FRÜHLINGSERWACHEN

Eine Fan-Fiction-Story aus der Vergangenheit der Harry-Potter-Serie

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Vorige Story

P R O L O G

Für Aurora Dawn ist es bisher eine abwechslungsreiche Zeit, die Schulzeit in Hogwarts, der Schule für britische Hexen und Zauberer. In ihrem vierten Jahr dort erlebt sie schönes, furchterregendes und merkwürdiges.

Da ist Wildhüter Hagrids neues Haustier, ein dreiköpfiger Hund namens Fluffy, vor dessen übertriebener Spielfreude sie die beiden Hawkins-Geschwister aus Gryffindor rettet. Seitdem kommen sie und Bernhard sich auf eine für sie merkwürdige aber auch schöne Weise näher.

Da sind die immer noch das Land in Angst und Schrecken haltenden Anhänger des bösen Zauberers Voldemort, den anständige Zauberer nicht beim Namen zu nennen wagen, deren Anverwandte, die größtenteils in Slytherin unterkamen und Aurora und ihren Schulkameraden das Leben nicht gerade leicht machen.

Da ist ihr Schulkamerad Bruster Wiffle, der irgendein Geheimnis hütet, von dem Aurora nicht weiß, ob es nur was ist, von dem er nicht will, daß es jemand mitkriegt oder was für ihn und auch für andere lebenswichtig sein mag. Trotz der allgemeinen Lage in Hogwarts, wo jeder jeden kennt, bekommt niemand heraus, was mit Bruster los ist, dessen Mutter eine Hexe und dessen Vater ein Automechaniker ist, ein Muggel, der die pferdelosen Kutschen der Muggel repariert.

In den Weihnachtsferien entgeht sie nur knapp dem Tod, als eine Horde der sogenannten Todesser ohne Befehl ihres schwarzen Meisters die Zaubererstraße Winkelgasse in London überfallen. Zusammen mit Bernhard rettet sie einen Säugling und dessen Mutter aus einem einsturzgefährdeten Spielzeugladen. Sie erfährt, daß die Verwandten des Jungen, Draco Malfoy heißt er, sehr wahrscheinlich mit dem bösen Hexenmeister Voldemort zusammenarbeiten und schämt sich etwas, als sie von den Malfoys 500 Galleonen für die Rettung des Jungen Draco bekommt. Gerne nimmt sie einen Vorschlag ihrer Mutter an und spendet das geschenkte Geld für das St.-Mungo-Krankenhaus für magische Verletzungen und Krankheiten.

Weil bei dem von Voldemort nicht befohlenen Anschlag auch der Onkel der ständig gehässige Bemerkungen machenden Mitschülerin Tonya Rattler umkommt, wirkt diese Schülerin sehr betrübt und lange Zeit in sich gekehrt.

Aurora tritt in einen Freizeitclub für praktische Zauberkunst ein, wo nach Geschlechter ausgerichtete Übungseinheiten außerhalb des Unterrichts ablaufen. Dabei lernt sie nicht nur Dinge wie den blitzschnellen Umkleidezauber kennen, sondern erfährt auch, daß längst nicht alle Slytherins mit den Todessern halten. Denn gerade unter den Hexen gibt es solche, die wohl einer geheimen Gilde angehören, die die Machenschaften Voldemorts verachten und eigene Machtansprüche durchsetzen wollen.

Sie trifft sich mit Bernhard zum Valentinstag und erkennt, daß es wohl sehr interessant und schön sein dürfte, mit einem Jungen mehr als gut Freund zu sein.

Im schulweiten Quidditchturnier ist Auroras Mannschaft Ravenclaw drauf und dran, nach mehreren Jahren den Pokal zu gewinnen. Darauf freut sie sich schon, wenn die Osterferien vorbei sein werden. In den Ferien selbst haben ihre Eltern mit ihr eine interessante Reise vor.

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An einer von turmhohen Klippen umfaßten Bucht im süden Englands lag ein nur wenigen bekannter kleiner Hafen, dessen einhundert Meter lange Kaimauer nach oben hin wie ein natürlicher Überhang aus Naturfelsen beschaffen war. So konnten die fünfzig Männer, Frauen und Kinder, die gerade an einer von den grünen Wellen der Nordsee umspielten Mohle warteten, von oben her kaum gesehen werden. Außerdem hatte man vor etwa einhundert Jahren wirksame Vorkehrungen getroffen, daß nur die Personen sehen konnten, was hier vor sich ging, die über genug eigene Magie im Leib verfügten. Für die sogenannten Muggel waren die Bucht und der kleine Hafen nicht mehr als eine von der See in die Südküste Britanniens hineingefressene Kerbe auf der Landkarte.

Unter den Wartenden, die an der Anlegestelle aufgereiht waren, befand sich auch die Familie Dawn, Vater Hugo, Mutter Regina und die vierzehnjährige Tochter Aurora. Seit einer halben Stunde standen sie hier und warteten auf ihre Mitfahrgelegenheit.

Kurz vor sieben Uhr morgens tauchte ein rötlich-grünlicher Lichtpunkt am südlichen Horizont auf, der nach einer Minute zu zwei kleinen, nahe beieinanderstehenden Lichtern zerfiel, ein grünes links und ein rotes rechts. Die beiden Lichter rückten immer weiter auseinander, von Sekunde zu Sekunde, Zoll um Zoll. Schließlich, nachdem zwei weitere Minuten verstrichen waren, konnten sie den spitzen, wie ein Messer durch die Wellen schneidenden Bug erkennen und darüber ein hauchzartes, weißes, beinahe durchsichtiges Segel, das an drei schlanken Masten befestigt war. Endlich kam das Schiff, das mit der Schnelligkeit eines Delphins über das Wasser dahinflog, in die kleine Bucht. Wie von Geisterhand rollten sich die Segel zusammen, und irgendwas bremste das Schiff ab, daß hohe Wellen aufkamen und nach allen Seiten davonliefen. Dann drehte das Schiff nach links, sodaß die auf es wartenden nur die große, grün flammende Positionslaterne zu sehen bekamen. Sonstige Lichter waren nicht zu erkennen. Dann flogen beindicke Taue über die Reling und wanden sich wie Riesenschlangen um die kaum sichtbaren Poller. Eine unsichtbare Kraft zog an den Tauen und holte das nicht mehr unter Segeln fahrende Schiff an die Mohle heran, wo es kurz wie gegen ein unsichtbares Kissen prallte und dann leicht auf der Dünung der See schaukelnd liegen blieb. Ein großes rundes Loch tat sich in der Bordwand auf, und eine breite Planke schob sich wie auf Rollen gleitend an die Kante der Anlegestelle, wo sie so eben auflag, daß man ohne die Beine zu heftig heben zu müssen auf die Laufplanke hinübertreten konnte. Zwei Männer in wasserblauen Umhängen, die wie Fischschuppen aussahen begrüßten die Wartenden und baten sie an Bord der "Commonwealth West", einem der Schiffe der Zaubererlinie Fliegender Holländer. Aurora Dawn ging mit ihren Eltern und einem Eheppar an Bord, das Aurora kannte. Es waren Erin Runfield und Emerald Stoker. Gut, Erin hieß jetzt wohl auch Stoker mit Nachnamen. Doch Aurora erinnerte sich noch gut, wie sie mit Erin zusammen im ersten Schuljahr Quidditch trainiert und nach Erins Abgang ihre Stammposition übernommen hatte.

Im Inneren des Schiffes hingen jene Leuchtkristallkugeln von der Decke, die Aurora im St.-Mungo-Hospital gesehen hatte. Im Moment verströmten sie ein schwaches, gelbes Licht, das sich wohl der Helligkeit draußen anpaßte. Denn Aurora konnte während der Überprüfung der Fahrkarten sehen, wie die Leuchtkraft immer mehr nachließ. Das Licht schrumpfte förmlich in den Kristallkörpern zusammen.

Die Dawns bekamen eine Familienkabine für vier Personen an Backbord, also der in Fahrtrichtung linken Seite des Schiffes, in der Nähe der Stokers. Aurora wunderte sich, daß für so wenige Leute ein solch großes Schiff eingesetzt wurde. Denn sie schätzte, daß hier mehr als eintausend Fahrgäste Platz finden konnten.

"Wir gehen aufs Oberdeck, um die Abfahrt zu beobachten", schlug Auroras Vater vor. Aurora nickte. Doch ihre Mutter war wohl nicht sonderlich begeistert. .

"Ich habe gehört, daß das Schiff mit Gegenbewegungszaubern gegen all zu heftiges Schaukeln und Schlingern versehen ist. Aber wenn ich von da oben auf einen ständig wackelnden Boden kucken muß, wird mir schwindelig."

"Wird es nicht, Regina. Die geben hier auf Anfrage einen Schwindelentschwindetrank aus, weil ja doch nicht wenige Leute seekrank werden", sagte Mr. Dawn.

Regina Dawn nickte und folgte ihrem Mann und ihrer Tochter die Treppen hinauf aufs Oberdeck, wo sie mehrere Reihen gepolsterter Bänke und Liegestühle fanden. Die Liegestühle konnten für einen Preis von fünf Sickeln den Tag gemietet werden, die Bänke waren frei verfügbar.

Kaum standen oder saßen alle, die die Abfahrt beobachten wollten, läutete silberhell eine große Glocke am mittleren Mast, und die Laufplanke wurde eingeholt. Dann klappte die große Einstiegsluke zu. Die Taue lösten sich innerhalb von Sekunden von den Pollern und wickelten sich ganz von selbst zu metergroßen Knäueln auf. Eine befehlsgewohnte Stimme hallte von der Kommandobrücke:

"Ablegen. Segel für kleine Fahrt setzen!"

Wie von mehreren unsichtbaren Riesen geschupst schnellte das Schiff seitlich von der Anlegestelle fort, bevor es leicht nach links wendete. Zwei von den Männern in Blau standen mit gezückten Zauberstäben am Fuß des Mittelmastes und machten schnelle bewegungen. Ein kleines Segel entrollte sich und zog sich auseinander. Kaum war das passiert, glitt das Schiff bereits mit merklich schneller Fahrt vom Land weg. Eine Minute später wurden alle anderen Großsegel gesetzt, und die Heimatküste entfernte sich rasendschnell aus der Sichtweite. Es ruckelte ein wenig, als das Schiff immer rascher davonfuhr. Aurora sah die Wellen in immer schnelleren Abständen steigen und sinken, sodaß sie bald glaubte, nicht auf dem Meer zu fahren, sondern auf einer holperigen und immer glatter werdenden Straße. Sie hörte das Rauschen vom Meer wie einen gleichbleibenden Akord aller Töne.

"Diese Schiffe können in wenigen Stunden einen Ozean überqueren", meinte Hugo Dawn. Seine Frau, die erst etwas blaß auf die Dünung geblickt hatte, bekam wieder Farbe ins Gesicht. Sie wiegte den Kopf und sah noch einmal auf die graugrüne Oberfläche, die einen Hauch von Weiß widerspiegelte. Nun konnten einzelne Wellen nicht mehr unterschieden werden. Es sah so aus, als glitt das magische Schiff auf einem sumpfigen Feldweg dahin.

"Die Abfahrt ist immer das schlimmste", meinte Mr. Dawn. "Je nach Seegang müssen sie erst minutenlang auf kleiner Fahrt bleiben, bevor sie genug Wasser unter dem Kiel haben, um nicht wegen einer hohen Welle auf Grund gedrückt zu werden. Ab jetzt haben wir erst einmal Zeit, bis wir um Afrika herum sind."

"Wir fahren nicht durchs Mittelmeer?" Fragte Aurora Dawn, die von Roy und anderen Muggelstämmigen gehört hatte, wie schön man da mit einem Schiff herumfahren konnte.

"Dafür ist dieses Meer zu überfrachtet mit Muggelfahrzeugen, Kind. Auch der von den Muggeln durch Ägypten gebaute Suez-Kanal, der das Mittelmeer mit dem roten Meer verbindet, ist für diese Schiffe unbefahrbar, wegen der Muggelabwehr und weil der Kanal zu schmal und zu flach für so schnelle Schiffe ist. Deshalb fahren wir um das Kap der guten Hoffnung, wie es die Schiffe vor zweihundert Jahren schon getan haben, wenn sie zum indischen Ozean oder in den Pazifik überwechseln wollten. Aber weil wir zwanzigmal schneller als ein Dampfschiff der Muggel fahren können, macht der Umweg nicht viel aus. In einem Tag sind wir in Southern Secret, dem Hafenstädtchen südlich von Malbourne."

"Da merkt man, daß du ein Wandervogel bist, Hugo", sagte Auroras Mutter lächelnd. Ihr Mann nickte und lächelte seinerseits.

"Mit dem Apparieren hatte ich es nie so. Na ja, als das mit dem Hotel in Frankreich passierte, war ich froh, gut wegzukommen. - Aber reden wir nicht mehr davon!" Sagte er noch.

Unterwegs unterhielten sich die Dawns mit den Stokers. Aurora erfuhr, daß Erin im September ein Kind bekommen würde, weshalb sie morgens häufig unter Übelkeit litt. Sie wollten sich den australischen Kontinent von West bis ost ansehen und sogar einen Abstecher in die neuseeländischen Berge machen, die im südlichen Winter sehr schöne Schneekappen trugen. Alles in allem würden sie bis Anfang August am Fuß der Welt zubringen, sagte Emerald Stoker.

"Das machen wir auch, weil unsere Eltern meinen, uns jetzt doppelt umschwärmen zu müssen, wo ich schwanger bin", sagte Erin dazu noch und mußte lächeln. "Australienreisen sind etwas aufwändiger und meine Mutter verappariert sich schon, wenn sie von Exeter nach Dover will und in Edinburgh landet."

"Wo wohnt ihr denn da, wenn ich fragen darf?" Wollte Aurora wissen.

"Och, Emerald hat Bekannte in Sydney, Darwin, Hidden Grove und Canberra, sowie in Malbourne, Alice Springs und Brisbane. Er hat sie vor Monaten schon alle angeschrieben. Unterkommen können wir also gut und günstig."

"Wir wollen nur nach Hidden Groves", meinte Hugo Dawn zu Erin. "Mehr können wir uns für die zwei Wochen Ferien nicht leisten."

"Das ist ja auch schon das beste an der australischen Zaubererwelt", meinte Emerald Stoker. "Da seht ihr alle dort lebenden Zaubertiere und -pflanzen und könnt den australischen Herbst genießen. Ich hoffe nur, daß die da nicht so abgedrehte Typen haben wie wir in England. Ich hörte von einer Cousine meines Vaters, daß die auch mit dunklen Zauberern zu tun hatten, es aber im Moment wohl eher ruhig ist."

"Das hoffe ich", meinte Hugo Dawn. "Wir hatten um Weihnachten genug um die Ohren." Das letzte sprach er mit ein wenig Unbehagen in der Stimme.

Aurora sagte nichts dazu. Sie sah in der Ferne die Rauchfahne eines Muggelschiffes. Zunächst tauchte sie vorne links auf, eilte dann schnell wie der Wind vorbei und verschwand keine dreißig Sekunden später hinter dem Schiff.

"Ein Muggeldampfschiff, Dad", wies Aurora ihren Vater auf die Rauchfahne hin. Hugo Dawn nickte.

"Wir sind so schnell, daß selbst in der Entfernung die Rauchsäule schnell außer Sicht rückt."

"Können die uns nicht sehen?" Fragte Aurora. Erin lachte.

"Hast du es beim Anlegen nicht gesehen. Das Schiff ist außen getarnt, wenn es fährt. Die Lichter können nur Hexen und Zauberer sehen. Muggel können uns nicht einmal mit ihren Radar-Dingern orten, die ihnen sonst alles in der Ferne zeigen können, weil die magische Ummantelung der Segel und des Schiffskörpers alle gelenkte Elektrizität schluckt, ob Funk oder fließender Strom."

"Ich habe noch von meinen Großeltern gehört, was das für ein Heidengewimmel in der Abteilung für magischen Personenverkehr und dem Büro für muggeltaugliche Entschuldigungen war, als rauskam, daß die Muggel Fernblickapparate mit unsichtbaren Strahlen erfunden haben. Damals war eh der Teufel los, sagte Opa Vespasian. Die Muggel waren total verrückt und haben mit lauten Mordwaffen durch die Gegend gewütet, Bleikugeln herumgeschossen und brennende oder heftige Explosionen machende Dinger aus ihren unbeholfenen Fluggeräten fallen lassen. Damals hat er im Ministerium in der Abteilung für Geheimhaltung gearbeitet. Die mußten die Winkelgasse mit besonderen Zaubern zudecken, damit nicht der Lärm aus Muggel-London herüberdrang. Oma Grace hat damals ihren Glauben an die Vernunft der Muggel verloren."

"Bei den Muggeln heißt das der zweite Weltkrieg", wußte Aurora. "Da haben sich viele Muggelanführer mit ihren Anhängern gegenseitig umzubringen versucht. Roy hat uns das mal erzählt als Miriam ihn fragte, ob er sich nicht schäme, so abfällig über die Angst vor dem Unnennbaren zu sprechen."

"Weltkrieg? Die Muggel der ganzen Welt haben diesen Wahnsinn veranstaltet?!" Erschrak Erin Stoker. Mrs. Dawn nickte.

"Ja, stimmt. Dann auch noch der zweite, als wenn der erste nicht schon grausam genug ... Aber lassen wir's! Über Muggelprobleme zu streiten oder zu philosophieren bringt nichts, weil wir ja nichts daran ändern dürfen."

"Huh, und ich dachte, unsere Welt sei schon grausam bestraft", meinte Emerald Stoker. Hugo Dawn schlug vor, man möge wieder zu angenehmeren Themen zurückkommen, wie der Überfahrt nach Australien.

Die Passagiere erhielten für eine Leihgebühr von drei Sickeln die Stunde Ferngläser, um die Vorbeifahrt an Inseln und der afrikanischen Küste zu beobachten. Aurora wunderte sich, daß sie hier oben keinen Wind spürten, obwohl das Segelschiff in einem Höllentempo an der Westküste Afrikas entlangfuhr, darauf bedacht, nicht zu nahe an die von Muggelschiffen häufig benutzten Wege zu geraten. Zwischendurch aßen die Passagiere etwas im gemütlichen Bordrestaurant. Sie fühlten hier nicht einmal das sanfte Vibrieren des Schiffes, seitdem es seine Reisegeschwindigkeit erreicht hatte. Irgendwann läutete die Schiffsglocke dreimal, und aus magischer Quelle, wie beim Hogwarts-Express, erklang die Durchsage:

"Sehr geehrte Fahrgäste. in zwei Minuten überqueren wir den Äquator. Sie können dieses Ereignis auf der Latitudinaluhr mitverfolgen, die auf dem Vorderdeck gleich hinter dem vorderen Anlegetau aufgestellt ist."

"Wollen wir das sehen, wenn wir über den Äquator fahren, Rinny?" Fragte Emerald seine Frau. Diese nickte. Aurora fragte, was so besonderes daran sei.

"Das ist eine gedachte Linie, die die Erdkugel in der Mitte teilt, in die Nord- und Südhälfte. Hier steht die Sonne am Mittag immer senkrecht über dem Boden, weil es hier weder Sommer noch Winter gibt", sagte Hugo Dawn und fragte, ob seine Familie das auch ansehen wollte. Aurora nickte.

So verfolgten die Passagiere auf der goldenen Breitengraduhr, wie der schwarze Zeiger über die grünen Ziffern von eins bis zur schwarzen Nullinie wanderte, die hier auf der Drei- und der Neun-Uhr-Stellung zu sehen war. Als dies passierte, läutete die Glocke viermal, und die Stimme aus magischer Quelle verkündete, daß sie nun auf der südlichen Erdhalbkugel angekommen seien.

"Wie geht das jetzt weiter?" Fragte Aurora.

Wir halten in Südafrika, dann Indien, An einer Bucht von Singapur und rauschen dann den Pazifik durch. Dabei werden wir diesen Äquator noch zweimal überqueren, nach Norden und wieder nach süden", sagte Auroras Vater.

Tatsächlich verlangsamte das magische Segelschiff einmal, um an einem heimlichen Hafen Passagiere aussteigen oder zusteigen zu lassen. Dann ging es die Südküste des afrikanischen Kontinentes entlang bis sie einen halben Tag später an einem versteckten Hafen anhielten. Aurora schwitzte. Ihr langes, schwarzes Haar klebte ihr wie nasses Farnkraut an Kopf und Hals. Die Schiffsbediensteten schenkten Wärmeanpassungstränke aus, um die Passagiere aus England vor größeren Hitzeschäden zu bewahren, sofern sie nicht in den magisch auf einer angenehmen Temperatur gehaltenen Kabinen blieben. Aurora und ihre Eltern verschliefen die Fahrt nach Indien und erwachten erst wieder, als das Schiff bereits mitten im indischen Ozean unterwegs war, Ziel die Insel Singapur, die einst von Briten kolonisiert worden war. Aurora ließ sich von ihrem Vater auf einer Karte zeigen, wo sie gerade waren, und daß in Singapur keine Zauberer wohnten, sondern nur zu Studienzwecken dort hinfuhren. Anders verhielt es sich mit Australien, wo nicht nur von den dort hingelangten Weißen mehrere Zauberer und Hexen Niederlassungen gegründet hatten, sondern auch die von den weißen Muggeln vernachlässigten Angelegenheiten der Ureinwohner, der Aborigines, verwaltet wurden, deren Umgang mit der Magie ein faszinierendes Forschungsgebiet darstellte.

Endlich, nach etwas mehr als einer Tagesreise, landete das magische Segelschiff in Southern Secret, dem Zaubererhafen Westaustraliens.

Im Grunde bestand der Hafen aus einer schmalen Einfahrt, durch die der große Segler gerade noch hindurchfahren konnte und einem hohen Ring aus Naturfelsen. Anders als in England wurde nicht die Laufplanke herabgelassen, sondern eine breite Treppe von oben auf das Oberdeck abgesenkt. Nachdem die Matrosen die Passagiere ordnungsgemäß aus ihrer Liste an Bord befindlicher Passagiere ausgetragen hatten, stiegen die Fahrgäste die Treppe hinauf und betraten einen langen Tunnel, der von einem bläulichen Nebel vor fremden Blicken geschützt war. Im Tunnel selbst spendeten faustgroße Leuchtpilze mit weit ausladenden Armen ein orangerotes Licht. Aurora betrachtete die Gewächse. Da viel ihr auch schon der entsprechende Eintrag in einem Buch über spezielle magische Nutzpilze ein, wo von Lucifungus troglodytus australis erzählt wurde, daß er aus Leuchtmoosen, grünem Schimmel und Champignons zusammengekreuzt worden sei. Allerdings dürfe man die Pilze nicht anfassen, weil die daran haftenden Sporenkapseln sofort aufplatzen und die Keime der Pilze ausstreuen würden, die beim Einatmen die Lichtempfindlichkeit von Menschen verzehnfachte und somit gegen Tageslicht allergisch machte. So war sie beruhigt, daß die nützlichen Lichtspender drei Meter über dem Boden hingen.

