohnenden dreihundert Hexen und Zauberer. Sie hatten sich angeboten, zwischen Europa und Nordafrika zu vermitteln, um die unerträgliche Lage vor allem zwischen Europa und Ägypten zu beenden. Ob das nur ein Wunschtraum bleiben würde oder Aussicht auf Erfolg hatte würde sich noch weisen müssen.

Als alle Delegationen vollzählig eingetroffen waren geleitete der griechische Zaubereiminister sie alle in die große Versammlungshöhle. Die leuchtenden Kristallsäulen strahlten so viel Licht aus, dass es keinen Schattenwurf gab. Außerdem standen fünf große runde Tische auf einem fünfeckigen weißen Teppich um ein Podest, auf dem noch ein sechster Runder Tisch mit himmelblauer Decke mit goldenem Saum aufgestellt war. Um jeden Tisch standen so viele Stühle, wie Vertreter einer Fachabteilung am Tisch platznehmen sollten. Um den erhöhten Tisch in der Mitte standen hochlehnige Sessel, fast schon Königsthronen entsprechend. Darauf durften sich die hier zusammengekommenen Ministerinnen und Minister niederlassen. Nur wenn es Abteilungsübergreifende Beratungen gab sollten die daran teilnehmenden in eine der drei Nebenhöhlen gehen, die durch einen silbrigen Lichtvorhang verhüllt waren. Dass die Tische rund warenund somit jeder daran sitzende gleichberechtigt war hatten die Teilnehmer in wochenlangem Eulenpostverkehr ausgehandelt und sich auf die Geschichten um den britischen König Arthus berufen, dessen Tafelrunde auch in der Zaubererwelt berühmt war, auch wenn die Berichte und Dichtungen der Nichtmagier von denen der Zauberer abwichen.

Als alle auf den vorgesehenen Plätzen saßen erhob sich Anaxagoras noch einmal und begrüßte die angereisten Amtskollegen und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Französisch, der Sprache der internationalen Zaubererweltkonföderation. Dann kündigte er an, dass er und sein Mitarbeiter Xanthotrichos vor der beschlossenen Tagesordnung etwas wichtiges vorlesen und zur allgemeinen Beratung stellen mussten, da es sie alle betraf. Danach durfte der blondhaarige Hühne Xanthotrichos das schon amtlich zu nennende Schreiben des Meereskönigs Bathos IV verlesen. Als er auch die gesetzte Frist laut vorgelesen hatte rollte er die blaue Pergamentrolle wieder zusammen und steckte sie in einen weißen Haltering. Für zehn Sekunden herrschte die natürliche Stille der Versammlungshöhle. Dann sagte Anaxagoras:

"Dieses Schreiben, dass wir gutwillig als eine Art Hilfsersuchen betrachten, ging uns vor fünf Tagen zu. Da zu diesem Zeitpunkt ja schon diese Zusammenkunft geplant war hielten wir es für richtig und wichtig, Sie alle erst hier und heute über König Bathos' Anliegen zu unterrichten. Mein Mitarbeiter Xanthotrichos geht davon aus, dass dieses Hilfsgesuch ernstzunehmen ist und wir daher bei dieser Zusammenkunft eine Antwort finden sollten, mit der sowohl wir als auch der König der Meermenschen im östlichen Mittelmeer leben kann."

"Wieso kommt Bathos, von dem ich natürlich auch schon etliches gehört habe, jetzt erst darauf, dass er gegen die Meeresverschmutzer und Überfischer vorgehen will? Diese Lage besteht doch schon seit Jahrzehnten", sagte Barbara Latierre, die Leiterin der Abteilung zur Erfassung und Verwaltung magischer Geschöpfe in Frankreich, nachdem sie ordentlich ums Wort gebeten hatte.

"Wir gehen davon aus, dass sein Maß voll ist, nachdem fast sein Enkelsohn Ketopteryx von einem großen Schleppnetz erfasst worden ist, Kollegin Latierre", erwiderte Xanthotrichos. "Womöglich sieht er das als unmittelbaren Angriff auf seine Familie an. Er gehört ja zu jener Familie der Silbertropfen, die der Legende der Meerleute nach silbernes Blut in den Adern hatten, als sie damals als eine der Urfamilien der Meereskinder entstanden."

"Also ist das hier kein Hilferuf, sondern ein Angriffsultimatum", wandte der spanische Ministeriumszauberer für magische Geschöpfe ein

"Nun, wir haben es ganz deutlich mit dem Begriff gutwillig umschrieben, dass wir dieses Schreiben als ein Hilfsgesuch betrachten", erwiderte der griechische Zaubereiminister. "Wir wollen Bathos nicht in die Enge treiben, indem wir ihm unterstellen, einen Krieg gegen uns Landmenschen führen zu wollen. Das Übereinkommen mit den in unserem Zuständigkeitsbereich wohnenden Meerleuten ist ja beiderseits bindend. Wir müssen zusehen, die bei uns in der Ägäis wohnhaften Wassermenschen wirkungsvoll vor lebensbedrohlichen Einflüssen zu schützen. Insofern war dieses Anschreiben an uns durchaus zu erwarten gewesen, so wie sich Handel und Fremdenverkehr im Mittelmeerraum entwickelt haben und noch weiterentwickeln werden."

"Insofern können wir froh sein, dass es keine Städte von in den Wolken wohnenden Wesen gibt, die uns wegen der zunehmenden Feuerstrahlflugmaschinenfliegerei behelligen könnten", warf der für Zauberwesen zuständige Vertreter aus Italien ein.

"Von den Luftdschinnen abgesehen, die die arabischen Wüsten und Gebirge bevölkern", warf der Sprecher der maltesischen Zaubererwelttrizenturie ein.

"Nur dass Luftdschinnen keine Staaten bilden und die sehr gut gegen von menschen gemachte Flugapparate vorgehen können, wenn die ihnen zu nahe kommen", wusste der maltesische Zauberwesenbevollmächtigte zu berichten. "Immerhin haben die arabischen und persischen Kollegen immer wieder mit verschwundenen Flugmaschinen zu tun, die ziemlich sicher von umherstreifenden Luftgeistern heimgesucht wurden. Und dass Dschinnen Königreiche oder Stammesgruppen bilden halte ich für sehr unwahrscheinlich. Aber das liegt dann bei den Kollegen aus dem Morgenland. Öhm, aber das mit den Meermenschen sollten wir genauer besprechen. Was wissen Sie über dieses Königreich von Bathos? Wer ist er genau und kann er Unterstützung von den anderen Meeresfürstenund Stammeshäuptlingen erhalten?" fragte Francesco Torregrande, der amtierende Zaubereiminister Italiens. Weil diese Frage zu erwarten gewesen war durfte Bukephalos Xanthotrichos nun mehrere Dokumente aus seinem Aktenkoffer holen, die über die Familie der Silbertropfenträger berichteten, dass der regierende König der vierte Träger des Namens Bathos seit Gründung des einst das ganze Mittelmeer erfüllenden Reiches war und dass behutsam zusammengetragene Auskünfte von Meerleuten und deren halbmenschlichen Nachkommen auf der unsichtbaren Insel Antidelos die Königsfamilie im Auftrag eines mächtigen Meeresherrschers regierte, der als Vorlage für die Götter Poseidon und Neptun gedient haben mochte und laut aus dem Grau der Vorzeit übermittelten Geschichten auch mit dem Meeresungeheuer Keto identisch gewesen sein sollte. Dass Bathos nur noch die Ägäis und das libysche Meer beherrschte, weil andere Familien mächtiger geworden waren mochte Bathos sehr unangenehm bis unerträglich sein. Vor allem dass sich eine Familie im französischen Mittelmeerabschnitt zur Herrscherfamilie aufgeschwungen hatte war beinahe in einen Krieg der Unterwasservölker ausgeufert. Nur eine klare Grenzziehung, auch vermittelt durch die Zaubereiministerien Frankreichs, Italiens und Griechenlandes, hatte diesen Konflikt weitestgehend beendet. Dennoch nahm Bathos für sich in Anspruch, als "allwasserweite Majestät" angesprochen zu werden, auch wenn er eben nicht mehr alle Wasser, also das ganze Mittelmeer, beherrschte.

"Bathos könnte befinden, dass der von ihm erwähnte Vorfall ihn dazu berechtigt, wieder Anspruch auf die Herrschaft über das gesamte Mittelmeer zu erheben. Daher ist es für uns alle hier und jetzt wichtig, wie wir mit seinem Gesuch umgehen, ob wir es als Hilfeschreiben oder als offene Bedrohung einstufen. So oder so wird er nicht mehr stillhalten."

"Was kann Bathos anrichten, außer dass er den Nichtmagiern an den Mittelmeerküsten den Badespaß verdirbt?" wollte Torregrande wissen, der sich wohl nicht vorstellen konnte, dass eine Gruppe magieunfähiger Fischmenschen eine ernste Bedrohung für die zweibeinige Menschheit sein sollte.

"Was Sie schon in Ihrer Frage angedeutet haben, Kollege Torregrande. Er könnte beschließen, dass Baden im Meer und das Befahren mit kleinen Booten zu gefährlich wird, aber auch versuchen, Häfen und andere Einrichtungen an Küsten zu beschädigen. Dies würde die internationale Geheimmhaltung der magischen Welt gefährden, ja womöglich sogar zerstören. Wir müssen im Moment sogar davon ausgehen, dass ihm dieses gelegenkommen würde, um uns dazu zu zwingen, den Raubbau und die Müllausbringung in den Meeren zu beenden und notgedrungen die Herrschaft über die Nichtmagier übernehmen, um sie von weiteren Verunreinigungen oder Ausbeutungen der Meere abzubringen. Offenbar wirkt der von meinem Vorvorgänger aufgebaute Druck nicht mehr, dass mit der Enthüllung der Zaubererwelt auch die Vernichtung der Meermenschenvölker drohen könnte. Möglicherweise sieht er die Lage gerade so, dass sein Volk so oder so gefährdet ist, egal was er tut und das Nichtstun keine Lösung für ihn ist", sagte Alexios Anaxagoras unvermittelt freigiebig. Eigentlich wollte er diesen Punkt doch gar nicht erwähnen. Als ihm klar wurde, dass mal wieder wer anderes durch seinen Mund gesprochen hatte musste er sich sehr zusammennehmen, nicht verlegen oder gar wütend dreinzuschauen.

"Dann will er doch Krieg, um einen Befreiungsschlag gegen die nichtmagische Landbevölkerung zu landen, auch wenn dabei sein ganzes Volk dem Untergang preisgegeben wird", vermutete Ornelle Ventvit. "Was können wir also tun, um das zu verhindern?"

"Haben Sie noch Verbindungen mit der Ansiedlung vor der Côte dAzzur, Kollegin Ventvit?" fragte Anaxagoras, der merkte, dass er gerade immer mehr in den Hintergrund gedrängt wurde, weil seine Salmakis-Schwester fand, hier und jetzt klare Verhältnisse zu schaffen. Er fühlte es auf seiner Haut prickeln wie von vielen Nadelstichen und fühlte das Rumoren in seinen Eingeweiden. Wenn er nicht sofort gegensteuerte würde der von ihm und ihr geteilte Körper ihr Geschlecht und Aussehen annehmen. Dann würde der Abweisezauber dieser Höhle über ihn und sie zugleich hereinbrechen.

"Ich habe die Verbindung natürlich noch. Die Kolonie vor der französischen Mittelmeerküste beklagt sich zwar auch über Gifteinleitungen und unverrottbaren Müll, hat jedoch mit Hilfe unserer Mitarbeiter Schutzmaßnahmen getroffen, um ihre Ansiedlung davon freizuhalten und ist daher nicht so feindselig", sagte Ornelle Ventvit.

"Welche Schutzmaßnahmen?" wollte Anaxagoras wissen. "In Übereinstimmung mit der Akademie Beauxbatons wurden die dort in Kraft gesetzten und als internes Geheimnis der Akademie anerkannten Zauber gegen giftigen oder verdreckenden Unrat eingerichtet, welche einen kleinen Abschnitt des Mittelmeerstrandes für die Freizeitbetätigung der Schüler sichert. mein Vorvorgänger im Amt hat das im Jahre 1952 genehmigt und die genaue Art als nur Beauxbatons vorbehalten anerkannt", erwiderte die französische Zaubereiministerin. "Jedenfalls steht die Ansiedlung vor der Côte dAzzur sehr aufgeschlossen und friedfertig zu uns", beschloss sie ihre kurze Ausführung.

"Dann ... dann prüfen Sie bitte nach Ende der Konferenz, wie stark diese Ansiedlung ist und ob deren Sprecher zu Bathos halten oder ihm die Gefolgschaft verweigern würden, wenn er diese einfordert", erwiderte das Wesen, das äußerlich Alexios Anaxagoras war, aber gerade nicht vollständig als dieser handelte. Ornelle Ventvit mochte fühlen, dass ihr Gesprächspartner gerade unter einer starken inneren Belastung stand. Noch hielt sich Alexia Tachydromos weit genug zurück, um keine Körperwandlung auszulösen. Doch offenbar hatte sie unerkannt von ihrem Salmakis-Bruder und gegen dessen Willen beschlossen, die Angelegenheit mit den Meerleuten zu klären, bevor diese unbeherrschbar wurde. Alexios erkannte das wohl und gab seinen inneren Widerstand auf. Fast hätte dies die Körperwandlung ausgelöst. Doch gerade so zog sich Alexia noch zurück.

"Wenn Bathos findet, er müsse wieder alle Teile des Mittelmeeres oder gar alle Meere der Welt beherrschen könnte die Kolonie vor Frankreich von ihm erobert werden", sagte Barbara Latierre, nachdem ihre direkte Vorgesetzte ihr durch Nicken das Wort weitergab. "Ja, und deshalb ist wichtig, dass wir mit denen klären, wie wir ihre Kolonie noch mehr absichern können", sagte die französische Zaubereiministerin. Dem schlossen sich auch die anderen Zaubereiminister an.

So wurde nach einer weiteren Viertelstunde zusammengetragener Informationen über die bestehenden Meerleutekolonien und -königreiche im Mittelmeer und auch dem Atlantik beschlossen, dass die Frist von Bathos bis zwei Tage vor dem Ende scheinbar unbeachtet verstreichen sollte. Erst dann sollten sie ihm mitteilen, dass er gegen das eigene Volk handelte, wenn er eine offene Auseinandersetzung mit den nichtmagischen Landmenschen begann. Ging er darauf ein konnten sie ihm und seinem Volk womöglich mehr Schutz gegen die schädlichen Einleitungen ins Meer anbiten. Wollte er dagegen die Auseinandersetzung mussten sie verhindern, dass seine Leute ausschwärmten und gegen arglose Fischer, Schwimmer und Freizeitsegler vorgingen oder gar Hafenanlagen beschädigten, um von dort keine großen Schiffe mehr losfahren zu lassen. Das mochte einen großen Personalaufwand bedeuten. Doch die Alternative war ein offener Krieg der Wassermenschen mit den Landbewohnern und die damit einhergehende Gefährdung der Zaubereigeheimhaltung. Was aus ihren Reservaten ausbrechende Drachen, die letzten Riesen und die Umtriebe dunkler Hexen und Zauberer nicht angerichtet hatten würde von einem wütenden Meermann und seinen Untergebenen herbeigeführt.

Nachdem sie das Vorgehen miteinander abgestimmt hatten ging es um weitere Wesen im Mittelmeer, die neue Schutzgebiete bekommen sollten, die auch überwacht werden mussten. Ebenso ging es dann um den Tagesordnungspunkt, wie der Handel innerhalb der neuen Mittelmeerkonföderation stattfinden sollte und wie es möglich war, nordafrikanische Zaubereigemeinschaften zu beteiligen, sofern diese sich von der Vormachtstellung Ägyptens freimachen konnten. Auch sollte es darum gehen, wie die Handelssperre aus Kairo möglichst bald beendet werden konnte. Denn dass die von den Kobolden und Ladonna Montefiori geraubten Zaubergegenstände nicht mehr nach Ägypten zurückkehren würden war ziemlich sicher. Denn Italien würde die beschlagnahmten Gegenstände nur herausgeben, wenn deren wahre Eigentümer ermittelt werden konnten und es eine klare Absicherung gab, dass diese Gegenstände nicht erneut in falsche Hände gerieten. Außerdem blieben die aus Ladonnas letztem Stützpunkt verschwundenen Gegenstände verschwunden. Wo sie waren und wer sie hatte wusste keiner. Also konnten sie sie auch nicht zurückerobern.

Nach dem leichten Mittagessen ging es um Reiseerleichterungen für Forschungs- und Handelsreisende. Zwar war das mit Flohpulver und auf Flugbesen eigentlich kein Problem. Doch die Einreiseformalitäten und die Gewerbeabgaben sollten auf dasselbe Niveau gebracht werden, um eine gezielte Unstimmigkeit zu verhindern. So wurden zwei der sechs auszuhandelnden Punkte trotz der zusätzlichen Lagebesprechung wegen der Meerleute bis zum Tagesschluss geklärt. Die anderen Punkte konnten innerhalb der Unterabteilungen morgen abgestimmt und beschlossen werden.

Als Alexios Anaxagoras in die für ihn vorgebuchte Unterkunft auf Kreta einkehrte suchte er sofort sein Schlafzimmer auf. "Dir ist klar, dass du uns beide vorhin fast in tausend Stücke zerfetzt hättest, wenn du noch eine Spur aufdringlicher geworden wärest", tadelte Anaxagoras seine Salmakis-Schwester. "Ich kenne die Grenze, ab wann ich unseren Körper vollständig übernehme. Aber das mit den Meerleuten glitt dir aus den Händen, weil du einfach davon ausgehst, dass Bathos am Ende wieder ganz ruhig ist und weiterhin alles erduldet, was ihm die Muggel ins Meer kippen. Aber das ist diesmal nicht drin. Er wird irgendwas anstellen, Alexios. Darauf müssen wir eingestellt sein und gleichermaßen gegenhalten, wenn wir keinen Krieg mit den Wasserleuten haben wollen. Falls es zu einer Verschärfung der Lage kommt kläre das, dass wir uns dann an einem anderen Treffpunkt zusammensetzen, damit ich als deine Mitarbeiterin zur besonderen Verwendung daran teilnehmen kann!"

"Du erteilst mir einenBefehl, A... Örrgs!" Alexios Anaxagoras meinte das fordernde Schreien von Säuglingen zu hören und sah die Gesichter von Alexias beiden Kindern vor dem geistigen Auge. Unvermittelt erhitzte sich der Körper, den er gerade bewohnte. Wie unter der Wirkung von Vielsaft-Trank verformte sich dieser. Wie unter Vielsaft-Trank fühlte er das schmerzhafte Verformen seiner Eingeweide und fühlte, wie etwas aus seinem Brustkorb heraus anschwoll. Seine Stimme änderte ihre Tonlage, bis er mit einem kurzen Aufstöhnen erkannte, dass er mal eben innerhalb von fünf oder sechs Sekunden zurückgedrängt worden war und nun Alexia in ihrer vollen körperlichenErscheinung die Körperhoheit übernommen hatte. "So schnell geht das, wenn ich das muss, Bruder", vernahm der nun in Alexias Bewusstsein eingeschlossene Zaubereiminister. Dann kehrte sich die Verwandlung wieder um. Er durfte wieder er sein und den dazu passenden Körper fühlen und bewegen. "Also, falls es wegen Bathos oder anderen Wassermenschen zu einem offenen Krieg kommen könnte schickst du mich als Sachverständige zu einer weiterführenden Verhandlung!" hörte er Alexias Gedankenstimme. Das gemeinsame Herz pochte noch von der Anstrengung der blitzartigen Körperumwandlung hin und zurück.

"Bathos wird keinen Krieg riskieren, den er garantiert verliert, kleine Schwester

Alexios Anaxagoras legte sich hin und dachte an die noch ausstehenden Verhandlungsthemen. Gerade das mit der Handelserleichterung würde Spanien und Italien nicht so einfach mitmachen. Doch wenn diese Konföderation was taugen sollte musste sie vor allem in Fragen des Handels und der Sicherheit aus einem Guss sein und ohne von Außenstehenden destabilisiert zu werden. Deshalb saßen sie alle zusammen.

Über die Gedanken an den verstrichenen Tag glitt der griechische Zaubereiminister immer mehr in den verdienten Schlaf hinüber.

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In der Konferenzhöhle auf halber Höhe des Psiloritis-Gebirges auf Kreta, 03.08.2008, 20:00 Uhr Ortszeit

Es hatte gedauert, alle Punkte in ihrer Ausführlichkeit und Wichtigkeit zu erörtern und Vereinbarungen zu treffen. Selbst mit der Aufteilung in Untergruppenberatungen war es wegen Abteilungsübergreifender An- und Rückfragen zu längeren Verzögerungen gekommen, wobei Alexios Anaxagoras sich manchmal an seine Schulzeit in der Akademie Chrysokrypta zurückwähnte, wo die Söhne des Hermes Trismegistos in den "erhabenen" und "hohen" Künsten unterwiesen wurden. Vor allem das demokratische Prinzip der Schülermitbewertung bei der Jahresleistungsbewertung war ähnlich abgelaufen wie die Konferenz der Zaubereiministerien der europäischen Mittelmeerküste. Drei Dinge waren dabei allen gleichermaßen offenkundig geworden:

Erstens: Es gab seitens Spaniens, Griechenlands und Maltas immer noch ein gewisses Misstrauen gegen das Ministerium Italiens. Der über Monate unter Ladonnas Bann gefangene spanische Zaubereiminister Pataléon hatte jede Gelegenheit genutzt, den italienischen Kollegen Vorteilsnahme aus einer unerträglichen Zwangslage zu unterstellen. Die Mitarbeiter von Minister Anaxagoras trauten den Italienern auch nicht vollends über den Weg. Das hatte bei allen besprochenen Punkten und Vereinbarungen zu umfangreichen Formulierungen mit allen erdenklichen Situationen geführt.

Zweitens nutzten die Mittelmeerstaaten die Gelegenheit, sich gegen die scheinbar überreichen Nachbarn im Norden besser aufzustellen, vor allem gegen Deutschland, Großbritannien und die nicht gänzlich frei von russischer Einflussnahme liegenden Balkanstaaten. Auch hier waren zusätzliche Formulierungen nötig gewesen, um vor allem die griechischen Nachbarn des südslawischen Zaubereiverbundes klar zu positionieren. Das musste der nach dem politischen Zerfall Südslawiens in die den einzelnen Teilvölkern gehörenden Regionen nur noch de facto Zaubereiminister aus Belgrad klarstellen, auch und vor allem, weil auch er wegen Arcadis Einfluss unter Ladonnas Feuerrosenbann geraten war und nur wegen der Philosophie, "das Pferd nicht wechseln, wenn der Karren tief im Dreck steckt" Minister geblieben war. Immerhin erkannten die magischen Bewohner der südslawischen Regionen die seit 1920 gepflegte Verwaltungsstruktur an. Dagegen konnte es in Spanien passieren, dass ein Funke Argwohn oder offene Ablehnung der Zentralverwaltung ein Zerbrechen der spanischen Zaubereiadministration geben konnte. Auch deshalb hatten die hier versammelten Vertreter der Mittelmeer-Zaubereiministerien klare und nicht von möglichen Rechtsnachfolgern der Zentraladministration umzustoßende Vereinbarungen getroffen.

Drittens und wichtigstens hatte sich durch das wohlwollend als Hilfsgesuch interpretierte ultimatum des ägäischen Meermenschenkönigs Bathos IV überdeutlich gezeigt, dass die internationalen Bestimmungen zum Umgang mit Hoheitsgrenzen überschreitenden Zauberwesen lückenhaft waren. Hier wurde gleich ein neues Koexistenz- und Interaktionsabkommen im Bezug auf die Meermenschen geschlossen, das ausdrücklich vorsah, dass König Bathos wie auch das Herrscherpaar der Meerleutesiedlung vor Frankreich und die vier Kolonien zwischen dem spanischen Mittelmeerabschnitt und den im Atlantik gelegenen kanarischen Inseln einen auch für sie als bindend anerkannten Akt zustimmen mussten, dass die Landmenschen, ausdrücklich die sogenannten Zauberstabträger, die Belange und Obliegenheiten der Meermenschen gegenüber der nichtmagischen Menschheit zu vertreten hatten. Das Schreiben von Bathos IV sollte hier als erste Hürde für die Umsetzung dieses Koexistenzabkommens gelten. Ging Bathos nicht darauf ein, so sollte ihm und jedem, der in seinem Sinne handelte die Unterstützung und damit auch die Möglichkeit des Handels mit den Landmenschen verwehrt werden. Die mit Tarnzaubern abgeschotteten Inseln und Küstensiedlungen, in denen Nachkommen von Land- und Meerleuten in selbstgewählten Ghettos siedelten könnten dann von der Mitbestimmung der Meerleute entzogen werden. Alexia Tachydromos hatte sich jedoch nicht zurückhalten können und durch den Mund ihres Salmakis-Bruders klargestellt, dass dieses strickte Anerkenntnisabkommen auch nach hinten losgehen konnte, weil gerade durch den Handel mit den Meermenschen viele wirksame magische Wasserpflanzen und Tierprodukte erworben wurden. Das Beispiel Ägypten und dessen Vasallen zeigte ja, wie schnell sowas zu Engpässen in der Zaubertrank- und Zaubermaterialerzeugung führen konnte. Daher war die Anerkenntnis so formuliert worden, dass sie nicht als Drohung im Raum stand, sondern als "vertiefendes Angebot", das die Meerleute annehmen mochten, ohne ein "Oder" aufklingen zu lassen.

"So freue ich mich, dass wir die letzten Tage so konstruktiv und vor allem kreativ genutzt haben, das Pactum magicorum maris nostri, PMMN, zu einem klaren, alle denkbaren Situationen berücksichtigenden Werk zu vervollständigen, mit dem wir uns gegen alle Möglichkeiten bestmöglich absichern können", sagte Anaxagoras zum Abschluss der Zusammenkunft. "Es ist jetzt an uns, den von diesem Vertragswerk erfassten Zauberwesen die Verwaltungslage zu vermitteln und sie in die Vollendung eines friedlichen Miteinanders einzubeziehen. Hierzu werden am zwölften August gregorianischer Zeitrechnung um genau zwölf Uhr Mittags Mitteleuropäischer Sommerzeit zeitgleich Botschafter mit Ausrüstung oder Bezauberung zu längeren Unterwasseraufenthalten zu den aktenkundigen Ansiedlungen der Meerleute des Mittelmeeres entsandt, um mit deren erwählten Sprechern oder durch Erbfolge bestimmten Königen und Fürsten die letzten Schritte zu tun. Wie im Unterabschnitt C des Paragraphen zum Umgang mit denk- und sprachfähigen Zauberwesen, Unterabschnitt C1 festgelegt gilt die bei Anerkenntnis der neuen Bestimmungen vertiefende Unterstützung für jede Ansiedlung einzeln, auch wenn sich erweisen sollte, dass eine Gruppierung zu befragender Zauberwesen einen ablehnenden Einfluss auf alle anderen Gruppen ausüben sollte. Doch genau das gilt es den zu unterrichtenden Herrschern der aktenkundigen Siedlungen nicht zu sagen, um nicht von uns aus Zwietracht zwischen den Meervölkern zu sehen. Diese Zwietracht würde uns genauso schwächen wie die davon betroffenen Meervölker. Stimmen Sie mir alle in dieser Schlussformulierung zu?" Alle machten die für ihr Land üblichen Bejahungsgesten. Der Protokollführer notierte dies sorgfältig. "Dann möchte ich mich bei Ihnen allen für das große Interesse und die rege Teilnahme an dieser ersten Zusammenkunft der neuen Mittelmeerkonföderation bedanken. Ebenso danke ich für das große Vertrauen, dass Sie mir und meinem Mitarbeiterstab entgegenbrachten. Wie vertraglich vereinbart wird jedes halbe Jahr, beginnend vom ersten August dieses Jahres an, eines der hier vertretenden Zaubereiministerien die Abstimmung der von unserem neuen Vertrag ausgehenden Maßnahmen leiten und als Gastgeber von Konferenzen wie dieser auftreten. Ich bedanke mich in diesem Zusammenhang, dass das griechische Zaubereiministerium die Ehre erhielt, als erstes Ministerium diese halbjährige Gesamtleitung ausüben zu dürfen. Daher darf ich als amtierender Zauberrat der hellenischen Zauberergemeinschaft, wegen der internationalen Ämterbenennungsregeln Zaubereiminister Griechenlands, bereits zur nächsten Konferenz einladen, die sich damit befassen wird, wie die Meerleute im Mittelmeer die Vereinheitlichung der Verwaltungsbestimmungen annehmen oder ob wir die eine oder andere Ansiedlung nicht weiter unterstützen dürfen. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tagesausklang und jenen, die heute noch in ihre Heimatländer reisen eine unbeschwerte Heimkehr."

Natürlich blieben alle noch solange, wie ein mehrgängiges Abendessen dauerte. Erst um kurz vor Mitternacht osteuropäischer Zeit verließen die Vertreterinnenund Vertreter der teilnehmenden Zaubereiministerien die Konferenzhöhle.

"So, und morgen gehe ich zu den Töchtern Hecates und bespreche das hier lang und breit ausgehandelte neue Abkommen", stellte Alexia Tachydromos nur für Minister Anaxagoras wahrnehmbar klar. "Hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte mich vor allen anderen erhoben und denen klargemacht, dass die Zeit von Absprachen unter Männern vorbei ist, wenn sie die Frauen nicht mit einbeziehen. Zu deinem Glück für die Geheimhaltung unserer Verbundenheit haben Ministerin Ventvit und die maltesische Sprecherin für internationale angelegenheiten das erledigt. So wird das sicher keine große Sache sein, die Töchter Hecates zu überzeugen, diese neue Konföderation anzuerkennen."

"Wenn du das für richtig hältst werde ich dich zu deinen Bundesschwestern hinlassen. Aber sei bitte nicht enttäuscht, wenn die noch irgendwas zu beanstanden finden oder erfinden mögen", dachte Alexios Anaxagoras zurück. Die alte Rivalität zwischen den Töchtern Hecates und den Schülern des Hermes Trismegistos mochte die griechische Zaubererwelt möglicherweise noch in Schwierigkeiten bringen. Doch die Wahrscheinlichkeit war hoch genug, dass sie das neue Konföderationsabkommen anerkannten, zumal sie ja mit Alexia eine ganz geheime Kundschafterin und heimliche Mitsprecherin am Tisch sitzen hatten, wenn die nächste Konferenz oder einzelne Teilvorhaben anstanden. Mit dieser Beruhigung konnten die beiden Salmakis-Geschwister, die sich den gleichen Körper teilten, endlich schlafen gehen.

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Französisches Zaubereiministerium, 05.08.2008

Von hauptamtlicher Leitung Erfassung und Betreuung magischer Geschöpfe
Zu Händen Büro für Kontakt zwischen Menschen und Zauberwesen

Monsieur Latierre, bitte Stellen Sie sich nach der üblichen Tageskonferenz mit den Kolleginnen und Kollegen des Büros für friedliche Koexistenz in meinem Büro ein. Dringliche Angelegenheiten, die nur im Direktgespräch erläutert werden können.

B. Latierre, Abteilungsleiterin

Diese mit einem bunten Memoflieger erhaltene Mitteilung hatte Julius Latierre schon den ganzen Morgen beschäftigt. Jetzt, wo die werktägliche Konferenz mit den Kolleginnen und Kollegen aus Nathalie Grandchapeaus Büro für friedliche Koexistenz zwischen Menschen mit und ohne magische Kräfte beendet war nickte er der Gesprächsleiterin zu. Sie zeigte ihm eine Mitteilung, die im wesentlichen der an ihn verschickten Bitte entsprach.

"Das könnte eine sehr ernste Angelegenheit werden, Monsieur Latierre. Mir kamen da in den letzten Tagen Gerüchte über erboste Unterwasserbürger zu Ohren."

"Erbost? Kann ich mir vorstellen, nachdem was in den letzten Jahren so an Müll im Meer gelandet ist", erwiderte Julius. Er erinnerte sich und die gerade mit ihm allein im Konferenzraum sitzende an seine ersten Dienstreisen und dass er danach trotz seiner Hauptverwendung als Veela-Kontaktbeauftragter mitbekommen hatte, dass die Meerleute immer unzufriedener mit der Unterstützung der Zauberstabträger wurden. War das Maß nun voll?

Barbara Latierre wartete bereits in der offenen Bürotür. "Sehr schön, dass Sie beide schon Zeit haben", sagte sie und winkte die beiden herein. Dann bot sie ihnen bequeme Stühle an. Nathalie sah auf das gewaltige Kuhhorn an der Wand, dass von einer der ersten Latierre-Kühe überhaupt stammte und von Barbara oder ihrem Bruder Otto dahingehend bezaubert war, dass es Gespräche und Geräusche von draußen hörbar machte.

"Ich freue mich, dass Sie es auch einrichten Konnten, Nathalie", sagte die Leiterin der Abteilung für alle magischen Geschöpfe. "Denn das Problem könnte sich auch auf Ihren Dienstbereich auswirken, sowie auf den des jungen Kollegen, der denselben Nachnamen wie ich führt. Kurz und knapp: Die Meerleute sind des nichtmagischen Mülls überdrüssig. Mein griechischer Amtskollege hat eine Botschaft weitergereicht, dass die bei ihnen in der Ägäis wohnende Meermenschenkolonie eine Art Ultimatum gestellt hat, das bis Ende August laufen soll. Falls wir, die sogenannten Zauberstabträger, nichts gegen die forrtgesetzte Verunreinigung und Ausbeutung der Meere unternehmen würde sich deren König darum kümmern. Das könnte zu einer Gefährdung der Geheimhaltung ausufern."

"Welcher König, Bathos IV. der sich als allwasserweite Majestät anreden lässt?" fragte Julius. Nathalie wiegte den Kopf. Er sah, dass sie einen Cogison-Ohrring trug. Demetrius hörte also vollständig mit.

"Sie hörten bereits von diesem König, Monsieur Latierre? Sicher, Sie haben ja in den ersten Amtsjahren einige Ausflüge in die vor der Côte dAazur gelegene Kolonie unternommen. Ja, dieser auf die Anrede "Allwasserweite Majestät" bestehende Beherrscher der Ägäischen Meerleuteansiedlung hat seinen Überdruss bekundet. Sie wissen ja beide, dass seit Ende Juli eine internationale Konföderation der Zaubereiministerien der Europäischen Mittelmeerküste besteht. Daher sind wir natürlich alle mit einbezogen, zumal König Bathos uns alle ja dazu auffordert, der Verunreinigung und Überfischung Einhalt zu gebieten, nicht nur den Griechen. Die Kollegen in Athen halten seine Ankündigung für eine versteckte Drohung, die sie ernstnehmen werden."

"Was will er denn unternehmen, Barbara. Hat er dazu etwas erwähnt?" fragte Nathalie.

"Das ist eben der Punkt, keinerlei Ankündigung, was im Falle einer Unterlassung seiner Anforderung geschen soll. Monsieur Latierre, wir beide wissen ja, dass Meerleute die angeborene Fähigkeit besitzen, Fische und andere kaltblütige Meerestiere in gewissen Grenzen willentlich zu lenken. Daher können Sie sich wohl ausmalen, was wäre, wenn bis dahin harmlose Fische zu aggressiven Tieren aufgehetzt werden. Außerdem könnte Bathos oder besser das von ihm befehligte Volk Anschläge auf Schiffe oder Seehäfen verüben, die denHandel in der nichtmagischen Welt beeinträchtigen." Julius nickte. Laurentine hatte ihm vor einigen Monaten was von einem Science-Fiction-Roman erzählt, wo im Schwarm lebende Intelligenzwesen im Meer gegen die Ausbeutung der Meere aufbegehrten und beträchtliche Schäden anrichteten, einschließlich der Auslösung eines Tsunamis. Insofern nahm er die Drohung sehr ernst und sagte, dass er jede Möglichkeit begrüßen würde, den Meerleuten zu helfen, bevor noch jemand zu Schaden käme.

"Ich möchte Sie, Nathalie, auf dem Wege des Amtshilfegesuches bitten, Monsieur Latierre für die nächsten drei Wochen ausschließlich in meiner Abteilung arbeiten zu lassen, zumal er dort ja eh schon einen Gutteil beschäftigt ist. Monsieur Latierre, sollte Ihre zweite Vorgesetzte Madame Grandchapeau meiner Anfrage auf amtshilfliche Unterstützung entsprechen möchte ich sehr gerne eine Sondergruppe einrichten, die ausarbeitet, mit welchen Methoden den Meerleuten gegen die Auswirkungen der nichtmagischen Zivilisation geholfen werden kann. Ihr Wissen über die nichtmagische Welt dürfte für uns sehr hilfreich sein."

"Sobald ich von Ihnen und Madame Grandchapeau die entsprechenden Mitteilungen und den ordentlichen Projektteilnahmeantrag vorliegen habe stehe ich zur vollen Verfügung", erwiderte Julius darauf. "Das beruhigt und erfreut mich zugleich", erwiderte Barbara Latierre. Nathalie Grandchapeau schien in sich hineinzulauschen. Dann sagte sie mit fester Stimme: "Bathos geriert sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Sprecher und Verwalter aller Meeresabschnitte bis zum Atlantik. Im Atlantik selbst regieren jedoch ein weiterer König und vier mit dessen Familie verschwägerte Fürsten. Insofern kommt es Bathos ganz gelegen, endlich zeigen zu dürfen, wie mächtig er ist. Auf den Tisch zu hauen ist unter Wasser ja ziemlich schwierig. - Eeh!!" Offenbar hatte ihr jemand unsichtbares irgendwo hingetreten oder geschlagen. "Ja, ein Experte für eingeschränkte Unterwasserbewegungen erachtet es als sehr unbeeindruckend, wenn jemand unter Wasser auf einen Tisch hauen möchte."

"Da der Experte ja offenbar unsere Besprechung verfolgt grüßen Sie ihn bitte und teilen ihm mit, dass Sie kein Tisch sind und seine Expertise daher unzureichend unterfüttert ist", sagte Barbara Latierre. Julius dachte schon die ersten Worte seiner Selbstbeherrschungsformel, um nicht grinsen zu müssen. "Er erkennt dieses Argument an, beharrt aber darauf, dass Unterwasserbewegungen nur beim Schwimmen eindrucksvoll erscheinen", erwiderte Nathalie. Barbara grinste nun. Julius verkniff es sich, da er eine Rangstufe unter ihr und Nathalie stand.

"Um die Angelegenheit nicht wegen ein paar fliegender Memos zu verzögern ..." sagte Barbara Latierre und zog eine der Schubladen an ihrem Schreibtisch auf. Daraus fischte sie drei Pergamentformulare und gab eines davon Nathalie. Diese las es und erbat eine der hier vorgehaltenen Schreibfedern und ein Fässchen mit smaragdgrüner Zaubertinte. Dann füllte sie alle nötigen Felder des Formulares aus, unterschrieb es mit ihrer runden Handschrift und vollführte einen Trocknungszauber, um keinen Streusand zu verbrauchen. Dann reichte sie Barbara das Formular zurück. Diese las es durch, unterschrieb ebenfalls und reichte es dann an Julius weiter.

Es war ein übliches Amtshilfeersuchen, bei dem nicht nur der für eine Sonderarbeit benötigte Beamte angefordert wurde, sondern auch einzelne Gründe für dessen zeitweilige Bereitstellung sowie ein klarer Zeitraum oder der Abschluss des geplanten Projektes angegeben werden mussten. Julius las, dass Barbara Latierre ihn im Rahmen einer Sondergruppe zur Erforschung der Verunreinigung der Meere und einer Verbesserung der Lebensbedingungen der Meerleute als Vollzeitkraft anforderte und dessen Tätigkeiten für das Büro für friedliche Koexistenz solange hintangestellt werden mochten, bis ein für die Land- und Meeresbewohner tragfähiger Plan zur verbesserung der Lebensbedingungen ausgearbeitet war und in die Umsetzung gelangte. Da Barbara wohl wusste, dass Julius sich über die Internetrechner schlauer lesen konnte als durch ständige Wasserproben, die aber auch als mögliche Kriterien angeführt waren stand im Feld "Bitte um Verfügung nichtmagischer Nachrichtenquellen" auch "Wird empfohlen." Das hatte Nathalie im Feld "Genehmigt" angekreuzt. Alles in allem hieß es für Julius, wenn er dem zustimmte, dass er bis auf weiteres der noch einzurichtenden Sondergruppe oder auch Sonderkommission Meeresfrieden verpflichtet sein würde. Julius nickte, trug in die von ihm auszufüllenden Felder für "erbetene Amtsperson" und "Befähigung" die entsprechenden Punkte ein und unterschrieb neben der Bemerkung "Einverständnis der angeforderten Amtsperson. Derweil hatte Nathalie schon das zweite Formular in Arbeit, das sich wohl damit beschäftigte, wem Julius Rechenschaftspflichtig sein sollte. Das dritte Pergament befasste sich mit der Aufgabenstellung. Als Julius diese las erkannte er, dass hier noch einige Punkte nachzutragen waren, auch wenn es hieß, dass er sich damit noch mehr Arbeit und Verantwortung aufhalste. Doch ohne eine genaue Analyse der ins Meer eingeleiteten Schadstoffe waren alchemistische oder thaumaturgische Gegenmaßnahmen wie Schüsse in dichten Nebel. Diese Metapher gebrauchte er, als er die Zusatzaufgaben noch eingetragen und sie mit "Alchemistisch ausgebildete Fachkräfte sehr hilfreich" ergänzt hatte.

"Das heißt wiederum, dass wir eines der größeren Labore für die Erstellung und / oder Untersuchung magischer Gebräue beantragen müssen", sagte Barbara und nickte ihm zu. "Jetzt fällt es mir auf die Füße, dass ich damals den nötigen Zaubertrank-ZAG verfehlt habe, obwohl ich ihn eigentlich bestanden habe."

"Meine Frau Mutter hat mich schon sehr darauf hingetrieben, dieses Fach bis zur UTZ-Prüfung zu belegen", sagte Nathalie. "Meine auch", grummelte Barbara. "Aber ein Akzeptabel reichte Professeur Fixus leider nicht aus."

"Benötigen Sie mich dann noch?" fragte Nathalie. "Ja, um von Monsieur Latierre einen kurzen Plan für die Einteilung Ihrer Mitarbeiter in seiner Abwesenheit zu erhalten", sagte Barbara Latierre. Julius bekam ein unbeschriebenes Pergament, auf dem er innerhalb von zehn Minuten in Form einer Tabelle mit Zeit, Tätigkeit und entsprechendem Kollegen eintrug, wer in der Computerabteilung was erledigen sollte. Da dort ein geregelter Schichtbetrieb vorherrschte ging es nur um die Nachrichtenrubrikenüberwachung.

Barbara machte von allen ausgefüllten Formularen und dem Einteilungsplan mehrere Kopien. Dann durfte Nathalie gehen. Sie hatte es erkennbar eilig, Barbaras Büro zu verlassen.

"Oha, die muss wohl gerade ganz nötig wohin", entfuhr es Julius leise, aber laut genug für Barbara. "Na, bitte nicht unverschämt werden, Monsieur Latierre." Doch sie nickte ihm zustimmend zu. "Ja, wo Sie nun höchst offiziell ausschließlich für meine Abteilung alleine tätig sein werden dürfen Sie auch den Nutzungsantrag für eines der ministeriumseigenen Zaubertranklabore ausfüllen. Ich habe hier noch ein Formular für die Benutzung spezifischer Amtsräume." Sie öffnete mehrere Schubladen, kramte darin herum, bis sie ein weiteres Formular herauszog und vor Julius hinlegte.

"Ah, dann lerne ich das auch mal, wie die Zaubertranklabore vergeben werden", sagte er und las sich alles durch. Dann trug er in den betreffenden Feldern für Nutzungszweck, Personal und vorläufige Nutzungszeiten die entsprechenden Werte ein. "Die Namen müssen Sie dann noch ergänzen, Madame, da ich nicht weiß, wer von Ihrer Abteilung die Zaubertrank-UTZs geschafft hat, außer mir."

"Vielleicht muss ich aus der Zaubertrankprüfungskommission noch wen anfordern", grummelte Barbara. "Aber dein Argument mit der genauen Analyse der Schadstoffe ist leider leider all zu gewichtig."

"Könnte uns beiden nur passieren, dass wir danach nie wieder im Meer baden wollen, Tante Babs. Ich höre andauernd was, dass der Kunststoffeintrag in die Weltmeere mittlerweile so hoch ist, dass das Gewicht das Phyto- und Zooplankton um das drei bis fünffache überwiegt, vor allem durch Plastikstaub, sogenanntes Mikroplastik. Ich bin zwar immer sehr vorsichtig, was Artikel im Internet angeht, die nicht durch seriöse Institutionen verifiziert sind, aber ich kann diesen Meerkönig gut verstehen, dass ihm das langsam zu viel wird. Ja, und wenn der die anderen Kolonie- oder Reichsherrscher und-häuptlinge auf seine Seite holt könnte es echt sehr finster werden, was Schiffe oder Sommertouristen angeht. Das Problem, was dieser Meerkönig nicht bedenkt ist, dass die meisten Verunreinigungen über die Flüsse ins Meer gelangen. Ja, und die Flüsse zu verstopfen kriegen wir nicht hin, da kann der noch so sehr drohen."

"Wo du schon mal hier bist, Julius, mach mir bitte noch eine Übersetzung ins Englische und am besten noch eine Kurzfassung in alter Runenschrift für die Kollegen in den anderen Mittelmeer-Zaubereiministerien."

"Diese Konföderation besteht nur aus europäischen Mitgliedern, richtig? Die Nordafrikaner sind nicht dabei. Wurden die nicht gefragt oder haben die allesamt nein gesagt?" wollte Julius wissen.

"Ich war ja bei der Konstituierenden Konferenz in Griechenland. Wir haben alle Nordafrikaner gefragt, außer Ägypten, weil Al-Assuani uns bis heute nicht anguckt geschweige denn anhört. Aber der hat seine Nachbarn darauf eingeschworen, solange nichts mit uns zu schaffen zu haben, bis er die von ihm eingeforderten Zaubergegenstände zurückerhält."

"Stimmt, kennen wir ja beide noch von unserer Friedensreise letztes Jahr im Frühling", sagte Julius. Dann durfte er sich an einen kleineren Schreibtisch hinsetzen und die erbetene Übersetzung verfassen, während seine Schwiegertante die ausgefüllten Formulare an die Zentralstelle für Personalbetreuung und Arbeitsmaterialausgabe verschickte, damit die wussten, für wen und was Julius in den nächsten Tagen, Wochen oder Monaten zu arbeiten hatte.

Als Julius die erbetenen Übersetzungen fertig hatte war es schon zwölf Uhr durch. Seine Schwiegertante lud ihn ein, mit ihr in den Speisesaal zu gehen, um für die Nachmittagsstunden genug Kraft zu kriegen.

"Wir lassen diese Sondergruppe, wenn sie zu Stande kommt unter der Klassifikation C5 laufen, da wir nicht wissen, wann wir was öffentlichkeitstaugliches veröffentlichen können, nur für Millie und Gilbert", sagte sie, bevor sie die Tür öffnete und mit Julius in Richtung Aufzüge loszog.

Üblicherweise verbrachte Julius die Nachmittage im Dienst im Internetüberwachungszentrum. Doch Nathalie erwähnte, dass die dort tätigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits von ihr über seine Arbeitseinteilung informiert worden seien. So durfte er am selben Nachmittag noch die Antwort aus der Zuteilungsabteilung für amtliche Räume zur besonderen Verwendung entgegennehmen. Es galt, die Art der Nutzung noch genauer auszuformulieren und zugleich eine Einschätzung der höchsten zu erwartenden Gefahrenstufe einzuschätzen. Da er von seinem Vater wusste, aus welchen Giftstoffen moderne Kunststoffe bestanden und wie viel üblicher Abfall so im Meer landen konnte setzte er die dritthöchste Gefahrenstufe an und erwähnte, dass bei den Untersuchungen Stoffe wie Fluor oder Chlor freigesetzt werden konnten und daher auf Atemschutz und Luftabschluss in den Laborräumen geachtet werden sollte. Trotz der dabei anfallenden Zusatzkorrespondenz empfand Julius diese Art von Schriftverkehr als eine gewisse Rückbesinnung auf seine Zeit vor und in Hogwarts, wo er mit organischer Chemie und Sicherheitsbestimmungen und Gefahrensätzen zu tun bekommen hatte, weil sein Vater wollte, dass er nicht unwissend von der Schule ging.

"Ich habe mir schon den richtigen ausgesucht", meinte Barbara, als sie die Zusatzbeschreibungen und Anforderungen durchlas, um sie als von ihr beauftragt und genehmigt abzuzeichnen. "Dein Vater hat mit dem ganzen in der nichtmagischen Stoffkunde zu tun gehabt, richtig?"

"Richtig, und zwar genau in der Herstellung verschiedener Kunststoffe. Ja, und das hat meinem damaligen Zaubertranklehrer manch höhnisches Grinsen ins Gesicht und Ravenclaw den einen und anderen willkürlichen Punktabzug eingebrockt. Der selige Professor Snape wollte mir und auch meinem Vater partout beweisen, dass Zaubertränke und die daran hängende Alchemie über das reine Zusammenrühren von Stoffen hinausging. Ist ihm nicht ganz gelungen. Nur dass mein Vater ihn für einen Scharlatan hielt und Professor Snape meinen Vater für einen total ahnungslosen Muggel<, antwortete Julius ausführlicher als eigentlich nötig war.

"Ich hörte, dass man ihm doch die Ehre zugestand, ein Vollporträt im Schulleiterzimmer von Hogwarts auszuhängen, weil er ja irgendwie doch im Sinne von Hogwarts und zum Schutz der dortigen Schülerinnen und Schüler gewirkt haben soll", sagte seine Schwiegertante. Er bestätigte, dass dies stimme. Immerhin hatte er Hogwarts zweimal besucht, wegen der vier rachsüchtigen Geisterschwestern und der grünen Gurga. Ebenso erklärte er, warum das so vereinbart worden war.

Natürlich hatte Barbara noch andere Aufgaben zu erledigen, sodass Julius bis zum Erhalt weiterer Mitteilungen oder Anforderungen in sein angestammtes Büro ging, wo er einen Brief an Léto, Apolline Delacour und drei weitere Veelastämmige schrieb, dass er nur noch in sehr dringenden Fällen ansprechbar sein würde, da sich eine Lage ergab, wo andere Wesen seine volle Aufmerksamkeit brauchten.

Am Ende des Arbeitstages schwirrte ihm ein bunter Memoflieger ins Büro:

Von Abteilung zur Erfassung und Betreuung magischer Geschöpfe
An zeitweilig der SG Meeresfrieden zugeteilten Beamten Julius Latierre

Soeben wurde mir in vierfacher Ausfertigung ein Benutzungsplan der Zaubertranklabore der Gefahrenstufe IV zugestellt. Ebenso wurden fünf kompetente Mitglieder der oben genannten SG bestätigt. Bitte stellen Sie sich morgen früh um halb Neun in meinem Büro zur offiziellen Einrichtung und Einweisung oben genanter SG ein!

Ich wünsche einen erholsamen Feierabend und verbleibe

Mit kollegialen Grüßen

B. Latierre

"Da sag noch mal wer, dass die Mühlen der Bürokratie langsam mahlen", dachte Julius. Aber er hatte es schon oft miterlebt, dass im Falle dringender Aufgaben mal eben innerhalb einer Stunde Personal und Material zugeteilt werden konnten. In einer Welt, in der sich quasi sekündlich etwas unheimliches oder unerwartetes ereignen konnte war diese Haltung auch sehr dringend. Der zeitaufwendige Papierkram kam dann nach Erledigung der angefallenen Aufgabe.

Julius bestätigte den Erhalt der Mitteilung und den erwünschten Termin. Dann interpretierte er es so, dass er schon frei hatte.

Julius apparierte vom Ministeriumsfoyer direkt in der runden Halle des Apfelhauses. Er lauschte. Alle Kinder waren offenbar auf dem Spielplatz hinter dem Haus. Auch hörte er, dass Sandrines Zwillinge und Miriam im Garten waren.

Millie hatte ein Interview mit Dorfrat Pierre wegen der neuen Waldbrandvorkehrungen. Béatrice war unterwegs zu ihren eigenen Patientinnen innerhalb Millemerveilles. Zumindest las er das auf dem im Empfangsraum hängenden Plan, den er nur mit der Hand berühren musste. Das war eine Neuerung, die sich die drei von Florymont hatten einrichten lassen, um mitzubekommen, wer gerade unterwegs war. Bei seinem Namen wechselte die Anzeige gerade von "Ministerium" zu "Zu Hause".

"Leute, Papa ist wieder da!" rief er, als er in den Garten ging. Da rannten ihm alle bereits laufenden Kinder entgegen, Aurore und Miriam vorne weg. "Ja, hallo, du große, wusste nicht, dass meine Millie dich auch geboren hat", sagte er, als Miriam ihn noch vor Aurore erreichte. "Bloß nicht. Dann hätte ich ja in meiner eigenenSchwester rumliegen müssen", meinte Miriam. Da klatschten ihr zwei energisch vorschnellende Kinderhände auf den Po. "Ey, Rorie, llass das!" zischte sie. Doch Aurore bekam was sie wollte, die freie Bahn, um ihren Papa zu umarmen. Danach kamen alle anderen Kinder dran.

Als ihr Papa sie alle geknuddelt und kurz hochgehoben und wieder auf die Füße gestellt hatte wetzten sie zurück zu den Spielgeräten, wobei Aurore und Sandrines Zwillinge die "für große Kinder" erstürmten, während die jüngeren sich auf den niedrigen Schaukeln und der langen Wippe austobten. Das Planschbecken stand zugedeckt da. Offenbar hatte Sandrine, die von Millie die Gartenaufsicht aufgeladen bekommen hatte befunden, heute kein Kind vor dem Ertrinken retten zu wollen.

"Ma und Pa haben jetzt gesagt, wann wir meine Sachen für Beauxbatons einkaufen", sagte Miriam. "Wenn Callie und Pennie ihren Geburtstag gefeiert haben. Claudine ist heute schon mit ihren Eltern in die Rue Cam, weil sie mit denen morgen für zwei Wochen nach Glooster fliegt, oder wie das heißt, wo Claudines Muggel-Großeltern wohnen."

"Da hat Claudines Maman aber nicht lange gefackelt, wie?" fragte Julius. Er dachte wehmütig daran, wie schnell die elf Jahre schon vergangen waren. Er hatte es noch genau in Erinnerung, wie Claudine geboren wurde, das war nur wenige Tage vor Dumbledores Tod.

"Ich habe der gesagt, dass die auch zu den Roten soll, wenn die mit mir im selben Schlafsaal wohnen will. Kann man das hinbiegen?"

"Ich weiß nur, dass ich damals, wo ich nach Beauxbatons kam innerlich wohl auf Grün gestimmt war, weil ich da genug Leute kannte und wohl nicht ins Haus mit den Chaoten rein wollte. Ob jemand das ganz gezielt festlegen kann, wo er oder sie hinkommt kann stimmen oder nicht. Aber warum sollte Claudine zu den Roten kommen? Ja, und wer sagt dir, dass du da auf jeden Fall auch hinkommst? Du könntest ja auch zu den violetten, den Blauen oder auch zu den Grünen kommen wie Babette oder eben ich."

"Zu den Violetten, wo Maman fast gelandet wäre, wenn die nicht früh genug gemerkt hätte, dass da nur Eierköpfe wohnen? Komm, lieber zu den Roten oder grünen, aber nicht zu den Blauen, Violetten oder Gelben."

"Hömm-ömm, was hat die junge Mademoiselle Latierre gegen die Gelben einzuwenden?" fragte Sandrine, die die Oberaufsicht über die Kinder führte und wegen des Papabegrüßungsansturms näher herangekommen war. "Die halten nix aus, sagt Pa, und Ma meint, die würden sich vor heftigen Schwierigkeiten verstecken."

"Dann sage deinem Pa, dass er da erst mitreden kann, wenn er zwei kleine quengelige Kinder aus sich selbst herausgedrückt hat und dass es auch ganz schön viel Arbeit macht, viele herumprotzende Jungs und albern kichernde Mädchen zusammenzuhalten, dass die nicht verloren gehen."

"Haua, du warst ja bei denen, Sandrine", meinte Miriam. "Schön, dass dir das noch einfällt", erwiderte Sandrine, musste aber grinsen. "Jedenfalls können wir gelben gut hinter euch Rüpeln aufräumen, wo ihr zuseht, ganz schnell wegzulaufen, wenn's um schwierige Sachen geht."

"Also, noch mal für junge, rotblonde Beauxbatons-Einsteigerinnen: Ich war froh, dass ich im grünen Saal untergekommen bin. Wenn Claudine da hin will und entsprechend daran denkt, wenn das, was die Zuteilung macht, sie zuteilen soll, dann kommt sie dahin. Sonst weiß ich nicht, ob jemand das hinbiegen kann", sagte Julius. Er dachte an seine Sitzung unter dem sprechenden Hut von Hogwarts, dem er sehr deutlich zugedacht hatte, bloß nicht zu den Slytherins reinzukommen, weil die was gegen Muggelkinder wie ihn hatten und er nicht so ein Draufgängertyp war, um bei den Gryffindors zu landen. Der Teppich der Farben, der in Beauxbatons die Auswahl und Zuteilung machte, hatte nicht mit ihm mentiloquiert oder ähnliche Geistesunterhaltungen geführt. Aber womöglich hatten ihn Camille Dusoleils Beschreibungen der Grünen, das ihm schon eher lästige Kraftgeprotze der Jungen aus dem roten Saal und dass die Weißen eher Fachidioten waren innerlich darauf eingestimmt zu den Grünen hinzuwollen, ja, ganz sicher auch, weil Claire dort war. Er wusste ja nicht, wie dieser bunte Teppich funktionierte. Vielleicht hatte der auch so ein Eigenleben wie der sprechende Hut. Nicht vielleicht, sondern ziemlich sicher.

"Also, du möchtest zu den Roten hin, weil deine Eltern da waren und deine beiden großen Schwestern, überhaupt alle, die so schöne rotblonde haare haben wie du", fasste Julius Miriams Aussage zusammen. Miriam bejahte es.

"Ich habe Barbara und Charles vor einer Stunde getroffen, Julius. Die haben bei Madame Arachne die Einsteigerumhänge für Beauxbatons besorgt. Schon heftig, wie schnell die Zeit umgegangen ist", sagte Sandrine.

"Eh, Tante Mirie, Besenfliegen?!" rief Aurore und schwirrte auf ihrem behäbigen Einsteigerbesen herum. "Nicht wenn du auf dem lahmen Stecken fliegst, mit dem du nicht mal 'ner Schnecke wegfliegen kannst", erwiderte Miriam.

"Hast du denn deinen Ganni acht mit, Miriam?" fragte Julius. "Neh, hat Ma einbehalten. Hier gibt's genug Sachen, um sich auszutoben", sagte Miriam verdrossen. "Die will wohl, dass ich das klarkriege, dass ich erst dann wieder 'nen Besen fliegen darf, wenn die in Beaux mir das erlauben."

Es ploppte leise. Millie apparierte. Sie begrüßte alle ihre Verwandten und bedankte sich bei Sandrine, dass sie die Rasselbande beaufsichtigt hatte.

"Dafür, dass mir deine kleine Schwester vorgehalten hat, dass Leute aus dem Gelben Saal lieber weglaufen als schwere Sachen zu machen schon sehr beachtlich, oder?" fragte Sandrine. Miriam lief an den Ohren rot an und machte ein Hab's-nicht-so-gemeint-Gesicht.

"Ah, Miriam, ich hörte es von Trice, das du dich schon mit Claudine darüber unterhältst, was sie allein im roten Saal machen soll, wenn du im grünen Saal landest", sagte Millie verschlagen grinsend.

"Neh, andersrum war das, Millie. Die meint, sie könne wegen ihrer Mémé Blanche oder wegen Babette auch zu den Grünen, und weiß doch, dass ich auch bei den Roten reinkomme."

"Na, wenn sie da landet wird sie sicherlich nicht allein sein. Da kommen dann sicher lauter liebe Mädchen und Jungen hin, wie Viviane oder Charlie oder Suzanne." warf Julius ein.

"Neh, ich will lieber zu den Roten, weil sonst kriege ich noch Krach mit Ma und Pa", grummelte Miriam.

"Wo Pa fast selbst bei den Weißen gelandet ist und Ma erst nach dem zehntenSchritt klarhatte, dass sie auch nicht zu den Violetten hinkommt", meinte Millie. "Ja, Mémé Line hat mir das auch erzählt", fügte sie noch hinzu.

"Schön, sich über sowas so richtig die Köpfe heißzureden", raunte Julius. Millie und Sandrine hörten es aber. Sie sahen ihn fragend an. "Aufgabenneuverteilung. Ich bin für die nächsten Wochen mit anderen Sachen betraut, von denen ich nicht weiß, wie wir das hinkriegen und wie lange es dauert. Näheres dann, wenn die Pressestelle des Ministeriums was drüber veröffentlichen darf."

"Ui, wieder was ganz geheimes, Julius. Dann pass aber bloß auf, dass du Hestias und Hidalgas ZAG-Feier noch mitkriegst", meinte Millie. Julius versprach ihr, dass diese Aussicht ihn von wilden Sachen abhalten würde. Doch sie verzog ihr Gesicht. Sie wusste ja, worauf er sich beim stillen Dienst und als Erbe Ashtarias eingelassen hatte.

Der restliche Nachmittag verlief mit Spaß und Spiel. Miriam sollte um halb sieben nach Hause. Sandrine war mit ihren Zwillingen schon um sechs Uhr abgereist.

Spät abends, als alle Kinder im den Betten lagen, erklärte Julius Béatrice und Millie, was ihm neues zugeteilt worden war. "Stimmt, die Versuche in den Laboren können ziemlich gefährlich werden. Aber du kennst dich mit sowas gut genug aus", sagte Béatrice zuversichtlich. Millie meinte: "Ja, aber wenn die Meerleute jetzt echt die Wut kriegen könnte das Krieg zwischen denen und uns Landmenschen geben. Insofern kapiere ich, warum Tante Babs dich unbedingt in dieser Sondergruppe haben will, weil du dich mit dem ganzen magielosen Alchemiekram auskennst, den die Muggel veranstalten."

"Durchaus", sagte Julius.

Gegen elf Uhr abends wurde es still im Apfelhaus. Die mittlerweile aus zwölf Mitgliedern bestehende Großfamilie schlief dem nächsten Tag entgegen.

__________

Französisches Zaubereiministerium, 06.08.2008

Wegen der Sommerferien war nicht so viel Betrieb im Zaubereiministerium, als Julius im Foyer apparierte. Er hatte noch zehn Minuten bis zum erbetenen Termin mit Barbara Latierre und der von ihr erbetenen Sondergruppe Meeresfrieden.

Viele der heute zur Arbeit kommenden wirkten verdrossen, wohl weil der superschöne Sommermorgen einen strahlenden, aber auch heißen Tag verhieß und wer da arbeiten musste sowieso schon unentspannt war. Viele Eltern schulpflichtiger Kinder waren noch im Urlaub oder bereiteten sich mit ihren Kindern auf das kommende Schuljahr vor.

Julius begrüßte die Hexen und Zauberer, die ihm schon einmal namentlich vorgestellt worden waren. Darüber hinaus sah er zwei Hexen in reißfesten Umhängen, deren sonnengebräunte Gesichter sich so ähnelten, dass es klar war, dass sie beide Schwestern waren. Sie hatten dunkelrotes Haar und graugrüne Augen, fast wie die von Gloria Porter, nur etwas dunkler. Anders als die meisten Ministeriumsmitarbeiter trugen sie keine Aktenkoffer oder Aktenmappen bei sich. Dass sie hier arbeiteten erkannte Julius daran, dass sie keine silbernen Besucherplaketten trugen.

Als er mit den beiden und fünf Zauberern im gleichen Fahrstuhl nach oben fuhr stellte er fest, dass die Zauberer offenbar durch die Bank weg einen unerfreuten Eindruck machten, als müssten sie als Angeklagte oder Staatsanwälte zu einer Gerichtsverhandlung. Er erinnerte sich, dass sie immer auf Höhe der Abteilung für internationale Zusammenarbeit ausgestiegen waren. Konnte es sein, dass der weiterhin auf Bewährung tätige Monsieur Chaudchamp ihnen für heute besonders heftige Aufgaben angekündigt hatte? Er war jedoch so gescheit, diese Frage nicht laut zu stellen. Jeder und jede hier hatte ganz eigene Angelegenheiten, er eingeschlossen.

Als sie auf der Etage für magische Geschöpfe anlangten nickte Julius den missmutig dreinschauenden Kollegen freundlich zu und verließ zusammen mit den beiden dunkelrothaarigen Schwestern den Fahrstuhl. Er hörte noch, wie die goldenen Gitter hinter ihm wieder zuglitten und wie einer der Zauberer murrte: "Die sollen den endlich ersetzen." Dann war er bereits im Strom der hier arbeitenden Hexen und Zauberer untergetaucht.

Als er vor Barbara Latierres Büro ankam stellte er fest, dass die beiden rothaarigen Schwestern denselben Weg gehabt hatten. Ebenso sah er, dass bereits zwanzig andere Ministeriumskolleginnen und -kollegen hier warteten. Hatten die alle einen Termin oder gehörten sie wie er zu jener mal eben eingerichteten Sondergruppe Meeresfrieden?

Als Barbara Latierre genau um halb neun die Bürotür von innen öffnete traten die Wartenden einen halben Schritt zurück.

"Ah, guten Morgen, Messieurdames et Mesdemoiselles", grüßte die Büroinhaberin die hier versammelten. Sie überblickte die Anwesenden, nickte jeder und jedem zu und sagte dann: "In meinem Büro ist leider nicht genug Platz. Daher habe ich unseren Außendienstkonferenzraum freigehalten. Bitte folgen Sie mir alle!"

Julius folgte den anderen bis zu einem der Konferenzräume, die er schon von seinem Abenteuer mit Nal, der grünen Gurga kannte. Barbara ließ alle an sich vorbei eintreten und schloss als letzte die Tür von innen. Dann machte sie entschlossene Handbewegungen und sprach dazu, wie sie sich die Sitzordnung vorstellte. Nun erfuhr Julius, dass die zwei Schwestern Amélie und Eugénie Grandlac offenbar zur Zaubertrankprüfungskommission gehörten, die beschlagnahmte Zaubertränke untersuchte oder eingereichte neue Rezepturen auf ihre Auswirkungen prüfte. Zu dieser eher in den Laboren für Experimentalmagie tätigen Leuten gehörten auch vier der andern wartenden. Dazu kamen noch welche aus der Behörde für neue Patente, aber vor allem Außendienstmitarbeiter der Abteilung für magische Geschöpfe, die sonst nach gefährlichen Tieren oder marodierenden Zauberwesen suchten.

Als Barbara alle miteinander bekanntgemacht hatte durften sich alle setzen. Danach verlas Barbara ein Protokoll, dass sie wohl von der Konsstituierenden Sitzung der Mittelmeerkonföderation mitgebracht hatte. So erfuhren alle, was dort besprochen worden war und vor allem, dass der in der Ägäis lebende Meereskönig ein Zwischending zwischen Hilfsschreiben und Ultimatum eingereicht hatte.

"Da das französische Zaubereiministerium Teil dieser Mittelmeerkonföderation wurde geht es uns natürlich auch etwas an, dass die Kollegen in Athen besorgt sind, mit den in ihrem Zuständigkeitsbereich lebenden Meerleuten in Konflikt geraten zu können. Ebenso sehen viele, die bei der mehrtägigen Beratung anwesend waren es als geboten, die Lage der Meerleute ernstzunehmen und auf deren berechtigte Anliegen einzugehen. Das heißt, auch wir müssen darauf eingehen."

Sie las nun das Anschreiben von König Bathos in übersetzter Form vor und erwähnte die Einwände der anderen, dass die Meerleute offenbar auf eine gewaltsame Auseinandersetzung erpicht waren. "Auslöser dieser Entrüstung von König Bathos war wohl der Beinaheunfall seines Enkels mit dem Schleppnetz eines großen Fischereischiffes. Das war wohl der Funke, der den Kessel zum Überkochen gebracht hat. Wenn wir innerhalb dieses Monats keine ihm genehme Lösung anbieten oder zumindest vorschlagen möchte König Bathos sein Problem auf eigene Weise lösen. Wir wissen nicht, wie die anderen Meeresbewohner dazu stehen. Daher gilt auch für uns, dass wir uns über eine Lösung einigen müssen, wollen wir nicht mitschuldig an unangenehmen Folgen sein", sagte Barbara. Dann beschrieb sie, wie sie sich das vorgestellt hatte und erwähnte auch, dass sie nicht darauf gefasst war, dass dafür umfangreiche Probenanalysen erstellt werden mussten. Hierbei sah sie Julius bedeutsam an. "Es geht also nicht nur darum, die Meerleute in ihren Hoheitsgebieten zu kontrollieren, sondern die Auswirkungen der Meeresbelastungen zu mindern. Das geht aber nur, wenn wir die Belastungen genauer kennen. Eine Ursache ist wohl die überhand nehmende Überfischung und die damit einhergehende Gefährdung frei schwimmender Meerleute. Der weitaus bedenklichere Anteil dürfte die Einleitung von Abfallstoffen und Reststoffen aus Verbrennungsprozessen sein. Daher soll diese Gruppe, die ich mit dem Namen Meeresfrieden gekennzeichnet habe, vor allem Wege finden, um die frei schwimmenden Meerleute und deren Siedlungen vor giftigen Stoffen zu schützen. Hierfür habe ich auf Anregung des mit der nichtmagischenAlchemie vertrauten Monsieur Latierre die Einrichtung und den Betrieb einer Zaubertranksondergruppe veranlasst, während alle, die sich auf andere Gebiete verstehen ihre Kenntnisse nutzen, um die Personal- und Materiallogistik zu sichern und thaumaturgische Alternativen anzubieten. Jene von Ihnen, die die Sprache Meerisch beherrschen möchten sich für unmittelbare Verhandlungen mit den Vertretern der vor unserer Mittelmeerküste angelegten Kolonie bereithalten, wenn die Fachgruppen für Entgiftung und Abfallbeseitigung ihre Vorschläge ausgearbeitet haben werden. Ich gehe sehr davon aus, dass auch die übrigen Mitglieder der Mittelmeerkonföderation an tragfähigen Verfahren arbeiten. Doch darauf dürfen wir uns nicht verlassen. Daher bitte ich Sie alle, hier und jetzt erste Einschätzungen vorzulegen, was Sie unternehmen können und mir in den folgenden zwei Tagen einen verbindlichen Ablaufplan für die Entwicklung und Erprobung brauchbarer Maßnahmen vorzulegen. Monsieur Latierre wird für diesen Zeitraum für mich als Koordinator zwischen Zaubertranklabor und Außeneinsatztruppen tätig sein. Ich gehe davon aus, dass die dort bereits eingearbeiteten Damen und Herren ihm helfen werden, alle nötigen Versuche zu planen und gegebenenfalls mitzugestalten und auszuwerten. Beginnen wir also mit der Einsatzplanung und Personaleinteilung!"

Nach einer Stunde hatten alle ihre Aufgaben. Julius war dazu eingeteilt, die Sammlung und Weiterverarbeitung von Meerwasser- und Gewebeproben zu koordinieren. Barbara hatte durchaus mitbekommen, dass die Zaubertrankbrauer gerne unter sich bleiben wollten und obwohl sie wusste, dass Julius in dem Bereich sehr bewandert war Probleme damit haben würden, wenn ein jüngerer "Außenstehender" denen Vorgaben machen wollte. Abgesehen davon wollte sie jemanden haben, der zwischen den Alchemisten, Außendienstleuten und Thaumaturgen vermitteln konnte und auch einen Draht zum Heiler vom Dienst hielt, da er ja immer noch zertifizierter Pflegehelfer war.

Bis zur Frühstückspause unterhielt sich Julius mit den Grandlacs, deren Mutter die Elementarkraftspezialistin Muriel Grandlac war und regelmäßig in "Angewandte Alchemie" veröffentlichte und da immer behauptete, dass es für alle zauberstabbasierenden Einnflüsse äquivalente Tränke gab und sogar eine "diametraltransmutation" von das Feuer repräsentierenden Zutaten in das Wasser aktivierende Tränke oder die auf Erdkraft basierenden Zutaten, die am Ende die auf Luft basierenden Kräfte bestärkende Zutaten ergaben. "Wie Sie hörten hat mein Vater sich mit nichtmagischer Alchemie befasst und daher eine andere Herangehensweise an Wechselwirkungen von Stoffen und Energieumsetzung erlernt. Daher komme ich gut mit beiden Herangehensweisen zurecht", sagte Julius zu Amélie Grandlac.

Nach der Frühstückspause kehrte er in Barbara Latierres Büro zurück. Sie bat ihn erst einmal, sich ihr gegenüber hinzusetzen, weil sie noch einige Punkte besprechen wollte.

"Ich habe es mitbekommen, dass du gerne weiter mit den Zaubertrankbrauern diskutieren würdest, wie du dir die Analysen vorstellst. Aber rein von der Menschenführung her hätte das mir Probleme bereitet, weil die Blubberkesselkaste von uns nur mit Leuten zu tun haben will, die immer schon und ausschließlich mit Zaubertränken und magisch erzeugten Werk- und Baustoffen zu tun hatten. Wo du mir das mit deinem angespannten Verhältnis zu deinem allerersten Zaubertranklehrer erzählt hast sah ich keine echte Notwendigkeit, dich mit dreien, vieren oder gar fünfen von der Sorte in einen luftdichten Raum einzuschließen. Außerdem weiß ich, dass du im Außeneinsatz mehr leisten kannst als im geschlossenen Kämmerlein, auch wenn meine jüngere Schwester Béatrice mir da gerne widerspricht und meint, du hättest auch Antoinette Eauvives Angebot annehmen können."

"Ich habe es schon gemerkt, wie die aus der Zaubertrankgilde mich angeguckt haben, nach dem Motto, was ich wohl für diese Sondergruppe beisteuern kann", gestand Julius ein.

"Dabei wissen die nicht einmal, dass du die ganzen Vorschläge zur besseren Analyse von Proben aus dem Meer aufgestellt hast. Die werden sich jetzt die Köpfe heißreden, wer von denen mir die nötigen Tips gegeben hat."

"Außer den zwei Grandlac-Schwestern", erwiderte Julius. "Ich konnte mit denen auch noch während der Frühstückspause über die Arbeit ihrer Mutter Muriel sprechen, die ja in der französischen Sektion der internationalen Union praktischer Alchemisten sitzt und die diametrale Elementarkrafttransmutation erforscht, also wie aus feuerbasierten Wechselwirkungen eine die Kräfte des Wassers bedingende Substanz wird und aus mehreren Erdkraftbestandteilen etwas wird, dass die Elementarkraft Luft ausnutzt. Immerhin habe ich so meine Berechtigung erworben, bei denen vorbeisehen und denen was übergeben oder von ihnen entgegennehmen zu dürfen. Ich hätte denen fast gesagt, dass das mit der Transmutation in der magielosen Chemie ein alter Hut ist, wenn Wasserstoff und Sauerstoff bei einem Funken unter Hitzeausstoß zu reinem Wasserdampf werden, der kondensieren kann, oder dass der Luftstickstoff in modernen Pflanzendüngern eingebunden wird."

"Ach ja, das mit der Käseglocke über VDS, ich erinnere mich", erwiderte Barbara Latierre. "So, und damit wir die Galleonen auch verdienen, die das Ministerium an Gewerbeabgaben erhält koordinierst du mir jetzt möglichst bis zum Mittagessen die Probensammeltruppen, damit wir die schon am Nachmittag losschicken können!"

Julius durfte den freien Schreibtisch benutzen, der für zeitweilige oder dauerhafte Juniorassistenten vorgehalten wurde. Da Barbaras offizieller Assistent mit seiner Familie noch im Urlaub in den schweizer Alpen war würde der sicher nichts dagegenhaben. So war er in Reich- und Rufweite und konnte bereits um zwölf Uhr erste Ergebnisse vorlegen. Vor allem hatte er ein Raster für die Probensammler erstellt, das eine repräsentative Aussage über die Belastung des Mittelmeeres ermöglichte. Hierbei sollte es nicht nur um Fremdstoffe im Wasser gehen, sondern auch um deren Verteilung ausgehend von Küstenstädten bis zur Hoheitsgrenze und in den unterschiedlichen Tiefen.

Beim Mittagessen trafen Barbara und Julius auf Nathalie Grandchapeau und Hippolyte Latierre. Nathalie fragte, ob bereits erste Ergebnisse erzielt wurden. "Wir haben jetzt einen umsetzbaren Plan, um zu prüfen, mit was wir es zu tun haben", sagte Barbara. Hippolyte sagte dazu: "Ach das mit der Mittelmeerkonföderation und was die Griechen gerade auf dem Tisch haben? Guck mich bloß nicht so streng an, Babs, das ist doch schon zweimal durch das Ministerium, seitdem Chaudchamps Leute sich damit herumschlagen, dass sie nun noch Eure Arbeit aus der Abteilung für magische Wesen mitmachen sollen."

"Soso, sagen die das?" schnarrte Barbara. Julius wollte dazu was sagen, wurde aber von einer Kleinjungenstimme in seinem Kopf abgehalten.

"Chaudchamp ist kein Freund der Mittelmeerkonföderation, Julius. Deshalb hat er das durchgereicht, dass deshalb Sondergruppen gebildet werden, die angeblich erfahrene Zauberer für unwichtige Arbeiten einspannen." Julius stimmte sich auf die Stimme ein und schickte zurück: "Bei uns läuft das unter C5. Gilt das nicht für Chaudchamp?"

"Das hat Maman ihn auch gefragt, als er ihr damit kam, dass sie auch damit behelligt wird."

"Julius, bitte iss noch was! Der Nachmittag könnte noch lang werden", sagte Barbara.

"Hast du ihn für die Sache zum Vertreter von Brussac ernannt, Babs?" fragte Hippolyte. "Besser als zu einem deiner Besenputzer, Hipp", erwiderte Barbara Latierre. Julius zwang sich, nicht zu grinsen.

Die Warnung, dass es ein langer Nachmittag werden mochte erwies sich als zutreffend. Julius durfte mit einem Ministeriumsbesen hinaus zu den vor der Mittelmeerküste gelegenen Inseln und die Probensammelstellen begutachtenund erste Berichte darüber verfertigen, zu den Grandlacs in das Sicherheitslabor Vier im durch meterdicke, steinhärtungsbezauberte Wände abgetrennten Experimentalkomplex des Zaubereiministeriums hinüber, und sich von der Sorgfältigkeit des Probeneingangs überzeugen. Hierbei musste er aufpassen, nicht raushängen zu lassen, wie sein Vater ihm das beigebracht hatte, bloß keine Verunreinigungen zuzulassen und gefährliche Stoffe in den richtigen abgeschlossenen Behältern zu befördern.

Ehe er es dachte war es bereits sieben Uhr abends. Entsprechend verwundert waren alle seine Familienmitglieder, als er erschöpft und hungrig im Apfelhaus apparierte.

"Lass dich von Babs nicht kaputtmachen, Julius!" riet ihm Béatrice nach dem Abendessen. "Sie ist wie Hipp, gerne drauf und dran, Leute bis zum Umfallen zu treiben."

Julius versprach ihr und seiner Frau, dass er sich nicht abhetzen würde und dass er nur die Sachen machte, die im Aufgabenplan vorgesehen waren. Da er ja im wesentlichen als Verbindungszauberer zwischen den Fachgruppen auftrat saß er ja häufiger im Büro.

"Aber das Zaubertranklabor im unterirdischen Nebenbunker des Ministeriums ist schon richtig umfangreich. Fünfzig Feuerstellen für Kessel zwischen Normgröße sechs und Null, also zwischen Teekännchen und Bierbraukessel, wo ein ganzer Mensch reinpassen würde. Dann haben die von irgendwem, nicht von mir, raus, dass sie unterschiedliche Luftdruckzonen einrichten, um schädliche Stoffe in einem Labor zu halten und natürlich die Entlüftungsvorkehrungen, von denen Glorias Mutter erzählt hat, dass die in ihrer Kosmetikfirma genutzt werden, wo zwischendurch die verbrauchte Luft durch Zwei-Stufen-Translokalisation gegen Frischluft getauscht wird."

"Ja, und was für Proben werden da untersucht?" wollte Béatrice wissen. Julius verriet ihr, dass geschöpftes Meerwasser gefiltert und dann auf seine Zusammensetzung untersucht wurde. Ebenso wurden Wasserpflanzen eingesammelt, um durch Verdampfung und Austrocknung die Wasseranteile von den Feststoffanteilen zu trennen. Es gehe darum, die Einlagerungen naturfremder Stoffe zu bestimmen und deren Menge nachzuweisen. "Wie erwähnt, am Ende könnte es sein, dass sich keiner mehr traut, im Meer zu baden", erwiderte Julius. Béatrice erwähnte, dass das ja in Beauxbatons schon vor fünfzig Jahren erkannt worden sei und deshalb der zur Schule gehörende Abschnitt mit einem mehrstufigen Filterzauber überwacht würde. "Aber das wird nur als "Anpassung an die nichtmagische Maschinenzivilisation" erwähnt, nicht in den Bulletins des Beauxbatons, sondern im Heilerkatalog verfügbarer Vorrichtungen."

"Ja, moment, aber dann müsste Madame Rossignol doch wissen, wie dieser Filterzauber geht und wie gut der heute noch filtert", vermutete Julius. "Wird sie wohl wissen. Aber außer der Zunftsprecherin wird sie das keinem verraten. Angeblich sei damals von der Ausbildungsabteilung und den Schulräten festgelegt worden, dass dies zu einem weiteren Betriebsgeheimnis der Akademie gehören müsse, da sonst Zitat "unerfüllbare Begehrlichkeiten geweckt werden könnten", Zitat Ende. Offenbar haben sie da was ausprobiert und weiterentwickelt, was auch in anderen Bereichen überragende Wirkungen hat."

"Also dann könnte ich nicht zu Madame Faucon hingehen und sie fragen, ob sie die Herstellungs- und Betriebsvorgaben für diesen Wasserfilter verrät?" fragte Julius.

"Du wohl nicht, Julius. Ja, und wenn da wirklich irgendwelche Begehrlichkeiten geweckt würden muss es schon was sein, was falsch angewendet oder bei übermäßiger Verwendung Schaden anrichten kann", meinte Béatrice. "Antoinette erzählte uns sowas, als wir uns genau darüber unterhielten, wie viel Ölrückstände und andere Abfallstoffe mittlerweile in den Meeren landen und dass die Heilerzunft ja eigentlich die Benutzung des Schulstrandes untersagen müsste. Da erfuhren wir dann, dass dort eben vor fünfzig Jahren, so im Zeitraum, wo Professeur Fixus dort anfing, entsprechende Vorkehrungen getroffen wurden, um das Meerwasser größtenteils sauberzuhalten, das im für die Schüler freigegebenen Bereich zirkuliert."

"Trice, aber das wäre genau das, was wir den Meerleuten als Schutz vor allem Unrat anbieten könnten", sagte Julius.

"Kann ich mir vorstellen, Julius. Aber die Schulräte und Madame Maxime und jetzt die gestrenge Blanche Faucon werden da den Deckel draufhalten, wie das geht. Ich bin nur froh, dass wir alle ohne bleibende Gesundheitsbeeinträchtigungen im Meer baden konnten. Das gilt ja in Beauxbatons als körperlich-seelischer Ausgleich für die anstrengenden Zauberübungen, so Antoinette."

"Dann hoffe ich mal, dass wir in nicht all zu ferner Zukunft eine gleichwertige Lösung finden oder erfinden können, um den Meerleuten zu helfen", sagte Julius aufrichtig. Denn nach dem Bericht aus Athen dachte er schon, wie bedrückend er das finden würde, wenn dauernd von weiter oben schädliche Stoffe herabregnen und Tonnen von Abfall vom Himmel regnen würden. Gut, mit den ausgedienten Satelliten hatten sie ja schon was ähnliches, wenn die nach und nach in die Atmosphäre zurücksanken und da verglühten, und Abgase gab es ja auch schon ziemlich viele. Andererseits wusste Julius auch, dass es nicht ohne Angst und Gewalt über die Bühne gehen würde, den magielosen Menschen alles wegzunehmen, was sie für ein angenehmes Leben erfunden hatten, auch wenn auch denen die Meeres- und Luftverschmutzung immer mehr zu schaffen machte. Denen dann zu erzählen, dass sich ganze Völker unter Wasser bedroht fühlten wäre so, als wenn man denen erzählte, dass auf dem Mond Außerirdische wohnten, die Angst davor hatten, von irdischen Raumsonden oder Mondkolonisten beeinträchtigt zu werden.

"Ich werde das deiner Schwester Babs nicht aufs Brot schmieren, dass sie in Beaux schon einen halben Kilometer Strandabshnitt bis zu einem halben Kilometer ins Meer rein abgesichert haben", sagte Julius.

"Das wäre auch nichts neues für sie. Aber ich denke, sie ist bereits gegen die Wand gelaufen, dass ihr keiner verraten will, wie das geht", erwiderte Béatrice. "Sprich sie also besser nicht darauf an, Julius." Er versprach es.

Um elf Uhr waren alle wieder müde genug, um zu schlafen.

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Die Beratungshöhle der Töchter Hecates, 06.08.2008 gregorianischer Zeitrechnung, später Nachmittag

Sie hatte ihn so weit in den Hintergrund gedrängt wie sie es verantworten konnte, damit seine Gedanken ihr nicht den Zugang zur Beratungshöhle verdarben. Zumindest hatte sich Alexios nicht dagegen aufgelehnt, mal wieder wie am hinteren Ende einer großen Halle mitverfolgen zu müssen, was weiter vorne gesagt und getan wurde. Immerhin war es ja damals seine Idee gewesen, die Freudentränen der Salmakis zu trinken und damit die eigenen Fähigkeiten und Sichtweisen zu erweitern.

Alexia Daphne Tachydromos durchschritt den wie ein luftiger, unsichtbarer Vorhang auf sie wirkenden Tarn- und Sperrzauber. Weil ihr Körper und die in ihrem Kopf gebildeten Gedankenund Empfindungen weiblich waren gewährte der Zauber ihr den Durchgang. Nun betrat sie die Höhle der Beratungen, die eine Tochter Hecates nur mit ausdrücklicher Einladung aller drei obersten Mütter des Ordens betreten konnte.

In der Mitte der uralten Tropfsteinkaverne in Form eines gleichseitigen Dreieckes ragte ein aus glitzerndem Himmelssteineisen geschlagener Tetraeder, dessen Seiten je neun Ellen der erhabenen ersten Tochter der Urmutter aller Hexen lang waren. an jeder der drei sichtbaren Flächen war ein aus Vulkangestein geformter Halter, in dem eine weißgelb flackernde Wachsfackel steckte. Davor erhob sich jeweils ein sechsstufiges, eiförmiges Podest. Auf dessen glatter Oberfläche stand ein hochlehniger Stuhl aus dunklem Holz. Auf jedem Stuhl lag ein mit den Daunen junger Schwäne, Hennen und Adler gefülltes Federkissen. Auch die Rückenlehnen waren derartig gepolstert. Auf jedem dieser thronartigen Stühle saß eine Frau in mitternachtsblauem, bis zu den nur von Sandalen bedeckten Füßen reichendem Kleid. Ein silbergrauer Schleier verhüllte jedes Gesicht bis unter den Brustkorb. Die drei Frauen wandten ihre Köpfe, als die um Gehör ersuchende Ordensschwester die Höhle betrat. Diese verbeugte sich tief vor den dreien. Keine aus dem Orden wusste, wer hinter den silbergrauen Schleiern steckte. Die hohen Mütter traten bei Versammlungen als gleiche unter gleichen auf, als Mitglieder einer Gruppe, deren Mitgliederzahl auf jeden Fall durch die heilige Zahl Drei ohne Rest teilbar sein musste. Alexia wusste nur, dass sie sich Triformis, Trioditis und Trigonia nannten und für je drei der neun Ausprägungen von Hecates Macht und Handeln standen.

"Hast du deinen Salmakis-Bruder in tiefen Schlaf versenkt oder hat er endlich anerkannt, dass du als eine von uns nicht in seiner geistigenBegleitung an diesen Ort gelangen kannst, Tochter Alexia?" fragte Mutter Trigonia, erkennbar an ihrer Position in der Höhle. Alexia erwiderte: "Er erkennt meine wichtige Aufgabe an, zwischen ihm und euch zu vermitteln, Mutter Trigonia. Darauf sagte die Alexia gerade zur Linken sitzende verschleierte Hexe: "So vermittel uns, was er und seine dem angeblich dreifachgrößten dienenden Gefolgsleute mit den anderen Zauberräten besprochen und beschlossen haben."

"Sehr wohl, Mutter Trioditis", sagte Alexia, die wusste, dass die Fragende für die drei Ausrichtungsmöglichkeiten des Ordens stand, dem Pfad des Lichtes, dem der Dämmerung und dem bildlich sehr schmalen, verschlungenen, an einem unendlich tiefen Abgrund entlangführenden dunklen Pfad. Offenbar war Mutter Trioditis dafür zuständig, den Bericht Alexias auf alles zu prüfen, was für den Orden der Hecatianerinnen wichtig war.

Alexia trug nun den sorgfältig vorbereiteten Bericht vor. Dafür brauchte sie eine Viertelstunde. Als sie zum Ende kam herrschte erst einmal eine halbe Minute Stille. Dann fragte Mutter Trioditis: "So ist dein Bericht vollständig, Tochter Alexia?" Die gefragte bejahte dies. "Und du mustest abwägen, ob du dieser ganzen Verhandlung lang rein beobachtend und zuhörend folgen solltest oder doch zwischenzeitlich in Erscheinung treten und Einspruch gegen all zu die Zauberer bevorzugende Abschnitte erheben musstest?" Alexia bestätigte das. Mutter Trigonia, Vertreterin der drei großen Lebensabschnitte jedes lebendigen Wesens, sagte dann: "Und dein Salmakis-Bruder und seine Getreuen gehen nicht davon aus, dass die Untertanen von König Bathos gegen den Willen des hellenischen Zauberrates handeln könnten?"

"Sagen wir es so, Mutter Trigonia, das Vertragswerk bietet ihnen etwas an, das sie nicht ablehnen können, falls sie nicht vollkommen wehrlos den Magielosen gegenüberstehen wollen. Sicher glaubt Bathos das jetzt schon und vermisst die bereits bestehende Vereinbarung, sein Volk magisch zu unterstützen. Aber dass er nicht von sich aus einen Feldzug gegen die nichtmagischen Landmenschen begonnen hat spricht dafür, dass er noch eine gewisse Achtung gegenüber dem Zauberrat besitzt und es sich nicht unnötig mit diesem verderben will. Ich selbst denke wegen meiner besonderen Erfahrung mit denkfähigen Zauberwesen, dass es ihm sehr, sehr schwer gefallen war, diese Aufforderung mit der angehängten Frist zu versenden, statt von sich aus alles zu tun, um sein Reich gegen angebliche oder wahrhaftige Bedrohungen von oben her zu verteidigen, möglicherweise einen Angriff, um weiteren Bedrängnissen zuvorzukommen."

"Dieses Meervolk ist größtenteils Männlichkeitshörig. Wie viele Söhne, Brüder und Neffen besitzt Bathos derzeitig?" fragte die rechts von Alexia postierte Ordensmutter, die als Mutter Triformis die drei Zustände lebender und toter Stofflichkeit und diese lenkende Kräfte verkörperte. Mutter Trioditis machte eine zum Schweigen gebietende Handbewegung in Alexias Richtung und antwortete an ihrer Stelle: "Bathos hat zwei ausgereifte Söhne und drei Töchter, die alle bereits mit Söhnen würdiger Familien vermählt wurden. Bathos besitzt keinen jüngeren Bruder, nur einen Oheim, den jüngeren Bruder seines Vaters. Seine eigenen Kinder haben bereits fünf Söhne und vier Töchter hervorgebracht. Von den zwei Vettern väterlicherseits gibt es insgesamt vier Söhne und sieben Töchter. Bathos' Gemahlin ist die Hüterin der Nachkommenschaften, also für alle Dinge des Nachwuchses zuständig. Seine ältere Schwester namens Thalassia ist Mitglied im sogenannten Rat der Kundigen, vergleichbar mit unserem Rat, nur dass es statt nur drei sechs Mitglieder gibt. Sie ist dort die oberste Kundige der magischen Gesänge und Tänze, mit denen Meerleute in geeignet großen Gruppen Wasserzauber wirken können. Ihr ist es zu verdanken, dass wir Landbewohnerinnen und Landbewohner bis heute nicht wissen, wo sich Herrschersitz und Hofstaat befinden. Soweit alles so, wie du es selbst hättest berichten können, Tochter Alexia?" Die Gefragte bestätigte es. Doch sie ergänzte dann noch: "Der erwähnte Oheim wurde bereits vor neunzig Jahren mit seiner Familie mit einem Lehen bedacht, das am Rande der Rufweite für Unterwasserbotschaften liegen soll. Dort hütet er mit seiner Familie die Hippokampen, jene Züchtungen aus Pferd und Fisch und betreibt eine Riesenmuschelzucht, die ihm im Handel mit anderen Meeresvölkern und uns Landmenschen eine beachtliche Menge Gold oder wertvolle Tauschgüter einbringt. Es ist sozusagen die Beruhigungsabfütterung von Bathos, um seinen Oheim und dessen Söhne davon abzuhalten, selbst herrschen zu wollen. Wer viel einnimmt, ohne sich um die Führung eines Volkes sorgen zu müssen, der kann auf königliche Macht verzichten. Natürlich weiß sein Verwanter das und schöpt daher gnadenlos alles aus, was das Lehen ihm einbringt. Was auch zur Sprache kam, und wo ich abwägen musste, ob ich persönlich unter die Teilnehmer trete und damit mein und Alexios' größtes Geheimnis enthülle war, dass diese Hippokampenzucht und die beachtlich große Perlen hervorbringenden Muscheln zu gewissen Eifersüchteleien in den benachbarten Reichen führen und dass Bathos' Oheim auf diese Weise sozusagen durch den Hintereingang mächtiger als sein Neffe werdenkönnte, wenn er die anderen Meeresreiche damit erpresst oder ködert, wie er die ihm gebotenen Handelsgüter vertreibt. Das Sprecherpaar der französischen Ansiedlung hegt bereits einen gewissen Argwohn, weil die eigene Hippokampenzucht in die Minderwertigkeit gedrängt zu werden droht. Auch deshalb war es nötig, eine internationale Vereinbarung zu treffen, nach welchen Regeln diese Unterwasserreittiere gezüchtet, gehalten oder weiterveräußert werden dürfen. Auch da wird es sicher sehr spannend, wie Bathos und die anderen Meeresfürstenund Stadtmeister dazu stehen."

"Hat sich seit der letzten Berichte meiner Kundschafterinnen was daran verändert, dass der Hüter der alten Geschichten und Bräuche sich immer noch als Hohepriester Poseidons versteht und davon ausgeht, dass dieser eines Tages zurückkehrt?" fragte Mutter Trioditis. Mutter Triformis machte eine zustimmende Geste. Alexia sollte die Frage beantworten.

"Deine Kundschafterinnen haben dir richtig berichtet, Mutter Trioditis. Jener Kundige der alten Geschichten gilt als höchstes Mitglied eines Ordens, der sich die Bewahrung der alten Geschichten, Bräuche und Glaubensgrundsätze zur Aufgabe gemacht hat. Unabhängig davon, ob es jenen Urvater oder Gottkönig der Meerleute jemals gegeben hat kann ein starker Glaube genausomächtig sein wie ein Haufen Gold oder eine tausend Mitglieder zählende Streitmacht. Wir kennen das ja von unserem Orden her nicht anders." Die drei Mütter stimmten wortlos zu. Mutter Trioditis fügte dem hinzu: "Weil ein starker Glaube die Aushebung und den Einsatz einer solchen Streitmacht ungleich leichter macht als die Anwerbung mit Hilfe von Gold oder anderen wertvollen Tauschgütern."

"Es gilt als sehr hohe Wahrscheinlichkeit, dass es neben den in alten Geschichten beschriebenen Überriesen, den Titanen, auch solche gab, die wie die Meerleute unter Wasser leben konnten. Einer von denen könnte jener sein, von dem wir uns die Geschichten um den Gott Poseidon herleiten", sagte Mutter Triformis. Sie hatte schließlich die verschiedenen Quellen und Formen der Magie erforscht und wie sie auf lebende und tote Dinge wirkte oder von Lebenden ausgeübt werden konnte.

Mutter Trigonia wollte nun noch einmal die Namen aller sechs Beraterinnen und Berater des Königs hören. Alexia und Mutter Trioditis berichteten einander ergänzend, dass es vier männliche Kundige und zwei weibliche gab, darunter eben jene Thalassia als Kundige der mächtigen Zauber und die tradditionelle zur Gilde der Pflegerinnen und Hüterinnen des Lebens gehörende oberste Kundige der Heilkünste, die auch mit der Gemahlin des Königs zusammenarbeitete. "Wissen die Männer das auch alles?" wollte Mutter Trigonia wissen, die sich bisher sehr mit Wortbeiträgen zurückgehalten hatte. Alexia bejahte das, immerhin war sie ja bei der Unterredung dabeigewesen und hatte ihren Salmakis-Bruder mal ganz sachte, mal sehr forsch dazu gebracht, wichtige Informationen zu geben oder gezielte Nachfragen zu stellen.

"Du hast die geschriebenen Vertragsbestandteile mitgebracht, Tochter Alexia?" fragte Mutter Trigonia dann noch. Alexia bestätigte es und händigte den drei Müttern die Vervielfältigungen des Vertrages aus. "Dann möchten wir dich bitten, uns für eine Beratung allein zu lassen, Tochter Alexia. Kehre durch den Ausgang unter den freien Himmel zurück und erwarte dort unsere erneute Einladung, die Höhle der Beratungen zu betreten!" Alexa dachte nicht daran, zu widersprechen oder den sanft gesprochenen aber unmissverständlich und bedingungslos zu befolgenden Befehl zu verweigern. Sie verließ durch jenen magischen Vorhang durch den Stollen, durch den Mutter Trioditis hereingekommen war die Beratungshöhle und eilte zu Fuß bis zum entsprechenden Ausgang aus dem Höhlensystem. Als sie unter dem bereits dunkelrot glühenden Abendhimmel stand bekam sie mit, wie sich der Ausgang hinter ihr verschloss. Ohne die neue Einladung kam sie nicht mehr in die Höhle. Apparieren war dort nämlich unmöglich.

Alexia kannte ihren Salmakis-Bruder und hielt ihn deshalb gleich mit Gedanken an ihre beiden Kinder nieder, damit er nicht zu weit hervortreten und am Ende den gemeinsam bewohnten Körper übernehmen konnte. als sie sicher war dass Alexios weiterhin gut verborgen am Rande ihres Unterbewusstseins ausharren musste bedachte sie, was die Mütter des Ordens damit bezweckten, die wichtigsten Vertreter der Meerleute zu kennen. Wollten die etwa einen Keil zwischen diese treiben? Oder ging es darum, mögliche Anschläge auf Landmenschen vorauszusagen und sicher zu verhindern? Was sie sicher wusste war, dass auch die Töchter der Hecate kein Interesse daran hatten, dass den Magieunfähigen bekannt wurde, dass es Hexen, Zauberer und all die menschenähnlichen und mischförmigen Zauberwesen gab, von denen die Sagen aller Kulturkreise zu berichten wussten. Allerdings war auch dem hohen hellenischen Hexenorden die zunehmende Meeresverschmutzung und gleichzeitige Überfischung ein Ärgernis, und die Töchter Hecates hätten dem längst einhalt geboten, wenn nicht die Frage im Raum schwebte, welche Welt sie danach haben wollten und wie sie die magielosen Menschen im Zaum halten konnten, ohne deren offene Feindschaft fürchten zu müssen. Sardonia vom Bitterwald hatte es ja schon versucht, wo die Magielosen noch kein Wissen um die Erscheinungsformen und Kräfte der Elektrizität besaßen und wo sie noch keine mit aus der Erde gesaugtem Steinöl pferdelose wagen, segellose Schiffe und stählerne Riesenvögel mit starren Flügeln besaßen. Grindelwald und dessen noch irrsinnigerer Nachfolger mit dem zum Angstwort gewordenen Namen Lord Voldemort hatten ja ebenfalls versucht, sich erst die Zaubererwelt und dann die magielose Welt zu unterwerfen. Die größten Erfolgsaussichten hätte Ladonna Montefiori gehabt, wenn es ihr gelungen wäre, alle Zaubereiministerien der Welt unter ihren Feuerrosenbann zu zwingen. Ihre Versuche, elektrische Anlagen zu zerstören und gefördertes Öl unbrauchbar zu machen waren eigentlich sehr vielversprechend. Doch wieder galt, welche Welt danach bestanden hätte und ob der hohe hellenische Hexenorden diese Welt wünschte oder ablehnte.

Das letzte Abendlicht verlosch bereits hinter den Bergen, die jenen mit der Beratungshöhle umgaben. Dunkelheit senkte sich über das von Menschen größtenteils unberührt gebliebene Land. Der Mond und die Sterne erstrahlten am tintenschwarzen Himmel. Alexia sah kein wildes Flackern. Die Luftschichten über ihr mochten gerade in sehr ruhigem Zustand sein.

Ganze zwei Stunden nachdem sie von den drei Müttern zum Warten hinausgeschickt worden war erklang ein dreistimmiger Chor aus reinen Gedanken in Alexias Kopf. "Wir wünschen dich wiederzusehen, Tochter Alexia Daphne Tachydromos. Tritt ohne Arg und aus freiem Willen zu uns hin!"

Alexia Tachydromos befolgte die Anweisung. Mit entzündetem Zauberstablicht leuchtete sie ihren Weg durch den Stollen aus, der zur Beratungshöhle führte. Unterwegs dachte sie noch einmal daran, dass sie gerne wusste, wie die drei Mütter es anstellten, zugleich in ihrem Geist zu rufen oder zu sprechen, wo das Gedankensprechen doch eigentlich eine Sache zwischen zwei aufeinander eingestimmten Menschen war. Dann dachte sie auch daran, dass sie durch den Chor der Gedankenstimmen keine Einzelstimme herausgehört hatte und somit auch nicht nachprüfen konnte, wessen Geistesbotschaften sie da empfangen hatte. Dann fiel ihr ein, dass es vermessen und wohl auch gefährlich war, Name, Stimme und Aussehen auch nur einer der drei Mütter zu erheischen. Also ließ sie es lieber bleiben, auch Alexios' zum ganz großen Gefallen.

Als Alexia wieder in der Beratungshöhle war musste sie sich erst setzen. Dann offenbarte ihr Mutter Trioditis: "Wir haben uns ausführlich über den Vertrag und die für uns wichtigen Inhalte unterhalten. Diese Übereinkunft darf so gültig werden, solange sichergestellt ist, dass du jederzeit an jedem Ort der Welt mit einer unserer Botinnen sprechen kannst. Das heißt für Alexios, dass er es hinnehmen muss, dass er, gleich was er gerade tut oder welchen eigenen Bedürfnissen oder Gelüsten er nachgeht, Platz für dich zu machen hat, wenn eine unserer Botinnen dich bei deinem Geleitnamen ruft, den nur wir dir verliehen haben. Wir gehen davon aus, dass du es vollkommen zusichern kannst, dass du jederzeit für uns erreichbar bist."

"Es wird ihm nicht sonderlich gefallen. Aber er hat einsehen müssen, dass es Dinge gibt, die ich erfolgreicher bewältigen kann als er und dass mich dies auch zu bestimmten Zugeständnissen verpflichtet", bestätigte Alexia und übertönte damit das leicht verärgerte Murren im hintersten Winkel ihres Bewusstseins. "So kehre nun wieder an deinen Wohnort zurück und sei dir unseres Dankes gewiss, dass wir durch dich wissen, womit wir in den nächsten Wochen zu rechnen haben müssen."

"Darf ich fragen, womit ihr rechnet, ehrwürdige Mütter?" fragte Alexia, nachdem Mutter Trigonia diese Ansage gemacht hatte. "Mit vielem, davon einigem Verdruss", erwiderte Mutter Triformis. "Doch werden wir weder dir noch anderen verkünden, womit wir rechnen und wie wir darauf antworten werden, je danach, was wann eintritt", erwiderte Mutter Trioditis. Ein ganz leises "Wer hätt's gedacht" wehte durch Alexias Bewusstsein. Sie fühlte leichte Kopfschmerzen und ein merkwürdiges Kribbeln auf der Haut. Dann war es wieder so wie vorhin. Offenbar hatte Alexios sich wegen der überdeutlichen Ablehnung, ihm auch was zu verraten aufgelehnt und war nur wegen Alexias Bangen vor unangenehmen Folgen in seine untätige Haltung zurückgesunken.

"So bedanke ich mich in Demut für die Zeit, die ihr mir gewährt habt und die Aufmerksamkeit, die ihr mir geboten habt, ihr hohen Mütter des erhabenen hohen Ordens", sagte Alexia und verbeugte sich unterwürfig. "So werde ich auf den Ruf einer eurer Botinnen warten und bis dahin entweder in meiner Eigenschaft als Zauberwesenbeauftragte oder als duldsam ausharrende Schwester des hellenischen Zauberrates warten."

"Wir danken dir für den umfassenden Bericht und die Gedanken, die wir dadurch formen und zu Ideen ausformen konnten", sagte Mutter Trigonia. Dann entließen die drei Mütter ihre Ordensschwester zurück in ihr nicht ganz so übliches Alltagsleben.

"Morgen darst du wieder herumlaufen und sprechen", vertröstete Alexia ihren Salmakis-Bruder auf den nächsten Tag. Dann suchte sie ihren Angetrauten auf. Ihr war gerade danach, mit ihm die Leidenschaft der ehelichen Wonnen zu erleben. Alexios hoffte nur, dass sie dadurch nicht mit der dritten Tochter schwanger wurde und er dadurch wieder neun Monate und ein halbes Jahr Stillzeit untätig im Hintergrund zu bleiben hatte.

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Französisches Zaubereiministerium, 12.08.2008

Wo stand geschrieben, dass Männer über dreißig oder vierzig Jahren keine jungenhaften Streiche mehr spielten? Die Frage stellte sich Julius am späten Morgen des zwölften August, als er im Auftrag Barbara Latierres das Hochsicherheitslabor Nummer vier der Experimentalmagie betrat. Das erste, was ihm dort entgegenkam war eine dunkelrosafarbene Nebelwolke. Die konterte der von ihm zur Sicherheit angesteckte Gasvorgreifer umgehend mit einer Kopfblase. Doch Julius musste zudem noch einen Vanescus-Vaporum-Zauber von sich fernhalten, da er nicht wusste, ob der Dunst seiner Kleidung oder seiner Haut bekam oder nicht. Als er dann den Kessel des rosenfarbenen Aufruhrs sah fragte er durch die Kopfblase, welche Probe darin verarbeitet wurde. "Das ist eine Probe aus dem Hafenbecken von Marseille, da wo die ihr Geld verprassenden Muggel ihre teuren Schauboote liegen haben. Womöglich sind uns da die ganzen Schmink-und Parffümrückstände der mitgeführten Frauenzimmer in die Probe geraten und machen diesen Nebel", grinste einer der hier tätigen Brauer, der, das konnte Julius nach der Abwehr des Dunstüberfalls sehen, ebenfalls eine Kopfblase und einen blauen Drachenhautumhang mit silbern spiegelnden Verzierungen trug. Julius blieb ruhig und fragte, ob denn vorher noch hatte analysiert werden können, was genau die Probe enthielt. Da wurden ihm dann Fachbegriffe und Verfahrensweisen um die Ohren gehauen, die jeden nicht mit Alchemie befassten Zauberer an sich hätten zweifeln lassen. Doch Julius hörte heraus, dass wohl jemand eine nicht zur Standardanalyse passende Prüfmixtur in den Probenkessel gegeben hatte und fragte gezielter nach, wobei er die in der magischen Alchemie geltenden Begriffe benutzte und dann mit seinem Wissen aus der nichtmagischen Chemie erkannte, dass da jemand wohl gezielt eine Lösung eingefüllt hatte, die auf ionische Natriumverbindungen wie zum Beispiel Meersalz mit der Ausdünstung von Jodid- und Chloridaffinen Stoffen reagierte. "Och joh, wollten Sie wissen, ob in der ganzen Muggelkosmetik noch NACL oder NAI enthalten ist, die Herren?" fragte Julius, während ein anderer hier tätiger Zauberer das bläuliche Feuer unter dem tosenden Kessel löschte. "Das wissen Sie jetzt. Aber ich bin nicht hier, um Sie daran zu erinnern, dass bei solchen Lösungen der unzerbrechliche Glassturz nach Ignatius Sandgruber und der von Paracelsus modifizierten Destillationsform eingesetzt wird. Das haben Sie sicher vorhin schon gemacht, um die im Dunst ausfallenden Reaktionsprodukte zu sichern, die sicher in dem dritten Kessel von links hinter dem Puriventus-Wall-Zauber vor sich hinbrodelt. Von der darin enthaltenden Lösung und der Färbung des Braufeuers zur Herstellung eines periodischen Temperaturintervals zwischen Kohlenglut und Drachenfeuer alle fünf Minuten muss das die Süderhall-Borzow-Mischung sein. Die darf nicht unter dem erwähnten Glassturz vor sich hinkochen, daher der Puriventuswall, dem Flimmern nach der Stufe Maioris. Der Rosarote Nebeldunst, mit dem Sie mich begrüßt haben kommt wohl vom überwiegend chloridhaltigen Salzanteil. Sie wussten also, was in der Probe drin ist, bevor sie sie effektvoll verdampfen ließen."

"Moment mal, wollen Sie, jemand der nur mit störrischen Zauberwesen hantiert, uns hier jeden Tag mit potentiell tödlichen Stoffen hantierenden Damen und Herren vorwerfen, wir hätten absichtlich eine unbeherrschbare oder gar gefährliche Reaktion ausgelöst?" wollte Jean Bernaud, der Zauberer im blauen Glitzerumhang wissen. "Das haben Sie gesagt. Ich selbst denke nicht, dass Sie gezielt eine unbeherrschbar heftige Reaktion auslösen. Ich sagte nur, dass sie da schon wussten, was die Ausgangssubstanz enthielt, um zu wissen, dass dieser Dunst entsteht. Abgesehen davon wissen Sie ja besser als ich, was gegen unerwünschte Ausdünstungen bei Brauvorgängen zu tun ist, weil Sie sonst sicher keinen Drachenhautumhang mit Dunstabweisungsrunen tragen würden", sagte Julius ruhig. Die Kopfblase war noch in Kraft.

"Hat nicht geklappt, Jean. Der Bursche hier kennt sich in Alchemie gut genug aus, um deinen Streich durchschauen zu können", sagte Amélie Grandlac, die ebenfalls im Schutz einer Kopfblase herantrat. "Ach ja, du solltest den Luftaustauschzauber aufrufen, damit das Zeug nicht das halbe Labor beeinträchtigt. Nachher verzapft euer Rosendunstgebräu noch eine Folgereaktion, wollt ihr zwei Komödianten nicht wirklich."

"Der ist doch kein Alchemist, der da. Wieso kennt der sich dann mit dem Verfahren aus?" wollte Bernaud wissen.

"Weil der einen Zaubertrank-UTZ ohne Gleichen hat und weil er laut Randnotiz in der Monatsmeldung vom August 2000 durchaus auch in einem trankaffinen Bereich bei uns hätte anfangen könnenund weil Dok Eauvives Tante Antoinette ihn all zu gerne in der Heilerzunft gehabt hätte. Wer lesen kann ist klar im Vorteil, Jean!" entgegnete Amélie Grandlac.

"Ich habe die Monatsmeldungen deaboniert, Amélie. Ich habe für solche mich nicht betreffenden Mitteilungen keine Zeit", knurrte Bernaud. Da kam noch ein Zauberer mit einer Kopfblase um den schwarzen Haarkranz dazu. "Haben Sie mal wieder Neulinge-Erschrecken gespielt, Monsieur Bernaud?" fragte er mit der durch den Frischluftzauber gedämpften Stimme.

"Doktor Eauvive, wir waren nicht darauf gefasst, so viele artifizielle Substanzen in einer Meerwasserprobe vorzufinden, dass uns der Indikatortrank aus dem Lot geriet", erwiderte Bernaud. "Soso, wussten Sie das nicht. Aber wieso haben Sie dann die Halophilen Bestandteile H-4 und H-5 in den Indikator eingerührt. Der Nebel und der mir gerade zugegangene Alarm gegen aggressive Grüngasanteile in der Raumluft verraten, dass Sie offenbar zu viel des guten oder des schlechten wollten und darauf setzen, dass die anderen Tränke hinter dem von diesem jungen Herren korrekt erkannten Puriventus-Zauber der Stufe zwei abgewisen werden, um keine Ira-Ignis-Reaktion oder gar eine Clamp'sche Kommotion zu provozieren. Sie hängen ja schließlich auch an Ihrem Leben, Monsieur Bernaud."

"Jetzt möchten Sie dem Kollegen Bernaud unterstellen, dass er absichtlich unzulässige oder unbeherrschbare Mixturen verwendet hat?" sprang ein anderer der SG Meeresfrieden zugeteilter Zaubertrankbrauer seinem offenbar zu Scherzen aufgelegten Kollegen bei.

"Öhm, nein, das möchte ich nicht. Um jeden auch nur ansatzweise möglichen Verdacht auszuräumen werde ich eine Probe des rosaroten Irrsinns da entnehmen und eigenhändig auswerten. Dann wird meine auf bloßen Augenschein beruhende und durch den Geruch nach aus Salz entwichenem Grüngas vor der Kopfblase gefolgerte Befürchtung hoffentlich entkräftet. Danke schön!" Mit diesen Worten zog er eine kugelförmige Phiole aus seinem Drachenhaut-Umhang. Er deutete auf den immer noch einzelne rosarote Blasen ausstoßenden Kessel, führte den Zauberstab in einer waagerechten Bogenbewegung zum Glasgefäß und murmelte "Vitrum globosum pleno potionis sit nunc!" Mit einem vernehmlichen Plopp und einem Nachschwappen der Mixtur im Kessel verschwand ein Gutteil des Inhalts um unverzüglich und ohne den zwischen Kessel und Phiole liegenden Raum durchqueren zu müssen in der völlig dichten Kugelphiole. "Bis dann gleich, Messieurs. Achso, Monsieur Latierre. Ich habe natürlich Ihre Anfrage erhalten und möchte Ihnen die amtlich korrekte Antwort auf Pergament übergeben. Das erledigen wir in meinem Sprechzimmer", sagte Doktor Laurent Eauvive und winkte Julius.

"Grüngas? Doch der Dunst ist doch rosafarben, ohne Grünanteil", meinte Bernaud noch einen draufsetzen zu müssen. Der oberste Überwacher sah erst ihn und dann Julius an. "Können Sie dem Kollegen die Frage nach der Farbdiskrepanz beantworten?"

"Die sichtbare Ausdünstung freienChlors, also halogenes Grüngas schwankt zwischen einem gelblich-violetten und gelblich-grünen Farbton. Wenn eine alle Grünanteile im Licht absorbierende Mischung wie das Solorubrum-Elixier von eusebius Weidenstock zur Bestimmung von Iodhaltigen Inhaltsstoffen in den Indikatortrank Stufe drei, den wir hier wohl in sehr großzügiger Form vorliegen haben, eingerührt wird werden bei Ausdünstung alle Grünanteile vollständig ausgefiltert beziehungsweise die Rotanteile in der Farbgebung durch den Hibernianus-Kieselbleich-Effekt verstärkt, so das mit bloßem Auge keine Spur von Grün zu erkennen ist", fasste Julius die Aussagen zu den Farben von Ausdünstungen auf den gerade betreffenden Punkt zusammen."

"Wer bei der Kollegin Fixus einen Ohne-Gleichen-UTZ erwerben will muss sich sehr anstrengen und ein Talent für alchemistische Zusammenhänge äußern, die Dame und die Herren", sagte Doktor eauvive und winkte Julius dann hinter sich her. "Madame Latierre erbittet übrigens die Tagesprotokolle und die Analysetabellen bis vier Uhr Nachmittags, Messieursdames", warf Julius den Zaubertrankbrauern noch hin. Dann folgte er dem Überwacher der Abteilung durch zwei mehrere Zentimeter dicke Türen, wobei nicht nur die Luft um sie ausgetauscht wurde, sondern ihre Kleidung mit einem blau-silbernen Lichtstrahl von toxischen Rückständen befreit wurde. Kaum war jener flirrende Lichtstrahl über Julius' ganzen Körper gefahren - was ihm Schauer von Eis zwischen den Herzschlägen bereitet hatte, verschwand die von seinem Gasvorgreifer erzeugte Kopfblase mit leisem Plopp.

"Ui, wusste nicht, dass der Luna-Pura-Reinigungsstrahl auch schon im französischen Zaubereiministerium im Gebrauch ist", staunte Julius. "Meiner letzten Kenntnis nach wurde der erst vor drei Jahren in der Delourdesklinik eingesetzt, nachdem die Erfinder in Peru ihn für Breitbanddekontaminationen optimiert haben."

"Sie hätten bei mir in dieser Abteilung anfangen sollen, junger Mann. Dann würden manche Effekte, Verfahrensweisen und / oder Mixturen Ihren Namen tragen", sagte Laurent Eauvive und berührte mit seinem Zauberstab zwei Stellen in einer scheinbar fugenlosen Wand. Daraufhin versank diese im Boden. Es ging in einen anderen Bereich der Labore hinüber. "Kollegin Dubois, bitte verfertigen Sie eine vollständige Inhaltserfassung dieses Probengefäßes!" sagte Eauvive und übergab einer Hexe im blauen Schutzumhang die kugelförmige Phiole.

"Das sieht nach einer Kunststoffindikatorlösung Stufe drei aus", sagte die Kollegin. "Bitte genauer prüfen und Ergebnis auf unmittelbarem Weg nur zu meinen Händen senden. Danke!" sagte Eauvive.

Es ging dann durch eine weitere einer modernen Luftschleuse Ehre machenden Vorrichtung in einen üblichen Bürotrakt. An der Decke hingen die mit brennenden Kerzen gefüllten Kristallsphären, die Julius schon von vielen anderen magischen Institutionen kannte. Zwischen den Türen waren sogar magische Sichtfenster verbaut, die einen Ausblick auf Paris boten, allerdings nicht das moderne, sondern jenes um die napoleonische Ära herum.

"Madame Latierre avisierte Ihre Ankunft fünf Minuten vor Ihrem Eintreffen, da sie davon ausging, dass man Sie erst mal wieder auf Ihre Zutrittsberechtigung prüfen würde. Das ist ja in gewisser Weise auch geschehen. Ja, zu dem Luna-Pura-Zauber kann ich nur sagen, dass es eine Familiengefälligkeit ist, die mit der Ministerin und dem Kollegen aus der Zaubereizentralverwaltung allein abgestimmt und bewilligt wurde. Muss nicht jeder wissen, der hier nicht arbeitet. Ebenso legen Sie sicher keinen Wert darauf, dass herumgeht, dass Sie einen Hammersmith'schen Gasvorgreifer am Körper tragen, der die Frischluftversorgung bei verdächtigen bis tödlich gefährlichen Luftbestandteilen sicherstellt. Jaja, ich halte mich auf dem laufenden, nicht nur über die allgemeine Fachpresse, sondern eben auch durch Beziehungen zu vertrauenswürdigenStellen", sagte der Leiter der Zaubertranklabore. "Das Sie hart im Nehmen sind musste der Kollege Bernaud wohl nun anerkennen. Der macht es gerne, Leuten, die nicht bei uns arbeiten mit farbenfrohen bis die Atemwege reizenden Dunstwolken zu begrüßen. Wie dem auch sei, er wird jetzt auf sehr kleiner Flamme köcheln, um sich keine interne Rüge von mir einzuhandeln, wenn das Ergebnis der Probe meinen Verdacht bestätigt. Aber nun zu Ihren Anfragen und den für Madame Latierre wichtigen Zwischenergebnissen. Das mit den submillimetrischen Kunststoffanteilen im Meerwasser ist sicher auf Ihrem Drachendung gewachsen, weil ich die Kollegin Latierre nicht für alchemistisch bewandert genug halte, dass sie von selbst auf solche Vermutungen kommt. Daher dürfen Sie ihr gerne übersetzen, dass wir wahrhaftig Anteile fanden, die so klein wie Mikroorganismen sind und diese anteilig bereits überwiegen und mehrfache Halogene Bestandteile enthalten wie Flusssäure und Grüngas. Es ist daher ein Wunder, dass die Marinen Intelligenzwesen immer noch größtenteils frei atmen und gesund leben können. Es ist auch verständlich, dass sich deren Sprecher oder Anführer nun sehr besorgt bis ungehalten zeigen. Es geht der SG Meeresfrieden darum, deren Lebensraum vor derartigen Fremdstoffen und makroskopischem Unrat zu schützen, weiß ich aus der Projektübersicht. Ich fürchte nur, dass wir da die glorreiche Erfindung der Kollegin Fixus und dem Kollegen Hautcour neu erfinden müssen, weil die Eigenständigkeitsgarantien von Beauxbatons nach der unrühmlichen Ära Didier-Pétain noch mehr überwacht werden. Da Sie als Verbindungszauberer zwischen meiner Abteilung und den anderen in der SG vertretenden Sonderabteilungen tätig sind dürfen Sie gleich noch ein Schreiben an meinen Kollegen Beaumot aus der Abteilung experimenteller Thaumaturgie mitnehmen und dessen Antwort an Ihre Projektleiterin Madame Latierre weiterreichen. Hier sind die Ihnen zustehenden Dokumentationen."

Der Leiter der Zaubertrankabteilung holte aus einem feuerfesten Aktenschrank mehrere mit roten Wachssiegeln zusammengehaltene Pergamentrollen und übergab sie Julius. "sie kennen die Vorgehensweise. Nur die bei der Versiegelung namentlich erwähnte Person kann die Siegel brechen, ohne die Pergamente in rotem Feuer verbrennen zu lassen, also bitte nicht zu neugierig sein! Ich habe die im Projektplan vorgesehene Anzahl von Kopien erstellen lassen."

Julius betrachtete die Pergamentrollen. Doch die waren so zusammengerollt, dass von außen nichts zu lesen war. Er bedankte sich für die Aushändigung der erbetenen Unterlagen. Dann durfte er durch einen weiteren Ausgang in den Verbindungstunnel zur thaumaturgischenAbteilung hinüber. Dort übergab er an einen ebenso älteren Herren wie Laurent Eauvive einen versiegelten Umschlag. Beaumot nickte und zog sich hinter einen blauen Wandschirm zurück, um den Inhalt des Umschlages zu lesen. Nach zwanzig Minuten kehrte er vor den Wandschirm zurück und übergab Julius einen anderen mit feuerrotem Siegelwachs gesicherten Umschlag. "Das dürfen Sie der werten Madame Latierre zurückgeben. Bei der Gelegenheit dürfen Sie ihr inoffiziell mitteilen, dass ihr Bruder Otto mit seinem Antrag erfolgreich war. Sie weiß dann schon, was gemeint ist. Ach ja, der General der Blubberkesselarmee hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, dass es wohl gerade so noch möglich ist, dass die Meerleute frei atmen können, sofern sie tiefer als zweihundert Meter schwimmen. Alles über dieser Wassertiefe könnte bei der prognostizierten Fremdstoffeintragstendenz in den nächsten zehn Jahren problematisch werden. Wir müssen also nicht nur die Ansiedlungen sichern, sondern auch die freie Atmung der Meerleute verbessern beziehungsweise etwas erfinden, was die gesundheisgefährdenden Fremdstoffanteile ausfiltert. Er meinte, es könnte zu höchst unangenehmen Mutationen kommen, wolle das aber dann doch von einem Kollegen aus der Zauberwesenanatomie genauer klären lassen. Insofern hätte diese Sondergruppe schon damals eingerichtet werden sollen, als mein Kollege Hautcour, damals noch Zauberkunstlehrer in Beauxbatons und die heute noch lehrende Professeur Fixus die Wasserfilterbezauberung für den Schulstrand ersonnen und zur Unbedenklichkeitsgarantieform entwickelt haben. Weil das aber zu den Schulgeheimnissen von Beauxbatons hinzugefügt wurde werden wir die genauen Verfahrensweisen und alchemistischen und thaumaturgischen Erklärungen wohl nicht erhalten, sondern müssen sie gewisserweise neu erfinden. Ich habe der Antwort auf Eauvives Dokumentation meine Besorgnis beigefügt, dass wir ebenfalls zehn Jahre brauchen würden, um eine für alle Meervölkeransiedlungen sichere Methode verfügbar zu haben. Da könnten einige von uns oder von denen auf drastische Einfälle kommen, wie die wortwörtliche Bekämpfung der Abfallursachen."

"Das ist genau die Befürchtung, die Madame Latierre und ihre Kolleginnen und Kollegen in den anderen Zaubereiministerien haben", bestätigte Julius. "Womöglich werde ich gebeten, eine englische Übersetzung zu verfertigen oder gar eine in Runenschrift, weil die in europäischen und vorderasiatischen Zaubereiministerien noch geläufiger ist als Englisch", sagte Julius.

"Die werte Kollegin Latierre hat sicher gewusst, warum sie Sie für diese Sondergruppe zum Vermittler zwischen den Fachabteilungen erwählt hat", erwiderte Beaumot. Da trällerte eine fröhliche Frauenstimme von dder Wand her: "Mittagszeit, Mittagsfreud'!" Julius sah eine Uhr mit silbernem Zifferblatt, bei dem die Nummern jedoch unter schwarzen runden Flecken verschwanden und es keinen sichtbaren Zeiger gab. "Och joh, schon wieder zwölf Uhr. Erwischen Sie Ihre Projektleiterin noch oder geht sie mit dem Schlag der Mittagsglocken zum Essen?"

"Sie hat mir ausgerichtet, erst alle von ihr erbetenen Dokumente und Auswertungen zu erhalten, bevor sie essen geht. Sie kann ja auch um eins zum Essen gehen", erwiderte Julius.

"Gut, dann dürfen Sie ihr nun alle erbetenen Unterlagen überbringen. Bedauerlich, dass die Memoflieger nicht in unserer Abteilung eingesetzt werden können wegen der ganzen Sicherheitsbarrieren. Bis dann zum nächsten Mal, Monsieur Latierre!"

Julius durfte nun durch einen anderen Verbindungstunnel das Nebengebäude für experimentelle Magie verlassen. Auf dem Weg zurück zu den reinen Verwaltungsbereichen musste er sich schon eingestehen, dass er vielleicht doch eine Karriere in der alchemistischen oder thaumaturgischen Forschung und Entwicklung hätte machen können. Dass mal irgendwann ein Zaubertrank oder ein Analyseverfahren nach ihm benannt sein könnte wäre schon was, ebenso wie bei Gesetzmäßigkeiten der Zauberkunst wie bei Pinkenbach, Rosebridge und anderen. Aber er dachte an Florymonts Bemerkung, dass er dann wohl kein so geordnetes Familienleben haben würde. Denn wie sein Vater und wie seine Mutter hätte er wohl viele hundert Überstunden gearbeitet, wenn er eine Aufgabe oder eine Versuchsreihe fertigzukriegen hatte. Immerhin hatte er ja eine nach ihm benannte Laterna-Magica erfunden. Dass Antoinettes jüngerer Bruder Laurent Eauvive den Gasvorgreifer kannte führte er auf dessen Beziehungen zu den Heilern und damit auch zu deren Bezihungen zu wichtigen Institutionen der Zaubererwelt zurück.

"Und, war viel los bei den Blubberkesseln?" fragte Barbara Latierre. "Hmm, vor lauter rosarotem Nebel konnte ich nicht genug sehen, zumal ich da ganz schnell eine Kopfblase brauchte, um kein Chlorgas in die Atemwege zu kriegen. Mein Umhang dürfte trotz Luna-Pura-Reinigungsstrahl ein wenig heller geworden sein", erwiderte Julius mit betont lässiger Haltung.

"Wer steht denn bei den Schneckenschleimumrührern auf Rosarot, doch nicht die zwei Grandlacs?" Julius verneinte es und erwähnte, womit die dortigen Fachleute ihn, den angeblich unkundigen, leicht einzuschüchternden Verwaltungsbeamten, begrüßt hatten und dass er wohl auch Antoinette Eauvives Bruder beeindruckt hatte. "Gut, was immer du mir angebracht hast kann bis nach dem Essen warten. Nathalie und ihr Mitesser haben angefragt, ob wir wieder mit ihnen zusammen zu Tisch sitzen möchten. Darf ich diese Anfrage positiv bescheiden?"

"Antrag angenommen und positiv beschieden", bestätigte Julius.

Beim Mittagessen saß nicht nur Nathalie Grandchapeau am selben Tisch, sondern auch Hippolyte Latierre und ihre Tochter Martine, die verkündete, dass sie ab Januar das Appariertestzentrum auf Réunion leiten durfte. Mit ihrem Mann und ihren Kindern sei das schon geklärt, dass sie auf die französische Überseebesitzung übersiedeln würden."

"Wird sich Millie freuen, wenn ihre große Schwester ein paar tausend Kilometer indischen Ozean und Balkan zwischen sich und ihr lässt", flachste Julius. "Ja, Arlons Bruder sicher auch, zumal dessen Frau Britta ja die Benennung als hauptamtliche Seniorschützerin der Zaubereiministerin erhalten hat."

"Was ich dabei jetzt nicht begreife, Martine, die Leute von den Inseln gehen doch alle nach Beaux batons und lernen da auch das Apparieren. Wieso braucht Réunion da ein eigenes Prüfungszentrum?" wollte Julius wissen.

"Einfache Antwort, weil viele von denen, die von den Inseln kommen erst nach Schuljahresende geprüft werden können. Es ist ja allgemein bekannt, dass Lizenzanwärter, die vor dem Mai volljährig werden im Mai geprüft werden und solche, die erst nach dem ersten Juli volljährig werden im August, sozusagen vor dem letzten Schuljahr auf ihre Appariertauglichkeit geprüft werden. Da kommt dann die Niederlassung auf der betreffenden Insel ins Spiel. Wird aber trotzdem nur eine Drei-Personen-Sache. Ach ja, wegen der Gefahr, im Meer zu apparieren wurde meine Pflegehelferzulassung als Hauptgrund für die Beförderung gewichtet, weil ich im Zweifelsfall mit Kopfblase am unerwünschten Zielort ankommen und den Kandidaten oder die Kandidatin vor dem Ertrinken bewahren kann. Hätte Ihnen also auch passieren können, wenn Sie in unserer Behörde angefangen hätten, Monsieur Latierre."

"Dann arbeiten Sie mit den dortigen Heilern zusammen?" fragte Nathalie Grandchapeau. "Das wurde so vereinbart. Die legen mittlerweile viel Wert auf heilmagisch grundausgebildete Ministerialbeamte, auch wegen möglicher Giftstoffe im Meer und wegen der Schutzmaßnahmen gegen diese Tsunami-Wellen, wie die eine, die vor vier Jahren auftrat", erwiderte Martine. "Deshalb darf ich bis zum ersten ersten 2009 noch einige Sonderlehrgänge durchlaufen und entsprechende Zertifikate erwerben. Insofern bin ich froh, dass der Jahrgang 2007-2008 mit den Apparierprüfungen durch ist."

"Gut zu wissen, dass noch wer von hier mit den Giftstoffen in den Meeren vertraut gemacht werden soll", sagte Barbara Latierre. "Die von mir geleitete Sondergruppe zur Wahrung des Friedens zwischen Landmenschen und Meerleuten untersucht gerade die ganzen Gefahrenherde in den Meeren und wie sie zu beseitigen sind. Da Frankreich ja einer Konföderation von Mittelmeeranrainern beigetreten ist kann das auch auf die Überseeniederlassungen ausgedehnt werden, also auch Martinique, Fanzösisch-Guayana und eben Réunion. Chaudchamp übt sich gerade darin, die Härte seines eigenen Schädels an der eiskalten Wand an der nordafrikanischen Küste zu erproben, ob Algerien und Tunesien nicht doch noch mitziehen, was den Mittelmeerraum angeht. Der war vorhin bei mir, als Sie im anderen Gebäude waren, Monsieur Latierre."

"Echt, du warst bei den Braumeistern?" fragte Martine nun sehr erregt. "Bei den Zaubertrankbrauern wegen Analyseanforderungen und bei den Thaumaturgen wegen äquivalenter Zauberstabmethoden", sagte Julius ruhig, ohne zu erwähnen, wie die Abteilungen aussahen.

"Bevor Sie Ihren Verwandten ausfragen, wie es dort aussieht bedenken Sie bitte, dass die dortigen Abteilungsleiter sehr energisch auf die Einhaltung der Vertraulichkeiss- und Geheimhaltungsstufen achten", schaltete sich Nathalie Grandchapeau ein. "Da Monsieur Latierre bis zur Stufe s0 freigegeben wurde darf er alle Räume betreten, aber nichts darüber verraten, der nicht vom entsprechenden Abteilungsleiter schriftlich dazu berechtigt wurde."

"verstehe", grummelte Martine. Offenbar hatte sie auch mal geplant, in der Zaubertrank- oder Thaumaturgieüberwachung anzufangen.

Nathalie ließ sich noch eine dritte Hauptmahlzeit bringen, während die anderen bereits den Nachtisch verzehrten. Keiner und keine am Tisch wunderte sich darüber.

Nach dem Essen durfte Julius erfahren, was die Messieurs Eauvive und Beaumot mitzuteilen hatten und das alchemistische und thaumaturgische "Fachblabla" für Barbara übersetzen. "Die wollen es nicht lernen, dass sie nur dann was dienstlich verwertbares beitragen, wenn sie es auch für außenstehende beziehungsweise Mitglieder aus anderen Abteilungen verständlich formulieren. Wir Tierwesenfachleute könnten die auch mit Fachbegriffen zutexten und hinterher dranhängen, dass es doch ganz offenkundig ist, warum sich ein Tierwesen oder Zauberwesen dann so oder so verhält oder entsprechend auf seine Umgebung reagiert. Aber das wäre die reinste Pergamentverschwendung. Für Papier werden ganze Wälder abgeholzt. Für Pergament müssen Ziegen, Schafe und Standardrinder ihre Haut lassen. Da sollte man doch ein wenig mehr Rücksichtnahme und Sparsamkeit erwarten", ereiferte sich Barbara Latiere, als sie die auf vier Seiten ausgebreiteten Formulierungen und Schlussfolgerungen auf zwei von Fachbegriffen befreiten und auf ein für nicht-fachkundliche Erwachsene verständliche Aussagen zusammengefassten Seiten lesen durfte.

"Waren die alle bei den Weißen?" fragte Julius, der sich wie alle Beauxbatons-Schüler an die Charaktereigenschaften der verschiedenen Schulhausbewohner erinnerte. "Laurent Eauvive war zwei Jahrgänge unter meiner Mutter und wurde trotz vieler Grün-Eigenschaften dann doch dem violetten Saal zugeteilt. Der Kollege Beaumot hätte bei den Violetten oder roten einziehen können, wurde dann aber doch klar dem weißen Saal zugeteilt, sagte mir mein Vater einmal, der mit ihm zusammen in Beaux war", erwiderte Barbara. Wo sie schon dabei war fragte sie ihn, wo er meinte, dass seine Schwägerin, ihre Nichte Miriam hinkäme. "Also die will eindeutig zu den Roten, wie deine beiden Zwillingssöhne Boreas und Notus oder Raphaelles Norbert und Nestor. Sie zieht Claudine damit auf, dass die doch auch zu ihr in den Roten Saal kommen kann, weil sie ja fast am selben Tag geboren wurden."

"Oh, das wäre für Königin Blanche sicher eine ganz neue Erfahrung, eine Enkeltochter bei den achso freidenkenden und direkten Roten zu haben", grinste Barbara. "Natürlich kommen die zwei Burschen, die ich auf posthumes Geheiß von Orion dem Wilden ausgeliefert habe in den roten Saal, und Raphaelles zwei Nachzügler werden auch da landen. Aber Miriam könnte auch eine Grüne werden, auch wenn Hipp das ungern zugibt. Jetzt hat sie auch noch bei euch in Millemerveilles so viele interessante Sachen gelernt, dass sie sich wohl nicht auf eine einzelne Fachrichtung festlegen will. Könnte interessant werden und für meine große Schwester auch eine sehr neue Erfahrung sein, dass jemand, die bereits mit dem Namen Latierre geboren wurde anderswo als bei den Roten unterkommen könnte."

"Und du bist dir absolut sicher, dass Boreas und Notus bei den Roten unterkommen?" fragte Julius. "Junge, ich habe die zwei neun Monate im Bauch gehabt und mitbekommen, wie die sich darum gebalgt haben, wer zuerst geboren werden durfte. Da weiß ich sicher, dass die nicht zu den Gelben oder den Violetten reinkommen, und wenn die was von den Grünen haben das nach dem dritten Schritt auf dem Teppich verschwunden ist. Könnte nur für die Quidditchmannschaft interessant werden, wer da auf welcher Position spielt, weil Zwillingspaare gerne als Treiberduo auftreten."

"Boreas als Sucher und Notus als Hüter", spann Julius den Faden weiter, den seine Schwiegertante ausgelegt hatte, während sie darauf warteten, die Ergebnisse der Außengruppen zu erhalten.

"Hüter ja, aber von den zweien wird keiner Sucher. Das hieße ja, ganz geduldig über allem zu warten, bis der Schnatz zu sehen ist. Das kann von den beiden keiner, und von Raphaelles zwei Nachgeborenen auch keiner. Die werden sicher Callies und Pennies Treiberpositionen erben, zumal sie da ja nicht wegen Latierre-Kuhmilch eingeschränkt werden."

"Das kann ich mir auch vorstellen", erwiderte Julius.

Die weiteren Ergebnisse trafen ein. Weitere Probendokumentationen aus der Zaubertrankabteilung trudelten ein, abgeschickt von Laurent Eauvive persönlich. So konnte Julius zusammen mit Barbara Latierre bis sechs Uhr nachmittags noch einiges an Tageszusammenfassungen erstellen. Die Befürchtung Beaumots, dass sie wohl den Meerwasserreininhaltungszauber von Beauxbatons neu erfinden mussten erwies sich als richtig. Es musste also mit gewissem Nachdruck auf eine Filter- oder besser Entgiftungslösung für größere unterseeische Flächen hingearbeitet werden und etwas vergleichbares wie ein Kopfblasenzauber nur für Kimenatmer entwickelt werden, der ohne Zauberstab ausgeführt werden konnte.

Während sie beide an den amtlich erforderlichen Zwischenergebnissen arbeiteten brachte ein Memoflieger noch die mitteilung, dass der Leiter der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit Chaudchamp mit sofortiger Wirkung seinen Rücktritt erklärt hatte und seinen Nachfolger Dupont als neuen Ansprechpartner für Fragen mit internationalen Auswirkungen avisierte.

"Oha, da hat es also doch noch zwischen der Ministerin und ihm gekracht", bemerkte Barbara Latierre dazu. Julius wagte erst einmal keinen Kommentar dazu abzugeben, auch wenn nur seine Schwiegertante zuhörte, mit der er sich seit der Reise nach Japan immer besser verstand, zumal sie ja auch die Pflegschaft für Artemis vom grünen Rain beibehielt.

als er abends wieder im Apfelhaus war teilte er seiner Familie die Neuigkeiten aus der Verwandtschaft mit und erwähnte auch, dass ihn die Leute von der Zaubertrankuntersuchungskommission einen Streich gespielt hatten, um seine Nervenstärke und sein Fachwissen zu testen. "Ich war da in der Ausbildung einmal mit unserem Lehrmeister für höhere Heiltränke", sagte Béatrice. "Das sind meistens Leute, die wegen ihrer Zaubertrank- und Alchemiebeziehungen entweder im weißen oder violetten Saal gelandet sind, keine Roten, nur drei Grüne, soweit mein Lehrer damals. "Bernaud war einer von den Grünen. Der wollte wohl wissen, ob du genug von seinem Fachwissen mitnehmen konntest, bevor du bei den Zauberwesen angefangen hast."

"Ja, und Claudine hat Miriam aus Gloucester geschrieben, dass sie dort auch das Zaubererviertel besucht haben und übermorgen nach Godric Hollow wollen. War das nicht der Ort, wo Harry Potters Eltern gewohnt haben, bevor dieser Irre mit dem unnennbaren Namen sie ermordet hat?" fragte Millie. Julius bestätigte es und erinnerte sie an eine Unterhaltung während Gabrielles Hochzeitsfeier, dass Harrys Eltern dort begraben waren, ebenso auch Mitglieder der Familie Dumbledore. "Klar, dass eine Zaubereigeschichtsexpertin da hinmuss", sagte er zum Abschluss.

Der Abend verging mit Musik im Freien, weil das Wetter noch so schön war. Da ja Ferien waren durften Aurore und Chrysope bis elf Uhr aufbleiben.

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In der tiefen Höhle des Gehörs von Meereskönig Bathos IV, 12.08.2008 Menschenzeitrechnung, später Abend

Über dem Meer war es bereits wieder dunkle Nacht. Doch hier unten war das unwichtig. Die großen Leuchtpilzgeflechte strahlten ihr Licht gleichmäßig von der Decke aus. Der König, seine Angetraute, die zugleich auch Hüterin von Leben und Gemeinschaften war, und die sechs obersten Kundigen der verschiedenen Künste und Kenntnisse trafen sich wieder. Ombras, der Kundige aller äußeren Reiche, hatte um diese Zusammenkunft gebeten.

"Wir erhielten endlich eine Antwort, allwasserweite Majestät", begann Ombras, als ihm als erstem das Rederecht gewährt wurde. "Die Zaubereiministerien des Wassers, das sie Mittelmeer oder Mediteranes Meer nennen haben sich zu einer Handlungsgemeinschaft zusammengeschlossen, die einen gemeinschaftlichen Vertrag erarbeitet hat, den wir überprüfen dürfen, ob wir ihm beitreten oder nicht. Jedenfalls bieten sie uns verstärkte Schutzmittel gegen die von den zauberkraftlosen in die Meere geleiteten Giftstoffe und Abfallgegenstände an, wenn wir dafür auf jede Form von blutiger Gewalt gegen die zauberkraftlosen Landmenschen verzichten, mein König. Dieser Vertrag ist im Grunde die Beibehaltung des bereits vereinbarten Beistandsabkommens, nur mit der Ergänzung, dass wir den Zauberstabträgern verraten sollen, wo die für uns wichtigsten Gebäude und Siedlungen liegen, um sie noch besser gegen jeden Unrat zu schützen."

"Aha, die wollen uns mit ihren Mitteln vor diesem ganzen Giftzeug und Unrat beschützen, wenn wir denen verraten, wo unsere Ansiedlungen liegen?" wollte der König wissen. Ombras bejahte das. Pontodromos und der Waffenkundige Argyrochiros verzogen ihre Gesichter. "Halten die uns für dermaßen einfältig oder gar dumm?!" fragte er so, dass jede Antwort darauf noch mehr Verärgerung bedeuten musste. "Sie wissen darum, dass uns der ganze Unrat aus der zauberkraftlosen Welt zusetzt und nach und nach zurückdrängt oder gar auszurotten droht", erwiderte Ombras. "Sie wähnen sich in der überlegenen Lage, weil sie entweder als großmütige Helfer auftreten oder einfach nur abzuwarten brauchen, bis uns die Vergiftung und schleichende Überhitzung der Meere den Garaus gemacht haben wird. Offenbar haben sie keine Schwierigkeiten damit, dass das Meerwasser vergiftet oder leergefischt wird. Sie halten ihren Vorschlag für eine Form von unverzichtbaren Beistand, den wir nicht ablehnen können."

"So, können wir das nicht?" fragte der König hörbar verstimmt. "Was hörst du von den anderen Ansiedlungen? Gehen sie auf dieses sogenannte Beistandsangebot ein?"

"Meine Botschafter in den anderen Völkern haben dazu noch nichts rückgemeldet. Sicher ist nur, dass alle anderen Meeresvölker zur gleichen Zeit jenes Angebot erhalten haben, wohl auch, damit es keinen Wissens- und Verhandlungsvorsprung für ein Volk gibt", antwortete Ombras so ruhig er konnte. Dass der König mal aufgebracht sein konnte war dem altgedienten Verhandlungskundigen so vertraut wie das ewige Spiel der Gezeiten.

"Lass an deine Botschafter ausrichten, dass die anderen Fürsten oder auch dieses lächerliche Stadtmeisterpaar westlich der großen Halbinsel nicht auf dieses heuchlerische Angebot eingehen sollen, wenn Sie noch den alten Stolz unserer erhabenen Abkunft haben. Wir werden einen anderen Weg finden, um die Verunreinigungen der Meere zu beenden, sobald die von Uns verhängte Frist verstrichen sein wird. Lass denen das ausrichten, Ombras!" befahl der König.

"Öhm, soll dies mit der Ankündigung feindlicher Handlungen verbunden werden?" wollte Ombras wissen. "Damit die sofort zu den Zauberstabträgern hinschwimmen und sich denen erst recht als lebende Haustiere anbieten? Nein! Du lässt verkünden, dass jedes Volk, dass den Zauberstabträgern zustimmt und ihnen Zugang zu ihren sicheren Stätten erlaubt zum niederen Knechtvolk wird, und dass nur die, die sich selbst beschützen die wahren großen Völker der Meere bleiben werden, wenn alle anderen Völker längst im Spiel von Wogen und Wasserströmen vergangen sein werden. Das dürfte denen zu denken geben", antwortete der König sehr entschlossen. Ombras machte eine zustimmende Flossenbewegung.

Pontodromos bat um das Rederecht. Thalassia, die Kundige der hohen Kräfte, sah ihn und dann ihren Bruder Bathos leicht verunsichert an. Bathos gewährte dem Kundigen der alten Geschichten und Bräuche das Rederecht.

"O allwasserweite Majestät, Herr der Wogen und des Meeresgrundes dieser Gefilde mit den vielen Eilanden und uralten Errungenschaften, wenn Ihr den offenen Bruch mit den Zauberstabträgern sucht, was ich als Bewahrer unserer alten Errungenschaften durchaus begrüße, so müsst Ihr jedoch ein sehr wirksames Mittel zur Hand haben, um gegen die Landmenschen zu bestehen. Mehr noch, Ihr müsst die Verantwortung für alle anderen Meeresvölker übernehmen, wenn deren Herrscher oder Sprecher finden, sich lieber vor den Zauberstabträgern klein zu machen als gegen die unachtsamen und gierigen Landmenschen aufzubegehren. Wir vom Orden der Bewahrer alter Geschichten und Bräuche wissen, wo der große Gottkönig aus alten Zeiten ruht. Doch wenn uns beispielsweise das Volk an der Halbinsel dort, wo das enge Tor in das Weltmeer in Abendrichtung liegt, die freie Bewegung durch ihr Hoheitsgebiet verwehrt, weil sie mit den Zauberstabträgern gemeinsame Sache machen, so werden wir jenes großartige Mittel unserer Macht nicht erlangen können. Daher wird es nötig sein, dass Ihr allen Völkern in Abendrichtung ankündigt, dass Ihr die alte Vorherrschaft aus früheren Zeiten einfordert und bereit seid, sie notfalls mit dem Blut anderer Meeresbewohner zu erzwingen. Außerdem erbitte ich die Erlaubnis, das Herrscherhaus des großen Gottkönigs aufzusuchen, um zu prüfen, ob dieser wahrlich schläft. Gibt es ihn, so kann er erweckt werden. Wird er erweckt, so wird er uns gegen alle Feinde vom Lande beschützen und ..."