In einer direkt mit dem Tunnel verbundenen Blockhütte wurden die Neuankömmlinge gleich registriert. Zwei steinerne Kamine, deren Schlote in den Naturfels hinaufgebaut worden waren, dienten als Abreise- und Ankunftspunkte für Floh-Netz-Reisen auf dem australischen Kontinent. Die zehn Zauberer in der Hafenverwaltungshütte wiesen die Passagiere des Schnellseglers an, sich in einer Reihe aufzustellen. Die nun einhundert Passagiere, die in Südafrika, Indien und Singapur dazugekommen waren, warteten geduldig, bis sie drankamen. Jedesmal, wenn eine Gruppe oder eine Einzelperson abreiste, konnte Aurora sehen, wie hinter den direkt vor den Kaminen stehenden Leuten eine merkwürdige Linie grünlich aufleuchtete, eine Geräuschdämmungsbannlinie, um die Ausrufe der Zielorte für alle hier unhörbar zu machen. Als die Dawns an die Reihe kamen, sagte Mr. Dawn:

"Der Zielort heißt Grove Range. Wir haben da unser Familienzimmer."

Mit Flohpulver ging es im Hui aus dem Kamin hinaus. Aurora traute sich, bei der Herumwirbelei die Augen offen zu halten. So sah sie, daß sie nicht an einem Gewirr von Kaminen vorbeikamen, sondern viele grüne Flammenwände zwischen den spärlichen Zaubererwohnungen auftauchten. Als sie dann landeten, sah sie kurz, daß sie über einem großen Park herunterkamen, bevor sie im Zielkamin landeten.

Die Dawns wurden bereits erwartet. Die Stokers waren ja schon vor ihnen abgereist und nun schon in der Hidden-Range-Hütte. Eine blonde Hexe in einem grünen Umhang begrüßte die Gäste und geleitete sie mit ihrem Gepäck zu einem halbkreisförmigen Zimmer, von dem aus sogar eine Tür zu einem Badezimmer abging. Als die Dawns sich dort für die nächsten anderthalb Wochen eingerichtet und Schweiß und Staub der langen Reise vom Körper geduscht hatten, kehrten sie in den Speiseraum der Hütte zurück, wo die Stokers sich mit einem Ehepaar und einer brünetten Junghexe von wohl gerade neunzehn Jahren unterhielten. Aurora sah der Hexe, die nicht mehr Mädchen und vielleicht noch nicht Frau war in die braunen Augen. Sie lächelte. Dann blickte sie die Hexe an, mit der sich die Stokers unterhielten, die von Haar und Augenfarbe und zum großen Teil auch vom Gesicht her der jungen Hexe ähnelte, wohl ihre Mutter war.

"Ah, da ist ja Hugo Dawn. Dieses Mal haben Sie also Ihre Familie mitgebracht", grüßte die brünette Hexe und winkte den Dawns zu. Hugo Dawn nickte und stellte seine Familie und die anderen vor.

"Ava und Orson Springs und ihre Tochter Heather, die vor einem Jahr die Redrock-Akademie geschafft hat", sagte Hugo Dawn. "Meine Frau Regina und unsere Zukunftshoffnung Aurora."

"Die sieht ja gar nicht wie Ihre Frau aus", grinste Heather, die das rotbraune Haar der Mutter nicht mit dem tiefschwarzen Haar der Tochter vereinbar fand.

"Nicht immer erbt die Tochter die Anmut der Mutter, sondern auch mal die äußeren Eigenheiten des Vaters", gab Mr. Dawn zurück.

Minuten später saßen die angereisten mit den Springs zusammen an einem großen Esstisch. Die Dawns bekamen einen Zaubertrank, der ihre Körper auf die hier vorhandene Tageszeit einstimmte, sodaß sie nicht unter irgendwelchen Auswirkungen zu leiden hatten. Sicher, durch die Schiffsreise waren sie schon gut an die Britannien vorauseilende Uhrzeit angepaßt worden. Aber der Weltzeittrank war dennoch eine angenehme Sache. Aurora und Heather freundeten sich rasch an und setzten sich bald nebeneinander. Sie ließen die Eltern über deren Angelegenheiten reden und unterhielten sich über ihre Schulen, welche Unterschiede es da gab. Aurora staunte, daß es in Redrock acht Schulhäuser gab und grummelte, als sie hörte, daß eines davon auch mit reinblütigkeitsvernarrten Kindern belegt wurde, die den anderen gegenüber sehr herablassend auftraten. Trotz des für Jugendliche großen Altersunterschieds, der bereits Welten bedeuten mochte, verstanden sich die beiden Mädchen. Als Heather sich traute, Aurora zu fragen, ob sie sich schon für Jungs interessierte, verriet diese ihr, daß sie wohl gerade dabei war, mit einem zusammenzukommen. Allerdings verriet sie weder den Namen noch wie sie ihn kennengelernt hatte. Heather verriet ihr, daß sie zwei Freunde in der gesamten Schulzeit gehabt habe. Allerdings rückte auch sie nicht mit Namen und weiteren Sachen heraus. Sie unterhielten sich über den Unterricht, über die Lehrer und über die Sachen, die in den beiden Schulen so abgingen. Heather erzählte, wie sie im letzten Schuljahr miterlebt hatte, wie eine Erstklässlerin namens Perdita Shadelake gemeint hatte, nur weil ihr großer Bruder bereits der heimliche Herrscher des gleichnamigen Schulhauses war muggelstämmige Mitschüler anpöbeln zu müssen, bis einem der Kragen geplatzt sei und er dem überheblichen Mädchen ein Zeug über den Kopf gekippt hatte, das die schwarzen Haare total ausbleichen ließ. Das wäre ihm aber übel bekommen, weil Grendel, der ältere Bruder dieses Mädchens, den Jungen heftig verflucht hatte, daß er für zwei Tage im Krankenflügel hatte liegen müssen.

"Heiler Rivendale wollte ihn sogar schon in die Sano schicken, bis er rausfand, wie man die drei verknäuelten Flüche durch einen Zaubertrank und zwei hintereinander gewirkte Direktzauber abklingen lassen konnte. Von da an hat dieser Perdy niemand mehr das Maul verboten. Ich hoffe, sowas gibt es bei euch trotz dieser Sache da noch nicht."

"Wecke den schlafenden Drachen nicht auf, Heather! Bei uns laufen auch genug herum, die keine Probleme damit haben, Muggelstämmige zu quälen. Die tun es nur deshalb nicht, weil sie dann sofort rausfliegen. Ist dieser Shadelake ..."

"Pssst, sprich den Namen hier in Australien nicht zu laut aus. Er hat zwar noch nicht diesen brutalen Ruf wie jener Lord, den ihr nicht beim Namen nennt, aber von ihm zu reden macht keine Freunde unter zufälligen Zuhörern", zischte Heather.

"Also was ist mit diesem Burschen passiert?" Fragte Aurora, die nur leicht beeindruckt war.

"Der ist geblieben. Der hatte tolle Kontakte in den Schulrat und sich auf Nothilfe für seine Schwester berufen. Damit kam der durch und konnte weiterlernen. Diese Leute halten sich für die Großen Australiens. Da es genug Leute gibt, die ihnen das auch erlauben, kriegen die damit auch keine Probleme. Kann nur sein, daß die kleine Perdy jetzt wesentlich mehr Ärger um die Ohren hat als vorher. Es sei denn, die Brut aus dem Shadelake-Haus hilft ihr weiter, auch wenn ihr Bruder selbst nicht mehr da ist", flüsterte Heather.

Aurora erwähnte Rax Montague. Dieser Name war selbst in Australien bekannt, wenngleich hier eine wesentlich frühere Trägerin dieses Namens in den Geschichtsbüchern erwähnt wurde.

"Ach, und die Montagues haben jetzt wieder eine Tochter, die des alten Namens würdig ist?" Fragte Heather leise, während sich Hugo Dawn mit den Springs und Stokers über die gewaltlose Abrichtung von gewöhnlichen Waldvögeln unterhielt.

"Ich weiß da keine Antwort drauf und bin bestimmt nicht so blöd, sie danach zu fragen", erwiderte Aurora verhalten lächelnd.

So verstrich die Zeit, bis die Dawns einen gewissen Hunger verspürten.

Während des Essens regelte der Familienvater mit Roster Plains, dem Wirt der Hidden-Range-Hütte und einer Hexe namens Madame Helianthus, daß sie am nächsten Tag früh Morgens eine ausgedehnte Tour durch den weitläufigen Park für Zaubertiere und Pflanzen machen würden.

Nach dem Essen gingen die Dawns in den nicht direkt zu den Tiergehegen gehörenden Grünanlagen spazieren und unterhielten sich über die Reise hierher und was sie wohl morgen alles zu sehen bekommen würden. Abends gingen sie frühzeitig zu Bett. Aurora lauschte noch auf den Klang ihr fremder Tierstimmen von draußen. Doch dann glitt sie in einen erholsamen Schlaf hinüber.

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Ein Geräusch, als wenn jemand in der Ferne in schallendes Gelächter ausgebrochen sei weckte Aurora aus dem Schlummer. Sie wußte erst gar nicht, wo sie war und war zunächst etwas irritiert. Dann erkannte sie, daß der Lärm, der sie wachgemacht hatte nicht von einem Menschen stammen konnte. Sie hörte das laute Geräusch, das mehrmals hintereinander erklang durch das halb geöffnete Fenster des Familienzimmers. Ihre Mutter schien gleichermaßen von diesem Krach aus verdientem Schlaf gerissen worden zu sein. Sie schwang sich aus dem leicht knarrenden Bett und hastete barfuß ans Fenster, um zu sehen, wer da diesen lauten Radau veranstaltete.

"Och, der australische Wecker geht ja echt pünktlich los", gab Hugo Dawn erheitert von sich.

"Sind das Vögel?" Wollte Aurora wissen, die jetzt erst richtig wach geworden war.

"Joh, Kind. Das ist ein lachender Hans oder Lachtölpel oder Jägerliest. Die Australier nennen ihn Kookaburra. Klingt aufmunternd, nicht?" Erwiderte Hugo Dawn.

"Eher laut", meinte Mrs. Dawn leicht verstimmt. "Geht das jeden Morgen so?"

"Üblicherweise immer vor Sonnenaufgang", erwiderte Hugo Dawn belustigt. "So wie beim Hahn auf dem Bauernhof. Die Ureinwohner behaupten sogar, er würde den Himmelsmenschen sagen, sie sollten das Himmelslicht anzünden."

"Himmelslicht? Dann rufen die die Sonne?" Wollte Aurora wissen.

"So sagen die Ureinwohner, Kind", sagte Hugo Dawn und kramte aus seiner am Bett stehenden Reisetasche ein glänzendes Fernglas heraus, um seiner Frau am Fenster Gesellschaft zu leisten. Er suchte mit dem Fernglas vor dem Gesicht die Umgebung ab und strahlte dann.

"Keine fünfzig Meter von hier weg", sagte er. "Mindestens zehn Vögel im Familienverband."

"Ich weiß, Hugo, das ist deine Welt. Aber laut ist es doch", knurrte seine Frau mißgestimmt. Aurora stand auf und ließ sich von ihrem Vater jene braun-weißen Vögel zeigen, die in den Bäumen und Büschen der Umgebung saßen und ihre wie Lachen klingenden Rufe in die Morgendämmerung erschallen ließen.

Derartig pünktlich von der australischen Tierwelt geweckt gingen die Dawns ihren Tag an. Im Gastraum der Hidden-Range-Hütte trafen sie die Springs, die ebenfalls von den lachenden Weckern aus den Federn gerufen worden waren, sowie die anderen Übernachtungsgäste, die heute die weitläufige Parkanlage besichtigen wollten. Die Aufseherin, Madame Helianthus, holte die für eine Führung vorgemerkten Hexen und Zauberer zwei Stunden nach dem Frühstück ab und brachte sie zu einem Lager für Leihbesen, wo die Dawns sich mit Himmelsstürmer-Besen ausstatteten. Durch die Luft ging es dann über den großen Park herum, zu Pflanzen, die nur auf der Südhalbkugel der Erde vorkamen, wie den Südsternanbeter, eine Mischung aus Kaktus und Sonnenblume, die ihren zwölfblätterigen Blütenkelch, der den Durchmesser eines Suppentellers hatte, alle zwölf Stunden genau nach Süden ausrichtete.

"Mit dieser Pflanze kann man Zeit und Richtung genau bestimmen, wenn man lernt, die Blätter zuzuordnen. Ihre angeschrägten Enden verlaufen so, daß sie gegen den Uhrzeigersinn gesehen nach Süden zeigen, wo das dickste und am meisten gezahnte Blatt sitzt", erklärte Madame Helianthus und wies auf die fleischigen, bräunlich-grünen Blätter. Der daumendicke Stängel, an dessen zwei Meter über dem Boden befindlicher Spitze der rot-blaue Blütenkelch saß, ähnelte einer weit auseinandergezogenen Sprungfeder, spiralig gewunden. An Anzahl und Abstand der Stengelwindungen konnte man das Alter einer Pflanze dieser Art bestimmen. Mr. Dawn fragte, wozu sie gut sei außer Zeit und Richtungen abzulesen

"Aus dem Nektar des Südsternanbeters wird unter anderem der Ortszeitanpassungstrank gebraut, von dem Sie gestern einen Willkommensschluck erhalten haben", sagte die Aufseherin. "Außerdem kann man den Saft aus den Blättern zusammen mit Eisenpulver, gemahlenem Magnetit und Knieselschweifhaaren zu einem vortrefflichen Ortsbestimmungstrank verarbeiten oder in der Magicomechanik als Farbverstärker benutzen, um Ortsbezogenen Zauber dauerhaft zu wirken, wie selbststeuernde Fahrzeuge oder Standortbestimmungsgerätschaften."

"Wieso kommt der nur hier vor?" Wollte Aurora wissen. Madame Helianthus wies auf die fleischigen Blätter und sagte:

"Das liegt an der Natur der Strudelkräfte, wie sie Luft- und Wasserwirbel machen. Nördlich des Äquators sind sie genau anders ausgerichtet als südlich davon. Deshalb kann der Südsternanbeter seinen Blütenkelch nicht ohne Wiederstand winden, was ihn sehr rasch absterben und damit auf der Nordhalbkugel unkultivierbar macht", sagte die Aufseherin und lächelte Aurora aufmunternd zu.

So wie beim Südsternanbeter ging es den Dawns auch bei anderen Pflanzen, wie dem Sonnenkraut, das in Zaubergärten am Rand der zentralaustralischen Wüste angepflanzt wurde oder dem Dingodrängpilz, dessen merkwürdig bittersüßer Geruch die verwilderten Hunde Australiens von einem Grundstück fernhalten konnte, was den benachbarten Muggelfarmern mehr Probleme mit diesen Raubtieren bescherte als den Zauberern, die Ackerbau und Viehzucht betrieben.

So faszinierend wie die zwischen der hier üblichen Pflanzenwelt gehaltenen Zauberpflanzen fand Aurora auch die Tiere. Sicher, es waren hauptsächlich Tiere, die auch in Eurasien und Nordamerika vorkamen wie Greife, Einhörner oder fliegende Hasen, die an und für sich nicht flogen, sondern nur haushoch und dutzende Meter weit springen konnten, aber auch Tiere wie die rotbraune Beutelfledermaus, die ein magizoologischer Witzbold vor anderthalb Jahrhunderten aus einem Wombat und einer hier üblichen Fledermausart gekreuzt hatte oder das rötlich gefiderte Hühnerschwein, auch eine Kreuzung, die apfelgroße Eier legte, aus denen winzige Ferkel mit Daunengefieder schlüpften, und die mit ihren Stummelflügeln ihre unbeholfenen Beine beim Vorankommen unterstützten. Japanische Bonsaidrachen gab es hier genauso zu sehen wie Schnatterhälse, menschengroße Wasservögel mit grünlich-blauem Gefieder, die der Zaubertierexperte Geoffrey Buzzler bei einem Experiment "rein zufällig" aus einem Wellensittich und einer Wildente erschaffen hatte, wofür er zwar eine harte Strafe aufgebrummt bekommen hatte, aber dadurch auch berühmt geworden war, nachdem die zehn erschaffenen Exemplare sich zu wertvollen halbzahmen Nutztieren in der australischen Zaubertrankbraukunst entwickelt hatten. Einige konnten sogar menschliche Worte nachplappern.

"Sie können das doppelte ihres Gewichts durch die Luft tragen und können in Sechsergruppen mit Federleichtzaubern belegte Fahrzeuge über lange Strecken ziehen. Aber an die Asgardschwäne, die in Deutschland und Skandinavien gezüchtet werden, kommen sie immer noch nicht heran, zumal in der australischen Tierwesenbehörde ein strenges Größenwachstumsverbot beschlossen wurde, nachdem herauskam, daß diese Tiere bei zunehmender Körpergröße gerne Nutztiere der Muggel wie Schweine, Schafe und Ziegen jagen, was die Geheimhaltung gefährdet", erklärte Madame Helianthus, als Bonnie, die Gruppenälteste Schnatterhalshenne, mit wildem Geschnatter und Gequake in die Mitte des fünfzig Meter großen Zierteiches zurückpaddelte.

So besuchten die Dawns zusammen mit den anderen Familien einen großen Teil von Hidden Groves. Weitere Teile sollten in den zwei Folgenden Tagen besichtigt werden.

Aurora schrieb Briefe an Petula, Miriam und Bernhard, als sie das kleine Eulenpostamt nahe der Hidden-Range-Hütte besuchten. Ihr Vater half ihr mit den Expresszustellungsgebühren aus. Abends genossen sie die noch laue Luft des australischen Herbstes und hörten den Insekten und Abendvögeln bei ihren Konzerten zu. Aurora blickte in den Sternenhimmel. Die Sternbilder hier waren ihr alle unbekannt. Das Kreuz des Südens, das auf der Südhalbkugel dem Polarstern entsprach, funkelte stetig vom immer dunkler werdenden Nachthimmel herab und wies die genaue Südrichtung.

"Schön ist es hier", meinte Aurora zu ihrer Mutter. Diese meinte:

"Daß Hugo und dich die fremden Tiere und Pflanzen so faszinieren ist mir ja verständlich. Aber ob ich hier leben wollte. Der Akzent der Leute hier ist ziemlich hart. Madame Helianthus hat sich ja anstrengen müssen, um sich für uns verständlich auszudrücken."

"Stimmt, Mum. Die reden hier ziemlich komisch, wenn die für sich sind", stimmte Aurora ihrer Mutter zu und grinste breit.

"Zumindest haben die hier mehr Ruhe als wir", sagte Mrs. Dawn und lauschte in die Nacht. Die Natur hier deckte ihre Kinder mit einer angenehmen Ruhe zum Schlafen zu.

Um elf Uhr zogen sich die Dawns in ihr Zimmer zurück.

Am nächsten Tag brachte sie Madame Helianthus zu einem anderen Abschnitt des Parkes, wo sie Bäume und Tiere besichtigten. Fast hätte Aurora Dawn jenes grasgrüne Tier, das an die drei Meter groß war, übersehen, weil es im hüfthohen Gras geduckt ausharrte, bis der Laut eines fernen Tieres es wohl aufschreckte. Sie sah, wie es mit einem Satz, mit dem es locker über ein zweistöckiges Haus hinwegfliegen konnte, über die hohe Wiese dahinsprang und in der Nähe eines Zierteiches landete. Es sah aus wie ein hier übliches Känguruh, eben nur mit grasgrünem Fell, das wie eine Verschmelzung aus Haarkleid und Wiese aussah. Die großen Ohren des Tieres vollführten eine langsame Drehung, bis das Tier sich gewand auf die Vorderpfoten niedersinken ließ und rein betrachtungsmäßig mit der Wiese verschmolz.

"Wer kam denn auf diesen Unfug, ein Känguruh mit grünem Fell und in der Größe zu züchten?" Wollte Mrs. Dawn wissen.

"Faunus Shadelake", meinte Madame Helianthus, wobei sie den Namen mit unübersehbarem Widerwillen aussprach. "Das war vor einhundertfünfzig Jahren. Der Zauberer war ein genialer Tierwesenexperte, aber ohne Achtung für die natürlichen Tierarten. Er hat mit Beuteltieren, Elixieren und Zauberpflanzen herumexperimentiert, bis er fünfzig dieser Wesen erschaffen hat. Allerdings haben sie neben ihrer Tarnfähigkeit noch eine weitere Eigenheit entwickelt, die dem sonst so überragend tuenden Zauberer jede Nutzung des neuen Geschöpfes im Ansatz vereitelte. Sie haben einen ausgeprägten Widerwillen gegen böswillige Menschen und verhalten sich sehr aggressiv gegen solche Hexen und Zauberer, die bereits Mitzauberer und -hexen gequält oder gar getötet haben. Ihre Zähne sind wie Dolche, und ihre Spucke überträgt ein lähmendes Gift, das den menschlichen Organismus für ein volles Jahr auf ein Hundertstel seiner üblichen Geschwindigkeiten verlangsamt. Bislang konnte kein Gegenmittel dafür gefunden werden. Dieser Zauberer, dessen Namen ich gerade erwähnt habe, hat dies sehr schmerzlich erfahren müssen. Nachdem er sich diese Tierwesen herangezogen hat, ist er für ein ganzes Jahr zur untätigkeit verurteilt in seinem Laboratorium verblieben und brauchte einen magischen Unterarmersatz für den Arm, mit dem er nicht zaubern mußte. Die Tiere sind ihm damals ausgerissen und haben sich vermehrt. Allerdings stellen sie im Moment keine ernsthafte Bedrohung für die natürliche Tier- und Pflanzenwelt dar, da sie nur alle zehn Jahre ein Junges bekommen. Sie stehen jedoch im Rufe, sich Zauberer oder Hexen auszusuchen und dann, wenn sie ihr zehntes Lebensjahr vollendet haben, deren Wohnung oder Haus als eigenes Reich bewohnen", erklärte Madame Helianthus.

"Wie heißen die denn?" Wollte Aurora wissen.

"Grüne Wächter, in der Magizoologie Campocustos chlorodermis", sagte Heather Springs rasch, nachdem Madame Helianthus ihr zunickte, die Frage zu beantworten.

"Unsere Heather hat in Pflege Magischer Geschöpfe ihre ZAGs und UTZs mit Ohne Gleichen geschafft", verkündete Mr. Springs mit stolz in Stimme, Miene und Körperhaltung. Heather lief an den Ohren rot an. Dann zwinkerte sie Aurora zu und meinte:

"Die Familie Lighthouse hat ein Weibchen dieser Tiere, das sich mit Laurin, einem Klassenkameraden von mir, zusammengetan hat. War schwierig, Heidi davon abzuhalten, ihm sogar bis Redrock nachzuhüpfen. Die haben ein geniales Aufspürvermögen und Orientierungsgespür."

"Ach, wie ein Kniesel", meinte Aurora.

"Öhm, stimmt", bestätigte Heather. "Nur daß wir hier am unteren Ende der Welt keine Kniesel zulassen, weil die wie Ordinärkatzen die einmalige Tierwelt gefährden. Dafür haben die Leute von euch da oben ein Gegenverbot für die grünen Riesenkänguruhs durchgesetzt, weil die denen zu unbeherrschbar sind."

"Was ja auch stimmt", meinte Madame Helianthus. "Sie rangieren auf der Liste der Tierwesen auf Stufe XXXX, gegen erwiesene oder heimliche Schwarzkünstler sogar auf der höchsten Stufe, wo auch Drachen, Chimeras und Nundus geführt werden", ergänzte Madame Helianthus.

Nach der Begegnung mit dem grünen Riesenkänguruh kam jedoch nichts mehr, was Aurora für besonders erwähnenswert im Bezug auf aufregende Sachen ansah. Nach dem Rundgang und -flug durch Hiddengrove saß sie mit Heather noch eine Zeit zusammen und unterhielt sich über die hier vorkommenden Zauberpflanzen und magischen Tierwesen. Sie erfuhr, daß der grüne Wächter nicht in Skamanders Tierwesenbuch erwähnt wurde, weil er mit seinem australischen Kollegen Buster Dunning vereinbart hatte, daß die in seinem Buch über die südlichen Tierwesen erwähnten Geschöpfe nicht im Schulbuch für nördliche Zauberer und Hexen erwähnt werden sollten und umgekehrt. Lediglich der Billywich, ein kleines blaues Insektenwesen, sollte in beiden Büchern erwähnt werden, um Vorfälle mit diesem Wesen frühzeitig zu vermeiden. Heather bot Aurora an, mit ihr am nächsten tag in die Sonnenstrahlstraße in Sydney zu gehen und dort nach Nachschlagewerken zu suchen. Aurora nahm das Angebot an, mußte jedoch ihre Eltern um Erlaubnis fragen. Mrs. Dawn nahm jedoch diese Anfrage als Idee auf, selbst in die Zaubererstraße Australiens zu reisen, um dort nach Mitbringseln und Andenken für die Verwandtschaft zu suchen. Bilderbücher mit den bekanntesten Bewohnern von Hidden Groves hatte sie bereits am Nachmittag im Souvenirladen gekauft. Mr. Hugo Dawn verkündete, wenn seine Frauen schon einkaufen gehen wollten, würde er sich mit seinen Bekannten in Sydney treffen und mit ihnen über neue Erkenntnisse in der gewaltlosen Wildvogelabrichtung sprechen.

So kam es, daß die Dawns am nächsten Morgen sechs Priesen Flohpulver in einer rotlackierten Holzdose kauften und damit in die Sonnenstrahlstraße reisten. Der Zielkamin lag, genauso wie in England, in einem Gasthaus, dem summenden Billywich. Das Wirtsleute-Ehepaar Kyra und Oliver Goldwater begrüßten die Gäste und erklärten ihnen, wo sie genau hingehen mußten, um die Bekleidungsgeschäfte oder den Buchladen Lessing & Dogears zu finden. Heather Springs, die sich für hier ein veilchenblaues Kleid angezogen hatte, führte Aurora gleich zu den Geschäften für junge Hexen, wo Taschen, Schuhe, Schmuck und bunte Schreibfederhalter verkauft wurden. Dabei trafen sie eine vierköpfige Familie schwarzhaariger Zauberer. Aurora fiel sogleich auf, wie übertrieben reich sie angezogen waren, weil sie in Drachenhautanzügen oder Seidenumhängen gekleidet waren. Der Familienvater wirkte wie ein Fürst oder höheres, als er sich durch eine einfache Geste freie Bahn verschaffte. Der Sohn stolzierte überlegen dreinschauend einher, und die Tochter blickte die übrigen Hexen um sich herum mit einer abfälligen Miene an, als verabscheue sie, mit diesen Frauen und Mädchen dieselbe Luft zu atmen. Heather hielt Aurora am Arm und deutete auf diese Familie, die sich mit Elfenbeintintenfässern und Federkielen mit Platinüberzug eindeckten, als seien diese billigste Marktware, die man im Sonderangebot feilgeboten hatte. Erst als die vier in allen Fasern Überlegenheit ausstrahlenden Hexen und Zauberer den Schreibwarenladen verlassen hatten, und der Verkäufer in einer Sekunde von total unterwürfig auf angewidert umgewechselt hatte, flüsterte Heather:

"Das sind die Shadelakes, Aurora. Das sind die selbsternannten Führer der einzig reinen Zaubererwelt. Gut, daß im Moment keine Muggelstämmigen mit ihren Eltern hier waren. Ich habe es schon mal erlebt, wie Grendel, der Kronprinz dieser feinen Familie, einem Muggelstämmigen mit voller Absicht ein ganzes Schweinehirn an den Kopf geworfen hat und meinte, Müll müsse an einem Ort zusammengetragen werden, damit man wisse, wohin mit dem Abfall. Der Schüler war derartig angeekelt, daß er Grendel großmaul sein Mittagessen vor die Füße gespien hat. Grendel hat ihn danach den ganzen Morgen die Schuhe putzen lassen."

"Und das lassen die bei euch durchgehen?" Wollte Aurora wissen.

"Keiner hat's gemeldet, auch ich nicht. Wer sich mit denen anlegt riskiert mehr als erniedrigt zu werden", meinte Heather betreten dreinschauend. Vielleicht hielt Aurora sie nun für feige.

"Ich erlebe es in Hogwarts auch immer wieder, wie Muggelstämmige von diesen Reinblütigkeitsversessenen drangsaliert werden. Aber bei uns würde sowas verpetzt, Heather."

"Na ja, im Moment ist Perdy Shadelake, oh, natürlich Ms. Perdita Shadelake die letzte aus diesem Stall, die in Redrock lernt. Vielleicht stirbt diese Brut ja doch noch aus", knurrte Heather verächtlich.

Um Heather und sich von trüben Gedanken abzulenken besuchte Aurora mit ihrer neuen Bekannten den magischen Tierladen, wo sie Knuddelmuffs, Crubbs und Flauschbärchen bestaunte. Danach holte sie sich bei Lessing & Dogears das gestern besprochene Tierwesenbuch, sowie einen Stapel über australische Zauberpflanzen und -pilze, bis sie zur Mittagszeit mit Auroras Mutter und Heathers Eltern im summenden Billywich zusammentrafen, wo sie aßen und Kiwisaft tranken. Den Nachmittag verbrachten die Springs und Dawns in anderen Attraktionen der Sonnenstrahlstraße, wobei die Mädchen sich die wilde Musik der irren Dingos im Willy-Willy, einem Treff für junge Hexen und Zauberer anhörten und mit Jungs tanzten, die Heather aus der Schule kannte. Aurora stand aber nicht der Sinn danach, mit jungen Zauberern zu tanzen. Widerwillig ließ sie sich zur schnellen und lauten Musik auf dem Parkett herumwirbeln. Sie dachte an Bernhard Hawkins und wollte bloß nicht von einem der nicht schlecht aussehenden Jungzauberer dazu gebracht werden, Bernhard zu vergessen. Heather merkte das wohl und fragte Aurora bei einer Tanzpause. Diese meinte nur:

"Solange ich nicht genau weiß, was da mit meinem Bekannten aus Hogwarts und mir abgeht will ich nichts machen, was das kaputtmacht, Heather."

"Hmm, stimmt. Ich hätte dich vielleicht nicht hierher bringen sollen", erwiderte Heather etwas verlegen dreinschauend. Aurora schüttelte den Kopf.

"Nein, das war schon gut, Heather. Es liegt ja nicht an dir, was mit mir los ist. Jedenfalls ein toller Laden hier."

Aurora beobachtete ein Paar, das fast unbemerkt aus einer vom Jungen mitgebrachten Phiole trank und dann wie ein aufgezogener Kreisel herumwirbelte und dabei vom Boden abhob und bis zur Decke hinaufstieg, wo beide dann überglücklich johlend herumflogen. Der Zauberer an der Theke schüttelte energisch den Kopf und gebot den Dingos, mit ihrer rasanten Musik aufzuhören. Dann klatschte er in die Hände und gebot Ruhe. Schlagartig wurde es still. Eisiges Schweigen hüllte alles und jeden hier ein. Selbst die an der Decke schwebenden Jugendlichen wurden still und hörten auf, sich wild zu drehen.

"Wie groß muß ich das an die Tür schreiben, daß das Mitbringen und einnehmen vom Kreiselflugtrank verboten ist?!" Rief der Zauberer hinter der Theke. "Mann, könnte nicht mal einer daran denken, daß das Zeug wahnsinnig machen kann?" Dann reckte er den an der Decke schwebenden wütend die rechte Faust entgegen und zog seinen Zauberstab.

"Terra Firma!" Rief er. Es blitzte aus dem Zauberstab, und langsam trudelnd sanken die beiden über die Strenge schlagenden herunter, wobei sie merkwürdige Gluckslaute von sich gaben. Als sie am Boden waren, schienen sie total verwirrt zu sein. Der Wirt rannte aus dem Tanzraum. Aurora sah, wie er vor der Tür zur Straße den Zauberstab hochstreckte, ihn einmal links und einmal rechts über seinem Kopf drehen ließ und dann eine goldrote Lichtfontäne daraus in den Himmel schickte, die sich weit über ihm zu einer hellen Lichtspirale auswuchs, die sich rasch von innen nach außen rotierend ausbreitete, bis sie verblaßte. Knapp eine halbe Minute später erschien eine Hexe in einem himmelblauen Kittel mit gleichfarbiger Haube über ihrem silberblonden Haar, das sorgfältig hinter dem Nacken geknotet war. Sie wechselte mit dem Wirt vom Willy-Willy einige Worte und kam dann herein. Aurora beobachtete, wie sie auf die beiden Missetäter zuging und laut sagte:

"Hat mal wieder wer gemeint, Kreiselflugtrank zu schlucken sei total gut und mache so erwachsen? Wieviele Finger halte ich hoch?"

Sie hielt Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand vor das Gesicht des Jungen.

"riev", lallte der Junge, dessen Augen nun glasig hin und herruckten.

"Mädchen, wieviele Finger?" Wiederholte die Hexe die Frage und reckte Daumen, Zeige- und Mittelfinger hoch.

"shces!" Stieß das Mädchen aus.

"Häh?" Meinte Heather. Aurora verstand auch nicht. Doch die Heilhexe - was sonst sollte sie wohl sein? - schien darüber nicht so verwundert zu sein, eher besorgt. Sie murmelte was von Doppelsicht und Retroverbalismus und zog ihren Zauberstab. Damit ließ sie ein grünes Flimmerlicht über die beiden Jugendlichen tanzen, die immer mehr um ihr Gleichgewicht kämpften. Aurora sah, wie um die beiden ein pulsierender Schein grünlich-blauen Lichts erstrahlte, der an Kopf und Unterleib wild zitterte und Funken versprühte. Die Heilerin zog den Zauberstab zurück. Sie griff in ihren Kittel und holte etwas heraus, das wie ein Trichter aussah. In diesen sprach sie hinein. Aurora hörte nur was von Überdosis heraus. Dann sagte die Hexe mit einer befehlsmäßigen Betonung:

"Ihr beiden kommt zu uns in die Sana-Novodies-Klinik. Ich hoffe, eure Eltern sind extraversichert."

"Heilerin Herbregis, wie soll ich die Eltern finden?" Fragte der Wirt vom Willy-Willy.

"Das machen wir. Seien Sie froh, wenn die Strafverfolgungsabteilung Ihnen keine Strafe wegen Unterlassung der magischen Sorgfaltspflicht anhängt!" erwiderte die Heilerin kalt.

Aurora starrte wie gebannt auf die goldene Sonne über einem pausbäckigen Gesicht, das wie das eines Babys aussah, welche das Wappen auf dem Bauchteil des blauen Kittels bildeten. Die Heilerin sah sie wohl und warf ihr einen kurzen forschenden Blick zu. Dann wandte sie sich der Tür zu, wo vier Heiler in gleichartigen Kittln hereinkamen. Sie trugen etwas bei sich, das wie Strampelanzüge aus rubinrotem Gummi aussah. In Windeseile waren die beiden Jugendlichen in diese Anzüge gesteckt, deren Ärmel mit Klebezaubern am Rücken verbunden wurden. Dann nahmen je zwei der vier jeden mit Kreiselflugtrank gefüllten zwischen sich und disapparierten mit lautem Knall. Schließlich verschwand auch die zuerst erschienene Heilerin wieder.

"Also, Leute! So'n Schild sollte man schon lesen können", meinte der Wirt. Dann kehrte er an seine Theke zurück, winkte den Dingos zu, die sofort wieder mit ihrer lauten Musik loslegten. Doch Aurora war nicht mehr nach Tanzen, und Heather auch nicht. Sie saßen an einem Tisch weit genug weg von Musik und Tanz und sprachen über den Vorfall.

"Das Zeug ist brandgefährlich. Es macht dich total glücklich, läßt dich abheben und ohne Flügel herumfliegen. Allerdings verwirrt es den Geist. Irgendwann kannst du dann nicht einmal mehr gescheit sprechen, wie du gehört hast", sagte Heather. "Deshalb gehört der Kreiselflugtrank zu den verbotenen Tränken, deren Herstellung nur Heilern und überwachten Braumeistern gestattet ist und von skrupellosen Zeitgenossen für zig Galleonen pro Phiole unter der Hand verkloppt wird. Die Heilerin ist übrigens Bethesda Herbregis gewesen, die wohl bald die Chefin von Sano wird, also der Sana-Novodies-Klinik."

"Kam irgendwie so rüber", meinte Aurora. Dann fragte sie Heather, was das grünlich-blaue Licht war. Sie meinte, daß sie davon keine Ahnung hätte. Sie vermute nur, daß es eine bei Heilern gebräuchliche Abwandlung des Vivideo-Zaubers sein mochte, der die Ausstrahlung lebender Wesen für damit hantierende Zauberkundige sichtbar machte.

Einige Zeit später kehrten Heather und Aurora in den summenden Billywich zurück, um mit ihren Eltern zur Hidden-Range-Hütte zurückzukehren, wo Aurora und Heather ihren Eltern erzählten, was sie mitbekommen hatten. Spät abends gingen sie dann zu Bett.

Die Tage danach marschierten die Dawns durch den Park, ohne die Führung von Madame Helianthus. Als sie schließlich zur Heimreise aufbrachen, hatte Aurora weitere Briefe an ihre Freundinnen und Bernhard abgeschickt. Mr. Dawn meinte einmal scherzhaft:

"Wird wieder zeit, daß wir nach Hause kommen, bevor unsere Tochter mehr Geld für Post ausgibt als die Reise gekostet hat." Aurora knurrte ihn dafür zwar an und meinte, sie wollte Petula und Miriam halt alles sofort schreiben, damit sie es nicht schon wieder vergessen hätte, wenn sie nach Hogwarts zurückführe. Ihr vater meinte dazu nur, sie solle doch langsam wissen, was er ernst meine und was nicht.

Mit dem magischen Segelschiff ging es dann über drei Weltmeere zurück in den Ärmelkanal und in den heimlichen Hafen, von dem aus sie zu ihrer Ferienreise aufgebrochen waren.

Die Tage bis zur Rückkehr nach Hogwarts holten die Dawns die sonst alljährlich zu Ostern stattfindenden Verwandtschaftstreffen nach. Das interessierte Aurora jedoch nur mäßig. Lediglich das Gespräch mit Philipp über die Australienreise war für sie ein Grund, bei diesen Treffen im gleichen Raum wie die Erwachsenen zu bleiben.

Als sie schließlich wieder im Hogwarts-Express saß und ihren Klassenkameradinnen noch einmal erzählte, was sie erlebt hatte, überlegte sie bereits, in der Bibliothek nach Zaubern zu suchen, die unsichtbare Kräfte sichtbar machen konnten. Denn seit der ersten Begegnung mit den skelettartigen Thestralen, die nur die sehen konnten, die den Tod mit eigenen Augen hatten ansehen müssen, wußte sie, daß es vieles gab, daß entweder unsichtbar blieb oder nur durch bestimmte Ereignisse oder Zauber sichtbar wurde.

__________

Die Stimmung in Hogwarts war trotz der üblichen Feindseligkeiten der Slytherins gegen Gryffindors und Ravenclaws besser als nur gut. Aurora Dawn fühlte lediglich eine gewisse Anspannung, wenn sie in Fächern wie Muggelkunde oder alte Runen mit Klassenkameraden aus Gryffindor zusammentraf. Sie traf sich zwar häufig mit Bernhard Hawkins, doch sie vermieden es, über das bevorstehende Quidditchendspiel zu sprechen. Beide waren wichtige Mitglieder ihrer jeweiligen Mannschaft. Für beide Mannschaften ging es in dieser Saison um den Pokal. Ravenclaw wollte ihn endlich gewinnen, nachdem zwei Anläufe, bei denen Aurora Dawn mitgeholfen hatte, nicht zum Erfolg geführt hatten. Gryffindor sah es als Muß an, nach drei Siegen in Folge den Pokal ein viertes Mal ohne Unterbrechung zu holen. Doch wenn Aurora mit Bernhard zusammen in den in voller Frühlingspracht stehenden Parks von Hogwarts herumschlenderte war das Endspiel kein Thema. Bernhard fürchtete, seine Eltern könnten nach dem ZAG-Jahr umziehen. Sein Vater hatte eine Anfrage vom Zaubereiministerium in den vereinigten Staaten bekommen, ob er nicht für sie arbeiten könne. Bisher hatte Mr. Hawkins solche Anfragen zurückgewiesen, weil seine Kinder ja noch zur Schule gingen und ein Schulwechsel ihnen schwerfallen könnte.

"Wenn die in diesem Thorntails so drauf sind wie diese Göre aus eurem Haus bin ich nicht scharf drauf, überhaupt hier rauszugehen", sagte Bernhard. "Becky hat auch Freunde hier, die sie bestimmt gerne behalten möchte. Daddy weiß das auch."

"Wieso wollen die deinen Vater in Amerika haben?" Wollte Aurora wissen.

"Weil er sich mit der Geschichte der Koboldwanderungen auskennt und die drüben gerade Probleme mit Koboldsippen haben, die um die Vorherrschhaft streiten. Die meinen, wenn das so weitergeht würden die nicht mehr an ihr Gold kommen, weil Gringotts in New York dann auch zum Zankapfel wird. Daddy sollte vermitteln. Da er aber britischer Beamter und kein freier Forscher ist, dürfen sie ihn nicht einfach so anschreiben und ihn für eine Mission ohne Endzeitpunkt anwerben. Bagnold will ihn auch nicht einfach ausleihen, weil sie mit Chisholm, dem Zaubereiminister von denen, Knatsch hat und beide zu stolz sind, dem anderen nachzugeben. Jetzt beruft sich dieser Chisholm darauf, daß Beamte ja um ihre Entlassung bitten können, weil er meint, Daddy würde amerikanisches Gold lieber nehmen als britisches. Pech nur, wenn die wirklich Probleme mit Gringotts kriegen und die zankenden Kobolde keinen mehr ans gebunkerte Gold ranlassen, sagt Daddy."

"Hach, und ich dachte schon, die hätten auch dunkle Magier da", meinte Aurora.

"Die bekriegen sich da auch, und Chisholm hat keine Probleme damit, wenn dabei der eine oder andere draufgeht. Außerdem haben die neben ihrer Strafverfolgung ja das Laveau-Institut. Vielleicht hast du davon schon was gehört", erwiderte Bernhard.

"Da arbeitet die Mutter eines Mitschülers, der vor zwei Jahren hier fertig geworden ist", erwiderte Aurora.

"Die jagen dunkle Magier und Kreaturen, zumal es ja nicht nur europäische Hexenmeister gibt, sondern auch Medizinmänner, deren Vorfahren noch im afrikanischen Busch getrommelt haben oder böswillige Indianerschamanen oder sogar aus Asien rübergegangene Zauberer, wie Schlangenpriester, Totsprecher oder Drachenrufer."

"Hui, 'ne ganze Menge Zeugs", meinte Aurora Dawn.

Sie sprachen danach noch von ihren Plänen nach diesem Schuljahr. Denn im nächsten Jahr standen die Zauberergrade an, und das würde bedeuten, sich auf bestimmte Sachen festzulegen. Schließlich redeten sie über das, was sie gegenseitig füreinander empfanden. Aurora gestand Bernhard ein, daß sie in den Ferien häufig von ihm geträumt hatte und sich gut vorstellen konnte, es mit ihm länger auszuhalten. Bernhard machte Aurora Komplimente über ihr Haar, ihre grünen Augen oder wie sie sich bewegte und daß sie trotz ihrer Ravenclaw-typischen Klugheit auch einmal ganz gefühlsmäßig rüberkommen konnte. Aurora mußte darüber lachen und fragte ihn, ob er Ravenclaws kenne, die da so anders seien als sie.

"Ich kriege das von deinen anderen Leuten so mit, daß die nichts gelten lassen, was einen nicht sonderlich viel Wissen bringt oder was einfach nur lustig ist. Deshalb habe ich das gesagt", sagte Bernhard verlegen. Aurora fand das irgendwie putzig, wie er mit angerötetem Gesicht und scheu umherblickenden Augen dastand und ihr erzählte, was er von Ravenclaw-Leuten dachte. Sie antwortete:

"Kann sein, daß viele wirklich so denken, die in meinem Haus wohnen. Aber die aus meiner Klasse sind eher die Ausnahmen, denke ich. Roy und Bruster hängen diesem Fußballzeug nach, meine Freundinnen und ich können auch über alles quatschen, was nichts mit der Schule zu tun hat, Mortimer gefällt sich in der Rolle des großen Bruders und Dina scheint sich schon festgelegt zu haben, für wen sie leben will."

"Roy Fielding hat doch Muggeleltern. Daß der sich für so langweiliges Zeug wie Fußball interessiert ist ja klar, wenn er bis Hogwarts nichts besseres kennengelernt hat", meinte Bernhard trocken.

"Aber zu dem, was du eben erzählt hast, Bernhard, es ist nicht euer alleiniges Ding, irgendwie mal locker drauf zu sein. Was singt dieser Hut jedes Jahr? Gryffindors seien mutig und gerecht. Von verbittert oder übertrieben eifrig singt diese alte Stofftüte nichts."