"Nein!!!" brüllte der König so unvermittelt und so lautstark, dass alle Leuchtgeflechte an den Wänden und der Decke flackerten und Funken sprühten und der grüne Algenteppich in der Herrscherhalle wilde Wellen schlug. Es klirrte in den Ohren aller anderen und hallte aus den anschließenden Kammern und Gängen wider. "Ich weiß, dass ihr Bewahrer gerne von der Wiederkehr des alten Gottkönigs träumt und dass ihr euch schon längst darüber einig seid, wo dieser denn gewohnt hat. Aber wenn dieser wahrlich noch in der Welt ist so würden wir eine Drohung mit einer anderen, viel nachhaltigeren Drohung ersetzen", sagte der König mit mittelstarker Lautstärke. "Ich verbiete es, nach jenem angeblichen oder wahrhaftigen Gottkönig zu suchen und uns ihm unterzuordnen, nur damit er unsere Meere wieder freiräumt und die alte Achtung der Landmenschen wiederherstellt. Wer hat uns denn in den vergangenen Jahrhunderten immer wieder erzählt, wie fordernd, bestimmerisch und gewaltsam dieser alte Gottkönig war? Wer hat uns immer wieder erzählt, dass wir in einer glücklicheren Zeit leben als jene, die diesem Gottkönig dienen mussten? Wir verbieten es, ihn zu suchen und falls er wahrlich eine Hinterlassenschaft in dieser Welt zurückließ diese zu nutzen, um ihn zurückzurufen. Wir werden andere Mittel nutzen, um die Landmenschen zu bestrafen. Eigentlich wollte ich das ja schon längst erlassen haben. Doch Ombras, Argyrochiros und auch du, Pontodromos, wart ja der Ansicht, uns erst einmal mit den Zauberstabträgern gutzustellen. Ich werde nicht die Unterwerfung und Knechtschaft unter den Willen der Zauberstabträger gegen die noch erdrückendere Vorherrschaft eines übermächtigen Meeressohnes tauschen, der von sich denkt, er sei selbst ein Gott. Wir werden Wege findenund beschreiten, das Ärgernis zu beenden, sowahr alles Lebendige und alle Macht der Welt aus den Meeren stammt und dorthin zurückkehrt."

"Ist dies Euer letztes Wort, mein König?" fragte Pontodromos. "Am besten lässt du dein Gehör prüfen, Kundiger der alten Geschichten und Bräuche", schnarrte Bathos IV. "Denn ich habe soeben unumstößlich geboten, dass keine weitere Suche oder gar Annäherungen an den sagenumwobenen Gottkönig erfolgen sollen. Genügt dir das als mein letztes Wort?" Pontodromos bejahte es nach außen hin unterwürfig. Doch zugleich rang er darum, seinen aufgewühlten Geist vor Thalassias Geisteshörsinn zu verschließen.

Als dann noch Argyrochiros, der oberste der Waffenkundigen, Einfälle und Vorschläge aufzählte, wie die größeren und kleineren Schiffe der zauberstablosen Landmenschen aufgehalten oder gleich an ihren Liegeplätzen fahruntüchtig gemacht werden konnten war sich der Kundige der alten Geschichten und Bräuche ganz sicher, dass die Macht von Unterwasserkriegern alleine nicht ausreichen würde. Sicher, die das Wasser aufwühlenden Flügelräder konnten mit Algen oder anderen Wasserpflanzen umflochten werden, dass sie sich nicht mehr drehen konnten, oder es konnten mit der Anhaftkraft von großen Blumentieren versehene Gewichte unter die Schiffe geheftet werden, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten oder gar versanken. Doch was würde mit den in den Antriebsvorrichtungen gefangenen Kräften geschehen, wenn sie aus ihren Kerkern herausgelassen wurden? Mit solchen Mächten konnte doch nur ein gottgleich begabtes Wesen kämpfen. Doch der König wollte nicht von seiner Herrschaft lassen, sich nicht zum niederen Statthalter oder Grundstücksaufseher eines anderen, noch mächtigeren Wesens herabstufen lassen. Pontodromos indes war hier und jetzt entschlossener denn je, den Herrschersitz jenes Gottkönigs aufzusuchen. Doch zuvor musste er sicherstellen, dass ihn wer begleitete, der königliches Blut im Körper hatte.

"So erwägen Wir, Unsere allwasserweite Majestät, dass wir die noch bestehende Frist nutzen, um im Falle, dass die Zauberstabträger ihr Angebot nicht dahingehend ändern, uns auch ohne Kenntnis unserer Gebäude beizustehen, gegen die Verunreiniger und Ausbeuter unserer Hoheitsgewässer vorzugehen. Die Gilde der Waffenkundigen soll Mittel finden, gegen die aus Feuer geschaffenen Schiffe und Waffen zu bestehen. Thalassia, bitte suche mit deinen gelehrigen Schülern und Schülerinnen nach Wegen, die Lenker solcher Fahrzeuge zu schwächen oder gar zu lenken! Pontodromos, du wirst zusammen mit Ombras eine klare Wortwahl für eine Verlautbarung ersinnen, mit der wir unser Tun rechtfertigen und uns vor allen anderen Meeresvölkern behaupten können!" Der König erteilte allen Kundigen Befehle, wie sie ihre Untergebenen auf den großen Feldzug vorbereiten sollten. Er bedauerte am Ende nur, dass er sich von Ombras hatte dazu bringen lassen, die Zauberstabträger aufzufordern, ihm beizustehen. Die waren nun gewarnt und würden ihrerseits alle Ausweichmöglichkeiten prüfen, wenn das Volk der Meeresleute sich nicht auf deren Bedingungen einließ. Auch war zu bedenken, dass die anderen Meeresvölker lieber die Unterwerfung unter die Zauberstabträger hinnahmen als an der Seite von König Bathos gegen die unheimlichenund unheilvollen Vorrichtungen der zauberstablosen Landmenschen zu kämpfen. Pontodromos fragte sich mit steigendem Widerwillen, wofür sich dieser König eigentlich hielt, dass er mit drei Mächten gleichzeitig Krieg führen wollte und dachte, diesen Krieg zu gewinnen. Am Ende würden die Landmenschen triumphieren, entweder die mit oder die ohne Zauberkraft. So weit durfte er, der Bewahrer der alten Geschichten und Bräuche, es nicht kommen lassen. Sein Entschluss stand fest. Er wusste, wem er diente, wem er immer schon zu dienen hatte und wie er seinem wahren Herrn zur Rückkehr an die Macht verhelfen musste. Wichtig war nur, dass außer ihm, seinem Stellvertreter und den Mitgliedern seiner Schutztruppe keiner mitbekam, was er unternehmen wollte. Sicher, einen musste er für sich gewinnen, so heimlich er konnte. Das kostete Zeit. Hatte er die noch? Er wusste es nicht.

Endlich war die Ratssitzung um. Alle durften in ihre eigenen Heimstätten zurückkehren. Pontodromos war froh, dass er sich nicht mehr länger darauf besinnen musste, seine Gedanken vor Thalassia zu verbergen. Diese verdrießliche Begabung, die ausschließlich Meerestöchter erwerben und zu hoher Kunst ausformen konnten, mochte ihm gefährlich werden, wenn sie auch nur einmal mitbekommen hätte, dass er daran gedacht hatte, ihren Großneffen Ketopteryx für seinen Plan zu gewinnen. Zwar dachte er auch daran, dass Bathos' Vaterbruder weiter in Mittagsrichtung eine eigene Herrschaft hatte, eigentlich eher einen größeren Muschelzuchthof. Der hatte auch Söhne aus der Silbertropfenfamilie. Doch Pontodromos wusste nicht, ob die noch frei von geschlechtlicher Erfahrung waren. Denn nur solche, so hieß es in den alten Liedern und den in Felsen gegrabenen Bildergeschichten, durften es wagen, den schlafenden Gottkönig um seine Gunst zu bitten. Nur von Ketopteryx wusste er sicher, dass er bisher mit keiner Meerestochter die Leiber geteilt hatte, um neues Leben zu zeugen. Also musste er seinen Einfallsreichtum darauf richten, den zweiten sohn des zweiten Sohnes von Bathos für sein Vorhaben zu gewinnen, ohne ihn dazu zu zwingen.

Ihm fiel dabei ein, dass er nicht selbst an den Jungen herantreten durfte. Also musste er einen seiner treuesten Schüler dazu bringen, dem beinahe von einem räuberischen Schleppnetz davongerissenen Knaben die Geschichten von der ruhmreichen, wenn auch strengen Herrschaft des Gottkönigs zu erzählen und ihm ganz behutsam zu verdeutlichen, dass nur dieser Gottkönig die Meeresgeborenen vor ihrem Untergang bewahren konnte. Näheres wollte er dem Jungen dann erzählen, wenn der von sich aus zu ihm hinkam. Ja, so musste es gehen. Dass dies Zeit kostete wusste Pontodromos. Hatte er die nötige Zeit? Er wusste es nicht.

Zur gleichen Zeit bat Bathos' ältere Schwester, die nur wegen des jahrtausende alten Vaterrechtes nicht die Herrin aller Meereskinder sein konnte, ihren Bruder und König um eine Unterredung unter vier Augen und vier Ohren.

"Du batest mich, zwischendurch die Kunst des Forschens in fremden Gedanken zu nutzen, um zu erkennen, was die fünf anderen Kundigen darüber denken, was Ombras uns mitteilte, Bruder Bathos", sagte Thalassia, die als eine der wenigen den König ohne die adelige Mehrzahl und Verwendung der ihm zustehenden Adelsnamen ansprechen durfte. Der König machte eine bejahende Bewegung. "Die meisten von denen haben sich frei von innerem Argwohn und Widerstand auf alles eingelassen, was du befohlen hast, Bathos. Allerdings hat Pontodromos wieder diese Verhüllungslieder gesungen, die jeden von ihm nach außen dringenden Gedanken zurücktreiben und mich von außen nicht weiter als bis zum dritten Kehrreim vordringen lassen, ohne dass mir dabei Leib und Seele brennen. Doch damit, dass er seinen Geist nicht entblößt gelassen hat wage ich zu erkennen, dass er mit deinen Beschlüssenund Vorhaben nicht vollständig einverstanden ist. Die Sache mit diesem Gottkönig gefällt ihm offenbar mehr als uns beiden. Er weiß aber, dass ich das Gedankenhören beherrsche. Wenn er sich dagegen absichert dann doch nur, wenn er nicht mit deinen Beschlüssen einverstanden ist."

"Eine wahrlich außergewöhnliche Denkweise, meine Schwester. Du hörst keinen freien Gedanken von ihm. Also muss er meine Vorhaben ablehnen, ja muss er womöglich dagegen verstoßen. Soll ich ihn deshalb in die Hallen der Wahrheitsfinder bringen lassen, damit er unter deren Künsten preisgibt, warum er seine Gedanken vor dir verschlossen hat, Schwester? Am Ende wollte er nur nicht, dass du erfährst, dass er in eine deiner drei Töchter verliebt ist und ihr Aussehen mit deinem vergleicht, um zu wissen, ob es sich lohnt, deinen Angetrauten zu fragen, ob er sie haben kann", erwiderte der König mit einer Spur Hohn in der Stimme.

"Bathos, du hast mich gebeten, nicht als Bruder, sondern als König, die Gedanken der anderen auszuforschen. Ich habe dir erzählt, was ich dabei erfahren habe. Wieso dieser spöttische Ton? Abgesehen davon gilt immer noch das Gesetz, dass nur der bestraft werden kann, der eindeutig gegen das Gesetz verstößt. Das Gedankenhören wird als nicht von dir und den drei Richtern nachvollziehbare Erkenntnisquelle angesehen und daher nicht als Nachweisquelle anerkannt. Das wissen wir beide, dass wir Pontodromos nicht auf Grund dieses Verschlusses seiner Gedanken verhören oder gar bestrafen können", erwiderte Thalassia. Dennoch möchte ich dir zu bedenken geben, dass wir aufpassen sollten, was die Gilde der Bewahrung alter Geschichten demnächst unternehmen will."

"Ich erkenne an, dass ich diese Woge des Misstrauens in Bewegung gesetzt habe", erwiderte der König. "Ja, und ich fürchte sogar, dass dieses Misstrauen berechtigt ist. Daher danke ich dir für deine Aussage, Schwester Thalassia", sagte König Bathos nun nicht mehr mit höhnischem Unterton, sondern eher schuldbewusst. Schließlich wollte er ja wissen, was seine Leute dachten. Wer da gleich gegenhielt machte sich zumindest verdächtig. Das war eben so, wenn wer heimlich lauschte oder beobachtete und was mitbekam, was er nicht sofort erkennen oder verstehen konnte oder nicht wusste, ob das gehörte oder gesehene nicht ausdrücklich für ihn gesprochen oder getan wurde, um eine bestimmte Folge von Gedankenund Erkenntnisse hervorzurufen.

"Wir haben noch den halben Mond Zeit, den dieser nur der Rede versessene Ombras mir abgerungen hat. In dieser Zeit können wir sicher herausfinden, ob die Bewahrer mein Verbot achten oder es missachten. Bis dahin sind auch die Einsatzmöglichkeiten verfügbar, um gegen die zauberkraftlosen Landmenschen zu kämpfen."

"Du erinnerst dich, das Argyrochiros auch von großen, fliegenden Körpern berichtet hat, die weit über den Wellen und schnell wie der schnellste Sturmwind durch die Luft jagen können. Wie willst du solche Vorrichtungen bekämpfen?"

"Die brauchen das gleiche Brennöl wie deren übergroße Schiffe. Fehlt das können die auch nicht mehr fliegen. Es ist, als würde man eine Streitmacht aus Reittieren verhungern lassen", sagte der König. "Ja, wenn die uns mal nicht verhungern lassen", erwiderte Thalassia scheinbar unbedacht. Ihr Bruder sah sie nun sehr argwöhnisch an und fragte, wie sie das meinte. "Dass die Landmenschen die für uns wichtigen Tiere und Pflanzen verderben können, um uns verhungern zu lassen. Das ist doch genau das, wovor wir alle uns gerade fürchten." Bathos musste gestehen ,dass sie recht hatte. Am Ende mussten die Landmenschen keinenoffenen Krieg gegen die Meereskinder führen, um ihre Völker auszurotten. Genau deshalb musste er doch gegen die Umtriebe vorgehen.

So planten der König und seine treuen Gefolgsleute ihre weiteren Vorhaben, während Pontodromos und sein Orden der Bewahrung den vom König verbotenen Weg beschreiten wollten, um die Bedrohung von den Landmenschen zu beseitigen. Welches Vorhaben Erfolg haben würde sollte die Zukunft zeigen.

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Griechisches Zaubereiministerium, 13.08.2008, 09:20 Uhr Ortszeit

Sie kam ungerne hierher. Sie bevorzugte die Abgeschiedenheit ihrer kleinen, vom mächtigen Meer umspülten Insel, wo all die anderen wohnten, die wie sie waren. Allein schon die Blicke, die ihr die hier herumlaufenden Leute aus ihren kleinen, kugeligen Augen zuwarfen waren wie Stiche mit eisigen Klingen. Gespräche zwischen den hier herumlaufenden Reinlandern verstummten, weil jemand sie sah und auf sie aufmerksam machte. So konnten die wohl auch die schmatzenden Geräusche hören, die ihre Schritte machten. Doch vor allem war es ihr Aussehen, mit dem sie ungewollte Aufmerksamkeit erregte.

Doris Triselenios besaß langes, in weitgeschwungenen Locken bis auf den Rücken fallendes blondes Haar. Ihre Hautfarbe wies einen scheinbar ungesunden Blauton auf. Ihre großen Augen glänzten silbergrau und wirkten wie die eines großen Fisches. Ihre Nase war breit und flach. Ihr breiter Mund mit dicken bläulichen Lippen vervollständigte das fischartige Aussehen ihres Gesichtes. Sie trug einen wasserblauen, lederartigen Umhang, der mit fünf Schließen aus roten Korallen gesichert war. Darunter trug sie einen merkwürdig anmutenden hellblauen Zweiteiler, der auf der Höhe der Gürtellinie durch viele kleine Ösen aus geschnitzten Fischgräten zusammengehalten wurde. Der Umhang verhüllte ganz gut ihre üppige Oberweite und das dazu im krassen Gegensatz stehende schmale Becken, das eher zu einem Mann als zu einer Frau passte. Die Beinlinge endeten in dicken Füßlingen, die wiederum in dunkelroten Halbstiefeln aus demselben Stoff wie der Umhang steckten. Wer ihre Hände zu sehen bekam bemerkte die zwischen den Fingern wachsenden Schwimmhäute.

Als Doris Triselenios vor einem der auf- und abfahrenden Fahrstühle ankam fingen ihre kleinen aber ungleich empfindlichen Ohren die Bezeichnung "Hemitritona" auf. Sie war schon versucht, dem Zauberer, der sie so bezeichnete zu sagen, dass sie eine Heminereida war, von einer reinrassigen Meerfrau geboren, von einem Landmenschen gezeugt, nicht umgekehrt. Deshalb konnte sie länger im Meer aushalten als ein Hemitriton und hatte eine besonders gute Beziehung zu allen Wasser-, Gefühls- und Lebenszaubern. Von ihrer Mutter hatte sie die das Meer ausgleichenden Zauber erlernt. Von ihrem reinlandischen Vater, dem Zauberwesenforscher Nikos Triselenios aus Korfu, hatte sie den Nachnamen und das magische Bürgerrecht Griechenlands. Seit fünfzehn Jahren war sie die Botschafterin zwischen den Landmenschen und dem Meeresvolk, dessen Herrscher König Bathos IV war. In dieser wichtigen Eigenschaft war sie nun hier.

Als wenn die exotische Besucherin einen unsichtbaren Schild um sich gelegt habe hielten die reinen Landmenschen soviel Abstand zu ihr, dass sie sie nicht mit ihren Händen berühren konnte. Vielleicht hatten viele von denen noch keine Heminereide zu sehen bekommen und hatten die übliche Angst vor fremden Wesenund Dingen. Im Aufzug selbst konnte dieser Abstand jedoch nicht beibehalten werden. Daher sahen die anderen mit demselben Unbehagen auf sie, wie sie die anderen anblickte. Es wurde kein Wort gesprochen.

Die einem gestrengen Amtmann nachempfundene Zauberstimme, die die Stockwerke und darauf zu findenden Abteilungen verkündete klang bei dieser aufgezwungenen Stille doppelt so laut wie sonst. Das Rasseln der Führungsketten stach der Heminereida in den Ohren. Doch sie hatte gelernt, diese Lautstärke auszuhalten. "Stockwerk fünf, Abteilung für die Führung und Aufsicht magischer Wesen, beinhaltend die Behörden für Zauberwesen, Tierwesen, Nachtoderscheinungsformen und Ungezieferbekämpfung!" meldete die magische Männerstimme. Alle reinblütig von Landmenschen stammenden Fahrgäste sahen Doris Triselenios erwartungsvoll an und gaben den Weg zur offenen Tür frei. "Danke für die Aufmerksamkeit. Aber ich muss hier nicht raus, sondern ein paar Stockwerke höher", sprach Doris Triselenios mit ihrer glockenhellen Stimme. Die anderen sahen sie verdutzt an. Da rasselten die Faltgitter wieder zu. Mit einem Ruck setzte der Fahrstuhl seine Reise nach oben fort.

Auf den folgenden Stockwerken stiegen welche ein und wieder aus. Die die zustiegen sahen die exotische Frau im wasserblauen Lederumhang verdutzt an. Sie musste nicht das innere Ohr öffnen, um die Gefühle der anderen zu hören. Es reichte schon, deren verblüffte Gesichter zu sehen. Alle neu zugestiegenen fragten sich wohl, ob sich die offenkundig von einem Meermenschen stammende Besucherin im Stockwerk irrte oder nicht.

Am Ende kam "Stockwerk eins: Ministerium für Magie des griechischen Raumes, beinhaltet das Sprechzimmer des Ministers, sowie die Unterbehörden für abgestimmte Verwaltungsaufgaben, das Öffentlichkeitsamt des Ministers und die Räume für anberaumte Versammlungen! Oberstes Geschoss. Fahrt wird nach einer halben Minute Aufenthalt in Abwärtsrichtung fortgesetzt!" vermeldete die magische Stimme. "Hier muss ich auch raus", sagte Doris Triselenios zu den drei älteren und fünf jüngeren Zauberern, die sie bis dahin wie ein Weltwunder oder eine ungeplante Erscheinung angesehen hatten. Sie genoss die verdutzten Gesichter, als sie den Leuten mit den Aktentaschen nach draußen folgte.

Mit den wegen der dicken Befeuchtungsschwämme in den Füßlingen schmatzenden Schritten ging sie schnurstracks die Gänge entlang, bis sie vor dem Sprechzimmer des amtierenden Ministers auf eine unsichtbare Barriere traf. Zwei Zauberer schienen aus den Wänden herauszugleiten wie Totengeister. "Bitte nennen Sie Ihren Namen und den Grund Ihres hierseins", sagte einer der Zauberer. Doris kannte das Spiel. Obwohl sie sich bereits nach dem Eintreffen via Portschlüssel bei der Besucheranmeldung angekündigt hatte musste sie hier noch einmal erklären, wer sie war und was sie wollte.

"Doris Triselenios, Verbindungsfrau zwischen Erd- und Wassergeborenen Volksgruppen. Ich bin beauftragt, eine Botschaft an Minister Anaxagoras persönlich zu überbringen. Ich bin einbestellt und angemeldet."

"A ja, Sie wurden angekündigt. Bitte begeben Sie sich zu Besprechungsraum Delta Kappa im blauen Sektor! Öhm, wissen Sie, wo das ist?"

"Diesen Raum kenne ich noch nicht", sagte die Heminereida. "Wegführung für geladene Besucherin Triselenios!" rief einer der beiden Zauberer und zielte mit dem Zauberstab an die Decke. "Wegführung erfolgt. Besucherin Triselenios, bitte kennzeichnen Sie durch dreimaliges Auftreten auf den Boden Ihren eigenen Standort!" Doris tat wie geheißen. Daraufhin glomm im Boden ein hellblauer Leuchtstreifen auf. "Bitte folgen Sie dem blauen Licht!" wies dieselbe Zauberstimme sie an, die vorhin schon die Stockwerke angesagt hatte. Doris ging los.

Der Leuchtstreifen verlängerte sich bei jedem dritten Schritt um drei weitere Schrittlängen. Sie brauchte nicht nach hinten zu sehen, um zu wissen, dass er hinter ihr erlosch. So folgte sie der blauen Wegführung bis zu einer Biegung, von der aus die Wände in himmelblauem Licht gehalten wurden und links und rechts mehrere Türen abzweigten, die alle mit dem Buchstaben Delta gekennzeichnet waren. Die zweite Tür nach der Biegung rechts trug die goldene Aufschrift "Δ Κ". Davor standen zwei weitere Sicherheitszauberer. Hier war sie also richtig.

"Der Minister, sowie der Leiter der Abteilung für magische Wesen, der Zauberwesenbehördenleiter und der Protokollbeauftragte für Angelegenheiten zwischen Menschen und Zauberwesen sind bereits im Raum", sagte einer der beiden und öffnete für die Besucherin die Tür. Als sie eintrat meldete die Zauberstimme: "Besucherin Triselenios, Sie haben Ihr Ziel erreicht. Danke für die Benutzung der Wegführungsunterfunktion!"

"Das ging aber schnell", grüßte Minister Anaxagoras die Besucherin. "Bekamen Sie einen Portschlüssel oder apparierten Sie auf der Ankömmlingsebene?" fragte er noch.

"Ich konnte einen für diese Fälle ausgefertigten Portschlüssel nutzen", sagte Doris Triselenios und blickte die anderen Anwesenden an, die sie auch schon öfter angetroffen hatte als ihr selbst lieb war.

Man hatte für sie einen Sessel mit eingebauter Nachbefeuchtung hingestellt. Sie legte ihren aus Seeschlangenhaut gemachten Umhang ab und ließ sich nach der ausdrücklichen Einladung, sich zu setzen in die für Reinlander ungewohnten Polster sinken, dass es feucht schmatzte.

"Sie erwähnten, dass die Mitglieder der Gesandtschaft von König Bathos in den Höhlen am Fuße Ihrer Heimatinsel bis auf einen Schreiber und eine Meeressängerin die Gesandschaft verlassen haben. Ist das richtig?" fragte der Zauberwesenbehördenleiter. Doris Triselenios bejahte das. "Haben sich mittlerweile Gründe für diesen unerwarteten Auszug ergeben?" wurde sie gefragt. Auch das bejahte sie. "Es wurde ein in Stein graviertes Schreiben übergeben, dass ich dem Minister und seinen Mitarbeitern vorlegen soll. Es ist in der Lautbildschrift der Meeresbewohner geschrieben."

"Bitte lesen Sie uns dieses Schreiben vor!" wandte sich der Gesamtabteilungsleiter für magische Wesen an die Besucherin.

Doris Triselenios streichelte den über denSessel gehängten Umhang, bis dieser leise glucksend und schmatzend einen kopfgroßen, flachen Stein aus sich herausdrückte. Doris nahm den flachen Stein, drehte ihn so, dass sie die darauf eingeritzten Ovale und Kreise richtig herum lesen konnte und las den Text kurz leise und übersetzte ihn dann für alle Zuhörenden.

"Ich, Mondlichtfarbener Sänger, durch Ehre und Gebot meines Herren, des allwasserweiten Herrschers der Tiefe Gesandter an den Ufern der Landgeborenen Kinder, erhielt die obere Weisung, mit den meisten der mir zugeordneten Volksangehörigen das Haus der Vermittlung zu räumen und bis auf meinen Schreiber und dessen mit den Wassersängerinnen meines Volkes verbundenen Tochter niemanden zurückzulassen. Die Anweisung gilt solange, wie die von meinem Herrn und König erhobenen Forderungen zur Befreiung des Meeres vom Unrat der unbegabten Landgeborenen nicht erfüllt wurden und sollen die Unverhandelbarkeit dieser gerechtfertigten Forderungen betonen. Erst wenn die Landgeborenen mit hohen Kräften jene ohne diese Kräfte davon abbringen, weiterhin die Meere zu verunreinigen oder ihres Reichtums an lebenden und unbelebten Dingen zu berauben, dann soll das Haus der Gesandtschaft wieder seine Arbeit tun."

"Öhm, darf ich diesen Stein prüfen?" fragte der Leiter der Abteilung für magische Wesen. Doris reichte ihm den flachen Stein herüber. Der oberste Verwalter magisch begabter Lebewesen und Nachtodeserscheinungen sezte sich eine Brille auf und drehte den Stein solange, bis er wohl was in der richtigen Reihenfolge lesen konnte. Er blieb für eine Minute in einer konzentrierten Haltung. Dann sagte er: "Ja, das steht wirklich so hier, Minister Anaxagoras. Die Meerleute von König Bathos haben damit klargestellt, dass sie nicht mehr reden wollen, solange wir nicht auf die Forderung des Königs eingehen. Das dürfen wir gerne als Ablehnung jenes Angebotes auslegen, das wir allen Meeresvölkern gemacht haben."

"So, was will er denn tun, wenn wir nicht auf seine Forderungen eingehen, was wir wohl gerne täten, wenn da nicht so viele hohe Hindernisse wären?" fragte der Minister.

"Davon steht hier nichts. Es wird nur geschrieben, dass der Gesandte mit seinen wichtigsten Leuten abgezogen ist und nur seinen alten Schreiber und dessen wohl mit der Magie der Wasserfrauen begabte Tochter zurückgelassen hat."

"Er könnte versuchen, die kaltblütigen Meerestiere auf alle Menschen zu hetzen, die im Meer schwimmen", sagte Doris Triselenios. "Er könnte auch versuchen, die Schiffe fahruntüchtig zu machen und somit den Seehandel gefährden und damit unerwünschte Aufmerksamkeit erzeugen. Bei aller Achtung vor Ihren Rängen, die Herren, bitte ich darum, wenigstens zu prüfen, wie wir die erwähnten Hindernisse überwinden oder umgehen können, die einer Reinigung der Meere und einem Schutz der dort lebenden Zauberwesen entgegenstehen."

"Was meinen Sie, was wir die ganzen Jahrzehnte tun, seitdem die Ausbeutung der Meere immer größer wird und die nichtmagischen Landmenschen immer mehr Abfall dort hineinwerfen oder giftige Flüssigkeiten darin ablassen?" ereiferte sich der Zaubereiminister. "Wir kommen aber immer wieder an den Punkt, dass wir dann alle technischen Vorrichtungen der nichtmagischen Welt zerstören und deren Einsatz verbieten müssten, was uns nicht möglich ist. Was wir tun können und Bathos auch schon oft genug vorgeschlagen haben, dass wir die Giftstoffe aus den unmittelbaren Wohn- und Arbeitsbereichen der Meerleute herausschaffen und einen dauerhaften Schutz vor solchen Gefahrenstoffen verbessern. Doch Bathos hat es immer abgelehnt, dafür die Standorte seiner Siedlungen und Arbeitsstätten zu verraten. Er geht davon aus, dass wir sein Reich erobern und ihn als König absetzen wollen."

"Das ist mir leider all zu vertraut", sagte Doris Triselenios. "Doch irgendwie muss es doch möglich sein, ohne die Geheimhaltung der Zauberei aufzugeben eine Einschränkung der ungehinderten Ausnutzung des Meeres zu erwirken, beispielsweise Schutzräume in den Meeren einzurichten und eine Entgiftung der Meere in die Wege zu leiten. Sie haben doch auch Vermittler zu den nichtmagischen Leuten. Können die da nicht was machen?"

"Wie denn genau? Sollen sie ihre Verbindungsleute mit dem Imperius-Fluch behandeln? Selbst Ladonna Montefiori hat das nicht getan, als sie Italien und viele andere Mittelmeerländer unterworfen hat. Also liegt es nicht nur an der sittlichen, den Menschen als freies Wesen achtenden Haltung, sondern auch am dafür nötigen Arbeitsaufwand und daran, dass nichtmagische Menschen, die in ihren Handlungen eingeschränkt werden und auf die ohne Magie errungenen Bequemlichkeiten nicht verzichten wollen aggressiv reagieren. Wozu sowas führen kann hat ja der zweite Weltkrieg der Magielosen gezeigt. In den Meeren liegen immer noch viele nicht explodierte Spreng- und Brandgeschosse herum, versunkene Schlachtschiffe mit ihren gefährlichen Ladungen verrosten in den Meerestiefen. Nur wenn es den Menschen gut geht sind sie auch friedlich, so eine leider nicht ganz abzustreitende Grundhaltung meines Vorvorgängers im Amt", seufzte der Zaubereiminister. "Also können wir nur die Auswirkungen mildern, aber nicht die Ursachen beseitigen. Wir müssen uns auf die sehr schmale und wackelige Brücke des Vertrauens begeben, dass die nichtmagischen Menschen eines Tages von sich aus erkennen, dass sie sich selbst die Lebensgrundlage verderben, wenn sie die Meere restlos leerfischen oder mit ihrem Massenproduktionsabfall zuschütten. Natürlich sieht Bathos dies nicht. Der geht davon aus, dass wir, die Hexen und Zauberer, den nichtmagischen Menschen alles durchgehen lassen, was denen einfällt und er sich deshalb von denen und von uns bedroht fühlen müsste. Aber den Botschafter abzuberufen bringt ihm nichts ein."

"Er regiert seit drei Jahrhunderten, die Herren", erwiderte Doris Triselenios darauf. "Sein Volk ist älter als unsere frühe Kultur und die Reiche der Ägypter und Römer. Er sieht das wohl so, dass wir ihn und sein Volk entmachten oder gar auslöschen wollen. Als könnte der auch auf den Gedanken kommen, uns und allen anderen Landgeborenen den offenen Krieg zu erklären, auch wenn er weiß, dass er dabei Verluste hinnehmen wird. Aber da das dann ja alles treue, eingeschworene Wasserkrieger sind und nicht er dafür leiden muss ist die Hemmschwelle dafür sehr niedrig. Ich wage die Vermutung, dass er nur deshalb noch keinen Krieg mit uns angefangen hat, weil seine Berater diese hohen Verluste voraussehen und ihm erklärt haben, dass ein König ohne Volk auch kein König mehr ist. Da er eben schon dreihundert Jahre lang König ist will und wird er nicht darauf verzichten wollen. Doch jetzt meint er wohl, dass seine Macht oder gar seine Nachfolge auch so bedroht ist, dass er die Einwände seiner Berater übergehen kann, falls ihm danach ist."

"Zu der Erkenntnis sind wir auch schon gelangt", grummelte der Leiter der Zauberwesenbehörde. "Die Zusammenkunft der Zaubereiministerien der europäischen Mittelmeerstaaten hat das lange und ausführlich besprochen und eben dieses gemeinsame Angebot an alle Meeresvölker verschickt. Ist da eigentlich was von den anderen Ministerien zurückgemeldet worden, Zauberrat Anaxagoras?"

"Der betreffende Kollege aus der Abteilung für internationale Zusammenarbeit und dessen neu ins Amt eingesetzte Sonderbeauftragte für Mittelmeerkonföderationsangelegenheiten haben mir bisher keine entsprechende Rückmeldung vorgelegt. Deshalb sitzen die erwähnten Mitarbeiter gerade nicht hier", erwiderte der Zaubereiminister Griechenlands.

"Was soll oder darf ich jetzt unternehmen?" fragte Doris Triselenios. "Zum einen lassen Sie diese Steintafel mit dem Abschiedsgruß des Meeresgesandten hier! Des weiteren dürfen Sie in Ihre eigene Heimstatt zurückkehren und dort mit den in der Gesandtschaft verbliebenen Mitarbeitern sprechen. Teilen Sie diesen mit, das wir den unangekündigten Auszug des Gesandten bedauern und auf die Einsicht des Königs hoffen, dass es immer mehr einbringt, wenn denkende Wesen eine ständige Möglichkeit haben, miteinander zu reden und gemeinsame Vorhaben zu beschließen. Mehr können und dürfen Sie im Augenblick nicht tun, Kirie Triselenios", sagte der Zaubereiminister und entzog dem Abteilungsleiter für magische Wesen damit jede Möglichkeit, eine eigene Anweisung zu erteilen. Denn wie in allen Zaubereiverwaltungshauptstellen galt die Anweisung des obersten Vorgesetzten als verbindlich. Doris Triselenios bestätigte diese Anweisung. Dann wurde ihr gestattet, zu gehen.

Sie erhob sich aus dem schwammartigen Sessel. Einzelne Wassertropfen fielen aus ihrem Zweiteiler auf den blanken Parkettboden. Doch niemand nahm daran Anstoß. Sie hüllte sich wieder in ihren wasserdichten Reiseumhang ein, machte eine leichte Verbeugung vor dem Minister und seinen Mitarbeitern und verließ den Besprechungsraum wieder.

Da sie den Weg zu den Fahrstühlen kannte brauchte sie keine Wegführung. Sie erreichte die Reihe der Fahrstühle. Im Augenblick wartete niemand hier. Erst als sie auf der Ebene drei anhielt wurde ihre Fahrstuhlkabine voller und voller. Erst hielten sich die Zusteigenden wieder in einem größeren Abstand zu ihr auf, weil sie nicht wussten, was sie von ihr zu halten hatten. Doch je voller der Aufzug wurde desto enger rückten die Fahrgäste zusammen. Als sie dann endlich auf dem Stockwerk mit der Ankunftshalle anhielten konnte Doris Triselenios mit einer gewissen Erheiterung sehen, wie schnell alle ausstiegen, wohl um von ihr weit genug wegzukommen. Dabei hatte sie niemanden hier bedroht oder Angriffslust ausgestrahlt.

Als sie an der Besucheranmeldung vorbeikam und erklärte, dass sie ihren Auftrag erledigt hatte bekam sie den schlappen Rettungsreifen überreicht, der ihr als Portschlüssel diente. Sie sagte das ihn auslösende Wort und verschwand in einem blauen Licht.

Erst als sie am Strand der Insel der Heminereiden und Hemitritonen ankam atmete sie erleichtert auf. Sie hatte es mal wieder geschafft, die Nähe der Landmenschen auszuhalten. Weil sie eine der wenigen war, die das länger als eine Stunde konnten war sie ja überhaupt zur Verbindungsfrau ernannt worden. Darauf konnte sie stolz sein.

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Als die Tochter eines Zauberers und einer Meerfrau den Besprechungsraum Δ /Κ verlassen hatte wandte sich Alexios Anaxagoras an seine drei Mitarbeiter. "Fürchten Sie alle auch, dass wir demnächst Krieg mit Bathos haben werden?" fragte der Minister in die kleine Runde.

"Nicht wir, Zauberrat Anaxagoras. Weil sonst hätte der ja alle Leute aus der Gesandtschaft abrücken lassen und uns nicht diesen Abschiedsbrief hiergelassen", erwiderte Melampos Rhodopodos, der Leiter der Zauberwesenbehörde. "Er will, dass wir ihm jederzeit mitteilen können, dass wir auf seine Forderungen eingehen. Aber er entzieht uns die Ehre seiner Aufmerksamkeit."

"Das ist wohl so. Ein amtlicher Gesandter bedeutet mehr als ein Haushüter", erwiderte Anaxagoras. "Glaubt jemand von Ihnen noch, dass Bathos sein eigenes Ultimatum einhalten wird?"

"Wenn er nicht schon plant, die anderen Meeresvölker zu unterwerfen oder gerade dabei ist, dies zu tun - was wir dann wohl doch mitbekommen hätten - muss er sich an dieses Ultimatum halten, weil er sonst an Ansehen bei den anderen Meeresgeborenen verliert", stellte Rhodopodos eine Behauptung auf, von der nicht nur er hoffte, dass sie zutraf.

"So bleibt uns womöglich keine Zeit mehr, uns auf die Bewältigung von Zwischenfällen mit Schiffen, Booten oder Schwimmern einzurichten. Da müssen die Behörden zur Wahrung der Geheimhaltung und der Verbindungssprecher zu den nichtmagischen ran. Geben Sie denen unverzüglich alle nötigen Aufzeichnungen und Berichte über Bathos und kündigen Sie an, dass mit ungewöhnlichen, ja vielleicht sogar verheerenden Vorfällen zu rechnen ist und die Behörden deshalb entsprechend vorbereitet sein sollten!" wies der Minister seine Leute an und ärgerte sich, nicht gleich die zuständigen Leute dazugeholt zu haben. Alexia hatte ihm geraten, das zu tun, als Doris Triselenios ihre Ankunft und die Mitteilung einer wichtigen Begebenheit gemeldet hatte. Doch er ging davon aus, dass es nur die Zauberwesenbehörde betreffen mochte und sie womöglich eine Annahme der Angebote des Ministeriums übermitteln mochte. Tja, so konnte man sich irren, dachte nicht nur der griechische Zaubereiminister. Auch dachte er schon weiter, dass er den erst vor kurzem gegründeten Mittelmeerpakt PMMN über die neue Lage informieren musste. Bei der Gelegenheit würden die darin vertretenen Zaubereiministerien wohl auch berichten, wie die von ihnen betreuten Meermenschensiedlungen auf das gemeinsame Angebot reagierten.

"Ihr braucht auf jeden Fall alle Vergissmichs, die es gibt, wenn Bathos echt gegen die magieunfähigen Krieg führt. Sonst schlagen die grausam zurück und löschen ihn und sein Volk restlos aus", dachte Alexia ihrem Salmakis-Bruder zu. "Wie recht du doch hast, Schwester-chen", erwiderte Alexios Anaxagoras auf dieselbe Weise. Darauf kam erst mal keine Antwort.

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Die Siedlung der Meermenschen vor der französischen Mittelmeerküste, 15.08.2008, nachmittags

"Ichteheonas Schwiegeronkel hat was gemacht?" fragte Maritia ihren Gatten Undor, als dieser nach einem Rundgang über alle Arbeitsstätten seiner Siedlung in das gemeinschaftliche Steinhaus auf dem Meeresgrund zurückkehrte. "Der König des Meeres östlich des wie ein langer Fuß geformten Halbeilandes hat beschlossen, dass er die für ihn zuständigen Zauberstabträger dazu drängen will, die Unarten dieser unachtsamen Landmenschen zu beenden. Der wollte das Angebot der Zauberstabträger nicht annehmen und seine Siedlung gegen das ganze gefährliche Zeug schützen lassen, dass die Landmenschen achtlos ins Meer werfen."

"Das wird auch immer mehr. Unsere Netze des klaren Wassers halten das nicht mehr lange auf", meinte Maritia. "Wenn die Zauberstabträger das besser hinbekommen wären wir sehr verantwortungslos unseren Leuten gegenüber, wenn wir dieses Angebot ablehnten", fügte sie noch hinzu.

"Ja, aber du hast ja gehört, was der schwimmende Bote von Bathos behauptet hat. Wer sich auf dieses Angebot einlässt macht sein Volk zum Volk von niederen Mägden und Dienern. Willst du eine niedere Magd sein?" fragte Undor sehr beunruhigt. "Dann hat Bathos oder sein Landmenschensprachübersetzer das nicht so verstanden wie wir beide, die wir ja mit den vor unserer Stadt wohnenden Landmenschen sprechen können, Undor. Ich mache mich sicher nicht zu einer niederen Magd, wenn ich alle Möglichkeiten nutze, um unsere Leute und vor allem unsere Kinder und Kindeskinder vor diesem gefährlichen, unverrottbaren Staub zu schützen, der angeblich oder wahrhaftig mal für feste Körper zusammengebacken worden ist", erwiderte Maritia. "Was will denn diese angebliche allwasserweite Majestät statt dessen machen?" fragte sie Undor, von dem sie wusste, dass er ja noch Gesandte bei jenem König hatte. "Seine Aussagen sind so, dass er dieses Angebot nicht annehmen wird und jedes Volk der Wassergeborenen verachten wird, das sich von Landmenschen umsorgen lässt, statt gegen jeden Unrat von diesen anzugehen", sagte Undor. "Ja, und deine Schwester Ichteheona, die diesen Tritonenschwarmbefehlshaber geheiratet hat, will gehört haben, dass die Erzähler der alten Geschichten wieder mehr über den übermächtigen, den Gottkönig der alten Zeit, erzählen und dass der unsere Völker vor den Landmenschen errettet."

"Der Übermächtige, der mit dem dreizähnigen Speer der Wut und Vernichtung?" fragte Maritia nun sehr erschrocken. "Die Geschwister im westlichen Teil des umschlossenen Meeres behaupten, dass er irgendwo in ihrem Hoheitsgebiet sein Haus gehabt haben soll. Sie gehen zumindest davon aus, dass er wirklich gelebt hat."

"Es ist wie bei vielem Ungemach, dass die, die es ertragen müssen ihre Hoffnung in einen Erretter setzen, Maritia. Du weißt ja wie ich, wie das war, als an Land jener wütete, der als Massentöter mit dem Schlangenhaupt bekannt war. Da haben sie auch auf einen gehofft, der diesem gewachsen war und am Ende einem halbwüchsigen Knaben zugejubelt, der dieses Ungeheuer der Landmenschen im Zweikampf besiegt hat", sagte Undor. "Jetzt hoffen viele Völker unter den Wogen, dass jemand kommt und den achtlosen Landmenschen ihre übergroßen Schiffe wegnimmt, mit denen sie die Meere ausplündern oder sie davon abbringt, ihren tödlichen Unrat zu uns hineinzuschütten, dass bald das Netz des klaren Wassers unbrauchbar wird. Da kommen dann die alten Geschichten von diesem übermächtigen, der sich selbst als Gottkönig bezeichnet hat, sehr gelegen."

"Nur dass dieser Übermächtige, falls es ihn wirklich gab und falls er, wie die alten Geschichten erzählen, in seinem Haus ruht, bis wer kommt, der seiner würdig ist, erweckt wird, dann würden wir wirklich zu reinen Mägden und Knechten, mehr noch, zu reinen Nutztieren wie unsere Reittiere oder die von uns geführten Kaltblüter. Das kann Bathos unmöglich wollen."

"Soweit ich das von unserer Gesandschaft bei ihm mitbekommen konnte will er selbst das auch nicht. Aber die Bewahrer der alten Geschichten reden immer mehr davon, dass nur noch jener alte Herr der Wellen und des Grundes alles von da oben beenden kann", erwiderte Undor.

"Bitte rufe den Gesandten von Bathos hier in unser Herrscherhaus! Wir müssen ihm mitteilen, dass wir das Angebot der Zauberstabträger annehmen", sagte Maritia. "Ich als erwählte Hüterin unserer Siedlung und deren Unversehrtheit werde mich nicht darauf verlassen, dass die Landmenschen von selbst mit ihrem achtlosen Treiben aufhören, noch werde ich darauf hoffen, dass Bathos einen Weg findet, das ohne Blutvergießen zu beenden. Vor allem sollten wir es nicht darauf ankommen lassen, dass irgendwelche hoffnungslosen Anbeter diesen übermächtigen Herrscher wiederfinden und den womöglich aufwecken können, damit der uns alle zu seinen niederen Dienern oder zu niederem Nutzvieh abwertet, Undor."

"Ich werde den Gesandten zu uns hinrufen lassen, um ihm das zu sagen, Maritia. Aber du weißt, dass die bei sich das Herrschen und Walten den Männern überlassen. Frauen dürfen nur hegen, pflegen und den Schutz ihrer Kinder sichern."

"Du wirst mich nicht vor die Tür schicken, wenn Bathos' Abgesandter im Raum der Gespräche ist", schnarrte Maritia. Undor verneinte das umgehend, weil er wusste, wie wichtig seine Angetraute war. Er sagte nur mit sehr behutsamer Stimme, dass sie nicht vermitteln durfte, dass sie das Gespräch erbeten hatte. Damit war Maritia einverstanden.

Der ewige Atem des Meeres war wieder um ein Viertel vergangen, als der in dieser Siedlung in einem eigenen kleinen Haus lebende Gesandte von König Bathos in die mit Leuchtpilzballen beleuchtete Halle der Gespräche hereinschwamm. Sphyraenos, ein Diener von Ombras dem Wortgewaltigen, Kundigen der äußeren Reiche entsendeter ehemaliger Krieger von Bathos IV, würdigte das Herrscherpaar der Siedlung vor der Mittagsküste des umschlossenen Meeres mit einer leichten Verbeugung. Dann sagte er: "Es scheint eine Fügung der ewigen Wasser zu sein, dass Ihr mich genau in dem Augenblick zu einer Unterredung bittet, wo ich von meinem Dienstherrn und meinem über alles geehrten Herrscher, der allwasserweiten Majestät Bathos die Ehre erfuhr, eine Botschaft zu überbringen. Doch bitte, sprecht erst einmal, welche Anfrage ihr an mich und meinen über alle Wasser gebietenden Herren habt!"

Maritia fand es schon ungehörig, dass ein Gesandter sich wie ein Befehlshaber aufführte, der bestimmte, wer wann was zu sagen oder zu tun hatte. Doch wie ihr Mann sie gebeten hatte schwieg sie.

Undor erwähnte nun, was angeblich nur er beschlossen hatte. Der Gesandte hörte zu und grinste dabei. Als Undor sein Anliegen erledigt hatte schwieg Sphyraenos einige Herzschläge lang. Dann sagte er:

"Das stößt sehr schmerzhaft mit dem zusammen, was ich euch von meinem Herren, der allwasserweiten Majestät, künden soll. Doch mein Amt und sein Befehl erzwingen, dass ich diese seine Botschaft an euch richte. So spricht mein Herr und König: "An die Stadtmeister der kleinen Stadt vor der Mitternachtsgrenze des umschlossenen Meeres: Wir, die allwasserweite Majestät dieses und aller anderen Meere von den windgelenkten Wogen bis zu den von ewiger Dunkelheit bedeckten Grund, setzen euch eine Frist bis zum Ende dieses Mondkreises, um euch in einer feierlichen und von Zeugen aus eurer Stadt und meinem Volk zu mir als eurem Herrn und König zu bekennen und eure Stadt als einen Teil Unseres Reiches anzuerkennen. Des weiteren untersagen Wir jede Verbrüderung mit den zauberkundigen Landmenschen oder gar die Unterwerfung unter deren Herrschaft. Wir, die allwasserweite Majestät, gebieten über alle Wasser und werden nicht mehr hinnehmen, dass Landmenschen unsere ruhmreiche Rasse der Wassergeborenen bedrohen oder gar in die Ausrottung treiben können. Ihr Stadtmeister habt noch bis zum Ende des Mondkreises Zeit, diesen unumgänglichen Schritt zu tun. Denn wir, Bathos, vierter dieses Namens, werden das Reich der Wassergeborenen wieder groß machen." So spricht mein Herr und König durch meinen Mund. Also, wann werdet ihr euch ihm unterwerfen?"

"Maritia, wie oft hat uns der Nachbar hinter dem fußförmigen Halbeiland schon dazu aufgefordert, unsere Stadt in sein Reich aufnehmen zu lassen?" fragte Undor seine Frau. Der Gesandte erstarrte fast, weil der Stadtmeister es wagte, eine Frau im Rat sprechen zu lassen. Maritia wiegte ihren Kopf und sagte dann: "Diese Aufforderung ist die fünfzigste, seitdem diese Siedlung eine freie Siedlung unter dem Meer ist, Undor."

"Mit anderen Worten, er hat schon neunundvierzigmal darum gebeten, dass wir uns seinem Reich anschließen. Dann darfst du ihm auch zum fünfzigsten mal sagen, dass wir, die Stadtmeister des freien Volkes vor der Mitternachtsgrenze des umschlossenen Meeres, keine niederen Untertanen eines von der Weltmeerherrschaft träumenden Königs werden. Unser Volk hat uns in freier Wahl bestimmt, sein Dasein zu schützen. Wir werden diese Pflicht erfüllen, sowahr der Mond die Meere hebt und wieder senkt."

"Sage deiner Frau, dass ihre Schwester, die unseren ruhmreichen Hundertertruppführer geheiratet hat, von der Frau meines Königs zur Hofmeisterin für Licht und Nahrung erhoben werden wird, wenn diese Stadt endlich ihrer Bestimmung folgt und dem erhabenen Reich eingegliedert wird. Mein König wird sich nicht mehr damit abfinden, dass es Völker gibt, die ungelenkt und ungeordnet um sein Reich herumschwimmen und damit die Größe unserer alten Art gefährden. Ich bin beauftragtt, ihm den Zeitpunkt eurer Unterordnung zu verkünden. Doch wenn die Frist verstrichen ist wird er beschließen, dass er eigensinnige kleine Herrscher aus dem Meer tilgen wird. Die Schwester deiner Frau wird dann entweder zur Sandsieberin abgewertet oder in die Hallen der niederen Mägde gesteckt, die sich um die Nutzpflanzen und Tiere kümmern oder sie mag ihr Leben verlieren, weil in ihrem Körper das Blut von Aufrührern fließt. Bedenkt das, wen ihr damit dem Tode überordnet, wenn ihr weiterhin die längst fällige Eingliederung eurer Stadt verweigert oder gar mit den Landmenschen gemeinsame Sache macht!"

"Es steht dir nicht zu, Gesandter Sphyraenos, uns zu drohen", sagte Undor, während seine Frau vor schwer unterdrückter Wut erbebte. "schwimm los, und sage deinem mit dem Alter immer größenwahnsinniger werdenden König, dass wir erst dann unsere Stadt in sein Reich übergeben, wenn der ewige Atem der Gezeiten stockt und alle Meere der Welt zu einer einzigen Eisdecke erstarren. Schwimm los und sage ihm das!"

"Zählt die Gezeiten eures restlichen Lebens", spie der Gesandte aus und verließ die Halle der Gespräche ohne die eigentlich üblichen und vorgeschriebenen Abschiedsgrüße.

"Hat der uns gerade beiden den Tod angedroht?" fragte Maritia, als Undor ihr sagte, dass Sphyraenos das Haus der Stadtmeister verlassen hatte. "Das hast du leider richtig vernommen, meine getreue Gattin. "Sag an, reicht das Band des schwesterlichen Blutes immer noch bis zu Bathos Reich?" Maritia bejahte das. "Dann schicke ihr am besten sofort die Warnung, dass sie bald gefangengenommen oder getötet wird, wenn sie nicht sofort von da verschwindet, wo sie jetzt ist. Sie darf gerne zu uns zurückkommen."

"Man wird sie verfolgen und auf der Flucht töten, als Undankbare, die ihrem Mann entschwommen ist", mahnte Maritia an. "Das ist mir bekannt. Aber wenn sie nicht flüchtet wird sie auf jeden Fall eine Gefangene oder gar getötet. Denn das eben muss ich sehr ernst nehmen." Maritia bejahte es. Dann umspielte ein Lächeln ihren Mund. "Was meinst du, was ich Ichteheona in dem Augenblick über die unhörbare Stimme des Blutes zugesprochen habe. "Schwester, der König will uns umbringen und dich dazu. Mach, dass du da wegkommst, bevor sie dich fangen!" Das habe ich ihr zugeschickt, als meine Wut über diesen unerhörten Stinkfisch abgesonderte Mitteilung verflossen war. Ichteheona hat auch schon geantwortet, dass sie gerade bei den Reittieren des Herrschers weiter in Mittagsrichtung weilt und von da aus mühelos fort kann, weil die ihr unterstellten Knechte gerade neues Futter sammeln."

"Ich habe eine mit viel Geist und Verstand erfüllte Frau erhalten", sagte Undor. "Ach ja, schick du, weil du schon mal mit innerer Stimme zu Gange bist, eine Botschaft an unseren Vertreter bei den Landmenschen, dass wir ihr Angebot wahrnehmen, wenn sie uns in einem Tag eine Gesandschaft senden, die unsere Stadt auf mögliche Schutzvorkehrungen hin überprüfen kann!" forderte Undor. Seine Frau bejahte das und verfiel wieder in jene scheinbar weltentrückte Haltung, in der sie mit ihren Gedanken darauf abgestimmte Artgenossen erreichen konnte, in diesem Fall ihren gemeinsamen Sohn Trimarinus, der vor der französischen Mittelmeerküste eine Unterwasserbehausung bewohnte.

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Bathos Reich in der Ägäis, 15.08.2008 Menschenzeitrechnung

"Ichteheona, entschwimme dem Reich von Bathos. Er will dich entweder zur Muschelsamlerin abwerten oder töten, weil wir uns seiner Forderung verweigern, ihn als unseren König anzuerkennen", hörte Ichteheona die Stimme ihrer Schwester Maritia im Geiste. Sie war gerade dabei, die Reittiere der Truppen mit neuen Krustentieren zu füttern. Zwar weideten sie auch den hier üppig wachsenden Seetangwald ab. Doch zwischendurch brauchten sie das zarte Fleisch von Schalen- und Krustentieren um ihre Ausdauer und Schwimmgeschwindigkeit zu erhalten.

"Schwester, verrate, was geschehen ist!" schickte Ichteheona über den nur zwischen weiblichen Blutsverwandten wirksamen Zauber Lied des rufenden Blutes zurück. Als sie dann erfuhr, was sich zugetragen hatte und dass Bathos offenbar die Lage mit den Landmenschen als günstige Gelegenheit nutzen wollte, sich zum König aller Meermenschen aufzuschwingen sah Ichteheona auf den aus einem langen Stab aus Walbein, mit dem sie den Meeresboden nach Muscheln und anderen Schalen- und Krustentieren absuchte. Der Stab konnte im Zweifelsfall auch als Stoßspeer genutzt werden. Doch war es Meerfrauen, die nicht in den Tempeln des ewigen Wassers dienten verboten, Waffen zu gebrauchen. Außerdem würde er sie beim schnellen Schwimmen behindern. Das gleiche galt für die aus Tangfasern geschneiderte Umhängetasche, in der sie ihre Ausbeute sammelte. Als sie wieder die eindringliche Warnung hörte, besser gleich als später davonzuschwimmen sah sie sich um. Die anderen Sammler waren fast außer Sichtweite. Die wandernden Wogen waren weit über ihr. Das Licht des grellen Glutballs weit am luftigen Himmel wurde auf ein angenehmes Licht heruntergefiltert. Im Augenblick sah ihr niemand zu. Also entschloss sie sich, ihre Werkzeuge und die bisherige Ausbeute an Ort und Stelle abzulegen und möglichst behutsam nach oben zu schwimmen. Erst wenn sie nur noch hundert eigene Körperlängen unter den rollenden Wellen war wollte sie in Abendrichtung losschwimmen.

Sachte mit ihrer Schwanzflosse schlagend glitt sie nach oben und nach vorne weg. Es galt, erst einmal aus der Sicht- und Hörweite der anderen Sammler zu entkommen. Als sie sicher war, dass sie weit genug fort war erhöhte sie die Schlagzahl ihrer Flosse, aber nur soweit, dass sie sich nicht innerhalb eines Gezeitenachtels verausgaben würde. Falls man sie verfolgte würde sie wohl um ihr Leben schwimmen müssen. Im Licht des mächtigen Himmelsfeuers konnte sie ihre Ausdauer nur über den Fang und Verzehr von kleinen Fischen erhalten. Doch wenn der Himmelsglutball im abendlichen Weltmeer versank und der Mond, der alle Wasser hob und senkte, den Himmel hinaufstieg konnte sie aus dessen ins Wasser einströmenden Licht weitere Kraft gewinnen. Dann wollte sie bis auf wenige ihrer Längen unter die wogende Oberfläche des Meeres hinaufsteigen.

Noch hörte sie nichts, dass jemand ihr nachschwamm. Selbst die Tritonengarde, die auf leises Umzingeln eingeübt war, konnte bei ihrer Schwimmgeschwindigkeit nicht lautlos an sie heran. Doch sie hörte die Hungergefühle von größeren Fischen, die auf Jagd waren. Die konnten die Tritonen gegen sie einsetzen, wenn sie denen nicht zuvorkam. "Du hast Angst und kommst nicht näher!" dachte Ichteheona in alle Richtungen. Sie fühlte, wie die in der Nähe jagenden Raubfische in der Bewegung erstarrten und dann schnell von ihr wegschwammen. Falls die Tritonen die scharfzähnigen Knorpelfische mit den dreieckigen Rückenflossen zur Jagd auf sie einsetzten würden diese ihrer Duftspur im Wasser folgen. Doch denen konnte sie im Gefahrenfall noch davonschwimmen, solange sie hinter ihr waren und nicht schon an ihr vorbei.

Mit den ständigen Instinktrufen, dass die um sie herum jagenden Fische Angst vor ihr hatten und nicht in ihre Nähe wollten hielt sie sich die rechtmäßigen Beutemacher der Meere vom Hals. Zwischendurch schnappte sie mit dem Mund oder ihren mit Schwimmhäuten bewehrten Händen kleine Fische aus dem Wasser und schlang sie lebendig hinunter. Deren in ihrem Bauch versiegendes Leben ging gleich in ihr eigenes Leben über und gab ihr die nötige Ausdauer, um fortwährend voranzuschwimmen.

Einen halben Tag lang war sie schon unterwegs, als offenbar wer eilig hinter ihr herschwamm. Es waren jedoch keine Tritonen, sondern die großen Knorpelfische, deren kraftvolle Gebisse schwerste Verletzungen herbeiführen konnten. Sie sandte ihnen den Instinktruf, Angst vor ihr zu haben und ihr nicht näher zu kommen. Doch die Jäger waren bereits durch einen anderen Instinktbefehl dagegen gefeit. Sie kamen näher, ihre Duftspur und die Wasserwirbel ihrer Flossenschläge als sichere Zielführung ausnutzend.

Ichteheona steuerte nun wieder den Meeresgrund an, um nicht auch noch einen deutlichen Schatten zu werfen, wenn Jäger von unten kamen. Jetzt zeigte sich, dass die zwischendurch lebendig verschlungenen Fische ihrem Körper guttaten. Denn nun musste sie ihre Schwimmgeschwindigkeit erhöhen. Zwar machte sie dabei noch mehr Wasserwirbel und verlor winzige Bestandteile ihrer Haut an das Wasser. Doch die andere Möglichkeit war, sich von den Raubfischen einholen und angreifen zu lassen. Sie hörte an deren Flossenschlägen, dass es so viele waren, wie sie Finger an den Händen hatte. Mit dieser Übermacht, die gegen ihre Instinktbefehle versperrt waren konnte sie ohne wirksame Waffe nichts ausrichten. Noch befand sie sich im Reich von Bathos und konnte daher keinen Hilferuf ausstoßen. Sie musste das alleine überstehen.

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Schwarmführer Kymatonikos vermeinte, sich verhört zu haben, als sein Dienstherr, der Oberbefehlshaber der ruhmreichen Tritonenreiterei, an alle Schwärme den Befehl ausgab, die mit ihm verheiratete Ichteheona zu ergreifen und in die Höhle der Gefangenen zu bringen. Sollte sie zu fliehen wagen sollten die treuen Jagdfische sie hetzen und bei Annäherung töten, weil eine Flucht als Widerstand gegen die Gebote des Herrschers zu verstehen war. Da er mit seinem Blut und seinem Wasseratem auf die Treue zum Herrscher geschworen hatte durfte er nichts gegen diesen Befehl sagen, außer die Bestätigung erbitten, dass dieser Befehl vom König selbst erteilt worden war.

Als dann gemeldet wurde, dass die Reittierhüterin Ichteheona wahrhaftig alle ihre Arbeitsausrüstung zurückgelassen und sich ohne Nennung eines Grundes von ihrer Sammelstelle entfernt hatte entschied der oberste Führer der Tritonen, die großen Jagdfische hinter ihr herzuschicken. Kymatonikos wusste, dass das das Ende der Frau sein würde, die ihm zwölf Söhne und sechs Töchter geboren hatte. Ihre Mutter würde es nicht mehr erleben, dass sie in die Reihen der Erwachsenen aufgenommen würden. Doch was tat er denn da? Er verlor sich in Gefühlswallungen. Alle im Reiche seiner allwasserweiten Majestät, König Bathos IV geborenen Meereskinder hatten dem König zu gehorchen, ihm ohne Zögern zu dienen, auch wenn sie dabei den Tod fanden. Das wusste auch Ichteheona. Floh sie nun, warum auch immer, so verwirkte sie ihr Schutz- und auch ihr Lebensrecht. Welcher Grund rechtfertigte diese sinnlose Lebensverschwendung? Auf die Frage gab es nur die eine Antwort: Die Angst, sowieso demnächst getötet zu werden. Er hatte nicht gewagt, nach dem Grund für die Jagd auf seine Frau zu fragen. Das gehörte sich für einen Tritonentruppler nicht, auch nicht für den obersten Anführer. Wenn der König sagte: "Kämpft", dann kämpften sie. Befahl er: "Tötet", dann töteten sie, ganz gleich wen, ganz gleich warum. Die einzige Hoffnung, die er hatte war, dass er nicht dazu losgeschickt wurde, seine Frau zu töten. Denn er liebte sie. Doch das durfte er seinen Vorgesetzten nicht zeigen und erst recht nicht verraten. Liebe war nur dazu da, den Nachwuchs zu sichern. So lautete das uralte Gesetz der Meere. Allerdings konnte sie auch dazu dienen, die Fähigkeiten der Nachkommen auszuwählen.

Die nächsten Achtel des ewigen Atems der Gezeiten vergingen ohne weitere Meldungen und Befehle. Er blieb mit seinem Schwarm aus hundert Tritonen an der Mittagsgrenze des Reiches. Zehn Reiter gehörten dazu. Wenn sie seine Frau fingen oder töteten würde das in der Streitmacht herumgehen, wusste er. Doch es kam keine Meldung darüber.

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Ichteheona hatte beschlossen, Sturmwellen mit Sturmwellen zu bekämpfen. Sie scheuchte die um sie herumschwimmenden Raubfische nicht mehr weg, sondern befahl ihnen, an ihr vorbei nach hinten zu schwimmen und die Eindringlinge in ihr Revier bis zum Tod zu bekämpfen. Gleichzeitig hielt sie ihre Schwimmgeschwindigkeit, Richtung und Tiefe unter den Wellen. Sie bekam mit, wie die von ihr aufgehetzten Raubfische den ihr nachgeschickten Jägern begegneten und sie sofort angriffen. Es kam zu blutigen Kämpfen, da die ihr folgenden Jäger offenbar die die in ihre Triebe eingeflößte Anweisung hatten, ohne Rücksicht auf den eigenen Tod hinter ihr herzuschwimmen und sich nicht vertreiben zu lassen.

Mit Erleichterung erfasste Ichteheona, wie ihre Gegenmaßnahme wirkte. Die ihr nachjagenden Raubfische wurden von den hier wohnenden ungehüteten Fischen gnadenlos angegriffen. Hier zeigte sich, dass große Beißer nicht die schnellsten Jäger sein mussten. Denn andere Fische, die Ichteheona ihnen entgegenschickte überwogen die Beißkraft der großen Jäger durch Geschwindigkeit und Gewandtheit. Damit hatte wohl keiner der Tritonen gerechnet, dass die in ihr Reich eingeheiratete nicht nur eine gute Tierbändigerin und -heilerin war, sondern auch die Kunst der Aufhetzung und Späherfindung erlernt hatte, etwas, das eigentlich nur eingeschworene Krieger können durften. Zu ihrer großen Begeisterung wimmelte es dort, wo sie gerade entlangschwamm von größeren Knochenfischen, die ähnlich gefährlich waren wie die sie jagenden Knorpelfische. Doch auch von denen, die noch nicht unter einem Instinktrufbefehl standen, fand sie genug, um die ihr folgenden Jäger immer mehr zurückzudrängen. Bald war sie aus dem Bereich wilder Unterwasserkämpfe und entströmenden Blutes heraus. Der Blutgeruch würde auch die nicht von ihr losgeschickten Raubfische auf die ihr folgenden Gegner lenken. Sie musste aber damit rechnen, dass ihr Unterwasserreiter folgten. Die Reittiere waren dreimal so schnell wie der schnellste Meeressohn oder die gelenkigste Meerestochter. Wenn sie ihr damit nachsetzten hatte sie wirklich keine Aussicht mehr, zu entkommen. Doch sie hatte beschlossen, lieber auf der Flucht zu sterben als gefangengenommen und vor einer Meute schaulustiger Untertanen dieses herrschsüchtigen alten Meermannes Bathos möglichst schmerzhaft hingerichtet zu werden.

So schwamm Ichteheona einige Dutzend Längen weiter nach oben, wo das Wasser etwas ausgedünnter war und sie so schneller vorankam. Bald würde die Sonne, der von den Meergeborenen möglichst gemiedene Glutball, den Platz am Himmel freimachen und der Mond, der Gezeitenlenker, sein kühles, kraftvolles Licht durch die Wogen schicken.

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Der König erfuhr sofort, dass jene, die er als Unterpfand für die aufrührerischen Stadtmeister in Abendrichtung festsetzen wollte, offenbar gewarnt worden war und entflohen war. Thalassia verriet ihm, dass Schwestern unter sich oder Mütter und Töchter unter sich über große Entfernungen hinweg lautlose Worte austauschen konnten. Offenbar hatte Ichteheonas Schwester in dem Augenblick, wo sein Gesandter bei der Stadt westlich seines Reiches vorgesprochen hatte eine Warnung ausgestoßen, dass ihr Leben in Gefahr sei, wenn sie nicht floh. Das hätte er gerne früher gewusst und vor seinem Gesandten die Festnahme dieser Eingeheirateten befehlen müssen. Das machte ihn wütend. Denn es verriet ihm zwei Dinge, dass er die Macht dieser Stadtmeister in Abendrichtung unterschätzt hatte und dass diese ihm wohl nicht die untertänige Treue geloben würden, die er von ihnen und allen anderen Herrschern im umschlossenen Meer und darüber hinaus einforderte, um freie Wege für seinen Feldzug wider die achtlosen Landmenschen zu bekommen. Doch dieses eingeheiratete Weib, dass auch als Zeichen des gegenseitigen Friedens und Achtens dden damaligen Unterschwarmführer Kymatonikos geheiratet hatte, konnte niemals innerhalb eines Tages aus seinem Reich entkommen. Seine Truppen würden sie stellen, ergreifen oder vor Ort töten. So hatte er es befohlen. So würden sie es auch ausführen.

"Was soll das mit dieser Fremden, Bathos? Sorge dich besser darum, was Pontodromos und die Seinen hinter unseren Hinterflossen treiben!" sagte Thalassia, als er so unachtsam war, seine Gedanken frei treiben zu lassen und sie wusste, was ihm im Kopf herumging.

"Ich muss diesen widerständlerischen Leuten klarmachen, dass ich der Herr dieses und bald aller anderen Meere bin und an mir nichts und niemand vorbeikommt. Dazu brauche ich eine klare, unmissverständliche Bekundung, dass sie nicht nur ihr Leben verwirken, wenn sie mir zu widerstehen wagen, sondern auch andere ihrer Unbeugsamkeit zum Opfer fallen würden, Thalassia", bestand er auf der Richtigkeit seines Vorgehens. Dann fragte er argwöhnisch: "Was meinst du, was Pontodromos hinter unseren Hinterflossen treibt, Schwester?"

"Er hat sein Vorhaben noch nicht aufgegeben, nach dem alten, übermächtigen Gottkönig zu suchen, der einmal die Meere beherrscht hat, Bathos. Er könnte finden, dass du, der du nach seiner Lehre ja der Statthalter jenes Gottkönigs bist, diesen zu Hilfe zu rufen und dich ihm dafür zu unterwerfen hast. Er verschließt immer seine Gedanken vor mir. Aber genau dadurch verrät er mir, dass er etwas plant, was gegen mich und auch gegen dich wirken soll."

"Thalassia, du wagst es zu behaupten, dass einer meiner höchsten Diener Verrat plant, um sein eigenes Ansehen zu steigern? Sprich dies ja nicht in Hörweite anderer Untertanen aus und wage es auch nicht, es im Rat der Kundigen zu erwähnen! Der oberste Kundige der Geschichten und Bräuche ist mir zum Dienst verpflichtet. Ihm zu unterstellen, er wolle mich hintergehen ist selbst schon wie Verrat. Also sei auf der Hut, Schwester!"

"Du willst also nicht überprüfen, was Pontodromos unternimmt, Bathos? Du gehst sicher davon aus, dass der Treueeid ihn an jeder Form des Verrates hindert, Bathos? Doch ich sagte gerade, dass er sich einem höheren Herren verpflichtet fühlen mag als du es schon bist, Bathos. Wenn er findet, dass der Dienst an diesem Herren den Verrat an dir rechtfertigt ..."

"Genug, Thalassia. Lass sofort davon ab, solche Anschuldigungen auch nur anzudeuten", blaffte der König, gerade noch leise genug, dass er nicht im weitläufigen Haus seiner Herrschaft gehört wurde. "Bedenke, dass du selbst vor die vier hohen Richter geführt werden magst, wenn du daran festhältst, dass Pontodromos Verrat begeht. Ich will dich nicht verlieren, Schwester."

"Dann möchte ich dir vorschlagen, dass du von anderen Kundigen der alten Geschichten prüfen lässt, wo den Überlieferungen nach der einstige Gottkönig gewohnt hat, um sicherzustellen, dass keiner aus deinem Reich ganz unbeabsichtigt dort hingerät."

"Das weiß ich doch, wo der Gottkönig aus der großen Zeit der Wassermenschen gewohnt hat. Ich habe es von unserem Vater erlernt, während du von unserer Mutter in die Geheimnisse der Wasserzauber und Geisteslieder eingeführt wurdest. Ich weiß, wo der Gottkönig seinen Herrschersitz hatte oder noch immer hat. Doch ich werde es dir nicht verraten, und wage es nicht ... Ich sagte, wage ... es ..." Doch es war zu spät. Als Thalassias Blick sich in seinen vertiefte fühlte er, wie sie mit einer unheimlichen Macht in die Tiefen seiner Erinnerungen und Gedanken vorstieß wie ein großer Raubfisch in einen Schwarm erschreckter Fische. Er versuchte, sich dagegen aufzulehnen. Doch weil er von seinem Vater keine entsprechende Abwehrfertigkeit erlernt hatte musste er mit pochendem Schädel zulassen, wie seine Schwester mit zielgenauen Vorstößen an jene Erinnerungen rührte, die die Zeit des Gottkönigs aller Meeresgeborenen betraf. Er fühlte, wie sie gegen seine Versuche, an was anderes zu denken die geheimnisse ertastete und wie ein zum Beutefang vorschnellender Raubfisch zubiss, um das, was sie gefunden hatte nicht mehr entwischen zu lassen. Dann wusste er, dass sie wusste, wo der Gottkönig, den sie auch den Übermächtigen genannt hatten, zu finden war. Sie zog sich so schnell aus seinen Gedanken zurück, dass er es wie einen Schwall Wasser fühlte, der ihm aus allen Schädelöffnungen abfloss. Als er sie mit einem Ausdruck höchster Verärgerung aber mit immer noch heftig pochendem Schädel ansah sagte sie: "Unsere Mutter wollte, dass ich weiß, wo der Übermächtige gewohnt hat. Doch unser Vater meinte, dass nur Kundige der alten Geschichten und Bräuche das wissen durften, zu denen unser Vater ja gehörte, bevor er selbst zur allwasserweiten Majestät ernannt wurde. Du wirst es nicht wagen, mich dafür töten zu lassen. Denn dann würdest du dich gegen eines der obersten Gesetze vergehen, dass Blutsverwandte sich einander nicht nach dem Leben trachten dürfen."

"Widerwärtiges Weib", stieß Bathos aus. "Leider bei allen Sturmwellen und Feuerschlünden im Meeresgrund hast du recht. Ich darf dich für diesen hinterhältigen Sturmangriff auf meine Erinnerungen nicht töten lassen, weil ja dazu bewiesen werden müsste, dass du dich gegen mich gewandt hast", erwiderte der König. "Selbst als König bindet mich der Schutz der Blutsverwandten. Das ist widerlicher als das Zeug, was die Landmenschen uns Tag für Tag ins Meer schütten."