"Klar, weil der Hut ja nichts anderes singen kann", lachte Bernhard.

"Stimmt", pflichtete Aurora schmunzelnd bei.

Sie redeten über alles mögliche, nur nicht mehr von der Schule, von Blumen und Bäumen, was in Australien anders sei als in England und ob Bernhard sich nicht vielleicht auch ein magisches Haustier zulegen würde. Irgendwann lagen sie sich in den Armen. Keiner von beiden wußte, wieso er oder sie das jetzt für richtig hielt. Mehr wagten sie jedoch nicht. Allerdings war das für Professor McGonagall bereits zu viel. Wie ein aus dem Schlaf gerissener Wachhund schoss sie auf die beiden zu und fauchte sie an:

"Was fällt Ihnen ein, sich hier unter freiem Himmel derartig offenherzig zu präsentieren, Mr. Hawkins, Ms. Dawn?! Das ist Ihnen nach den Schulregeln nicht gestattet. Zehn Punkte abzug für Ravenclaw und auch zehn Punkte abzug für Gryffindor. Und jetzt benehmen Sie sich gefälligst wie zivilisierte Angehörige der Zaubererwelt!" Sie trieb Aurora und Bernhard mit wütenden Handbewegungen auseinander und rauschte dann mit wehendem Umhang zurück zum Schloß.

"Die alte spinnt", knurrte Bernhard. "Nur weil die selbst keinen abgekriegt hat meint sie, anderen den Spaß verderben zu dürfen."

"Woher weißt du, ob die keinen abgekriegt hat?" Wollte Aurora wissen.

"Wissen tue ich das nicht. Aber so wie die drauf ist ist meine Tante Mathilda auch drauf, wenn sie junge Leute sieht, die sich lieb haben. Und die ist eine alte Jungfer, weil die außer Schule und Karriere nix im Sinn hatte und irgendwann nichts mehr hermachte, um noch einen interessierten Zauberer anzulocken. Könnte ihr glatt passieren, daß die nach dem Tod noch mal zurückgeschickt wird, weil die Mutter Natur nur gebrauchte Sachen zurücknimmt."

"Ach, wie meinst du das?" Fragte Aurora schnippisch.

"Ach, hat deine Mummy dich noch nicht in alles eingeweiht, was junge Frauen so wissen sollen?" Fragte Bernhard gehässig grinsend.

"In genug, damit ich vor Burschen, die meinen, einer Frau mit ihrem Wissen imponieren zu können nicht dumm da stehe. Natürlich weiß ich was du gesagt hast. Aber ob das sich so gehört glaube ich nicht."

"Ach du Drachenmist, hat die McGonagall dich jetzt damit angesteckt, was sie hier gerade abgezogen hat?" Wollte Bernhard wissen und trat sehr rasch zwei Schritte von Aurora zurück, als habe er Angst vor Krankheitserregern, die sie ausstreuen mochte.

"Blödmann!" Erwiderte Aurora dazu nur. Bernhard verzog erst das Gesicht. Doch dann breitete sich ein feistes Grinsen bis zu beiden Ohren aus.

"Ob ich so'n Blödmann bin wirst du wohl noch mitkriegen, Mädel", sagte er. Aurora Dawn grinste nur überlegen.

"Das heißt, du gibst mir recht, willst das aber nicht laut sagen", erwiderte sie.

"Öhm, habe ich nix von gesagt", knurrte Bernhard, der keine intelligentere Antwort darauf fand.

Harmlos genug für Professor McGonagall gingen die beiden Hogwarts-Schüler nebeneinander her zurück zum Schloß, wo sich ihre Wege trennten. Erst hier meinte Bernhard:

"Ist vielleicht besser, wenn wir uns vor dem Spiel nicht wieder treffen. Je nachdem wie's ausgeht könnte man das dann dir oder mir vorhalten, wir hätten uns abgesprochen."

"Was du nicht sagst", meinte Aurora dazu nur. "Wie du meinst. Dann vielleicht erst in zwei Wochen wieder." Sie nickte Bernhard zum Abschied zu und ging dann durch das Schloßportal.

Wenige Minuten später berichtete sie Petula, daß sie sich mit Bernhard unterhalten hatte. Petula meinte dazu nur:

"Die McGonagall übertreibt's mit den Sittenregeln hier. Als wenn sich hier nur ein Pärchen dran halten würde."

"Solange es nicht erwischt wird", fiel es Aurora ein. petula grinste.

_________

Alessandro Boulder trietzte sich und seine Mannschaftskameraden so heftig im Training, daß Mortimer mal meinte, er würde schon deshalb den Pokal verpassen, weil sie beim eigentlichen Spiel viel zu müde sein würden. Norman Wayne erwiderte dazu noch:

"Lass die Gryffindors sich vor dem Spiel verheizen, Alessandro! Dann brauchen wir nur auf den Schnatz zu warten, um den großen Becher zu kriegen."

"Denkt ihr, ich wollte mir nachsagen lassen, als Kapitän so'ne einmalige Chance durch die Lappen gehen zu lassen? Ich kriege das ab, wenn unsere Mitbewohner nach dem Spiel schimpfen, daß wir den Pokal nicht gekriegt haben. Mich fragt Flitwick, wie nachlässig ich war, denQuidditchpokal vermasselt zu haben. Also!"

"Aber wir halten unsere Knochen dafür hin", entgegnete Norman Wayne. Ken Dasher, der zweite Treiber, erwähnte noch, daß es nichts bringen würde, wenn der Mannschaftskapitän meinte, alle Verantwortung für die Niederlage zu haben, aber den Sieg der gesamten Mannschaft gönne.

"Wir stehen oder fallen zusammen", meinte Karin Meridies, die Sucherin. "Also lass es ruhig etwas lockerer angehen, Alessandro!"

"Wie ihr meint", knurrte Alessandro, dem die Anspannung tief ins Gesicht gemeißelt stand.

Aurora lenkte sich von dem aufkommenden Erfolgsdruck dadurch ab, daß sie sich in der Bibliothek über einfache Heilzauber schlau las. So fand sie heraus, daß der Wirt vom Willy-Willy-Tanzlokal den Heilerrufzauber benutzt hatte und dieser nur unter freiem Himmel funktionierte und daß diese Bethesda Herbregis eine Institution der australischen Heilmagier war, die vor sechsunddreißig Jahren mit zwölf UTZs die Redrock-Akademie beendet hatte und seitdem erst in der praktischen Heilkunst und später auch in der Forschung wichtige Erfolge erzielt hatte. So hatte sie jene Beruhigungsanzüge erfunden, die Aurora bei der Sache mit den beiden Kreiselflugtranktrinkern zu sehen bekommen hatte. Sie dämpften jeden Bewegungsdrang und hemmten jedes körperliche Bedürfnis wie Hunger, Durst oder den Drang, zur Toilette gehen zu müssen, galten aber auch als ideale Fesseln für tobsüchtige Mitmenschen, besser als die bei Muggeln angewandte Zwangsjacke, wie Aurora lesen konnte. Näheres über die erfolgreiche Heilerin, die sich in zwanzig Jahren durch alle Rangstufen in der Novodies-Klinik hochgearbeitet hatte, fand sie in einem Handbuch der Heilkundigen. Madame Pince fragte sie einmal, ob sie schon für die Karriere nach Hogwarts vorfühlte. Aurora meinte dazu nur, daß sie in den Osterferien halt interessante Sachen mitbekommen habe, über die sie etwas mehr wissen wolle. Das reichte Madame Pince aus, Auroras Wissensdurst zu stillen.

Am letzten Tag vor dem entscheidenden Spiel vergrub sich Aurora in die Lektüre seltener Zauberpflanzen, die nur an bestimmten Orten gedeihen konnten und las sich zum Südsternanbeter noch Sachen durch, über die Madame Helianthus nichts erzählt hatte, weil es wohl doch zu fachbezogen war und sie keinen mit übermäßiger Information langweilen wollte. Alles in allem fand sie, daß ihr Zaubertränke und Kräuterkunde immer besser gefielen, auch wenn Professor Bitterling sehr streng war und auch bei Professor Sprout nicht viel Platz für Lockerheit blieb, da letztere von ihren Hausbewohnern Fleiß und Hingabe gewöhnt war.

"Ich dachte, ihr trainiert noch einmal", meinte Bruster Wiffle, als er Aurora hinter einem Berg von Kräuterkunde- und Zaubertrankbüchern fand. Sie schrak hoch und sah den Klassenkameraden an. Dann meinte sie:

"Einen Tag vor dem Spiel. Das hätten die Gryffindors gerne."

"Eben, die trainierten nämlich gerade noch als ich draußen am Stadion vorbeikam. Die haben Wachen aufgestellt, um Leute wie uns abzuhalten, ihre Taktik auszuspionieren."

"Haha, als wenn's da viel zu spionieren gäbe", stieß Aurora kalt lächelnd aus. "Entweder sie gewinnen oder wir holen uns den Pokal. Da können die durchprobieren, was sie wollen."

"Ob ihr euch da nicht irrt", meinte Bruster grinsend. "Da haben sich schon andere mit vertan, daß sie nicht wissen mußten, wie der Gegner spielt."

"So oder so müssen wir uns darauf einstellen, wie die spielen und versuchen, trotzdem unser Spiel aufzuziehen", meinte Aurora dazu nur. Bruster nickte. Dann sah er den Bücherstapel genauer an und fragte, ob Aurora jetzt schon für die ZAGs vorlernen wolle.

"Nein, ich sehe es nur nicht ein, andauernd an das Spiel morgen denken zu sollen", erwiderte sie schnippisch. Sie klappte das Buch über südamerikanische Zauberkräuter auf und blätterte es durch, bis sie zum patagonischen Purpurspross kam. Bruster sah ihr einige Sekunden zu, wie sie las und zog sich dann zurück. Aurora versank derweil in der Lektüre.

"Na, Muffensausen?" Fragte Loren Tormentus Bruster Wiffle, als er um die nächste Ecke ging und die Viertklässlerin aus Slytherin vor dem Regal mit den Zauberkunstbüchern stehen sah.

"Wer, ich?" Fragte Bruster.

"Nein, Aurora Dawn?" Erwiderte Loren kalt lächelnd.

"Denke nicht. Sie meint nur, sich noch eben durch die halbe Kräuterkundeabteilung lesen zu müssen, bevor sie morgen spielt."

"Soso", erwiderte Loren.

Aurora Dawn ging um acht uhr in die große Halle und aß dort zu Abend. Sie versuchte, sich von der immer stärker spürbaren Spannung freizuhalten, die am Ravenclaw-Tisch herrschte. Alessandro Boulder wirkte einerseits nervös. Andererseits war er wild entschlossen, morgen mit der Mannschaft alles dranzusetzen, den Pokal zu gewinnen. Dreimal hatten sie es versucht, dreimal waren sie an Gryffindor gescheitert. Das verpflichtete dazu, kein viertes Mal passieren zu lassen.

"Morgen um die Zeit haben wir den Pokal", meinte Ken Dasher zuversichtlich. "Wirst sehen, Alessandro."

"Mit der Einstellung können wir den noch vergeigen", meinte Alessandro Boulder. Karin meinte dazu:

"Ja, aber mit deiner Einstellung kriegen wir den auch nicht, Alessandro. Du gehst davon aus, daß wir keine Chance haben, den Pokal zu kriegen, wenn die Gryffindors nicht gerade eine miese Tagesform erwischen. Aber wir haben doch gut gespielt und werden das schon hinkriegen."

"Nicht immer ist Zuversicht allein was wert", knurrte Alessandro. Doch sie hatten ja beide recht, Karin und Ken. Sichtlich aufgeregt war Ronin McDougall, der jüngste Spieler in der Mannschaft, der Aurora und Norman als Jäger unterstützte. Für ihn war es die erste Quidditchsaison, die er mitspielte und gleich eine so wichtige.

"Was passiert, wenn wir den Pokal nicht holen sollten?" Fragte er.

"Dann fliegen alle von der Schule, die es vermasselt haben, ihn zu holen", versetzte Bruster Wiffle gehässig. Die Vertrauensschüler sahen ihn dafür sehr verärgert an. Priscilla Woodlane meinte sogar:

"Hier ist noch niemand von der Schule geflogen, weil er ein Quidditchspiel verloren hat. Lehn dich also bloß nicht zu weit aus dem Fenster, Bürschchen!" Das wirkte. Immerhin balancierte Bruster seit nun zwei Jahren an einem Rauswurf entlang, weil er Professor Bitterling im Unterricht scharf angegriffen hatte.

"mann, ich habe nur Spaß gemacht", grummelte Bruster und hütete sich vor den Blicken Priscillas und der anderen Vertrauensschüler.

Der Rest des Abends verlief für Aurora mit einer weiteren Ablenkung vom Spiel morgen. Sie besprach mit Petula und Miriam die anstehenden Hausaufgaben und überlegte, wie sie den gestaffelten Sammelzauber besser hinbekommen konnte, den sie in der letzten Stunde des Zauberkunstclubs gelernt hatten. Damit, so hatte Rax Montague ihnen erklärt, könne man einen Schrank bereits in wenigen Sekunden aufräumen. Wer das konnte, konnte sich danach dem großen Aufräumzauber zuwenden, der ganze Häuser wieder ordentlich machte.

So um zehn Uhr herum gingen die Mädchen der vierten Klasse schlafen.

__________

Das Frühstück war wie bei jedem Saisonfinale verlaufen. An den beiden Tischen, deren Mannschaften nun um den Pokal spielen würden, standen Fahnen mit den Wappen stolz erhoben da. Der Gryffindor-Löwe auf der scharlachroten Fahne am Tisch von Bernhard Hawkins brüllte die Fahnenstange mit der blauen Flagge der Ravenclaws an, deren Bronzeadler wütend zurückschrie. Das ging eine Minute so, bis Flitwick und McGonagall befahlen, die Fahnen wieder einzuholen und gesittet weiterzufrühstücken.

Danach marschierte die Ravenclaw-Mannschaft zu den Umkleideräumen beim Stadion, zog sich um und nahm die für das Spiel bereitliegenden Besen entgegen. Die Gryffindors kamen wenige Minuten später in ihren scharlachroten Spilerumhängen heraus. Auf der Zuschauertribüne begann ein vielhundertstimmiger Jubel, als Kapitän Winchester mit stolz erhobenem Kopf an der Spitze seiner Truppe heranschritt. Gideon Heatherbloom, der jüngste Spieler der Gryffindors, schritt gleich hinter den beiden Hawkins-Geschwistern, die bereits die Schläger in Händen hielten.

"Hier kommen die Streiter des heutigen Tages!" Rief Lograft, der Stadionsprecher. "Sam Winchester, Gryffindors bewährter Kapitän, dann Gideon Heatherbloom, der nach dem Spiel gegen Hufflepuff seine Anfangsschwächen überwunden hat, sowie Charlotte West, dann die bewährten Geschwister Rebecca und Bernhard Hawkins, sowie Francis Tiler und Wilbur Coalfield, der Sucher, der für Gryffindor sowas wie eine Pokalgarantiebescheinigung darstellt. In ihrem üblichen Blau laufen heute die bereits mehrmals groß aufgetrumpften Ravenclaw-Spieler auf, angeführt von Alessandro Boulder, der dieses Jahr wissen will, ob der Pokal des Hogwarts-Quidditchturniers mal nach Ravenclaw wandert oder nicht. Hinter ihm ist die schöne, schnelle und gewandte Aurora Dawn, gefolgt von Norman Wayne und Ronin McDougall, der in dieser Saison einen glänzenden Einstieg hinbekommen hat und heute bereits am Pokal schnuppern darf. - Na, ob es nur beim Schnuppern bleibt? - Dahinter ist Alessandros schlagfertiger Kollege Ken Dasher zu sehen, und ganz zum Schluß, als krönender Abschlußpunkt sozusagen, die zierliche Karin Meridies, die wie ihre Kameradin Aurora Dawn Ravenclaws Pokalgarantie sein will."

"Kapitäne, begrüßt euch!" Befahl Madame Hooch mit harscher Stimme. Samuel Winchester und Alessandro Boulder traten vor und gaben sich die Hand zum Gruß. Dann erfolgte das Kommando: "Besteigt die Besen!" Madame Hooch ließ erst den Schnatz frei, der wie eine aufgescheuchte Hornisse davonschwirrte. Dann entließ sie die beiden Klatscher, die sofort nach oben schossen und in großen Spiralen über dem Feld kreisten, wie flügellose Greifvögel auf der Jagd. Dann zählte sie "Drei! - Zwei! eins!" Danach warf sie den scharlachroten Quaffel weit nach oben, was für die vierzehn Spieler das Startzeichen war.

Aurora wartete nicht erst, bis Heatherbloom den roten Ball zu fassen bekam. Sie kreuzte kurz vor ihm und sah zu, wie Norman den Spielball schnappte und gerade noch so einem der schwarzen Bälle ausweichen konnte, der noch ungeschlagen seine Bahn gezogen hatte. Doch nun droschen die Hawkins-Geschwister auf die beiden Eisenkugeln ein und jagten sie Aurora hinterher, die sich in eine bessere Ausgangsstellung für ein schnelles Zuspiel von Norman bringen wollte. Sie mußte die beiden ihr geltenden Klatscher abducken, bevor sie erkannte, daß Winchester bereits zwischen ihr und Norman lauerte. Dieser schleuderte den Quaffel zu Mortimer, der ihn mit einem vielgeübten Weitwurf sofort wieder aus dem Torraum in die Spielfeldmitte pfefferte.

"Gryffindor versucht durch West an den Quaffel zu kommen. Doch Dawn legt eine ihrer berühmten Doppelachsenbewegungen hin und kann ohne Berührung an die rote Kugel. Ist jetzt schon auf dem Weg zum Tor, wo Francis Tiler aufpassen muß, daß er sich nicht gleich die ersten zehn ... Ouuu schon passiert! Zehn zu null für Ravenclaw!"

Von den Rängen mit blaue Fahnen und Schals schwingenden Fans erscholl lauter Jubel. Ravenclaw hatte die frühe Führung erspielt.

"Konter für Gryffindor, von Tiler zu Heatherbloom über West zu Winchester. Wayne stört, bekommt den Quaffel aber nicht zu fassen. Winchester fliegt auf den Torraum zu!! Gehalten!! Gehalten von Mortimer Swift, einem wohl sehr gut eingestellten Hüter!" Rief Lograft.

Wie immer die Gryffindors sich auf das entscheidende Spiel vorbereitet hatten, sie schafften es nicht, vor der zehnten Spielminute ein Tor zu erzielen. Mortimer war in einer exzellenten Form und zeigte eine Glanzparade nach der anderen und bediente die von Alessandro durch Handzeichen nach vorne gerückten Jäger Dawn und Wayne mit zielgenauen Abwürfen vom Tor. Versuche der Gryffindors, frühzeitig zu stören wurden von den Treibern der Ravenclaws vereitelt. Dafür wurde es immer schwerer, den Vorsprung von drei Toren auszubauen, weil die Hawkins-Geschwister wohl dazu übergegangen waren, direkt vor dem Torraum ihrer Mannschaft zu bleiben und die Klatscher entsprechend zu schlagen, daß jeder Anflug zum Tor zu einer gefährlichen Aktion wurde. Dennoch schaffte es Aurora in der dreizehnten Spielminute, das vierte Tor zu erzielen. Dafür hätte sie fast den von Bernhard gespielten Klatscher an den Kopf gekriegt. Doch ihre eingespielten Reflexe bewahrten sie vor diesem verheerenden Treffer.

In der fünfzehnten Minute konnte Winchester Mortimer durch ein schnelles Verwirrspiel austricksen und das erste Tor erzielen. Danach schien Gryffindor Blut geleckt zu haben und berannte das Tor mit schnellen Vorstößen. Doch Mortimer parierte die Würfe und Bogenschläge und schickte Aurora und Norman immer wieder los, um die durch den Sturmangriff entstehenden Lücken zu nutzen, um schnelle Gegentreffer zu landen. Dreimal klappte das. Gryffindor lag nun mit einem Tor zu sieben zurück.

Erst in der zwanzigsten Minute konnte die Mannschaft von Sam Winchester durch einen schnellen Doppelschlag das peinliche Ergebnis verbessern. Doch als Karin Meridies, verfolgt von zwei Klatschern gleichzeitig, auf einen goldenen Lichtpunkt zuraste, schien die Sache für Gryffindor verloren zu sein. Karin streckte gerade die Hand nach dem Schnatz aus, als sie einer der Klatscher voll am Arm traf. Sie verriss den Besen und drohte, abzustürzen. Doch mit dem unverletzten Arm bekam sie den Schulbesen wieder in eine stabile Fluglage, während Wilbur Coalfield versuchte, den Schnatz zu fangen, was Aurora dadurch vereitelte, daß sie in diesem Moment den Quaffel nicht zum Tor sondern zu Norman abwarf, sodaß der Schnatz vom roten Ball getroffen wurde und davonschnellte, bevor Wilbur ihn zu fassen bekam.

"Und wieder Dawn! Hat den Quaffel von McDougall zurückbekommen und ist schon vor dem Tor. Hawkins, Bernhard schlägt den Klatscher auf sie ab, wuchtig! Hei, das hätte fast Kleinholz gegeben, meine Damen und Herren. Dawn konnte dem Volltreffer durch ein weiteres Doppelachsenmanöver entwischen und den Quaffel zu Wayne abspielen, der jetzt vor dem Tor ist, ansetzt, antäuscht, zurückwirft auf McDougall, der mit Dawn zusammen aufgerückt ist. McDougall wird von West gestört, muß den Quaffel ins leere werfen. Tiler kann ihn sicher annehmen. Schlägt ihn vom Torraum aus ab und bedient Winchester, der jetzt klarstellen will, wem der Pokal gehört. Doch Dawn und Wayne sind bereits auf dem Weg zu ihm, holen auf. Was ist mit Winchester los? Sein Besen ruckelt so unbeholfen. Er sucht Charlotte West, die aber von McDougall umschwirrt wird, muß wohl doch den Weitwurf machen .... Tor!" Damit hatte Mortimer nicht mehr gerechnet und deshalb die Parade zu spät angesetzt, bevor der Ball durch den von ihm aus linken der drei großen Ringe sauste.