"Sieh es so, dass wir nun wahrhaftig die mächtigsten unseres Reiches sind und bleiben. Uns gegenseitig zu schwächen schwächt das Reich und gefährdet deine Herrschaft. Ich bleibe dir treu, weil ich auch dein Leben schützen muss, mein Bruder. Also wirst du es nicht nach außen dringen lassen, dass ich nach all den Jahrhunderten von dir erfahren habe, wo jener wohnt, dessen Rückkehr wir beide verhindern wollen. Denn wenn er kommt endet deine Macht genauso wie meine hohe Rangstellung."

"Wage das nie wieder, in meinen Kopf einzudringen wie der Seestern in die Schalen einer Muschel! Nur der Schutz der Blutsverwandten hält mich davon ab, dich dafür auf der Stelle den großen Jagdfischen zum Fraß vorwerfen zu lassen oder von den kräftigsten Zugtieren des Reiches in drei Teile zerreißen zu lassen", zischte König Bathos. Thalassia verzog nur ihr Gesicht und sagte kein Wort. Damit sagte sie ihm schon mehr als mit tausend Worten des Aufbegehrens oder der ehrlichen Reue. Beide wussten, dass sie aufeinander angewiesen waren. Beide wussten, dass es mit ihrer Macht vorbei war, wenn entweder die Landmenschen ihre Untertanen ausrotteten oder jener furchterregende Gottkönig aus seinem Schlaf erweckt wurde. Doch es gefiel ihm nicht, wie mächtig die eigene Schwester war und dass er um der eigenen Machterhaltung nichts dagegen ausrichten konnte. Weil er das wusste brauchte sie ihm das nicht zu sagen.

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"Sollen wir die Reiterei hinterherschicken, Oberbefehlshaber Aigion?" fragte der Stallmeister der schnellen Reittiere den obersten Gebieter der Unterwasserstreitmacht. Dieser wiegte den Kopf. "Hmm, zwei Reiter mit giftlosen Speeren, keine Nesselspeerkrieger und keine Hundertschaft. Es gilt, herauszufinden, wo die Entflohene ist und ob sie von den ihr nachgesandten Jagdfischen bereits gefunden und getötet wurde."

"Sehr wohl, oberster Gebieter der Streitmacht", erwiderte der Stallmeister und gab Befehl, die zwei schnellsten Hippocampi zu satteln und aufzuzäumen. Zwei geübte Reiter saßen wenige Zeit später auf und preschten in die weiten Wasser des großen Reiches hinaus.

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Ichteheona hörte keine hinter ihr herjagenden Fische mehr und roch auch kein ins Meer geströmtes Blut mehr. Sie bekam mit, wie die um sie herumschwimmenden Raubfische harmlos an ihr vorbeiglitten. Dennoch schickte sie die größeren von denen in die Richtung, aus der sie kam, um mögliche Verfolger aufzuhalten.

Endlich verglühte das heiße Feuer der Sonne in den weiten des Meeres vor ihr. Sie fühlte bereits, wie die ersten Strahlen des Mondes durch das Wasser tasteten und es mit der besonderen Zauberkraft aufluden, die zwischen Wasser und Mond bestand. Sie brauchte nur noch tief ein- und auszuatmen, um diese belebende Kraft in sich aufzunehmen und dadurch noch schneller schwimmen zu können.

Als die Kraft des Mondes immer größer wurde schwamm sie noch schneller. Nun würde kein einfacher Raubfisch sie einholen können. Sie überlegte, ob sie noch eine Rückendeckung brauchte, als sie aus sehr großer Ferne das kurze aufbrüllen eines Hippocampus zu hören meinte. Es kam nicht von vorne, wo in noch einer Gezeitenlänge die Grenze lag, sondern von hinter ihr. Da war ihr klar, dass man ihr doch Reiter nachgeschickt hatte. War ihr Ergreifen dem König wirklich eine Reiterrtruppe wert? Sollte sie sich deshalb geehrt fühlen? Sie wusste, dass sie Hippocampi nicht davonschwimmen konnte. Sie wusste jedoch nicht, wie viele davon hinter ihr herjagten. Einem Reitertrupp von zehn bis hundert Tritonen konnte sie unmöglich entwischen. Es sei denn, sie tauchte bis zum Grund und versteckte sich dort. Zugleich wollte sie die gegen die ihr nachstellenden Raubfische wirksame Maßnahme wiederholen und den Reitern wild lebende Raubfische entgegenschicken. Waren die einmal mit Instinktbefehlen erfüllt konnte kein anderer Wassergeborener diesenBefehl widerrufen. Das konnte dann nur die Ausführung oder der dabei eintretende Tod.

Fast senkrecht stieß Ichteheona in die Tiefe. Sie musste darauf achten, nicht wie ein spitzer Stein aus großer Höhe in den Grund einzudringen. So musste sie neben ihrer auf die beinahe Dunkelheit abgestimmten Augen auch ihr Hindernisgehör benutzen, um rechtzeitig abzubremsen. Sie sandte so leise sie konnte Klicklaute aus und lauschte. Zugleich schickte sie die ersten hier herumschwimmenden Raubfische los, um die ihr folgenden Unterwasserreiter anzugreifen. Ob sie sie damit aufhalten konnte wusste sie nicht.

"Bei Sturm und Eis, das darf nicht angehen!" hörte sie aus sehr großer Ferne die wütende Stimme eines Meermannes. Offenbar hatten die aufgehetzten Fische ihre Beute gestellt.

Ichteheona verstärkte ihre Instinktrufe an die von ihr gehörten Raubfische. Sie musste auf jeden Fall verhindern, dass die Verfolger diese Tiere gegen sie einsetzen konnten. Dann hörte sie, dass der Grund nur noch zehn Längen unter ihr war. Sie bremste mit weit ausgespannten Hinterflossen und warf sich dann noch in die waagerechte Lage zurück. Fast wäre sie auf den schroffen Steinen des unter ihr ausgedehnten Grundes aufgeschlagen. Sie bremste ihre hohe Geschwindigkeit ganz ab und sah sich um. Ja, da waren drei große Felsen, zwischen denen sie Deckung finden konnte. Gleichzeitig befahl sie weiteren Raubfischen, die anzugreifen, die ähnlich rochen wie sie selbst und ihr Jagdgebiet gegen solche Wesen zu verteidigen.

Als sie sich zwischen den großen Felsen entlangschlängelte hörte sie die wütenden Stimmen der Verfolger. Sie hörte aber nur zwei Stimmen. Sie hörte auch nur das Wut- und Schmerzgebrüll von zwei Unterwasserreittieren. Hatten sie ihr also doch keinen üblichen Reitertrupp nachgesandt.

Sie drückte sich so tief es ging in den nassen weichen Boden zwischen den Felsen und verlangsamte ihre Atemzüge, um nicht von den Verfolgern gehört zu werden. Sie schickte weitere große Raubfische los, um gegen die Eindringlinge zu kämpfen.

"Wie macht sie das? Das können doch nur wir Krieger", schimpfte einer der beiden Verfolger, der offenbar noch Zeit und Atem hatte, laut zu rufen, statt nur gegen angreifende Fische zu kämpfen.

"Die machen uns die Tiere wild", rief nun der andere. "Ich kann die Fische nicht zurückscheuchen. Die sind schon unter einem Befehl und ... Aarg!"

"Ja, und es gibt noch eine Menge von denen hier, die in eure Richtung schwimmen können", dachte Ichteheona und schickte weitere Raubfische gegen ihre Verfolger. Dann erkannte sie, dass sie die zwei Kundschafter nicht entkommen lassen durfte. Zogen die sich zurück kamen bald hundert von denen. Doch ihre Sorge war unbegründet. Denn mittlerweile griffen mehr als hundert Knorpelfische und ein ganzer Schwarm schneller Knochenfische an. Es war schrecklich mit anzuhören. Ichteheona war froh, es nicht auch mit ansehen zu müssen. Jedenfalls überwog die Übermacht der aufgehetzten Fische die Kampfkraft und Gewandtheit der Unterwasserreiter. Nach einer gnadenlosen Folge von unheilvollen Geräuschen trat wieder Stille ein.

"Gut das Kymatonikos nicht dabei war", dachte sie. Doch der eigene Mann würde dem Befehl des Königs gehorchen und sie töten, wenn er sie sah.

Nach einigen Dutzend Atemzügen Stille beschloss die Fliehende, ihren Weg fortzusetzen. Vielleicht waren die beiden Reiter ein Voraustrupp, und ein größerer Trupp folgte in sicherem Abstand. Sie musste hier weg!

Sie stieß sich vom Boden ab und jagte fast senkrecht nach oben. Sie fühlte, wie der schlagartig abnehmende Wasserdruck sie von innen her anschwellen ließ und atmete schneller, um das Wasser in sich zu verdünnen. Als sie dann nur noch zehn Längen unter der wogenden Oberfläche ankam bog sie wieder nach Westen ab und schwamm diesmal so schnell sie konnte weiter. Das Mondlicht half ihr, nicht müde zu werden.

Sie lauschte immer, ob ihr noch wer nachjagte. Doch hinter ihr war niemand. Doch als sie die Reichsgrenze erreichte musste sie sehr aufpassen, nicht in die hier umherreitenden Wachen hineinzuschwimmen. Sie nutzte einen weiteren Trick, um die Grenze zu überwinden. Sie tauchte wieder bis ganz unten und kroch am Boden entlang. Weit über sich hörte sie die reitenden Wachen und die frei schwimmenden, die mit den für die Truppen erfundenen Klicklaute ihren Standort und Einsatzzustand meldeten. Behutsam kroch sie zwischen den Felsen weiter, die jedes nach unten dringende Geräusch zurückwarfen und somit auch ihren Standort überschallten. Sie war froh, in der Siedlung freier Wasserleute aufgewachsen zu sein, die nicht auf diese uralten Überlieferungen und Gebräuche festgelegt waren, dass Frauen nur zur Hege und Heilsamkeit erzogen werden durften, während die Männer Jäger und Krieger sein mussten, ob ihnen was daran lag oder nicht.

Hier unten konnte sie das Mondlicht nicht so ausnutzen wie knapp unter den Wogen. Aber dafür konnte sie jede sich bietende Deckung ausnutzen und so tun, als sei sie ein weiterer am Meeresgrund jagender Fisch. So schlängelte sie sich über die Hälfte einer Gezeitenlänge weiter in Abendlichtrichtung und lauschte auf die über ihr herumsuchenden Wachtruppen. Zweimal hörte sie ein Meldeklicken nicht weit über sich. Damit konnten die auch lebende Körper hören, die in völliger Dunkelheit trieben. Doch der Felsüberhang, unter dem sie gerade entlangkroch warf die Klicklaute verzerrt und hart zurück nach oben. Dann entfernten sich die Suchlaute der Wachen und die leisen Schnaufer der Hippocampi. Ichteheona verlies sich jedoch nicht darauf, dass sie bereits über die Grenze war und setzte ihren Weg durch die Felsen am Meeresgrund fort, nutzte tiefe Rinnen im Boden aus und zwengte sich sogar zwischen zwei dicht zusammenstehenden Felsen hindurch. Erst als sie fühlte, wie die Mondlichtkraft nachließ wusste sie, dass sie so nicht mehr lange weitermachen konnte. Sie musste es wagen, frei zu schwimmen. Sie stieg langsam nach oben und schwamm dabei weiter nach Westen. Wenn ihr doch noch wer folgte war ihr Glück eben aufgebraucht. Doch ihr folgte niemand. Eher sah sie vor sich die aufragende Wand einer Landmasse. Von ihrem Richtungssinn her konnte das nur jene wie ein langer Menschenfuß aussehendeHalbinsel sein, die soetwas wie eine Trennstelle zwischen dem westlichen und östlichen Meer war.

Sie suchte eine Unterwasserhöhle, in der kein gefährliches Wesen lauerte und beschloss, den Tag zu verschlafen, um in der kommenden Nacht weiterzuschwimmen. Denn hier war sie im Niemandsland, wo nur die Gesetze der Gezeiten galten. Erst wenn sie um die Halbinsel herumschwamm konnte sie auf einen Trupp von Fürst Marinellon treffen. Der stand sich eigentlich nicht gut mit Bathos, weil der ihm vor zweihundert Jahren einen Großteil seines Hoheitsgebietes abgenommen hatte. Sie brauchte auch nur zu behaupten, auf einer Reise zu ihrer Schwester zu sein. Frauen mussten nicht unbedingt in männlicher Begleitung verreisen, solange sie nicht adelig genug waren.

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"Wie sicher ist es, die Flüchtende noch zu finden, wo das Meer so groß ist?" wollte der König einen Tag nach Ichteheonas Flucht wissen. Sein Oberbefehlshaber schlug vor, möglichst viele Truppen ausschwärmen zu lassen. "Nein, die Truppen müssen die Grenze sichern. Wenn sie unterwegs noch einen Ruf an ihre Schwester abgesetzt hat könnte man ihr von der anderen Seite entgegenkommen. Falls die das wagen haben wir einen Grund, einen Gegenangriff auszuführen und bei der Gelegenheit diese widerspenstige Stadt westlich der großen Halbinsel zu überrennen. Aber Wir brauchen einen eindeutigen Grund dafür. Noch läuft die von Uns gesetzte Frist. Die muss eingehalten werden. Erst dann dürfen Wir die Stadt und auch Marinellons kleines Fürstentum unterwerfen", erwiderte der König.

Ein weiterer Tag verging. Doch es kam keine neue Meldung herein. Da schickte der Oberbefehlshaber eine Hundertschaft los, um die Spur der Flüchtenden und der beiden Reiter zu verfolgen. Als er von einem Botenreiter erfuhr, dass die zwei Verfolger offenbar mit einem Schwarm hungriger Raubfische aneinandergeraten waren, aber es keine Spur von der flüchtenden gab erteilte er den Befehl, bis zum Ende der Frist zu warten, um dann über die Grenze vorzustoßen und das kleine Fürstentum vor der fußförmigen Halbinsel zu unterwerfen. Die Frist dauerte jedoch noch sieben Tage an.

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Pontodromos bekam schon mit, dass Unruhe in den Truppen herrschte. Als seine eigenen Kundschafter ihm berichteten, dass die aus dem westlichen Teil des Meeres stammende Tierhüterin geflohen war, weil ihr wohl jemand dazu geraten hatte, wusste er, dass er nicht mehr lange zögern durfte. Immerhin war es seinen jüngeren Getreuen gelungen, Ketopteryx auf einer Botenreise in das Lehen seines Großonkels dazu zu raten, nicht auf die Truppenstärke seines Großvaters zu hoffen, wenn es gegen die Landmenschen ging. Die brauchten nur aus großer Höhe Sprengkörper ins Wasser zu werfen, ohne von den Speeren der wackeren Tritonen erreicht zu werden. Die einzige Hoffnung war, den mächtigen Beschützer und Herrscher aller Meereskinder zu finden und aus seinem jahrhundertelangen Schlaf zu wecken. Er sollte noch an diesem Tag losschwimmen, bevor Bathos es bemerkte. Der war im Augenblick auf die geflohene Fremde eingestimmt.

"Der König wird uns das als Verrat auslegen", warnte Pontodromos Getreuer bei den Tritonen. "Deshalb sollten wir sofort aufbrechen, damit wir die Grenze hinter uns haben, bevor er davon erfährt", erwiderte Pontodromos.

"Er wird uns seine treuen Truppen nachjagen, gleich wo wir uns hinbegeben", bekräftigte der Getreue von Pontodromos seine Warnung.

"Wir müssen eben schneller sein. Außerdem kann ich ihm dann immer noch Einhalt gebieten, dass er, der Statthalter des Gottkönigs aller Meereskinder, nicht gegen dessen Wiedererweckung aufbegehren darf", sagte der oberste Kundige der alten Geschichten und Bräuche. Sein Getreuer stimmte ihm zu. Denn auch er glaubte an die Rechtmäßigkeit des Gottkönigs, auch wenn dieser seit mehr als tausend Jahren nicht mehr leibhaftig aufgetreten war.

Du hast was von fünfzig Gläubigen gesagt, die uns beistehen werden, sollte es nötig sein, für den mächtigen Herrscher aller Meere zu streiten. Ruf sie zusammen und geleite mich und den Erwecker auf unsere gefährliche Reise!"

"Sollen wir nicht auch Hippocampi mitnehmen, Meister Pontodromos?" fragte der Getreue des selbsternannten Hohepriesters des Gottkönigs. "Auf keinen Fall. Das würden sie sofort merken. Die Tiere sind gut bewacht, vor allem jetzt, wo der König sich auf einen Eroberungsfeldzug gegen die Nachbarvölker vorbereitet, um dann wider die unachtsamen Landmenschen zu ziehen. Das würde in einem unglaublichen Blutvergießen enden, schlimmer als jenes, das damals zum Untergang des großen Reiches der ersten Landmenschen geführt hat. Also bleibt uns nur, frei zu schwimmen. Rufe deine Leute zusammen! Es gilt, einen Krieg der Meeresgeborenen zu verhindern und den einzig mächtigen Widersacher gegen die Gier und Achtlosigkeit der Landmenschen zu wecken."

Es traf sich für Pontodromos und sein Vorhaben gut, dass Ketopteryx unterwegs war, um sich in der Eigenschaft als Truppenführer die Schutzmaßnahmen gegen Eindringlinge anzusehen. So konnte Pontodromos ihn auf dem Weg erreichen und ihm so leise er konnte zuflüstern: "Dein Weg zu ihm beginnt heute. Treffe dich mit deinem Kameraden Amatheios und gib ihm das mit mir vereinbarte Losungswort an. Er wird dann mit dir und anderen Getreuen zu mir stoßen, damit wir so heimlich und leise wir können auf die große Suche gehen können."

Ketopteryx fühlte die Erregung in jede Faser seines Körpers einströmen. Es war so weit. Er durfte aufbrechen, um den größten Herrscher der Meere zu finden, ihn aus seinem langen Schlaf zu wecken und mit ihm zusammen die Ordnung und den Frieden in den Weltmeeren wiederherstellen. Dass er, der zwar von königlicher Abstammung war, selbst nie König werden würde hatte Ketopteryx immer schon geärgert. Er hatte diesen Ärger jedoch versteckt und ihn in Form von noch mehr Leistungen abgebaut. Doch ab heute würde er zu denen gehören, die die neue Zeit begründeten. Er würde zwar kein König, aber der höchste Diener des Gottkönigs, was mehr Macht bedeutete als die Herrschaft von Bathos. Der nannte sich zwar allwasserweite Majestät, doch wie klein war sein eigenes Reich? Der Gottkönig würde Bathos vor die Wahl stellen, sein Statthalter zu bleiben oder einen schmachvollen Tod zu erleiden. Er, Ketopteryx, würde dann auf jeden Fall der Bote des Gottkönigs sein. Das Pontodromos diese Rolle bereits für sich erträumte wusste Ketopteryx nicht. Ihm war nur wichtig, dass er mit seiner königlichenAbstammung die Erweckung des Gottkönigs vollbringen würde.

Der Tritonenkrieger, der vor wenigen Wochen fast in ein Schleppnetz geraten und entführt worden wäre, schwamm zu einem Truppenübungsplatz einige tausend Körperlängen von sich neben der bestehenden Strömung. Dort traf er einen zwanzig Jahre älteren Truppenführer. Diesem flüsterte er ins linke Ohr: "Die Wellen der Zeit eilen dahin."

"Sie kennen keine Rast und kehren niemals um", erwiderte der Angesprochene. Damit war alles gesagt. Nur ein Gezeitenzwanzigstel später schwammen Ketopteryx und der Getreue Amatheios durch eine Höhle am Meeresgrund, wo sich weitere 49 niedere Tritonenkrieger einfanden. Sie ritten jedoch nicht. Die Hippocampi waren zu gut beaufsichtigt. Dann stießen noch Pontodromos und elf seiner Brüder aus dem Orden der Bewahrer hinzu. Die Gruppe der Erwecker, wie Pontodromos sie glückselig nannte, war versammelt.

"Wir werden nun aufbrechen. Doch warne ich jeden von euch. Es wird ein langer, gefährlicher Weg sein. Auch müssen wir durch zwei argwöhnisch auf unseren König blickende Fürstentümer hindurch. Daher werden wir uns vordringlich am Grunde der Meere bewegen und immer wieder zwischen Felsbrocken und in Einschnitten des Bodens Deckung finden. Daher mag die Reise länger dauern. Doch Mond und Meeresströmungen werden uns ans Ziel führen. Wo dies ist werde ich euch erst verkünden, wenn wir die Hälfte des Weges zurückgelegt haben werden", sagte Pontodromos leise aber für alle verständlich. "Wir müssen auch auf der Hut vor jenen sein, die für des Königs Hofmagierin Thalassia arbeiten. Sie könnten uns noch vor der Reichsgrenze aufhalten, wenn wir nicht auf der Hut sind. Wir, die Bewahrer der alten Bräuche, können zwar einiges gegen ihre besonderen Sinne aufbieten, können aber nicht die Sicherheit versprechen, dass diese uns nicht doch unterwegs erkennen. Auch müssen wir mit ähnlichen Truppen in den Nachbarreichen rechnen. Wenn wir denen begegnen könnten sie finden, wir seien ein Voraustrupp des Königs, um für den Fall eines kriegerischen Einfalls die Umgebung und die Abwehrbereitschaft zu erkundigen. Auch deshalb müssen wir in völliger Abgeschiedenheit von allen anderen schwimmen. Auf dann, Brüder und Mitstreiter. Der großmächtige Gottkönig Paisharaiondru wartet auf unsere Ankunft."

Mit diesen antreibenden Worten rief er die Gruppe der 63 Meermänner zum Aufbruch. So leise sie konnten verließen sie die Höhlen und schwammen Pontodromos und Ketopteryx hinterdrein, auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft.

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"Bist du dir da ganz sicher, das so und nicht anders gehört zu haben, Alkionia?" gedankenrief Thalassia ihrer Großnichte und sehr gelehrigen Schülerin in Sachen Geisteszaubern zu. Deren Stimme erwiderte in Thalassias Geist: "Ich und Hydromeda haben es beide erfasst, dass die Bewahrer mit fünfzig ihnen getreuen Tritonen auf den Weg zu ihm, dem Übermächtigen, sind. Sie wollen ihn finden und aufwecken. Einer dachte an einen Träger königlichen Blutes, wusste aber nicht, wer genau das sein soll."

"Dann ist genau der Fall eingetreten, den ich seit den letzten Ratssitzungen befürchtet habe. Pontodromos verstößt gegen das Gebot, nicht nach dem Übermächtigen zu suchen. Das muss ich wohl dem König weitermelden."

"Was sollen wir machen, Großtante Thalassia?"

"Ihr belauscht nun ganz genau die Tritonen. Es wird auffallen, dass fünfzig Truppenmitglieder fehlen. Ich werde mit dem König sprechen. Wenn bekannt ist, welche fünfzig Leute fehlen wird er endlich glauben, dass Pontodromos ihn verraten will und ihm Reiter hinterherschicken. Die werden sie finden."

"Ja, und wenn sie sich gegen ihre Ergreifung wehren?" fragte ihre Großnichte Alkionia. "Das soll dann nicht deine Sorge sein und auch nicht meine", sandte Thalassia ihr zur Antwort. Darauf erwiderte Alkionia nichts mehr.

"Fünfzig Tritonen fort?" knurrte Bathos. "Wie konnte das angehen? Von welchem Träger königlichen Blutes hat deine Schülerin gesprochen?" wollte der König noch wissen. "Das wusste sie nicht, Bathos. Aber besser ist es, wenn du alle deine Söhne, Enkel, Neffenund Großneffen in den Herrschersaal rufst. Dann werden wir wissen, ob jemand fehlt."

"Ja, oder unser genügsamer Muschelsammler hat sich mit Pontodromos verbündet, weil er hofft, doch noch mein Nachfolger zu werden", schnarrte der König der Ägäis. Dann befolgte er Thalassias gutgemeinten Vorschlag.

Es dauerte einen vollen Tag, bis sämtliche über das Reich verteilten Anverwandten des Königs beisammen waren. Doch dann stand unumstößlich fest, dass Ketopteryx fehlte. Der war offenbar schon mit den erwähnten fünfzig Helfern Pontodromos' abgerückt, ohne dass es irgendwem aufgefallen war. Das kam wohl davon, dass Ketopteryx auf einer Begutachtungsreise war, auf die ihn der König selbst geschickt hatte. Wieso hatte der sich darauf eingelassen, mit Pontodromos nach dem Erbe dieses selbsternannten Gottkönigs zu suchen? Hatte Pontodromos dem etwa eingeredet, dass er, Ketopteryx, der neue Statthalter dieses Übermächtigen werden mochte? Doch dann fiel ihm noch was ein. Laut dem, was sein Vater ihm selbst beigebracht hatte musste der Erwecker des schlafenden Gottkönigs königliches Blut im Körper haben, um dessen Gunst zu erringen. Auch wurde von einem großen demütigen Opfer gesprochen. Also hatte dieser Haufen Fischaas Ketopteryx als Opfer für diesen übermächtigen Herrscher früherer Zeiten auserwählt und dem nur gesagt, dass er durch die Erweckung besonders mächtig werden und alle Schwierigkeiten und Gefahrenlagen des Reiches beheben würde, weil er, der rechtmäßige König unter den Wogen, dazu offenbar nicht fähig war. So eine Frechheit!

Bei einer dringlichen Ratssitzung, bei der gleich zu Beginn auffiel, dass Pontodromos was verübt haben musste, forderte der König Ombras, die anderen Völker über die Flüchtenden zu unterrichten und sie als Abtrünnige zu ergreifen, die die Notlage aller Meeresgeborenen ausnutzen wollten. Der Kundige der äußeren Reiche widersprach unerwartet entschlossen, keinesfalls demütig:

"Das würden sie als Täuschung verstehen und ihrerseits zu einem Vereitelungsschlag gegen uns ausholen, nachdem Ihr, O allwasserweite Majestät, allen Nachbarn die Wahl botet, entweder treue Untertanen zu werden oder von unserer Streitmacht niedergewalzt zu werden. Deshalb dürfen wir auch keinesfalls weitere Streitkräfte hinterhersenden, schon gar keine Reiterei oder Streitfuhrwerke. Wir müssen es darauf anlegen, dass die Abtrünnigen den Streitkräften der Nachbarn ausweichen oder ihnen in die Hände fallen. Wir sollten die Grenzen sichern, damit wir keinem Überraschungsangriff zum Opfer fallen."

"Ombras, es ist Uns nun gleich, ob die Nachbarn bereits jetzt schon mit Uns in den Krieg eintreten. Das wird so oder so bald geschehen, wenn stimmt, dass alle Fürsten und diese Siedler vor der Frankenküste so aufrührerisch sind. Ketopteryx muss zurück zu uns, und der Verräter Pontodromos soll auf dem Platz der Verurteilung seinen Verrat büßen. Zweihundert Reiter sollen sie jagen und zurückholen oder alle außer Pontodromos und Ketopteryx töten, wenn sie Gegenwehr leisten."

"Mein König, wenn wir unsere Reiterei in die von den Zauberstabträgern zugesicherten Gebiete außerhalb unseres Reiches schicken haben die einen Anlass, mit Hilfe von denen zurückzuschlagen. Dieser überhebliche Kerl, der sich Zauberrat Anaxagoras nennt, kann dann Eure Entmachtung erzwingen", sagte Ombras. "Sie halten Euch bereits für einen Kriegstreiber und Unheilsboten, dem es zu begegnen gilt."

"Was wollen die dann, solange Wir hier unten sind? Wir gebieten über die Tiefen unter den Wogen und alles was dort lebt. Also, was soll es?" ereiferte sich der König. Dann jedoch musste er wohl nachdenken. "Sie könnten mit ihren Knallhallvorrichtungen die schützende Glocke über dem Herrscherhaus durchdringen und finden, uns von oben her mit gefangenem Feuer zu bekämpfen. Widerliches feiges Gezücht!! Gut, so schlagt ihr vor, wie wir ohne diese überheblichen Steckenschwinger zu bemühen vorgehen sollen! Los!"

Die Vorschläge waren einfach und deshalb dem König zu wider. Denn sie lauteten, eben den zauberstabträgern zu melden, wohin genau die fünfzig Tritonen mit Pontodromos und Ketopteryx unterwegs waren. Zeitgleich sollten die Abgesandten den benachbarten Völkern mitteilen, dass ihre Mithilfe erwünscht war, um die Abtrünnigen davon abzubringen, an den Ort zu gelangen, wo der einstige übermächtige Gottkönig gewirkt und gewütet hatte. "Ihr habt wohl zu lange im glühenden Licht der Sonne gelegen, wie? Wir werden keine Friedensboten entsenden, und Wir werden denen auch nicht erzählen, wohin die Abtrünnigen unterwegs sind. Wir verstärken unsere Grenzen, rufen alles Volk in die tiefen Höhlenfestungen und holen uns die geflüchteten dann auch gegen den Willen der kleinen Fürsten und von ihrem Volk gewählten Sprecher zurück. Ja, und wenn die kleinen Fürsten sich gegen uns wehren vollstrecken Wir das von uns gelobte Vorhaben, Ihre Reiche in unsere Obhut zu überführen, damit Ihre Völker unter einem würdigen Herrscher in dauerhaftem Frieden und Einklang mit den alten Gesetzen weiterleben dürfen. Dies ist beschlossen, und dies wird vollzogen."

Die fünf verbliebenen Räte sahen ihren Herrscher trübselig an. Ihnen allen war klar, dass der König sie damit an den Rand des bodenlosen Wasserfalls trieb, von dem niemand wiederkehrte, wer in ihn hinunterstürzte. Doch sie waren dem König durch Bluteid verpflichtet. Was er sagte hatte zu geschehen. Nur eine hatte es geschafft, diesem Schwur zu widerstehen, weil sie nicht das eigene Blut dafür geopfert hatte. Doch sie musste sich sehr beherrschen, nicht verärgert oder gar überlegen dreinzuschauen.

"Um alle Untertanen in die Höhlenfestungen zu rufen brauchen wir mindestens einen vollen Tag, O allwasserweite Majestät", wandte die Heilkundige ein. Der König bmachte eine bejahende Geste. "Dann zögert nicht, Kundige der Heilkunst. Ach ja, teilt es der Königin mit, wenn sie von ihrem Ausritt zu den Bruthallen zurückkehrt, ja? Verbindlichen Dank! Ihr anderen trefft die Vorbereitungen für den Verteidigungsfall, auch du, Thalassia. Deine Begabung wird helfen, alle Untertanen schnellstmöglich zusammenzurufen. Dann sollen deine besten Wasserbändigerinnen an die Grenzen, um mögliche Vereitelungsangriffe der Nachbarn mit Zauberkraft niederzuwerfen. Derweil sollen dreihundert Reiter die Geflüchteten jagen und ergreifen. Wir, der König unter den Wogen, wollen den Verräter Pontodromos auf dem Stein der Verräter sehen und dem von diesem mit dem Wasser der Wirrsal gefluteten Ketopteryx die ihm gebührende Zurechtweisung erteilen, was ihm einfällt, gegen seinen Großvater und Herrscher aufzubegehren. Auf dann, an das Werk!!"

Die Ratsmitglieder verließen mit schwermütig ausschwingenden Flossenschlägen den Saal der Beratungen durch die dicken Vorhänge aus Tang und Algenfäden.

"Alkionia, der Fall Eissturm ist soeben eingetreten", gab Thalassia ihrer Großnichte weiter. Dann schickte sie die gleiche Gedankenbotschaft an dreißig weitere ihrer Ordensschwestern. Diese hatten jeweils andere Ordensschwestern zu unterrichten. Nur eine von ihnen, die sich angeblich wegen der Erforschung von natürlicher Wassermagie in der Nähe einer schmalen Felsendurchfahrt aufhielt, sollte eine andere Aufgabe erledigen. Sie sollte ihre Base in den Gefilden der langfüßig aussehenden Halbinsel unterrichten, dass da mehrere Dutzend Krieger als Geleitschutz zweier Männer unterwegs waren. Außerdem sollte sie der auf der Insel der Halbblütigen verbliebenen Ordensschwester die von Thalassia erhaltene Botschaft weitergeben, dass etwas bedrohliches im Gange war.

"Wenn Tethys da gewesen wäre hätte er sich nicht so aufgespielt", dachte Thalassia über ihren Bruder. Sicher, Königin Tethys XII, vom Titel her Behüterin des Lebens und der Nachkommenschaft, verachtete die Landmenschen wie ihr Gemahl dies tat. Doch genau deshalb wollte sie nicht haben, dass sie und alle Untertanen von diesen niedergekämpft und wie Schlachtvieh behandelt wurden, wenn sich dies vermeiden ließ. Es konnte nicht sein, dass in der von den Unachtsamen verursachten Lage noch Krieg mit anderen Völkern und eine Auseinandersetzung mit den Zauberstabträgern aus der Quelle allen Unheils entströmten.

Dank der Fertigkeit, in Gedanken mit fernen Vertrauten zu sprechen, verbreitete sich die Botschaft innerhalb von wenigen Dutzend Herzschlägen über das gesamte untermeerische Reich von König Bathos. Doch auch anderswo wurde die Botschaft gehört und weitergereicht. So erfuhren auch die, denen der König nicht über den Weg traute, was die dreiundsechzig ausgerückten Meermänner vorhatten. Ob und wie sie damit umgehen würden wusste Thalassia nicht. Sie hoffte nur, dass es noch nicht zu spät war, das Unheil aus vergangener Zeit aufzuhalten.

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Hof Valle des Vaches in Frankreich, 16.08.2008

Barbara Latierre und ihr Schwiegerneffe Julius ließen sich nicht anmerken, dass sie angespannt waren, weil die Zauberwesenbehörde eine Anfrage der Meerleutekolonie vor der Côte dAzur erhalten hatte, dass jemand amtliches zu ihnen hinkommen und mit den Anführern der Kolonie sprechen sollte. Offenbar fühlten sich Undor und Maritia von irgendwem bedrängt, nicht allein von den Müll- und Giftstoffeinleitungen der nichtmagischen Menschheit.

Doch heute, am 16. August, war wieder Feierstimmung angesagt. Calypso und Penthesilea Latierre, sowie die Zwillingsschwestern Sabine und Sandra Montferre feierten an diesem Tag Geburtstag. Es war zu einer Tradition der mit den Latierres und Lesauvages verwandten und verschwägerten Mitglieder geworden, diesen doppelten Zwillingsgeburtstag auf dem Hof von Barbara und Jean Latierre zu feiern. Bei der Gelegenheit konnte sich Julius auch vom hervorragenden Zustand der ihm offiziell gehörenden Latierre-Kuh Artemis vom grünen Rain überzeugen. Womöglich mochte sie im Herbst wieder auf ein Kalb hinwirken, nachdem ihre erste Tochter Clarabella fast geschlechtsreif war und sich schon umsah, wer der Glückliche sein mochte, der sie von der Fährse zur Mutterkuh machte.

Sabine und Sandra erwähnten bei der Feier, dass sie den Vertrag mit den Pariser Pelikanen noch um drei Jahre verlängert hatten und den Vereinsmanager dazu bekommen hatten, ihnen fünfzig Galleonen mehr im Monat zu zahlen. Auf Ursulines Frage, ob sie nicht auch wen suchten, mit dem sie ihre Ahnenlinie verlängern konnten meinte Sandra: "Ich weiß, Tante Line, dass du immer gerne viele Kinder um dich herum hast, wenn du sie nicht sogar erst in dir herumtragen möchtest. Aber Bine und ich kommen im Moment ganz ohne Mannsbilder aus, die sich erst groß aufspielen und dann, wenn's ernst wird, den schnellenAbflug machen oder sich in tiefen Löchern verstecken, um bloß nicht gefunden zu werden. Oder warum meinst du, dass die Brüder Rossignol jetzt auf Martinique sind?"

"Weil das Wetter da schöner ist", vermutete Ursuline Latierre mit mädchenhaftem Grinsen. Callie Latierre setzte dem eins drauf und sagte: "Außerdem wollten die nicht nur von euch weit genug weg sein, sondern von ihrer Großmutter, die fand, dass die zwei langsam mal was einträgliches arbeiten sollen. Na ja, hat ja auch geklappt. Außerdem laufen auf Martinique viele hübsche Mesdemoiselles herum."

"Stimmt, von Vita Magica", legte Pennie nach. Denn es war ja hundertmal in Beauxbatons und dem restn der französischen Zaubererwelt herumgegangen, dass die obskure Gruppierung Vita Magica auf Martinique Fortpflanzungsfeste feierte. Jetzt, wo Ladonna Montefiori nicht mehr da war mochte diese fragwürdige Freizeitgestaltung wieder hoch im Kurs stehen, weshalb viele französische Hexen und Zauberer mittlerweile davon absahen, die französische Überseebesitzung im westlichen Atlantik zu besuchen. So meinte Sabine: "Dann kann es denen passieren, dass sie von dieser Bande irgendwelchen alten Hutzelhexen zugeteilt werden, die schon gestandene Urgroßmütter sind oder was?" Ursuline sah Sabine verdrossen an und sagte: "Du möchtest dich nicht abfällig über ältere Hexen äußern, Sabine Montferre?"

"Nein, nur über VM, Tante Line", grummelte Sabine und bekam ein beipflichtendes Nicken von ihrer Zwillingsschwester Sandra.

Weil sie auf dem Latierre-Hof weit genug von aller Zivilisation entfernt waren dauerte die feier bis nach Mitternacht. Als dann die Montferres per Flohpulver in ihre eigenen Haushalte zurückgekehrt waren meinte Barbara Latierre zu Julius: "Ich mach für dich morgen eine Ausleihanweisung für einen Duotectus-Anzug fertig. Du gehst zu den Meerleuten und lässt dir erzählen, was jetzt so dringendes ist."

"Hmm, wäre das nicht eher was für den Kollegen Delacour?" fragte Julius."Der hat eine Eule geschickt, dass er die Angelegenheit mit zwei grünen Waldfrauen in Französisch-Guyana abschließen muss, bevor er sich wieder für andere Aufgaben freimelden kann. Abgesehen davon kennt das Herrscherpaar der Meerleutekolonie dich ja schon, auch wenn du da lange nicht mehr warst. Also, morgen um halb zehn bei mir und dann um elf Uhr auf dem Weg in die Kolonie!" legte Barbara Latierre fest. Dann erst durfte Julius mit Millie und den sichtlich müden Kindern durch die Verschwindeschrankverbindung über das Château Tournesol ins Apfelhaus zurückwechseln.

"Geht es immer noch um diese Geschichte mit dem Ultimatum, was der griechische Meerkönig gestellt hat, Monju?" fragte Millie, als sie und Julius im gemeinsamen Bett lagen. "Das werde ich wohl morgen wissen und auch, was ich dir schon davon erzählen darf oder erst zu irgendeinem Abschluss bringen muss", erwiderte Julius. Dann wünschte er seiner Frau eine erholsame Nacht.

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Mitten im umschlossenen Meer, 17.08.2008 Menschenzeitrechnung

Es war nicht einfach. Ebenso war es gefährlich. Denn offenbar hatte doch jemand mitbekommen, dass da eine Gruppe aus fünfzig Kriegern und zwölf Bewahrern die zugewiesenen Wohn- und Arbeitsstätten verlassen und sich mit unbekanntem Ziel abgesetzt hatte. Auch suchten sie nach Ketopteryx, dem zweiten Enkel des Herrschers. Den wollten die Sucher sicher wieder zurückbringen.

Drei schnelle Schwimmer eilten der Gruppe um eintausend Längen voraus, um die Umgebung zu erkunden und einen sicheren Weg zu finden. Ketopteryx und Pontodromos schwammen Seit an Seit. Ketopteryx freute sich auf die bevorstehende Aufgabe. Er hätte sich weniger gefreut, wenn er die Gedanken von Pontodromos mitbekommen hätte. Der freute sich auch, nämlich darauf, der Hohepriester des wiedererwachenden Gottkönigs zu sein und damit nicht nur der mächtigste Meeresgeborene des Reiches zu sein, sondern nach dem Gottkönig auch als Verkünder in allen Meeren zu wirken. Pontodromos wusste schließlich, welches Opfer Ketopteryx zu bringen haben würde. Dieser kleine, von der Trübsal, niemals Herrschen zu können verzehrte Kriegsknecht ging wohl davon aus, dass er der höchste Truppenbefehlshaber oder der neue Statthalter im östlichen Teil des umschlossenen Meeres sein würde. Dieser Narr, dachte Pontodromos.

Um nicht im freien Wasser aufgespürt zu werden hielten sie sich knapp über dem Meeresgrund, jederzeit bereit, darauf niederzusinken und / oder zwischen den dort liegenden Felsen in Deckung zu gehen. So ähnlich musste sich die aus dem Nachbarreich, eigentlich nur einer größeren Siedlung westlich der fußförmigen Halbinsel stammende Frau einer Reiterhundertschaft aus dem Reich entfernt haben, bevor sie zum Unterpfand des Königs gegen ihre Schwester und ihren Schwager werden konnte.

"Sie suchen uns schon", hörten sie einen der vorausschwimmenden Erkunder, als dieser mit raschen Schlängelbewegungen zu ihnen zurückkam. "Eine Gruppe Tritonen und eine Wassersängerin, warum immer die bei denen mitschwimmen darf."

"Ruf die zwei Kameraden zurück, wir rollen uns zusammen wie die großen Stachelhäuter", zischte Pontodromos und wandte sich an seine elf Ordensbrüder. Diese bildeten mit ihm einen Kreis um die sich nun zusammenkauernden Krieger. Am Ende schwammen die zwölf Bewahrer in festgelegten Abständen ihre Kreisbahnen um die mit nach außen weisenden Speere zusammengedrängten Gruppenmitglieder. In der Mitte dieser Zusammenballung ruhte Ketopteryx, von allen Seiten beschützt. Die Bewahrer begannen nun, sich in einer ganz bestimmten Weise zu bewegen. Dabei strahlten sie gezielte Gedanken von Hunger, Hast und Furcht aus, immer mit anderen Untertönen. Damit überlagerten sie die nach außen fließenden Gedanken der anderen. Die Wassersängerin der Suchmannschaft sollte davon ausgehen, dass hier unten ein Schwarm kleine Krebstiere jagender Fische unterwegs war. Falls keiner aus der Truppe mit einem lauten Wort die Besinnung der zwölf Bewahrer ablenkte konnten die so mindestens eine Wassersängerin täuschen. Dann hörten sie die über ihnen dahingleitende Suchmannschaft.

Ketopteryx überlegte, ob er im Falle einer Entdeckung und Ergreifung nicht aussagen sollte, gegen seinen Willen entführt worden zu sein. Denn was sie hier taten verstieß gegen das Verbot seines Großvaters. Ein entschlossener, offener Verstoß gegen eine Königliche Entscheidung war Verrat. Also waren sie alle Verräter, weil sie den Gottkönig suchten, was der König verbot. Auf Verrat stand der Tod, wobei Krieger, die Verrat begingen, auf ganz grauenvolle Weise ihren Tod fanden. Dagegen war die Aussicht, von drei starken Hippocampi in drei Teile zerrissen zu werden noch gnädig. Doch noch waren sie nicht entdeckt. Noch bestand die Hoffnung, die Reichsgrenze lebend zu überwinden und durch die Nachbarländer voranzukommen.

Die Tritonen hatten gelernt, ihren Atem so stark zu verzögern, dass sie bei völliger Körperruhe nur einen Atemzug auf dreißig Herzschläge tun mussten. Doch auch die Brüder vom Orden der Bewahrer alter Bräuche hatten offenbar eine Fertigkeit erlernt, ihre Körpertätigkeiten so stark zu verzögern, dass es für ungeübte Augen und Ohren so wirkte, als seien sie bereits tot. Nur die nach außen ragenden Speere, davon dreißig mit dem gefürchteten Nesselgift von Tiefseequallen, zeigten deutlich, dass hier eine kampfbereite Truppe auf einen möglichen Angriff wartete.

Ketopteryx hörte das an vorbeischwimmenden Fischen entlangströmende und von ihren Hinterflossen aufgewirbelte Wasser. Er dachte daran, dass er und der mit ihm zusammen schwimmende Charcharonikos in der Fertigkeit der Fischlenkung ausgebildet waren. Hatte Charcharonikos sich welche von den gerade über ihnen schwimmenden Wasserbewohnern unterworfen, damit sie als Umgebungserkunder dienten? Falls die Truppenbrüder über ihnen einen Meister der Lenkung bei sich hatten, der die hier lebenden Fische unterwarf und zur Umgebungsausforschung aussandte? Die Kunst der Fischlenkung war nicht die willentliche Unterwerfung, sondern die Verständigung. Je kleiner die Fische waren, desto weniger sinnhafte Regungen konnten sie machen, um mitzuteilen was sie mit ihren Sinnen wahrnahmen. Die Lenkung gelang auch nur bei un- bis wenigverständigen Wesen. Warmblüter der Meere waren zu eigensinnig und auffassungsstark, um um durch den Gesang eines Wassergeborenen unterworfen und geführt zu werden. Doch die hätten dann sicher ausführlicher und klarer übermitteln können, was sie erkannten.

Ketopteryx hörte, wie immer mehr Fische über ihnen herumschwammen. Sie zogen nicht vorbei, sondern kreisten über ihnen. Dann war da oben doch ein anderer Fischlenker. Ketopteryx sah, wie die zwölf Brüder vom Orden der Bewahrer immer starrer wurden, als würde in ihren Körpern blankes Eis entstehen. Das nur für Meeresgeborene hörbare Rauschen und Säuseln der durchs Wasser eilenden Fische wurde noch lauter. Die kleinen Tiere sanken dabei immer tiefer. Damit war sicher, dass sie auf Erkundung ausgingen. Denn kleine Fische schwammen nicht ständig im Kreis und näherten sich auch nicht dem Meeresgrund, wenn sie Freiwasserfische waren. Ketopteryx aus der Familie der Silbertropfen bangte, dass gleich die umherstreifende Wachtruppe auf sie niederstoßen und sie angreifen würde. Er fühlte, wie sich die mit ihm geschwommenen Gruppenmitglieder noch mehr um ihn zusammendrängten, langsam, um kein lautes Rauschen zu machen, doch ganz eindeutig, um ihn in alle Richtungen abzudecken. Er war zu wichtig, um gleich im ersten Stoß ergriffen oder getötet zu werden.

Dann, auf einmal, verschwanden die vielen Fische über ihnen. Das von ihnen verdrängte Wasser rauschte und wirbelte immer leiser und leiser. Auch hörten sie die Klicklaute der die Umgebung abhorchenden Tritonen von oben leiser werden. Die Wachgruppe zog weiter. Sie hatte die unerlaubt reisenden offenbar nicht entdeckt.

Sie warteten noch an die hundert langsame Herzschläge. Dann rückten die um Ketopteryx zusammengedrängten Krieger wieder von ihm weg. Auch die Ordensbrüder lösten sich aus ihrer Erstarrung. Dann flüsterte Amatheios: "Das war sehr nahe an der Entdeckung, Mitbrüder. Die haben einen Meister der Fischlenkung dabeigehabt."

"Meister? Lehrling, Bruder Amatheios", meldete sich eine tife, von mehr als zweihundert Jahren angerauhte Stimme mit unüberhörbarer Überlegenheit zu Wort. "Der konnte nur zwei von hundert Fischen auf einmal lenken. Ich konnte locker dagegensingen und die uns beschwimmenden Fische alle nacheinander umstimmen, dass sie nur leeren Felsenboden sahenund keine anderen Lebendigen mitbekamen. Aber gut zu wissen, dass ich zwischendurch doch auch ein paar von den kleinen Schwärmern ansinge, um die für andere unberührbar zu machen, bis wir aus deren gewohntem Lebensraum heraus sind."

"Das ist sehr gut, Bruder Charcharonikos", erwiderte Amatheios. Mit Bruder sprachen sich nur gleichrangige Tritonen an.

"Dürfen wir dann die Reise fortsetzen?" fragte Pontodromos merkwürdig zurückhaltend klingend, wo er bisher der große Anführer dieser Reisegruppe gewesen war. "Ob wir das dürfen musst du unseren allwasserweiten Herrscher fragen, Meister der Geschichten und Bräuche Pontodromos. Aber zumindest können wir jetzt weiterreisen", kam Charcharonikos dem eigentlichen Führer der Tritonengruppe zuvor. Doch der zeigte keine Regung wegen dieses Vorwitzes.

Wie bisher schwammen die 63 entschlossenen Erwecker am Meeresgrund entlang, jeden Felsen und jede Bodenspalte ausnutzend, um nicht von zufälligen Umgebungshorchern erkannt werden zu können. Ab und an machte Charcharonikos eine zum Anhalten gebietende Handbewegung. Die von ihm vorausgeschickten kleinen Erkunder teilten in ihrer sehr eingeschränkten Art mit, dass weitere Suchgruppen voraus waren. Einmal drückten sie sich tief auf den Meeresgrund, weil das unheilvolle Tosen eines der mit Brennölantrieb fahrenden großen Schiffe über ihnen dahinfuhr und sie vor lauter Lärm nicht mehr lauschen konnten, ob noch andere ihrer Art in der Nähe waren. Erst als das gleichmäßige laute Röhren und Wasserwirbeln zu einem fernen Brummenund Säuseln abgesunken war schwammen sie weiter. "Diese großen Brüllkraftschiffe sind ein Gräuel. Sie gehören aus den Meeren vertrieben", schnaubte Amatheios, der gerade als Leibwächter neben Ketopteryx schwamm. "Das ist der Grund, warum wir unterwegs sind, Bruder", erwiderte Ketopteryx.

Wenn der Mond schien stärkten seine Strahlen die Kraft des Wassers, die nur von magisch damit verbundenen Wesen genutzt werden konnte. So kamen sie nun, wo sie ganze Schwärme von Auskundschafterfischen vorausschickten schnell voran. Ja, sie konnten sogar einer weiteren Suchgruppe weiträumig ausweichen, ohne gleich wieder zwischen Felsen Deckung zu nehmen. So nuttzten sie die Nacht, um einen Gutteil ihres Weges zurückzulegen, von dem nur der Meister der Bewahrer Pontodromos wusste, wo er enden sollte. Was an diesem Ende wartte barg Hoffnung und gewisse Furcht zugleich.

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König Bathos selbst hatte sich dazu entschlossen, im Befehlsstand der Tritonen zu wachen, ob diese der Gruppe der Verräter habhaft wurden. Zwei stämmige Tritonen mit Raubfischzahnscharfen Schwarzsteinspeeren waren seine Leibwache, obwohl er die hier eigentlich nicht nötig haben sollte. Doch es gehörte zum gesetzmäßigen Auftreten eines Königs, mindestens zwei Leibwächter an seinen Seiten zu haben und mindestens zwei für jede im Meer zu schwimmende Richtung außerhalb des Gebäudes, in dem er sich aufhielt.

"Vorhin rief Weitrufer Kymatophonos von Wachtrupp vierter Ring Abschnitt Abendlicht, dass sie einen sehr nahe am Grund schwimmenden großen Fischschwarm untersucht haben, weil deren Wassersängerin meinte, worthafte Geistesregungen gehört zu haben. Doch die ausgewählten Erkunderfische haben nur hundert große am Grund suchende Fische gefunden, vor denen sie sogar fliehen mussten, um nicht gefressen zu werden", vermeldete der Herr der hundert Rufer.

"Wieso hat die Wassersängerin dann worthafte Regungen gehört?" wollte der König wissen. "Darauf kenne ich die Antwort nicht, mein König", erwiderte der Herr der hundert Rufer.

"Wenn sie ihre Künste nicht beherrscht sollte sie heimkehrenund in den Höhlen der Sängerinnen Nachhilfezeiten nehmen", knurrte der König. Er wusste nicht, dass anderswo ebenfalls schon eine Meldung weitergeleitet worden war.

Thalassia lag in entspannter Haltung auf ihrer Liegestatt aus weichen Algenblättern und Seegras und lauschte. Die von ihr ausgeschickten Zwischensängerinnen nahmen die durch Gedanken getragenen Nachrichten aus den größten Entfernungen auf und gaben sie weiter. So erhielt sie auch die Mitteilung, dass eine der Wassersängerinnen gemeint hatte, männliche Gedankenstimmen gehört zu haben, als sie einen großen Fischschwarm überquerten. Doch dann hätte sie nur noch das wilde Getümmel triebgesteuerter Tiere gehört. Auch hätte ihr mitgereister Fischlenker keine Antworten erhalten, ob da am Meeresgrund ein Fischschwarm unterwegs war oder nicht. Allerdings, so die Sängerin, habe der Lenker den Eindruck gemacht, als könne er die von ihm unterworfenen Fische nicht lange führen oder müsse gegen deren geringfügige Regungen ankämpfen, als wenn diese bereits wem anderen unterworfen waren. Thalassia fragte also nach, wer alles bei der gesuchten Truppe dabei war, der Fische lenken konnte. Von den Tritonen selbst würde sie keine Antwort erhalten. Doch sie hatte sehr viele ihr ergebene Bundesschwesternund davon mehrere leibliche Schwestern, Basen und Nichten. So erfuhr sie bald, dass außer dem zweiten Enkel des zweiten Sohnes seiner allwasserweiten Majestät, Ketopteryx, auch noch der Großmeister der Lenkung Charcharonikos zu den Flüchtigen gehörte, der es verstand, riesige Schwärme kleinster Fische oder ein Rudel der größten jagenden Knorpelfische unter seine Herrschaft zu zwingen. Der konnte dann sehr leicht gegen einen nur halb oder noch weniger geübten Lenker ankämpfen und ihm die unterworfenen Fische entziehen oder selbst alle erreichbaren Fische unergreifbar machen. Ja, und auch wenn die Bewahrer dies nicht wollten wusste sie, dass diese eine Kunst beherrschten, wie dahinschwimmende Fische zu denken, ja dass einer von ihnen die Regungen von mehreren Schwarmfischen vortäuschen konnte. So konnten die sich einer nicht so gut geübten Gedankenhörerin verschließen. Wenn sie dazu noch die Regungen aller anderen überlagern konnten waren diese scheinbar unauffindbar. Doch Thalassia dachte anders. Gerade dadurch, dass der bei der Wache mitgeschwommene Lenker nicht alle Fische unter seine Herrschaft bringen konnte und dadurch, dass sie wusste, dass die Bewahrer der alten Bräuche Gedankenhörerinnen von ihren eigenen Gedanken oder der der anderen ablenken konnten war sie sich sicher, dass die Wachgruppe die Gesuchten gefunden hatte. Doch deren achso von sich überzeugten Truppenführer dachten nicht daran, unklaren Hinweisen nachzugehen. Ja, und dass bei zehn von hundert schwimmenden Umgebungswachen Wassermagierinnen mitschwammen war ein kleines Zugeständnis, dass sie dem König abgerungen hatte, um noch besser nach den Gesuchten forschen zu können. Befehlsgewalt hatten die Sängerinnen nicht. Sie sollten nur lauschen und weitermelden, nicht mehr als die sowieso mitschwimmenden Fernrufer.

"An alle bei den Suchgruppen mitschwimmenden Sängerinnen, wenn ihr Gedanken hört, die nicht von euren Leuten sind darum bitten, bei der Suche mitzuschwimmen, nicht nur auf die Lenker der Fische vertrauen!" gab Thalassia zwanzigmal wiederholt an alle erreichbaren Mitschwestern weiter. Sie hoffte nur, dass sie damit keiner von ihnen den Tod brachte. Jedenfalls wusste sie nun sicher, dass die Flüchtigen genau dorthin wollten, wo das Herrscherhaus des Paisharaiondru zu finden sein sollte. Sie konnte nur hoffen, dass die Wachen der anderen Reiche besser auf sie vorbereitet waren.

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Hoheitsgebiet des französischen Zaubereiministeriums an Land und im Meer, 17.08.2008

Diesmal trug er einen hellblauen Duotectus-Anzug mit eingewebter Glättefolie, die ihn vor ungewolltem Festhalten schützte. Auch hatte er in einem kleinen Rucksack eine Blitzerwalze, die bei Anstupsen mit dem Zauberstab elektrische Stromstöße ins Meer schickte, die für Menschen unbedenklich waren, auf mit Elektrosinn ausgestattete Raubfische abschreckend wie grelles Licht oder betäubender Lärm wirkten. Doch im Moment brauchte er davon keinen Gebrauch zu machen.

Julius begrüßte das ältere Meerleute-Ehepaar, das seit mehr als fünfzig Jahren die Kolonie vor der französischen Mittelmeerküste regierte, nicht als Königspaar, nicht als Häuptlinge, sondern als sogenannte Stadtmeister. Er war damals als amtlicher Zeuge einer Verlobung hiergewesen, eine auf merkwürdige Weise entstandene Meerfrau war einem Sohn der Herrscherfamilie versprochen worden, weil sie im Königreich vor Martinique in Ungnade gefallen war, was auch daran liegen mochte, dass sie in ihrem früheren Leben eine getreue Bundesschwester der schwarzen Spinne gewesen war.

"Meine Vorgesetzte hat vorgeschlagen, dass ich Ihr Anliegen prüfen und mit ihr etwas für Sie und uns tragfähiges ausarbeiten soll", sagte Julius, als er die beiden Obersten der Kolonie begrüßt hatte.

"Wir wurden bedroht, entweder bis zum Ende dieses Monddurchlaufes zu treuen Untertanen jenes Königs weiter östlich zu werden oder unsere Freiheit, womöglich auch unser Leben zu verlieren", sagte Undor, der Stadtmeister. Seine Frau Maritia ergänzte: "Offenbar droht König Bathos das Wasser im Boden zu versinken und seine Macht zu vertrocknen, dass er nun wieder mal meint, die angeblich schwächeren, weil kleineren Hoheitsgebiete in sein Reich eingliedern zu müssen. Es geht ihm darum, keine Abkommen mit Ihnen, den Zauberstabträgern, zu schließen. Er hält alle bisherigen Abkommen für nicht mehr haltbar."

"Sowas hörten wir schon aus den benachbarten Zaubereiministerien", erwiderte Julius, der eine Besonderheit des Anzuges nutzte, trotz Kopfblasenhelm klar und deutlich unter Wasser verstanden zu werden.

"Wir erkennen, dass unser Schutz vor unerwünschtenStoffen langsam an seine Grenze stößt", sagte Maritia. "Offenbar muss unsere Absicherung auf neue unerwünschte Stoffe abgestimmt werden. Noch kann der unausrottbare Staub von uns ferngehalten werden. Auch können wir tief genug darunter hindurchschwimmen. Doch das ist ein nicht dauerhaft tragbarer Zustand", sagte Maritia. Ihr Mann machte eine Geste, dass es erst einmal um was anderes ging. Dann sagte er: "Wir erbitten eine Sicherheitserklärung, dass Sie und die anderen Ministeriumszauberer uns gegen Übergriffe benachbarter Hoheitsgebiete schützen und uns helfen, unseren klarwasserschutz zu verbessern. Wichtig ist für uns, dass wir ein Abkommen haben, dass wir vor möglichen Angriffen beschützt werden."

"Das geht nur, wenn Sie uns erlauben, Beobachter um Ihre Stadt herum zu postieren, Meister Undor. Wissen Sie, ob Ihre Mitbürger das wollen?"

"Ich habe die Frauen gefragt, mein Mann die Männer. Die nötige Mehrheit von sieben Zwölfteln der Frauen und der Männer willigt ein, Beobachtungsvorrichtungen zuzulassen, die fremde Meeresgeborene früh genug weitermelden, um gegen sie mit angemessenen Mitteln vorzugehen, was auch heißt, die von ihnen gelenkten Kaltblüter zu bändigen, sofern wir diese nicht zurücktreiben können. Das Ding da auf Ihrem Rücken gehört ja zu diesen kraftwellenmachern, die auf die dafür empfindlichen Sinne von Kaltblütern einwirken, nicht wahr. Ja, wir wissen, dass Ihre Leute sowas erfunden haben, um vor allem gegen von unseren Artgenossen gelenkte Raubfische geschützt zu sein. Wir erbitten ähnliche Schutzmaßnahmen gegen unerwünschte Angreifer aus dem Osten." Dann sagte Undor noch:

"Bathos befehligt zwanzig Großschwärme an Kriegern, die er Tritonen nennt, nach dem ehrwürdigen Urvater aus seiner Ecke des umschlossenen Meeres, das Sie Mittelmeer nennen. Wir haben gerade drei Großschwärme unter Waffen und können höchstens noch einen Großschwarm aus Freiwilligen aufstellen. Ja, und bevor Sie zurecht fragen, was Sie das betrifft: Wenn Bathos nicht nur unsere freie Stadt, sondern auch alle anderen Hoheitsgebiete ohne Herrscher aus einer der vier verbliebenen Familien erobert kann und wird er sich an keine Vereinbarungen mit Ihnen mehr halten und damit die Geheimhaltung Unserer beiden Welten vor den achtlosen Landmenschen ohne die höhere Kraft beenden, ob Ihnen dies gefällt oder nicht."

"Bathos' Reich liegt im Zuständigkeitsgebiet des griechischen Zaubereiministeriums. Darf ich dieses von dieser Androhung unterrichten?" fragte Julius.

"Da wir nicht wissen, wie gut dieses mit Bathos' Leuten auskommt möchten wir erst einmal Schutzversprechen und Schutzmaßnahmen gegen mögliche Angriffe, ohne dass die Griechen wissen, dass Bathos uns bedroht", sagte Undor kategorisch. Dann erwähnte seine Frau noch was, das Julius aufhorchen ließ: "Außerdem besteht die Gefahr, dass Bathos nicht mehr die volle Herrschaft über seine Leute hat. Es gibt wegen der achtlosen Landmenschen welche, die lieber einen uralten grausamen Herrscher wiederhaben wollen, statt mit Ihnen zu unterhandeln. Auch deshalb will Bathos wohl zeigen, wie mächtig er noch ist."

Julius fragte, wen sie meinte. Undor sah seine Frau tadelnd an, als habe sie etwas ungehöriges oder verbotenes ausgesprochen. Doch sie schlug nur einmal energisch mit ihrem Fischschwanz und sagte, dass sie für das Wohl aller in der Stadt lebenden Familien und Kinder zuständig sei und deshalb deren Zukunft zu schützen habe. Dann erzählte sie trotz Undors missmutigem Gesicht, dass die Meerleute vor mehreren tausend Sonnenkreisen von einem riesenhaften Artgenossen beherrscht worden waren, der laut Erzählungen mindestens zehn- bis zwanzigmal so groß wie ein übliches Kind des Meeres war. Dieser Herrscher, der sich wegen seiner Größe und Macht als Gott und König zugleich verstanden hatte, hatte alle Meerleute als sein persönliches Eigentum betrachtet. Es hieß, dass er weiter westlich von hier, bei einer der drei Inseln im Reiche des Fürsten Granolario aus der Familie der Eisentropfen in einem aus großen Felsblöcken errichteten Haus wie ein großer Hügel gewohnt hatte und dort auch seine Waffe der Macht aufbewahrt würde. Doch bei welcher Insel genau das sei sei im Fluss der tausenden von Gezeiten vermengt worden. Wichtig sei, dass dieser selbsternannte Gottkönig irgendwann beschlossen habe, seinen Körper abzulegen und mit seiner Herrscherwaffe, einem dreizähnigen Kriegsspeer, eins zu werden, bis die Zeit gekommen sei, da die Meereskinder von einer Übermacht oder einem schweren Ungemach bedroht würden, um von einem würdigen, den alten Geschichten nach von einem Mitglied einer der vier noch bestehenden großen Familien, geweckt und zu neuer Macht geführt zu werden. Damit das eben nicht passierte habe Fürst Granolario die Gewässer, wo dieser Palast des Gottkönigs auf dem Meeresgrund stehe, zum verbotenen Gebiet erklärt. Doch mochten jene, die für König Bathos die alten Geschichten und Gebräuche hüten finden, dass die Zeit für die Rückkehr dieses alten Herrschers gekommen sei und sich nicht mehr an die Übereinkommen der Meeresvölker halten.

"Heißt das, dieser alte Herrscher hat wirklich gelebt, ein Meeresgeborener wie Sie beide, nur viel größer?" fragte Julius sichtlich erregt. "Ja, viel größer. Aber wirklich schrecklich und machtvoll war die Waffe, die er besaß und die wie unsere Bräuche es bis heute vorgeben auch das Zeichen der Herrschaft war. Mit dieser Waffe konnte er seine Feinde verschwinden lassen, gewaltige Wellen machen und, wenn er sie in den Grund oder gegen den tiefen Fuß eines Landes stieß spürbare bis verheerende Erdstöße erzeugen. Seine Macht war selbst den Landmenschen bekannt, und sie fürchteten und verehrten ihn ebenfalls als Herren der Meere, auch dann noch, als er seinen Leib abgestreift hatte und es seinen einstigen Statthaltern überrließ, in seinem Namen weiterzuherrschen."

"Den hat es wirklich gegeben?" fragte Julius. "Gibt es darüber verlässliche Beweise?"

"Es sind viele Geschichten, die von damals bis heute erzählt wurden und eben das Schwimmverbot um eine der drei Inseln im Gebiet von Fürst Granolario. Welche Insel dies ist wissen nur seine Krieger und wohl auch die Bewahrer der alten Geschichten und Bräuche."

"Wenn es den echt gegeben hat, wer könnte so verzweifelt sein, ihn aufzuwecken, falls er echt wiedererweckt werden kann?" fragte Julius immer noch sehr angespannt, denn er hatte einen sehr schlimmen Verdacht, was es mit diesem angeblichen oder fast vergessenen Gottkönig auf sich hatte, und das gefiel ihm überhaupt nicht. Vor allem wo er sich gerade die Erinnerungen an ähnliche Überriesen ins Gedächtnis holte.

"Unsere Bewahrer alter Geschichten kennen den Standort des Herrscherhauses. Doch Undor und ich haben beschlossen, sie nicht darauf anzusprechen, um keinen schlafenden Seelenschlinger zu wecken oder gar den vor der Menschenfußförmigen Halbinsel lauernden Feuerriesen zu wecken."

"Den Feuerriesen? Achso, der unter der unter Wasser liegende kesselförmige Schlot eines riesigen Feuerberges", sagte Julius. "Richtig, sollte der erneut in Wut geraten wird dies nicht nur für uns der Untergang, sondern auch für Sie auf dem Land", sagte Undor. Dann bestätigte er, was seine Frau wegen der Bewahrer der alten Geschichten gesagt hatte. "Wir hörten, dass Bathos' Kundschafter diesen Ort aufsuchen könnten, wenn Bathos sich mit seinem obersten Hüter der alten Geschichten und Bräuche uneins werden sollte. Ja, und bei der Lage, in der wir alle schwimmen könnte die Verzweiflung über ein nahes Ende größer sein als die Furcht, erneut von einem unbändigen, gewaltliebenden Übermächtigen unterdrückt zu werden. Die Aussicht, nicht mehr wert zu sein als unsere Reittiere oder die einfachen kaltblütigen Tiere des Meeres ist dann nicht mehr so erschreckend wie die Schreckensvorstellung, unter Bergen von unverrottbarem Unrat begraben, von unersättlichen großen Fischernetzen gefangen oder von im Wasser treibenden Giften erstickt zu werden. Deshalb wollen wir diesen schlafenden Seelenschlinger nicht aufwecken und uns nicht nach Einzelheiten über den Ort jenes Herrscherhauses erkundigen."

"Verstehe. Doch wenn bereits wer danach sucht oder besser weiß, wo er hin muss und diesen Herrscher aufwecken will könnte es doch sehr wichtig sein, dass dieser Fürst Granolario was davon erfährt, oder will der auch haben, dass dieser Herrscher aufgeweckt wird?" fragte Julius, der sich die Antwort schon denken konnte.

"Nein, der will ihn auf keinen Fall aufgeweckt wissen, weil er weiß, dass er dann als Statthalter dieses Gewaltherrschers nur noch dessen Befehle auszuführen hat, wo Fürst Granolario aus dem Geschlecht der Eisentropfen so stolz auf alle seine Errungenschaften ist. Er ist übrigens der einzige, der Bathos zurückweisen kann, falls dieser seine Herrschaft nach westen ausdehnen will."

"Im welchem Zaubereiministeriumsgebiet liegt Granolarios Reich?" fragte Julius und erfuhr, dass dessen Gesandter mal was von einem Zaubereiminister namens Pataleón gesagt hatte. Das reichte Julius. Damit war ihm auch klar, welche drei großen Inseln gemeint waren. Denn die Kanaren lagen im Atlantik, nicht im Mittelmeer.

"Ich gebe Ihre Anfrage an die nötigen Stellen weiter, ob die was einrichten können, um Sie vor einem Überfall fremder Meereskrieger zu schützen. Ich stimme Ihrer Begründung zu, dass Bathos dann das ganze Mittelmeergebiet erobern könnte und das die Geheimhaltung gefährdet, die auch Ihnen hilft."

"Na ja, so richtig tut sie das nicht mehr. Denn sonst könnten wir jene, die andauernd Unrat und Gifte in unser Meer werfen ganz offen dazu auffordern, das zu lassen", sagte Undor. Darauf erwiderte Maritia: "Ja und dann erst recht von denen mit tödlichen Dingen überschüttet werden, weil sie uns als Gefahr für ihre eigene Lebensweise sehen. So war das doch schon damals, wo die Landmenschen mit Knallwaffen gegeneinander gekämpft haben und dabei viele von diesen Zersprengungsdingern im Meer versunken sind und viele von deren Kampfschiffen versenkt wurden."

"Ja, das war auch zu der Zeit, wo mein Vorgänger als Stadtmeister mit denen, die Ihre Lehrstätte an Land führen, die Vereinbarung getroffen hat, wie deren wenige hundert Schwimmlängen Meeresabschnitt und unsere Stadt gegen den damaligen Unrat besser abgesichert wurden."

"Ich hörte und las davon", erwiderte Julius. Dann bekräftigte er, dass er die richtigen Stellen unterrichten würde. Er fragte, ob er auch erwähnen durfte, dass sie befürchteten, jemand könnte nach jenem alten Überriesen suchen, der einst die Meere beherrscht und als Vorbild für die Götter Poseidon und Neptun gedient haben mochte. "Erwähnen Sie das, auch um darauf zu drängen, dass unser Schutz vor Unrat und feindlichen Übergriffen wichtig genug ist, weil es sonst noch viel schlimmer für uns alle kommen kann", sagte Maritia. Undor fügte dem hinzu: "Wir hoffen, dass wir die folgenden Tage noch frei und ungefährdet zubringen können. Denn wenn erst Bathos' Großschwärme über uns hereinbrechen dürfte die Zeit der friedlichen Nachbarschaft vorbei sein."

"Auch das werde ich weitergeben", erwiderte Julius. Dann durfte er auf einem der Hippocampi zurück an Land, wo er Trimarinus, dem Gesandten des Meervolkes vor der französischen Mittelmeerküste erzählte, dass er alles vernommen habe, was die Stadtmeister ihm zu berichten hatten. Dann kehrte er ins Zaubereiministerium zurück, um sowohl Barbara Latierre als auch der Zaubereiministerin und dem neuen Leiter der internationalen Zusammenarbeit, Monsieur Dupont, Bericht zu erstatten. Er beschränkte sich dabei erst einmal nur auf die bedrohungslage durch König Bathos und die Mutmaßung, dass dieser wohl Angst um seine Macht habe, dass er derartige Vorhaben plane.

"Ja, und die wollen jetzt Abwehrwaffen gegen die anderen Meerleute, damit Bathos IV. nicht vor unserer Haustür seine Unternehmungen gegen Landmenschen ausführen kann?" wollte Dupont wissen. Julius erwähnte, dass er es zumindest so verstanden habe. Die Ministerin sagte dazu:

"Der Kollege Anaxagoras hat mich auch schon darauf hingewiesen, dass der in der Ägäis herrschende Meereskönig eigene Wege gehen will, angeblich auch, weil seine Historiker noch eine Alternative zu seiner Herrschaft anführen, einen, den sie früher für einen Gottkönig gehalten haben, wohl sowas wie ein besonders magisch begabter Meereskönig. Zumindest hätte Bathos alle Gesandten seines Reiches zurückgerufen."

"Gottkönig?" wollte Dupont wissen. "Sowas wie einer dieser Seelenschlinger, dem marinen Äquivalent zu den Riesen an Land?"

"Wohl dann eher einer jener sagenumwobenen Urriesen, die in der griechisch-römischen Sagenwelt als Vorfahren der Götter galten und wegen ihres Hochmutes Titanen genannt wurden", erwiderte Barbara Latierre. "Sie haben da sicher auch von gehört, Monsieur Latierre. Immerhin weiß ich, dass die Kinder Ashtarias vor den Hinterlassenschaften jener Urgewaltigen gewarnt haben."

"Halt mal, soll das heißen, die Meerleute kannten oder kennen auch solche Ungeheuer?" fragte Dupont. Julius, der bisher kein Wort über die Warnung vor jenem Gottkönig gesprochen hatte musste sich stark beherrschen, um sich nichts anmerken zu lassen. Da sagte Barbara Latierre: "Sie erinnern sich sicher an die Berichte aus Norwegen wegen jenes Hammers, der als Vorbild des mythischen Kriegshammers Mjölnir gedient haben mochte. Deshalb glauben wir ja, dass es noch mehr solcher Hinterlassenschaften gibt und haben die Warnung der Kinder Ashtarias und der Morgensternbruderschaft beherzigt, die auf unserem Hoheitsgebiet liegenden Orte besser zu überwachen. Wenn Bathos oder Undor oder ein anderer Meeresherrscher weiß, ob und wo es eine weitere Hinterlassenschaft gibt, die auf einen früheren meeresgottkönig zurückzuführen ist könnte er entweder darrauf ausgehen, diese Macht zu erringen oder genau davor zurückschrecken, sie zu wecken, weil er damit die eigene Macht aus den Händen gibt. In jedem Fall würde er uns sicher nicht verraten, ob eine Suche nach diesem Gottkönig im Gange ist, Kollege Dupont."

"Gut, bevor wir uns von den Meerleuten in ein loderndes Drachenmaul treiben lassen, nur weil sie mit irgendwelchen Andeutungen jonglieren, sollten wir darüber befinden, wie wir Undors Siedlung besser sichern. Ich für meinen Teil werde mit dem griechischen Kollegen korrespondieren, ob er ebenfalls eine Gefahr für die fragile Nachbarschaft zwischen seinen Landsleuten und den Meerleuten der Ägäis sieht." Die Ministerin bedankte sich für diese Absichtsbekundung und bei Julius für seinen Außeneinsatz. Dann schlug sie vor, dass sie zu Mittag aßen.

Weil die Angelegenheit mit den Meerleuten immer noch auf Vertraulichkeitsstufe C5 eingeordnet war durften sie während des Mittagessens nicht darüber reden. Erst als Barbara und Julius Latierre wieder in Barbaras Büro waren sagte diese zu Julius:

"Ich habe es trotz deiner exzellenten Selbstbeherrschung gemerkt, dass du wegen dieses erwähnten Gottkönigs der Meerleute beunruhigt bist. Haben Undor und Maritia ihn auch erwähnt. Bitte die volle Wahrheit, wenn du keine Vorgesetztenrüge erhalten möchtest." Julius atmete kurz durch. Dann erzählte er, was Maritia ihm erzählt hatte und wo sich der angebliche oder wahrhaftige Herrscherpalast des ehemaligen Gottkönigs befinden sollte. "Die beiden legen Wert darauf, dass wir das im Moment nicht weiter auswalzen, weil sie fürchten, dass es in anderen Meereskolonien Befürworter dieser Wiederentdeckung dieses Gottkönigs geben könnte oder dass genau deshalb heftige Kämpfe stattfinden könnten, wenn jemand sich diesem Ort nähert."

"Fürst Granolario hat alle seine zwölf Töchter so verheiratet, dass seine Schwiegersöhne und deren Söhne ihm durch Blutpakt verbunden sind. Der wird nicht von seiner Macht abrücken, um einem mythischen Übervater Platz zu machen, noch dazu einem Tyrannen, der seine Untertanen als Sklaven hält. Wer den wiederhaben will macht jede Bemerkung, die Meerleute würden sich zu Knechten und Mägden erniedrigen, wenn sie mit uns zusammenarbeiten zu einem Treppenwitz zwischen Erdgeschoss und erstem Stockwerk", erwiderte Barbara und erläuterte, dass sie, wo sie noch für die Tierwesenabteilung als Außeneinsatztrupplerin gearbeitet habe, über die Lebensweise und Glaubensvorstellungen der Meerleute unterrichtet worden war, bevor diese zu vollwertigen Zauberwesen aufgewertet wurden. Dann sagte sie noch leise genug, dass es außen keiner hörte:

"Die Ministerin weiß genauso wie Nathalie und ich, dass du mittlerweile vollwertiges Mitglied der Kinder Ashtarias bist und weiß auch, was ihr über die Gräber der Titanen erfahren habt, die bis dahin auch nur als gewisse Bedrohung in den Archiven des Ministeriums erwähnt wurden. Hältst du es für wahrscheinlich, dass es diesen Gottkönig der Meere gegeben hat oder immer noch gibt und dass er genauso aufgeweckt werden kann wie jener Hammerträger, dessen Waffe im Spitzbergenarchipel gefunden wurde?"

"Ich habe mich daran gewöhnt, alten Geschichten mehr Glauben zu schenken als früher, Madame Latierre. Auch weiß ich, dass die Schöpfer der Titanen nicht nur bei den Landmenschen Überrassen gezüchtet haben, sondern wohl auch im Meer wohnende Geschöpfe dieser Art erzeugen mochten. Von diesem Gottkönig habe ich heute zum ersten mal gehört. Er könnte ein Verwandter jenes Titanen sein, dessen Grab tief im Meer liegt, dessen Grab aber wohl mit dem Kontinent, den sie Atlantis nennen, untergegangen ist. Dieser Gottkönig ist mir jedenfalls neu, und das hat mich sehr beunruhigt. Wenn jemand findet, der sei das kleinere Übel zu den fortgesetzten Müll- und Gifteinleitungen ins Meer, könnte der echt aufgeweckt werden. Dann gnade uns aber allen jeder Gott, an den an Land und im Meer geglaubt wird. Was ich durch meinen Beitritt zu den Kindern Ashtarias mitbekommen habe reicht aus, den Weltuntergang zu befürchten, wenn so ein alter Titan wieder aufwacht."

"Gut, das werde ich jetzt nicht aufschreiben. Aber ich ordne an, dass jeder Hinweis, und sei es nur eine Vermutung, dass irgendwer von den Meerleuten diesen alten Gottkönig finden und aufwecken will, mit größter Beachtung verfolgt wird. Ich werde bis dahin darauf verzichten, den spanischen Zaubereiminister zu behelligen, zumal ich aus erwähnter Frühzeit meiner Laufbahn weiß, dass der und jener Fürst Granolario einander nicht hold sind, um das mal behutsam zu formulieren. Pataleóns Vorvorgänger hat damals überdeutlich bewiesen, wie viel Macht Zauberstabträger über Meerleute haben, wenn sie sich von denen belästigt fühlen. Soweit ich weiß hat sich Pataleón bis heute nicht bei seiner eisentröpfigen Durchlaucht für die Aktion damals entschuldigt, sondern eher noch Bewegungseinschränkungen veranlasst, dass Granolarios Untertanen nicht weniger als fünfzig Meter unter der Meeresoberfläche schwimmen dürfen, was sie davon abhält, in seichte Gewässer einzudringen. Soweit ich weiß läuft deren Verständigung über dressierte Delphine."

"Meerleute können nur Fische und Reptilien fernlenken", sagte Julius. "Was du nicht sagst", erwiderte seine Schwiegertante, mal wieder die amtliche Anrede missachtend."Deshalb ist es ja auch ein dressierter Delphin, der die Botschaften von einem zum anderen trägt, ohne dass sich lebende Vertreter beider Seiten von Angesicht zu Angesicht begegnen. Bei der erwähnten Konstitution der Mittelmeerkonföderation hat mir mein spanischer Kollege allen Ernstes geraten, nicht so freigiebig und behutsam mit "unseren Meerleuten" umzuspringen, da die solche Gnade und Achtung nicht würdigen könnten. Ich riet ihm dazu, seine Angelegenheiten zu beachten und uns unsere Angelegenheiten zu überlassen, sofern nicht das ganze Mittelmeer davon betroffen sei. Gut, das könnte passieren, unabhängig davon, ob sie einen angeblichen Meeresgott wiedererwecken oder ob es einen Krieg zwischen Bathos' Königreich auf der einen und den Verbündeten Granolarios auf der anderen Seite gibt. Aber wie erwähnt möchte ich das Gespräch von heute Morgen erst mal als rein französische Angelegenheit behandeln, auch was du mir jetzt inoffiziell geschildert hast. Öhm, aber du darfst gerne in meinem Auftrag bei Monsieur Dusoleil einhundert weitere Duotectus-Anzüge mit diesen Ungreifbarkeitsoberflächen bestellen. Ich kriege das mit unserem Finanzhüter durch, dass wir auf weitere Unterwasserausflüge eingestellt sein müssen."

"Verstanden, Madame Latierre. Ich habe die nötigen Formulare noch griffbereit", sagte Julius und machte sich umgehend an die Umsetzung der erteilten Anweisung.

Als er wieder mehr als zwei Stunden nach üblichem Dienstschluss ins Apfelhaus zurückkehrte wich er Millies und Béatrices Fragen damit aus, dass noch nicht alles abschließend geklärt war, um darüber sprechen zu können. Danach gedankenfragte er Camille, ob er sie nach dem Abendessen treffen konnte. Sie gestattete es.

So traf er um acht Uhr abends im Haus Jardin du Soleil ein. Er konnte Florymont gleich die Bestellung für weitere hundert Duotectus-Anzüge mit Superglätteoberfläche übergeben. Dann zog er sich mit Camille in ihr kleines Schreibzimmer zurück, wo sie die Termine für die Privatgartenbesitzer archivierte.

"Falls das mit diesem Gottkönig kein leeres Gerücht sein sollte, Julius, müssten wir wohl dagegen vorgehen, das ist dir doch klar", meinte Camille ungewohnt ernst klingend. Julius bestätigte es. "Dann bleib gut an allem dran, um selbst bei kleinsten Flöhehusten abreisebereit zu sein. Ich kläre das mit Florymont, dass wir dann sein fliegendes Tauchfahrzeug benutzen dürfen."

"Gut, ich bleibe dran, zumal ich jetzt auch noch klären möchte, wie in Beauxbatons der Schulstrand gegen Müll und Giftstoffe geschützt wird."

"Das müsstest du mit Blanche klären und ganz sicher auch mit Professeur Fixus, weil ich von ihr weiß, dass sie damals mitgeholfen hat, den Schulstrand gegen Gift- und Abfallstoffe zu schützen", erwiderte Camille. Julius nickte. Damit hatte er gerechnet und machte sich innerlich schon darauf gefasst, gegen eine eiskalte Wand zu krachen, weil die beiden erwähnten Hexen sehr, sehr willensstark und streng waren. Da brauchte er verdammt gute Gründe, um mehr über jenen Schutzbann gegen Müll und Giftstoffe zu erfahren, vor allem, warum das Wissen darüber zu unerwünschten Begehrlichkeiten führen mochte.

Gegen zehn Uhr abends kehrte Julius wieder ins Apfelhaus zurück. Weil er ziemlich erschöpft war lag er eine halbe Stunde später schon im Bett. Er war sich sicher, dass er anstrengende Tage oder Wochen vor sich hatte. Doch er wusste nicht, welche welterschütternde Begegnung ihm bevorstand.

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Auf der für nichtmagische Menschen unsichtbaren Insel Antidelos, 30 km westnordwestlich vor Kreta, 18.08.2008, 14:50 Uhr Ortszeit

Sie hatte sich durchgesetzt, dass sie als Zauberwesenbeauftragte zur besonderen Verwendung auf die geheimnisvolle Insel Antidelos reiste. Sicher hätte er, der Zaubereiminister, ebenfalls Anrecht gehabt, jene nicht auf üblichen Seekarten zu findende Niederlassung von Halbmeerleuten aufzusuchen. Doch sie hatte ihm klargemacht, dass die Hemitritonen und Heminereiden nach wie vor ein sehr angespanntes Verhältnis zum Zaubereiministerium hatten und dass sie eher bereit waren, einer von da kommenden Beamtin zu vertrauen als dem obersten Verwaltungsherrn.

Alexia Tachydromos sortierte ihre Kleidung, als der von Athen ausgehende Portschlüssel sie punktgenau neben dem Mittelstein von Antidelos absetzte. Sie hörte das regelmäßige an- und abrollen der Wellenund fühlte den nach Salz schmeckenden Wind im Gesicht. Wie liebte es, am Meer zu sein, auch wenn ihr die Schreckensmeldungen von Tonnen unsichtbarer Abfallstoffe aus den Schiffen und Abwasserrohren der Nichtmagier die Freude am Schwimmen und Tauchen fast verdorben hatten. Dennoch brauchte sie es, zwischendurch im Meer zu schwimmen, so tief zu tauchen, dass sie keine Geräusche des Landes hörte und nur der ewigen Musik ihres Herzschlages lauschen konnte.

Die Besucherin sah sich um. Wo war ihr Empfangskomitee? Es sah zunächst danach aus, als sei sie ganz alleine auf einer kleinen Insel neben einer vier Meter hohen Granitsäule. Sie wagte nicht, laut zu rufen. Das schien ihr unter ihrer Würde. Dann entdeckte sie drei kleine Punkte in der Ferne, die auf sie zukamenund dabei zu menschengestaltigen Wesen wurden. Dann erkannte sie eine davon, Doris Triselenios, die offizielle Vermittlerin zwischen den Meerleuten und den griechischen Landbewohnern. Sie winkte ihr und ihren beiden ebenfalls halbmeerischstämmigen Begleitern zu.

"Einen schönen Tag!" sagte Alexia, als die drei auf Sprechweite heran waren. Die drei grüßten zurück. "Sie dankte für die Erlaubnis, auf ihre Heimatinsel zu kommen. Dann wurde sie von den dreien in "das trockene Haus" geführt, den Bereich, wo reine Landmenschen sich aufhalten konnten. Natürlich trugen die drei Gastgeber ihre schwammartige Nachfeuchtungsunterkleidung, um ihre amphibische Haut vor dem Austrocknen zu schützen. Ihre Gesichter konnten sie bei Bedarf mit Schwämmen oder Wasserstrahlen aus ihrem Zauberstab benetzen.

Nachdem Alexia Tachydromos sich hatte berichten lassen, was die Hemitritonen und Heminereiden von den reinrassigen Meerleuten erfahren hatten fragte sie: "Fürchtet seine achso allwasserweite Majestät, dass seine Geschichtskenner an uralte Mythen und Legenden rühren und die aufwachen und ihn aus Dankbarkeit dafür absetzen können?"

"Das ist wohl der Grund für diese unerwartete Mitteilsamkeit seiner Gesandten. Offenbar hat einer seiner Geschichtskenner beschlossen, dass das Meervolk nicht alleine gegen die Nichtmagier bestehen kann und sie deshalb jenen angeblich riesenhaften Vorherrscher finden und wieder einsetzen sollen, der bei uns als Poseidon bekannt war."

"Riesenhaft? Wollen die etwa einen dieser in den Weltmeeren herumstromernden Seelenverschlinger zum neuen Herrscher ausrufen?" fragte Alexia Tachydromos. "Das ist aber sehr mutig oder sehr wahnsinnig oder auch beides zugleich", fügte sie hinzu.

"Nein, keiner dieser Riesen, von denen es heißt, dass sie die Kinder jener der ersten Meerleute und der Urriesen sind, die in unseren Sagen als Titanen vorkommen", sagte Doris Triselenios. "Laut den sehr wenigen Überlieferungen, die wir auf unserer Insel erhalten konnten, soll es einen rein meerisch lebenden Riesen geben, der einer von fünfen gewesen sein soll und als deren Herr und Gebieter über weite Teile der Meere geherrscht haben soll. Dieser soll als Gottkönig der Meeresgeborenen verehrt und gefürchtet worden sein. Er gilt wie erwähnt als Vorbild für den Glauben an Poseidon, Posites oder Neptun, wie ihn die römischen Eroberer nannten. Der Orden der Bewahrer alter Geschichten und Bräuche will wissen, dass dieser Meereskönig einen Dreizack besessen haben soll, der wirklich hohe Wellen erzeugen oder die Erde zum Beben gebracht haben soll und mit dem er deshalb der Herrscher aller gleichgroßen Artgenossenund der viel kleineren Meermenschen bleiben konnte. Was aus den vier Artgenossen wurde wissen wir nicht. Womöglich hat es Machtkämpfe gegeben, an deren Ende der eine Herrscher übriggeblieben ist. Der soll dann viele Jahrtausende lang die Meere beherrscht haben, bis er laut den Bewahrern aus irgendeinem Grund beschlossen hat, nicht mehr wachen zu wollen. Angeblich hat er seinen Herrscherdreizack irgendwo versteckt, damit jemand, der ihn als Herrscher beerben will, ihn ergreift. Eine andere Aussage ist, dass der sogenannte Gottkönig seine Seele in die Waffe übertragen haben soll, um dem, der sie ergreift, dienen oder ihn unterwerfen zu können, je danach, wer ihm hold ist. Mehr wollten die Bewahrer nicht preisgeben. Doch wir sind sicher, dass sie noch viel mehr über diese Zeitund den angeblichen Gottkönig wissen."

"Ja, und dass sie jetzt von diesem Wissen Gebrauch machen", vermutete Alexia Tachydromos. Die drei von Meer- und Landmenschen abstammenden Gesprächspartner nickten bestätigend. "Ich überlege gerade, wo laut der griechischen Sagenwelt Poseidon residiert hat. Aber mir fällt nichts ein, das eine klare Ortsangabe ist."

"Es heißt da ja auch, dass er sich in unterschiedliche Gestalten verwandeln konnte und so auch die eine oder andere Menschenfrau geliebt hat", erwiderte Doris Triselenios. Alexia grinste. Doch dann dachte sie, dass es sehr ernst sein musste, wenn der bisher so gegen die Landmenschen voreingenommene König freiwillig das Zaubereiministerium benachrichtigte, dass eine Gruppe von Untertanen losgeschwommen war, um angeblich oder wahrhaftig einen uralten Herrscher mit gottgleicher Macht über das Meer wieder aufzuwecken. Bathos hing an seiner Macht. Er war schon Meereskönig, als Griechenland noch die Schmach osmanischer Herrschaft zu erdulden hatte. Er hatte alle Wallungen der magischen und nichtmagischen Menschheitsgeschichte überstanden, ohne davon was mitbekommen zu haben. Obwohl, sie wusste aus Archivaufzeichnungen, dass die Meerleute der Ägäis sich vor heftigen Explosionen und sinkenden Eisenschiffen in Sicherheit bringen mussten. Das war die Zeit des zweiten Weltkrieges der Nichtmagier, die Zeit, wo die Zaubererwelt unter den Umtrieben Gellert Grindelwalds zu leiden hatte.

"Jetzt eine Frage: Weiß der König, wo der alte Herrscher oder Gottkönig gewohnt haben soll? Falls ja, warum hat er nicht längst seine Leute dorthin geschickt?" wollte Alexia wissen.

"Er wird wohl seine Truppen hinterhergeschickt haben. Doch soweit der Gesandte des Königs es nach viel Überzeugungsarbeit nach und nach ausgesagt hat soll dieser Herrschersitz nicht bei uns im östlichen, sondern irgendwo im westlichen Abschnitt des Mittelmeeres zu finden sein, also bei Frankreich oder Spanien, vielleicht auch vor der Nordküste Afrikas, also im Zuständigkeitsbereich von Ägypten. Er will haben, dass wir ihm offen und ehrlich eingestehen, dass wir ihn und sein Volk mit den Sachen der nichtmagischen Landleute allein gelassen und sein Volk an den Rand der Ausrottung getrieben haben. Erst wenn er dieses Eingeständnis hat wird er uns den genauen Ort verraten. Seine Leute können nur dann durch das ganze Mittelmeer, wenn die anderen Meervölker sie unangefochten durchschwimmen lassen. Der Gesandte deutete an, dass die Wahrscheinlichkeit dafür aber gerade sehr klein sei."

"Will heißen, er hat sich mit seinen Nachbarn zerstritten und denen womöglich Krieg angedroht", legte Alexia das gerade gehörte aus. Die drei Gesprächspartner nickten. Dann sagte Doris' Begleiter Okeanophilos Rhodopodos:

"Ja, er trachtet wohl danach, zum Herrscher des ganzen Mittelmeeres zu werden. Wir haben Anzeichen dafür mitbekommen, dass er die anderen Fürsten aufgefordert hat, sich ihm zu unterwerfen. Die sind damit nicht einverstanden."

"So, und jetzt will einer von Bathos' Geschichtskundlern herausfinden, ob es diesen alten Herrscher gab und ob er wirklich was machtvolles hinterlassen hat, und das stört die Pläne seiner allwasserweiten Majestät. Abgesehen von diesem geforderten Schuldeingeständnis, was will er noch von uns?" fragte die Abgesandte des Zaubereiministeriums.

"Hmm, dass wir verhindern, dass dieser Herrscher aufgeweckt oder seine Hinterlassenschaft von wem anderem als ihm selbst benutzt wird", erwiderte Okeanophilos Rhodopodos.

"Tja, dann möge seine Majestät bitte huldvoll und im Vertrauen auf unseren bereits zugesagten Beistand kundtun, wo dieser Herrscher denn zu ruhen geruht und vor allem die vollständige Gesandtschaft wiederherstellen, damit anschließende Verhandlungen über die weitere Nachbarschaft zwischen ihm und der Zaubererwelt in der gebotenen Weise und Sorgfalt fortgesetzt werden können. Das dürfenSie dem altenSekretär der Gesandtschaft mitteilen, den Bathos zurückgelassen hat."

"Ja, der möchte aber nur mit einem Vertreter des Zaubereiministers persönlich sprechen, bestenfalls mit dem Minister da selbst. Aber wir haben ihm gesagt, dass sich Bathos mit seinem Verhalten gerade weit unten auf der Liste der vertrauten Gesprächspartner eingefunden hat und der Zaubereiminister deshalb nicht in eigener Person bei ihm vorsprechen wird", sagte Doris Triselenios. Alexia überlegte, ob sie diese Aussage bestätigen lassen wollte oder ob sie sich nicht als Vertreterin des Zaubereiministeriums mit diesem alten Schreiber befassen sollte. "Die Hemitritonen wollen mich nicht auf der Insel haben, wegen der Sachen von damals", hörte sie eine wie aus weiter Ferne klingende Stimme in ihrem Kopf. Sie dachte zurück: "Du hast auch nichts getan, um das wieder ins Lot zu bringen, Bruder." Mit körperlicher Stimme sagte sie dann: "Besteht jener Schreiber auf einen Vertreter, oder darf es auch eine Vertreterin sein. Ich weiß, dass es im Meerischen für geschlechtsbestimmte Fürwörter gibt, auch wenn die meerische Grammatik weit von der griechischen Grammatik entfernt ist."

"In der Sprache der Landmenschen gibt es einen Satz, der es genau bezeichnet: Der Ton macht die Musik", erwiderte Neilos Eporos, sohn eines Tritonen und einer Kräuterkundlerin und Zauberwesenfachhexe.

"Um die Frage zu beantworten, Kirie Tachydromos, der Schreiber will nur mit einem Mann sprechen, da alle staatlichen Angelegenheiten von Männern geregelt werden", ggab Doris Triselenios die erbetene Antwort. Dann sagte sie noch: "Aber die Wassersängerin, die Bathos hiergelassen hat ist interessiert, mit jedem wichtigen Menschen aus dem Zaubereiministerium zu unterhandeln, sofern es um schnelle Nachrichtenweitergabe geht. Sie dürfen nur keine staatlichen Anliegen an sie weitergeben."

"Gut, das klingt erfreulich", erwiderte Alexia Tachydromos. In ihrem Kopf klang die jetzt nicht ganz so fern klingende Geistesstimme ihres Bruders: "Alexia, diese Wassersängerinnen lernen auch sowas wie Legilimentik und Mentalaudition. Da musst du dich heftig gegen absichern."

"Gut, dann schlaf ein, Alexios. Schlaf tief und fest, bis mein Wort dich wieder wachen lässt", dachte Alexia. Sie fühlte den gewissen Widerstand dessen, den sie tief in ihrem Geist verbarg. Doch nach nur einer Viertelminute ebbte dieser Widerstand ab. Dann sagte sie: "Ich möchte mit dieser Wassersängerin sprechen, wobei ich tunlichst darauf achten werde, alle Ministeriumsgeheimnisse, die ich kenne vor ihr zu verbergen. Führen Sie mich zu ihr!"

Die drei Nachkommen von Meerleuten und Landmenschen führten sie aus dem "trockenen Haus" zu einem abschüssigen Tunnel, der unmittelbar ins Meer hinunterführte. An dessen Ende sollte die Gesandschaft der Meerleute sein. Alexia wirkte für sich selbst den Kopfblasenzauber, um auch bis zu hundert Metern unter Wasser frei atmen zu können. Sie entzündete dann noch ihr Zauberstablicht. Doch die drei Hybriden winkten ab. "Kein aus Feuer gewirkter Zauber, Kirie Tachydromos", hörte sie Doris Triselenios warnen. Dann ergriffen die drei an den Tunnelwänden hängende Laternen, die sie jedoch nicht entzünden mussten. Sie enthielten mit Wasser gefüllte Kugeln, in denen jene blau leuchtende Pilzart wuchs, die von den Meerleuten als Leuchtmittel benutzt wurde. Alexia löschte mit "Nox" das Zauberstablicht wieder. Dann folgte sie den dreien. Gut, dass sie vorsorglich wasserabweisende Kleidung angezogen hatte.

Als sie ins Wasser eintauchten zeigte sich wieder, dass die Hemitritonen lieber hier waren als an Land, auch wenn sie nicht wie reinrassige Meermenschen länger als drei Stunden am Stück unter Wasser bleiben konnten. Alexia musste sich ranhalten, um hinter den dreien herzuschwimmen, bis sie in jener großen Höhle ankamen, von der sie bereits gehört hatte. Hier wuchsen die blau leuchtenden Pilze frei an den Wänden wie anderswo Schimmel an feuchten Wänden.

Sie durchquerten die erste große Höhle und erreichten eine runde Unterwasserhöhle, in der mehrere lange Steinblöcke standen, auf denen Matten aus Algengeflecht auslagen. Doris Triselenios ließ sich nun hinter Alexia zurückfallen. Okeanophilos Rhodopodos trat an eine der Wände und rief in eine kleine öffnung auf meerisch: "Zu reden ist hier von Zauberrat geschickt und mit allen erlaubt Frau Alexia Tachydromos, sprechen sie bitte mit hoher Sängerin Kallergia."

"Zauberrat nicht sendet Mann zu sprechen mit mir?" klang die Antwort aus der Öffnung. Rhodopodos verneinte es. Ein ungehaltenes Grummeln war die Antwort. Dann glitt eine steinerne Tür auf, und eine vom Alter her nicht einzuschätzende Meerfrau glitt mit geschmeidigen Flossenschlägen herein. Alexia okklumentierte bereits, um keinen verräterischen Gedanken nach außen zu lassen. Doch sie fühlte, wie der Blick der silbernen Augen versuchte, in ihr Bewusstsein vorzudringen. Dann sprach die Meerfrau auf Griechisch, weil sie hier unter Wasser auch menschliche Laute nachahmen konnte.

"Du bist die, die geschickt wurde, um über die Gruppe der Erwecker zu sprechen. Bedenke, dass ich nur als Hörerin und Botin dienen kann, nicht als Verhandlerin."

"Gut, hohe Sängerin", setzte Alexia an und sprach extralaut, um durch die Kopfblase gut verstanden zu werden. "Wo genau soll der alte Herrscher der Meere, der Gottkönig mit dem Dreizack zu finden sein?" Die Wasserfrau sah die Landfrau sehr erstaunt an, musste dann aber lächeln. Sie glitt noch einen Meter näher an sie heran und sagte dann: "Vor den drei Inseln im Schatten der Halbinsel vor dem engen Tor zum großen Weltmeer im Westen. Das Haus des alten Herrschers soll am Fuße einer der drei Inseln sein, da wo ein waagerechter Berg entspringt. Dort soll das Haus aus großen Steinen sein, durch dass es in die Höhlen des Herrschers geht. Doch sind dort viele Todesfallen, die nur öffnen kann, wer die richtigen Berührungen und Worte nutzen kann. Seid also auf der Hut."

"Das werden wir sein", sagte Alexia. Sie gab der Sängerin noch mit, dass sie die Botschaft weitergeben sollte, dass das Zaubereiministerium wieder mit Bathos sprechen würde, wenn er einen dazu berechtigten und mit den nötigen Vollmachten ausgestatteten Gesandten schickte. Diese Botschaft würde die Sängerin weitergeben. Dann war die kurze Unterredung auch schon vorbei.

Alexia kehrte mit den drei Hemitritonen zurück an die Luft und ins trockene Haus. Dort bedankte sie sich für die hoffentlich erfolgreiche Unterredung. "Haben Sie denn verstanden, was die Sängerin gemeint hat?" fragte Doris Triselenios. "O ja, das habe ich", erwiderte Alexia Tachydromos. "Vor allem weiß ich jetzt, dass wir in Griechenland nicht dafür zuständig sind, sondern die Kollegen in Spanien."

"Ah, die Halbinsel, die vor dem engen Tor liegt", grummelte Doris Triselenios. Damit war auch klar, um welche drei Inseln es gehen würde, die bei europäischen Touristen sehr beliebten Balearen.

"Ich gebe die Botschaft weiter an die Kollegen und den Zaubereiminister und lasse die beschließen, wie wir den Spaniern klarmachen, dass vor ihrer Haustür Poseidons Palast liegen soll. Dann müssen die entscheiden, wie sie dorthin kommen und wie sie die dort eintreffende Gruppe der selbsternannten Erwecker ohne Blutvergießen daran hindern können, die Hinterlassenschaft des mythischen Meeresherrschers zu ergreifen. Am Besten ergreifen sie diese Hinterlassenschaft gleich selbst und bringen sie in Sicherheit, wo kein Meermensch herankommt. "Ja, nur dass dann die alte Schwierigkeit bestehen bleibt, dass König Bathos gegen die nichtmagischen Landmenschen kämpfen könnte", wusste Doris Triselenios. Ihr Begleiter Okeanophilos Rhodopodos sagte dazu: "Ja, wenn es diesen Herrscher nicht gab oder wenn es gelingt, sein Erbe vor den Erweckern zu verstecken." Alexia konnte dem nur zustimmen.

Als sie wieder bei dem alten Rettungsring ankam, der als Portschlüssel diente berührte sie diesen und wurde unverzüglich in die Ankunftshalle des Zaubereiministeriums zurückbefördert. Dort dachte sie dann: "Alexios, Bruder, wach auf! Die Sonne ist schon aufgegangen, der neue Tag hat angefangen."

Unverzüglich fluteten missmutige Gedanken ihr Bewusstsein. "Was habe ich verschlafen?" gedankengrummelte Alexios. "Dass vor den Touristeninseln Spaniens der Palast von Poseidon liegen soll und dass dort wohl noch was ist, was seine Macht wiederherstellen soll. Also was für Pataléon und seine Kollegen."

"Überwältigend erfreulich", gedankenknurrte Alexios. "Der neidet uns doch immer noch, dass wir Ladonnas Rosenreich von uns ferngehalten haben und er voll auf sie reingefallen ist. Aber was sein muss muss sein. Schwesterlein, lass mich sein!"

"Nicht hier in der Ankunftshalle. Ich bring uns beide in dein Sprechzimmer und zieh mich um. Vorher bleibst du bitte noch verborgen."

Alexios Anaxagoras willigte widerwillig ein.

Wenige Minuten später rief der amtierende Zaubereiminister Griechenlands die Verantwortlichen für internationale Zusammenarbeit und magische Wesen zu einer kurzen Besprechung in den Konferenzraum Delta Kappa. Dort eröffnete er ihnen, dass man dem spanischen Zaubereiminister so behutsam es ging begreiflich machen sollte, dass eine Untersuchung der untermeerischen Wurzeln der Baleareninseln zumindest zu erwägen sei. Anaxagoras wurde davon überzeugt, dass diese Angelegenheit auf der allerhöchsten Ebene also zwischen ihm und Rodrigo Pataleón persönlich verhandelt werden sollte. Das gefiel ihm zwar nicht. Doch er tröstete sich damit, dass es Pataleón noch weniger gefallen würde, für die Griechen die heißen Kastanien aus dem Feuer holen zu sollen. Konnte sein, dass dieser spanische Kampfstier behauptete, dass es alles nur Märchen und Mythen waren und die Meerleute sich da in einer ebenso sinnlosen Suche verstrickten wie es die Suche nach dem Originalkreuz Christi oder der jüdischen Bundeslade war. Doch das sollte ihn nicht davon abhalten, sich mit Pataleón zu treffen, falls der darauf bestand, dass es im direkten Gespräch sein sollte. Anaxagoras konnte nicht wissen, dass auch anderswo eine Wassersängerin einem Ministeriumsboten diese so interessante, ja womöglich entscheidende Ortsangabe gemacht hatte.

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Irgendwo im umschlossenen Meer, 18.08.2008 Menschenzeitrechnung

Sie waren hinter ihnen her, die Unterwasserkrieger dieses kleinen, aufsässigen Fürsten Marinellon, der das Meer rings um die wie ein langer Menschenfuß beschaffene Halbinsel für sich beanspruchte. Die 63 Entschlossenen mussten immer wieder auf dem Grund Schutz suchen. Auch fand immer wieder ein rein magischer Kampf zwischen den Fischlenkern Marinellons und der beiden Lenker Charcharonikos und Ketopteryx statt. Dabei hätten die Lenker Marinellons fast mit einem Schwarm der schnellen Jagdfische die Überhand bekommen. Doch Charcharonikos hielt mit einem zusammengerufenen Rudel der großen Raubfische mit ständig nachgebildeten Zähnen dagegen. Ketopteryx lenkte derweil kleinere Fische, um die Standorte der Verfolger zu ergründen. Die bekamen das mit, weil sie ihrerseits versuchten, kleinere Fische zur Erkundung einzusetzen.

Die 63 entschlossenen wären fast von zwei Schwärmen von Marinellons Unterwasserkriegern zum Endkampf gestellt worden, wenn nicht gerade in dem Augenblick ein großes, mit Brennölantrieb fahrendes Schiff über sie alle hinweggeglitten wäre. Dessen weit und dröhnend hallender Lärm hatte die Verfolger so sehr abgelenkt, dass die Entschlossenen sich noch aus der drohenden Halbkugelgruppierung der feindlichen Krieger herauswinden und in Dreierreihen durch eine mit dem Unrat von Landmenschen übersäten Schlucht davontauchen konnten. Als der Lärm des Schiffes und das Tosen des von ihm aufgewirbelten Wassers wieder auf erträgliche Lautstärke abgesunken war hörten die Entschlossenen, wie Marinellons Schwärme mit wilden Flossenschlägen über sie hinwegjagten. Die gingen offenbar davon aus, dass die Eindringlinge aus dem Osten den Lärm zur Flucht genutzt hatten.

"Wir müssen erst mal sehr weit nach Mittag, um aus Marinellons Reich zu entkommen. Dann werde ich uns in die Zielrichtung zurückbringen. Wenn wir durch das Gebiet der aufsässigen Siedlung schwimmen müssen wir auf Unterwasserreiter achten", sagte Pontodromos, der mal wieder mit stiller Zustimmung aller anderen als Anführer handelte.

Sie schafften es, durch genaues Steuern nach Süden aus dem damals festgelegten Herrschaftsgebiet von Marinellon zu entkommen, gerade soeben, als wieder ein Schwarm Krieger hinter ihnen zu hören war.

"Wolltest du uns nicht nach dem Vorbeischwimmen an der Halbinsel zwischen unserem Reich und dem Gebiet der kleinen Reiche sagen, wohin wir genau schwimmen?" fragte der Meister der Lenkung Charcharonikos, der sich bis hierher einen ständigen waffenlosen Fernkampf mit den Fischlenkern Marinellons geliefert hatte.

"Wenn wir uns wieder gegen Abend wenden, wo der Glutball Sonne im Meer versinkt, werde ich unser endgültiges Ziel preisgeben", erwiderte Pontodromos. Obwohl er streng klingen wollte hörten sie ihm doch an, dass er sich nicht ganz so sicher fühlte, dass sie alle dieses Ziel auch erreichten. Die ständige Verfolgungsjagd mit den Schwärmen Marinellons hatte die Selbstsicherheit, dass sie von der Macht des ruhenden Gottkönigs geleitet wurden, gut erschüttert.

Wie in den letzten Nächten nutzten sie die Kraft des ins Meer sickernden Mondlichtes, um schnell und ausdauernd zu schwimmen. Dafür mussten sie zwar bis fast an die Wurzeln der über ihnen dahinziehenden Wellen auftauchen. Doch nur so konnten sie die Zeit aufholen, die die Verfolgungsjagd und das ständige Verstecken vor übermächtigen Kriegsschwärmen gekostet hatte. Pontodromos hatte das nicht aus dem Geist hinauszuspülende Gefühl, dass die Zeit knapp wurde.

Dann gerieten sie tatsächlich noch in die Reichweite zweier Kriegsschwärme. Nur Charcharonikos' und Ketopteryx' Weitsicht, große Raubfische als Kundschafter vorauszuschicken, bewahrte sie vor der unmittelbaren Feindberührung.

Neben der Gefahr, von fremden Kriegsschwärmen entdeckt und gejagt zu werden boten die im Meer treibenden Reste landmenschlicher Tätigkeiten sowie die im Wasser gelösten Schadstoffe immer wieder Grund zur Sorge.

"Wenn du weißt, wo wir hinschwimmen müssen, so sage uns wenigstens, wie viele Tage und Nächte wir noch brauchen", forderte Amatheios, der vertraute Pontodromos. Der oberste Kundige der alten Geschichten und Bräuche überlegte. Dann sagte er: "Falls wir nicht weiteren Gegnern über den Weg schwimmen können wir in vier Tagen am Ziel sein. Mehr, wenn wir uns wieder nach Abendlicht wenden."

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"wieso konnte Marinellon die nicht aufhalten?" fragte Undor den Anführer seiner aus fünfhundert Kriegern bestehenden Streitmacht.

"Weil sie mindestens zwei Fischllenker bei sich haben und offenbar wen, der den Meeresgrund so gut kennt, dass er die anderen durch Schluchten oder Felsengruppen leiten kann, ohne dass die Krieger es bemerken, Meister Undor. Ich habe unsere zweihundert Reiter so aufgestellt, dass sie die Gruppe aus dreiundsechzig Schwimmern auch am Meeresgrund empfangen kann. Es gilt immer noch, was Meisterin Maritia erbeten hat?"

"Ja, es gilt noch. Wenn es möglich ist, sie lebend zu fangen nicht töten. Wenn wir die alle kriegenund vor allem Bathos' Enkel Ketopteryx, dann ist nicht nur die Gefahr dieses von denen gesuchten Abgottes beseitigt, sondern wir haben auch ein Unterpfand, um den auf Eroberung ausgehenden König im Osten friedlich zu stimmen. Wusstest du, dass es früher in Königsfamilien üblich war, Geiseln aus den Königsfamilien benachbarter Reiche zu halten, um keinen Krieg zu bekommen?"

"Ich bin Krieger. Sowas hat mir keiner in der Ausbildung erzählt", erwiderte Undors oberster Schwarmführer Currantor.

"Klar, weil ihr ja dann nichts mehr zum kämpfen kriegen würdet", erwiderte Undor. "Jedenfalls hoffe ich, dass der König im Osten bereit ist, im Austausch mit seinem Enkel und diesem Hohepriester des Übermächtigen auf seinen Machtanspruch zu verzichten. Wenn er wirklich gegen den ganzen Unrat der Landmenschen vorgehen will muss er nicht alle anderen Gebiete unterwerfen. Aber sag dem das erst, wenn wir seine entschwommenen Fischlein in unseren Gewässern gesichert haben!"

"Das werde ich sicher nur dann tun, Meister Undor", erwiderte Currantor.

Maritia schwamm in die kleine Halle der Beratungen, die unter dem aus zusammengetragenen Felsen gebauten Haus angelegt war. In anderen Herrschaftsgebieten war das völlig undenkbar, dass eine Frau in eine Unterredung zwischen Männern hineinschwamm. "Unsere Sängerinnen bei den Reitern haben übermittelt, dass knapp außerhalb unseres klaren Herrschaftsgebietes mehrere Dutzend Meeresgeborene schwimmen. Sie halten sich so, dass wir keine Krieger zu ihnen hinschicken können, weil sie gerade im Niemandswasser schwimmen."

"Schlauer Fisch, dieser Bewahrer der alten Geschichten", knurrte Undor. "Laut den Verträgen mit den Zauberstabträgern dürfen wir nur das von uns klar bezeichnete Gebiet absichern. Weil es südlich von uns keine weitere Siedlung gibt, die auf dem großen Land im Süden wohnenden Zauberstabträger aber nicht wollen, dass wir vor deren Landesgrenze herumjagen können wir die nicht so leicht einfangen. Aber wenn er wirklich zu den drei Inseln in Granolarios Fürstentum will muss er da irgendwann eindringen. Granolario freut sich sicher schon."

"Ja, nur dann wirddas nichts mit unserem Unterpfand", schnarrte Currantor. "Vor allem wird die Gefahr, dass sie den Übergewaltigen oder seine Erbschaft erwecken immer größer. Weiß Granolario, wo die Gruppe von Bathos hin will und was sie vorhat?"

"Ich habe ihm einen Boten geschickt, der ihm das mitteilt. Der müsste aber in einem Tag wieder da sein", erwiderte Undor.

"Wenn nicht wissen wenigstens die Zauberstabträger bescheid", warf Maritia ein. "Ja, nur dass das Herrscherhaus des Übermächtigen so tief im Meer zu finden ist, dass sie dort nicht so leicht hinuntertauchen können."

"Auch nicht mit diesen Rüstungen, mit denen sie in das Meer tauchen können?" wollte Currantor wissen. "Die Frage ist, ob sie genug davon haben, um mit dreiundsechzig Gegnern zu kämpfen, von denen fünfzig ausgebildete Tritonenkrieger sind und mindestens ein Lenker der Fische bei denen ist. Die können dann mehrere Schwärme der großen Raubfische um sich herumschwimmen lassen und so über alle nicht aus unserem Volk stammenden Gegner siegen. Da nützen denen auch ihre Zauberstäbe nicht viel", erwiderte Undor.

"Dann hoffen wir besser, dass Granolarios Kriegsschwärme dieser Pilgergruppe doch noch die überfällige Rast und Ruhe verschaffen", erwiderte Currantor. Maritia antwortete: "Ich bleibe mit den Sängerinnen in Verbindung. Es hat sich ja erwiesen, dass die Möglichkeit der schnellen Nachrichtenweitergabe der geballten Waffenkraft überlegen ist. Ja, guck mich nicht so grimmig an, Currantor. Das ist so, oder wieso konnten die bisher durch drei Reiche schwimmen, ohne wirklich aufgehalten zu werden? Und wieso wissen alle Fürsten und Stadtmeister zwischen hier und Bathos' Reich, dass die dreiundsechzig unterwegs sind und wo sie hinwollen, ohne dass es gleich zum offenen Krieg mit Bathos kommt?" Currantor gab ein verärgertes Gurgeln von sich. Mehr konnte oder wollte er dazu nicht äußern.

Es war Mitternacht, als der von Undor losgeschickte Bote zurückkehrte. "Granolario richtet aus, wenn die Truppe in sein Reich gerät hat sie nur zwei Möglichkeiten, Gefangenschaft oder Tod. Wir sollen uns damit nicht mehr beschäftigen, wenn wir die Entschwommenen nicht vorher zu fassen kriegen."

"Dann weiß er, wo sie hin wollen?" fragte Undor. "Ja, weiß er. Er nannte es "der Verbotene Hügel". Um den schwimmen in einer Halbkugelschicht von zweitausend Längen dicke hundert Krieger auf ständiger Wache, damit da keiner hingelangt. Fürst Granolario ist in sehr, sehr großer Sorge, dass das Geheimnis des verbotenen Hügels enthüllt wird und damit neues Unheil über unsere Welt hereinbrechen mag. Seine Gemahlin, auch eine Wassersängerin, hat ihm vorgeschlagen, ihre Ordensschwestern um den verbotenen Hügel aufzubieten. Doch Fürst Granolario hat das abgelehnt. Wenn ich das so sagen darf, Meister Undor, Granolario hat vor allem Angst, was Zaubern kann und in die Nähe des Hügels gerät. Deshalb will er auch nichts davon wissen, dass die Zauberstabträger des Festlands ihm helfen sollen."

"Liegt auch daran, dass deren Häuptling Pataleón Granolario ziemlich schmerzhaft klargemacht hat, dass Meereskinder nicht in Landnähe kommen dürfen", vermutete Undor. Sein gerade heimgekehrter Bote bestätigte es.

"Mit anderen Worten, falls diese Schwimmer aus dem Osten bis zu der einen von drei Inseln hinfinden und diesen verbotenen Hügel untersuchen kann die nur noch grobe Waffengewalt aufhalten?" fragte Undor.

"Das war, was mir Fürst Granolario von seinem Mund zu meinen Ohren übermittelt hat, Meister Undor", bestätigte der Bote.

"Dann dürfen wir nur hoffen, dass Granolarios Kriegsschwärme von den Wassern des Erfolges umspült werden", seufzte Undor.

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Millemerveilles, 24.08.2008, später Nachmittag

Da sie selbst keine schulpflichtigen Kinder hatten hielten sich die Latierres und Dusoleils zurück, als gegen sechs Uhr abends alle alten und ganz neuen Beauxbatons-Schüler aus Millemerveilles um den grünen Reisesphärenausgangskreis herum zusammenkamen. Jeanne und Bruno begleiteten ihre Tochter Viviane, die einen zimtroten Schrankkoffer mit goldenem Namenszug hinter sich herzog. Eigentlich war geplant, dass auch Barbara van Heldern ihren erstgeborenen Charles hier hinbringen wollte. Doch das belgische Zaubereiministerium hatte das untersagt, weil sichergestellt werden sollte, dass alle an einem bestimmten Ort gemeldeten Schülerinnen und Schüler von dem diesem Ort nächsten Ausgangskreis abzureisen hatten. Deshalb würde Claudine auch vom blauen Ausgangskreis in Paris aus abreisen. In Beauxbatons würden sie sich dann irgendwo wieder über den Weg laufen. So hatte es Miriam wenigstens vor zwei Tagen behauptet. Sie ging ja davon aus, im roten Saal zu landen. Wo die anderen hinkamen war nicht so sicher.

Punkt Sechs rief die scheinbar zerbrechlich wirkende Lehrerin Agrippine Fourmier die sonnenuntergangsrote Reisesphäre auf. Mit lautem Knall verschwanden alle, die im Ausgangskreis um sie herumstanden. Aurore, die dem ganzen sehr gespannt zugesehen hatte meinte: "Schon richtig toll, wie die alle auf einmal weg sind." Sie kannte die Reisesphäre zwar schon. Sie hatte sie aber bisher nur als Reisende mitbekommen und nicht von außen verschwinden oder ankommen gesehen.

"In drei Jahren stehen wir wieder hier und sehen zu, wie du mit den anderen nach Beauxbatons reist", sagte Julius und sah seine erstgeborene Tochter an. "Nur noch drei Jahre, Julius. Wo sind die letzten acht Jahre geblieben?" fragte Millie. "Frag das alle Kinder, die seitdem dazugekommen sind", erlaubte sich Julius eine Derbheit. "Schwatzfratz!" knurrte Millie, musste dann aber grinsen. Ja, in den acht Jahren hatten sie vieles erreicht. Vor allem hatte sie es geschafft, mit 26 Jahren eine siebenfache Mutter zu sein. Ihre Mutter hatte das nicht geschafft und ihre Großmutter Ursuline hatte da auch gerade mal zwei Kinder auf die Welt gebracht.

"Dann wieder nach Hause, die Damen Latierre", meinte Julius. Auf den Familienbesen und zwei Einzelbesen ging es für Millie, Julius, Aurore, Chrysope und Clarimonde wieder zum Apfelhaus am Farbensee.

Es war gerade acht Uhr, als Viviane Eauvives Vollporträt in der Wohnküche der Latierres zusammenfuhr, sich streckte und dann verkündete: "Meine Namensvetterin ist wahrhaftig in den grünen Saal eingezogen, ebenso der junge Charles van Heldern. Ich ging davon aus, dass auch die junge Claudine Brickston meinem Saal zugeteilt würde. Aber soweit ich außerhalb des Speisesaales mitverfolgen konnte musste sie elf Schritte auf dem Teppich tun, bevor die Glocke über dem roten Tisch erscholl."

"Was, Claudine ist bei den Roten gelandet?" fragte Julius. Millie lachte glockenhell. "O ja, und mein werter Gründungsbruder Orion war darüber äußerst erheitert, dass die zweite Enkeltochter der ihn ablehnenden Madame Faucon in seinem Haus gelandet ist. Womöglich hat sie doch sehr vehement darauf gehofft, mit deiner Schwester Miriam im selben Haus zu wohnen", sagte Viviane und sah Millie an. "Die hat die Glocke über dem roten Tisch achtmal zum läuten gebracht, sowie deine Schwester Martine und du selbst. Nur deine Mutter war damals noch früher zugeteilt."

"Claudine ist bei den Roten!" wiederholte Julius Vivianes Nachricht mit großem Erstaunen. "Ja, und der Rest des Clubs der guten Hoffnung, Viviane, Norbert, Nestor, Boreas und Notus und die anderen?"

"Allesamt bei den Roten, wobei Boreas und Notus fast auch zu den Blauen hätten gehen können, und Norbert fast ein Bewohner des violetten Saales geworden wäre. Der hat elf Schritte gebraucht, bis die Glocke über dem roten Tisch läutete. Nesttor hat dies schon nach sechs Schritten geschafft. Orion hat danach vollmundig getönt, dass jeder Bube und jedes Mädchen, das mit seiner Fürsprache unter dem Dach seiner Nachfahren gezeugt wurde im roten Saal unterkam und Claudine somit keine andere Wahl gehabt hätte. Na ja, ein Kraftprotz und Prahlhans war er schon im Leben."

"Dann ist klar, dass du damals von Camille, Jeanne und vor allem Claire darauf eingependelt wurdest, dass du im grünen Saal unterkommst, Julius. Wenn Claudine und Miriam derartig darauf hingehofft haben, im selben Schlafsaal zu wohnen hat der Teppich das sicher erkannt. Außerdem, Julius, haben wir ja mitbekommen, wie entschlossen und durchsetzungsstark Claudine ist. Sowas ist bei uns roten immer besser aufgehoben als bei euch Grünen."

"Ich weiß nur, dass ich in Hogwarts bei der Auswahl drauf hingewirkt habe, nicht in Slytherin zu landen. Mit dem Farbenteppich habe ich mich nicht so auseinandergesetzt", erwiderte Julius, was er schon mal geäußert hatte. "Ganz sicher hast du das, und du hast ja gesehen, dass bei dir auch rote und blaue Eigenschaften drin waren. Wenn du da hingewollt hättest wärest du dann wohl auch bei uns gelandet. Aber wie vermutet haben die Damen Dusoleil dich damals so sehr auf den grünen Saal eingeschworen, dass du da landen musstest, zumal du ja auch die nötigen Anlagen dafür mitgebracht hast", erwiderte Millie.

Da trompeteten beide Pappostillon-Bilder, über die die Latierres untereinander Texte verschicken konnten. Hippolyte Latierre teilte mit, dass Miriam "wie ganz klar zu erwarten war" im roten Saal gelandet sei und auch dass Claudine es irgendwie geschafft habe, ihre blauen und grünen Anteile vom Teppich "herunterzutreten" und jetzt mit dem ganzen Club der guten Hoffnung in derselben Klasse lernen würde.

"Viviane, weiß Camille das mit Viviane und Claudine schon?" fragte Julius. "Nein, ihr solltet die ersten sein, die das erfahren, weil ich schneller sein wollte als eure Familienpostbilder. Das ist mir gelungen. Jetzt wird mein bei Camille und Florymont aushängendes Gegenstück die frohe Botschaft weitergeben."

"Tja, Catherine, da wirst du dir wohl von deiner Tante Madeleine und von deiner Maman noch was anhören dürfen", meinte Julius. Millie grinste. Aurore kam herein und fragte, was los sei. Ihre Eltern erzählten es ihr. "Och, dann wohnt die Claudine jetzt mit Tante Miriam zusammen. Lustig!" bemerkte die achtjährige Junghexe breit grinsend. "Joh, das finden ziemlich viele andere Leute auch", meinte Julius dazu.

Tatsächlich erschien Catherines Kopf am Abend noch im Kamin der Latierres. "Tante Madeleine meinte, dass Claudine offenbar nicht oft genug bei ihr getrunken hat, dass die blauen zu roten Eigenschaften umgeschlagen sind. Ich habe ihr dann noch einmal klargemacht, dass auch meine Mutter rote Eigenschaften gezeigt habe, aber am Ende doch zu den Grünen gekommen sei. Das hätte Claudine nun über mich hinweg vollendet. Gut, meine Frau Mutter wird damit leben müssen, zumal sie ja keine Saalvorsteherin mehr ist. Ich habe Claudine nur eine Eule geschickt, nicht zu jammern, wenn sie mit Miriam schon nach einer Woche Krach kriegen sollte."

"Und wie steckt Joe das weg, dass seine zweite Tochter jetzt im Haus der wilden Mädchen und ruppigen Jungs wohnt?" fragte Julius. "Dem ist es egal, solange Claudine nicht dazu erzogen wird, ihn als "armen Muggel" zu bedauern oder zu verachten", erwiderte Catherines Kopf.

"Du nimmst es mit Humor", grinste Julius. "Tja, was bleibt mir übrig, Julius. Soll ich so verbittert schnauben wie Cassiopeia Odin, als ihre Tochter Melanie im roten Saal gelandet ist? Nein, das wäre so sehr unter meiner Würde, dass ich mich im Spiegel nicht mehr ansehen könnte, und bei meinen repräsentativen Auftritten muss ich das können. Dann habe ich eben eine kleine wilde Hexe auf die Welt gebracht. Die darf sich jetzt mit Professeur Fixus und Laura Rochers Nichte Alice herumschlagen."

"Och, ist Cesarrs kleine Cousine jetzt doch zur Saalsprecherin der Roten geworden. Wieso hat der das nicht rumgereicht oder dem seine Mémé Laura?" fragte Millie.

"Weil das nach meiner Kenntnis erst vor vier Tagen entschieden wurde. Man hat sich offenbar lange darüber unterhalten, ob sie erst Silber oder schon Gold an den Umhang geheftet bekommen soll", sagte Catherines Kopf. "Aber Psst! Meine Frau Mutter könnte mir Indiskretion vorwerfen."

"Jedenfalls wissen wir jetzt, wer wo untergekommen ist. Vielleicht wird Claudine dann auch eine Goldbroschenträgerin wie Babette", vermutete Julius.

"Da müsste Miriam aber von der Schule fliegen, bevor das passiert, Julius", meinte Millie. "Meine Mutter hat die Serie eröffnet, Tine und ich haben sie fortgesetzt. Da wird Miriam garantiert nicht danebenhauen."

"Aller guten Dinge sind drei, Millie. Also müsste jetzt erst mal Schluss mit der Serie sein", erwiderte Julius.

"Wir werden es erleben, in frühestens fünf Jahren, wenn Rorie, Chrysie und Clarimonde in Beaux sind."

"Gut, ich wette nicht mit einer Latierre", erwiderte Julius, weil er sich noch viel zu gut daran erinnerte, dass Blanche damals noch Rocher eine solche Wette verloren hatte.

Um zehn Uhr beschlossen alle zwölf Latierres, dass es nun Bettzeit war. Für Aurore ging ja morgen das dritte Schuljahr los. und Chrysope hatte zwei Tage später ihren allerersten Schultag im Leben.

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Zaubereiministerium von Frankreich, 25.08.2008

Julius hatte von Barbara Latierre die Anweisung erhalten, um halb neun bei ihr anzutreten. Deshalb überließ er es Millie und Béatrice, Aurore in ihr neues Schuljahr hineinzuwinken.

Als er bei seiner Schwiegertante Barbara im Büro eintraf grinste sie ihn an, als habe sie ein Spiel oder eine Wette gewonnen. "Na, auch gehört, dass Catherines unter dem Dach der Latierres empfangene Tochter mit meinen beiden Raufbolden und deiner Schwägerin Miriam im roten Saal untergekommen ist?" fragte sie ihn. "Wir haben ja wegen meiner Verwandtschaft zu den Eauvives auch ein Bild von Gründerin Viviane. Die hat uns das brühwarm erzählt, als alle durchgereicht waren. Aber sie hat uns nicht erzählt, wie viele andere Mädchen noch im roten Saal untergekommen sind."

"Boreas hat es mir gleich am Abend geschrieben. Ottos, Raphaelles und meine Jungs sind alle im selben Schlafsaal untergebracht. Bei den Mädchen sind es nur vier, eine Annabelle Beaufort, dann Claudine, Miriam und eine Yvette Sarcozy."

"Häh?! Sarcozy? So heißt der nichtmagische Staatspräsident", entfuhr es Julius. "Das hat uns bisher aber keiner erzählt."

"Ach ja. Hatte der auch Verwandte auf Martinique. Laut Boreas ist sie eine Kreolin mit pechschwarzen, bis auf die kakaobraunen Schultern fallenden Locken", erwiderte Barbara Latierre.

"Hat der das so geschrieben? Am Ende kriegst du eine Schwiegertochter, die mit diesem Choleriker und Hetzer aus dem Élysée-Palast verwandt ist", meinte Julius. Er mochte Sarcozy nicht, seitdem der im November 2005 so heftig über die auf Randale ausgegangenen Leute in den Banlieus hergezogen hatte und damit Öl ins bereits lodernde Feuer gegossen hatte. Sich vorzustellen, dass der eine Hexe in der Verwandtschaft hatte, die dann auch noch zu den frei heraus fühlenden Roten gekommen war hatte schon was sehr skuriles, fand er.

"Soweit der Familientratsch, Julius. Zur heutigen Tagesplanung. Du begibst dich nachher noch einmal in die Stadt von Maritia und Undor. Deren Gesandter hat herumgedruckst, dass wir womöglich bald ein größeres Problem kriegen könnten als nur, ob der König aus der Ägäis einen Krieg gegen die nichtmagischen Landbewohner entfacht."

"Entfacht?" wiederholte Julius das letzte Wort. "Hallo, jetzt komm mir gütigst nicht damit, dass ein Wassermensch keine Feuermetaphern gebraucht, das weiß ich selbst! Er würde es wahrscheinlich als Woge der Wut und Vergeltung bezeichnen. Aber was für dich wichtig ist, du möchtest bitte nachhaken, was an der Behauptung von Undors Gesandten dran ist. Seine Gattin Maritia hat ausdrücklich um dein Erscheinen gebeten, offenbar weil sie dir mehr vertraut als den anderen Außendienstbeauftragten. Also, du reist in einer halben Stunde von hier ab. Ich lasse dir gerade eine Vollmacht auf Pergament und auf Meerisch auf Granit ausstellen, dass du mit meiner und der Ministerin Befugnis alle Fragen stellen und klären darfst, die sich ergeben. Lass dich von Undor nicht einschüchtern, wenn es um Sachen gehen sollte, die nur die Meerleute wissen sollen! Als Veela-Beauftragter hast du auch von denen einiges mehr erfahren, als dass sie sich für die schönsten Wesen unter dem Himmel halten. Das kriegst du mit den Meerleuten auch hin."

"Warum will sie mich da haben?" fragte Julius.

"Wie erwähnt hat der Gesandte nur weitergegeben, dass sie auf dein Erscheinen besteht und ihr Gatte Undor damit einverstanden ist. Deshalb machen wir das auch so. Ach ja, Vorher darfst du den Damen Grandlac einen Besuch abstatten und einen Bericht über dieses Kunststoffzeugs namens PET abholen, was immer die Abkürzung bedeutet", sagte Barbara, immer noch die rein familiäre Anrede benutzend, weil ja sonst keiner in Hörweite war.

"Polyethylenterephthalat, ein vor allem bei Getränkeflaschen benutzter Leichtkunststoff auf thermoplastischer Basis", kam es von Julius wie aus der Pistole geschossen. "Dann wirst du dich mit Amélie gut verstehen. Die hat angekündigt, einen mehrseitigen Bericht darüber verfasst zu haben, wie der auf die bisher bekannten Entgiftungs- und Reinigungstränke anspricht. Sie braucht wohl auch einen Festen Körper aus jenem Material und ließ anklingen, dass du sehr leicht darankämst."

"Wenn ich kurz aus dem Ministerium raus darf habe ich in fünf Minuten eine Flasche aus dem Material beschafft. In Paris gibt es genug Supermärkte und kleine Getränkeläden."

"Oh, dann brauchst du Euros?" fragte Barbara. "Ich habe immer welche mit, seitdem ich schon mehrmals zwischen den Welten hin- und hergesprungen bin", sagte Julius. "Gut, du erwirbst eine solche Flasche und lässt dir das auf jeden Fall quittieren. Das läuft über das Konto Forschungsmaterial für Außenstudien."

"Alles klar, Madame Latierre", erwiderte Julius. Dann fiel ihm noch was ein, wo ihm in Aussicht gestellt wurde, alle anstehenden Fragen stellen und beantwortet bekommen zu dürfen.

"Die Stadt vor der Mittelmeerküste ist mit demselben Schutz versehen wie der Schulstrand von Beauxbatons", begann er. "Will heißen, Professeur Fixus hat denen erklärt, wie dieser Schutzbann gegen Giftstoffe wirkt, dass die Meerleute ihn unabhängig nutzen und warten können. Darf ich die dann fragen, ob wir im Gegenzug zur Absicherung ihrer Hoheitsgrenzen und Verbesserung der Schutzmaßnahmen erfahren dürfen, wie diese Schutzvorkehrung wirkt?" Barbara Latierre wiegte den Kopf und lachte dann lauthals los. "Natürlich, dass ich da nicht gleich drauf kam, Julius. Natürlich haben Hautcour und Fixus damals eine für die Meerleute verständliche und vor allem handhabbare Version ihres Schutzzaubers für den Schulstrand entwickelt. Die Meerleute haben es aber bis heute nicht an uns von der Abteilung für magische Wesen weitergeleitet, wie dieser Schutz wirkt. - Ja, du darfst ihnen anbieten, dass wir eine Möglichkeit hätten, deren Hoheitsschutz und Giftschutz zu verbessern, wenn diese auf die bereits vorhandenen Schutzmaßnahmen gründen können. Je danach, was sie gerade noch dringenderes zu bereden haben dürfte zumindest Maritia in einer zugänglichen Stimmung für derartige Nachfragen sein. Versuche alles, wo Undor mit zu tun hat, vorher zu klären und übergib ihr dann noch eine auf Stein gravierte Anfrage, ob sie uns helfen mag, die Schutzmaßnahmen mit Hilfe der bereits im Gebrauch befindlichen Maßnahmen zu verbessern! Dann bräuchten wir die Entgiftungs- und Abfallbeseitigungszauber nicht vollständig neu erfinden oder besser andere Wege dorthin entdecken."

Sie ließ schnell noch eine entsprechend formulierte Anfrage zu Maritias Händen in Stein gravieren und benutzte einen Zauber, den Julius noch nicht kannte. Hierzu legte sie den gravierten Stein in eine Schale mit Meerwasser, piekste sich mit einer Silbernadel in die Fläche der Hand, mit der sie ihren Zauberstab führte und ließ einige Tropfen eigenes Blut in die Schale fallen. Dann heilte sie die Wunde mit "Injuri clausa!" und ließ den Zauberstab über der Schale kreisen.

"Sanguis meum sanguinem maritiae filiae marum solum scriptum revelio nunc!" Beim letzten, den Zauber aktivierenden Wort tauchte sie die Zauberstabspitze ins mit ihrem Blut angereicherte Wasser. Unvermittelt glühte der Stein mit der Gravur blutrot auf. Das Wasser kräuselte sich leise plätschernd. Dann erlosch das rote Glühen und das Wasser beruhigte sich ebenfalls wieder.

"Den kanntest du noch nicht, habe ich gemerkt. Den hat meine Großmutter und Namensgeberin erfunden, um nur denen Mitteilungen zukommen zu lassen, die die Träger des wahren Namens sind, der bei diesem Zauber vereinbart wurde. Nur wenn Maritia im Wasser schwimmend den Stein anfasst kann sie die darin eingravierte Schrift lesen, Julius. Da dies zu den Latierre-Geheimnissen gehört darfst du das wissen. Öhm, du darfst ihn sogar lernen, aber nur von der Erfinderin selbst oder im Falle ihres Ablebens von ihrem erstgeborenen Kind."

"Den kannte ich echt noch nicht, Tante Barbara", sagte Julius. "Öhm, das geschriebene kann dann aber nur von ihr gelesen werden, solange sie den Stein in der Hand hält, richtig?" fragte er noch. "Ja, das ist vollkommen richtig. Sage ihr, dass du sie von jener grüßen möchtest, die vor zwanzig Jahren mit ihr die vier blauen wilden Fohlen eingefangen hat! Dann weiß sie auch, dass es nur für sie alleine bestimmt ist." Julius bestätigte es. Dann machte er sich auf den Weg, die PET-Probe zu beschaffen.

Eine Viertelstunde später übergab er den beiden Grandlac-Schwestern eine anderthalb Liter fassende PET-Flasche mit Limonade. "Das ist eine Einwegversion, die im Plastikmüll entsorgt werden muss und nicht als Pfandflasche immer wieder neu gefüllt wird", erklärte Julius, während die zwei Zaubertrankexpertinnen den Inhalt der Flasche in einen Kessel schütteten und die Flasche dann selbst mit sehr scharfen Messern in kleine Stücke zerschnitten. "Die Plastizität dieses Materials ist ein wenig gewöhnungsbedürftig", sagte Eugénie Grandlac. "Wir können aber so auf jeden Fall prüfen, wie mikroskopische Anteile davon bei Marseille oder Cannes im Meer landen. Wie gut kennen Sie sich mit diesem Kunststoff aus, Monsieur Latierre?"

"Ich könnte Ihnen die Summenformel gemäß der Internationalen Union praktisch angewandter Chemie aufschreiben. Bei der Strukturformel, also wie die einzelnen Grundstoffatome sich im Verbindungsmolekül verteilen müsste ich mich noch einmal schlau lesen. Aber wenn mir Madame Barbara Latierre gestattet, hierzu an die Rechner zu gehen, die im Koexistenzbüro benutzt werden kann ich die ausdrucken und vielleicht sogar als 3-D-Druckansicht reproduzieren, falls Sie das brauchen."

"Wie wollen die Magielosen Stoffepanscher denn erkennen, wie eine Substanz in ihren Atomen aussieht?" fragte Eugénie Grandlac. Julius überlegte, ob er die Frage noch beantworten konnte. Einmal hatte er sie seinem Vater gestellt, als er gerade neun Jahre alt war. Vielleicht hatte er das auch mal aufgeschrieben und noch irgendwo in der Kiste mit den früheren Hausaufgaben vor und während Hogwarts. Deshalb sagte er: "Ich weiß, dass es darauf eine Antwort gibt, die auch Schulkindern begreiflich gemacht werden kann. Aber ich müsste dazu eben noch einmal nachlesen."

"Die Einzelstoffbestandteile haben wir ja herausbekommen und auch, dass dieser Kunststoff mit PET abgekürzt wird. Mehr müssen wir im Moment nicht wissen."

Julius reiste wie angewiesen zu einer kleinen Insel vor der Küste von Cannes. Dort tauchte er im Schutz des Ministeriums ausgeborgten Duotectus-Anzuges in eine Unterwassergrotte hinab, wo er den Gesandten der Meereskolonie von Maritia und Undor traf. "Die beiden Stadtmeister erwarten Sie schon mit Ungeduld, seitdem sie erfuhren ... Aber das sollen sie Ihnen selbst mitteilen", sagte der Gesandte namens Trimarinus. Dann jagten er und Julius auf einem Hippocammpus ins Mittelmeer hinaus und tauchten auf den Grund, wo die Unterwasserstadt lag, die für Landmenschen schwer bis gar nicht auszusprechen war und deshalb nur "Die Stadt vor der Küste" genannt wurde.

Mit der steinernen Legitimation in Händen betrat Julius den Ratssaal des Versammlungsgebäudes. Dort warteten bereits Maritia und Undor. Er grüßte die beiden und übergab Maritia den "Gruß von der Dame, die vor zwanzig Jahren mit Ihnen wilde blaue Fohlen eingefangen hat". Maritia nickte wie eine Landmenschenfrau und legte den äußerlich glatten Stein sicher fort. Dann wandte sie sich Julius zu und sprach:

"Eine Gruppe ungeduldiger, wohl verzweifelter wie auch unbedächtiger Bürger aus Bathos' Königreich durchschwimmen seit einigen Tagen die Meere, um dorthin zu gelangen, wo nach den alten Überlieferungen das Haus des übermächtigen Herrschers sein soll. Wir hatten gehofft, dass dies nicht geschieht und haben sogar gehofft, dass unser Nachbar Marinellon sie ergreifen kann oder sie bei der Durchquerung unseres Hoheitsgebietes aufgehalten werden können. Aber wenn Fürst Granolarios Krieger sie nicht noch ergreifen oder im Kampf vernichten könnten sie in zwei bis drei Tagen dort eintreffen, wo das alte Erbe ruht und laut einer klaren Übereinkunft zwischen uns Hoheitsgebieteinhabern auch weiterruhen sollte." Dann deutete sie auf ihren Gatten und fuhr fort: "Er dort war der Ansicht, dass dies nur unsere Sache und unsere alleinige Angelegenheit sei, es zu beheben. Doch weil es auch euch Landmenschen betrifft, ob ihr in Zukunft noch unbehelligt an den Meeren weilen oder gar darauf herumfahren könnt und ob wir demnächst nicht nur niedere Mägde und Knechte, sondern eingepferchtes Nutzvieh sein werden haben wir beschlossen, dass ihr es wissen sollt und falls es in eurer Macht liegt, das Unheil zu verhindern."

"Falls wir dann nicht deren niedere Knechte und Mägde werden, Maritia, vergiss das nicht. Du setzt zu viel Vertrauen in diesen Landbewohner. Was wird sein, wenn sie das Erbe an sich bringen und uns damit niederhalten, dass sie es jederzeit erwecken können", warf Undor ein.

"Ja, nur wenn Bathos' abtrünniger Bewahrer das Erbe erreicht und es wirklich einem Träger königlichen Blutes in die Hände legt ist dein Leben nicht mehr viel wert, Undor", sagte Maritia.

Julius verlangte dann eine genaue Auskunft, wo dieser alte Herrscher, der als Vorlage für Poseidon und Neptun gedient haben mochte, gelebt hatte. Doch da wollte Undor schon nicht drauf eingehen. "Nur ein Meeresgeborener darf dieses Wissen besitzen. Außerdem wird Fürst Granolario mit seinen Kriegern diese Unseligen aufhalten und entweder einkerkern oder töten. Du traust diesem Pontodromos zu viel Macht zu."

"Weil er ein Bewahrer ist und weil er sicher mit mehreren Meistern der Lenkung unterwegs ist. Er hat es bisher geschafft, den Umgebungshorchern und Wassersängerinnen zu entgehen, Undor. Wir dürfen uns nicht mehr allein darauf verlassen, dass ein anderer sie aufhält."

"Wurden die anderen, an deren Küsten Reiche der Meereskinder liegen unterrichtet?" fragte Julius.

"Nein, wurden sie nicht, weil Bathos seine Boten zurückgeholt hat und weil zwischen Granolario und dem Sprecher der Zauberstabträger Pataleón dieses sehr eingeschränkte Verhältnis besteht", knurrte Undor.

"Dann muss er es wissen, wo sie suchen müssen, Undor. Auch wenn er eindeutig kein Sohn der Meeresvölker ist", widersprach Maritia ihrem Mann.

"Du willst unser Schicksal in die Hände dieses jungen Landbewohners legen?" schnaubte Undor verärgert.

"Von wollen kann nicht die Rede sein, Undor. Wir müssen etwas unternehmen, damit wir nicht schon im folgenden Mondviertel zu Weide- und Schlachtvieh abgewertet werden", erwiderte Maritia.

"Du darfst es ihm nicht sagen, Maritia und auch nicht aufschreiben", sagte Undor. "Die Gesetze und die Übereinkommen verbieten das. Wenn wir dagegen verstoßen machen wir uns zu Gesetzlosen, frei verfüg- und erlegbaren, du, ich, alle, die mit uns blutsverwandt sind und alle, die uns zu ihren Sprechern erwählt haben."

"Tja, du hättest Funderior damals mit Granolarios jüngster Tochter zusammenkommen lassen sollen. Aber du wolltest keine Fürstentochter in der Familie", erwiderte Maritia. Dann blickte sie nach oben und verfiel in eine konzentrierte Haltung.

Julius fühlte, wie der unter dem Duotectus-Anzug getragene Heilsstern Ashtarias sanft vibrierte. Mehr passierte nicht. Dann sagte Maritia: "Du trägst auch einen inneren Panzer. Kannst du ihm entschlüpfen und für nur vier Atemzüge dein inneres Selbst bloßlegen?"

"Das tust du nicht, Landmensch. Ich habe dich hier eingelassen, weil meine Gattin sagt, dass du zwischen uns und den Landmenschen vermitteln sollst und du dich mit denen besser auskennst. Aber du wirst ihr nicht die Tür in dein Bewusstsein öffnen, damit sie dir unmittelbar in die Erinnerungen einflößen kann, was zu sagen ihr untersagt ist", grollte Undor und ging in eine Art von Kampfstellung. Julius blieb jedoch ruhig. Der Anzug würde ihn vor jedem Schlag oder Stich beschützen, weil diese Gewaltformen nichts anderes als auf kleinem Raum erhöhter Außendruck waren.

"Ich kann den Panzer nicht ablegen, weil er dazu gemacht ist, mich vor bösen Gedanken zu schützen und deshalb auch alle anderen fremden Gedanken von mir fernhält", erwiderte Julius, dem klar wurde, warum sein Heilsstern pulsiert hatte. Da streckte Maritia ihre mit Schwimmhäuten bewehrten Finger nach ihm aus und versuchte ihn bei den Schultern zu greifen. Doch wegen der Superglättefolie rutschten ihre Finger ab. Darauf wandte sie sich ihrem Gatten zu und sagte: "Gib mir die Erlaubnis, ihm zu sagen, was er wissen muss oder denke daran, dass du bald schon nur noch Fraß für den Übermächtigen sein wirst!"

"Es wird durch die Oberfläche ins Flüchtige dringen und damit verraten, was wir so lange verschweigen konnten", sagte Undor. Doch dann krümmte er sich zusammen, erbebte und schwamm dann reglos im Wasser als sei er tot.

"Das wollte ich nicht tun, aber er zwang mich dazu, ihm für tausend Atemzüge die Besinnung zu entreißen. Also höre gut zu und entferne dich schnell genug, bevor er wieder aufwacht", sagte Maritia. Dann verriet Sie Julius mit Gesten von Händen und Hinterflosse, dass er in der Nähe der mittleren von drei Schwestern in Granolarios Reich noch diesseits des engen Weltentores nach dem liegenden Berg und dem davor stehenden Hügelhaus suchen sollte. Im Haus selbst sollte sich das Vermächtnis des Gnadenlosen, übermächtigen Gottkönigs befinden, entweder im Raum des Schlafes, dem der Entscheidungen oder dem der Vergnügungen. Welcher Ort zutraf wusste nur der Herrscher selbst, als er seinem Dasein ein Ende machte und damit seine Macht für einen späteren Erben königlichen Blutes hinterließ. Als sie ihm das alles zweimal genau beschrieben hatte deutete sie auf den Vorhang vor der Beratungshalle. "Tauche unmittelbar von hier nach oben, bevor er hier wieder aufwacht und dich jagen lässt."