Dafür konnten Aurora und Norman in drei schnellen Vorstößen zwei weitere Tore für Ravenclaw herausholen, sodaß der Vorsprung weiter ausgebaut wurde. Dann erwischte Norman ein von Rebecca geschlagener Klatscher am Bein und warf ihn vom Besen. Sofort wurde von den Zuschauerrängen her mit dem Fallbremszauber eingegriffen. Norman landete zwar hart aber ohne verletzt zu werden auf dem erdigen Spielfeld. Nach einer kurzen Auszeit, die Alessandro sofort gefordert hatte, ging es rasant weiter. In einem schnellen Schlagabtausch machten Gryffindors und Ravenclaws je drei Tore, bis Aurora und Norman die Torüberlegenheit wieder herstellten und Mortimer seine drei Ringe sauber hielt, sodaß nach einer halben Stunde der Vorsprung Ravenclaws auf neunzehn Tore zu neun angewachsen war. Nach dem ersten Fangversuch schien der Schnatz für beide Sucher unauffindbar. Von den Rängen der Slytherins erscholl zwischendurch Hohn und Spott für die Gryffindors, die sich mit ihrer Taktik des gestaffelten Vorstoßes nicht so recht durchgesetzt hatten. Nur Weitwürfe schienen zu wirken. Doch Mortimer hatte sich nach dem Patzer von eben darauf eingerichtet und konnte alle davon abwehren. Nicht nur das, er schaffte es, aus einer Parade immer gleich einen Gegenstoß zu machen, den Aurora, Norman und Ronin gerne nutzten, um das Punktekonto der Ravenclaws weiter aufzufüllen.

Vierzig Minuten waren gespielt, als bei einem Stand von 20 zu zehn Toren Wilbur Coalfield den Schnatz sah und lospreschte, die drohende Pokalniederlage noch in einen neuen Sieg für Gryffindor umzuwandeln. Er war auch schon fast an jenem goldenen Ball, als ein ungespielter Klatscher ihn am Besenende traf und herumwirbelte. Der Schnatz wurde getroffen und schlingerte davon, genau in die blitzschnell vorschießende Faust von Karin Meridies.

"Aus! Aus! Aus! Der Rekordversuch der Gryffindors ist fehlgeschlagen!" Rief Lograft. "Ravenclaw gewinnt zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder den Hogwarts-Quidditchpokal durch einen Jahrhundertzufall. Entstand 350 zu 100 Punkten. Damit ist die dritte Titelverteidigung der Gryffindors mißlungen!" Meinte der Stadionsprecher noch. Es klang irgendwie so, als müsse er sich arg anstrengen, nicht loszuheulen.

Sichtlich geschafft von der langen und wilden Jagd nach dem Erfolg landeten die vierzehn Spieler wieder. Winchester trat zu seinen Leuten und wollte sie wohl trösten. Kapitän Boulder hingegen mußte keinen trösten, sondern lobte jeden einzelnen. Denn heute hatten sie keine zu sehr herausragenden Einzelkünstler gehabt, sondern jeder von ihnen hatte einen großen Anteil am Erfolg errungen. Natürlich wurden Aurora und Mortimer gelobt, weil sie viele Tore erzielt und wenig kassiert hatten. Die Slytherins lachten lauthals über die gescheiterte Titelverteidigung. Ihre alte Feindschaft mit Gryffindor ließ sie in ungehemmte Schadenfreude ausbrechen.

Unter Beifallsstürmen der Ravenclaws und Hufflepuffs marschierten die siegreichen Spieler in blauer Kleidung hinauf zu Professor Dumbledore, der ihnen in Anwesenheit von Professor Flitwick und Professor McGonagall den großen, schweren Pokal überreichte, in dessen glitzernde Oberfläche gerade erst eingraviert worden war: "1981 Ravenclaw" Alessandro nahm den mit Schaumwein gefüllten Pokal entgegen und trank seinen Kameraden zu, die dann kurze Schlucke aus dem so begehrten Gefäß nahmen, bis Alessandro den Pokal wieder in Händen hielt.

"Ich danke Ihnen, daß ich doch noch einmal die Ehre haben darf, ein Jahr Lang eine solch erhabene Dekoration in meinem Büro zu beherbergen", flötete der kleine Professor Flitwick und nickte jeder und jedem aus der Mannschaft zu.

"Es ist zwar bedauerlich, daß ich diesen Pokal ein Jahr lang nicht mehr sehen werde und nun nicht weiß, was ich an seiner Stelle in meinem Büro aufstellen soll", setzte Professor McGonagall an, "aber die bessere Mannschaft hat ein Recht, für ihre Leistung auch den gebührenden Lohn zu erhalten."

Unter Jubelgesängen wurden die Ravenclaws von ihren treuen Fans ins Schloß zurückbegleitet. Das jetzt der Ausnahmezustand im Ravenclaw-Gemeinschaftsraum ausgerufen wurde, war klar. Denn kaum waren die sieben Helden von Ravenclaw im Gemeinschaftsraum angelangt, wurde eine große Party gefeiert, die nur vom Mittagessen in der großen Halle unterbrochen wurde und bis zum Abendessen immer wilder wurde. Danach dauerte das spontane Fest bis tief in die Nacht, bis Professor Flitwick durch das Portraitloch kletterte und die ausgelassen feiernden Schüler ermahnte, doch nun mit der Feierei aufzuhören und besser noch ein paar Stunden Schlaf zu genießen. Als er so im Gemeinschaftsraum stand, fiel seine Kleinwüchsigkeit überhaupt nicht auf. Er strahlte eine solch starke Willenskraft und Überlegenheit aus, daß niemand wagte, ihm zu widersprechen. Als die Vertrauensschüler gelobten, die Party zu beenden und rasch für Ruhe zu sorgen, empfahl sich der Ravenclaw-Hauslehrer mit einem allgemeinen Gutenachtgruß.

"So, den Müll müssen wir noch wegräumen und die Krümel und Kleckerflecken wegwischen. Dann ist hier Ruhe!" Legte Priscilla Woodlane die Marschroute fest. Mit den eingeübten Zusammenräum- und Reinigungszaubern schafften es die Bewohner von Ravenclaw, innerhalb einer Minute einen blitzblanken Gemeinschaftsraum zu zaubern, um dann, sowohl berauscht vom Freudentaumel als auch von etlichen Schlucken Butterbier, Meet und Kürbissaftlikör in ihre Schlafsäle zu wanken.

"Ob Winchester deinem Bernhard eine Standpauke gehalten hat, weil er dich nicht richtig abgeschossen hat, Aurora?" Kicherte Petula, die wohl vom süßen Honigwein ein Glas mehr als verträglich erwischt hatte. Aurora, die einige Gläser Butterbier im Bauch hatte, grinste mit leicht glasigem Blick.

"Der ärgert sich bestimmt alleine, weil wir gewonnen haben, Petula."

"Eh, halt doch mal wer den Boden gerade!" Lallte Miriam, die sich mit einigen Mädchen aus der fünften Klasse auf ein Kürbissaftlikörwetttrinken eingelassen hatte.

"Sollen wir dich ins Bett tragen und zudecken, Miriam?" Wollte Petula wissen. Miriam grummelte nur was. Das faßten Aurora und Petula als Ja auf und hoben die Kameradin auf, um sie auf ihren Schultern in den Viertklässlerinnenschlafsaal zu bugsieren. Miriam zeterte, sie wolle wieder auf ihre Füße kommen. Dabei überkam sie ein heftiger Schluckauf, und ihre Augen schienen unabhängig voneinander zu wandern.

"Du wolltest ins Bett, und wir bringen dich da hin", meinte Aurora amüsiert. Dann waren sie im Schlafsaal und halfen Miriam, bei der der Kürbissaftlikör von Minute zu Minute heftiger wirkte, ihren Umhang und ihre Unterkleidung abzustreifen. Sie halfen ihr ins Nachthemd und holten einen Eimer und einen Nachttopf, nur für den Fall, daß einer von ihnen in der Nacht schlecht werden mochte. Dann zogen sich Aurora und Petula um. Dina lag bereits im Bett. Sie schnarchte vernehmlich.

"Ui, uns hat's aber voll erwischt", erkannte Petula, als sie nach einem Kampf mit den leicht verdrehten Ärmeln ihres Nachthemds endlich bettfertig angekleidet war.

"Aber Miriam hat es am heftigsten niedergehauen", stellte Aurora Dawn fest. "Die bräuchte amfürsich so'n Antidot neunhundert- .. Hicks! Neunhundertneunundneunzig."

"Was soll das sein?" Fragte Petula schon irgendwo zwischen wach und schlafend.

"Ein Breitbandgegengift gegen die meisten pflanzlichen und tierischen Giftstoffe. Alkohol ist ja sowas auch."

"Asoo!" Grummelte Petula und legte sich halb zugedeckt ins Bett und fiel sofort in tiefen Schlaf. Aurora wankte zu ihr hin und zog die Daunendecke ordentlich hoch, damit Petula nicht fror. Dann schlüpfte sie selbst ins Bett zurück und überließ sich dem nötigen Schlaf.

__________

Wie zu erwarten stand wachten Miriam und Petula am nächsten Morgen mit schmerzenden Köpfen auf und konnten zunächst nicht richtig aus den Himmelbetten klettern. Miriam war besonders niedergeschlagen.

"Wann sind wir gestern im Bett gewesen?" Grummelte sie einmal, als sie sich mit etlichen Ladungen kalten Wassers nicht so recht wach bekommen hatte. Aurora sagte es ihr. Miriam konnte sich an nichts erinnern, was in der letzten Stunde vor dem Zubettgehen passiert war.

Auch andere Jungen und Mädchen waren sichtlich angeschlagen, als sie sich im Gemeinschaftsraum trafen und zur großen Halle hinunterstiegen. Priscilla meinte zu ihrer Schwester:

"Jammer mir bloß nichts vor, wie heftig deine Birne schmerzt! Du wolltest es wissen und weißt es jetzt, wieviel du reinkriegst."

"Fiel mir im Traum nicht ein, mich bei dir auszuheulen, Priscilla", knurrte Petula und ging auf wackeligen Beinen hinter Aurora her, die Miriam stützte, die sich wie auf einem großen Karussell fühlte und einen Kopf so groß wie das Schloß Hogwarts auf den Schultern zu tragen meinte. Zwar fühlte Aurora auch eine gewisse Nachwirkung des gestrigen Trinkgelages, hatte aber wohl gerade noch die Grenze der Verträglichkeit eingehalten. Roy und Bruster hingegen schaukelten mehr als sie gingen die Treppen hinunter und faßten sich immer wieder an die schweren Köpfe.

"Wer uns jetzt so reingehen sieht meint, wir hätten uns gegenseitig verprügelt", meinte Mortimer zu Aurora.

"Möglich ist's", grinste Aurora. Roy, der Mortimers Einwand mitbekommen hatte meinte:

"Sollen die blöden Slythies oder Gryffindors doch denken, was die wollen!"

"Außerdem gilt ja: Dummheit frißt, Intelligenz säuft!" Brachte Bruster einen Spruch zum Besten, den er wohl mal von seinem Muggelvater aufgeschnappt hatte. Denn Aurora, die trotz der ihr angediehenen Erziehung zu einer feinen Hexe viele abgedrehte Sprüche zu hören bekommen hatte, kannte den von Bruster noch nicht.

"Klar, dann müßten Aurora und ich ja im Vollrausch liegen", meinte Mortimer schadenfroh grinsend. Denn ihm hatte was auch immer nicht so zugesetzt.

"Ja klar, wegen der zwei Gläser Butterbier, Mortimer. Mehr hast du dir ja nicht zugetraut, du Weichei", knurrte Roy Fielding.

"Wenn du meinst, daß nur harte Männer sind, die viel schlucken, dann hättest du bestimmt noch mehr reinsaufen müssen, du Schnapsnase", konterte Mortimer.

"Eh, nicht frech werden!" Schnarrte Roy und ballte die rechte Faust, was Mortimer ein gehässiges Grinsen ins Gesicht zauberte.

"Pass auf, Roy, daß du beim Ausholen nicht selbst aus den Latschen kippst!" Flötete er noch. Bruster meinte:

"Roy meint, weil die in Liverpool dieses Jahr wohl die Meisterschaft versieben werden, müßten die schon mal Kummersaufen trainieren."

"Eher Freudenbesäufnis, du manchesteraner Pappnase", blaffte Roy verstimmt vom Kater und dem neuerlichen Angriff auf die Ehre seiner Fußballmannschaft.

"Kinder, wir haben gestern den Quidditchpokal geholt. Ich habe mit Aurora die Knochen dafür hingehalten. Also hört mit diesem blöden Fußballgequatsche auf!" Raunzte Mortimer seinen Cousin und Roy Fielding an. Wie schon so häufig waren sich die beiden Streithähne da plötzlich wieder einig, wenn jemand "ihren Sport" für Unsinn hielt.

"Na und! Die In Liverpool halten jeden Samstag die Gräten hin", gab Roy zurück.

"Die in Manchester auch, du Dummschwätzer."

"Eh, Bruster, Vorsicht mit solchen Sachen", knurrte Mortimer. "Du weißt ja, daß du hier immer noch auf Bewährung bist."

"Leck mich!" Erwiderte Bruster. Aurora errötete leicht darüber. Bruster grinste nur dümmlich.

"Neh, den Gefallen tu ich dir bestimmt nicht, werter Vetter", lachte Mortimer.

Durch eines der Bilder im Gang zu einem der Treppenhäuser flog ein schneeweißer Schwan. Als die Gruppe der von der ausgelassenen Trinkerei sichtlich beeinträchtigten Ravenclaws vorüberzog, wand das majestätische Tier seinen Kopf mit dem scharlachroten Schnabel und blickte den Mädchen und Jungen hinterdrein, bevor es die Flügel wieder ausspannte und weiterflog, aus dem Bild hinaus.

"Hups, war das nicht dieser komische Vogel, in den sich diese Medea-Hexe verwandeln kann?" Fragte Bruster Wiffle.

"Kann hinkommen, so wie uns diese Nobelbrathenne angeglubscht hat", erwiderte Roy. "Ist die also eine Animaga. Wußte gar nicht, daß das in Bildern auch geht."

"Wenn die in Bildern zaubern können kann die sich ja auch verwandeln, du Schnarchnase", meinte Bruster. "Nur Apparieren geht nicht, hat mir - jemand erzählt, weil jedes Bild ein eigenes Raumgebilde ist, in das die gemalten Leute richtig hinübertreten müssen. Die können nur in ihr eigenes Bild zurückflutschen oder von Leuten wie Aurora zurückgezaubert werden."

"Seit wann hast'n du Ahnung von Zauberbildern?" Wunderte sich Mortimer. "Tante Norma hat doch von den Bildern keinen Dunst, hat sie selbst doch immer erzählt, wenn unsere Oma uns ihre eigenen Zauberbilder zeigt."

"Ja und? Die ist doch nicht die einzige, die ich fragen kann", raunzte Bruster und lief an den Ohren rosa an. Aurora wunderte das etwas. Doch sie wagte nicht, Bruster zu fragen, warum er darüber so verlegen sein mußte.

Als sie in der großen Halle waren, blickten die Gryffindors und Hufflepuffs irritiert auf die vom Alkohol aus der üblichen Balance geworfenen Mitschüler aus Ravenclaw, während die Slytherins hämisch grinsten. Doch sonst geschah nichts weiterhin nennenswertes.

Nach dem Frühstück traf sich Aurora mit Bernhard Hawkins im östlichen Park von Hogwarts. Petula und Miriam hatten sie zwar blöd angekichert, daß der jetzt bestimmt nichts mehr mit ihr zu tun haben wolle. Doch das schwarzhaarige Hexenmädchen hatte nur ein verächtliches Grinsen dafür übrig gehabt. Bernhard Hawkins schien über die Pokalpleite vom Vortag noch nicht so ganz hinweggekommen zu sein. Leicht mißmutig lehnte er an einem Baum und stierte Löcher in die Luft, als Aurora auf ihn zuging. Erst als sie in Hörweite war verbesserte sich seine Laune etwas.

"Hi, Aurora! Da habt ihr uns gestern aber heftig abgebürstet", grüßte Bernhard das Ravenclaw-Mädchen. Aurora grinste nur und meinte:

"Hättet ihr was anderes gemacht, wenn wir nicht alles gegeben hätten?"

"Hmm, wird so sein. Aber noch mal von Winchester so angepampt zu werden habe ich keine Lust drauf", knurrte Bernhard. "Der meinte, ich hätte deinetwegen nicht oft genug den Klatscher gedroschen. Aber was will der? Seit dem Spiel gegen Hufflepuff hat der ja 'ne Flamme bei denen. Das streiche ich dem dann aufs Brot, wenn wir im nächsten Jahr wieder gegen die ranmüssen."

"Wir haben doch alle gespielt, wie wir konnten, Bernhard. Darf man jetzt keine Freunde mehr in anderen Häusern haben?" Versetzte Aurora Dawn.

"Zumindest nicht innerhalb der Mannschaften, denke ich", sagte Bernhard. Dann mußte er jedoch grinsen. "An dem Ergebnis gestern hätte es ja eh nichts geändert, weil ja der Schnatzfang das rumgerissen hat. Wenn das Spiel noch weitergelaufen wäre hätten wir die zehn Tore locker wieder aufgeholt, weil ihr dann zu müde gewesen wärt."

"Das habe ich erlebt, wie locker ihr das geschafft hättet", erwiderte Aurora, die nicht einsah, warum sie Bernhard in der Hinsicht rechtgeben sollte. Offenbar sah Bernhard es ein, sich mit Aurora nicht über Quidditch zu streiten. So verbrachten Aurora und Bernhard eine angenehme Stunde bei einem Spaziergang. Zwischendurch erzählte sie ihm, wie sie gestern noch gefeirt hatten. Bernhard meinte:

"Bei uns im letzten Jahr war es genauso heftig. Da sind ja einige von uns gar nicht erst zum Frühstücken runtergegangen. Die Pomfrey kam extra hoch und hat uns allen einen Vortrag über übermäßigen Alkoholgenuß gehalten. Mann, war die da vielleicht geladen."

"Das könnte uns auch noch passieren", meinte Aurora leicht verunsichert. "Nachher kriegen wir noch Punkte abgezogen."

"So schnell nicht. Da hättet ihr schon außerhalb von Ravenclaw was blödes anstellen müssen. Oder habt ihr welche von den Erstklässlern unter den Tisch gesoffen?"

"Nein, da haben unsere Vertrauensschüler schon aufgepaßt. Niemand, der nicht schon nach Hogsmeade darf hat auch nur was von dem Butterbier abgekriegt. Petula wollte ja eine Kürbisbowle mit ganzen Früchten machen. Aber ihre Schwester hat das ihr verboten."

Bernhard lachte schallend los. Dann erwiderte er immer noch erheitert:

"Na klar, und dazu hätte es dann 'ne Thunfischsuppe mit ganzen Fischen gegeben, was?"

"Bestimmt", erwiderte Aurora grinsend.

Sie gingen zum Schloß zurück, Arm in Arm. Dabei lief ihnen Tonya Rattler über den Weg.

"Ach neh, deshalb habt ihr Eierköpfe den Pokal gekriegt. Der Klatscherklatscher von den Gryffindoofs hat seiner Süßen nichts tun wollen", spottete sie.

"Hi, Tonya. So allein unterwegs?" Fragte Bernhard gehässig. "Neid der Besitzlosen, Klotzweib."

"Eh, mit dir rede ich doch gar nicht, du Fehlplanung", zischte Tonya. Bernhard grinste nur und meinte:

"Bor, hast du's mir jetzt aber gegeben."

"Soll ich der McGonagall stecken, daß das Spiel geschoben war?" Fragte Tonya Aurora zugewandt. Diese verzog zwar das Gesicht, erwiderte dann jedoch:

"Weißt du, ob sie das mit Flitwick nicht so ausgemacht hat, nur damit euer Unrat nicht den Pokal kriegt?"

"Eh, Dawn, jetzt reicht's", fauchte Tonya und fischte nach ihrem Zauberstab. Doch Bernhard hatte seinen bereits aus dem Umhang geholt.

"Das paßt zu dir, Rattler. Gleich mit Gewalt, wenn's im Kopf zappenduster ist", feixte Bernhard. Tonya zielte auf ihn, doch er sprach den Expelliarmus-Zauber und schoss ihr damit den Zauberstab aus der Hand, bevor sie einen Fluch ausrufen konnte.

"Übernimm dich nicht, Rattler. Gallows ist ja auch wegen Unbedachtheit von der Schule geflogen", meinte der Gryffindor-Junge. Aurora hob den Zauberstab Tonyas auf und gab ihn ihr zurück.

"Nur, damit du siehst, daß ich vor dir keine Angst habe, Tonya. Zisch ab und lass uns in Frieden!" Knurrte sie noch, bevor sie Bernhard mit sich zog.

Zwar konnten sie sich nicht denken, daß Tonya so dumm war, nun in der Nähe des Schlosses, wo gerade drei Vertrauensschüler aus Hufflepuff und Gryffindor herumliefen, einen Fluch auf Aurora oder Bernhard loszulassen. Dennoch blickten sich die beiden immer wieder um. Doch Tonya schien das Interesse an Aurora und ihm verloren zu haben. Sie ging mit weit ausgreifenden Schritten davon, in den Park, aus dem sie gerade gekommen waren. Was suchte sie da so alleine? Doch Aurora interessierte sich nicht stark genug dafür, um jetzt noch einmal umzudrehen. Sie ging mit Bernhard zum Schloß zurück, wo sie sich gegenseitig auf die Wangen küßten und dann in ihre Gemeinschaftsräume zurückkehrten.

Vor dem Ravenclaw-Eingang hockte der weiße Schwan im Gemälde von Bruce und Maggy. Die eigentlichen Bewohner dieses Bildes waren wohl wieder unterwegs.

"Mylady, ich möchte gerne in unseren Gemeinschaftsraum", sagte Aurora vorsichtig. Der Schwan wandt ihr den Kopf zu und nickte. Dann flog er auf und verschwand durch die rechte obere Ecke aus dem Bild. Aurora nahm ihren Zauberstab aus der kleinen Umhängetasche, die sie von ihren Eltern zu Weihnachten bekommen hatte und holte mit dem Reinitimaginus-Zauber den eigentlichen Bewohner des Bildes zurück, der sie rasch einließ, bevor der weiße Schwan in sein Bild zurückflog und auf der Wiese landete.

Bruster Wiffle saß an einem der freien Tische, putzmunter und ohne Nachwirkungen des vielen Meets und Butterbiers von gestern.

"Hi, Aurora! Hat Winchester deinem Freund aus Gryffindor noch alles am Körper gelassen?"

"Das was anständige Menschen sehen dürfen schon, Bruster", meinte Aurora. Bruster schien zu schlucken und mußte dann lachen.

"Mann, Mädel, du bist echt nicht aufs Maul gefallen. Wundert mich nicht, wenn Beckys Bruder sich in dich verguckt hat."

"Bruster, was da zwischen ihm und mir läuft ist unser Ding. Ich frag dich doch auch nicht, was du so anstellst. Oder?"