"Und dann, bin ich dann sowas wie ein geächteter?" fragte Julius. "Nur solange wie ein Mondviertel dauert. Danach giltst du als vom Wasser des Erfolges und Glückes umspült und durchtränkt und somit vom ewigen Meer beschützt. Dann darf er dich nicht mehr jagen lassen oder töten lassen."

"Ja, aber du, du hast ihn verraten", sagte Julius. "Ich habe mein und damit sein Fleisch und Blut beschützt. Er darf mir nichts tun, weil ich schon mehrere Kinder von ihm bekommen habe. Das ist ein uraltes Gesetz: Wer einem hilft, neues Leben zu erschaffen gilt als lebenslang zu beschützen und zu achten. Also sieh zu, dass du aus unserer Stadt hinauskommst!" zischte Maritia. Julius nickte. Ihm fiel ein, dass die heimliche Anfrage jetzt wohl nicht mehr beantwortet würde. Aber er fragte: "Kann die Dame mit den blauen Fohlen mit Ihrer Antwort rechnen?" Maritia blickte dahin, wo sie den ihr zugesteckten Stein hingesteckt hatte und antwortete: "Besser ist es, dass ich erst dann darauf antworte, wenn du nicht mehr gejagt werden darfst." Dann deutete sie energisch nach oben. Julius verstand. Dann schwamm er mit Hilfe des Duotectus-Anzuges schnell aus dem Beratungshaus und stieß sich kräftig ab. Dann dachte er die Freiflugformel aus Altaxarroi. Die wirkte auch unter Wasser. Ja, er fühlte sich schwerelos und dann, wie eine Macht ihn nach oben drückte, weg vom Zentrum der irdischen Schwerkraft. Das Wasser rauschte immer schneller und lauter an seinem unzerbrechlichen Kopfblasenhelm und seinem Körper vorbei. Dann durchbrach er die Oberfläche, ohne dass ihm der plötzliche Druckwechsel etwas angehabt hatte. Er schoss zwischen den Wellen hervor und stieg weiter nach oben. Er warf sich nach vorne und beschleunigte den Flug. Mittlerweile konnte er eine Stunde so fliegen, bevor er alle Ausdauer verbrauchte. Bis zum Land brauchte er nur zwanzig Minuten. Doch er musste aufpassen, dass er nicht gesehen wurde, weder von den Meeresleuten noch von den nichtmagischen Seeleuten und Fischern, die in der Gegend unterwegs sein mochten. Daher sank er bis knapp auf die Höhe der Wellenkämme und beschleunigte, bis er das Rauschen des Flugwindes um die immer noch herrschende Kopfblase hörte. Er fühlte wie sein Herz pumpte, erstens wegen der beinahe Schwerelosigkeit und dann noch wegen der Anstrengung. Als er nach nur zehn Minuten die Küste von Frankreich sah verzögerte er seinen Flug und glitt zwischen den wogenden Wellen hindurch, bis er über die rhythmisch rauschende Brandung hinwegjagte und dann nzweihundert Meter weiter landeinwärts aufsetzte. In dem Moment, wo er gelandet war klappte er den Kopfblasenhelm zurück und öffnete die Außentasche mit seinem Zauberstab. Als er diesen freigezogen hatte disapparierte er von hier.

Julius schrieb alle ihm mitgeteilten Angaben auf mehrere Blätter und berichtete Barbara Latierre, was passiert war. "Tja, dann darfst du eine Woche lang nicht mehr in Undors Revier einschwimmen. Öhm, für den offiziellen Bericht, du führtest einen Ganymedbesen in deinem Anzug mit. Dass du frei fliegen kannst braucht im Ministerium niemand zu wissen, der oder die nicht zu unserer Familie gehört. Ich gebe dir meinen seit zehn Jahren hier verwahrten Dientsbesen, damit du dessen Registrierung in den Bericht einfügen kannst."

"Und was machen wir wegen der Info wegen dieser Truppe, die diesen alten Herrscher wecken will?" fragte Julius. "Frag mich das nach dem Mittagessen, Julius. Ich muss es der Ministerin und allen anderen irgendwie mitteilen, ohne dich zu weit hineinzuziehen."

"Ich wage es, einen Vorschlag zu machen, der nur in diesem Raum bleiben kann, als Dictum Sub Rosa, Madame Latierre", setzte Julius an. Barbara Latierre nickte ihm zu.

"wir machen eine Clandestine Mission draus, auch schwarzes Unternehmen, also etwas, dass in keinenAkten auftauchen darf und nur denen bekannt ist, die daran teilnehmen und dem unmittelbaren Vorgesetzten, also in dem Fall dir und der Ministerin selbst." Barbara lauschte weiter. Julius legte ihr dar, wie er sich das vorstellte. Er bangte, dass es entweder zu tollkühn war oder Barbara Latierre ihm das nicht genehmigte. Dann sagte sie: "gut, bring in Erfahrung, ob Florymont euch dahinbringen kann, ohne dass die Meerleute euch unterwegs abfangen können. Passiert das muss ich wohl behaupten, nichts davon gewusst zu haben, geschweige denn, dass du in meinem Auftrag gehandelt hast. Dasselbe gilt auch für sie, Julius. Wenn sie also nein sagt gilt das, und wir müssen Minister Pataleón darauf hinweisen, was los ist und er muss dann entscheiden, ob seine Leute mit großem Besteck und lautem Getöse vor Menorca tauchen oder nicht. Letzteres würde den Fürsten Granolario ganz gewiss äußerst verstimmen. Dann erwähnte er, dass er den geheimen Nachrichtenstein weitergereicht hatte aber wohl erst nach dieser Galgenfrist, die ihm gegeben worden war, eine Antwort möglich sei. "Sie wird ihn dazu bringen, darauf einzugehen. Notfalls macht sie das, was viele Frauen machen, es ihm so schmackhaft machen, dass er es als seine eigene Idee verkauft, um vor seinen Leuten und den anderen Meerleuten ganz groß und weise zu erscheinen." Julius hätte fast losgegrinst. Recht hatte sie ja irgendwie."

"Dann bringen Sie es den Eheleuten Dusoleil bei, dass ich meine Hoffnungen auf sie setze!" Julius bestätigte es.

So geschah es, dass er bereits vor dem Essen wegen eines Außentermins in Millemerveilles das Zaubereiministerium verlassen konnte. Um die Familieneintracht der Dusoleils nicht zu stören aß er bei sich zu Hause und gab als Begründung für die frühe Heimkehr an, dass er noch etwas recherchieren musste.

"Claudine und Miriam haben übrigens die ersten Bonuspunkte geholt. Sie hatten heute die erste Stunde bei Professeur Dirkson und dann noch bei Professeur Bellart. Madame Denk-nicht-dran und Kampfmeister Delamontagne sind morgen dran", sagte Millie. "Das liegt an den Schnarchfängervorhängen, dass sich Claudine und Miriam nicht gegenseitig was vorgeschnarcht haben", meinte Julius. Dann erwähnte er, was er über Yvette Sarcozy erwähnt hatte. "Also wenn die mit diesem Kerl aus dem Fernsehen verwandt ist, der im Élysée-Palast arbeitet, dann nur über vier Ecken, vielleicht über einen Cousin zweiten oder dritten Grades, Julius. Die Mutter ist auf jeden Fall eine karibische Hexe", wusste Millie.

Am Nachmittag suchte Julius Camille auf. Die war nicht alleine. Bei ihr war Catherine. Camilles Kinder wurden von Dénise und Uranie beaufsichtigt.

"War klar, dass Barbara dich gleich durch die Welt schickt, falls ihr zu Ohren kam, was die Liga gegen dunkle Künste mitbekommen hat. Oder bist du nicht wegen dieser sogenannten Pilgergruppe aus der Ägäis hier?" fragte Catherine. Julius blieb erst das Gesicht stehen. Doch dann schaltete sein Hirn in den richtigen Gang. "Hat einer von der Liga Beziehungen zu den Meerleuten?" fragte Julius Catherine.

"Ja, eine Kameradin, Aurelia Cinquetorri, nicht ganz zufällig die Nichte von Zaubereiminister Torregrande, Vivat Mepotismus!" grummelte Catherine. "Achso, Aurelia hat eine Merfrau als Großmutter und gilt als Quartärnereida, also als Nachgeborene dreier Landmenschen und einer Meerfrau wie Madame Nereides in Millemerveilles. . Ja, und weil deren Großmutter eine Tochter von Marinellon, dem Fürsten des italienischen Stiefels vom ligurischen bis adriatischen Meer ist besteht auch eine mentiloquistische Verbindung, ähnlich wie bei den Veelas. Ebenso wie bei denen heißt das unhörbares Fernsingen, wenn Blutsverwandte einander mentiloquieren und menti-imaginieren. Die können auch bildhafte Erinnerungen oder Vorstellungen übermitteln, was uns Menschenvolk bis heute nicht gelungen ist."

"Ja, und was genau hat die Signora Cinquetorri berichtet, wo dieses Erbe des unheilvoll übermächtigen Herrschers zu finden ist?" fragte Julius.

"Bei der Mittleren der drei vor Granolarios umsorgter Halbinsel gelegenen Schwestern. Der liegende Berg, den sie gebar, sieht auf das Haus des Herrschers. So hat uns die werte Aurelia Cinquetorri das weitergeschickt", antwortete Catherine. Julius nickte. "Passt zu dem, was mir Stadtmeisterin Maritia berichtet hat. Es ist die Baleareninsel Menorca. Allerdings wird die von Schwärmen von unterworfenen Raubfischen aller Größen und mindestens einem Kriegsschwarm Krieger aus dem Gefolge des dort herrschenden Fürsten Granolario bewacht. Würde mich echt wundern, wenn da wer schwimmend durchkommt."

"Wenn es Bewahrer der alten Lieder sind kommen die ganz locker an allen Kriegern vorbei, Julius", schaltete sich Camille ein. "Catherine ist zu mir gekommen, um mich als Vertraute von Wasser und Mond zu fragen, wie ich an einer Horde von hundert Haien oder speertragenden Unterwasserkriegern vorbeikommen könnte. Da habe ich ihr das erzählt und auch, dass meine Lehrmeisterin in der alten Stadt, die uns dreien wohl vertraut ist, erwähnt hat, dass die Kinder aller Meere, die nicht auf Beinen laufen, sondern Flossen wie Fische besitzen, diese alten Lieder lernen konnten und sie anwenden können, solange sie entweder männlich und unberührt von geschlechtlichen Vereinigungen sind oder weiblich und bereits Mutter oder Großmutter sind. Die Bewahrer bewahren die Geschichten und die Bräuche, also auch die alten Lieder des Wassers, während die Wassersängerinnen die Lider des Wassers von der Mutter zur Tochter oder der Tante zur Nichte weitergeben dürfen. Nicht immer gefällt das jenen, die bereits Kampferfahrung haben oder Vater wurden. Aber es ist nun einmal so", fügte Camille noch hinzu. Dann wollte sie wissen, ob Maritia ihm nicht ihr Wissen direkt ins Bewusstsein übermitteln wollte. Er bejahte es, erwähnte jedoch, dass der Heilsstern das verhindert hatte. "Womit wir beiden Süßen bei einer ganz wichtigen Sache sind", setzte Camille an. "Wenn wir Duotectus-Anzüge anziehen können wir unsere Heilssterne nicht herausholen oder bei Seite legen. Daher sollten wir, wenn Florymont sein Wasserspielzeug Nummer eins wieder Gezeitenfest bekommen hat einen ganz großen Schluck aus einem gewissen von mir geerbten Krug nehmen, Julius."

"Der Krug, von dem du mir mal was zu schlucken gegeben hast, damit ich mit der Eiskönigin aus Lahilliotas fruchtbarem Schoß fertig wurde?" fragte Julius. "Eben jener. Nur dass wer direkt daraus trinkt eine noch größere Schutzwirkung erfährt. Bei uns beiden ging das damals, weil wir durch Ashtarias Segen miteinander verbunden sind."

"Was ist mit dem Kormoran? Florymont meinte, der sei launisch wie der Mond geworden, seitdem er die mechanischen Fehler ausgebügelt hat", erwidere Julius.

"Ja, und weil das so ist braucht er noch Mondsteine, die auf die verschiedenen Mondphasen abgestimmt sind und dann noch das Lied vom Tanz zwischen Meer und Mond, weil alles andere für die Beweglichkeit unter Wasser nicht gut genug ist. Er meint aber, in zwei Tagen damit fertig zu sein", antwortete Camille.

"Dann können wir drei diese clandestine Unternehmung durchführen, von der du gesprochen hast, Julius", sagte Catherine. "Wir drei?" fragte Julius. "Ich hänge mit drin, weil ich die Information bekommen habe und jetzt wissen muss, ob sie stimmt und falls ja, ob es noch nicht zu spät ist. Außerdem habe ich das Amulett der Eulalia Bellavista von meiner Mutter bekommen, um weiter nach dunklen Hinterlassenschaften suchen zu können. Ja, und wenn stimmt, dass da etwas ist wie einer dieser Titanen, vor denen wir drei in der Stadt, die wir drei schon gut kennen, eindringlich gewarnt wurden, dann ist das sowas von dunkle Hinterlassenschaft, dass ich das keinem anderen zumuten will." Julius sah Camille an. Die nickte Catherine zu. Damit war klar, dass jedes Widerwort wertlos war.

"Hoffentlich kommen wir nicht an und sehen den Überriesen gerade wegschwimmen", meinte Julius noch. "Hoffentlich kommen wir nicht an und erfahren, dass er schon seit einer Woche frei herumschwimmt und die Meere unsicher macht", erwiderte Camille. Julius konnte auch hier nicht widersprechen.

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Im Meeresreich von Fürst Granolario XII., 25.08.2008 Menschenzeitrechnung

Pontodromos hatte ihnen offenbart, wo ihre Reise hinführte. Der Weg war jedoch ungleich gefährlicher als die bisherige Reise. Denn offenbar wusste der hiesige Herrscher und seine Krieger, wohin die Entschlossenen wollten. Hunderte von großen Raubfischen, jene die am Grunde entlangjagten und solche, die im freien Wasser zwischen Wellen und Meeresboden jagten drängten sich in der Nähe der mittleren von drei Inseln. Diese sollte das Ziel sein. Dort sollte ein waagerecht aus dem Felsen wachsender Berg die Stelle bezeichnen, wo das Herrscherhaus des Gottkönigs stand.

"Obacht, drei große Zweiflossenjäger hundert Längen voraus", sandte einer der mit der Kunst des Widerhallhörens vertrauter Tritone an die beiden ranghöchsten der Truppe, Ketopteryx und Amatheios. Charcharonikos, der Meister der Fischlenkung, sandte bereits mit leise summendenTönen Kräfte aus, um die vor ihnen schwimmenden Räuber zu bändigen. Doch als er sie erreichte prallte er auf einen felsharten Widerstand. "Beim Wasserfall in die grundlose Tiefe, die sind bereits unterworfen. Ah, sie haben gespürt, dass da jemand nach ihnen ruft. Sie kommen angeschwommen. Macht euch kampffertig!" warnte der Meister der Lenkung, der wusste, was ein gegnerischer Meister ihm entgegenwerfen konnte.

Sie hatten in der letzten Nacht bereits mehrere große Raubfische töten müssen. Dabei war einer der Krieger am Arm verletzt worden. Einer der mitschwimmenden Bewahrer hatte den Krieger mit Heilkräutern aus dem Meer behandelt und hoffte, dass diese noch nicht von den Giftstoffen der Landmenschen durchsetzt waren.

Die beiden großen Raubfische eilten nun zielsicher auf die sich in Stachelhäuterordnung zusammendrängenden Krieger zu. In der Mitte des kugelförmigen Gebildes waren die zwölf Bewahrer, die hier und jetzt nichts ausrichten konnten, sowie Ketopteryx.

"Nicht auseinandertreiben lassen!" rief Schwarmführer erster Ordnung Amatheios. Da kamen sie auch schon an, an der unterseite helle, mit zwei Flossen auf dem Rücken bestückte Jäger mit tödlichen Gebissen.

Die Fische konnten wegen der dichten Drängung der Entschlossenen kein einzelnes Ziel ausmachen. Sie umschwammen die zur großen Kugel zusammengedrängte Gruppe. Dann stieß der erste vor, um in das übergroß erscheinende Gebilde einzudringen. Sofort trafen ihn die mit Nesselgift versehenen scharfen Speerklingen im zuschnappenden Maul. Zwar brach einer der Speere unter der Kraft des Gebisses durch. Doch das Gift wirkte schnell. Der erste der beiden Raubfische erbebte. Dann schlug er in unbeherrschtem Drang mit seiner Hinterflosse um sich. Der im Maul steckende Speer bohrte sich tiefer in den Gaumen des Jägers. Dann erzitterte er noch einmal, um dann völlig reglos im Wasser zu treiben. Da kam der zweite Fisch von unten her angeschnellt und spießte sich selbst auf gleich drei Speere. Allein schon diese Wucht brachte ihm den Tod. Die drei Krieger, die den Angriff abgewehrt hatten, wurden so heftig zurückgeworfen, dass sie gegen die innerhalb der Kugel geschützten Bewahrer prallten. "Zehn weitere von denen haben das Blut geschmeckt und kommen. Auf den Grund runter!" rief Charcharonikos, der wieder versuchte, einen der Fische zu übernehmen und wieder gegen einen felsenharten Widerstand prallte.

Die Gruppe tauchte schnell nach unten weg. Bis zum Grund waren es hier neunhundert Längen. Für die Meeresgeborenen war das kein Hindernis. Doch wie tief konnten und würden die sie angreifenden Fische tauchen, um ihre Beute zu fassen?

Als die vorderen Räuber die Gruppe erreichten stieß Charcharonikos einen lauten schrillen Schrei aus. Ketopteryx dachte erst, dass der Meister der Lenkung lebensgefährlich verletzt worden war. Doch dann erkannte er, dass der ranggleiche Tritonenkrieger eine weitere Kunst anwandte, um sie zu schützen. "Wenn du einen Raubfisch nicht unterwerfen kannst jage ihm mit ungewohnten Tönen Angst ein!" so hatte auch Ketopteryx es gelernt. Diese Fertigkeit durfte aber nur dann verwendet werden, wenn der Angriff nicht mehr anders aufzuhalten war. Denn das laute Schrillen konnte im Hinterwasser wartenden Kriegern verraten, wo ihre Gegner schwammen. Doch das schien jetzt sowieso unwichtig, da sie entdeckt worden waren.

Die heranjagenden Fische gerieten wegen des schrillen Geheules von Charcharonikos aus der Bahn. Sie taumelten über die tauchenden Meereskinder aus Bathos' Reich hinweg. Die noch weiter entfernten Fische wurden langsamer und zogen sich dann zurück. In den hohen Tönen steckte etwas, was die von Trieben gesteuerten Wasserwesen in Angst versetzte. Das sollte bei Jägern, die sonst keine Feinde außer waffentragenden Land- und Wassermenschen zu fürchten hatten etwas heißen.

"Umgebungshorcher", gab einer der Truppenmiglieder in der Klicksprache der Tritonen eine Warnung aus. Tatsächlich hörten sie das für Umgebungshorcher typische Tschiumm, bei dem ein Laut von hohen bis ganz tiefen Tönen abfiel. Damit konnten die Umgebungshorcher am Widerhall erkennen, was genau um sie herum schwamm oder auf dem Grund lag.

"So gilt wohl, im Kampf das Glück zu rufen und uns der Macht der Vorsehung anzuvertrauen, auf dass sie uns hilft oder vernichtet", stieß Pontodromos voller Verärgerung aus. Die anderen Bewahrer und die Krieger wiederholten diesen Ausspruch, der unmittelbar vor einem Kampf gegen überlegene Gegner getan wurde.

Die Bewahrer fingen an, die Lieder des ersten Wassers zu singen, dem alles Leben auf der Welt entsprang und in das alle in Achtung der Gesetze versterbenden wieder zurückkehren durften. Die Krieger indes klickten sich gegenseitig zu, wie sie den Angriff der Fische und deren Lenker zumindest für eine Zeit zurückschlagen konnten. Ketopteryx erkannte, dass sein Weg in diesn Wassern enden mochte. Wie hatte er auch denken können, dass der Herr dieses Meeresgebietes nicht wusste, dass dort das Haus des Gottkönigs stand? Es war sowas von sicher, dass er es von treuen Truppen umschwimmen ließ, um unerwünschte Eindringlinge aufzuhalten und falls nötig zu töten. Die ganze lange Reise war von Anfang an zum scheitern verurteilt gewesen. Wieso hatte er sich darauf eingelassen, von Pontodromos als Erbe des Gottkönigs anzuschwimmen?

"Grund in fünfzig Längenunter uns!" warnte ihn Amatheios. Er wurde schlagartig langsamer. Dann waren sie auf felsigem Untergrund. Die Kampfordnung musste nun nicht mehr nach unten sichern. Deshalb konnten sie alle sich zu einer noch dichteren Halbkugel zusammendrängen. Wieder waren Pontodromos und Ketopteryx im Mittelpunkt der schützenden Anordnung. Dem Enkel von König Bathos missfiel es nun, dass er von allen seiten umringt war und selbst nicht kämpfen konnte. Dieses Gefühl der Hilf- und Wertlosigkeit trieb seine Verärgerung wie ein Sturmwind die Wellen. Was, wenn alle getötet wurden und er übrigblieb, ohne einen Speerstoß angebracht zu haben. Sollte er sich gefangennehmen lassen, oder wollte er es hinnehmen, dass die Gegner ihn einfach so mit Korallendolchen, -schwertern oder Nesselgiftspeeren töteten? Keine wirklich ruhmreiche Zukunft für einen, der sowieso kein Herrscher werden würde.

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Er nannte sich in aller Bescheidenheit nur Fürst, weil er eben einer von fünfen war, die in unmittelbarer Nachbarschaft kleinere Meeresabschnitte beherrschten. Doch Granolario aus dem Geschlecht der Eisentropfen war von denen der mächtigste. Dass er nur Töchter hervorgebracht hatte war ihm am Anfang seiner Herrschaft als Makel ausgelegt worden. Doch als diese zwölf Töchter alle mit Söhnen der Nachbarfürsten vermählt wurden und so ein durch Blutsbande gewebtes Bündnis entstand hielten sie ihn nicht mehr für schwach, sondern von den Wassern des Erfolges umspült. Eine von Ihnen war damit geehrt worden, König Hypnopyros, den König der schlafenden Feuerriesn im abendlichternen Weltmeer aus dem Geschlecht der Goldtropfen zu späten Vaterfreuden zu verhelfen. Doch er hatte nicht nur eine gebärfreudige Gemahlin und zwölf Töchter, von denen zehn schon eigene Kinder hervorgebracht hatten, sondern noch drei Schwestern, von denen zwei mit den ranghöchsten Kriegern seines Herrschaftsgebietes zusammengesprochen worden waren. Seine älteste Schwester Merluzona hatte aber bis heute keinen gefunden, mit dem sie die fürstliche Blutlinie verlängern konnte. Eigentlich hatte er sie dem König der Feuerriesen weit in Abendlichtrichtung geben wollen. Doch dieser hatte nach der ersten Ansicht befunden, dass sie für ihn schon zu alt war. Er wollte eine "echte Meeresjungfrau" und keine alte Jungfrau. Das hatte Merluzona dem Goldtropfenerben nie verziehen. So hatte ihr Bruder, der Fürst, ihr freigestellt, sich den Mann für neuen Nachwuchs auszusuchen, vielleicht einen aus den zwei anderen Sippen, die es noch gab.

""Sie sind in die verbotenen Wasser eingeschwommen, mein Fürst", meldete Vierzähneträger Marfurio seinem Herrscher. Der oberste Krieger des Fürstentums im Meer der Costa Brava und der Balearen hielt ständige Verbindung zu den großen Kriegsschwärmen und vor allem zur Lenkergarde am Fuße der Insel Menorca, da wo der waagerechte Berg aus dem Sockel des Eilandes herausragte, vor dem wiederum jener aus großen Felsen errichtete Hügel aus dem Grund ragte, der eigentlich das Haus des übermächtigen Gottkönigs war und deshalb als verbotenes Gebiet galt.

"Ich sage es noch einmal ganz deutlich, Marfurio. Ihr dürft alle töten, die sich nicht gefangennehmen lassen, außer einen, der Ketopteryx heißt. Der stammt aus der Familie von Wellenschläger Bathos, der offenbar meint, jetzt sei die Zeit, König aller Meere zu werden. Ich will den lebend haben, und auch unversehrt, wenn deine Leute das hinbekommen."

"Ich habe diesen Befehl weitergegeben, mein Fürst und werde dafür bürgen, dass er befolgt wird", antwortete Marfurio und strich verunsichert über die aus Seetangfasern geflochtene Halskette, an der je ein gezackter Zahn eines von vier großen Raubfischen des verwalteten Meeresabschnittes hing.

"Das ist deine Pflicht als Herr der tausend Krieger, Marfurio. Falls nicht wirst du in der Höhle der Versager verhungern und vertrocknen."

"Ich bin mir dieser Folge eines Versagens bewusst, mein Fürst und trachte danach, sie nicht erleiden zu müssen", erwiderte Marfurio.

"Wache, bringt mir Meister Llanofondo!" befahl der Fürst. Einer seiner Leibwachen schwamm los, um den Befehl auszuführen.

"Was wollt Ihr mit dem geschichtenerzähler, mein Fürst? Wir wissen doch, wo der verbotene Hügel ist", wagte Marfurio den Befehl zu hinterfragen. "Wissen wir aber, wo der Eingang oder die Eingänge sind, Vierzähneträger Marfurio? Am Ende können die Eindringlinge am Grunde einen Einstieg öffnen, um in das Felsenhaus des Übermächtigen zu gelangen. Oder möchtest du unvermittelt von der Erbschaft des Übermächtigen überrollt werden?"

"Dann hätten wir den Hügel nicht seit fünfhundert Jahren absichern müssen", knurrte der oberste Befehlshaber der fürstlichen Kriegsschwärme. "Da sind wir uns doch völlig einig", erwiderte der Fürst.

"Mein Herr und Fürst, der meister der Geschichten Llanofondo, sowie seine sechs Schüler sind nicht in ihren Häusern oder in der Stadt der Herrschaft", meldete der ausgesandte Wachkrieger, als er nach einem Gezeitenzwölftel zurückkehrte. "Wie, der ist nicht aufzufinden? Hat er gesagt wo er hin will?" fragte der Fürst. "Nein, mein Herr und Fürst. Sie sind einfach weggeschwommen, offenbar durch einen geheimen Gang in der Nähe des Platzes der Ansprachen und Kundgebungen, mein Fürst."

"Wir hätten den bewachen lassen müssen", stieß Fürst Granolario sehr wütend aus. Denn ihm wurde gerade bewusst, was das Verschwinden der sieben Kundigen der alten Geschichten zu bedeuten hatte. Ihm wurde auch bewusst, dass Llanofondo auf diese eine günstige Gelegenheit gewartet hatte. Denn Granolario und seine Vorgänger hatten sehr streng darauf geachtet, dass niemand aus der Familie der Eisentropfen auf den Einfall kam, in den verbotenen Hügel hineinzuschwimmen. Alle wussten es, dass dies nur das Ende der eigenen Freiheit und der Anfang von einer neuen Gewaltherrschaft bedeuten würde.

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Sie wussten, wo sie waren. Die Krieger von Fürst Granolario hatten sie wie eine weitere große Kugelschale umschlossen, die sich enger und enger um sie zusammenzog. Die bisher auf sie angesetzten Jagdfische waren von ihren Lenkern zurückgerufen worden und hielten sich sicher im Hinterwasser bereit. Einzelne Ausbruchsversuche waren gleichbedeutend mit der Selbstentleibung. Doch sie waren Bathos' Krieger, dazu ausgebildet, bis zum letzten Tropfen Lebenskraft zu kämpfen. Dann sollte es in dieser Gezeit eben sein, dass sie alle eins mit den ewigen Wassern des Meeres wurden. Für König Bathos, den allwasserweiten Herrscher und für den großen Paisharaiondru, den Herren über Wogen, Meer und Grund!

"Seine Gnaden, unser Fürst Granolario, bietet euch zwei Möglichkeiten, Krieger von Bathos, dem König des östlichen Meeres", hörten sie über die Suchtöne der Umgebungslauscher hinweg die Stimme eines wohl kraftvollen Befehlshabers. "Gebt euch gefangen und unterwerft euch der Gnade unseres Herren oder findet euren Tod im sinnlosen Kampf!"

"Wer spricht?!" rief Amatheios, nachdem Pontodromos ihm das Zeichen zum Antworten gegeben hatte. "Dreifachschwarmführer Puñofondo. Wer antwortet?" ertönte die Stimme des Befehlshabers. "Schwarmführer erster Ordnung Amatheios, Diener der allwasserweiten Majestät, König Bathos, Herr des umschlossenen Meeres", erwiderte Amatheios.

"Er gibt sich größer als er ist", erfolgte die Antwort dieses Puñofondo. "Also, was wählt ihr?" fragte der Befehlshaber noch. Da klang eine in mittelhohen Tönen singende Stimme, die im Namen der ewigen Wasser zum Frieden aufforderte und alle, die dem ewigenWasser verbunden waren unterwarf. Ketopteryx fühlte, wie das Lied ihn immer mehr in eine beruhigte Stimmung versenkte. Zugleich hörte er, dass die Krieger des Fürsten ihre Waffen senken sollten. Dann tauchte der Sänger dieses Liedes aus den oberen Wassern zu den umschlossenen hinunter. Pontodromos erkannte an der Bekleidung und Verzierung von Kopf und Oberkörper, dass es ein Bewahrer der alten Bräuche war. Dann war dieser auch schon bei ihnen. In dem Augenblick begannen sechs andere Sänger mit einander ergänzenden Stimmen jenes Lied zu singen, dass einen Krieger vom Kämpfen abhielt. Dagegen säuselte der herabgetauchte Bewahrer an und holte die hier unten festgesetzten aus jener einlullenden Ruhe heraus. Dann schwamm er voran und machte dabei mit der Hinterflosse Bewegungen, die den zwölf Bewahrern zeigten, dass sie ihm trauen und folgen durften. "Ihm nachgeschwommen", flüsterte Pontodromos und ließ die Botschaft weitergeben. Dann ergriff er Ketopteryx beim linken Arm und zog ihn mit sich. Der zweite Sohn des zweiten Sohnes von König Bathos hatte keine andere Wahl, als mitzuschwimmen.

Unter den vereinten, einander bestärkenden Gesängen von sechs anderen Bewahrern schafften es die 63 Entschlossenen, der Umschließung zu entschwimmen und dem leise gegen die einlullenden Stimmen ansingenden Bewahrer zu folgen, bis sie aus der Reichweite der gegnerischen Krieger heraus waren. Vor deren gelenkten Raubfischen mussten sie wohl auch keine Furcht haben, weil diese von ihren Lenkern zur Untätigkeit angehalten worden waren. Sie bewegten sich nur so, dass sie ständig frisches Wasser durch ihre Atemschlitze strömen hatten.

Als die Gesänge der sechs anderen nicht mehr von den weit oben rollendenWellen zu unterscheiden waren hörte der vor ihnen herschwimmende zu singen auf und winkte alle mit seiner Hinterflosse zu sich heran. Wieder bildeten sie eine Halbkugelschale, nur ohne nach außen gerichtete Speere.

"Ich grüße die Gruppe der Entschlossenen, die uns nach all den Jahrhunderten die Hoffnung auf die Rückkehr des mächtigen Herrschers bringt", sagte der, der sie gerettet hatte. "Ich bin Llanofondo, der Meister der altenGeschichten und Bräuche, durch Geburt dem Fürsten dieses Meeresabschnittes zum Dienst verpflichtet. Doch der Fürst will nicht anerkennen, dass er nur der Statthalter des mächtigen Herrschers aller Meere ist. Er lässt sich in den Fluten seiner Macht treiben, ohne zu bedenken, dass er eine Pflicht hat."

"Gruß dir, Bruder Llanofondo. Ich bin Pontodromos, oberster Kundiger der alten Geschichten und Bräuche im Reiche der allwasserweiten Majestät Bathos und von den Wassern der Vorsehung dazu ausgewählt, den großen Herrscher zu erwecken, auf dass er uns vom unerträglichen Treiben der achtlosen Landmenschen befreie und diese in ihre Grenzen zurückweist", erwiderte Pontodromos. "Ich erfuhr von dir, Bruder Pontodromos. Du hast den Träger königlichen Blutes, einen unberührten Sohn aus der Silbertropfensippe, davon überzeugt, dir bei deinem frommen Werk zu helfen?" fragte Llanofondo. Pontodromos bestätigte es und stellte Ketopteryx vor.

"Ein wohlgeformter junger Mann ist er, sicher bestimmt, königliche Nachkommen zu zeugen, wenn er da schon selbst kein König werden darf", sagte Llanofondo wohlwollend. "Das wird ihm, dem mächtigen Herren aller Meere und Gründe, sicher sehr behagen, von ihm erweckt zu werden. Du weißt, wo das Haus des großmächtigen Herren steht?"

"Mir ist der Ort bekannt. Doch wie dort hingelangen, wo dein Fürst uns seine ganze Kriegsschar entgegengeschickt hat?" fragte Pontodromos.

"Meine Lehrjungen und ich werden euch mit unserem Gesang Weg und Schild zugleich entbieten, bis ihr an den Eingang gelangt, der mit der dann geltenden Tageszeit übereinstimmt. Denn nur jener Eingang kann mit den gesungenen Schlüsseln entsperrt und aufgetan werden. Dir sind die Worte des gefahrlosen Eindringens bekannt, Bruder Pontodromos?" wollte Llanofondo wissen.

"Ich habe mehr als hundert Sonnenkreise damit zugebracht, sie immer und immer wieder in Erinnerung zu rufen", erwiderte Pontodromos. "So geleiten wir euch sicher durch die euch noch harrenden Kriegsschwärme und ihrer unterworfenen Fische. Folgt mir im Namen des großmächtigen Herrschers aller Herrscher über Wogen, Meer und Grund!"

Die Entschlossenen gehorchten ohne weiter nachzufragen. Pontodromos und Ketopteryx schwammen gleich hinter Llanofondo, dessen Lehrlinge bereits singend hinter ihnen herschwammen und ihnen damit Schutz boten. So schwamm die nun um sieben dem noch zu findenden Herrscher verbundene vergrößerte Gemeinschaft auf das erhoffte Ziel zu, um das Schicksal der Meere und der Lande zu ändern.

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In der Höhle der Beratung im Haus von Fürst Granolario, 26.08.2008 menschlicher Zeitrechnung, später Abend

Verrat. Dieser Prediger hat mich verraten!" ereiferte sich Fürst Granolario, als er erfuhr, dass die Gruppe der Eindringlinge fast ergriffen worden wäre, wenn da nicht die sieben Bewahrer alter Bräuche herbeigeschwommen wären und sie alle mit diesem widerwärtigen Lied der Kampfunwilligkeit geschwächt hätten. Dann waren die Eindringlinge einfach weitergezogen. Krieger, die das Lied hörten konnten ihnen nicht folgen, bis sie es nicht mehr hörten und dann auch erst, wenn die letzten Töne aus ihrem Bewusstsein verschwunden waren. Das war eindeutig Verrat und noch dazu ein gefährlicher Angriff auf das Fürstenhaus und seine Macht. Das durfte er nicht hinnehmen.

"Wir haben seit Jahren einen widerlichen Keim in unserer Gemeinschaft ausgereift, den Keim des Umsturzes und vor allem der Rückkehr in die längst vergangene Zeit der Gewaltherrschaft eines übergroßen, übermächtigen Ungeheuers aus der Vorzeit", beklagte der Fürst in Anwesenheit seiner Krieger und Kundigen. "Aber wenn die denken, dieses Ungetüm und seine zerstörerische Waffe neu zu beleben sollen sie sich getäuscht sehen. Marfurio, wir entsenden die stumme Garde. Hoffentlich kommt sie noch rechtzeitig beim verbotenen Hügel an."

"Mein Fürst, ist es nicht vielleicht sinnvoll und verspricht mehr Erfolg, wenn wir uns nun doch an ..." setzte Granolarios Berater für Verhandlungen und Nachbarschaftsbeziehungen an. "Nein!!! Diese spaltschwänzigen Holzstockschwinger, die nie gelernt haben, ehrlich zu kämpfen und die nur mit widernatürlichen Mitteln länger als zehn Atemzüge unter Wasser sein können bleiben gefälligst da, wo sie hingehören, auf dem trockenen Land!" schnitt der Fürst ihm sehr laut und unmissverständlich das Wort ab. "Denke nicht einmal daran, diese meine Anweisung zu missachten. Sonst wirst du auf dem Platz der Ansprachen und Kundgebungen gedreiteilt, und deinen Kopf werde ich entfleischen lassenund zur ewigen Mahnung über dieser Höhle hier an die Wand heften lassen", fügte Fürst Granolario noch eine furchtbare Drohung hinzu. Er fragte sich, ob er nur noch von Verrätern umgeben war und das schon seit Jahren. Nein! Er wollte sich nicht auch noch in einen Verfolgungswahn hineinsteigern und an jeder Ecke Feinde oder Verräter sehen. Dann konnte er sich ja gleich mit dem eigenen Dreizahnspeer den Tod geben und seinen Geist in das ewige Meerwasser ausströmen lassen. Das wollte er eben nicht.

Er schickte die stumme Garde aus, eine Gruppe von hundert besonderen Kriegern, die ein besonderes Merkmal hatten: Sie hatten niemals im Leben hören können. An und für sich war das ein Makel, mit dem niemand in der Gemeinschaft der Meerleute aufwachsen oder gar reich und mächtig werden konnte. Doch Granolarios Urgroßvater hatte erkannt, dass diese vom Schlüpfen an gehörlosen Wesen gegen viele auf das Gehör wirkende Zauberlieder gefeit waren. So hatte er die Stumme Garde ins Leben gerufen, einen Sonderschwarm, der vor allem gegen magische Widersacher eingesetzt werden sollte. Granolario verwendete die Zeichensprache mit Hilfe von Armen und Hinterflosse, um dem Schwarmführer erster Ordnung zu befehlen, was er und sein Schwarm zu tun hatten. Der gehörlose und stumme Schwarmführer machte die Hinterflossengeste für "Befehl verstanden!" Dann eilte er los, um seine Sonderkrieger zusammenzuwinken.

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Millemerveilles, 27.08.2008

Barbara Latierre hatte ihm bis zwölf Uhr freigegeben, um dabei zu sein, wie seine zweite Tochter Chrysope ihren ersten Schultag erlebte.

Zehn Elternpaare brachten sechs Mädchen und vier Jungen vor das Gebäude der Grundschule von Millemerveilles. Statt der Schultüten trugen die Jungen kleine Zaubererhüte mit dem goldenen Schriftzug "Mein erster Schultag" und die Mädchen grüne Haarschleifen mit dem goldenen Schriftzug "Mein erster Schultag". Die Ranzen der Jungen waren einfarbig mittelhell oder dunkel gefärbt. Die Mädchen trugen schrillbunte oder einheitlich hellblaue oder rosarote Ranzen mit ihren Namenszügen.

Chhrysope Martha Latierre trug zu diesem so wichtigen Anlass ihr himmelblaues Lieblingssommerkleid mit aufgenähten zwölfstrahligen Sonnen, die pausbäckige Gesichter zeigten und trug elfenbeinfarbene Halbschuhe. Ihre stolzen Eltern begleiteten sie ebenso wie ihre nächstjüngere Schwester Clarimonde.

Pünktlich um neun Uhr läutete die helle Schulglocke. Das Tor zum Schulhof tat sich auf. Auf dem Hof war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der zehn Drittklässlerinnen und Drittklässler mit verschiedenen Musikinstrumenten zusammenstanden, darunter auch Chrysopes große Schwester Aurore, die eine für Kinder zwischen sechs und elf benutzbare Harfe in den Händen trug. Die Musikerinnen und Musiker entlockten ihren Instrumenten kurze, klare oder trillernde Töne. Dann schienen sie von einem Erstarrungszauber ergriffen zu werden. Doch es war nur die Erwartungshaltung. Denn nun verließ Madame Dumas zusammen mit allen Lehrerinnen und Lehrern das Schulhaus.

Chrysope tippelte aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. Ihre Mutter legte ihr sacht die Hand auf die Schultern. Da beruhigte sie sich.

Direktrice Dumas, gekleidet in einen hellgrünen Festumhang mit Rüschen und Stehkragen, betrat die Bühne. Sie sah die bereits bei ihr lernenden Jungen und Mädchen und dann die zehn Elternpaare mit ihren ab heute "großen Kindern" vor dem Tor. Mit einem sanften Wink lud sie die Eltern ein, mit ihren Kindern auf den Hof zu kommen. "Ich könnte zwar den Sonorus-Zauber nutzen, um überall gehört zu werden. Aber man muss mich ja nicht in der grünen Gasse oder am Farbensee hören", scherzte die Grundschuldirektrice. Alle lachten. Madame Dumas wartete, bis alle wieder erwartungsvoll zuhörten. Dann hielt sie eine Rede zum neuen Schuljahr und zum Schulbeginn für die Erstklässler. Es war nicht dieselbe Rede, die sie bei Claudines und Vivianes oder Aurores Einschulung gehalten hatte. Doch es war dieselbe Aussage. Die Kinder sollten jetzt anfangen, richtig spannende, ja auch schwere Sachen zu lernen, was bestimmt nicht immer Spaß machte. Aber der Spaß würde kommen, wenn sie merkten, was sie alles konnten und dass das ganz wichtig war. Die Eltern bat sie wie üblich, weiterhin für ihre Kinder da zu sein, sich mit ihnen zu freuen, wie weit sie jedes Jahr kamen und gab ihnen die Zuversicht mit, dass sie immer ein Teil der Welt bleiben würden, in die ihre Kinder nun den nächsten großen Schritt machten. Dann stellte sie den neuen Schülerinnenund Schülern ihre Klassenlehrerin vor, Philippine Bleulac, die vor wenigen Tagen mit ansehen durfte, wie ihre letzte Klasse in der Reisesphäre nach Beauxbatons verschwunden war.

Die Drittklässler spielten zwei Stücke, in denen das ABC mit den entsprechenden Noten in der Melodie vorgestellt wurde und ein Lied über die fröhliche Morgensonne, die einen neuen, hellen Tag erhellte. Julius war sehr stolz, dass Aurore mit ihrer Kindderharfe so glasklare Akkorde und Läufe spielen konnte. Überhaupt freute er sich, dass Aurore neben ihrer umfassendenNeugier, Durchsetzungsfähigkeit und Besenflugbegeisterung vier Musikinstrumente spielen konnte, Blockflöte, Xylophon, Klavier oder andere Tasteninstrumente und eben auch die kleine Harfe, die ihr Pina Watermelon geschenkt hatte und somit heute ebenfalls hier mitzuhören war. Das war ja überhaupt eine Sache, wie Aurore die heutigen Musikstücke üben konnte, ohne dass Chrysope was davon mitbekam. Aber es hatte geklappt.

"Nun darf ich euch, die heute mit der Schule loslegen, nacheinander zu mir und Madame Bleulac hinrufen", sagte Madame Dumas. Daraufhin entstand über ihrem Kopf ein großes, goldenes Schild, auf dem in leuchtenden Buchstaben der erste Name erschien: "Antoine Rivolis!" Anders als in Beauxbatons wurde hier alphabetisch nach den Vornamen aufgerufen. Antoine, ein kleiner, leicht zum Übergewicht neigender Junge, eilte nach seinem Aufruf zur Bühne und stellte sich vor Philippine Bleulac hin. Dann kam "Claudia Duchamp", an die Reihe. Die war für ihre sechs Jahre schon sehr groß gewachsen, aber nicht so groß wie "Chrysope Latierre!" die nach ihr zur Bühne gerufen wurde.

Als alle sechs Mädchen und die vier Jungen in zwei Fünferreihen vor der neuen Lehrerin standen bedankte sich Madame Dumas für das Vertrauen der Eltern und versprach, es jeden Tag zu wahren. Dann gab sie die Anordnung: "Madame Bleulac, bitte führen Sie Ihre Klasse in den Unterricht!" Madame Bleulac winkte den Neuen zu, wobei sie Chrysope und den kleinen, pummeligen Antoine schon einbremsen musste, nicht an ihr vorbeizurennen. "Ihr müsst doch erst wissen, wo wir hingehen", lachte die Lehrerin und verschwand dann mit ihren zehn Erstklässlerinnen und Erstklässlern im Schulgebäude. Gleichzeitig schlug die helle Glocke in einzelnen Schlägen den Beginn des neuen Schultages. Alle anderen Lehrerinnen, Lehrer und Schüler kehrten nun auch in den Unterricht zurück. Aurore winkte ihren Eltern noch zu, bevor sie hinter ihrer Klassenlehrerin Mademoiselle Laurentine Hellersdorf im Schulhaus verschwand.

"Ichhabe jetzt noch zwei Stunden zur freien Verfügung", sagte Julius zu seiner Frau. "Dann bringen wir erst mal Clarimonde nach Hause, damit sie Trice und den anderen erzählen kann, wie Chrysie in die Schule reingegangen ist", bestimmte Millie.

Julius unterhielt sich noch mit Béatrice darüber, dass er wohl in den nächsten Tagen jene geheime Exkursion machen musste und dass er froh war, dass er mithelfen konnte, dass Chrysope und alle anderen Kinder in einer hoffentlich friedlicheren Welt aufwachsen durften.

"Julius, ich gehe davon aus, dass du lebend und gesund an Geist und Körper zurückkommst. Aber ich muss trotzdem fragen, was passiert, wenn du unterwegs sterben solltest. Immerhin habe ich uns beiden Félix geboren, weil die, von der du diesen Silberstern übernommen hast, wollte, dass der irgendwann von dir weitergegeben wird. Solltest du irgendwo im Meer bleiben - was ich wie gesagt nicht hoffe -, wie soll das dann mit dem Heilsstern laufen? Kann ich den finden oder landet der irgendwo, wo ich ihn für Félix abholen kann?"

Julius wusste auf diese verdammt ernste und wichtige Frage nicht die Antwort. Dann hatte er die Idee, den Stern hervorzuholen und sich an die Stirn zu drücken. Als er das tat wärmte sich das silberne Metall auf. Er dachte die Frage: "Ammayamiria, wo kommt mein Stern hin, sollte ich irgendwo sterben?"

"Dahin wo du deine schönsten und wichtigsten Spuren hinterlassen hast, Julius", hörte er Ammayamirias Stimme im Geiste. "Der Stern wird in eurem Haus erscheinen, solltest du ihn nicht von dir aus an Félix übergeben können. Béatrice kann ihn dann Félix umhängen, und ein anderer aus Ashtarias Linie kann ihm die wichtigen Anrufungen beibringen. Aber solltest du wirklich vorher sterben habe ich mit unserer Mutter vereinbart, dass du zu mir kommst und in meiner Obhut über Millemerveilles wachst. Leg's also besser nicht darauf an, vorher zu sterben, bevor Félix nicht deinen ersten Enkelsohn gezeugt hat!"

"Gibst du das auch an Camille weiter?" dachte Julius. "Deren Stern wird da landen, wo sie Jeanne zur Welt gebracht hat, damit die ihn sich abholen kann. Camille darf sich entscheiden, ob sie über die weltenbrücke gehen oder wie meine körperliche Mutter die Claire hieß mit Ashtaria vereint wird.""

"Ach, und ich darf mich nicht entscheiden?" fragte Julius. "Das hast du doch schon, als du dich entschlossen hast, von Ashtaria wiedergeboren zu werden und weil du mitgeholfen hast, dass Millemerveilles einen starken Schutz bekommt und als du den verwaisten Stern angenommen hast und weil du immer wieder von den Äpfeln isst oder deren Saft trinkst, die auf meinem Grab wachsen, Juju!" klang nun Claire Dusoleils Stimme in seinen Gedanken. Das versetzte ihm einen leichten Stich. Doch dann erfüllte ihn ein starker Wärmestoß durch den Heilsstern. "Also, solltest du unterwegs deinen Körper verlieren, nehme ich dich zu mir, bis Félix seinem eigenen Erben den Stern überreichen wird. Dann darfst du dich entscheiden, ob du in meiner Obhut bleiben, mit Ashtaria eins werden oder zu allen Vorfahren hinübergehen willst, die dir den Weg ins Leben ermöglicht haben. Bleib also besser am Leben", hörte er nun die vereinte Stimme Ammayamirias mit einem erhabenen, sein ganzes inneres Universum erfüllendem Hall. Einige Sekunden meinte er, frei zu schweben. Doch dann bekam er wieder Boden unter seine Füße. Der Heilsstern hörte auf zu pulsieren. Seine magische Wärme klang ab, bis er nur noch ein körperwarmes Stück Metall an seiner Stirn war. .

"Also, sollte ich abberufen werden kommt der Stern hier im Haus an, womöglich da, wo du Félix geboren hast. Jedenfalls weiß ich jetzt, warum ich besser noch weiterleben sollte", sagte Julius, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Was Ammayamiria ihm mitgeteilt hatte wollte er lieber bis auf weiteres für sich behalten.

Kurz vor zwölf Uhr apparierte Julius im Foyer des Ministeriums. Sein verkürzter Arbeitstag begann mit einem Mittagessen mit seiner Schwiegertante Barbara, die natürlich wissen wollte, wie Chrysopes Einschulung abgelaufen war und wie Aurore für sie und die anderen neuen Schulkinder Musik gemacht hatte.

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Vor dem verbotenen Hügel am Fuße des Landsockels von Menorca, 28.08.2008 Menschenzeitrechnung, weit nach Sonnenuntergang

Das Mondlicht reichte nicht mehr bis hier unten hin. So mussten die Umgebungshorcher der Entschlossenen ihre Abhörlaute machen, um den Weg zu finden. Auch alf ihnen der allen Wassermenschen eigene Sinn für die unsichtbaren Richtungskräfte der Erde. Pontodromos lauschte auf den über und hinter ihm klingenden Gesang der sechs Brüder aus dem Fürstentum von Granolario. Dann hörte er Llanofondo singen: "Da ist der waagerechte Berg. Er zeigt, wo das Haus des Herrschers ist, der verbotene Hügel."

"Lichter! Wir sind da!" rief Pontodromos. Die noch immer das Lied des ruhigen Wassers singenden Ordensbrüder Llanofondos ließen sich nun weiter zurückfallen.

Im blauen Schein der in kristallenen Kugeln an langen Korallenstangen steckenden Leuchtpilzgeflechte sahen sie, wie aus einer Seite des viele hundert Meter hohen Landsockels einer Insel ein viele hundert Längen großer Felsen herauswuchs wie ein Berg, der auf die Seite gelegt worden war. Nur zweihundert Längen davor erhob sich ein Gebilde aus vielen großen Felsblöcken, die zusammen einen Körper mit vier schrägen Außenwänden bildeten. Die Wände trafen oben zu einer gleichseitig viereckigen Spitze zusammen. Das ganze Gebilde war mit Schlamm, Algen und Sand bedeckt, so dass die Künstlichkeit dieses Hügels nur denen auffiel, die wussten, dass er künstlich war. in diesem an seinem Grund zweihundert mal zweihundert Längen messenden Gefüge sollte es also sein, das Erbe des Gottkönigs. Hier hatte vor Jahrtausenden der große Herrscher über alle Meere gewohnt und gewirkt, hier in der Nähe des schmalen Durchlasses zwischen zwei Landmassen, durch den es ins abendlichterne Weltmeer hinausging, hatte er das größte Reich beherrscht, dass jemals bestanden hatte. Ketopteryx meinte, den starken Hauch der Macht und Erhabenheit zu spüren, der von diesem Gefüge ausging. Er war ausersehen, den Herrscher aufzuwecken, ihm zu dienen, für ihn zu leben oder zu sterben. Auch pontodromos meinte, den Hauch des Mächtigen zu spüren. Es war für ihn wie ein lautloser Ruf, der ihn schon seit seiner Einführung in den Orden der Bewahrer immer und immer wieder erreicht hatte und dem er bis hierher gefolgt war.

"Preiset den, der da schläft in seinem Hause und geduldig auf den Augenblick seiner Erweckung wartet!" befahl Pontodromos. Alle auf ihn eingeschworenen Krieger und seine zwölf mitgereisten Ordensbrüder sangen im Chor: "Preis und Lob sei dir, großer Herrscher aller Meere, Gottkönig der alle Welt bedeckenden Wasser, Herr über Wogen und den Meeresgrund!"

"Da ihr den Träger des heiligen Blutes mitführt sei es an euch, diesen euren Weg nun auch zu vollenden, Bruder Pontodromos. Wir werden euch den Rückweg ins freie Wasser erhalten", sagte Llanofondo und schwamm sogleich zu den immer noch über und hinter ihnen singenden Ordensbrüdern zurück, um mit ihnen die Krieger des Fürsten von hier fortzuhalten.

"Auf dann, Gefährten der Entschlossenheit! All zu lange hat unser wahrer Herrscher schlafen müssen. All zu viel wird seinem erhabenen Reich angetan. Es ist die Zeit, ihn zu wecken und ihm in den Kampf um unsere große Zukunft zu folgen", predigte Pontodromos. Dann befahl er, die Lichter wieder zu verhüllen. Denn jetzt galt es, den Eingang zu finden. Selbst wenn vom Mondlicht nichts mehr hier unten ankam, so konnte Pontodromos doch an den unsichtbaren Linien der Richtungsweisekraft merken, wo die Sonne stand. Das wussten auch längst nicht alle, dass auf diese Weise die Tageszeit selbst bei völliger Bedeckung des freien Himmels möglich war. Eigentlich, so wusste es Pontodromos, war dies Wissen der Erdvertrauten, also Landmenschen, die sich der großen Mutter Erde verbunden hatten. Doch die Bewahrer der alten Bräuche hatten auch dieses Wissen erlernt, um die Tageszeit in großen Meerestiefen nahezu genau bestimmen zu können.

Pontodromos schwamm an dem hügelartigen Bau entlang und lauschte auf die Kraftlinien der Erde. Dann fand er eine Stelle, die mit viel Sand bedeckt war. Er ließ zehn Krieger herankommen, die dieses Stück mit ihren Korallenschwertern freigruben. Jetzt hatte er nur noch schroffen Felsen vor sich. Er legte seine rechte Hand an eine Stelle und summte einen tiefen Ton. Der Felsen schien darauf zu antworten. Dann legte er noch die linke Hand an eine andere Stelle und summte mehrere Töne höher. Der Felsen erbebte. Er hörte zu summen auf. Das Beben verging.

Pontodromos winkte schnell zwei seiner Ordensbrüder heran. "Du summst den Ton des Mondes, du den des schwingenden Wassers und ich den Ton der Erde!" teilte er die beiden Brüder und sich selbst ein. Dann platzierten sie ihre Hände und Hinterflossen an genau festgelegten Stellen des Felsenabschnittes.

Die drei Töne schwangen so, dass sie einen shwebenden Klang bildeten, der immer lauter wurde. Zugleich bebte der berührte Felsen wieder. Dann bekam er einen Riss, der sich halbrund vom Fuße des Bauwerkes bis in zwanzig Längen höhe wölbte. Sand und Schlamm rieselten herab und verhüllten den Sängern die Sicht. Es entstand ein Tor. Leise grummelnd und schabend ging dieses nach innen auf. Wassermassen flossen ineinander über, altes und frisches Meerwasser. Beinahe verdarb dieser Wasseraustausch den dreien den Atem. Doch dann war das Tor weit genug offen, um mehr als zehn Meeresgeborene zugleich hindurchzulassen.

Hinter dem Tor lag ein Gang, der mindestens dreißig Längen in den künstlichen Hügel hineinreichte. Nun konnten sie auch wieder Licht machen.

"Nun seid auf der Hut, meine Gefährten! Denn das Haus des Herrschers birgt Fallen, die nur überwinden kann, der die richtigen Worte und Berührungen auszuführen versteht. Wer nicht kundig ist findet den Tod. Er kann als zerdrückende Steinmasse, aus den Wänden schnellende Speere oder im Boden lauernde Gruben mit langen Spießen am Grunde eintreten oder durch alte Zauber des Wassers, die alle dem Wasser verbundenen Wesen vereisen, austrocknen oder verflüssigen, dass sie nicht mehr handeln können. So ist es an mir, euch durch diese Gänge und Räume zu führen. Doch wo der Herrscher zuletzt war und vor allem, wo sein Dreizahnspeer der Macht dem er seinen Namen Paisharaiondru verdankt, zu finden ist, weiß ich nicht. Wenn es das dunkle Meer der tausend Leiden will müssen wir jeden der Räume erforschen. So dann auf, ans Werk!"

"Müssen wir zusammenbleiben oder sollen wir uns trennen?" fragte Ketopteryx. "Brüder, wer kennt die Worte, die die Fallen überwinden helfen?" fragte Pontodromos seine Ordensbrüder. Zehn von ihnen kannten die Worte. "So seien es sechs Gruppen mit je zweien der Kundigen", bestimmte Pontodromos. "Hoffnung des Herrschers Ketopteryx, ihr begleitet mich und die meinen! Ich will euch jetzt auf gar keinen Fall mehr verlieren. Wer die Halle der mächtigenWaffe findet ruft laut "Das Erbe ist hier! Doch soll es niemand wagen, die Waffe zu berühren. Dies ist nur dem Träger königlichen Blutes erlaubt. Nur Ketopteryx darf sie anfassen und sich damit dem Herrscher verdingen. Ist dies verstanden?" Alle bejahten es.

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Llanofondo beobachtete, wie die dreiundsechzig Entschlossenen durch das geöffnete Tor in das seit über eintausend Jahre nicht mehr betretene Haus des großmächtigen Herrschers hineinschwammen. Er sah, wie sich das Tor langsam wieder schloss. Offenbar gab es in der Eingangshöhle eine Vorrichtung, die darauf ansprach, wenn das Wasser an bestimmten Stellen bewegt wurde. Jetzt war der Eingang wieder zu. Llanofondo wusste dass in weniger als einem Gezeitenviertel dieser Eingang nicht mehr zu benutzen sein würde. Vier Eingänge sollte es geben, je nach der Tageszeit. Das war eine uralte Gesetzmäßigkeit von Wasser- und Erdzaubern, die mit den großen Himmelskörpern verknüpft waren. Wann würde er den Herrscher mit seiner mächtigen Streit- und Prunkwaffe aus dem dann gültigen Ausgang herausschwimmen sehen?

Er stimmte nun wieder in das Lied seiner Brüder ein, welches die feindlichen Krieger besänftigen und kampfunfähig machen konnte. Eigentlich hätte er noch viel mehr Brüder mitnehmen sollen. Doch das wäre den Wachen des Fürsten aufgefallen. Er bedauerte es, dass er zwar die Fallen kannte und auch hätte überwinden können. Doch auch er wusste nicht, wo genau der Herrscher seine Waffe niedergelegt und sich zur langen Ruhe begeben hatte.

Er dachte an diesen jungen Burschen Ketopteryx. Der mochte gerade erst ein halbes Jahrhundert alt sein. Der würde dem Herrscher sein Leben und seinen Körper darbringen. Was würde er als letzten klaren Gedanken empfinden, bevor die Zeit des Herrschers neu begann?

Es mochte schon die zwanzigste Wiederholung des Liedes sein, als er und seine sechs Lehrjungen die unheimlichen Schwingungen fühlten, die durch ihre Körper reichten. Sie fühlten, wie es unter ihren Schädeldecken wallte. Irgendwas griff sie an, mit einem Zauber, den er bis dahin nicht gekannt hatte. Er erbebte und konnte keinen klaren Ton mehr treffen. Sein Gesang wie der der anderen geriet in Unordnung. Auch fühlte er, dass die Fische der Umgebung, die bis dahin ruhig umherglitten, immer unruhiger wurden und unvermittelt die Flucht ergriffen, als wenn ein gefährlicher Fressfeind hinter ihnen her war. Etwas fremdes, mächtiges, unheimliches, trieb alles niedere Leben aus diesem Gebiet und lähmte zugleich den Gesang der sieben Bewahrer. Mit zitternden Augen blickte sich Llanofondo um und entdeckte etwas ihm bis dahin unbegreifliches. Etwas nicht lebendes, kugelrundes, sank von weit oben herunter und streckte lange Beine wie ein Landwesen aus. Mit Füßen, die lange Auswüchse hatten, berührte es den Grund. Das wilde, durch alle Körperschichten dringende Schwingen nahm nun noch einmal zu. Llanofondo konnte nur noch flach ein- und ausatmen. Das Beben in seinem Kopf wurde zum Dröhnen. Dann verlor er die Besinnung. So bekam er nicht mehr mit, was mit dem fremden Körper geschah, der östlich des verbotenen Hügels aufgesetzt hatte.

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Wäre es auf festem Land niedergegangen hätte jeder an ein kleines außerirdisches Raumschiff denken mögen, vor allem wegen der vogelförmigen Landebeine mit den spreizbaren Zehen. Als dann noch drei Menschen aus einer Öffnung an der Oberseite herausschwammen, ohne dass sie Taucherflaschen oder Kopfblasen zum Atmen brauchten hätten rein menschliche Beobachter geglaubt, es mit einer Unterwasserspecies zu tun zu haben. Die drei erwachsenen Menschen, zwei Frauen und ein Mann, schwammen geschmeidig wie größere Fische von dem fremdartigen, hier nicht hinpassenden Gefährt fort. Eine der Frauen trug einen nicht ganz so stoffarmen Badeanzug mit Oberteil. Die andere trug nur eine meergrüne Badehose. Ihr Oberkörper war frei wie der des Mannes. Doch so ganz frei waren die Oberkörper auch nicht. Die Frau im züchtig vollständigen Badeanzug trug ein silbrig-kristallines rundes Amulett vor dem Brustkorb. Die zweite Frau und der Mann trugen je einen silbernen, fünfzackigen Stern vor dem Brustkorb. Die Augen wurden von dicken Brillengläsern bedeckt. Außerdem schnürten hauchdünne Gürtel die Hüften der drei ein.

"Was hat deine Bekannte aus der Liga erzählt?" fragte der Mann die Frau im vollständigen Badeanzug. "Immer der Eingang, der zur Tagesstunde passt. Er ist einer von vielen. Hoffentlich hält Florymont uns die Haie und deren Lenker weiter vom Hals, Camille."

"Das wird er allein schon deshalb tun, weil er mich unbedingt wiedersehen will", antwortete die Frau mit dem freien Oberkörper.

Wieso konnten sie so gut unter Wasser atmen und sprechen? Das lag an dem großen Abschiedsschluck, den die drei unmittelbar vor der Abreise vor fünf Stunden in Camille Dusoleils gesichertem Aktenraum eingenommen hatten. Der befähigte sie, unter Wasser wie an frischer Luft zu atmen und zu sprechen, solange der Schluck vorhielt, in diesem Fall einen vollen Tag lang. Allerdings vereitelte er die Wirkung davor oder danach getrunkener Zaubertränke wie Durodermis oder Felix Felicis und erschwerte alle auf Licht und Feuer gründende Zauber wie Lumos oder Incendio. Deshalb trugen sie die Brillen mit den großen Gläsern. Das waren Gleitlichtbrillen, die bei Dunkelheit wie im Licht eines Vormittages sehen machten und sie zudem vor blendendem Licht beschützten.

"Die anderen scheinen noch nicht da zu sein", vermutete Catherine, die mit ihrem Amulett die Gegend nach feindlicher Ausstrahlung absuchte. Doch Florymont hatte alle Haie und Unterwasserkrieger im Umkreis von einem Kilometer vertrieben und hielt sie weiter auf Abstand.

Mit einem Gespür, dass sowohl einem Vertrauten der Erde wie einer Vertrauten des Wassers aus Altaxarroi eingeprägt wurde, fanden die drei einen Zugang, der zur Tageszeit passte. "Ah, so machen sie das", sagte Camille, nachdem sie mit ihrem Zauberstab einen lichtlos wirkenden Zauber ausführte. "Die müssen mit Händenund Hinterflossen an bestimmte Stellen rühren und dabei überlieferte Losungswörter singen. Das kriegen wir so nicht hin. Aber ich kenne einen Zauber, Weg des freien Wassers. Der könnte klappen."

"Und falls der nicht geht versuch ich es mit dem Lied der hilfreichen Erde, das Steinhindernisse beseitigen kann", erwiderte der Mann. Doch als ein blaugrüner Lichtstrahl aus Camilles Zauberstab auf die Steinfläche unterhalb des von Algen und Schlamm bedeckten Hügels fiel hob sich die Fläche wie eine gewaltige Kofferraumklappe nach oben. Im Zauberlicht strudelte Wasser herein und heraus. Doch nun konnten sie in den Berg vordringen. Dabei achteten sie darauf, nicht in einen Fluch oder in eine aufgespannte Falle zu geraten.

Was ihnen jedoch wirklich zu schaffen machen würde war die Ungewissheit, wohin sie sollten. Denn es stellte sich gleich nach der ersten Biegung heraus, dass es unter den Meeresgrund gehen würde, in ein vielleicht viele Kilometer langes Höhlenlabyrinth. Ebenso half ihnen der Zauber Monstrato Incantatem nicht weiter, weil die Wände, der Boden und die Decke ruhende Magie ausstrahlten und somit nicht ausgelotet werden konnte, wo das zu suchende Objekt sein musste. Also beschlossen sie erst einmal, nach oben zu gelangen, um von dort aus weiter nach unten vorzudringen.

Immer wieder schickten Julius, Catherine und Camille Zauber aus, um mechanische Vorrichtungen zu blockieren oder unschädlich auszulösen, magische Fallen zu erkennen und zu neutralisieren oder einfach nur um den Weg vor sich nach lebenden Wesen abzusuchen. Wie gut sie daran taten erkannten sie, als sie fast in einen scheinbaren Geröllhaufen hineingerieten, der sich als in magischer Überdauerung befindliche Krebstiere mit je vier paaren großer, messerscharfer Scheren und winzigen aber sicher gefährlichen Scheren an den zwölf Füßen erwiesen. Camille sang hier zum ersten mal ein wunderschön klingendes Lied, dass wie von einer Meistersingerin der Nixen hätte stammen können. Das Lied brachte die Wolke der kleinen Kampfkrebse in Aufruhr und dann zum niedersinken. "Die sind für mindestens zweihundert Atemzüge handlungsunfähig", zischte Camille und trieb sie an, weiterzuschwimmen.

"Och nöh, ein Steinmaulzauber", knurrte Julius, als er bei einer engeren Stelle mit seinem Erdkraftaufspürzauber eine Falle entdeckte. Dieser rückte er mit einem Zauber zu Leibe, der bösartige Erdmagie für zwei Stunden einschläferte. Dann trafen sie auf eine Halle, deren Wände unvermittelt lebendig wurden. Aus den Wänden lösten sich drei Meter lange, schlangenartige Fische wie besonders dünne Aale mit hammerartig breiten Köpfen und sehr unheilvoll herausragenden Zähnen. Wieder sang Camille ihr Beruhigungslied. Die Schlangenfische erbebten, krümmten und kräuselten sich. Dann rollten sie sich immer mehr zusammen und sanken auf den Boden, der merklich erzitterte, als wenn tonnenschwere Gewichte darauf prallten.

"Ich hoffe, die da unten festklemmen zu können", sagte Julius und machte Zeichen, dass seine Begleiterinnen einige Meter weiter aufstiegen. Dann spannte er mit vier Wiederholungen eines alten Erdzaubers ein künstliches grünes Dach über den bewegungsunfähigen Schlangenfischen aus. "So, die kommen da erst nach zwei Stunden weg. Kann sein, dass die uns dann verfolgen", sagte Julius.

"Zwei Stunden können superlang oder unfassbar kurz sein, wenn man mit sowas wie dem hier zu tun hat", meinte Catherine und jagte einen Fluchbrecher nach vorne, der eine Wolke aus silbernen Leuchtblasen erzeugte, die gegen Wände und Decke prallten und zu immer kleiner werdenden Tropfen zerplatzten. "Könnte Neumondeis gewesen sein, ein Zauber, der eine Zone von Wasser verwünscht, dass sie bei Durchdringung eines lebenden Wesens zu einem silberblauen Eisblock wird, der solange hält, bis entweder natürliches Sonnenlicht darauf trifft oder jemand beschworenes Sonnenlicht eine Minute lang darauf scheinen lässt. Aber das mit Sonnenzaubern können wir im Moment vergessen, nicht wahr?"

"Dafür können wir Mondzauber, Catherine", erwiderte Camille.

Mehrere weitere Fallen und im Schwarm auftretende Tiere mussten sie überwinden, bis sie in einer kuppelförmigen Felsenhöhle unter dem Dach jenes künstlichen Hügels ankamen. Das einzige, was sie jedoch dort fanden waren Möbelstücke, die für einen mindestens zwanzig Meter großen Riesen aus Stein gehauen worden waren. Damit hatten sie zum einen die Bestätigung dass sie es mit einem ruhenden Titanen der alten Zeit zu tun bekommen mochten und dass dieser nicht in dieser Höhle zu finden war. Statt dessen rollte laut rumpelnd eine viele Dutzend Tonnen schwere Felskugel aus dem Gang, den sie gerade durchquert hatten. Als die viele Meter durchmessende Kugel mit einem lauten Rums den Zugang verstopfte sahen sich die drei heimlichen Besucher fragend an. Catherine stellte fest, dass sie die Kugel nicht schrumpfen oder sonst wie verwandeln konnte. Camille sang erneut das Lied des freien Wassers. Doch dieses rüttelte nur an der Steinkugel, ohne sie zu verdrängen. "Falls echte Meerleute hier hineingeraten müssten die doch auch wieder rauskommen", meinte Catherine. Doch Camille und Julius schüttelten ihre Köpfe. "Das war für die, die meinen, in diesen Raum zu kommen und dort was zu finden. Die sollten dann hier verhungern. habe ich gerade gehört", sagte Camille. Sie beschrieb, dass sie aus dem leisen Rütteln an der Kugel die Worte: "Wen ich halte kann nur im Namen des Herrschers oder dem ewigen Meer da selbst von mir genommen werden gehört hatte.

"Paisharaiondru, Kraft des Todeswassers ist der Name dessen, der als Gottkönig verehrt wurde", wusste Catherine. Da grinste Julius und sah die Kugel an. "Paisharaiondru!!" Die Kugel erzitterte, dann begann sie sich zu drehen und dabei wieder aus der runden Eingangsöffnung herauszuschrauben, bis sie mit lautem Poltern im Gang auf den Boden fiel und dann wie von einem gigantischen Kegler geschoben davonrollte.

"Also, wer den Namen des gesuchten Herrschers kennt kommt damit locker aus allen verschlossenen Räumen raus, hoffe ich mal", sagte Julius.

"Dann müssen wir jetzt wieder nach unten, den nächsten Raum suchen", meinte Catherine. Ihre Begleiterin und der Begleiter nickten verdrossen. Doch es half ja nichts.

So tasteten und schoben sie sich weiter von einer magischen zur nächsten mechanischen Falle. Dabei stöberten sie weitere Unterwassertiere auf, die meistens im Schwarm angriffen. Camille konnte sie jedoch immer mit dem Lied des ruhigen Wassers zurückdrängen oder so bewegungslos machen, dass Julius sie nur noch mit dem Lied der Bannenden Erde festsetzen musste. Trotzdem war es für sie nicht leicht. Zwei Schwierigkeiten hingen über ihnen wie das berühmte Damoklesschwert: Sie wussten nicht, wohin sie genau mussten und sie hatten nur diesen einen Tag zeit, um hin und wieder zurückzufinden, bevor sie jämmerlich ertrinken mussten. Diese beiden psychologischen Gewichte drückten langsam immer mehr auf ihre Gemüter.

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Die stumme Garde schwamm so schnell sie konnte. Noch brauchten sie mindestens ein Gezeitenzwölftel, um den verbotenen Hügel zu erreichen. Doch schon auf halbem Wege fühlten die hundert gehörlosen Krieger, wie das Wasser um sie herum in Aufruhr geriet, ohne aufgewühlt zu werden. Es war, als jage eine unsichtbare Macht durch die tiefen Wasser und erzeuge ein gleichmäßiges, schnelles Schwingen in allen Körperfasern. Die von Geburt an gehörlosen Meermänner kannten keinen Vergleich zu dem, was sie nun empfanden. Hörende Artgenossen hätten es als wildes, auf mehreren Tönen klingendes Dröhnen beschrieben. Jedenfalls machte dieses fremde Schwingen den hundert furchtlosen Kriegern so zu schaffen, dass sie anhalten und sich zurückziehen mussten. Sie wussten nicht, was ihnen da widerfuhr. Sie wussten nur, dasss jemand offenbar versuchte, sich freies Wasser zu schaffen und damit auch noch Erfolg hatte. Denn die hundert gehörlosen Krieger konnten mit ihren auf mehr Sehen geübten Augen erkennen, wie viele Fische flüchteten oder wie betäubt umhertrieben. Vor allem die großen Raubfische, die für andere Fische und Landmenschen zur Gefahr werden konnten, schwammen schnell von dort weg, wo die stumme Garde hingelangen wollte. Damit stand fest, dass jemand von außerhalb des Fürstentums in den Ablauf dieser Ereignisse eingriff. Wer das war und wie das geschah wussten die Gardekrieger nicht. Sie wussten nur, dass ihnen der direkte Weg zum verbotenen Hügel versperrt wurde. Dann, mit einem mal, hörte das wilde Schwingen in allen Körperfasern auf. Das Meer um sie herum war wieder so ruhig und untätig wie vorhin. Offenbar hatte wer immer diese Kraft erzeugt hatte sein Ziel erreicht.