"Vielleicht stört ihn das ja gerade", meinte Roy Fielding, der gerade aus dem Jungentrakt herauskam, aber anders als Bruster noch unter den Auswirkungen der Feier leidend.

"Eh, Roy. Welchen Mumpitz läßt du denn hier jetzt ab? Du willst doch nicht behaupten, ich hätte mich in Aurora verguckt", entrüstete sich Bruster.

"Och, das kam aber jetzt so rüber", grinste Roy. Bruster grinste zurück und meinte:

"Du hast deine Dina, oder besser, die hat dich. Da hast du doch nichts zu quatschen."

"So, und wen du hast willst du ja keinen wissen lassen", erwiederte Roy. "Oder willst du behaupten, deine Geheimnistuerei in letzter Zeit wäre rein familienmäßig?"

"Auch wenn es dich nicht die Bohne zu kümmern hat, Roy, es ist genau so. Nach dem Angriff dieses Voldemorts haben meine Eltern mir gesagt, nicht mehr allen zu zeigen, wie ich gerade drauf bin. Recht haben sie ja."

"Ach so", meinte Roy nur und suchte seine Freundin Dina, die gerade mit Anne und Phiona aus der ersten Klasse über Kräuterkundesachen sprach. Aurora wußte, daß die beiden Muggelstämmigen in Sprouts und Bitterlings Klasse sehr heftige Probleme hatten, wohingegen sie bei McGonagall und Flitwick brillant waren. Sie ging zu Dina hinüber, die gerade über die Haltung von Springbohnen sprach. Dina sah Aurora und winkte ihr zu. Dann stand sie auf, nickte Roy zu und meinte zu Anne und Phiona:

"Aurora kann euch das mit dem Umsetzen noch besser erklären. Die hat damals für Ravenclaw 20 Punkte rausgeholt." Aurora nickte und wartete, bis Dina ihren Freund begrüßte. Dann sprach sie mit den beiden Mädchen über die Geheimnisse der Springbohnenhaltung.

Der restliche Tag verlief mit Vorbereitungen auf die kommenden Stunden. Aurora und Dina unterhielten sich mit Roy, Bruster und Mortimer über Sachen, die in Bitterlings nächster Stunde drankommen würden. Petula und Miriam machten Hausaufgaben für McGonagall, wobei sie zwischendurch Pergamentschnipsel in Schmetterlinge verwandelten und diese dann in Mäuse. Priscilla, der eine so entstandene Feldmaus einmal genau zwischen den Füßen hindurchwetzte, um der Rückverwandlung zu entgehen, stieß einen kurzen Schreckensschrei aus und zog Ravenclaw wegen Petulas und Miriams unbeherrschter Zauberei zehn Punkte ab. Aurora verdeutlichte derweil Mortimer, wie man die zermörserten Molchschwänze mit Kieselerde verrühren mußte, um die richtige Abmischung für den Nahrungsmittelreinigungstrank zu finden, mit dem man bereits angeschimmelte oder verrottende Lebensmittel wieder verzehrfertig machen konnte. Professor Bitterling hatte ihnen erklärt, daß die längstmögliche Verwendung von Nahrungsmitteln viel Abfall und Neukauf ersparte. Bruster meinte dazu noch:

"Tja, und wer mit der Blubberei nicht so gut ist kann ja den Conservatempus-Zauber lernen, von dem es Mum immer hat. Der ist wie ein Gefrierzauber, nur daß Sachen nicht kalt werden sondern in der Zeit verlangsamt, sodaß sie hundertmal länger brauchen, um zu verderben. Mum hat den Kühlschrank, den Dads Eltern zum zehnten Hochzeitstag angeschafft haben, deshalb wieder rausgeworfen, weil sie einen mit dem Konservierzauber behexten Vorratsschrank von ihrer Mum gekriegt hat. Mann, war da für einen Abend dicke Luft!"

"Ja, aber der Zauber muß auf Behälter gelegt werden, die du nicht immer mithast", sagte Dina Murphy, der die Zaubertrankbrauerei besser lag als direkte Zaubereien. "Deshalb ist das Nahrungsreinigungselixier schon praktischer, wenn du bereits verdorbene Sachen findest."

"Außer faulen Eiern oder vergammelten Fischen", meinte Roy spitzbübisch grinsend. Dina sah ihn bitterböse an und fauchte:

"Selbst stinkenden Fisch kann man bei richtiger Zubereitung wieder essbar kriegen, du Dummbatz."

"Eh, Dinchen, ich habe es doch nicht böse gemeint", erwiderte Roy leicht eingeschüchtert dreinschauend. "Ich weiß doch, daß dieser komische Trank sowas kann. Allerdings frage ich mich, wieso Asterix und seine Nachbarn dann immer Probleme mit Verleihnix hatten, wenn der mit seinen miefigen Fischen gehandelt hat."

"Weil das Elixier damals selbst Miraculix nicht bekannt war, Roy. Ganz einfach", entgegnete Bruster.

"Bitte was?" Fragte Aurora verdutzt dreinschauend. Roy und Bruster lachten, während Dina die Achseln zuckte.

"Mist, die kennt ja Asterix und Obelix nicht, Bruster. Hmm, müssen wir ihr nachsehen."

"Heh, Hallo! Nicht so herablassend, Roy. Immerhin bist du nur durch die letzte Zwischenprüfung gekommen, weil ich dir mit dem Knochenverstärkungstrank ein paar Tips gegeben habe", rückte Aurora die Verhältnisse zurecht. Roy meinte dazu nur:

"Kein Grund, jetzt die Überschlaue raushängen zu lassen, Aurora. Asterix ist eine Comic-Figur aus Frankreich. Das ist ein Krieger aus Gallien, der gegen die alten Römer gekämpft hat und dabei immer einen Zaubertrank getrunken hat, der ihn übermenschlich stark gemacht hat. Mehr war und ist damit nicht."

"Soso, mehr ist nicht? Aber eben so tun, als würde ich dumm sterben, weil ich diesen Krempel nicht kenne! Toll, Roy", knurrte Aurora, der das nicht sonderlich spaßig vorkam. Bruster meinte:

"Ja, aber du hast ihn eben auch heftig runtergemacht, Aurora. Selbst wenn dieser liverpooler Dummdödel das zwischendurch braucht, muß du's ihm nicht so heftig auf's Brot schmieren."

"Dummdödel? Sagtest du Verunratet-Anhänger gerade Dummdödel zu mir?" Entrüstete sich Roy.

"Stimmt doch. Warum sonst kann dich Aurora oder Dina so runterputzen, weil du nix blickst, was die Bitterling uns da so einbrockt?"

"Das nimmst du sofort zurück oder ich stopf dein Schmutzmaul mit meiner Faust zu", meinte Roy. Dina sprang auf und meinte:

"Du haust dich hier nicht mit Bruster oder anderen, sonst gehe ich zu Flitwick."

"Ups, Roy. Da siehst du's. Wenn dich Dina und Aurora nicht gescheit am Arm nehmen würden, würdest du hier glatt von der Penne fliegen", stieß Bruster nach. Aurora stand auf und meinte:

"Ihr habt's im Moment wohl nicht nötig, daß euch wer bei den Hausaufgaben hilft. Ich möchte mit Miriam noch die stufenlose Tier-zu-Tier-Verwandlung trainieren. Bis nachher, ihr beiden Streithammel!" Sprach's und ging zu Petula und Miriam, die mittlerweile die schnelle Tier-zu-Tier-Verwandlung raushatten.

Geoffrey Forester ging wenige Minuten dazwischen, als sich Roy und Bruster wieder heftig anraunzten. Ein Punktabzug für Ravenclaw war nur eine Formsache. Dina Murphy kam verdrossen dreinschauend zu den drei Klassenkameradinnen herüber und versuchte sich in der Verwandlungszauberei. Doch als sie eine Maus zaubern wollte, wuchs das Tier zu einem Wasserschwein an, das mit lautem Getöse die Tische umrannte und aus dem Ravenclaw-Gemeinschaftsraum entkommen wollte. Priscilla Woodlane richtete den Zauberstab auf das große Tier und schockte es, bevor sie es mit einem Zauber, den Aurora nicht kannte, in den Schmetterling zurückverwandelte, aus dem Dina eine Maus machen wollte.

"Wer hat das gemacht?" Fragte Priscilla und blickte sich sehr genau um. Dann kam sie herüber und meinte zu Dina:

"Also dina, wenn du immer noch Probleme mit dem Zaubern hast, solltest du dir zum Üben einen freien Platz suchen, wo solche Unfälle nicht gleich den Gemeinschaftsraum zerlegen können. Wo hat's denn bei dir geklemmt?"

Dina sah schreckensbleich und eingeschüchtert auf Priscilla, die sie jedoch nicht streng sondern erwartungsvoll ansah. Dann beschrieb sie, was sie gemacht hatte.

"Ach, da hat es gehakt. Zwar ist dein Zauberstab schon wesentlich besser auf dich eingestimmt. Aber du hast bei dem vierten Wort der Formel zu schnell gesprochen, was zwar ein Nagetier ermöglicht hat, aber dann gleich das größte, was in deiner Vorstellung enthalten war. Ein wenig langsamer und vor allem volle Konzentration auf das Endprodukt, dann geht's!" Riet sie Dina und beließ es nur bei fünf Punkten Abzug für Ravenclaw. Danach reparierte sie die zerbrochenen Tische und Stühle mit schnellen Zaubern und wünschte noch einen unfallfreien Abend.

Nach dem Abendessen tauschten die Mädchen noch neue Zauberkunstkniffe aus, die sie für die nächste Stunde im Zauberkunstclub vorbereiten wollten. Aurora übte den Aufräumzauber. Dina, Petula und Miriam warfen achtlos Pergamente zusammen, Aurora sortierte sie ohne sie mit den Händen anzufassen. Erst nach dem vierten Fehlversuch lagen die Pergamente ordentlich zusammen, sogar geordnet.

"An meine Großmutter reiche ich noch nicht ran", meinte Aurora. "Die kann mit einer Zauberstabbewegung ein ganzes Haus aufräumen."

"Aber immerhin kann man die Pergamente richtig zusammenlegen", meinte Miriam und ließ sich von Dina eine total verschmutzte Teetasse hinstellen, die sie mit "Ratzeputz" und einer raschen Wischbewegung ihres Zauberstabes blitzblank putzte.

"Klar, die Mädchenzauber", meinte Roy, der Dina bei den Zauberkunstübungen zusah. Miriam meinte:

"Können auch Jungs mit umgehen. Probier's doch mal aus!" Sie richtete ihren Zauberstab auf die Teetasse und rief: "Sordidomucus!" Ein Schwall graugrünen Schleims spritzte aus der Stabspitze und klatschte voll auf die Tasse und überzog sie innen wie außen mit einem ekligen, nach fauligem Fleisch stinkenden Schleimfilm. Roy, der beim Losspritzen des Glibberschleims reflexartig zurückgesprungen war, rümpfte die Nase und starrte auf die von Miriam gezauberte Sauerei.

"So, jetzt mach das wieder weg!" Forderte Miriam mit einem verhaltenen Grinsen.

"Das kannst du selbst wieder wegmachen", knurrte Roy. Bruster, der mit Mortimer aus sicherer Entfernung zugesehen hatte, kam heran, deutete mit seinem Zauberstab auf die verschleimte Teetasse und Rief: "Ratzeputz!" Dabei ließ er den Zauberstab spielerisch von links nach rechts vor der Tasse auspendeln. Schlagartig verflog der graugrüne Glibber von der Tasse. Als Bruster den Stab in einer fließenden Bewegung nach links zurückpendeln ließ, erstrahlte die Tasse wieder makellos und trocken.

"So kriegt man's hin", meinte Mortimers Cousin. Roy knurrte nur: "Angeber!" Doch Bruster lächelte nur. Miriam, die meinte, ihn heftig fordern zu müssen, kleisterte nun den ganzen Tisch mit dem Glibberschleim ein. Dabei wurden auch die Pergamente und ausgelegte Bücher eingesaut. Aurora feuerte einen bitterbösen Blick auf Miriam ab, während Bruster sich wie vor einem Kampf straffte und dann wieder "Ratzeputz!" Rief und dann mit drei weitläufigen Schwüngen des Zauberstabs den Tisch und alles was darauf war reinigte.

"Miriam, und wenn du gleich noch den ganzen Gemeinschaftsraum vollschleimst, den Zauber habe ich drauf", versetzte Bruster überlegen lächelnd.

"Das sieht einfach aus", meinte Dina und ließ sich von Miriam noch einmal eine Teetasse mit dem Zauberschleim verschmutzen. Doch als sie den Sauberzauber Ratzeputz anwenden wollte, schaffte sie es lediglich, den Glibber von der Tasse in alle Richtungen spritzen zu lassen, sodaß alle am Tisch mit graugrünen, übelriechenden Tropfen besprüht wurden. Die Mädchen riefen "I, Dina!" Die Jungen tauchten blitzartig unter die Tischoberfläche ab, sodaß der umherspritzende Unrat über sie hinwegflog und die Nachbartische traf. priscilla fegte heran und stauchte alle am Tisch zusammen. Dann meinte sie:

"Miriam, der Dreckschleim ist kein Zauber, der dich beliebt macht. Wenn der Ratzeputzer nicht richtig losgeht, kriegt man den nur mit Mrs. Scouers magischem Allzweckreiniger wieder weg. Ihr seid echt herrlich! Ratzeputz Amplifico!" Beim letzten Wort hatte sie ihren Zauberstab angehoben. Aurora vermeinte, aus der Spitze eine weiße Schaumfontäne schießen zu sehen, die von Priscilla geführt alle Tische, Stühle und Schüler erwischte und den Schleim auflöste.

"Wer hat dir diesen Dreckzauber eigentlich beigebracht?" Wollte Priscilla von Miriam wissen.

"Damit hat man meiner Mutter den Säuberungszauber beigebracht. Sie meinte, wenn man diesen Schleim komplett wegkriegt, dann klappt der Zauber richtig."

"Also kann ich den", meinte Bruster stolz. Priscilla sah ihn an, schleimte dann ihrerseits den halben Tisch voll und sah zu, wie er die Sauerei wieder wegzauberte. Dann nickte sie.

"Man merkt doch, daß deine Mutter will, daß du anständige Haushaltszauber kennst", sagte sie. Bruster sah sie verdutzt an, als habe sie etwas völlig unerwartetes gesagt. Dann nickte er schwerfällig. Dann zog er sich zu Mortimer zurück, der ihm auf die Schultern klopfte.

"Woher kann der auf einmal so gut zaubern?" Fragte er ohne jemanden gezielt anzusprechen. "vor einem Jahr war der genauso trantütig wie ich in Zauberkunst. Jetzt wischt der hier mit einer lockeren Handbewegung einen ganzen Tisch von diesem Sauzeug sauber, wo ich nicht mal den Dreck unter meinen Schuhen wegzaubern kann. Das soll der mir aber mal erklären." Er nickte den Mädchen zu und eilte zu Bruster und Mortimer.

"Das muß ich auch feststellen, daß Bruster sich ziemlich gut gemacht hat", meinte Miriam. "Der Zauberschleim ist eines der gemeinsten Zauber. Deine Schwester hat vollkommen recht, Petula, daß man den nur wegkriegt, wenn der Ratzeputzer richtig sitzt oder man mit Mrs. Scouers magischem Allzweckreiniger putzt. Denn der Schleim ist wasserunempfindlich und klebt so heftig, daß man den nicht mit üblichen Putzbewegungen runterkriegt."

"Na ja, aber Priscilla hat auch recht, daß man den nicht können muß", meinte Aurora.

Nach diesen etwas heftigen Zauberübungen verlief der Abend ordentlich, bis die Viertklässler sich in ihre Schlafsäle zurückzogen.

__________

Die Wochen nach dem anstrengenden Pokalspiel verstrichen mit Vorbereitungen auf die anstehenden Jahresendprüfungen. Bruster Wiffle entpuppte sich dabei mehr und mehr als bewandert in praktischen Zaubern und kam sogar auch ohne Auroras und Dinas Hilfe in Zaubertränken zurecht. Keiner seiner Klassenkameraden konnte sich erklären, wo und wie er das alles lernte, was er im Unterricht gut draufhatte. Mochte es tatsächlich sein, daß er von seiner Zaubererverwandtschaft schon Sachen gezeigt bekommen hatte, die er jetzt endlich richtig ausführen konnte? Eunice Armstrong, die Gryffindor-Klassenkameradin in Muggelkunde und anderen Zusatzfächern fragte Aurora einmal in der Bibliothek, wo man diesen Zauber lernte, mit dem man jemanden davon abhielt, wen zu Fuß zu verfolgen. Aurora fragte, wie sie darauf komme.

"Ich habe Bruster gestern nach Muggelkunde in den Park gehen sehen und war neugierig. Als ich hinter ihm herging, bin ich am Boden hängen geblieben. Ich dachte erst, irgendwer hätte einen Klebefluch auf den Boden gelegt und wollte schon einen Entklebezauber dagegensetzen. Doch dann ließ mich was immer es war wieder frei, als Bruster nicht mehr zu sehen war. Ich entsinne mich, von einem Inpersecutio-Zauber gehört zu haben, mit dem man sich belegen kann und jeden, der in Sichtweite hinter einem herläuft zurückhält, bis der verfolgte außer Sicht ist. Wo lernt Bruster sowas?"

"Wieso? Gibt's den nicht im Zauberkunstclub für Jungs?" Fragte Aurora, bevor sie sich erinnerte, daß Roy ihr bereits ähnliches erzählt hatte. Eunice meinte:

"Meine Tante Meridith, die einen Cousin im Aurorenkorps hat, meinte mal, es gebe so Zauber, um unliebsame Nachläufer abzuschütteln oder sicherzustellen, nicht verfolgt werden zu können, was aber in Hogwarts nicht im Unterricht drankommt."

"Oh, dann hat Bruster einen illegalen Zauber gelernt?" Fragte Aurora. Eunice grinste verhalten. Dann meinte sie:

"Will ich so nicht sagen. Ich denke nur, er hat was gelernt, was nicht zum üblichen Unterricht gehört."

"Hmm, eigentlich müßten wir das Flitwick erzählen", flüsterte Aurora auf der Hut vor unsichtbaren Lauschern.

"Nur wenn der was böses anstellt, Aurora. Nachher darf der diesen Zauber können, weil seine Eltern von Du-weißt-schon-wem angegriffen wurden und alle Wiffles bestimmte Schutzzauber lernen dürfen. Ich will mir da nicht die Finger dran verbrennen."

"Warum fragst du mich dann?" Gab Aurora schnippisch zurück.

"Weil es ja hätte sein können, daß du das mitbekommen hast", schnarrte Eunice verärgert. Aurora fand, daß sie sich für den harschen Ton entschuldigen mußte und meinte:

"'tschuldigung, Eunice. Ich wollte dich nicht ärgern. Mich wundert das ja auch, was Bruster in letzter Zeit so draufhat."

"Becky meinte mal, Bruster könnte sich hier wen angelacht haben, von dem keiner was wissen soll. Glaubst du das auch?"

"Ach, meint Becky das? Muß ich ihren Bruder mal fragen, wenn ich den wieder treffe." In der Schule wußte man es ja eh, daß sie und Bernhard seit einiger Zeit gut befreundet waren. Eunice lächelte und meinte:

"Ich denke mal, der interessiert sich nicht für sowas. Oder arbeitest du gerade daran?"

"Eunice, ich denke, du hast deine eigenen Angelegenheiten zu klären", erwiderte Aurora leicht verstimmt. Das sah Eunice ein und verabschiedete sich von Aurora.

Einige Zeit später traf Aurora beim Hinausgehen Tonya Rattler, die in einem leisen aber heftigen Wortgefecht mit Rax Montague festhing. Die Vertrauensschülerin der Slytherins, die zwischendurch die Mädchengruppe des Zauberkunstclubs leitete, schien sehr ungehalten über etwas zu sein, was die klobige Viertklässlerin getan oder gesagt hatte. Als Tonya Aurora sah, glaubte sie wohl, eine willkommene Ablenkung von ihrem Streit mit Rax zu haben und meinte:

"Heh, Aurora. Schon die Hochzeit mit dem Hawkins-Bengel geplant?"

"Wer will das wissen?" Fragte Aurora zurück. Rax sah aurora an und meinte:

"Lass dich nicht darauf ein, was sie gerade sagt. Die junge Dame hat noch was mit mir zu klären. Geh besser weiter!" Aurora rümpfte zwar die Nase, weil Rax sie so schroff herumkommandierte, befolgte jedoch ohne Murren die Anweisung, weil sie nichts lieber tun wollte als von Tonya wegzukommen. Sie hörte beim Hinausgehen noch:

"Und wenn du noch so herumtönst, welche guten Beziehungen deine bucklige Verwandtschaft hat, Tonya, was meine Tanten machen hat dich nicht zu kümmern."

"Hmm, mit wem hat sich die Rattler wohl angelegt?" Fragte sich Aurora. Seit dem Zwischenfall in der Winkelgasse, bei dem Tonyas Onkel, ein Todesser, getötet worden war, verabscheute sie Tonya noch mehr, zumal die es nicht begreifen wollte, daß keiner sie mochte, je mehr sie über ihn, der nicht beim Namen genannt werden durfte herumtönte. Tja, und offenbar gab es auch bei den Slytherins welche, die ihr das übel nachsahen. Ihr fiel auf dem Weg zum Treppenhaus wieder ein, was sie über Rax Montague gehört hatte, daß ihre Vorfahren wohl in der sogenannten Nachtfraktion der schweigsamen Schwestern gewesen sein sollten. War das heute auch noch so? Wenn ja, wie konnte man das herausfinden? Oder war es besser, es nicht zu wissen? Bestimmt, erkannte Aurora. Denn sonst hätte Rax Tonya wohl nicht so feindselig angesehen, und Tonya, die sonst nie um einen gehässigen Spruch verlegen war, hätte nicht so eingeschüchtert dreingeschaut, wie die Maus die Katze anstarrt.