Mit den eingeübten Zeichen befahl der Schwarmführer der Stummen Garde, so schnell es ging auf den verbotenen Hügel zuzuschwimmen. Selbst wenn die Gefahr bestand, dass das wilde Schwingen in allen Körperteilen wiederkam mussten sie ihren Auftrag erfüllen.

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Im inneren des Hauses von Paisharaiondru, 29.08.2008, kurz nach Mitternacht

"Nein, nicht anfassen!" rief Pontodromos einem jungen Krieger zu, der zielstrebig auf einen Tangvorhang vor einer nicht zu überblickenden Stelle zuschwamm. Der Krieger verhielt seine Schwimmbewegung. Dann zog er seinen Speer mit der raubfischzahnscharfen Spitze aus seinem Speergürtel und rammte ihn nach vorne. Er ging davon aus, diesen Vorhang damit zerreißen zu können. Der Speer drang tief in den Vorhang ein. Dieser schlug Wellen und warf sich dem Krieger entgegen. Dieser drückte den Schaft des Speeres nach unten. Ein lautes Ratschen erklang. Der Vorhang riss der Länge nach auf. Doch das war kein Grund zum Jubeln. Denn nun warfen sich die beiden ungleich geteilten Hälften von unten her gegen den tollkühnen Krieger. Dieser wollte noch zurückschwimmen. Doch da hing er mit dem behelmten Kopf an einer der ungleichen Hälften und kam nicht mehr frei. Jetzt umschlang die ihn haltende Hälfte ihn mit allen Fasern. Die erst frohlockenden und nun vor Entsetzen erstarrten Krieger mussten mit ansehen, wie ihr Kamerad in der gleichmäßig an- und abschwellenden Masse immer mehr zerdrückt wurde. Die andere Hälfte warf sich in wild wogenden Wellen nach vorne und zurück. Beinahe berührte sie dabei Charcharonikos, der seinem Schwarmkämpfer zu Hilfe kommen wollte und gerade so noch zurückgeschwommen war. Dann glättete sich jene Hälfte, die den tollkühnen Schwarmkämpfer verschlungen hatte. Von diesem war nichts mehr zu sehen. Dann vollzog sich noch etwas unheimliches. Die zwei ungleich geteilten Hälften bewegten sich aufeinander zu. Mit einem nur für die empfindlichen Ohren der Meeresgeborenen hörbaren Schmatzen und Glucksen wuchs der geteilte Vorhang wieder zu einer vollständigen Fläche zusammen. Er erbebte noch einmal. Dann hing er wieder ruhig und scheinbar völlig harmlos da.

"Was ist das für ein Gewächs?" quetschte Charcharonikos voller Grauen hervor. Gegen tödliche Pflanzen zu kämpfen war dem Lenker großer Raubfische und dem erprobten Speerkämpfer zu wider.

"Eine Falle, die ich so nicht wegsingen kann", knurrte Pontodromos. "Es ist der gefräßige Schleier, eine nur in dunklen Höhlen gedeihende, vom Salz im Meerwasser erhaltene Tangpflanze, die aber auf alles aus Korallenstein und lebendes Fleisch bestehende tödlich und zerstörerisch wirkt. Das einzige was ihr zu schaffen macht ist Licht oder Hitze. Aber da wir kein Feuer machen können bleiben uns nur die Leuchtgeflechte unserer tragbaren Lichter. Ist einer von euch ein Meister der Lichtbiegung?"

Ein junger Krieger aus der Gruppe um Pontodromos schwamm vor und erwähnte, dass er bei Meister Antipyros die Kunst des Leuchtgeflechtformens und -biegens erlernt hatte. "Gut, wir müssen erst den Vorhang lähmen, um ihn mit dauerhaftem Leuchtgeflecht überziehen zu können", sagte Pontodromos. Er teilte aus seiner aus dreizehn Gefährten stammenden Teilgruppe sieben ein, die mit ihren Traglichtern den Vorhang an mehreren Stellen zugleich berühren mussten, dass er keine Beute mehr fangen konnte. Dann sollte aus dem Vorrat von mitgeführtem Leuchtgeflecht eine halbfingerdicke Schicht auf den so gelähmten Vorhang gestrichen und so verteilt werden, dass jede Stelle davon von mindestens einer Handbreit Leuchtgeflecht bedeckt war.

Als die sieben Lichtträger vorrückten zuckte der Vorhang bereits vor den Lichtquellen zurück. Als diese das tödliche Gehänge berührten erstarrte der ganze Vorhang wie eine abgestorbene Koralle und schwang langsam nach oben. Doch die Lichtträger setzten nach und drückten ihre blauen Kugellichter weiter gegen verschiedene Stellen des Gewächses, bis dieses an der felsigen Decke anhaftete. Einer der Lichtträger konnte sehen, dass es nur drei Längen weiter einen weiteren Vorhang gab und warnte seine Gefährten, dem nicht zu nahe zu kommen.

Nun konnte der gelernte Lichtbieger genug von dem Leuchtgeflecht auf den an der Decke anhaftenden Todesvorhang auftragen und so schnell verteilen, dass dieser nun ein gut sichtbares Leuchtmuster trug. Als er dann an zehn Stellen handgroße Leuchtflecken trug zogen sich alle zurück. Der tödliche Vorhang blieb leicht bebend an der Decke.

"Den zweiten dann auch noch!" befahl Pontodromos. Das mit dieser lebenden Falle hatte ihm die alte Geschichte dieses Hauses nicht verraten. Das ängstigte und ärgerte ihn gleichermaßen. Am Ende gab es noch viele solcher lauernden Gewächse oder gar Tierwesen, die in einer Überdauerungsstarre ausharren konnten, bis Beute in Reichweite kam. Er kannte nur die fest eingebauten und mit Wasserzaubern eingesungenen Fallen.

Als sie mit nur dem einen Verlust den tödlichen Durchgang überwunden hatten steuerte Pontodromos auf eine Wand zu, die im Schein der blauen Tragelichter leicht flimmerte. "Das ist eine Vereisungswand", sagte er und begann sogleich, die dagegen wirkenden Gesten und Zauberwörter anzustimmen. Doch die Wand blieb wie sie war. Da prüfte der kundige der alten Bräuche, wie genau die Vereisungswand wirkte und erkannte, dass sie zwei sich abwechselnde Kraftquellen besaß. Also sangen er und ein weiterer Ordensbruder zeitversetzt gegen den Doppelzauber an. Das half. Die Wand verlor ihr Flimmern und löste sich in reines Wasser auf. "Das hält nun einen vollen Tag vor. Dann haben sich die beiden Eiszauber wieder erholt und die Wand erneuert", erklärte Pontodromos.

Es ging weiter, wobei sie nicht wussten, ob sie nach oben, unten oder in die Mitte des Gebäudes vordringen mussten. Als sie einen Aufschrei hörten wussten sie, dass bei einer der Gruppen jemand verletzt oder getötet worden war. "Wer wollte denn da nicht hören?" fragte Ketopteryx den Meister der alten Bräuche. "Weiß ich jetzt nicht, Auserwählter Ketopteryx. Wichtig ist, dass wir Euch ans Ziel bringen und Ihr Eure Pflicht erfüllt", schnarrte Pontodromos. Die Überlegenheit, ja schon an Selbstgefälligkeit grenzende Haltung war ihm wohl bei der Tür mit den tödlichen Vorhängen verlorengegangen.

Bei einer weiteren Falle zeigte sich, dass drei nötig waren, um sie vorerst unschädlich zu machen. Dann gerieten sie in einen Hinterhalt.

Die scheinbar wie Felsen am Boden liegenden Körper bekamen plötzlich zwölf Beine, Stielaugen, Taster und zwei Paare scharfer Scheren. Es waren Riesenkrebse, die durch irgendeine Macht die Jahrhunderte überdauert hatten. Sie bewegten sich sehr geschmeidig über den Boden des niedrigen Durchganges. Gegen solche gepanzerten Gegner halfen die Speere nicht viel, wenn man nicht wusste, wohin man sie stoßen musste.

Pontodromos stieß Ketopteryx in den Gang zurück, aus dem sie gekommen waren. Die Krieger wichen den zuschnappenden Scheren aus und stießen mit den Speeren nach den Augen. Einer der Krebse bekam einen der Krieger zu fassen und quetschte dessen Muschelpanzer bedrohlich zusammen, dass es sehr unheilvoll knirschte. Doch dann hatte der Gefangene seinem Gegner zweimal mit einem Nesselgiftspeer in Mund und Augen gestoßen. Das übergroße Krustentier erbebte, verlor eine bläuliche Flüssigkeit und kippte laut krachend zur Seite.

Zu dritt auf einmal gingen die Krieger jeden hier erwachten Riesenkrebs an und brachten ihn erst zu Fall und dann mit gezielten Stößen zwischen die Panzergelenke zu Tode. Damit war auch dieses Hindernis ausgeräumt.

Es ging weiter durch die Gänge und Schächte. Dabei trafen sie auch weitere Gruppen. Einer der Ordensbrüder erwähnte dabei: "Wir sind nicht alleine hier. Ich habe gerade erst Stimmen gehört, die von Landmenschen. Wie die hier hereingekommen sind und was sie hier wollen weiß ich nicht."

"Wo genau hast du sie gehört?" fragte Pontodromos nun sehr erregt. Er bekam die Richtung angezeigt. "Zauberstabträger. Jemand hat Zauberstabträger über diesen Ort benachrichtigt", zischte Pontodromos. Damit stand fest, dass es einen Wettlauf gab.

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Ihre Talismane vibrierten unvermittelt, als sie nach dem wohl zwanzigsten Tunnel und mehreren bösartigen Wasserzaubern und einem Vorhang gefräßiger Wasserpflanzen auf eine Gruppe bewaffneter Meerleute trafen. Die Unterwasserkrieger waren noch erstaunter als die drei durch einen besonderen Schutz vor dem Ertrinken geschützten Landmenschen. Das war der kleine aber gewichtige Vorteil, den Camille ausnutzte und die anderen mit jenem Lied besang, dass wasservertraute Wesen beruhigte und dazu brachte, die Waffen abzulegen. Nun konnte Camille ihnen auch noch befehlen, hier auszuharren, bis sie einen gegenteiligen Befehl erhielten. Aiondaras Magie verlieh ihr die vorübergehende Macht über Meermenschen. Solange sie diesen nicht befahl, sich selbst oder einander zu töten konnte und durfte sie damit ihre schwimmenden Gegner handlungsunfähig machen.

"Können die uns mit so einem Lied auch was anhaben?" mentiloquierte Julius Camille an. "Das werden unsere Heilssterne und der Schluck des beschützenden Wassers verhindern."

"Und laute Geräusche oder magische Gesänge, die nichts mit Wasser zu tun haben?" fragte Julius. Zur Antwort griff Camille an eine leicht ausgebeulte Stelle an der linken Seite ihrer Badehose, strich darüber und zog dann sechs runde Gegenstände hervor. "Das sind die gleichen, nur in Wasserfest, die ihr damals getragen habt, als ihr diese grüne Riesenhybridin verfolgt habt, Julius. Die können aufgeklapptund zugeklappt werden", sagte Camille und teilte die aus ihrer scheinbar mehr Rauminhalt aufbietenden Badehose gezogenen Hilfsmittel aus. Dann schwammen sie weiter, wobei sie mehrmals Zauber und Zauberlieder einsetzen mussten, um weitere Fallen zu blockieren.

Ein weiteres Mal trafen sie auf eine Gruppe bewaffneter Meermenschen. Diese gingen sofort zum Angriff über. Doch Camille baute um sie drei eine Blase aus bläulich flirrendem Eis auf. Die Speere klatschten davon ab und drangen in den sandigen Boden ein. Dann erwischte Camille die Gegner mit ihrem Lied des ruhigen Wassers. Die, die noch Waffen trugen legten diese auf den Boden und verharrten dann in einer demütig abwartenden Haltung.

Es ging weiter, tiefer in das unterseeische Höhlenlabyrinth hinein. Julius und Camille waren sich sicher, hier auch wieder herauszufinden, weil sie den Erdmagnetlinien und den Gezeitenströmungen folgen konnten. Catherine, die nun zwischen ihnen beiden schwamm verließ sich ganz und gar auf die Stärken der zwei Begleiter. Ihre besondere Ausbildung war unter Wasser nutzlos. Doch sie konnte immerhin Fluchaufspürer und Fluchbrecher ausführen oder mechanische Fallen wie Korallenfallgitter früh genug unschädlich machen. Wer hier ohne nützliche Zauber oder ohne entsprechende Schutzmarkierungen durchkam war mit sicherheit bald tot. Diese Gewissheit bewahrte die drei vor der Unvorsicht. Sie schwammen langsam und zielsicher, aber immer auf neue böse Überraschungen gefasst weiter.

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Sie begegneten den Landmenschen nicht. Doch Pontodromos konnte einmal eine Frauenstimme hören, die das Lied des eisfreien Wassers sang, wie es nur die Wassersängerinnen kannnten. Woher konnte die das?

Von der Furcht gehetzt, dass die Zauberstabträger ihnen zuvorkommen und die Hinterlassenschaft des Herrschers zerstören konnten beeilten sich die Gefährten von Pontodromos. Er gab zwischendurch an ihm begegnende Gruppen aus, jeden Landmenschen zu töten, der ihnen begegnete. Damit hoffte er, die lästigen Mitbewerber loszuwerden.

Sie waren sicher noch tiefer in ein verwirrendes Netz aus Gängen, Schächten und Höhlen vorgedrungen als der Hügel von außen vermuten ließ. Offenbar diente das Gebäude nur als Überdeckung des Zuganges zu den wahren Räumen des Herrschers.

"Achtung, da vorne ist ein Überachter!" warnte Charcharonikos seine Begleiter. Weichtiere konnte er zwar erfühlen, wenn sie nicht in einer magischen Scheintodstarre steckten. Aber er konnte sie nicht lenken, weil sie eine den Luftatmenden Flossentieren ebenbürtige Auffassungsgabe besaßen und dies mit dem Selbsterhaltungstrieb verbunden jeden Lenkversuch vereitelte. Also mussten sie das achtarmige Ungeheuer, dessen Fangarme sechs Meermenschenlängen maßen, mit Waffengewalt niederringen.

Gerade entströmte dem gewaltigen Achtarmer das letzte Leben, als die Gruppe um Pontodromos ein fernes Singen hörte, dass Pontodromos kannte. Zugleich hörte er auch, wie mehrere Männerstimmen verärgert aufschrien und dann erstarrten. Das Lied drang in die Ohren der Meermenschen ein und machte, dass sie sich nicht mehr regen konnten. Erst als es verstummte und nicht einmal mehr in ihren Gedanken nachhallte konnten sich die Entschlossenen wieder bewegen.

"Wer ist dieses Landweib und warum kann es das Lied des beruhigenden Wassers so vollendet wie eine Wassersängerin oder einer der Ordensbrüder Llanofondos singen?" wollte Pontodromos wissen.

"Fragt lieber, warum sie es gesungen hat, Meister Pontodromos", schnarrte Ketopteryx.

"Weil sie wen damit lähmen wollte", erwiderte der Kundige der alten Bräuche verärgert. "Ja, uns zum Beispiel", warf Ketopteryx ein.

"Wo ist die Halle des Herrschers?" schnaubte Pontodromos. Denn ihm kam der unangenehme Gedanke, dass diese unerlaubte Sängerin ausgewählt worden war, den Herrscher an der Wiederkehr zu hindern.

Als sie dann in einer breiten Höhle eintrafen sahen sie, wer da gesungen hatte.

Drei Landmenschen, zwei Frauen und ein hochgewachsener Mann, schwammen gerade durch den Raum, in dem die für Meerleute üblichen Wohneinrichtungsstücke waren, ein Bett und zwei Sitzgelegenheiten vor einem Ablagestein. Neben der Tatsache, dass hier drei Landmenschen ohne Licht zu brauchen herumschwammen fiel dem Kundigen der alten Lieder noch auf, dass die Einrichtungsgegenstände mehr als zwanzigmal so groß wie bei üblichen Meermenschen waren. "Schnell, totwerfen!" rief Pontodromos. Doch da klang bereits die ihm schon zu Ohren gekommene Stimme. Es war die Frau in der Mitte, jene, deren Haut im Licht der blauen Leuchtgeflechte etwas dunkler und deren im Wasser umherwehendes Kopfhaar leicht wellig aussah. Das Lied des beruhigenden Wassers erwischte ihn und seine Gefährten schon mit zwei Tönen. Er sah noch, wie die Sängerin im Gleichmaß des Gesangs ihren Zauberstab bewegte und damit leichte Wellen schlug, die durch die Höhle liefen und die Kraft des Liedes vielfach verstärkten. Pontodromos und seine Gruppe konnten nicht anders als ihre Waffen sinken lassen und sich zu Boden gleiten lassen. Ketopteryx fühlte sich auf einmal diesenTönen und den Worten der friedlichen Wasser so verbunden, dass er in eine demütige Haltung wechselte, bevor ihn die lähmende Kraft durchdrang. Er erstarrte nicht, sondern empfand nur keinen Drang mehr, sich zu rühren. Sein Atem ging immer ruhiger. Er fürchtete nichts, und er empfand auch keine Feindschaft. So blieb er auf dem Rücken gedreht mitten im Raum mit den riesenhaften Einrichtungsstücken liegen, bis die drei Fremden an ihm und den anderen vorbeischwammen. Dabei sah Ketopteryx, wie die beiden nicht singenden die Speere einfach in Wasser auflösten. Dann schwammen sie weiter und verließen den großen Wohn- und Schlafraum. Das Lied der Sängerin klang jedoch noch viele Herzschläge lang nach. Als es verstummte hallte es noch in den Gedanken der Betroffenen nach. Solange hielt seine Wirkung an.

Erst als die letzten Töne des Liedes aus dem Bewusstsein verflossen konnte Ketopteryx sich wieder regen. Seine eigenen Gedanken tauten wieder auf. Die Ruhe und der Frieden von eben waren nur eine gemeine Waffe gegen ihn gewesen. Auch Pontodromos schnarrte verärgert.

"Sie haben uns die Wurfspeere weggenommen, diese elenden Landkriecher. Aber wartet! wenn ihr den Herrscherspeer findet wird seine Strafe ungleich härter sein."

Die teilweise entwaffneten Krieger und der Kundige der alten Bräuche setzten ihren Weg fort, immer bangend, ob nicht gleich wieder jenes lähmende Lied erklang, auf dass vor allem Wasserverbundene so willfährig ansprachen. Die Hoffnung, dass die drei vorwitzigen Landmenschen in einer der Fallen verenden oder von einem der tierischen oder pflanzlichen Ungeheuer vertilgt wurden reichte nicht, um die Furcht vor dem Versagen zu überlagern.

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Einmal hörten sie noch jenes Lied, aber so weit fort und vom Hall der vielen dazwischenliegenden Gänge verwaschen, dass es ihnen nichts anhatte. Doch ihnen war bewusst, dass die unerlaubte Sängerin damit eine oder gleich mehrere der anderen Gruppen überwand. Warum töteten die drei nicht die, die sie kampfunfähig machten? Hatte jemand ihnen verboten zu töten? Dann würden die aber bei den vielleicht noch lauernden Ungeheuern sehr große bis unüberwindliche Schwierigkeiten haben, dachte Ketopteryx.

Sie betauchten gerade einen weiteren tiefen Schacht. Doch schon dabei fühlten sie, wie etwas starkes, überaus mächtiges dort unten sein musste. Es war, als wenn das Wasser von der Kraft eines unverstellten Vollmondes durchdrungen wurde und zugleich etwas, dass die Kampfeslust steigerte, etwas, dass einem Krieger allen Mut und alle Stärke gab, in einer blutigen Schlacht als Sieger aus dem umkämpften Wasser davonzuschwimmen. Ketopteryx war nun sicher, dass das, was sie suchten, dort unten war. Die Hoffnung, dass die drei Fremden hier noch nicht waren und die Furcht, dass sie schon nahe sein konnten trieb den Enkel von Bathos zur Eile.

Pontodromos überholte ihn und herrschte ihn an, nicht so voreilig zu sein, weil dort unten wohl noch eine Falle lauerte.

Tatsächlich spannte sich ein Netz aus flirrenden Strängen ganz dicht über dem Grund des Schachtes. Pontodromos sang leise genug, dass es nicht in allen Höhlen klang auf das Netz ein. Es wurde immer heller. Dann rief er: "Schnell zurück!" und hielt sich dabei beide Augen zu. Die anderen aus seiner Gruppe taten es sofort gleich. Sie schafften es, den Schacht zur Hälfte nach oben zu schwimmen, als es unter ihnen laut zu fauchen begann und dann ein grelles Licht wie hundert nebeneinander liegende Sonnen zu ihnen nach oben strahlte. Es wurde schlagartig heißer. Blubbernd stiegen Dampfblasen an ihnen vorbei. Dann war es vorbei. "Das hieß also "Das Sonnenlicht ins Netz gewebt, wer es zerreißt, der nicht mehr lebt."

"Das war ein Feuerzauber", erkannte Charcharonikos. "Ach nein, und ich dachte, das war ein Sonnenzauber", erwiderte Pontodromos. "Gut, dass ich erkannte, dass es nicht das Netz der haftenden Tropfen war, das aus Wasser ein schier unzerreißbares Gewebe macht."

"Zwei Herzschläge später hätte uns dieser Sonnenzauber gesotten wie in einem Feuerschlot am meeresgrund", wusste Charcharonikos. "Was du nicht sagst, Fischbändiger", entschlüpfte Pontodromos eine ihm unangemessene Beschimpfung. Doch Charcharonikos nahm es hin, wie ein Krieger, der auch Beleidigungen wie Schläge wegzustecken lernen musste.

Der starke Hauch von unten war jedenfalls noch da. So tauchten sie nun schnell wieder in den Schacht hinab. Das gefährliche Netz war nicht mehr da. Es ging noch fünfzig Längen in die Tiefe. Dann waren sie in einer Höhle, die größer war als jener Hügel der über ihr errichtet worden war.

Das Licht der mitgeführten Leuchtkörper reichte nicht ansatzweise aus, um die ganze Höhle zu erhellen. Sie mochte mindestens zweihundert mal dreihundert Längen messen und an die fünfzig Längen hoch sein. Die Kraft, die sie bereits weiter oben im Schacht gespürt hatten, war noch stärker. Sie füllte jeden hier enthaltenen Wassertropfen aus, ließ sich ein- und wieder ausatmen und bestärkte die hier hereinschwimmenden Meermenschen. Dann erreichten sie den Grund der Höhle und sahen, was die Ursache dieser starken Kraft war.

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Sie mochten einen weiteren Kilometer weit in das unterseeische Höhlensystem vorgedrungen sein, als sie die triumphalen Aufschreie hörten, laut, Wasser und Wände erschütternd. Dann wussten sie, wo sie hinmussten, und auch, dass sie womöglich zu spät kamen.

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Ketopteryx hatte schon davon gehört, dass der mächtige Herrscher aller Meere größer als ein meeresgeborener sein sollte. Das hatte ihn stutzig gemacht, wie er dessen Waffe ergreifen sollte. Doch nun sah er, dass die Geschichten nicht übertrieben, sondern vollkommen untertrieben waren.

Auf dem Blanken, felsigen Boden streckte sich ein gewaltiges Knochengerüst aus. Es war das Knochengerüst eines Meereskindes, vom Schädel bis zu den klar erkennbaren Knochen der Hinterflosse mochte es dreißig Längen messen. Allein durch die Rippenbögen konnte jemand wie Ketopteryx sicher hindurchtauchen, ohne anzustoßen. Doch das wirklich beeindruckende an diesen überriesenhaften Überresten eines einstigen Meeresbewohners war das, was der Verstorbene in seinen Knochenhänden hielt.

Es war ein aus sich heraus schwach bläulichgrün schimmernder Speer, mindestens zwanzig Manneslängen lang und so dick wie zwei gutgenährte Meereskrieger nebeneinander. Das eine Ende war flach und enthielt fviele Kristalle, die jenes blaugrüne Licht zu erzeugen schinen. Das vordere Ende war nicht nur ein Ende. Es waren drei. drei mindestens Großraubfischzahnscharfe Enden aus tiefschwarzem Gestein, jenem, das nach starken Glutausbrüchen in den Höhlen von Feuerbergen zurückblieb. Der mittlere Zahn maß von der ganz feinen Spitze bis zu seiner Verbindung mit dem Speerschaft sicher zwei Manneslängen. Die beiden äußeren maßen um die anderthalb Manneslängen. Jedenfalls war dies die wahrhaftige Waffe jenes Meeresgottes, den die Landmenschen angebetet hatten, weil die früheren Könige sich als jene Gottheit ausgegeben hatten, wie Ketopteryx von Pontodromos erfahren hatte. Da vorne auf der steinernen Liege lag er also, der großmächtige Herrscher, beziehungsweise was von seinem sterblichen Körper zurückgeblieben war, größer als die knöchernen Überreste eines großen, singenden Luftatmers. Die Waffe, die der Knochenmann in den Händen hielt war jene, die es zu bergen galt. Doch wie sollten sie dieses Ungetüm einer Waffe an sich nehmen und nach draußen bringen?

"Sieh den Leib des entschlafenen und doch nur ruhenden Herrschers an, Ketopteryx. Du, Träger königlichen Blutes aus der erhabenen Silbertropfensippe, bist erwählt, um das Erbe anzutreten", predigte Pontodromos, nachdem er die überwältigende Erhabenheit und Macht verarbeitet hatte und seine Sprache wiederfand. "Ergreife das Zeichen von Stärke und Ruhm, Gewalt und Gestalt und erfülle das alte Erbe, das deinen Vorfahren bereits gelobt war und das sie doch nicht antreten wollten."

"Wie soll ich diese wahrlich mächtige Waffe ergreifen, wo sie vier Mannesbreiten dick und fünfzehn Manneslängen lang ist?" fragte Ketopteryx den Meister der alten Bräuche. "Berühre sie, und sie wird dich als ihren neuen Besitzer und Herrscher anerkennen."

"Wollt Ihr nicht vorher die anderen herrufen?" fragte Ketopteryx. Er ging davon aus, dass was immer mit ihm und der Waffe geschah so erhaben war, dass alle dabei zusehen sollten.

"Das war bevor wir den beiden Landweibern und ihrem Begleiter begegnet sind und die sicher noch auf der Suche nach dieser Höhle sind", schnarrte Pontodromos. "Also komm, nutze die Zeit!" forderte Pontodromos von Ketopteryx. Der begriff, dass sein Name offenbar Vorhersehung war. Denn von Keto, dem gefürchteten Meeresungeheuer der alten Sagen, hatte er auch schon gehört. Womöglich war es genau dieses überriesenhafte Wesen da. Oder war es doch der Meeresgott Poseidon selbst? Wie hatte Pontodromos ihn genannt? Paisharaiondru oder Kraft des Todeswassers. Diese Kraft steckte in der Waffe, das wusste Ketopteryx. Durfte er es wirklich wagen, sie einfach anzufassen? Doch wenn er es nicht tat war die ganze Reise und der Verlust mehrerer Gefährten wertlos, abgesehen von der Schmach, die ihm in seiner Heimat drohte, weil er gegen das Gebot des Königs verstieß. Also wusste Bathos wohl schon, was hier in dieser Höhle wartete. Er wagte es.

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Llanofondo und seine Gefährten hatten mehrmals versucht, jenes kugelförmige Ding auf wasservogelartigen Beinen zu berühren. Doch immer, wenn sie sich ihm näherten überkam sie jenes starke, die Körperfasern durcheilende Kribbeln und das Dröhnen unter ihren Schädeldecken. Was es auch immer war, es wollte nicht, dass sie sich ihm näherten. Dann meinte einer der Schüler des abtrünnigen Geschichtsmeisters: "Das ist ein künstliches Ding, ein Fahrzeug wie ein Schiff, nur dass es wie eines dieser ehernen Ungeheuer ist, die auch unter Wasser fahren können. Auch höre ich jemanden da drinnen Luft atmen. Das Ding wird bewacht."

"Aber warum steht es hier herum?" wollte Llanofondo wissen. "Wissen wir, ob es nicht auf jemanden wartet, den es ausgeladen hat, als wir von ihm aus diesem Wasser vertrieben wurden?" fragte ein anderer Schüler.

"Beim ewigen Meer des Lebens, das ist wohl wahr. Jemand muss mit diesem ehernen Machwerk da gekommen sein und während unserer Abwesenheit herausgestiegen sein. Dann warten wir, wer das ist, falls wer auch immer nicht unseren Freunden aus dem östlichen Meer zum Opfer gefallen ist."

"Oder dem großmächtigen Herrscher zur Beute fällt", erwiderte ein anderer der Lehrjungen Llanofondos.

"Ich will euch keine Angst machen. Doch ich höre einen Schwarm Krieger herankommen. Schnell, das Lied des ruhigen Wassers!"

Die sieben verteilten sich schnell um den verbotenen Hügel, stimmten sich ein und sangn los. Gerade noch früh genug, um mitzubekommen, wie ein großer Schwarm bewaffneter Krieger auf sie zujagte. Doch als sie merkten, dass das Lied diese nicht anhielt oder gar zurücktrieb erkannten sie, dass da gerade ihr eigener Tod mit hundert scharfen Speeren entgegenschwamm. Sie sangen weiter, hofften, dass die hundert Krieger doch noch dem Lied verfielen. Doch es wirkte nicht. Llanofondo erfasste Angst. Wer waren diese Krieger? Warum konnten sie dem Lied des ruhigen Wassers widerstehen? "Weg hier!" rief er seinen noch singenden Leuten zu. Doch wohin sollten sie schwimmen. Die hundert Krieger kamen aus allen fünf verbleibenden Richtungen heran. Sieben gegen hundert, das war ohne Zauberei nicht zu gewinnen. Da dröhnte ihnen allen jene unheimliche, schwingende Kraft durch Körper und Köpfe. Es war wie eine wütende Welle aus unzähligen schmerzhaften Kraftstößen. Llanofondo sah durch flimmernde Augen, wie die hundert Krieger von dieser Welle zurückgeworfen wurden. Dann schwand ihm und allen anderen die Besinnung.

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Der Speer war kalt wie Eis, als Ketopteryx ihn anfasste. Von Ergreifen konnte keine Rede sein. Doch dann durchflutete ihn Wärme und ein bis dahin nie empfundener Schmerz. Er wollte seine Hände von der gewaltigen Waffe lösen, weil er dachte, dass er versagt hatte. Doch er konnte es nicht. Er fühlte nun, wie etwas wie siedendes Wasser in seinem Körper brodelte und wie er von etwas immer mehr in die Länge und Breite gezogen wurde. Er schrie auf und hörte, wie seine Stimme immer Tiefer wurde. Er hörte seine Schreie von den weiten Höhlenwänden widerhallen, während der Speer unter seinen Händen immer kürzer und dünner wurde. Ebenso schrumpfte auch das Knochengerüst, dass den Speer bis jetzt festgehalten hatte. Alles um ihn herum wurde kleiner und niedriger. Dann erkannte er, dass nicht die Umgebung schrumpfte, sondern er wuchs. Die Kraft, die ihm Hitze und Schmerz durch den Körper jagte, ließ ihn auf eine Größe Wachsen, um den Speer sicher nehmen und führen zu können. Als ihm das bewusst war fühlte er, wie noch was anderes mit ihm geschah. In ihm erwachte etwas, das erst behutsam und dann schlagartig entschlossen in sein Bewusstsein hineinstürmte. Es wuchs im gleichen Maße wie sein Körper. Dann erkannte er, dass gerade ein fremder Geist von ihm Besitz ergriff. Er hörte den Namen des Geistes: Paisharaiondru. Als er auch das erkannte fühlte er, wie seine eigenen Gedanken immer weniger wurden. Statt des Schmerzes kam nun eine Glücksstimmung in ihm auf, er kam zurück. Endlich hatte ein würdiger Diener seinen Speer der Macht ergriffen und ihm damit die Rückkehr ermöglicht!

Als Paisharaiondru erkannte, dass er wieder vollständig war flossen ihm die Erinnerungen dessen zu, der ihm die Rückkehr ermöglicht hatte. Er erfuhr so, dass Ketopteryx aus der Sippe der Silbertropfen stammte und somit aus einer der sechs Sippen, die er, Paisharaiondru, damals zu seinen Statthaltern gemacht hatte. Dass sie alle nach Metalltropfen benannt waren sollte bedeuten, dass sie was besonderes waren und in ihnen auch etwas vom Feuer herrührendes wohnte. Ketopteryx gehörte also der Silbertropfensippe an. Die hatte er damals zu Unterkönigen der morgenlichternen Meere gemacht und sie nach dem Tod seiner zwei Schwestern zu deren rechtmäßigen Erben erklärt. Warum herrschte dann dieser Bathos, der sich selbst als allwasserweite Herrschaft bezeichnen ließ, nur noch über den Ostteil des von zwei Landmassen umschlossenen Meeres? Was für ein Abstieg war dass denn? Von den anderen Sippen wusste Ketopteryx nur, dass die Eisentropfensippe im westen des umschlossenen Meeres wohnte, also da, wo sein Herrscherhaus lag. Ja, und um die Schmach der letzten Jahrtausende noch zu bestärken hatten die es nie für nötig gehalten, ihn zu erwecken, als sich abzeichnete, dass die unbegüterten Landmenschen ohne die erhabene Kraft Geräte und Fahrzeuge ersannen, die ohne die Kraft auskamen, aber damit auch die Meere verdreckten, vergifteten, unachtsam mit Unrat befüllten. Warum hatten jene, die sich die Bewahrer der altenGeschichten nannten, nicht darauf gedrängt, ihn schon vor fünfzig oder hundert Jahren zu erwecken? Seine damalige Anweisung war doch unmissverständlich gewesen. Nein, die hatten sich wunderbar damit angefreundet, ohne ihn, den allgewaltigen, lenkenden Herrscher auszukommen. Wer von ihm wusste wurde dazu verdammt, ihn entweder zu verschweigen oder ihn als verbotenes Wissen oder verbotene Tat einzuordnen. Die Sippen der Metalltropfen wollten ihre Reiche ohne ihn beherrschen, keinen Tribut mehr entrichten und erst recht keine Opfer für seine Lebensverlängerung darbringen. Nur weil dieser Bathos, dessen Sohnessohn er nun als seinen Körper und Erinnerungsquell benutzen durfte, gegen die unerwünschten Taten der Landmenschen vorgehen wollte und dieser Pontodromos, der sich als hoher Kundiger der alten Geschichten pries keinen Sinn in einem Krieg mit den schwächlichen Landmenschen sah hatte man ihn gnädigerweise aufgeweckt. Wie dienstbeflissenund ehrerbietig das doch war!

"Ich bin Paisharaiondru, der allgewaltige Gottkönig aller Meeresgeborenen!" rief er und genoss die Macht seiner Stimme. "Ich gebiete allen Fallen und Wächtern, einzuhalten und alle die von mir gerufen sind zu mir vorzulassen. Alle, die von meinem Volk sind sofort zu mir in die Halle des Herrschers!!"

Er fühlte, wie das Haus, dass er selbst mit Hilfe einiger Träger der Kraft erbaut hatte, in seinen Grundfesten bebte. Er meinte das Klicken, Klackern, Rasseln und Schaben zu hören, als alle von seinen Dienern aufgestellten Fallen unschädlich wurden. Selbst die lebenden Wächter wie die gefräßigen Schleier erstarrten, weil der Befehl des Gottkönigs sie erreichte. Er spürte, wie von außen neues Wasser in die Höhlen und Schächte strömte. Seine mächtige Waffe und sein Herrscherstab zugleich erbebte unter den starken Wechselwirkungen der hier eingewobenen Zauber. War das herrlich! War das eine Wohltat! Dann fiel ihm etwas ein, was im Rausch der Überlegenheit fast verklungen war. Es gab drei Eindringlinge in seinem Haus, drei begüterte Landmenschen, die versucht hatten, seine Rückkehr zu verhindern. Er wollte sie sehen und dann eigenhändig töten, vielleicht sogar lebend verschlingen, damit er erfuhr, was die Begüterten dazu getrieben hatte, den Unbegüterten so viel Freiheiten zu lassen, dass sie wohl nicht nur die Meere der Weltenkugel verdarben. Dann sah er den, der Pontodromos war. Der war doch sowas von winzig und hielt sich für den würdigen Diener seiner Herrschaft.

"Du da, Pontodromos. Warum hast du deinen König nicht darauf hingewiesen, dass es seine Pflicht sei, mich zurückzubringen, als das mit der Verunreinigung der Meere begann? Sprich!"

"O großmächtiger, alle Wasser lenkender Herrscher. Ich bin meinem König durch den Eid des treuen Blutes verbunden gewesen, bis er damit drohte, die Landmenschen mit Krieg zu vernichten, um ihr Treiben zu beenden. Ich, dein treuer Diener, erwachte aus dem bösen Traum, nur diesem König dienen zu müssen und erkannte, dass nur du die Macht und die Entschlossenheit hast ..."

"Schmier mir keine süße Grünpaste um den Mund und sage nur, was ich wissen will, Pontodromos!" röhrte die Stimme des erweckten Herrschers.

"Ich habe ihn immer darauf hingewiesen, dass er nur der Statthalter deiner Herrschaft ist, o Paisharaiondru, Gebieter über Wogen, Fluten und die Tiefen. Doch er wollte nicht hören. Er will ohne deine starke Hand herrschen, ohne dir verpflichtet zu sein König sein. Das erkannte ich erst, als er es ablehnte, nach dir zu suchen und dich zu erwecken."

"So, das erkanntest du da erst", erwiderte Paisharaiondru. "Du warst als eingeschworener Bewahrer dazu verpflichtet, den gebietenden Statthalter zu ermahnen, seine Pflicht zu tun und dein Volk vor dem Verderben zu schützen. Das hast du aber nicht getan, du Versager. Und du willst mein erster Verkünder, mein treuester Diener sein? Dies ganz bestimmt nicht", stieß der wiederverkörperte Herrscher aus, hob seinen Speer so schnell, dass eine wilde Welle durch die Höhle rollte, die alle hier versammelten Meeresgeborenen wie kleine Algenklumpen durch den Raum wirbelte, um dann mit einem schnellen Vorstoß alle drei Enden seines Speeres im Leib Pontodromos' zu versenken. Der Getroffene tat noch einen lauten Aufschrei. Dann zerfloss sein Körper in jenem machtvollen Licht, das den Körper zerstörte und das innere Selbst daraus heraussog. Paisharaiondru spürte, wie ihm alles Wissen und alle Erinnerungen des vollendet bestraften Kriechers zufloss. Er hörte noch den letzten Schrei Pontodromos', bevor er im Geiste dessen allerersten Schrei hörte und dann alles miterlebte, die Kindheit, die Ausbildung zum Bewahrer und den langen Dienst für König Bathos dem vierten. Er erkannte, dass seine Angst, von diesem selbstherrlichen König bestraft zu werden größer war als die Pflicht dem Gottkönig aller Meerleute gegenüber, ja dass er alle Berichte über ihn für Erfindungen und Umdichtungen hielt, bis er durch die Umtriebe der Landmenschen aufwachte, wohl wwahr, aus einem bösen Traum. Doch nun hatte er ein für alle mal ausgeträumt.

Die anderen hier versammelten starrten aus ihrer winzigen Warte wimmernd zu ihm hinauf, als er sich vom Boden löste und mit seiner Hinterflosse weitere wilde Wellen schlug, um auch nur eine seiner Längen weit zu schwimmen. "Ihr da, die ihr wenigstens gut auf den aufgepasst habt, der mir dann doch die Rückkehr ermöglicht hat, ihr findet jetzt diese drei Eindringlinge und bringt sie lebend zu mir. Lasst euch nicht wieder mit diesem widerlichen ... Waaas!!!" Als habe er es heraufbeschworen klang aus der Ferne jenes ihm verhasste Lied der ruhigen Wasser, mit dem alle niederen Wasserwesen kampfunfähig gemacht wurden. "Aufhören! Genug damit! Schweige sie, Landkriecherin!!" brüllte er dagegen an. Er konnte ja nicht wissen, dass die Sängerin Alraunenohrenschützer trug, zumal auch Ketopteryx nicht gewusst hatte, was das war.

Er sang selbst ein Lied, dass die Wellen aufwühlte. Er öffnete mit einem Stoß des Speeres an die Decke alle Zugänge zum Herrscherhaus, um dem Meer das freie Durchfließen zu erlauben. Doch das Lied der ruhigen Wasser klang weiter und jetzt auch noch viel lauter als vorher. Wer immer dieses Landmenschenweibchen war, sie kam näher und näher.

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Wie in einer schützenden Kugel aus gefrorenem Wasser trieben drei für ihn winzige Geschöpfe mit den für Landmenschen üblichen zwei Fortbewegungsgliedern am Hinterleib oder Unterleib herein. Jetzt konnte der Herrscher die dicken, algenfarbenen Dinger sehen, mit denen sich die drei die Ohren überdeckt hatten. Also hörten sie ihn nicht. Das konnte nicht so bleiben. Mit den dreien trieben nun auch alle die herein, die zu Pontodromos' Gemeinschaft gehörten und in anderen Teilen des Hauses unterwegs gewesen waren. "Hör zu singen auf, Weib! Du vergehst dich gegen meinen Willen!" brüllte Paisharaiondru und sah, wie seine mit Flossen bewehrten Untertanen vor Schmerz zusammenzuckten und für wenige Augenblicke aus der Hingabe an das Lied der ruhigen Wasser erwachten. "Ich töte dich, falsche Sängerin! Ich lasse deinen Leib und deine Seele zerfließen!" drohte er. Da passierte was für ihn völlig unbegreifliches.

Aus den Körpern der drei Fremden drangen gleichgroße Körper, die wie sie aussahen. Diese teilten sich schnell wie die Blitze bei Gewittern in weitere Abbilder. Das ging so schnell, dass innerhalb von zwei Herzschlägen hundert Mehrlinge in der Höhle schwammen. Paisharaiondru stieß mit dem Speer nach den immer mehr werdenden Abbildern. Doch es waren nur Täuschungen, nur zauberische Ablenkungen von den Ursprünglichen Körpern. Er versuchte nun auf die Stimme der falschen Sängerin zu zielen. Doch die klang auf einmal wie aus allen Richtungen zugleich. Das verwirrte ihn. Doch das Lied des ruhigen Wassers wirkte nicht auf ihn, weil er zu groß, zu stark und zu mächtig war. Er gehörte zu den größten Kriegern der Welt, geschaffen, um die größten Siege zu erringen. Wieso konnte er diese falsche Sängerin nicht erstechen und ihren Körper auflösen? Ihre Seele wollte er nicht haben. Ein Weib in seinem eigenen Geist, nein, niemals!

Er machte wilde Wellen, weil sein Speer zudem noch die umgebenden Wasser aufwühlte. Dabei traf er fast einen der nun ohnmächtig im Wasser treibenden Meermänner, Charcharonikos, wie Ketopteryx' Erinnerung verriet. Da hörte der Gesang unvermittelt auf.

Die Abbilder und ihre Ursprünge wirbelten in der Höhle herum. Es mussten von jedem dort an die tausend sein. Er wusste nicht mehr, wer die echten und wer die falschen waren. Denn den dazu nötigen Zauber hatte er weder gelernt, noch steckte der in seinem Speer.

Dann klangen wie aus allen Richtungen zugleich zwei Stimmen, die der falschen Sängerin und die des Mannes, von dem es auch eine Unmenge falscher Mehrlinge gab. Er sah, dass nun die Mehrlinge der falschen Sängerin sowie die Abbilder des einzigen Mannes silberne Gebilde in den Händen hielten und hörte sie gemeinsam eine Anrufung singen, die er deshalb verstand, weil sie in der erhabenen Sprache seiner Schöpfer gerufen wurde.

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Julius Latierre hatte schon übergroße wesen gesehen, reinrassige Riesen, die grüne Gurga Nal, die steinerne Riesenschlange Skyllians und vor allem die aus vielen hundert Sklavenseelen gebildete Erscheinungsform Sardonias. Dennoch erschauerte er, als er die mindestens dreißig Meter lange Kreatur sah, die in der gewaltigen Höhle schwamm, in die sie eingedrungen waren. Das Ungetüm sah wie ein gewöhnlicher Meermensch aus, eben dass alles an ihm unheilvoll groß war. Schlauchartige Haare, Dolchartige Wimpern, Hände, die jede für sich einen ausgewachsenen Mann vollständig umschließen und wie ein rohes Ei zerdrücken konnten, und die gewaltige Schwanzflosse, die jeden Blauwal vor Neid im Boden hätte versinken lassen, nur dass dieses zweigeteilte Schwimmorgan senkrecht ausgerichtet war und nicht waagerecht.

Sofort hatten sie die besonderen Ohrenschützer übergestülpt, um nicht vom schierenGebrüll des Monströsen Meermannes betäubt oder gar getötet zu werden. Die von Camille gezauberte Eisschildblase, die wohl unter Wasser das Mittel der Wahl war, erzitterte unter den Schallwellen des tosenden Titanen. Auch prallten die von seinem baumstammgroßen Dreizack aufgewühlten Wellen von dem Schild ab. Julius konnte jedoch fühlen, dass Camilles Schild nicht aus ihrer eigenen Zauberkraft kam. Ja, Die Urgewalten des wiedererwachten Meerestitanen wurden auch von einer anderen Kraft abgewehrt, die er genauso bei sich trug wie Camille.

Unvermittelt vibrierte Julius über der Badehose getragener dünner Ledergürtel. Dann drängten fünf, zehn, zwanzig und noch mehr haargleiche Ebenbilder von ihm selbst in die Unterwasserhöhle hinaus. Ebenso erging es Camille und Catherine. Das war sicher, weil sie an einen übermächtigen Angreifer gedacht hatten. Doch um den zu besiegen reichten über hundert nichtstoffliche Ebenbilder wohl nicht aus.

"Camille, Focus Amoris. Der Titan lässt sich von deinem Wasserlied nicht fertigmachen!" flüsterte Julius. Er wusste, dass die besonderen Ohrenschützer seine Worte wie per Funk auf die darauf abgestimmten Empfänger übertrug.

"Du magst recht haben, Julius. Der Stern wechselwirkt mit meinem Eisschild-Zauber", hörte er Camilles Stimme im rechten Ohr.

Schnell schwammen sie beide zueinander hin. Die Schutzblase zog sich enger um sie und Catherine zusammen. Dann hielten sie beide ihre Heilssterne nach vorne und riefen zeitgleich aus:

"Alaishadui Siri,
Alaishaduan a sogaharan Iri.
U Alaishaduim Godiri,
san Arwoxaran Laishandan Miri!"

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Von den beiden Silbergegenständen strahlte blaues Licht aus. Dann zerliefen sämtliche Mehrlinge in jenem blauen Licht. Es zog sich zu einer Kugel zusammen, in der die drei Fremden nun als einzige ihrer Daseinsform zu erkennen waren. Die Kugel dehnte sich schlagartig aus und wurde zu einer Flut aus wasserblauem Licht, die so schnell bei ihm ankam, dass Paisharaiondru nicht mehr dazu kam, auf die nun wieder einzigen Eindringlinge zu zielen. Es war wie ein Hitzestoß, der durch den Speer und durch seinen Körper jagte. Als er wie in heißem Wasser treibend hilflos in der Höhle schwamm begann die falsche Sängerin wieder zu singen. Diesmal wirkte die Kraft des Liedes des ruhigen Wassers auf ihn ein. Sie wurde verstärkt. Dieses verwünschte blaue Leuchten, das aus den beiden silberfarbenen Dingern geflutet war, verstärkte die Kraft des Liedes des ruhigen Wassers. Der allmächtige, alle Meere beherrschende Gottkönig fühlte, wie seine Entschlossenheit wich. Er fühlte, wie sein Kampfeswille zerfloss wie Eis im Sonnenlicht. Er fühlte, wie er seine machtvolle und tödliche Waffe nicht lange in den Händen halten konnte. Er wusste, dass er sie nicht von seinem Körper weglegen durfte, wenn er nicht wieder darin zurückkehren und sich der Treue seiner Untertanen ausliefern wollte. Er musste den Speer festhalten. Doch das Lied wollte, dass er alle Waffen sinken ließ und in Frieden und Geborgenheit ausharrte, ohne Wut, Angst oder Kampfeslust. Er fühlte, wie er dem immer schwereren Speer folgend in die Tiefe sank, bis er mit dem Speer wieder auf dem Boden lag, genau neben den Knochen seines ersten machtvollen Körpers. Er kämpfte darum, nicht zu unterliegen, wollte schon um Gnade winseln. Doch seine Angst vor der Niederlage schloss seinen Mund. Der Speer und er lagen nun flach auf dem Höhlenboden. Er hörte die falsche Sängerin singen. Dann sah er, wie der Mann, der ebenfalls einen silbernen Gegenstand in der Hand hielt, sich auf den Boden hinabstürzte und das immer noch leuchtende Etwas auf den Felsenboden drückte. Dann hörte er ihn laut und vernehmlich eine andere anrufung sprechen, eine, die die Erde als Mutter allen Lebens pries. Nein, was forderte er dabei? Das war doch ... Woher kannte er diese Worte?!

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Focus Amoris, die gebündelte Macht aus mindestens zwei Heilssternen gleichzeitig, wenn ihre Träger die mächtigste Anrufung ausriefen, die die Kräfte des Lebens und der Liebe freisetzten. Jetzt konnte Camille die Macht des beruhigendenWasserliedes voll ausspielen, sodass selbst der bis dahin tobende Titan immer träger und schwerer wurde, bis er neben einem gigantischenGerippe landete, dass so aussah, als wäre das früher sein Körper gewesen. Als der Überriese und sein baumstammlanger und -dicker Dreizack den Boden berührten kam Julius eine Idee, wie er dem Spuk des wiedererwachten Meerestyrannen ein vorzeitiges Ende bereiten konnte. Noch wirkte Focus Amoris. Das konnte klappen. Doch es konnte ihn dabei auch umbringen. Egal. Für Millie, Béatrice und alle mit ihnen bekommenen Kinder, ja auch und vor allem für die arglos am Schulstrand von Beauxbatons weilenden Mädchen und Jungen musste er das riskieren.

Er stürzte sich mit dem immer noch wasserblau leuchtenden Silberstern nach unten, berührte damit den Boden. Die Verbindung stand. Es fehlte nur noch die nötige Anrufung:

"Andurakani Madrashghedon!
Alkaruniaidri Kumarkaron!
Madrash Naanmirtui Muradir
algun Mirtui as Karandonir!!"

Julius sah noch, wie der Titan versuchte, sich wieder vom Boden zu lösen, weil seine Anrufung Camilles Lied zu übertönen drohte und zugleich eine ganz andere Magie heraufbeschwor, die heilende, reinigende Kraft der Mutter Erde.

Sein Heilsstern wechselte die Farbe von Wasserblau über Türkis zu einem hellen Smaragdgrün. Explosiondsartig breitete sich dieses grüne Licht über den Boden aus, jagte wie eine flache, glühende Flutwelle durch die Höhle. Julius behielt den auf den Boden gedrückten Titanen im Blick. Ihm fiel ein, was sein mochte, wenn der, der ihn in sich aufgenommen hatte starb. Dann hatte er bewusst mit seiner Macht getötet und damit die Macht über vier mächtige Zauber verwirkt. Doch es war nun nicht mehr aufzuhalten.

Der Boden glühte weiter. So glühte nun auch der niedergesunkene Überriese und seine mörderische, machtvolle Waffe. Er wurde förmlich in jenem Licht gebadet, nein, verschlungen. Der Boden erbebte deutlich spürbar. Die entfesselte Gewalt der Erde kämpfte gegen die zu tilgende Magie aus einer alten Zeit, als gottgleich mächtige Zaubermeister meinten, Krieger wie ihn dort erschaffen zu müssen. Nun sah Julius, dass auch Camilles Heilsstern grün glomm, obwohl sie noch schwebte. Von ihrem Stern ging ein fünfstrahliges Lichtband zur wogenden Lichterflut am Boden über. Focus Amoris, die Vereinigung von Ashtarias Erben, wirkte also weiter. Julius fühlte, wie ihm Kraft abging. Ja, sein zauber forderte den fälligen Tribut. Das mochte er nicht überleben. Das würde er unmöglich überleben!!

Er sah mit immer weiteren Augen, wie der Überriese im grünen Leuchten schrumpfte. Zugleich sah er, wie sich etwas aus seinem Körper löste, eine geisterhafte, grün schillernde Gestalt, die mit weit aufgerissenem Rachen einen stummenSchrei ausstieß und dann eins mit dem am Boden liegenden Dreizack wurde. Dann schrumpfte auch der gewaltige Dreizack, mit dem Wasserwellen und Erdbeben erzeugt werden konnten. Ja, und beide Urkräfte wurden von den heilsamen Kräften von Ashtarias Kindern und Aiondaras beschützendem Wasser gegen diese gewaltige Waffe gewendet. Sie sprühte Funken, schrumpffte dabei weiter und weiter zusammen. Julius vermeinte in einer der drei Spitzen noch einmal das vor Schmerzen und Wut verzerrte Gesicht eines grünen Geistes zu erkennen, bevor der Speer schlagartig zerfiel. Gleichzeitig schrumpfte der Körper, den sich der Titan ausgeborgt hatte weiter. Blaue und grüne Funken sprühten dabei von ihm weg und zerrannen in der gewaltigen grün schillernden Höhle.

Julius fühlte, wie der Heilsstern immer schwerer auf den Boden drückte und wie die Kraft aus seinen Armen in den Stern hinübergesaugt wurde. Gleich würde er ohnmächtig. Gleich würde er sterben, wie der Meerestitan. Doch das war es wert, dachte Julius. Millie und die anderen konnten weiterhin in Frieden leben, ohne Gefahr, von einem gewaltigen Meeresungeheuer getötet zu werden. Er würde dann bei Ammayamiria sein, bei ihr oder mit ihr vereint oder wie schon mehrmals in ihr getragen? Gleich würde er die Antwort auf diese verhängnisvolle Frage bekommen.

Noch einmal glühte der Heilsstern auf. Sein Licht jagte in hellgrünen Spiralen durch den Boden, zuckte wie dem Boden entfahrende Blitze die Wände nach oben und zersprühte unter der Decke zu grünen Lichtentladungen. Dann war es vorbei.

Bleischwer lag Julius auf dem Boden, den eiskalt gewordenen Silberstern tief in den sandigenBoden gedrückt. Die betäubten Meermenschen begannen sich wieder zu regen. Wie durch einen Hitzeschleier meinte Julius den fremden Meermann zu sehen, der eine silberne Kette um den Hals trug und nun scheinbar schwerelos nach oben stieg. Er sah ihn atmen, langsam, flach aber deutlich erkennbar. Der andere lebte. Ja, und er lebte auch noch.

"Sing weiter die anderen ruhig, Camille, ich kümmere mich um ihn!" hörte Julius wie durch einen Wattepfropfen Catherines Stimme im linken Ohrenschützer. Da kam sie auch schon angeschwommen und berührte ihn mit dem Zauberstab. "Nein, Catherine, musst dunicht. Ich kann mich selbst neu aufladen", presste Julius heraus und berührte mit seinem Zauberstab die Erde. Dann dachte er mit schmerzendem Kopf die Formel, um neue Kraft aus der Erde zu saugen, solange er mit dieser sichere Verbindung hatte. Es brauchte zwei Ansätze. Dann fühlte er, wie der Kraftstrom aus dem Schoß von Mutter Erde in ihn hineinflutete und ihm die verbrauchte Ausdauer wiedergab. Als er sicher war, sich wieder frei bewegen zu können beendete er den Auffrischungszauber und stieß sich vom sandigen Boden der gewaltigen Höhle ab. Das Flimmern vor den bebrillten Augen war verschwunden. Die Heilssterne waren beide erloschen. Hoffentlich waren sie nicht vollständig ausgebrannt.

Nun, wo er wieder Herr seiner Sinne und Kräfte war landete er noch einmal und prüfte mit einem Untersuchungszauber. Dabei erkannte er, dass seine wahnsinnige Aktion nicht nur den Meerestitanen ausgelöscht hatte, sondern auch feine Adern von Erdmagie aus den Wänden ausgebrannt oder besser in die Erde hinabgeleitet hatte. Die Wände waren nicht so stabil wie sie ausgesehen hatten. Die gewaltige Höhle war bisher von einem Gegendruckzauber erhalten worden. Der fehlte jetzt. Mit großem Schrecken erkannte Julius, dass sie womöglich gleich alle unter Megatonnen Felsgestein begraben werden mochten.

"Mist, wir müssen hier raus. Die Höhle ist instabil geworden!" rief Julius Camille zu, die immer noch das Lied des ruhigen Wassers sang. Dann änderte sie Tonart und Text. Er meinte verschwommen Befehle von ihr zu hören. Da sah er, dass die bisher betäubten Meerleute sich regten, jedoch keine agressiven Bewegungen machten. Sie schwammen auf ihren bewusstlosen Kameraden zu, ergriffen ihn bei Kopf, Armen und Schwanzflosse und hoben ihn an. Weitere Meerleute, die sich in der Höhle versammelt hatten, schwammen zu Camille, Catherine und Julius und ergriffen sie fest aber nicht brutal. Dann ging es auf einmal in einem Tempo los, als wenn sie Raketentreibsetze gezündet hätten. Die Meerleute schwammen mit ihnen an Armen und Beinen durch den nächsten Ausgang Richtung Oberfläche. Julius hörte in der Ferne ein lautes Rumpeln. Er war sich sicher, dass soeben ein Teil des untermeerischen Höhlensystems zusammenbrach. Wieso hörte er das trotz der Ohrenschützer. Da fiel ihm auf, dass die weg waren. Der Gegenstrom der schnellen Fahrt hatte sie ihm wohl vom Kopf gerissen. Zumindest drückte der kalte Heilsstern noch fest an seine Brust. Er atmete schnell. Das in ihn einströmende Wasser war wie Luft für ihn und belebte ihn zudem noch. Ebenso hörte er Camille ein Lied singen, dass er nur wegen der Sprache des alten Reiches verstand. Es war das Lied des freien Wassers. Ja, es half denen, die dem Wasser verbunden waren, schneller und ausdauernder zu schwimmen und bestehende Hindernisse aus dem Weg zu räumen. So gab die Kräuterhexe von Millemerveilles und Erbin Aurélie Odins den dahinjagenden Meerleuten mehr Kraft und Geschwindigkeit.

Wieder rumpelte es und hallte durch das aufgewühlte Wasser. Wieder musste irgendwo ein Teil der Höhlen eingestürzt sein. Julius meinte auch den Boden unter ihnen beben zu sehen. AmEnde hatte er noch einen Tsunami verzapft, der die Balearen überflutete. Dann war er eindeutig nicht mehr würdig, Ianshiras vier mächtige Zauber zu können.

Felsen brachen aus der Decke, trudelten oder sackten an ihnen vorbei. Doch irgendwie schafften es die muschelgepanzerten Meerkrieger, ihre drei landmenschlichen Begleiter und den ohnmächtigen Artgenossen zwischen den immer häufiger herabfallenden Trümmern hindurchzuschleusen. Immer wieder krachte, rumpelte und bebte es. Immer wieder mussten sie gegen aufgewühlte Wellen anschwimmen, die in Form blauer Lichtschleier um sie herum zerrannen. Fast wären sie in einen Sog geraten, der aus einem nach unten führenden Seitengang auf sie einwirkte. Julius fühlte, welch unbändige Kraft die muschelschalenbehelmten Krieger in den Schwanzflossen hatten. Sie schafften es, dem immer wilderen Sog noch gerade so zu entrinnen. Dann krachte ein Felsbrocken so groß wie ein Kleinbus von der in Aufruhr befindlichen Höhlendecke. Sein Aufprall verdrängte soviel Wasser auf einmal, dass die Wucht den zerrenden Sog überstieg und die Flüchtenden aus der Gefahrenzone hinausdrückte.

Jetzt sah Julius Latierre, wie die ganze unterirdische Anordnung ins Wanken geriet. Doch die Meermänner zogen und schoben ihn und die drei anderen weiter nach oben, durch einen sich windenden und biegenden Schacht. Julius fragte sich, was aus allen Fallen geworden war, die sicher noch auf Opfer gelauert hatten. Dann drückten vier Meermänner wie auf ein stummes Kommando zwei mannsgroße Felsbrocken zur Seite, als wögen sie gerade mal ein paar Kilogramm. Von einem zusätzlichen Wasserschwall aus den Tiefen des Höhlenlabyrinthes geschoben entfuhren alle Meerleute und die von ihnen beförderten dem zusammenstürzenden Höhlensystem. Julius sah einen irrlichternden Schimmer über sich. Dann wusste er, dass dies das sich im Wasser brechende Mondlicht war. Die Gleitlichtbrille, die ihm noch auf der Nase saß verstärkte das bis hier hinuntersickernde Silberlicht des treuen Nachtgestirns.

Jetzt ging es noch schneller nach oben, jetzt, wo kein Hindernis, kein niederstürzendes Felsenstück ihren Weg versperrte, jagten die Meerleute nach oben. Doch etwa noch fünfzig Meter unter der Oberfläche bogen sie auf einmal abund begannen wieder zu tauchen. Julius hörte Camille Anweisungen singen, vielleicht Richtungen, vielleicht auch Unterwerfungsworte.

Jedenfalls ging es wieder zum Meeresgrund hinunter. Dann sah Julius, wo sie hin wollten. Natürlich. Es ging zurück zu dem auf seinen Vogelbeinen stehenden Phalacrocolax, dem Wundergefährt Florymont Dusoleils. sie jagten darauf zu. Julius fürchtete, dass Florymont gleich die große Keule gegen Haie und andere Unterwasserwesen auspacken würde. Doch Camille schwieg für ein paar Sekunden. Dann sang sie ruhiger und ruhiger weiter. Die sie und die anderen tragenden Meerkrieger brachten sie sicher auf den Grund. Julius fühlte sofort die aufgewühlten Erdstränge und sah bange zu jenem felsigen Hügel hinüber, dem Palast des Poseidon, wie ihn Florymont bei der Landung ausgerufen hatte. Doch von dem einstigen Herrschersitz fehlte bereits ein Gutteil der Wände. Julius sah, wie das künstliche Gebilde bedächtig aber unaufhaltsam in sich zusammensank. Womöglich stürzte ein Großteil davon in die einstürzenden Tunnel, Schächte und Kavernen hinein. Dann erreichten die geflüchteten Wasser- und Landwesen den Standplatz des vogelbeinigen Unterwassergefährtes.

"Die Ohrenschützer sind weg!" Rief Julius Camille zu. "Eben nicht. Als wir aus den Höhlen flohen habe ich Florymonts Accumuport-Zauber ausgelöst und sie wieder dahin verfrachtet, wo ich sie hergeholt habe. Wir mussten schließlich hören können, wo dein Erdrüttelzauber die Höhlen zusammenstürzen ließ."

"Ich wollte ganz sicher kein Erdbeben bauen und ganz sicher auch keinen Tsunami", protestierte Julius. Dann sah er, wie Camille ihre Finger auf den Mund legte. Er schwieg.

Die Meerleute landeten um sie herum. Sie sprach zu ihnen mit einer sphärischen Stimme, als wäre sie selbst die Königin der Meermenschen. Dann deutete sie auf den Phalacrocorax. "Los, die Dame und der Herr, wir steigen wieder in unser Wundervehikel. Kann sein, dass gleich wieder die ganzen krieger hier anrücken, die eigentlich hier wache halten. In die müssen wir nicht hineinsteuern."

Julius fühlte, wie die ihn haltenden Meerleute ihn losließen. Er nutzte die sich bietende Gelegenheit, das Ausmaß seiner Erdmagieerschütterungen zu prüfen. Er spürte die sich langsam krümmenden und wieder streckenden Erdmagiestränge. Doch ihre Auslenkung war nicht so weit, wie es bei wirklich starken Erschütterungen zu befürchten war. Von unten her drängte keine aufgewühlte Erdkraft nach. Das von ihm angestoßene Beben beschränkte sich ausschließlich auf dieses kleine Gebiet. Auch sah er, wie Strudel in den immer weiter aufklaffenden Hügelflanken entstandenund den aufgewühlten Sand schneller in sich hineinsaugten als die von den Erschütterungen erzeugten Wellen ihn im Meer verteilen konnten. Offenbar musste tief unten ein gewaltiger Unterdruckbereich, womöglich ein luftgefüllter Hohlraum geöffnet worden sein, in den nun das Wasser hineindrängte. Dennoch empfand Julius das was er sah und fühlte nicht wirklich beruhigend.

"Florymont muss an Unbekannt eine Seebebenwarnung raushauen", sagte er zu Camille. Diese nickte ihm zu. Sie deutete auf das magische Vielzweckfahrzeug. Nun nickte auch Julius. Dann steuerte er die Oberseite an, die zweite Schleusenkammer, wenn das Gefährt von Florymont auf festem Boden gelandet war.

Sie schlängelten sich einer nach der anderen durch die runde Außenluke. . Als Camille die Nachut bildete rief sie: "Monsieur Steuermann, Tür zu und Abfahrt, bitte!"

"Madame Außenoffizierin, wir legen ab!" klang von unterhalb der mit Wasser gefüllten Schleusenkammer Florymonts Stimme.

"wir bleiben solange hier drin, bis wir die Oberfläche erreichen", sagte Camille. Dann darf Florymont das ganze Wasser rauspumpen und wir alles Wasser abhusten, was wir dann noch in den Lungen haben."

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Zur Selben Zeit im Hause Tyches Refugium bei Boston

Die Sonne ging gerade unter, als Anthelia/Naaneavargia fühlte, wie der von ihr erzeugte Schutzzauber der Erde erbebte und hörte ihn leise singen. Dann war es auch schon wieder vorbei. "Irgendwer hat da gerade was überaus mächtiges in die Erde zurückgestoßen", dachte sie und war sich sicher, wer das getan hatte. Die Frage war nur, was da so weithin wirksam in die Erde zurückgestoßen worden war und welche Folgen das auf die Stränge der Erdmagie haben mochte. War sich der, der das gemacht hatte dessen bewusst. Natürlich war er das. Denn er war ja wie sie zum hohen Vertrauten der Erdkräfte ausgebildet worden.

Die höchste Spinnenschwester begab sich in den Raum mit den großen Zweiwegspiegeln und enthüllte sie alle. Mit einer Zauberstabbewegung überstrich sie alle reflektierenden Flächen. Dann sagte sie: "An alle Schwestern. Irgendwo auf diesem Planeten wurde gerade ein starker Zauber der reinigenden Erde ausgeführt. Wer von euch mitbekommt, wo und was da geschehen ist meldet es mir unverzüglich. Das gilt übrigens auch noch für alles, was mit Schwester Albertines Ende zu tun hat."

"Verstanden, höchste Schwester", rief eine der Bundesschwestern. Als Anthelia von allen eine Rückmeldung hatte ließ sie die Vorhänge wieder vor den Spiegeln zugleiten und verließ ihre magische Fernmeldezentrale wieder.

"Falls du dieses Erdweib aus Lahilliotas Unterleib in die Erde zurückgestoßen hast wird sie dir das nicht verzeihen, Julius Latierre geborener Andrews", grinste Anthelia/Naaneavargia.

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Zur selben Zeit an der blauen Bucht von Mallorca

Noch hatte keiner der hier logierenden Touristen es gewagt, einen der unmittelbar am superweißen Sandstrand aufgestellten Liegestühle zu belegen. Alvaro Constantín Bondego Sánchez blickte auf das vom Mond beschienene Meer. Wehmütig dachte er daran, dass er den Strand nur noch eine oder zwei Stunden für sich allein haben mochte. Dann würden wieder über tausend Urlauber, mehrheitlich aus Deutschland, diesen Strand bevölkern und sich in der Sonne braten lassen wie Spanferkel am Spieß.

Er hatte es in all den vierzig Jahren, die er schon hier wohnte nicht begriffen, was so vergnüglich daran war, sich die Haut verbrennen zu lassen, nur um zu Hause damit angeben zu können, dass man jeden Tag Sonnenschein und Meer hatte.

Das rhythmische Rauschen der an- und abrollenden Brandung war wie der Atem des Meeres selbst. Doch irgendwas war nicht wie sonst. Wurden die Wellen immer schwächer? Jedenfalls schafften sie es nicht, die knapp fünfzig Meter vom Strand entfernten Felsen zu überspülen. Ja, die Felsen und die daran haftenden Seeigel hoben sich immer mehr aus dem Wasser heraus. Dann erkannte Juan, was geschah. Das Meer zog sich zurück, nicht weit, aber sichtbar. Sofort erinnerte er sich an die schrecklichen Bilder aus den Nachrichten, die ihm vor vier Jahren die Weihnachtsfeiertage verdorben hatten. Da war es auch darum gegangen, dass sich das Meerimmer weiter zurückgezogen hatte, bevor die erste von mehreren verheerenden Flutwellen die Küsten überrollt hatte. Juan Sánchez starrte auf das wohl hundert Meter zurückgewanderte Meer. Er hatte kein Erdbeben gespürt. Schnell sah er sich um. Ja, den Hügel da konnte er rauflaufen. Der war mindestens zwanzig Meter hoch. Er lief los. Doch seine Füße versanken immer wieder im feinen Sand. Es strengte ihn sichtlich an. Doch die Angst um sein Leben trieb ihn wie mit hundert Peitschen voran. Sandwolken spritzten um ihn herum auf. Er musste sich Mund und Nase zuhalten, um kein Sandkorn einzuatmen.

Als er nach einer ihm ewig erscheinenden Zeit den Fuß des Hügels erreichte hörte er das ferne Rauschen und spürte einen deutlichen Wind vom Meer her. Die Erkenntnis, dass da wirklich eine Flutwelle kam trieb ihn noch heftiger an. Keuchend kämpfte sich der einzige Besucher der blauen Bucht den Hügel hinauf. Sein Herz hämmerte gegen das Schnaufen seines Atems und das immer lauter werdende Rauschen der heranjagenden Welle an. Dann erreichte er die Hügelkuppe. Nahe daran, vor Schwäche umzufallen rang Juan um sein Gleichgewicht. Dann schaffte er es, zum Meer hinüberzublicken. Da schoss gerade eine wohl einen halben Meter hohe, von Horizont zu Horizont ausgespannte Welle über den im Mondlicht wie Silberstaub glitzernden Sand hinweg. Die Welle warf sich über die nahe am Strand aufgestellten Liegestühle und stieß sie um. Mindestens fünfzig Meter des beliebten Sandstrandes wurden überflutet. Dann sackte die Welle in sich zusammen und rollte rauschend und gurgelnd in die Bucht zurück. Dabei zerrte sie die umgestoßenen Liegestühle mindestens zehn Meter weit mit sich und verschlang Tonnen von aufgewühltem Sand. Als die Flutwelle über die Brandungsgrenze hinausgerollt war sah Juan auf eine von wassergefüllten Löchern und Furchen durchsetzte, patschnasse Landschaft. Juan starrte auf das Meer, das sich wieder einige Dutzend Meter weiter als üblich zurückzog. Dann rollte die zweite Welle an. Diese war jedoch nicht mehr ganz so hoch wie die erste. Sie wälzte sich über den bereits verdorbenen Touristenstrand und überspülte Sand und Strandmöbel. Nach fünfzig Metern freiem Lauf kam die Welle wieder zum stehen und rollte wieder zurück ins Meer.

Juan griff sich an die rechte Außentasche seines bei dieser Nachtkühle empfohlenen Strandanzuges aus wasserdichtem aber atmungsaktivem Kunststoff. Er fühlte den rechteckigen Gegenstand darin. Wieso hatte er nicht gleich das Ding rausgeholt und mit der Videofunktion draufgehalten? Klare Frage, klare Antwort: Weil er mehr Angst um sein Leben als Sensationslust hatte. Er überlegte, ob er sein neumodisches Mobiltelefon aus der Tasche holen und den verwüsteten Strand fotografieren sollte. Dann überlegte er, ob das wirklich so gut war. Im Moment war nur er hier. Da ihn schon mal die Polizei vom Strand vertrieben hatte, nur weil er dort im Mondlicht meditieren wollte, legte Juan Sánchez keinen Wert darauf, aufzufallen. Außerdem beruhigte sich gerade das Meer. Die üblichen Brandungswellen rauschten wieder heran und zurück, als wenn gerade nichts außergewöhnliches passiert wäre. Würde man überhaupt glauben, dass er gerade zwei Minitsunamis gesehen hatte? Dann dachte er daran, dass die blaue Bucht ja nicht die einzige Strandattraktion auf Mallorca, ja auch auf Menorca und Ibiza war. Was, wenn diese beiden Minitsunamis auch die zwei anderen Inseln heimgesucht hatten? Am Ende war doch noch jemand dabei verletzt oder getötet worden. Da wollte er auch kein supertolles Aktionsvideo ins Internet schicken.

Als Juan sich sicher war, dass die Tsunamigefahr vorüber war beschloss er, den Hügel auf der anderen Seite wieder hinunterzugehen und den Strand zu verlassen.

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Zur selben Zeit in der Erdbebenwarte des geologischen Institutes von Barcelona

Ein unüberhörbares Pingeln zog die Aufmerksamkeit der nächtlichen Beobachter auf sich. Carlos Vincente Burgos und Rodrigo Murillo Gutiéres blickten auf die elektronische Landkarte der iberischen Halbinsel und der ihr vorgelagerten kleinen und großen Inseln und tauschten überraschte Blicke aus. "Das war nur einen halben Kilometer vor Menorca, Mittelstärke 5,3, mit Spitzen bei 6,5. Hmm, Ein reines Oberflächenbeben, kein erfasstes Hypozentrum", kommentierte Murillo die vom Computer ausgegebenen Datenkurven, die er mit der Maus in säuberlich gegliederte Tabellen umwandelte. Sein Kollege Burgos deutete auf eine Grafik, die das Beben von der Entstehung bis zum Abklingen darstellte. "Sieht für mich nach einem Bergrutsch aus oder einem unterseeischen Hohlraum, der eingestürzt ist", sprach er eine Vermutung aus.

"Tsunamiwarnung?" fragte Murillo. "Öhm, besser ist das", sagte sein Kollege und betätigte die entsprechende Schaltung, die seit dem 26. Dezzember 2004 Standard in allen Erdbebenwarten in Küstenländern war.

Wenige Minuten später wussten die zwei wachhabenden Geologen, dass es wohl zwei kleinere Flutwellen gegeben hatte, die wegen der viel zu kurzen Vorwarnzeit noch vor der offiziellenWarnung die Strände der Balearen überspült hatten. Zu körperlichem schaden gekommen war jedoch niemand, weil die Strände um diese Uhrzeit noch leer waren. Allerdings würden die Touristenbunker erst einmal alle kaputten Liegestühle und Sonnenschirme einsammeln und gegen neue austauschen müssen. Das würde vielen Sonnenanbetern aus dem Norden nicht gefallen, dachte Murillo. Dann konzentrierte er sich weiter auf den ermittelten Erdbebenherd. Seine Kollegen würden wohl mit Tauchern dort nachsehen, was passiert war.

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Zur selben Zeit irgendwo in Südafrika.

Wenige Monate war sie nun wieder auf der Welt, die vollständig wiederverkörperte Thurainilla. Dem Gesetz der schwesterlichen Verbundenheit folgend war sie jedoch nun bronzefarben getönt, wie die, die sie getragen und wiedergeboren hatte. Ullituhilia, die ihre der Schattenkaiserin Birgute Hinrichter entwundene Schwester in sich aufgenommenund neu herangereift hatte fühlte sich trotz aller damit verbundenen Belastungen zufrieden, ja regelrecht erfreut. Jetzt wusste auch sie, wie sich Mutterschaft anfühlte.

Unvermittelt hörte sie einen lauten Aufschrei, den Schrei einer Männerstimme. Sie fühlte, wie schwache, an ihren Füßen kitzelnde Erdstöße durch den Boden jagten. Dann verstummten der Schrei und die Erdstöße wieder.

"Ach nein, wer hat es gewagt, einen gewaltigen Geist in den Schoß der Erde zu treiben? Hoffentlich findet er dort keinen ihm genehmen Gegenhalt", dachte Ullituhilia. Ihr war klar, dass es nur die schwarze Spinne oder Ashtarias letzter Sohn gewesen sein konnte, der jenen eindeutig männlichen Geist in die Tiefen der Erde gebannt hatte. "Was war das, Mutter und Schwester?" dachte die gerade in ihren Armen liegende Thurainilla.

"Jemand hat offenbar befunden, einen unruhigen Geist mit dem verwünschten Lied der reinigenden Erde in den Leib der großen Mutter zurückzutreiben, wo er im Fluss der Erdkraftstränge zerflossen ist. Offenbar war da jemand wohl der Ansicht, er müsse das tun, um die Welt zu retten. Nett, dass er das gemacht hat. Wenn du wieder deinen ausgewachsenen Körper hast können wir also weiter auf sehr wohltuende kraftvolle Kurzlebige ausgehen."

"Ich kann es kaum erwarten", hörte sie die Gedankenstimme Thurainillas, die durch die Wiedergeburt mit ihrer einstigen Schatten-Zwillingsschwester Riuthillia vereint und somit mächtiger als zuvor geworden war.

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Es rauschte laut. Das Wasser schwand durch viele kleine Löcher aus der oberen Schleusenkammer. Mehr und mehr frische Luft drang ein. Die drei besonderen Tauchabenteurer husteten das in ihren Lungen schwappende Wasser in kräftigen Schwallen von sich weg und sahen, wie es mit dem ablaufenden Wasser verschwand. Als sie wieder freie Luft atmeten meinte Julius, etwas würde ihm Kraft entziehen. Doch nach drei Atemzügen beruhigte sich sein Organismus wieder. Er war an jenes Medium zurückgegeben worden, in das er vor sechsundzwanzig Jahren und einem Monat hineingeboren worden war.

"Bitte Füße abwischen! Die Steuerkabine ist gerade frisch geputzt worden!" rief eine Männerstimme von unten.

"Ich putz dich auch gleich, werter Gemahl", lachte Camille Dusoleil. Jetzt, wo sie nicht mehr im freien Meer tauchten wirkte ihr freier Oberkörper schon etwas zu freizügig für eine gestandene Hexenmutter. als habe sie Julius' Gedanken gelesen mentiloquierte sie ihm zu: "Du hast mich schon ganz nackt gesehen, also werd' nicht rot wie ein Beauxbatons-Schulmädchen!"

"Florymont, wir müssen eine Warnung wegen möglicher Flutwellen rausgeben", rief Julius nach unten. "Ja, und woher wissen wir davon?" fragte Florymont. Da fiel Julius ein, dass sie offiziell gar nicht hier waren, nicht einmal hier sein durften. Er selbst hatte das doch als schwarzes Unternehmen bezeichnet, von dem keiner außer den unmittelbar beteiligten und deren unmittelbare Vorgesetzte etwas wissen durften. Insofern war Florymonts Frage verdammt richtig und schmerzhaft zugleich.

"Wenn es echt ein so starkes Beben gab, dass davon Tsunamis ausgelöst werden könnten, Julius, dann haben die in Spanien doch sicher auch diese Erdbebenwarten, auch um gerade sowas früh genug mitzubekommen", wollte Catherine ihren Begleiter beruhigen. Der sah sie erst verdrossen und dann erleichtert an. Von der Uhrzeit her mochten alle Strände gerade leer sein, und ja, es gab sicher auch in Spanien Erdbebenwarten, die Nachtdienste betrieben, um den Katastrophenalarm auszulösen. Das musste er dann nicht mehr machen. Er nickte Catherine zu und rief nach unten: "Catherine sagt, die wissen das schon, zumindest bei den Nichtmagiern. Also Antrag zurückgezogen!"

"Ich verstehe, dass du dich schuldig fühlst, Julius. Aber dann müsste ich mich auch schuldig fühlen, weil ich dieses Ungetüm mit meinen Wasserzaubern bekämpft habe. Wir können nichts anderes machen als uns möglichst schnell und unauffällig zurückziehen." Julius verstand sie und nickte.

"Mesdames et Monsieur, Phalacrocorax International begrüßt Sie auf dem Rückweg von Menorca nach Millemerveilles. Die Flugzeig wird schätzungsweise fünf Stunden betragen. Sollten Sie wegen ihres extraordinären Urlaubserlebnisses Hunger oder vielleicht sogar Durst verspüren stehen warme Speisen und erfrischende Kaltgetränke in der Bordkombüse zur freien Verfügung. Kapitän Florymont Dusoleil bedankt sich für ihr Vertrauen und wünscht Ihnen eine erholsame Rückreise aus dem meerumwogten Spanien ins sonnige Millemerveilles", klang Florymonts Stimme, als die untere Schleusenluke aufging und eine kurze Metalltreppe in den Kabinenbereich hinuntersank.

"Du hast vergessen ins Mikro zu blasen, das gilt also nicht!" rief Julius dem Steuermann zu. Camille lachte laut. Dann meinte Catherine.

"wie ging der Todeswehrzauber, Julius? Führ ihn vor!" Julius sah sie erst an. Doch dann begriff er, was Catherine von ihm wollte. Er zielte auf eine Stelle an der Wand und rief "Katashari!" Dabei stellte er sich vor, jenen Meerestitanen von vorhin von sich fortzudrängen. Ein silberweißer Lichtstrahl schoss aus seinem Zauberstab herausund traf die Wand, wo er zu fröhlich flimmernden Funken zerstob. "Na bitte, geht doch noch", sagte Catherine.

"Ichhabe echt gedacht, diesen Meermann umgebracht zu haben", sagte Julius, während er die kurze Leiter hinunterstieg.

"Ich hätte nicht gedacht, dass eine Anrufung der Erde so viel Kraft entfalten kann", sagte Catherine. "Ich kenne zwar den Zauber der reinigenden Luft. Der ist aber abhängig von der Windrichtung und wirkt bei weitem nicht so effektvoll."

"Das ging auch wohl nur wegen Focus Amoris", erwiderte Julius.

"Jedenfalls hast du diesen einfältigen Meermann nicht getötet, sondern von diesem Dämon befreit und die ganze Welt gleich mit. Aber ich würde dir empfehlen, diesen Zauber nur noch dann anzuwenden, wenn dir echt keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Am Ende hat das jemand mitbekommen, von dem oder besser der du nicht willst, dass sie dir wieder hinterhersteigt", mahnte ihn Catherine.

"Stimmt, so heftig der Zauber gewesen ist könnte dessen Ausläufer um die halbe Erde gelaufen sein. Mir macht aber im Moment mehr Sorge, dass ich echt einen Tsunami verzapft haben könnte, weil das ganze Höhlenlabyrinth da unten zusammengekracht ist", gestand Julius ein.

"Wenn Pataleóns Spürsteine das ausgehalten haben werden sie rauskriegen wollen, was das war", meinte Catherine. "gut, dass wir nicht verraten haben, wie wir heißen. Selbst die Meerleute werden das nicht weiterverraten."

"Ja, und seine Durchlaucht Fürst Granolario hat ja mit Pataleón keinen Vertrag. Vielleicht wird der sogar den Deckel draufmachenund behaupten, dass seine Leute das gewesen sind, um nicht zugeben zu müssen, dass seine Krieger uns nicht nur nicht aufgehalten haben, sondern auch dass er nicht verhindern konnte, dass dieser Meerestitan geweckt wurde. Eine Minute später und der wäre durch einen der Ausgänge verschwunden", sagte Julius.

"Ja, und wenn ich bedenke, dass ich vor dem Abflug noch eine zehnminütige Vollprüfung aller Einzelfunktionen durchgeführt habe", sagte Florymont. "Dann sollten wir froh sein, dass der Kormoran seine Feuertaufe bestanden hat und wir nun alle mit ihm sicher in die Heimat zurückfliegen können", meinte Camille zu ihrem Mann. "Was nützt es, den schnellsten Besen zu haben, wenn ihm bei der ersten Kurve die Reisigbündel abbrechen. Neh, Flory, war schon genau richtig, alles sicher zu prüfen. Aber ich denke, dein Wundervogel darf für's erste nicht mehr nach Spanien oder irgendwohin, wo Pataleón gute Freunde hat", sagte Catherine. Julius sagte: "Sevilla? Da wohnt doch die Eiskönigin Itoluhila."

"Deshalb wird er da nicht so schnell hingehen, Julius", erwiderte Catherine und kniff ihm in die Nase. "Frechdachs!" sagte sie dazu.

Camille, Catherine und Julius nutzten die lange Reisezeit, um einige Stunden zu schlafen. Julius hatte dabei überhaupt keinen Traum, auch nicht von Ammayamiria, der er gewissermaßen von der Gabel gehüpft war.

Wieder in Frankreich erstattete Julius Barbara Latierre Bericht. Da hiervon keine schriftliche Kopie gemacht werden würde konnte er voll und ganz erwähnen, welche Zauber Ashtarias sie ausgeführt hatten. Bei der Gelegenheit erfuhr er auch, dass die westfranzösischen Spürsteine eine kurze Wallung von "unbestimmbaren" Erd- und Wasserzaubern verzeichnet hatten. "Das dürfte den Kollegen in Spanien sehr unangenehm sein, was nicht mit sicherheit erfassen zu können", sagte Barbara Latierre dazu.

"Ach ja, ich habe eure Reise genutzt, um mich zusammen mit der Ministerin mit Madame Faucon und Professeur Fixus zu unterhalten. Wir können den Meerleuten den erweiterten Schutzzauber anbieten, der den Schulstrand absichert. Das Problem dabei ist nur, dass hierfür eine Menge gediegenes Bergbausilber benötigt wird und dass Professeur Fixus und die Schulräte darauf bestehen, dass nur sie und drei handverlesene Alchemisten und Thaumaturgen den Meerwasserfreispülungszauber ausführen dürfen. Ich habe Florymont Dusoleil ins Gespräch gebracht, auch wenn ich da noch nicht wusste, wann ihr wieder zurückkommt."

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"Wir hätten auch leicht für immer wegbleiben können, Tante Barbara", erwiderte Julius.

"Hättet ihr nicht, ohne dass Temmie das mir und deiner Angetrauten mitgeteilt hätte", sagte Barbara Latierre. Da hatte sie recht.

"Hast du auch was von Maritia gehört. Die eine Woche ist ja mittlerweile um", wandte sich Julius an seine Schwiegertante. "Bisher noch nicht. Aber wenn sie ebenfalls zusagt steht der Nachempfindung des alten Schutzzaubers und eine mögliche Weiterentwicklung nichts im Weg", erwiderte diese.

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War es ein Traum? Ketopteryx wusste nicht, ob das, was er gerade erlebt zu haben glaubte, wirklich geschehen oder nur ein sehr beängstigender Traum gewesen war. War er wirklich jener übermächtige Gottkönig mit dem mörderischen Dreizack gewesen? Oder hatte sich das alles nur bei ihm im Kopf abgespielt?

Der Boden unter ihm bebte. Er schrak hoch und stieß sich dabei mehrere Längen vom Boden ab. Er sah sich um. Er schwamm vor einem Felsenhügel, der bedrohlich wankte und in sich zusammensank. Um ihn herum schwammen mehrere Dutzend Tritonen, die ihn besorgt ansahen. Sie halfen ihm, weiter von dem einstürzenden Hügel fortzukommen.

Er musste es also erlebt haben, jene wenigen Dutzend Atemzüge im Körper Paisharaiondrus. Oder war es umgekehrt, dass Paisharaiondru in seinem Körper gesteckt hatte? Alles hatte mit diesem hellen, grünen Licht geendet, das ihm sämtliche Kraft aus dem Körper zu spülen drohte, eine Anrufung der Erde, alles Unheil zu tilgen. Dann hatte er sich hier wiedergefunden, draußen vor dem Hügel.

"Wieder wach genug zum schwimmen, Bruder Ketopteryx?" fragte ihn ein Schwarmführer, Charcharonikos. Er bejahte es. "Die drei Zauberstabträger haben uns aus dem Höhlengefüge herausgetrieben, weil es einzustürzen drohte, Bruder. Ja, und draußen lauern die Krieger des Fürsten Granolario."

"Was ist mit der Sängerin und dem Mann, der dieses grüne Licht gerufen hat?" fragte Ketopteryx. "Der Mann ist fast selbst ohnmächtig geworden. Aber er und seine zwei Gefährtinnen haben uns noch hinausgetrieben. Die steigen wohl gerade in ihr Tauchfahrzeug. Ja, sie steigen schon damit auf, um bloß weit genug wegzukommen."

"Wieso habt ihr sie nicht überwältigt und gefangengenommen?" wollte Ketopteryx wissen. Die Antwort erschütterte ihn. "Die Sängerin konnte uns mit ihrer Stimme unterwerfen. Wir konnten ihr nicht widerstehen. Es war, als sei sie die Königin aller Meereskinder, obwohl sie eine Landfrau ist", sagte Charcharonikos verdrossen. "Wir können erst wieder frei denken, weil die Sängerin mit ihren Begleitern in diesem metallischen Ding verschwunden ist."

"Was ist mit Pontodromos. Ich habe miterlebt wie ... wie ..." "Ja, hast du, Bruder. Aber das warst nicht du. Das war dieses Ungeheuer, das im Speer gewohnt hat, das wir alle aufwecken wollten, um gegen die Landmenschen zu kämpfen. Wie selten närrisch sind wir gewesen, sowas auf die Welt loszulassen", seufzte Charcharonikos.

"Wo sind die anderen Bewahrerbrüder?" wollte Ketopteryx wissen. "Die sind ganz schnell davongeschwommen und singen mit den anderen Brüdern aus dem iberischen Meer das Lied, um sich die Krieger des Fürsten vom Hals zu halten. Ob das denen gelingt weiß ich nicht. Aber wir sollten jetzt ganz schnell von hier weg, bevor die uns kriegen."

"Wohl gesprochen, aber viel zu spät!" rief eine sehr siegreiche Stimme. Da kamen sie angeschossen, fünfzig Krieger, darunter einer mit einem roten Korallendreizack in der Hand, die Zierde eines Meeresherrschers.

"Ich bin Fürst Granolario, rechtmäßiger Beherrscher des zwischen Abendlicht und Mitternacht liegenden Abschnittes des umschlossenen Meeres. Ihr aus dem Reiche von Bathos seid unangekündigt und somit unerlaubt mit Waffen in mein Hoheitsgebiet eingedrungen und habt euch gegen eines der höchsten Gesetze meines Hoheitsgebietes vergangen, indem ihr den verbotenen Hügel vor dem waagerechten Berg der größten der drei Schwesterinseln aufgesucht habt. Daher werden meine Krieger euch nun gefangennehmen. Welche Bestrafung ihr zu erwarten habt werden meine Räte und ich beschließen, sobald das Ausmaß eurer Verbrechen vollständig erfasst wurde. Leistet keinen Widerstand oder findet hier und jetzt den Tod!"

Amatheios, der neben Ketopteryx schwamm, blickte die herbeieilenden Krieger des Fürsten an. Er zählte durch und erkannte, dass er eine gute Möglichkeit hatte, sie in einem Kampf zu besiegen und den Fürsten selbst als Gefangenen fortzuführen. Doch dann sah er weitere Dutzend Krieger, die mit hoher Geschwindigkeit heranschwammen und dabei mehrere Meeresgeborene in starken Netzen zwischen sich führten. Zudem hatten sie noch vielel große Netze ausgespannt.

"Leistet besser keinen Widerstand. Diese hundertfünfzig wackeren Wasserkämpfer folgen nur meinem Befehl und haben meine fürstliche Erlaubnis, jeden Widerstand mit dem Tode zu bestrafen!" bekräftigte der Fürst, dass er in der günstigeren Lage war. Ketopteryx sah ein, dass es ein Verbrechen gegen die eigene Klugheit war, sich hier und jetz, nach diesem unheilvollen Vorkommnis in dem immer mehr zusammenbrechenden Felsenhügel, eine Schlacht auf fremden Hoheitsgebiet zu liefern. Ja, es stimmte. die fürstliche Streitmacht war drei zu eins überlegen. Außerdem hatten sie alle Bewahrer gefangengenommen. Wie konnten die das, wo die Bewahrer wie die Wassersängerinnen Lieder gegen Feinde singen konnten? Weil Ketopteryx das nicht wusste wollte er es lieber nicht auf einen Kampf ankommen lassen. So sagte er: "Ich, Ketopteryx, zweiter sohn von Sphyraenos, dritter seines Namens, dem Sohn seiner allwasserweiten Majestät, König Bathos, vierter seines Namens, erkläre, dass wir uns auf Gnade oder Ungnade des Fürsten Granolario in die Gefangenschaft seiner ruhmreichen Krieger begeben."

"Das meinst du nicht ernsthaft, Bruder", zischte Amatheios dem ranggleichen Gefährten zu, während die hundertfünfzig Krieger mit den gefangenen Bewahrern zwischen sich näher kamen. "o doch, das kann und das muss ich. Wir sind denen unterlegen. Leisten wir Widerstand gibt es Krieg zwischen Granolario und unserem König, und dieser Krieg wird unser beider Völker ausrotten, abgesehen davon, dass der Fürst Granolario über geschickte Verheiratungen mit allen Meresvölkern westlich des engen Tores und bis zur Westseite der fußförmigen Halbinsel verbunden ist und so deren Beistand erhalten wird. Deshalb haben Pontodromos und ich uns überhaupt auf diesen Wahnsinn mit dem Gottkönig eingelassen."

"Wahnsinn? Wohl wahr", seufzte Amatheios. Ketopteryx schüttelte sich, weil er mit dieser Aussage bekundete, wie irrsinnig er gewesen sein musste und dass er beinahe das willenlose Gefäß dieses übermächtigen, gewalttätigen Ungeheuers geblieben wäre, wenn diese zwei Landfrauen und der Mann ihn nicht aus dieser grauenvollen Lage befreit hätten.

"Dieser böse Geist, der sich damals als unser Gottkönig aufgeführt hat, ist vernichtet und wird nicht mehr zurückkommen. Jetzt heißt es, im Frieden die Lösung unserer eigentlichen Schwierigkeiten zu suchen", sagte Ketopteryx laut, während die Krieger des Fürsten sie umschwammen und ihre Netze ausspannten. "Wir kommen in Frieden und ohne Widerstand mit euch!" rief Ketopteryx unterwürfig. "Dann legt alle eure Waffen nieder!" befahl der Fürst selbst. "Los, Waffen ablegen! Oder wollt ihr eure Familien sterben wissen, weil ein Krieg sie alle umbringt?" zischte Ketopteryx. "Du bist gleichrangig mit mir und Charcharonikos, Bruder. Du hast nicht die Befehlsgewalt, weil ... Vergessen wir es!" schnaubte Amatheios. Er wollte wohl sagen, dass Ketopteryx ja nicht mehr der ausführende Körper des Gottkönigs war. Doch genau das wäre ihm wohl auch übel bekommen.

Die Meerleute aus der Ägäis wurden nicht in Netze gewickelt, sondern nur mit führstricken um die Wurzeln ihrer Hinterleibsflossen gebunden und von je drei Kriegern fortgezogen.

"Ich erbitte das Recht des Kriegers, um meine Freiheit kämpfen zu dürfen!" verlangte Charcharonikos auf dem Weg in die Fürstensiedlung unterhalb der Costa Brava. Sofort stimmten auch alle anderen Krieger in diese Forderung ein, nur nicht Ketopteryx. Der wusste, dass er als wertvollster Gefangener entweder als Geisel gehalten werden würde oder zur Abschreckung künftiger Angriffsversuche hingerichtet werden würde. Er würde nicht das Recht erhalten, um seine Freiheit kämpfen zu dürfen.

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In der Siedlung von Fürst Granolario am Kontinentalsockel der Costa Brava, 30.08.2008 Menschenzeitrechnung, früher Morgen

Der Platz der Ansprachen und Kundgebungen war voller Untertanen beiderlei Geschlechtes. Die Mitte des eintausend mal neunhundert Manneslängen messenden Platzes war von mit stumpfen Speeren bewaffneten Kriegern freigeräumt worden. Viele hundert Manneslängen über ihnen brach sich die goldene Sonne im wogenden Meer und schuf ein Spiel aus funkelnden Lichtern.

Zwei jüngere Meermänner mit den Kennzeichen von Leibdienern des Fürsten trugen ein großes rundes Netz herbei. In diesem ruhte ein Körper, der aus zwei trichterförmigen Glaskolben bestand, die durch ein dünnes Glasrohr verbunden waren. Im unteren Kolben häuften sich über tausend kleine runde weiße Kieselsteine. Die Diener ließen das Netz los und hoben den Doppelbehälter aus dem Netz und stellten ihn genau in die Mitte des Platzes.

Große Hohlkörper wurden zusammengeschlagen. Stille trat ein. Die wartenden sahen mit ihren silbernen, blauen und grünlichen Augen auf den Platz. Von weiter oben sanken nun aus den Knochen von erlegten Meeressäugern gebildete runde Käfige herunter. Darin steckten jeweils vier unbewaffnete und unbekleidete Meermänner. Achtzehn von ihnen trugen Knebel in ihren Mündern und waren zudem gefesselt, offenbar feindliche Wassermagier. Die anderen waren groß und kräftig, wohl zum bewaffneten Kampf ausgebildete Krieger. Das waren die Feinde des Fürsten, die es gewagt hatten, bewaffnet und mit Umsturzabsichten in das Reich von Fürst Granolario, zwölfter seines Namens, einzudringen. Dementsprechend gaben die hier versammelten Untertanen Unmutslaute von sich. Dann erschien, begleitet von zwanzig Kriegern, das hohe Gericht des Fürsten, angeführt von ihm selbst und den sechs hohen Richtern.

"Die werden heute noch getötet", wisperte ein Meermann seiner Frau zu, die auf die Gefangenen blickte. Da fiel ihr auf, dass ein Gefangener in einem Einzelkäfig steckte. Der war offenbar was besonderes. Ja, und er trug eine Kette aus silbergrauen Perlen um den Hals, das Zeichen für den Nachkommen einer der sechs hohen Familien. Ein leises Raunenund Schnarren lief durch die Reihen der Zuschauenden. Dann klopfte einer der Krieger, die den Fürsten begleiteten, mit dem Hinterende seines Speeres auf einen hohlen Steinblock. Sofort trat Stille ein.

"Setzt die Steine der Zeit in Bewegung!" befahl der Krieger, der um Ruhe ersucht hatte. Die zwei Diener schwammen zu dem doppeltenGlasbehälter, hoben ihn an, drehten ihn ruckartig herum und setzten ihn schnell aber behutsam genug ab. Die nun im oberen Kolben liegenden Kieselsteine begannen langsam nach unten zu rutschen. Der erste drang in die verbindende Röhre ein und glitt langsam darin rollend nach unten. Einer der Diener ritzte eine Kerbe in einen langen weißen Knochen. Die Zeitnahme lief.

"Ehret den Fürsten Granolario, zwölfter seines Namens!" Alle Zuschauenden verbeugten sich und rollten ihre Hinterflossen zusammen, um sich möglichst klein zu machen. "Entspannt euch, Leute! Ihr steht hier nicht vor Gericht", sagte der Fürst nach etwa zwanzig ruhigen Herzschlägen. Einige lachten, andere nickten nur. Die Bemerkung mochte ein aufmunternder Scherz gewesen sein, konnte aber auch als Drohung verstanden werden, dass jemand sich selbst in einem solchen Käfig wiederfinden konnte.

"Ihr seht hier vor euch Krieger des Herrschers Bathos, vierter seines Namens, die es wagten, unerlaubt in unser Reich einzudringen. Ihnen wird zur Last gelegt, im Auftrag des obersten Bewahrers der alten Bräuche von König Bathos nach einem Weg zu suchen, Unsere Herrschaft gewaltsam zu beenden, um Unser Reich in die Hände eines grausamen, gnadenlosen Herrschers zu übergeben. Dazu sollte der hier anwesende Schwarmführer erster Ordnung, Ketopteryx, Sohn des Sphyraenos, Son des Königs Bathos daselbst mitwirken. Zudem seht ihr hier sieben Unserer Untertanen, die dem Orden der Bewahrer angehörten, welche sich jenen Eindringlingen anschlossen und mit ihnen zusammen das Ende Unserer Herrschaft zu erzwingen und somit den höchsten Verrat an Unserer Herrschaft, aber auch an Euch allen anderen begingen. Das Gericht wird nun ergründen, welche Beweggründe es für diese Untat gab und wie weit diese vollendet oder vereitelt wurde. Die Anklage lautet auf feindliches Eindringen in Unser Hoheitsgebiet, Missachtung eines hohen Gebotes Unserer Herrschaft, sowie in Tateinheit versuchter gewaltsamer Umsturz Unserer Herrschaft. Im Falle der sieben Bewahrer unter Llanofondo lauten die Anklagen Verschwörung mit einer fremden Macht, Verrat an Unserer Herrschaft und in Tateinheit versuchter Umsturz Unserer Herrschaft. Die Angeklagten erhalten im Laufe der Verhandlung Gelegenheit, sich selbst zu ihrem Tun zu äußern", sagte der Fürst und hielt alle mit seinem Blick in Schach, die meinten mit Unmutsäußerungen seine Worte zu überlagern. Dann begannen die beisitzenden Richter, die einzelnen Angeklagten mit Namen aufzurufen, wie sie sich bekannten. Sie antworteten nur: "Mein leben für Bathos, den Herrscher aller Meere!" Das war wohl die übliche Vorgabe für gefangene Krieger, die vor ein Gericht des Feindes gestellt wurden. Als die Überlebenden der zwölf Bewahrer aus Bathos' Reich von ihren Knebeln befreit wurden sagten sie ebenfalls nur: "Mein Leben für den Herrscher aller Meere." Ketopteryx, der ganz zum Schluss gefragt wurde sagte: "Ich bekenne mich der Einfalt, der Angst und der Leichtgläubigkeit schuldig, die mich in diese Lage getrieben haben." Die Zuschauenden gaben Laute des Erstaunens von sich. Die anderen gefangenen Krieger sahen ihren Mitbruder verdrossen an, gaben jedoch keinen Laut von sich. Die Bewahrer blickten nur an die Decke des Käfigs, als könnten sie dort eine Lösung für ihre Lage erkennen.

Nun wurden die gefangenen Krieger nacheinander gefragt, in wessen Auftrag sie gehandelt hatten. Da sagte jeder gefragte: "Ich handelte im Auftrag von Bewahrer Pontodromos, der im Auftrag von Schwarmführer Ketopteryx handelte, dem Sohnessohn meines Königs." Weil jeder der Krieger diese Aussage machte sah es nun danach aus, als trügen allein Ketopteryx und der nicht mehr lebende Bewahrer Pontodromos die Schuld an allem. Ketopteryx blieb jedoch ruhig. Er hatte sich damit abgefunden, dass er so oder so bestraft werden musste, weil er so dumm war, sich auf Pontodromos' Beteuerungen eingelassen zu haben, er täte das richtige. Das würde er gleich auch aussagen. Doch zunächst kamen die Bewahrer dran, die erklärten, dass sie alle Diener des einen großen Herrschers waren, dem alle zu dienen hatten, auch die Statthalter der sechs hohen Häuser der Meere. Das ließ den Fürsten verächtlich dreinschauen. Einer der Richter fragte den gerade befragten, wen genau er denn meinte. Als dann erzählt wurde, dass sie ja alle im Namen jenes Gottkönigs von vor über dreitausend Jahren zu handeln hatten fragte ein anderer Richter ihn, warum er davon überzeugt war, dass es sich dabei nicht um eine reine Legende handelte, die erzählt wurde, um die Größe der Meeresvölker hervorzuheben. Darauf wollte der Befragte nichts antworten. Auch die Frage danach, ob die Bewahrer der alten Bräuche sich dessen bewusst waren, Verrat an ihrem König zu begehen, sofern der ihnen verbot, nach jenem Herrscher zu suchen antwortete der älteste nach Pontodromos, dass sie eben alle davon überzeugt waren, dass der König nur im Auftrag jenes Herrschers die Hoheitsgebiete verwaltete und nun, wo ein Feldzug gegen die nichtmagischen Landmenschen bevorstand, die Zeit gewesen sei, den Herrscher selbst zurückzuholen. Auf die Frage, wie das genau gelingen sollte verweigerten die Befragten die Antwort. Dann kam Ketopteryx an die Reihe und erzählte frei heraus, dass er wirklich geglaubt hatte, er müsse seinem Volk einen großen Dienst erweisen und den ruhenden Herrscher aller Meere aufwecken. Dass er dies zum Preis seiner geistigen Gefangenschaft tun sollte hatte ihm keiner der Bewahrer erzählt. Dann erzählte er dem Gericht und den Zuhörenden, was sich im Felsenhügel ereignet hatte. Er erwähnte, was er nach der Berührung jenes Riesendreizacks empfunden hatte und dass er bereute, Pontodromos getötet zu haben, aber da eben nicht mehr Herr seines eigenen Handelns gewesen zu sein. Wie die drei Zauberstabträger, zwei Frauen und ein Mann, mit Zaubern aus der alten Sprache der Vorzeit den Unterwerfungszauber des Dreizacks gebrochen hatten wusste er nicht. Er vermutete nur, dass diese drei in den alten Zaubern von Wasser und Erde ausgebildet waren. Das erzeugte bei allen hier anwesenden Laute der Verunsicherung und des Unmutes. Sich vorzustellen, dass jemand mächtige Wasserzauber konnte, mit denen Meereskrieger gebannt werden konnten oder Zauber, mit denen mächtige Gegenstände entmachtet und zerstört werden konnten war für die meisten von ihnen eine grauenvolle Vorstellung, vor allem für den Fürsten. Doch das ließ jener sich nicht anmerken.

Als Ketopteryx dann noch erwähnte, dass er unter dem Einfluss des Dreizacks bereit gewesen wäre, alle Meermenschen zu unterwerfen und die zu töten, die ihm Widerstand zu leisten wagten musste der Ausrufer des Fürsten mit seinem Speerschaft auf den hohlen Klangstein hauen, bis wieder Ruhe einkehrte.

"Was schließt Ihr nun aus Eurem Tun und Eurem Erlebnis, Herr Ketopteryx?" fragte ihn der Fürst, so wie es ein Adeliger einem anderen adeligen gegenüber pflegte. "Das ich mich dazu habe überredenlassen, die Rückkehr eines grausamen Ungeheuers zu ermöglichen, dem ich als Wirtskörper und Werkzeug dienen sollte", erwiderte der Befragte. "Der Herrscher war nur wütend, weil er nicht früh genug geweckt wurde!" rief einer der Bewahrer laut und wollte wohl ein Lied anstimmen, um einen Zauber zu wirken. Doch da erhob sich aus der Zuhörerschaft eine Meerfrau mit dem Körperschmuck einer Wasservertrauten und stieß einen schrillen, aus vielen zusammenfließenden Tönen bestehenden Laut aus. Was immer der Bewahrer gerade vorhatte endete in einem Wirbel aus Wasser zwischen dem Käfig und dem Rand des Platzes. Dann beruhigte sich alles. Der Bewahrer sackte in sich zusammen und lag nun am Boden. Sofort wurden die gefangenen Bewahrer von den Wachen des Fürsten wieder geknebelt, um nicht noch einmal irgendwas zu versuchen. Danach wurde die Befragung von Ketopteryx fortgesetzt. Der Fürst wollte wissen, ob er bis zu jenem Vorfall im verbotenen Hügel davon überzeugt gewesen war, dass dessen Großvater und alle anderen Meeresherrscher abgesetzt oder besser als Diener jenes Herrschers verdingt werden sollten. Er musste die Frage mit einem klaren Ja beantworten. Auf die Frage, ob die Aussage der anderen Krieger stimme, dass er und Pontodromos, den sie hier nicht anklagen konnten, die alleinige Schuld an der Unternehmung und deren Verlauf trugen sagte er: "Pontodromos hat mich von seinen Brüdern davon überzeugen lassen, dass nur ein Träger königlichen Blutes den schlafenden Herrscher wieder aufwecken kann und dass ich dieser Träger königlichen Blutes sei. Sie erwähnten auch, dass ich sonst nur als Schwarmführer erster Ordnung meinem Volk dienen dürfe und niemals selbst König werden möge. Ich muss gestehen, dass mir die Aussicht, mehr als reinen Kriegsdienst zu leisten zu müssen schon behagte. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, was genau ich zu tun und was genau ich dafür zu opfern hatte. Aus der unverdienten Gnade des ewigen Wassers heraus weiß ich nun, dass mein Opfer viel größer gewesen wäre, als nur mein Leben zu geben. Ich hätte als körperliche Hülle jenes Herrschers Tod und Vernichtung über mein Volk gebracht, wenn es sich dem Herrscher nicht bedingungslos unterworfen hätte. Dies weiß ich aber jetzt erst!"Den letzten Satz rief er beinahe unerhört laut über den Platz.

"Ihr wisst nicht, wer die drei Zauberstabträger waren und wie es diesen gelang, unangefochten in Unser Hoheitsgebiet einzudringenund dieses wieder zu verlassen?" Ketopteryx verneinte die Frage.

Ihr sagt aber, dass jene Bewahrer, die Euch dazu überredeten, dieses große Opfer für den Herrscher aller Meere zu bringen, gegen einen ausdrücklichenBefehl Eures Königs Bathos gehandelt haben?" fragte der Fürst. Ketopteryx bestätigte es. "So bleibt uns nur, darüber zu beraten, welche Bestrafung Ihr und eure Gefährten zu empfangen habt", sagte der Fürst.

"Recht des Kriegers!" rief Charcharonikos aus seinem Käfig heraus. In den Ruf stimmten alle anderen Krieger ein. Die bewahrer blickten die Kämpfer mit Verachtung an. Ketopteryx sahen sie mit unverhülltem Hass an. Er hatte den Herrscher geschmäht, es nicht als Ehre empfunden, ihm mit Leib und Seele zu Diensten zu stehen und sie auch noch als Verräter am Willen des Königs bezichtigt. Kein Herrscher mochte Verräter, wenn sie nicht zu seinen Gunsten handelten, und selbst dann verachteten sie sie eher, als sie zu wertschätzen.

Die Richter und der Fürst zogen sich in eine dem Platz angegliederte Höhle zurück. Zwanzig Krieger bezogen davor Wache, damit die Beratung ungestört verlaufen konnte.

"Recht des Kriegers!" riefen die gefangenen Krieger, ausgenommen Ketopteryx.

In einer großen, mit Algen ausgepolsterten Muschelschale, thronte eine Meerfrau mit bis auf den Rücken wallendem, algenbraunem Lockenhaar. Vom Gesicht her ähnelte sie dem Fürsten Granolario. Sie betrachtete wie alle anderen die Gefangenen. Die Krieger würdigte sie mit einem flüchtigen Blick auf die bloßen Körper. Die Bewahrer, vor allem die, die dem Fürsten zu dienen hatten sah sie mit unverhohlener Verachtung an. Den gefangenen Enkel eines Königs betrachtete sie sehr ausgiebig. Ja, doch, darauf konnte und würde sie sich einlassen. Silber und Eisen vereint. Doch dazu musste der Fürst erst das Urteil sprechen.

Die sieben Angehörigen des Gerichtes kehrten nach nur fünfzig rieselnden Kieseln zurück. Alle blickten auf den Fürsten, der seinen roten Korallendreizack mit den drei Spitzen vor sich ausgestreckt hielt, als wolle er gleich gegen jemanden kämpfen. Dann sank er auf den Boden. Die sechs Richter bildeten ein gleichseitiges Sechseck um ihn. Wieder wurde es fast still auf dem Platz. Nur das leise Klong eines weiteren gerade im unteren Kolben landenden Zeitkiesels durchbrach diese angespannte Ruhe. Dann sprach der Fürst.

"Wir, meine Gnaden, Fürst Granolario XII., sowie die hoch ehrenwerten Richter des Fürstentumes des abendlichen umschlossenen Meeres, haben folgende Urteile gefällt: Schwarmführer erster Ordnung Ketopteryx, Sohn von Sphyraenos, Sohn von König Bathos IV., Ihr werdet wegen erwiesener und eingestandener Anführerschaft einer Verschwörung gegen Eure Herrschaft und Unsere Herrschaft zum Tode durch Enthauptung und Abtrennung der Hinterflossen verurteilt." Ein Raunen ging durch die Zuhöhrerschaft. Dann sprach jeder einzelne der Richter für jeden der Bewahrer aus Bathos' Reich ebenfalls das Todesurteil durch Dreiteilung. Die aus dem Fürstentum stammenden Bewahrer sollten bei lebendigem Leibe den fürstlichen Wachhaien zum Fraß vorgeworfen werden. Da kam Ketopteryx ja noch größtenteils gnädig weg. Bei den Kriegern hatten sie lange um zu klären, ob sie tätigen Verrat begangen, einen Befehl verweigert oder gar nur Befehle ausgeführt hatten. Dann sagte der Fürst: "Daher sind wir bereit, jedem der Krieger das Recht auf sein Leben und seine Freiheit durch einen Kampf auf Leben und Tod zu gewähren. Das Recht des Kriegers besagt, dass jedem der es erbittenden drei Tage Zeit gewährt werden, dass sich ein Krieger des Hoheitsgebietes meldet, der aus freien Stücken und ohne Befehl seines Dienstherren den Kampf führen will. Obsiegt der Angeklagte, so war und ist dies der Wille des ewigen Wassers, dass er weiterlebt und in sein Land zurückkehrt. Obsiegt der Krieger des Herrschers, so war und ist auch dies der Wille des ewigen Wassers. Dem Recht der Krieger zu folge dürfen nur ranggleiche Krieger gegeneinander antreten. Den Heimkehrenden Überlebenden sei jedoch die Warnung ausgesprochen, dass ihr eigener Kriegsherr sie wegen des unerlaubten Verlassens seines Herrschaftsgebietes und womöglich des Verrates anklagen darf und ihnen dort die dafür festgesetzte Höchststrafe auferlegen kann. Nur, damit Uns keiner hinterher vorwerfen kann, Wir hätten jemanden unwissend sterben lassen." Einige wenige der Zuschauenden grinsten."

"Er da hat auch das Recht des Kriegers", sagte Charcharonikos und deutete auf Ketopteryx. Doch dieser blieb äußerlich ruhig.

"Er ist der Anführer eurer Verschwörung und zugleich Mitglied der königlichen Sippe und somit für alle begangenen Taten voll und ganz verantwortlich", erwiderte der Fürst. "Das wird Krieg geben, wenn Ihr ihn tötet", sagte Amatheios und deutete auf Ketopteryx. "Es hätte auch Krieg gegeben, wenn ihr nicht gegen alle Warnungen versucht hättet, die Geißel der Meere zu wecken. Euer König hat das verboten und damit einen klaren Befehl erteilt, gegen den ihr verstoßen habt. Wie gesagt, das soll er dann mit denen abrechnen, die es schaffen, den Kampf um Leben und Freiheit zu gewinnen. Ach ja, wer keinen Gegner findet wird unbewaffnet an einen Felsen gebunden und dem Hungertod überlassen. Wo waren Wir? Ach ja, wir wissen, dass euer König uns bedroht hat und eine Gelegenheit sucht, Krieg zu führen. Auch deshalb ist unser Urteil gegen Ketopteryx so streng. Ach ja, der Scharfrichter mit der Obsidianaxt wird gleich erscheinen und das Urteil vollstrecken. Habt Ihr noch etwas zu sagen, Verurteilter Ketopteryx?"

"Ja, dass ich zumindest nicht als Werkzeug eines grausamen Ungeheuers sterben werde, sondern in der Ehre meiner Sippe und der Würde meiner Abstammung", sagte Ketopteryx. Wieder raunte es in der Zuhörerschaft.

"So bringt die anderen Angeklagten weg. Die Bewahrer werden im Verlauf der kommenden drei Tage vom Leben zum Tode befördert!" befahl der Fürst und sah auf das Gefäß mit den Zeitkieseln. "Die Verhandlung ist geschlossen, die Zeitnahme beendet!" verkündete er dann noch. Sein Ausrufer hieb auf das hohle Gefäß, mit dem vorhin Ruhe hergestellt wurde. Die Zeitnehmer ergriffen das gewaltige Doppelgefäß und legten es auf die Seite, damit kein weiterer Kiesel nach unten rutschen konnte.

"König Bathos wird Euch von Eurem Thron werfen, wenn er erfährt, was ihr an einem seiner Enkel tut", rief Charcharonikos, während der Käfig, in dem er und drei andere Krieger standen, nach oben gezogen wurde.

"Dem sehe ich sehr gelassen entgegen", sagte der Fürst scheinbar völlig unbeeindruckt.

Jetzt waren nur noch die Richter, der Fürst und Ketopteryx auf dem Platz. Der einzelne Angeklagte, der die letzten Herzschläge seines Lebens vor sich hatte, sah in die Runde aller Zuschauenden. Er wirkte schicksalsergeben, ohne Spur von Widerwillen oder Wut. Offenbar, so empfanden es viele, hatte ihn die Erfahrung im verbotenen Hügel jeden Lebenssinn genommen. Er war froh, dass er nicht als gescheiterter Verbrecher an den Hof seines Großvaters zurückkehren musste. Das wäre durchaus auch noch eine Strafe gewesen, die ihm der Fürst hätte aufhalsen können, dachten nicht wenige.

Ein in muskelbeladener Meermann mit einer blauen Maske, die wie der aufgerissene Rachen eines räuberischen Knorpelfisches aussah, schwamm über die anderen hinweg. Alle erschauerten bei seinem Anblick. Vor allem die wuchtige Axt mit einer scharfen Schneide aus schwarzem Obsidiangestein flößte allen Zuschauenden Unbehagen ein. Gleich würde der gefangene Königsenkel seinen Kopf verlieren und seine Hinterflosse.

"So wird denn nun das Urteil vollstreckt. Diener, führt den Verurteilten aus dem Knochenkäfig!" befahl der Fürst.

Während die Diener den Verurteilten aus dem Käfig holten und der sich widerstandslos auf die Mitte des Platzes ziehen ließ glitt der blaumaskierte Scharfrichter nach untenund näherte sich dem Gefangenen.

"Wollt Ihr noch eine letzte Bitte äußern, was mit Eurem Leib und Haupt zu geschehen hat?" fragte der Fürst den Verurteilten. "Sendet mein Haupt zu Händen meines Großvaters mit der Botschaft, dass er jetzt keine Angst mehr haben muss, dass der unheilvolle Gottkönig wiederkehren könnte. Mein Leib soll außerhalb aller Reiche auf dem Meeresgrund gebettet und mit Steinen vor dem Fraß der Tiefseetiere sicher ruhen", sagte Ketopteryx immer noch schicksalsergeben.

Der Scharfrichter näherte sich nun dem Gefangenen und zog seine Axt frei.

Der Fürst hob seinen roten Dreizack. Er drehte ihn so, dass die drei Enden nach unten wiesen. Gleich würde er ihn in den Boden rammen und damit den Befehl zur Hinrichtung erteilen. Der Scharfrichter hob schon die Axt, bereit, sie unverzüglich niederfahren zu lassen. Der Fürst hob den Dreizack nun nach oben. Offenbar wollte er ihn mit Schwung nach unten stoßen.

"Einhalt, mein Fürst!" rief eine Frauenstimme aus den oberen Rängen der Zuschauenden. "Ich, Merluzona, Tochter von Granolario dem elften, Schwester von Eurer Gnaden, Granolario dem zwölften aus dem Hause der Eisentropfen, erbitte das Leben und den Nachwuchs von Ketopteryx aus dem Hause der Silbertropfen."

Alle sahen nun die Ruferin an. Ja, das war die Schwester des Fürsten, jene, die bis heute keinen Gemahl erwählt hatte, weil sie fand, nur einen würdigen Mann aus hohem Hause ihr Leben und ihre Nachkommenschaft zu gewähren. Das Recht einer Frau, einen zum Tode verurteilten zum Erzeuger ihrer Kinder zu erwählen galt seit über zweitausend Jahren. Allerdings musste die Frau unvermählt sein, bestenfalls unberührt von einem Mann. Auch durfte der Verurteilte nicht vermählt sein. Ob ihr das Recht gewährt wurde hing davon ab, ob der herrschende Fürst sie für würdig hielt, Nachkommen des Verurteilten zu bekommen also auch den Verurteilten für würdig hielt, Nachkommen mit ihr zu zeugen. Willigte der Verurteilte ein so durfte er weiterleben, aber eben innerhalb derselben Gezeit vom örtlichen Bewahrer der Bräuche vermählt werden.

"Ihr habt es alle vernommen, dass Merluzona, Tochter Unseres Vaters Granolario XI., unberührt von einem Mann, das Recht am Leben und der Nachkommenschaft dieses Verurteilten erbittet. Ja, sie ist würdig, seine Nachkommen zu gebären. Er ist würdig, Vater Ihrer Nachkommen zu sein. So fragen Wir Euch, Verurteilter Ketopteryx, Sohn des Sphyraenos, Sohn des Königs Bathos IV., nehmt ihr diese Gnade anund werdet Ihr zum treuen Gemahl von Merluzona, oder wählt Ihr den Tod?"

Nicht wenige, vor allem junge Mädchen grinsten, während die vermählten Männer sichtbar überlegten, ob der Tod nicht gnädiger sei und die Unvermählten sich fragten , ob es auf die Schönheit oder Hässlichkeit der Frau ankam, was sie wählen würden. Dann sprach der Verurteilte, die Scharfrichteraxt über sich wissend: "Ich, Ketopteryx, Sohn des Sphyraenos, Sohn von Bathos IV., König des morgenländischen Abschnittes des umschlossenen Meeres, aus dem Geschlecht der Silbertropfen, danke Merluzona aus dem Hause der Eisentropfen für Ihre Bitte und verpflichte mich, mein Leben mit ihr zu teilen und mit ihr Nachkommen zu zeugen, sowahr das ewige Meer uns beiden solche beschert."

"So sei Euer Urteil aufgehoben. Scharfrichter, habe Dank für deine Einsatzbereitschaft. Doch heute wirst du nicht benötigt", sagte der Fürst und drehte seinen Dreizack so, dass die Enden wieder zur Meeresoberfläche hinaufwiesen. Die Diener, die den Verurteilten festgehalten hatten, ließen seine Arme und seine Hinterflosse los und zogen sich zurück.

"So soll Marvoco, der neue oberste Bewahrer der Bräuche hier und jetzt die Vermählung vollziehen, sowahr das ewige Meer wogt und neues Leben bringt und das verflossene Leben in sich aufnimmt", sagte der Fürst ganz gelassen, als sei es das selbstverständlichste von der Welt, einem zum Tode verurteilten mal eben mit seiner eigenen Schwester zu verheiraten. Nicht wenige dachten sich, dass diese Abfolge womöglich abgesprochen war, dass Ketopteryx bereits vorher darauf hingewiesen worden sein mochte, dass er diese Form von Begnadigung bekommen mochte, sofern er sich in allem schuldig, reuig und demütig zeigte und Merluzona sich auf diesen Handel einließ. Doch das mochte fortan das Geheimnis des Fürsten, seiner Schwester und des Begnadigten bleiben.

Der neue oberste Bewahrer der Bräuche, Marvoco, schwamm behängt mit Ketten aus weißen, grauen und schwarzen Muschelschalen herbei. Dann kam noch die Gemahlin des Fürsten angeschwommen. Den verheirateten Zuschauerinnen und Zuschauern war klar, was dies bedeutete. Denn gemäß der uralten Überlieferung der Meeresgeborenen folgte der Zusammensprechung auch der Vollzug der Ehe vor den Anwesenden, dem dann wiederum die körperliche Vereinigung der vermählten Paare folgte. Die Unvermählten durften dabei zusehen und sich überlegen, mit wem sie demnächst diesen Akt des Lebens feiern durften.

Ketopteryx und Merluzona, die die eisengraue Kette ihrer Familienzugehörigkeit trug, versprachen sich vor allen Zeugen, gemeinsam durch alle Mere des Lebens zu schwimmen und dabei mit dem Segen des ewigen Meeres neue Kinder hervorzubringen. Dann sagte der Meister der alten Bräuche: "So feiert die Vereinigung von Mann und Frau und tanzt den Tanz des neuen Lebens!"

Die nächsten Gezeitenzwölftel wurde das Meer über dem Platz der Ansprachen und Kundgebungen stark aufgewühlt, nicht vom Sturm, nicht von Erdbeben am Meeresgrunde, sondern von der geballten Kraft der Hingabe an die Macht, neues Leben hervorzubringen.

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Im Reich von König Bathos IV., 01.09.2008 Menschenzeitrechnung, Nachmittags

"Pontodromos hat ihn geopfert, so oder so", schnaubte Bathos IV., als er von einem Gesandten die "frohe Kunde" erhielt, dass sein zweiter Enkelsohn die Begnadigung durch eine unberührte Fürstenschwester erhalten hatte. "Dieser Haufen Fischdreck hat das genau geplant, als der wusste, dass Ketopteryx zu den Abtrünnigen gehört. Der wollte den lebend haben", schimpfte der König.

"Hast du was anderes erwartet, Bruder?" fragte ihn Thalassia, die über die Netze der Wassersängerinnen längst davon erfahren hatte, dass ihr Großneffe dem grausamen Schicksal entronnen war, Wirtskörper des gnadenlosen Herrschers zu werden und statt dessen jetzt mit der bis dahin unvermählt gewesenen Merluzona die Verschmelzung von Silber- und Eisentropfenblut vollziehen durfte. Da die Vermählung der beiden schon mehr als drei Tage her war bestand die Möglichkeit, dass Merluzona bereits seine ungeborenen Kinder im Leib trug. Das hies ...

"Jetzt wird es nichts mehr mit einem Krieg gegen Fürst Granolario. Sei froh, Bathos, dass du dich nicht auf dieses Wagnis eingelassen hast. Der Fürst hat durch die Vermählung seiner zwölf Töchter schon zu viele Verbündete. Sie hätten unser Volk gnadenlos ausbluten lassen."

"Dieser Sohn einer schleimigen Wasserschnecke", stieß Bathos wütend aus. Dann knurrte er: "Ja, und was sagen deine Ordensschwestern zu dieser Verschwörung von Pontodromos?"

"Die einen singen, dass du das behauptet hast, weil du selbst diesen Gottkönig wieder aufwecken wolltest. Die anderen singen, dass du deinen Enkel selbst enthauptet und entflosst hättest, wenn du ihn noch früh genug zu fassen bekommen hättest. Wieder andere singen, dass du dich nun doch mit den Zauberstabträgern einigen solltest, weil du jetzt erst recht abgesondert vom Rest aller Meeresherrscher stehst."

"Was sagen die anderen Herrscher?" fragte er noch. "Dass du dich bei allen entschuldigen und ihnen für die Beleidigung, die du ihnen zugefügt hast Entschädigung zahlen sollst. Zumindest finden das alle Herrschenden aus den sieben anderen Häusern. Du weißt, was das heißt?"

"Wann wollen sie sich treffenund wo?" fragte der König nun weniger laut als vorhin noch.

"Das darfst du gütigst von den amtlichen Boten erfahren, die sie dir senden werden, Bruder", erwiderte Thalassia. "Ach ja, Sphyraenos' Gemahlin hat beklagt, dass du ihren zweiten Sohn in diese Lage hast geraten lassen, weil du nicht früh genug gegen Pontodromos vorgegangen bist. Erinnere dich, ich habe dich vor ihm gewarnt."

"Wenn du nicht schon Gemahlin und Mutter wärest würde ich dir auch noch einen zum Tode verurteilten an die Hinterflossen binden", knurrte der König. "Ja, wenn er mich denn hätte haben wollen. So schlecht sehe ich ja trotz neun Kindern nicht aus, Bruder."

"Diese Merluzona soll ja auch sehr anziehend sein, mit Haaren wie kleine Meereswellen. Wieso hat deren Bruder die nicht schon längst wem an die Hinterflossen gebunden?" schnaubte der König. "Weil sie das nicht wollte", flötete Thalassia. "Fürstlich anerkannte Nachkommenschaft ist nur rechtmäßig, wenn Vater und Mutter sie durch das Versprechen des gemeinsamen Lebens bestätigen, und zwar vor der Zeugung. Sie hätte einfach Nein gesagt, wie peinlich für einen Fürsten."

"Der hat die nicht im Griff und ..." erwiderte Bathos und erkannte, dass was er Granolario vorwerfen wollte leider auch für ihn galt. Denn Thalassia hatte er, ein König, noch weniger im Griff.

"Ich erwarte die Anfragen aus den anderen siebenHäusern. Je danach, was sie gegen mich vorbringen oder mir abverlangen werde ich beschließen wie ich darauf antworte."

"Dir bleibt nicht viel, nur die Einwilligung, alle aufgeworfenen Streitigkeiten durch Entschädigung zu beenden und einem Friedensvertrag zuzustimmen, keinen von ihnen mehr zu bedrohen. Ja, und dann kannst und wirst du sicher dazu aufgefordert, dich mit den Zauberstabträgern zu einigen, um die eigentliche Bedrohung zu beenden, den Unrat der unachtsamen Landmenschen."

"Niemals. Lieber Tot als Knecht!" stieß Bathos aus.

"Nicht so übereifrig, mein Bruder! Marinellon und Granolario wollen auch nichts mit den Landbewohnern zu schaffen haben. Aber ihre Völker im Unrat und giftigem Wasser ersticken lassen wollen sie dann auch nicht. Willst du das?"

"Ich sage nichts mehr. Ich werde warten", schnarrte der König.

Es dauerte noch zwei Gezeiten, bis sieben Gesandte aus den anderen Herrschaftsgebieten in Muschelgefährten mit vorgespannten Hippocampi vorfuhren und dem König ausrichteten, dass alle Fürsten des umschlossenen Meeres so wie des westlichen Weltmeeres, sowie die Meister der freien Städe unter den Wogen von König Bathos verlangten, dass er alle Drohungen und Feindschaften gegenüber den anderen widerrief und sich bereiterklärte, mit den anderen zusammen gleichwertig mit den Zauberstabträgern des umschlossenen Meeres zu unterhandeln, wie diese die Gefahr des übermäßigen Unrates im Meer beheben wollten. Bei der Gelegenheit gab der Bote von Fürst Granolario noch bekannt, dass Ketopteryx und seine Gemahlin ein Lehen in der Nähe des verbotenen Hügels erhalten hatten, wo sie zum Zeichen der neuen Zeit eine eigene Ansiedlung gründen und führen würden.

"Wir werden uns nicht dazu herablassen, als Bittsteller für einen Haufen Fischaas loszuschwimmen und bei diesen überheblichen Zauberstabträgern um Gnade und Hilfe zu betteln", gab der König den Boten mit. Darauf sagten alle hintereinander: "Dann besteht nur noch die Möglichkeit, dass unsere Herrscher ohne Euch ein Abkommen schließen und Ihr dafür Eurem Volk erklären dürft, warum ihm keine Hilfe gewährt wird. Mein Dienstherr gibt zu verstehen, dass jede Form eigenmächtiger Gewalt gegen Fahrzeuge und Angehörige der nichtzauberischen Landmenschen als Gefahr für die Völker der Meere zu werten ist und mein Dienstherr darauf mit der angemessenen Abwehr antworten wird."

"Ihr seid nicht mehr ganz feucht im Kopf", schnarrte der König. Er wusste zwar, dass er keinen Krieg gegen Granolario führen konnte, weil der ihm seinen Enkel abgejagt und ihn mit seiner Schwester Merluzona zusammengebunden hatte. Auch wusste er, dass Granolario mehrere Verbündete hatte, die einen Angriff auf Granolarios Herrschaft und Familie als Angriff auf sich auslegen würden. Am Ende rotteten die sich gegen ihn zusammen und hungerten ihn und sein Volk aus. Konnte er das zulassen?

"Ich bringe nur die Botschaft meines Herrschers", sagte Granolarios Bote "Genau wie ich die Grüße meiner Stadtmeister", fügte der Gesandte der Siedlung vor der französischen Küste hinzu.

"Gebt Uns einen Tag Bedenkzeit", erwiderte der König sehr verdrossen.

Als Bathos durch die Halle der Ahnen schwamm betrachtete er die in Stein gehauenen Abbilder seiner Vorgänger. Die hatten auch nichts von den Landmenschen gehalten. Er hatte mit diesen nur ausgehandelt, dass seinem Volk kein Leid von den Landmenschen zustoßen sollte. Die hielten sich nicht daran. Ja, und jetzt sollte er vor denen kriechen oder zulassen, dass Marinellon oder diese aus unerhabenen Familien stammenden Maritia und Undor die Verhandlungen führten und sein Volk am Ende allen Unrat aus dem Meer erdulden und darunter ersticken sollte? Er wollte kein Knecht sein. Deshalb hatte er Pontodromos' Vorhaben verboten. Dabei hatte er nun noch mehr verloren, als wenn er einen ehrenvollen Feldzug geführt hätte. Die konnten ihm nun mit aller Frechheit der Weltmeere das Leben und die Würde nehmen, ihn als uneinsichtigen Steinschädel hinstellen und über seinen Kopf hinweg und hinter seiner Hinterflosse vorbei alles mögliche aushandeln und sich von ihren Völkern dafür feiern lassen. Wo hatte er so kläglich versagt, dass er das jetzt alles zu erleiden hatte? Die Antwort war leider so einfach wie schmerzhaft: Er hätte auf Thalassia hören und zugleich alle seine Blutsverwandten vor dem Einfluss von Pontodromos' verräterischen Mitbrüdern schützen müssen. Doch er hatte nie auf den Rat einer Frau gehört, nicht mal auf den seiner eigenen Mutter, sich als künftiger König auch mal auf Absprachen mit anderen einzulassen, wenn es die Lage erforderte. Was hatte die denn schon von Größe und Entschlossenheit eines Herrschers gewusst? Ja, und jetzt umschwammen ihn alle Nachbarn mitvorwurfsvollen Blicken und unerträglichen Forderungen. Er wollte sein Reich über die Meere ausdehnen, es wieder groß machen, zum unumschrenkten Gebieter aller Wasser zwischen Wogen und Meeresgrund werden. Ja, er wollte sogar jenen überheblichen König im abendlichternen Weltmeer besiegen, der wegen seiner Abstammung einen sehr großen Abschnitt jenes Meeres beherrschte. Er wollte der Erretter der Meeresvölker sein, als Sieger über die Gier und die Achtlosigkeit der Landmenschen gefeiert werden. All das war nun so weit von ihm fort wie der die Meere hebende und senkende Mond. Hatte er wirklich zu viel gewollt?

"Ich werde nicht zum niederen Knecht dieser luftatmenden Trockenbodenläufer", schnarrte er den steinernen Abbildern seiner drei Vorgänger zu. Ihm kam der Gedanke, dass er sich selbst mit dem Geist des Gottkönigs hätte zusammentun können, heimlich und dann übermächtig. Doch er hatte gewusst, was ihm dann bleiben würde, das Dasein als willige Hülle, Körper für einen undankbaren Ungeist, der nicht gewürdigt hätte, was er ihm geopfert hatte.

Noch hundert Jahre", dachte der König des ägäischen Meeresreiches. Er hatte noch hundert Jahre zu leben, in denen er miterleben musste, wie entweder die Meere unbewohnbar wurden oder die anderen Meeresvölker mit den Zauberstabträgern gemeinsame Sache machten, um ihren Lebensraum zu erhalten. Würde er dann doch einlenken und sich lieber erniedrigen, um das Volk zu beschützen? Sein Königtum war kein Dienst, seitdem der Gnadenlose, der übermächtige Gottkönig aus den Weltmeeren verschwunden war. Er hatte es nie als Dienst am Volk gesehen, sondern als Recht der Geburt, dass ihm das Volk diente. Würde sein Volk ihm noch dienen? Seine Untertanen konnten auswandern, ihre Rechte und Pflichten hinter sich lassen wie es die Abtrünnigen getan hatten, die den Übermächtigen aufwecken wollten. Konnte er sie zurückhalten? Nur mit Gewalt! Dann würden sie erst Angst vor ihm haben und ihn dann abgrundtief hassen. Dann würde hier in der Halle der Ahnen kein Standbild von ihm stehen, jenes, dass seit fünfzig Jahren im Raum des Wartens verhüllt bereitstand. Es muste aber hier aufgestellt werden. Denn wenn es nicht aufgestellt wurde war es, als hätte es ihn nicht gegeben. Sicher, es gab Aufzeichnungen über seine Herrschaft. Doch wirklich begreifen konnte ihn nur, wer ihn in überlebensgroßen Stein gehauen fand, wenn es ihn nicht mehr gab. Nein, er würde nicht ein Jahrhundert der Schande erlebenund dann ohne eine greifbare Erinnerung in das ewige Meer zurückkehren. Er selbst würde sich nicht herablassen, mit den Zauberstabträgern zu unterhandeln, nachdem er diesen widerwillig mitgeteilt hatte, dass eine Gruppe Abtrünniger versuchte, jenen alten Herrscher wiederzuerwecken.

"Das wirst du nicht wagen", hörte er plötzlich die Stimme seiner Schwester Thalassia in seinem Geist. "Du wirst dich nicht dem ewigen Meer anvertrauen, ohne alle Schäden zu beheben, die deine Steinschädeligkeit angerichtet hat."

"Was fält dir ein, in meine Gedanken hineinzulauschen und dann auch noch in meinen freien Geist hineinzurufen!" dachte Bathos. Die Trübsal und Verzweiflung waren mit einem Schlag zu sturmwogender Wut geworden.

"Weil ich genauso wie deine Gemahlin und wie die Kundige der Heilung nicht zulassen wollen, dass du dich selbst davonstiehlst, ohne dass du zumindest versuchst, alle Unordnung zu beseitigen, die dein Verhalten der letzten Mondzustände gebracht hat. Du hast an mich gedacht, dass du wegen Pontodromos nicht auf mich gehört hast. Das kannst du berichtigen, indem du jetzt bitte auf mich hörst und dich mit den Fürsten und Stadtmeistern zusammentust und mit diesen eine klare, entschlossene aber auch aufgeschlossene Gemeinschaft bildest, die mit den Zauberstabträgern zusammenarbeitet, um unsere Mitbewohner zu schützen", hörte er Thalassias Stimme im Geist.

"Erst wenn alle Meere der Welt zu Eis erstarren", dachte er zurück. Dann griff er in den wasserblauen Umhang, den er trug und zog den Dolch des Blutpaktes hervor, mit dem er ein bindendes Abkommen schließen konnte. "Das ewige Meer ruft meinen Geist. In seinen Tiefen finde ich Ruhe!" rief er laut aus. Er hörte noch das schnelle Wirbeln von schnellen Hinterflossen verdrängten Wassers. Da schnitt er sich mit aller noch aufzubietenden Entschlossenheit den eigenen Hals durch. Er sah noch, wie vier Meerfrauen und drei Krieger in die Halle der Ahnen hineinschwammen. Dann umwehte ihn eine Wolke aus violettem Blut. Sein Herz rumpelte noch zweimal. Dann wurde es für immer dunkel und still um ihn.

"Ich hätte ihn mit den Worten der Unterwerfung besingen müssen", dachte Thalassia, als die höchste Heilkundige den in der Wolke aus eigenem Blut dahintreibenden Körper des Königs untersuchte. Sie seufzte: "Zu tief, zu gründlich. Es ist nicht mehr zu beheben."

"Vielleicht doch meine Schuld?" dachte Thalassia. Doch dann verneinte sie für sich die Frage. Er war sowieso bereit, sich zu entleiben, weil er versagt zu haben dachte und weil er nicht bereit war, von seinen sturen Ansichten abzurücken.

"Die Königin begann zu klagen. Weinen konnten Meermenschen nicht, weil Tränen und Meerwasser sofort eins wurden.

"Wieso hat er das getan, Schwägerin?" fragte sie Thalassia. "Versagensangst und unerbittliche Ablehnung des Notwendigen", sagte Thalassia. Die Heilerin erhob sich und sagte: "Wir müssen ihn zur Grube der entleibten bringen lassen. Wo ist Euer Sohn Argyropontos, Königin Tethys?"

"Bei dem Lehen seines Großoheims. Er muss herbeigerufen werden, um die Hülle seines Vaters zu sehen und dann von den Bewahrern der Bräuche zum neuen König ausgerufen werden", wimmerte Königin Tethys.

"Wer ist dafür zuständig?" wollte die Heilerin wissen, die das aus dem Hals des toten Königs quellende Blut mit einem Algenblatt zu stillen versuchte.

"Nereiselenios, der Nachfolger von Pontodromos, den Unser Gemahl vor zwei Tagen berufen hat. Wir werden ihm die unerfreuliche Nachricht übermitteln."

"Ja, darum bitte ich", sagte die oberste Heilkundige des Reiches.

"Komm, Thalassia, du hast es versucht. Wir konnten es nicht verhindern", sagte die Königin unvermittelt gefasst. Die neue Lage erforderte Haltung und Zielsicherheit. Sie wusste, dass sie bald keine Königin, sondern die Königsmutter sein würde, immer noch da, wenn ihr Sohn einen Rat von ihr erbat, aber nicht mehr im Vordergrund wie vor wenigen Herzschlägen noch.

Zwei Gezeiten später trafen Argyropontos, dritter seines Namens und dessen Onkel, der Perlenzüchter, im Herrscherhaus ein. Mittlerweile hatten sich alle Mitglieder des hohen Rates, ihre Stellvertreter und die Führer der wichtigsten Familien um einen Steintisch versammelt, auf dem der verstorbene König lag. Die tödliche Halswunde war mit einem weißen Schal aus Algenfäden verhüllt. Weiß stand bei den Meerleuten für das vergehen, so wie die Korallen ausbleichten, sowie die dünnen Gräten der Fische nach Abfallen des Fleisches bleich zu Tage traten.

Der Erstgeborene Sohn des toten Königs wartete mit dem Bewahrer alter Bräuche, bis hundert Vertreter der Untertanen versammelt waren, darunter die vier Ausrufer, die in alle Haupthimmelsrichtungen ausschwärmen sollten, die Nachricht zu verkünden. "Der König ist tot. Es lebe der König!" rief der Bewahrer und fügte an: "Mögen Euch die Wasser von Glück und Erfolg an alle Gestade des Lebens tragen, die Ihr erreichen mögt, Argyropontos, dritter Eures Namens. Wann werdet ihr die Krone der Meere empfangen?"

"Wie es der Brauch gebietet zwei Monde nach dem letzten Atemzug Unseres Vaters. Bis dahin gebietet das Gesetz, dass Wir keine Entscheidungen über Krieg und Frieden, sondern nur zum Wohle der Untertanen treffen dürfen. Welche das sind mögen Uns die Mitglieder des hohen Rates verkünden, um das Reich nicht führungslos dahintreiben zu lassen wie ein Algenstrunk im Sturme. Wir erbitten von euch allen, das Angedenken Unseres Vaters zu ehren und seiner immer dahingehend zu gedenken, dass er immerfort das Wohl Unseres Volkes und die Größe Unseres Reiches im Sinne hatte. Sein freier Tod ist das Opfer an das Ewige Meer, um gegen die Mächte des Untergangs und der Vernichtung zu bestehen. Dieses Vorhaben gilt es fortzuführen. Dafür werden Wir eintreten. Dafür werden Wir leben."

"So seid Ihr König Argyropontos, dritter dieses hohen Namens, aus dem Geschlecht der Silbertropfen, Herr und Vater, Bewahrer und Beschützer unseres Volkes", bestätigte der Bewahrer der alten Geschichten und Bräuche vor allen Zeugen. "So schwimmt hinaus, Verkünder, und kündet dem Volke den Beginn einer neuen Herrschaft!" Das war das Zeichen für die vier Botenschwimmer, um in alle vier Himmelsrichtungen den Platz zu verlassen. Die Vertreter des Volkes durften nun wieder ihrer Tätigkeit nachgehen. Die Korallenkrone wurde in den Raum der Bewahrung getragen, wo schon das steinerne Standbild von König Bathos IV bereitstand. An deren Sockel stand in der Lautbildschreibweise der Meerleute eingemeißelt:

Allwasserweiter Herrscher
Bathos der vierte
Geboren aus dem Schoße des ewigen Meeres durch Okeania, Königin der Wogen und der Meerestifen
Sohn von Argyropontos dem zweiten
Dies geschah im ruhmreichen Jahre zwanzig im Zeitalter der Silberfluten.
Ehre und Ruhm seinem ewigen Angedenken!

Unter diesen Angaben würde der Meister der Steine noch das Jahr des Todes einschreiben, bevor das Standbild am Tage der Krönung des neuen Königs an ihren vorgesehenen Platz gestellt werden würde.

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Unter den Meeren, 10.09.-27.09.2008 menschlicher Zeitrechnung

Hypnopyros, König der schlafenden Feuerriesen im abendlichternen Weltmeer und nach Bathos IV. Selbstentleibung ältester lebender Meeresherrscher nutzte die Gunst der Gezeit, klarzustellen, dass er als Sprecher aller Meeresherrscher auftreten wollte. Da er durch geschickte Heirat Einfluss auf Fürst Granolario und das Geschlecht der Eisentropfen errungen hatte konnten sich die in deren Herrschaftsbereich lebenden nicht dagegen aussprechen. Allerdings schlossen der Stadtmeister der Siedlung mittags von der Erdteilgrenze auf der abendlichen Seite jener fußförmigen Halbinsel mit dem aus dem Kupfertropfengeschlecht stammenden Marinellon und dem noch zu krönenden erstgeborenen Sohn von Bathos ein Bündnis, dass sie sich nicht unter die Herrschaft von Hypnopyros stellen würden. Auch wenn der neue König aus dem morgenlichternen Teil des umschlossenen Meeres bis zu seiner Krönung keinen Krieg beginnen oder führen durfte hatten die drei eine Lücke im Gesetz gefunden, dass Nachbarn eine Übereinkunft der sicheren Durchwanderung und Ruhe schließen durften, was besagte, dass sie sich auch gegen gewaltsame Übergriffe verteidigen durften. Hypnopyros wusste, dass er keine Kriegsdrohung aussprechen durfte, weil am Ende die Landmenschen ihre Vorteile daraus ziehen konnten, die unachtsamen ohne eigene Zauberkraft, wie die Zauberstabträger. Das war nicht im Sinne des Königs im Reich der schlafenden Feuerriesn. also blieb ihm nur, über ständig hin und her wechselnde Boten Verhandlungen zu führen, um eine freie Wahl des Sprechers zu ermöglichen.

Während die Zauberstabträger sich bereits auf eine Vorgehensweise bei Verhandlungen eingestimmt hatten brauchten die Meeresbewohner, um sich zu einigen. Am Ende bekam der Goldtropfenerbe doch seinen Willen. Das kostete ihn aber sehr viel wertvolle Mineralien aus seinem Herrschaftsgebiet und eine Zusage an alle anderen Herrscher und Stadtmeister, für die Dauer seines Lebens keinen krieg mit einem der anderen anzufangen. Da er dreihundert Jahre zählte mochten das hundert bis zweihundert Jahre Frieden sein, eine Zeit, die sich die anderen nicht entgehen lassen wollten.

am Tag, den die Landmenschen den 26. Septtember nannten, reiste eine Abordnung aus allen Reichen der meere zu jener Insel, die die Landmenschen Gozo nannten und sich dort in einer teilweise mit Meerwasser gefluteten, teils mit Luft erfüllten Höhle mit der Abordnung der Mittelmeer und Ostatlantikländer trafen, um über die Zukunft der Meeresreiche zu beraten und, so ungern die alten Könige und Fürsten es zugaben, die Hilfe für ihre Völker gegen allen Unrat und alle Gifte der unachtsamen Landmenschen zu beraten. Dass sich daraus eine die ganzen Weltmeere umspannende Beistandsgemeinschaft ergeben sollte war König Hypnopyros und seinen beiden höchsten Unterhändlern nicht bewusst.

ENDE

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