Doch was sollte sie sich um Tonya Rattler Gedanken machen. Was Eunice Armstrong sie gefragt hatte war irgendwie interessanter, fand Aurora Dawn. Gab es also doch einen Zauber, mit dem man sich vor unliebsamen Verfolgern schützen konnte, ohne sie direkt abzuwehren oder durch Hakenschlagen abzuschütteln. Sicher, Bruster machte es dadurch ja noch geheimnisvoller, was er so tat. Doch sollte sie ihm jetzt was vorhalten, er würde böses tun? Einen Zauber zu können, der nicht im Unterricht vorkam war ja keine Regelverletzung, solange klar war, daß der Zauber niemanden schaden konnte. Jemanden für einige Sekunden an einem Ort stehen zu lassen war ja kein Schaden im Sinne einer Schulregelverletzung oder gar gegen die Zaubereigesetze an sich. Es sei denn, dieser Zauber durfte nicht von irgendwelchen Schülern beherrscht werden. Die Frage war dann aber, ob Flitwick oder Dumbledore das schon wußten, daß Bruster diesen Zauber konnte. Ja, und war Bruster der einzige, der ihn konnte? Wenn nicht, dann konnte er den von einem anderen gelernt haben. Aber dann würde es wichtig, wer das war und wozu jemand Bruster, einem Mischblüter, einen solchen Zauber beigebracht hatte. Aurora überlegte kurz, ob nicht doch seine Mutter oder jemand aus seiner magischen Verwandtschaft ihm den Zauber gezeigt und richtig beigebracht hatte. Falls das so war, dann hatte der oder die bestimmt einen Grund dazu. Doch wenn Bruster den Zauber nicht bei seinen Verwandten gelernt hatte ...

"Heh, Aurora, träum nicht!" Aurora Schrak zusammen. Die Gedanken an Brusters Geheimnis hatten sie so entrückt gemacht, daß sie fast in Melinda Bunton hineingelaufen wäre, die gerade mit zwei Stapeln Büchern aus einem Seitengang kam, der, so hatte sie mal gehört, eine kürzere Verbindung zwischen Hufflepuff und der Schulbibliothek war.

"Oh, Mel, tut mir leid, ich war in Gedanken", entschuldigte sich Aurora Dawn für den Beinahezusammenstoß. Die leicht untersetzte, stets gut gelaunte Hufflepuff-Viertklässlerin, mit der Aurora im Zaubertrankunterricht oft zusammenarbeitete, lächelte über ihr Mondgesicht und erwiderte:

"Habe ich gesehen, du bist ja wie ein Schlafwandler herumgelaufen. Aber wenn mir die Bücher hier runterfallen, weil mir jemand reinrennt, kriege ich Terz mit Pince. Deshalb mußte ich dich anquatschen."

"War in Ordnung so, Mel. Was hast du denn da alles für Wälzer?"

"Neugier, dein Name ist Weib oder was? Aber wenn du mir beim zurückbringen hilfst kannst du ja mal reinsehen", erwiderte Melinda Bunton.

"Kein Problem", willigte Aurora ein und nahm sich so viele Bücher, daß Mel und sie nicht fürchten mußten, unterwegs welche davon zu verlieren. Aurora fragte noch, wo Cynthia sei. Melinda meinte, daß Cynthia mit Dorian Dirkson Hausaufgaben für Flitwick machte. Das betonte sie jedoch merkwürdig grinsend, sodaß Aurora das nicht so recht glauben wollte.

Als sie wieder bei der Bibliothek angelangt waren, kam ihnen Tonya Rattler entgegen, sichtlich niedergeschlagen dreinschauend. Aurora rechnete schon damit, gleich wieder eine der üblichen Gehässigkeiten abwehren zu müssen. Doch Tonya marschierte so eilig an den beiden Jahrgangskameradinnen vorbei, daß Aurora meinte, die beinahe quadratisch gebaute Slytherin wäre auf der Flucht. Dann schritt Rax Montague in ihrem schwarzen Satinumhang heran. Ihr dunkelbraunes Lockenhaar schwang bei jedem ihrer ausgreifenden Schritte sachte mit. Sie sah die zwei Mädchen an und meinte:

"Den Termin für die Rückgabe verschlafen, Melinda?"

"Nöh, nur alles schon gelesen, was nötig ist, Rax", sagte Melinda ruhig. Rax Montague nickte und ging ohne weiteres Wort weiter.

"Vor der hat die Rattler einen Heidenbammel", zischte Aurora Melinda zu. Diese nickte wild und wisperte zurück:

"Die weiß auch warum, Aurora. Es gibt Familien, mit denen legt man sich auch als Slytherin nicht an, gerade als Slytherin."

In der Bibliothek fanden sie Loren Tormentus, die gerade die Enzyklopädie der Gegengifte in ihre große Schultasche stopfte. Sie sah Aurora und Melinda mit ihren grauen Augen an, in denen ein lauerndes Feuer glomm, von dem Aurora nicht wußte, woher es kam.

"Na, müssen wir noch was nacharbeiten?" Fragte Aurora das Slytherin-Mädchen. Dieses sah auf die Bücherstapel von Aurora und Melinda und grinste. Leise, wie es sich hier gehörte, sagte sie dann:

"Ich habe das Nacharbeiten genauso wenig nötig wie du, Aurora oder die runde Mademoiselle da neben dir. Aber unsere Hauslehrerin will haben, daß wir uns für's ZAG-Jahr schon einmal gut vorbereiten. Vielleicht sagt sie euch das auch noch mal."

"War nur eine Frage", raunte Aurora zurück und half Melinda, die Bücher bei Madame Pince abzuliefern. Melinda hatte "Elementare Zauber der Elemente", "Wege zur Verwandlung", die Bände für die vierte und fünfte Klasse und "Lehrbuch der Zaubersprüche Band 5" als für Aurora interessante Bücher. Daneben hatte Melinda jene Kräuterkundebücher mit, die Aurora bereits in den ersten zwei Klassen verschlungen hatte. Auf jeden Fall wollte Melinda wohl umfangreich vorbereitet sein. Aurora gefiel vor allem die Abbildung einer Hexe auf den Hüllen von "Wege zur Verwandlung". Sie hatte zwar schon einmal von Maya Unittamo gehört, aber sie zu sehen war irgendwie interessanter.

"Die Verwandlungsbücher sind doch für die in Thorntails, habe ich mal gehört", sagte Aurora Dawn. Melinda nickte.

"Die und die Lehrer in Beauxbatons benutzen diese Bücher. Die schreibt so schön, daß man selbst mit der komplizierten Technik von der was machen kann. Wußtest du, daß man eine Vivo-ad-Vivo-Verwandlung auch wie ein Musikstück angehen kann, mit Rhythmus, Melodie und bestimmten Bewegungen? Die schreibt das zumindest so."

"Willst du Petula und mich in diesem Jahr endlich einholen?" Fragte Aurora Dawn nicht so ernst gemeint.

"Ich will nur gut sein, nicht übergut", sagte Melinda Bunton verschmitzt lächelnd, als bedauere sie die Ravenclaws, die sich immer so reinhingen, um möglichst Bestnoten zu kriegen.

Die beiden Mädchen aus unterschiedlichen Häusern unterhielten sich leise über Zauberkunst und Verwandlungstechniken, bis es Zeit fürs Abendessen war und beide ohne die Bücher hinausgingen und die große Halle ansteuerten, in großem Abstand gefolgt von Loren Tormentus, sowie den Hufflepuff-Jungen Ralf Greenlief und Mark Willows.

__________

Der Frühling zog ins Land und ließ Bäume und Blumen bunt erblühen. Aurora schien von der ständig stärker werdenden Sonne förmlich aufgeladen zu werden. Denn jeden freien Nachmittag, wenn das Wetter es zuließ, traf sie sich mit Bernhard Hawkins. Immer wieder redeten sie zunächst über die Schule, was sie in den unterschiedlichen Häusern erlebten und mitkriegten, bis sie dann über sich selbst sprachen, wie sie füreinander empfanden. Aurora mochte Bernhard wegen seiner humorvollen Art, ja sagte ihm einmal, sie fände es schön, daß er sich für sie Zeit nehme. Er wiederum überhäufte sie mit Komplimenten über ihre Klugheit, ihre Witzigkeit, ja auch über ihren Dickschädel. Denn als sie auf einem ihrer gemütlichen Spaziergänge auf Professor Bitterling trafen, die meinte, die beiden auf die Einhaltung der Sittsamkeit hinweisen zu müssen, hatte Aurora ruhig gesagt:

"Wenn was vernünftig ist kann man's besser einhalten als wenn es nur verboten ist, Professor Bitterling."

"Möchten Sie mir jetzt widersprechen, Ms. Dawn?" Hatte Professor Bitterling darauf gefragt. Aurora hatte den Kopf geschüttelt und verneint.

"Möchte ich Ihnen auch nicht geraten haben, Ms. Dawn. Andererseits weiß ich genau, was junge Leute in Ihrem Alter so umtreibt. Gut gemeinte Ermahnungen sind daher nicht unangebracht."

"Unsere Freundschaft ist kein Regelverstoß, Professor. In den Schulregeln steht nicht, daß sich zwei Schüler aus unterschiedlichen Häusern nicht verabreden dürfen", hatte Aurora darauf ganz ruhig erwähnt. Professor Bitterling runzelte die Stirn. Bernhard fürchtete schon, sie hätte dafür Punkte abgezogen. Doch sie hatte nur gesagt:

"Sie werden an meine Worte denken, wenn Sie merken, daß sie Dinge tun, die sie jetzt noch strickt zurückweisen, Ms. Dawn. Früher wurden von den Eltern wesentlich strengere Richtlinien verlangt als heute. Schaffen Sie keinen Anlaß, diese strengen Richtlinien wieder in Kraft zu setzen!" Hatte die Hauslehrerin der Slytherins die beiden ermahnt. Dann war sie weitergegangen.

In gewisser Weise behielt die Zaubertranklehrerin auch recht. Denn als so Ende Mai, kurz vor den Prüfungen nach einem weiteren gemütlichen Spaziergang von Aurora und Bernhard das leise Zwitschern der Vögel und der Ruf eines Kuckucks eine herrliche Stimmung zauberten, schmolz ein weiteres Stück des trennenden Eises zwischen dem Mädchen aus Ravenclaw und dem Jungen aus Gryffindor. Er hatte ihr frisch gepflückte Blumen geschenkt, sie hatte für ihn eine Dose Schokoladenkekse mitgebracht. Nachdem sie beide lange im Park herumgegangen waren, saßen sie nun auf einer Bank, nicht zu nahe am Schloß und kuschelten sich aneinander. Dabei glitten Bernhards Hände sacht durch das lange Haar Auroras, während sie seine Schultern und seinen Brustkorb streichelte. Als sie sich dann in einer innigen Umarmung wiederfanden und ihre Lippen sich berührten, meinte Aurora, ohne Besen zu fliegen, höher und Höher, in die heiße Sonne hinein. Bernhard hielt sie fest aber ohne sie einzuzwängen und genoß die Nähe, die er mit diesem Hexenmädchen erreicht hatte. Er dachte daran, sie aus ihrem Schulumhang herauszuschälen, ihren warmen Körper unverhüllt sehen und anfassen zu können. Sie fühlte, wie irgendwas in ihm in Bewegung geriet, das mehr wollte als sie zulassen wollte. Die Magie des Augenblicks, der erste richtige Kuß, hüllte Aurora in eine große, federleichte Decke ein. Sie schloß ihre Augen und genoß es, mit Bernhard zusammen zu sein, wenn auch nicht so nahe wie es ihrem Wissen nach ein Mann und eine Frau sein konnten, aber doch schon näher als in den Schulregeln noch erlaubt war. Er versuchte, unter ihren Umhang zu langen. Doch das wollte sie nicht. Sachte aber bestimmt löste sie sich von ihm und meinte:

"Bernhard, es ist schön, wie das jetzt ist. Mach es nicht kaputt, weil du jetzt zu schnell bist!"

"Ich wollte dich doch nur richtig nett streicheln", antwortete Bernhard, der etwas irritiert war, daß Aurora wohl doch noch nicht so weit wollte wie er. Sie meinte darauf nur:

"Das geht auch so." Und zum Beweis ließ sie ihre Hände sanft über ihn gleiten, fühlte, wie es ihm wohltat, merkte aber auch, daß er offenbar darauf ausging, etwas heftigeres zu bekommen als nur Streicheleinheiten. Ihre Mutter hatte sie vorgewarnt, was ein Mädchen mit einem Jungen anstellen durfte, ohne ihm voreilige Ideen ins Hirn zu setzen. Bernhard empfand wohl das Bedürfnis, hier und heute alles zu erkunden, was den Jungen zum Mann machte, oder zumindest das, was seine männlichen Verwandten dafür hielten. Doch Aurora wußte, was sie wollte und auch was sie noch nicht wollte. Sie meinte nur:

"Wir haben Zeit, Bernhard. Wenn es sein soll, wird es passieren. Aber jetzt nicht."

"Was wird passieren?" Fragte Bernhard, der nicht wußte, ob seine Freundin das meinte, was ihm vorschwebte.

"Wenn wir uns wirklich liebhaben, Bernhard, dann haben wir Zeit, uns langsam kennenzulernen, nicht nur zu reden. Aber heute müssen wir nicht alles ausprobieren, was dir oder mir so einfällt. Denk an Amalia und Darius! Die haben auch Jahre gewartet, bis sie sich sicher waren. Ich möchte nicht etwas tun, was vielleicht schön ist aber dann irgendwann nur noch langweilig, weil wir uns nicht richtig kennengelernt haben."

"Ich dachte, wir wären schon so weit", sagte Bernhard mit leichter Enttäuschung in der Stimme. In ihm kochte das Verlangen, die offenbar unter dem Zwang, vernünftig zu bleiben hängende Aurora davon zu überzeugen, daß es eben doch in Ordnung wäre, wenn sie sich hier und jetzt richtig kennenlernten. Doch dann fiel ihm ein, was seinem Ururgroßonkel passiert war. Der wollte mit vierzehn Jahren auch schon mehr über die Geheimnisse von Mann und Frau wissen und hatte sich mit einer Mitschülerin eingelassen, die dafür berüchtigt war, nur auf einen Jungen zu warten, der es wagte, mit ihr was anzufangen. Am Ende war das Mädchen mit fünfzehn Jahren Mutter geworden, was keinem entgangen war. Sie und er hatten Hogwarts abbrechen müssen, noch vor den ZAGs. Dabei hatte sein Ururgroßonkel, der in einer Klasse mit dem späteren Schulleiter Armando Dipped gewesen war, so viel im Leben machen wollen. Das Mädchen, das dann keins mehr war, hatte ihn verlassen, um wen zu finden, der sie und das Kind versorgen konnte. So wollte er nicht enden, nicht wegen einer Sache, von der er nicht wußte, ob sie das wirklich wert war. Er nickte betrübt.

"Vielleicht stimmt's, daß ihr Mädels besser vorausdenken könnt als wir Jungs", sagte er. "Aber irgendwie war das eben gerade was schönes."

"Eben, deshalb will ich ja nicht, daß wir das kaputtmachen", wiederholte Aurora sachte. Dann meinte sie:

"übermorgen habe ich meinen fünfzehnten Geburtstag. Eigentlich habe ich immer mit den Mädels aus meiner Klasse gefeiert, weil die hier in Hogwarts nur kleine Feiern zulassen und ich nicht immer das ganze Haus einladen wollte. Aber wenn du möchtest, kriege ich das hin, daß deine Schwester und du mit uns zusammen im Pavillon vom Südpark feiern könnt. Ich frage Roy, Bruster und Mortimer, ob sie auch kommen wollen."

"Wieso, hast du die nie eingeladen?" Fragte Bernhard belustigt.

"Das schon, aber die meinten dann immer, daß wir Mädchen uns über für sie langweiliges Zeug unterhalten würden und deshalb besser unter uns bleiben sollten."

"Hmm, wie du meinst, Aurora", sagte Bernhard. "Also übermorgen, am achtunzwanzigsten Mai. Ich hoffe, Becky ist da nicht so merkwürdig drauf."

"Wieso? Daß wir zusammen sind weiß sie doch schon längst. Die hat das doch auch eingerichtet", erwiderte Aurora Dawn.

"Das schon. Aber irgendwie ist die in letzter Zeit auch so merkwürdig drauf, weil wir sonst immer zusammen alles gemacht haben. Mum hat das mal als Zwillingskette bezeichnet, daß wir ja schon immer zusammengehangen haben."

"Ach, du hast deiner Mum schon was von uns erzählt?" Fragte Aurora.

"Neh, bin ich blöd? Mum und Dad wissen von mir nichts. Und ich habe Becky auch dazu gekriegt, vorerst nix rüberkommen zu lassen. Mal sehen, wielange die das durchhält", erwiderte Bernhard und blickte dabei sehr herausfordernd zum Schloß, als stünde seine Schwester Rebecca da und würde ihm zusehen. Aurora lächelte ihn an, strich sich mit zwei Fingern das von Bernhard durchstöberte Haar glatt und sagte:

"Ich schicke dir meine Eule, wenn ich den Pavillon frei benutzen kann. Vielleicht ist Becky darüber ja doch nicht so irritiert. Außerdem kann die doch gut mit Petula und Miriam."

"Im Unterricht, Aurora. So außerhalb der Schule ist sie gerade auf Miriam nicht so doll zu sprechen. Aber das habe ich dir ja schon erzählt", meinte Bernhard und warf einen verstohlenen Blick umher, ob Miriam oder Rebecca nicht doch irgendwo lauschten.

"Das ist die Sache zwischen Becky und Miriam, Bernhard. Okay, ich muß das im Kopf behalten, wenn ich feiern will. Aber sonst wäre dir das also recht?"

"Allemal", bestätigte Bernhard mit sehr erfreutem Gesichtsausdruck.

So geschah es dann, daß Aurora Dawn ihren fünfzehnten Geburtstag, der auf den 28. Mai fiel, nicht wie die drei Male zuvor mit Petula, Miriam und Dina alleine feierte, sondern alle Jungs aus ihrer Ravenclaw-Klasse, ihren Schlafsaalkameradinnen und den Hawkins-Zwillingen im Pavillon feierten. Zum allgemeinen Verdruß schienen die Lehrer das mitbekommen zu haben. Denn sowohl der ewig miesgelaunte Hausmeister Filch, sowie Lehrer wie Bitterling, Balder und Goldbridge gingen wie zufällig alle zehn Minuten am Pavillon vorbei. Einmal tauchte sogar Dumbledore persönlich auf und erkundigte sich beiläufig, was denn gefeiert würde. Aurora sagte ganz ruhig, daß sie ihren fünfzehnten Geburtstag feiere, worauf Dumbledore herzlich gratulierte und Aurora ein spontanes Geschenk überreichte, eine große Tüte Fruchtschaumschnecken im Schokoladenhäuschen, die er von einem befreundeten Zauberer aus Frankreich bekommen hatte.

Sie redeten über Quidditch, ob die Ravenclaws nächstes Jahr wieder den Pokal holten oder nicht. Roy und Bruster gaben ihre Fußballbegeisterung zum besten, was bei den Hawkins-Geschwistern jedoch auf Unverständnis stieß. Bernhard fragte sogar einmal:

"Echt, für sowas geben die Muggel Geld aus?"

"Ja, tun sie", knurrte Roy, der sich leicht beleidigt fühlte, wenn einer nicht kapieren wollte, was ihm am Fußball so gefiel.

Becky und Miriam gerieten fast in Streit, als es darum ging, inwieweit die Bewohner von Hogsmeade keine Ahnung von den Schwierigkeiten der Zauberer in Muggelnähe hatten. Doch Aurora schlichtete den Streit dadurch, daß sie sagte:

"Leute, können wir was daran drehen, daß in Hogsmeade nur Zauberer und Zauberwesen herumlaufen und die Leute in Muggelnähe sich mehr verstecken müssen als die in Hogsmeade? Nein, können wir nicht. Deshalb ist das doch blöd, sich drüber zu zanken."

"Wie du meinst, Aurora", knurrte Miriam, die das wohl doch nicht so einfach hinnahm. Becky erwiderte darauf:

"Stimmt, Aurora. Was bringt es, sich drüber zu zanken?"

Die Feier endete zur Abendessenszeit. Sie trugen die Kuchen und Süßigkeiten zunächst ins Schloß zurück, bevor sie in die große Halle gingen und an ihren Haustischen platznahmen.

Nach dem Abendessen meinte Miriam zu Aurora:

"Also wenn du mit Bernhard wirklich mehr anfängst als nur herumzulaufen, solltest du seiner Schwester mehr Anstand beibringen. Die bildet sich ja was auf ihre Familie ein ..."

"Das gleiche denkt die wohl von dir", erwiderte Aurora. Miriam runzelte die Stirn.

"Ich bilde mir nichts auf meine Familie ein, Aurora. Wenn die das so sagt ist das gelogen."

"Ist gut, Miriam. Ich meine das nicht so, und ich denke, Becky meint das auch nicht so. Ich wollte dir nur sagen, daß du dich nicht zu heftig über sie aufregen möchtest."

"Nur, wenn die uns aus Hogsmeade nicht wie irgendwelche Dorftrottel hinstellt, Aurora. Das haben wir nämlich gerne, bei uns wie die Weltmeister einkaufen und herumlaufen und alle, die da wohnen und arbeiten von oben her anglubschen."

"Miriam, könnte es sein, daß du Probleme hast, daß andere Leute Hogsmeade vielleicht für zu abgelegen halten?" Wollte Aurora wissen. Miriam lief leicht rot an und schnaubte nur:

"Ich habe damit keine Probleme. Ich wohne gerne da. Und wenn nicht gerade Leute wie ... Lassen wir's!!" Aurora nickte. Doch wenn sie überlegte, daß Miriam bei den bisherigen Ausflügen noch nicht gezeigt hatte, wo und wie sie wohnte, fragte sie sich doch, ob Miriam das so meinte, wie sie es gerade gesagt hatte. Sicher, die Dawns wohnten in einem abgelegenen Landhaus und mußten aufpassen, nicht den Muggelbauern aufzufallen, die ihre Ländereien in der Umgebung hatten. Doch sie empfand es als schön ruhig da wo sie wohnte. Andererseits hatte ihr Hidden Groves in Australien auch sehr gut gefallen. Da könnte man als Hexe bestimmt auch ruhig leben. Doch im Moment würde sie nicht aus ihrem Elternhaus weggehen wollen. Noch fühlte sie sich da sehr wohl.

Bruster Wiffle ging vor Aurora her in Richtung Ravenclaw-Eingang. Doch bei einer Abzweigung, die zu einem der nördlicheren Treppenhäuser führte, bog er rechts ab. Aurora folgte ihm unwillkürlich. Doch da blieb sie wie in zentimeterdicken Schlamm getreten am Boden hängen und konnte keinen weiteren Schritt mehr tun. Sie wollte schon um Hilfe rufen, als ihr einfiel, wie lächerlich das rüberkommen mochte. Denn wenn das dieser Impersecutio-Zauber war würde das gleich ... Tatsächlich lösten sich ihre wie festgeklebt am Boden hängenden Füße wieder, als Bruster außer Sichtweite war. Aurora lief einige Schritte hinterdrein und blieb wieder kleben, kaum das sie Brusters Umhang sah. Diesmal hielt die Wirkung länger vor. Erst zwei Minuten später kam Aurora frei und eilte total verunsichert zum Ravenclaw-Eingang. Bruce ließ sie anstandslos in den Gemeinschaftsraum, wo sie Miriam und Petula an einem Tisch fand, während Roy und Dina an einem anderen Tisch saßen und Mortimer sich mit Zweitklässlern über Quidditch unterhielt, den Gesten nach zu urteilen.

"Ich weiß nicht, wieso Bruster das macht. Aber irgendwie kann der einen Zauber, der Leute zurückhält, die hinter ihm herlaufen. Ich habe es versucht, ihm nachzurennen und mußte dann zwei Minuten warten, bis ich wieder laufen konnte", erzählte Aurora Petula. Diese nickte.

"Ist mir vor drei Tagen auch passiert, komischerweise in der Nähe vom Klo der maulenden Myrte. Ich habe Bruster kurz um eine Ecke biegen sehen und bin hängengeblieben. Ich wollte das nur keinem sagen, weil ich nicht will, daß Bruster doch noch von der Schule fliegt. Aber irgendwie ist das doch komisch, daß der sowas macht."

"Vielleicht macht er es deshalb, weil sonst was rauskommt, was für uns wohl kein Problem wäre aber ihn doch von der Schule kegelt", vermutete Miriam. Dann fiel ihr was ein:

"Das war beim Klo von diesem Heulsusengeist, Petula? Da geht doch nicht mal ein vernünftiges Mädchen hin, wenn's nicht gerade furchtbar dringend ist."

"Aber es war da, Miriam", erwiderte Petula. Aurora grinste:

"Vielleicht hat Myrte mit Bruster angebandelt, und er will nicht, daß sowas rauskommt."

"Haha, wie witzig, Aurora", schnaubte Miriam. "Kein lebendiger Junge fängt mit der was an, wenn es genug besser aussehende Gespensterfrauen gibt, die nicht so rumjammern, nur weil sie tot sind." Wie zur Bestätigung glitt gerade der Geist der grauen Dame aus der Decke über dem Gemeinschaftsraum herab und schwebte erhaben durch den Gemeinschaftsraum, ohne auf die umherstehenden Tische, Stühle und Sessel achten zu müssen einfach durch diese hindurch und zum Gemälde hinaus, was dazu führte, daß Maggy losbrüllte und wohl davonlief. Aurora fragte sich dabei, ob gemalte Tiere auch Angst vor Geistern hatten, wie sie es von lebenden Tieren kannte. Sicher war nur, daß Landbursche Bruce nun wieder hinter seinem gerne ausreißenden Rindvieh herlief und damit alle gerade nicht im Ravenclaw-Haus befindlichen Mitschüler wieder warten mußten, wenn sie nicht den Reinitimaginus-Zauber verwenden wollten.

Bruster Wiffle kam zwei Stunden später zurück. Aurora hatte mit Petula beschlossen, ihn nicht bei einem Vertrauensschüler anzuschwärzen, daß er diesen Impersecutio-Zauber konnte. Vielleicht gab es ja auch einen Gegenzauber, den sie lernen konnten. Vorerst war ja nichts bekannt geworden, das Bruster irgendwas verbotenes angestellt haben könnte. Roy fragte ihn nur:

"Und, Geheimauftrag wieder erledigt, Agent null null acht?"

"Wenn es ein Geheimauftrag war und ich dir das erzählen würde müßte ich dich sofort töten, du Pannemann", konterte Bruster darauf nur. Mehr wollte oder durfte er nicht dazu sagen.

__________

Die Prüfungen kamen und damit wieder zwei Wochen Unbehagen, Stress und Anstrengungen. Gerade Balder und Flitwick, die wußten, daß ihre Schüler in Freizeitgruppen Zauberkunst und Duellieren waren, drangsalierten die Ravenclaws mit besonders hartnäckigen Fragen oder praktischen Aufgaben. Dina schlitterte in Verwandlung sehr knapp an einem Ungenügend entlang, weil sie es partout nicht schaffte, die aufgetragenen Verwandlungen zu schaffen. Professor McGonagall herrschte sie nach Prüfungsende an, was ihr einfiel, in der Theorie so gut zu sein aber offenbar nichts für die Praxis gelernt zu haben. In Zaubertränken schafften außer Aurora und Dina auch Bruster und Melinda Bunton die besten Noten des Jahrgangs. Alle anderen blieben dahinter, außer denen aus Slytherin, die zumindest im guten Bereich abschnitten. In Kräuterkunde überflügelte Aurora jeden aus ihrem Jahrgang und heimste sogar 100 Punkte für Ravenclaw ein, weil sie die Aufgaben, zu denen die Umsetzung junger Bubotubler gehörte, ohne Zögern und Patzer bewältigte. Professor Sprout sagte nach der Prüfung sogar:

"Also wenn Sie sich beruflich mit der magischen Herbologie befassen wollen, werde ich Ihnen, sofern Sie ihr Niveau so hoch halten wie heute, jede Empfehlung ausstellen, die Sie benötigen, um irgendwo eingelassen zu werden, ob im St.-Mungos, in der Abteilung für magische Pflanzen und Pilze oder der internationalen Kräuterkundlervereinigung."

"Da muß ich erst einmal das ZAG-Jahr schaffen, Professor Sprout. War dieses Jahr schon anstrengend."

"Das werden Sie wohl schon hinbekommen", meinte Professor Sprout.

Als die Prüfungen überstanden waren, trafen sich Aurora und Bernhard noch einmal im Park und verbrachten gemütliche Stunden zusammen. Bernhard empfand es offenbar als sehr erhaben, eine Freundin mit klugem Kopf und seiner Meinung nach schönem Aussehen zu haben.

Eine Woche vor Sommerferienbeginn erschütterte die Zeitungsmeldung über die Ausrottung einer Reihe von Zaubererfamilien die Schule. Die Anhänger des Unnennbaren hatten grausam zugeschlagen und gezielt alteingesessene Zaubererfamilien niedergemetzelt und über die Häuser der Getöteten ihr dunkles Mal gesetzt, das feist von den Titelseiten der Zeitungen herabglomm, ein freischwebender Totenschädel, aus dessen lippenlosem Mund sich eine züngelnde Schlange wand. Aurora bangte um das Leben ihrer Eltern, als sie einen Tag vor Ferienbeginn ein brennendes Landhaus auf der Titelseite der Zeitung sah. Sie las mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen, daß dies das Landhaus der Familie Bones gewesen sei. Eine der wenigen Überlebenden, Amelia Bones, die in der Strafverfolgung als Untersekretärin arbeitete, wurde von einer wohl sehr nachhaltig fragenden Reporterin namens Rita Kimmkorn interviewt, und Aurora vermeinte, zwischen jedem Wort einen Strom aus Tränen lesen zu müssen. Petula meinte dazu jedoch:

"Glaub bloß nicht jedes Wort von dem Geschmiere. Madame Bones ist eine zähe Hexe. Die würde bestimmt nicht so reden, bestimmt nicht vor der Presse. Diese Kimmkorn ist dafür berüchtigt, Sachen zu übertreiben oder zu verdrehen."

"Hmm, warum gibt Madame Bones dann so'n Interview?" Fragte Aurora.

"Weil sie keine andere Wahl hatte", knurrte Petula. "Wenn sie nix gesagt hätte, hätte die Kimmkorn es so gedreht, daß sie totale Angst vor Du-weißt-schon-wem hat. Sicher haben die in der Strafverfolgung auch Höllenangst vor ihm. Aber das dürfen die nicht zugeben, weil wir ja dann gleich alles hinschmeißen und ihm überlassen können."

"Dann lieber eine verdrehte Meldung in der Zeitung?" Fragte Aurora und mußte einsehen, daß es wohl nicht Madame Bones' Absicht gewesen war, ein Interview zu geben.

Die Zeugnisse wurden verteilt. Aurora hatte es geschafft, wider ihre Befürchtungen eine eins in Zauberkunst zu kriegen, ebenso in Verwandlung und Verteidigung gegen die dunklen Künste. In Zaubertränken und Kräuterkunde war sie mit einer Eins Plus eine der besten Schülerinnen des Jahrgangs, in Kräuterkunde alleine auf jeden Fall. Zaubereigeschichte und Astronomie waren ihr mit einer Drei auch irgendwie egal. Dafür hatte sie in ihren anderen Fächern auch eine Eins. Petula sah dagegen etwas enttäuscht auf ihr Zeugnis. In Muggelkunde hatte sie zwar eine gute Note herausgearbeitet, dafür hatte ihr Kesselbrand wegen der verpatzten Feuerrabengeschlechtsbestimmung einen Punkt mehr abgezogen als für eine zwei noch vertretbar war. Sonst lag sie mit einer glatten Zwei in den direkten Zauberfächern und einer Zwei plus in Kräuterkunde nicht so schlecht da. Binns' Fach war bei ihr mit einer Drei minus die schlechteste Note. Bruster hatte in Muggelkunde, Zauberkunst, Verteidigung gegen die dunklen Künste und Zaubertränken eine eins Plus, wohingegen er in Geschichte der Zauberei mit einer Vier in der Prüfung sehr heftig schlecht lag und in den übrigen Fächern mit einer Zwei bedacht worden war. Roy fragte ihn deshalb, was ihn in den einen Fächern so übermäßig gut war und bei Binns, wo es doch nur ums Nachlesen ginge so mies war. Bruster meinte dazu:

"Koboldaufstände waren nicht mein Ding, Roy. Außerdem hat mich das Fach in diesem Jahr nicht sonderlich interessiert."

Alles in Allem stellte sich heraus, daß Aurora knapp vor Bruster das beste Zeugnis der vierten Klasse eingefahren hatte. Nach Bruster kamen noch Petula, Melinda Bunton, Mortimer Swift, Loren Tormentus, Petula Woodlane und Cynthia Flowers. Jedenfalls brachte Auroras und Brusters gutes Zeugnis Ravenclaw je 20 Punkte ein.

Beim abendlichen Festmahl zum Schuljahresende lobte Dumbledore noch einmal alle Schüler, die dieses schwere Jahr so tapfer durchgestanden hatten und verlor noch einige Worte zu den gerade in den letzten Wochen passierten Überfällen der Todesser. Er versuchte, die Jungen und Mädchen zu trösten, die Angehörige verloren hatten und machte ihnen Hoffnung, daß sie eines Tages wieder in einer friedlichen Zaubererwelt leben konnten. Dabei wirkte er so, als habe er da berechtigte Hoffnungen, über die er jedoch nicht mehr erzählen wollte.

Als der Hauspokal vergeben wurde stieg die Spannung. Denn nach den Punktegläsern lagen Gryffindor, Slytherin und Ravenclaw sehr nahe beieinander. Dumbledore verkündete die Hauswertungen.

"Hufflepuff hat in diesem Jahr dreihundert Punkte erreicht." Am Hufflepuff-Tisch klang verhaltener Beifall auf. "Gryffindor konnte dieses Jahr mit dreihundertundfünfzig Punkten gut abschneiden." Wieder klang verhaltener Beifall. Die Gryffindors wußten, daß sie nun nicht um den Pokal mitreden konnten. "Die Schülerinnen und Schüler aus Slytherin haben es in diesem Jahr mit dreihundertzweiundsechzig Punkten sehr weit nach oben geschafft ..." Ein lauthalses Aufstöhnen am Slytherin-Tisch klang auf. Aurora konnte sehen, wie sich einzelne Schüler gegenseitig vorwurfsvolle Blicke zuwarfen und nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, wie Rax Montague besonders tadelnd auf Tonya Rattler und ihre Schwester schaute. Doch hieß es nun, daß Ravenclaw gewonnen hatte? "Und nach allen Überlegungen und Auswertungen steht fest, daß der diesjährige Hauspokal auf Grund von dreihundertundsiebzig erreichten Punkten an das Haus Ravenclaw geht", beendete Dumbledore die wichtige Bekanntmachung. Wie im Jahr zuvor gab es einen Riesenjubel am Ravenclaw-Tisch. die düstere Stimmung von eben gerade noch war vorbei. Sicher, die Stimmung bei den Slytherins und Gryffindors war weiterhin getrübt.

"Insbesondere die großen Leistungen im Quidditch und auch die überragenden Leistungen der Schüler aus den ZAG- und UTZ-Klassen brachten Ravenclaw dieses Jahr diese hohe Ehre ein", sagte Dumbledore, als sich der Jubel und die gegenseitige Gratulationswoge abgeschwächt hatten. "Es war diesmal knapp. Aber das beweist einmal mehr, daß jeder hier von euch weiß, wie wichtig es ist, in seinem oder ihrem Haus zu sein und Hogwarts alle Ehre zu machen. Denn wer Punkte erringt, erringt sie nicht nur für das Haus, indem er oder sie wohnt, sondern auch für sich und die Schule, in der er oder sie lernt. Eure Eltern und Verwandten werden stolz auf euch sein, unabhängig davon, ob ihr in Ravenclaw, Slytherin, Gryffindor oder Hufflepuff wohnt. Jenen, die in diesem Jahr erfolgreich ihre UTZ-Abschlußprüfung bestanden haben, gratuliere ich zu ihren Leistungen und möchte mich bedanken, daß ihr sieben Jahre, die wohl heute als sehr schnell verflogen angesehen werden, mit uns Lehrern gut ausgekommen seid und nun mit Stolz auf eure Leistungen in das wahre Leben, die große, weite Welt hinaustreten und euren Weg machen könnt. Ihr habt alles gelernt, was ihr wissen müßt, um zu bestehen, was euch an weiteren Prüfungen auferlegt wird. Sicher, ein großer, mörderischer Feind lauert in der Welt, dessen Ziele die Zerstörung unserer Gemeinschaft bedeuten können. Doch ihr habt es geschafft, trotz seiner fürchterlichen Tyrannei alles zu lernen, was euch zu vollwertigen Hexen und Zauberern macht. Ihr könnt mit erhobenen Köpfen in die Welt hinausgehen und euren Weg machen, eure persönlichen Lebensträume erfüllen oder einfach nur dort, wo ihr euch einbringen wollt, die besten Leistungen vollbringen. Sicher ist Hogwarts wie eine friedliche Insel in einem sehr stürmischen Meer. Doch ihr habt hier gelernt, daß kein Sturm ewig dauern muß und daß ihr auch über die stürmische See zu fahren vermögt, egal, was andere euch einzureden versucht haben. Ich bedanke mich bei allen, die dieses Jahr gut mitgearbeitet haben, daß wir dieses Schuljahr als gelungen beenden können!"

"Was sollte er sonst noch sagen?" Meinte Petula. "Viele werden jetzt Bammel haben, hier nicht mehr hereinzukommen, wo es doch noch sicherer ist als anderswo."

"Ja, aber er hat ja insofern recht, daß die, die jetzt mit der Schule fertig sind, ihre eigenen Wege gehen sollten", meinte Miriam. Dann fiel ihr auf, wie Petula ihre Schwester ansah. Priscilla würde im nächsten Schuljahr nicht mehr hier sein. Das mochte für Petula schwierig sein. Denn ihre große Schwester hatte sie immer dann aufgerichtet, wenn es ihr hier zu schwer zu werden drohte. Roy, dessen Schwester Erica ebenfalls die sieben Jahre Hogwarts beendet hatte, schien dagegen etwas befreiter zu sein. Er hatte eine große Schwester in Hogwarts eher als nervig als als Hilfe empfunden. Aurora wunderte sich nur, daß weder Bruster noch Roy sich über Fußball zankten wie die Jahre zuvor. Mochte es sein, daß nicht Liverpool oder Manchester die englische Meisterschaft gewonnen hatten? Doch für Aurora war das ja eh unwichtig. Sie hatte in diesem Jahr das erste Mal erfahren, was es bedeuten mochte, sich mit einem Jungen auf ein Abenteuer ohne vorhersehbare Dinge einzulassen. Wie mochte sich das Verhältnis zwischen ihr und Bernhard weiterentwickeln? Was würden ihre Eltern im Sommer mit ihr anstellen? Denn eines war klar: Jeder hier in dieser Halle konnte morgen schon tot sein. Die unbändige Angst vor dem Unnennbaren hielt alle in einem eiskalten Würgegriff, der wieder spürbar wurde, als der Jubel im Ravenclaw-Haus langsam abkühlte. Was war ein Hauspokal wert, wenn die, die ihn durch ihre Schulleistungen erkämpft hatten, das nächste Schuljahr nicht erleben würden? - Nein! Daran wollte sie nicht denken. Daran durfte sie nicht einmal denken. Denn sie wollte leben. Sie hatte den Angriff auf die Winkelgasse überlebt, bestimmt nicht, um nur noch Angst haben zu wollen.

Dumbledore verabschiedete die Schüler zur letzten Nacht vor den Ferien. Im Gemeinschaftsraum der Ravenclaws sprachen Petula und Priscilla noch einmal miteinander. Erica holte sich Roy, ob der nun wollte oder nicht. Aurora ging bereits in den Schlafsaal der Viertklässlerinnen. Miriam folgte ihr.

"Nächstes Jahr sind wir im ZAG-Stress, Aurora. Hätte nicht gedacht, daß die Zeit so schnell kommt."

"Ja, Miriam. Ich erinnere mich noch, wie wir die erste Nacht hier geschlafen haben. Wir wußten nicht, wie wir hier klarkommen würden. Jetzt sind wir schon die älteren Schüler hier. Wer meinst du, wird von uns nächstes Schuljahr Vertrauensschülerin?"

"Entweder Petula oder du, Aurora. Nach dem, was ihr beiden in den letzten drei Jahren hingelegt habt wäre das merkwürdig, wenn Dina oder ich die blau-bronzene Plackette bekämen."

"Ich weiß nicht, ob ich das will", meinte Aurora. "Irgendwie habe ich das was Priscilla oder Amalia gemacht haben nie so recht als was für mich angesehen. Ich denke eher, daß Petula das von Priscilla besser abgeguckt hat."

"Du hast doch gehört, daß Dumbledore sich die Vertrauensschüler ausguckt. Wenn der meint, du machst das richtig, dann wird er wohl schon wissen, ob's richtig ist. Der ist doch schon über fünfzig Jahre hier."

"Du redest so, als wäre ich schon Vertrauensschülerin", grinste Aurora. Miriam meinte:

"Ich weiß, daß ich das auf jeden Fall nicht werde. Offenbar habe ich das erfolgreich abgewehrt. Stelle dir vor, ich müßte diese Streithammel wie Roy und Bruster andauernd auseinandertreiben oder Bruster nachforschen, was der eigentlich zu verbergen hat."

"Mal den Drachen nicht an die Wand, Miriam. Nachher verdonnert Flitwick Petula oder mich wirklich noch dazu, diesen Verfolgerabschüttelzauber zu brechen. Irgendwie will ich das jetzt nicht wissen, was Bruster da so anstellt", erwiderte Aurora Dawn. Miriam lachte.

"Vielleicht hat er ja doch was mit der maulenden Myrte. Dann könntest du ihn zumindest drankriegen, wenn er in ihren Kloraum geht."

"Haha, Miriam. So'n himmelschreiender Unsinn", gab Aurora zurück.

Petula kam herein. Sie meinte zu Aurora:

"Wehe dir, die schicken mir dieses vermaledeite Abzeichen zu, daß Priscilla morgen abgibt. Ich will diesen Saustall nicht in Ordnung halten", stöhnte sie.

"Huch, denkst du nicht, daß Miriam oder Dina das Abzeichen kriegen könnten?" Fragte Aurora.

"Dina wohl nicht. Vertrauensschüler müssen gut zaubern können. Miriam hat's ja drauf angelegt, sich bei manchen Mitschülern unbeliebt zu halten. Nimm's wie es ist, Miriam. Aber manche Jungs haben sich wohl bei Flitwick beschwert, hat Priscilla mir gerade vorhin noch unbedingt stecken müssen."

"Ach, ja, und du mußt es nun brühwarm an mich weiterreichen, Petula!" Knurrte Miriam. Dann meinte sie: "Daran siehst du, daß diese Blödiane es nicht begriffen haben, wie sie sich benehmen sollen, wenn sie mich dumm anschwärzen."

"Wie gesagt, Aurora. Ich will das blöde Ding nicht tragen. Wehe du kriegst das nicht und ich muß diesen Unsinn machen, den Priscilla morgen hinter sich hat, dann mach dich drauf gefaßt, daß ich dann hier sehr streng durchgreifen werde was die Sittlichkeitsregeln angeht!"

"Petula, mir zu drohen bringt es doch nicht. Ich will dieses Ding auch nicht am Umhang tragen. Stell dir vor, die Rattler oder die Tormentus werden Slytherin-Vertrauensschülerinnen. Dann müßte ich mit denen ja ständig in die Konferenzen, von denen Priscilla uns mal erzählt hat. Danke verbindlichst."

"Mädchen, es bringt jetzt doch nichts, sich über übermorgen zu unterhalten, wenn Heute noch nicht um ist", brachte Miriam noch einen klugen Spruch an. Doch dann grinste sie: "Zumindest kann ich in Ruhe Ferien machen, ohne Angst vor diesem Abzeichen zu kriegen, das Dumbledores Eulen herumschicken."

Dina kam noch und erzählte, daß Erica sie gebeten habe, weiterhin gut auf Roy aufzupassen. Roy wäre da zwar nicht sonderlich begeistert gewesen, habe aber dann gemeint, besser Dina als Erica. Darüber mußten die drei anderen Mädchen lachen. Dann legten sie sich hin und schliefen ein.

__________

Die Rückfahrt mit dem Hogwarts-Express verlief ruhig. Nicht einmal Tonya Rattler oder Samiel Sharkey störten Aurora, die mit Rebecca Hawkins, Bernhard und den Woodlanes in einem Abteil saß. Roy hatte sich mit Dina widerwillig zu Erica und einigen Drittklässlern ins Abteil gesetzt, während Mortimer mit seinen drei Schwestern und Daisy Morningstar aus der dritten Klasse in Hufflepuff ein Abteil bevölkerte. Philipp Priestley saß mit seinen Schulkameraden aus Hufflepuff und Gryffindor in einem Abteil zusammen und machte wohl wirklich gute Witze, weil immer wieder lauthalses Lachen zu Aurora und ihren Abteilgefährten herüberdrang.

In London holten Eltern und Anverwandte die heimkehrenden Schüler ab und verließen sehr schnell den Bahnsteig. Die Angst, der Unnennbare könnte wieder Gleis 9 3/4 überfallen, war zu groß, um sich zu lange hier aufzuhalten.

Mit Flohpulver reisten die Dawns in das Landhaus zurück, in dem sie wohnten. Miriam meinte noch, sie wollte im Sommer ihre Freundinnen einladen, sie in Hogsmeade zu besuchen. Aurora hatte dem zugestimmt, obwohl sie nicht wußte, was ihre Eltern noch vorhatten.

ENDE

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